Letzter Schultag vor Corona-Unterrichtsausfall

Das wird jetzt so eine Art Tagebucheintrag, für die Zukunft.

Heute war der letzte Schultag, bevor für drei Wochen (und anschließend zwei Wochen Osterferien) die Schulen in Bayern geschlossen werden. Der Grund ist der Versuch, die Ausbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen. Die Entscheidung zeichnete sich schon gestern ab, und ich bereitete einen Text für die Homepage und mich seelisch darauf vor – für 9 Uhr war eine Mitteilung des bayerischen Ministerpräsidenten Söder angesetzt.

Unterrichtstag

Aber zuerst machte ich Unterricht. Deutsch, 8. Klasse, Tschick, erste Reaktionen auf die Lektüre einholen – das Buch hat ihnen gefallen, manche fanden den Anfang auf der Polizeistation gut, die meisten fanden den gerade am schwächsten. Ich auch. Dann Arbeitsauftrag, und die Schüler und Schülerinnen arbeiteten gut und interessiert und selbstständig, so dass es mir leid tat, sie zu unterbrochen: Aber da war diese Übertragung des Ministerpräsidenten, und die wollten wir live anschauen. – Tatsächlich stand in den Pressewebseiten bereits eine Weile zuvor schon das, was Söder dann sagen würde: kein Unterricht an bayerischen Schulen bis Ostern.

Jubel in der Klasse, zugegeben, aber verhaltener, nicht all zu leichtfertiger. Wir hatten ja bereits zuvor ausführlich über Corona gesprochen, und taten das auch weiterhin.

Danach Hineinschnuppern ins aufgeregte Lehrerzimmer und etwas Pausenaufsicht im Hof. Dort kam es mir lauter vor als sonst, unruhiger.

Noch etwas Unterricht: Plaudern mit der Q12 über Corona, Händewaschen, das kommende Abitur – und die angekündigte kleine schriftliche Prüfung zum Epochenüberblick. Am Ende Stühle raufstellen, Ordnung muss sein.

Vorbereitungen zahlen sich aus

Insgesamt ist die Stimmung im Kollegium und unter den Schülern und Schülerinnen gut. Seit Ende letzter Woche haben wir nach und nach alle darauf vorbereitet, es gibt Mebiskurse für die Klassen, alle sind drin, Lehrkräfte auch. Seit Anfang der Woche beobachte ich, wie nach und nach die Kollegen und Kolleginnen auf Mebis Probenachrichten an die Schüler und Schülerinnen schicken, um zu schauen, ob diese sie auch per E‑Mail erreichen. Insbesondere die Unterstufe wärmt mir das Herz, die Lehrernachrichten ebenso wie die Antworten darauf. Ich kriege diese Nachrichten alle mit, weil ich – um zu helfen – in allen Klassenkursen drin bin, aus denen man mich nicht hinauskomplimentiert, also nicht nur in meinen eigenen Klassen.

Das führt eben dazu, dass ich in etlichen E‑Mail-Verteilern bin, wie andere Lehrkräfte auch. Standardmäßig kriegt die Mathelehrerin der Klasse mit, was der Englischlehrer der Klasse schreibt, und umgekehrt. Ich will das auch so, deswegen habe ich das mal so eingestellt. Es ist ganz erstaunlich, wie schnell sich Kollegen und Kolleginnen das nötige Mebis-Wissen beibringen, um diese E‑Mails abzustellen: man muss anscheinend nur motiviert genug sein. (Selber hätte ich keine Probleme, noch sehr viel mehr Nachrichten zu empfangen: Mit ordentlichen und ordentlich beherrschten E‑Mail-Programmen ist das kein Problem für mich.)

Die Schüler und Schülerinnen kennen Mebis alle schon ein bisschen, weil die Einteilungen zu den Projekttagen am Schuljahresende schon einige Male darüber gelaufen sind, durchaus nicht ohne Probleme, aber immerhin.

Es kommen natürlich immer wieder Lehrer und Lehrerinnen zu mir und bitten um Hilfe. Meistens gehen sie in der Gesprächseinleitung davon aus, dass ich jetzt ja ganz viel mit Fragen bedrängt werde. Tatsächlich hält sich das in Grenzen, viele kommen auch so zurecht; die andere Mebis-Koordinatorin und ich, wir haben verhältnismäßig brauchbar kommuniziert, und das Kollegium nimmt das ernst – und hat ja auch schon ein bisschen Erfahrung, Mebis ist nicht neu an meiner Schule, sondern eher das, mit dem man sich schon immer mal gründlicher hatte befassen wollen nach der letzten Fortbildung dazu. Und so sind viele der Fragen auch schon keine Fragen für absolute Anfänger mehr.

Und ohnehin: So wichtig sind diese drei Wochen Unterrichtsausfall nicht, von der Q12 und dem bevorstehenden Abitur allerdings sehr abgesehen.

So wichtig: Kommunikation

So egal es letztlich ist, was in der Schule außerhalb des Abschlussjahrgangs passiet oder nicht: Etliche Kollegen und Kolleginnen wollen Antworten auf ihre Fragen, und die möglichst sofocht. Selber kann ich gut damit leben, dass noch vieles unklar ist. Egal, ob es Antworten gibt oder nicht: Ich halte häufige Kommunikation für essentiell, zwischen Eltern und Schule und Lehrkräften und Schülern und Schülerinnen. Das sollte gar nicht direkte Kommunikation über E‑Mail geschehen, regelmäßige Updates auf der Schulhomepage (oder Twitter, aber man lässt mich ja nicht) reichen: Ich glaube, man will das Gefühl, dass da jemand sitzt, der aufpasst und reagiert und ansprechbar wäre und einigermaßen Überblick hat. Ein: “Wir arbeiten daran” reicht. Das erezugt schon mal ein gewisses Vertrauen. Unsicherheit ist das größte Problem.

Die Situation auf Twitter

“100 Tipps für das Fernlernen mit digitalen Mitteln”. So etwas gerade viel getauscht. Ist ohne Mebis vielleicht nötiger, aber ich glaube, meine Schule braucht nur ganz basale Werkzeuge am Anfang. Ich ja auch nur, mag Echtzeitkommunikation vom Temperament her ohnehin nicht. Gute Lernmaterialien erstellen ist wichtiger. Wenn man ein bisschen vertrauter wird mit dem Arbeiten im Internet, halte ich das für völlig ausreichend. Einige beklagen, dass das zwar jetzt alles digital sein mag, aber eben nicht modern in ihrem Sinn. Soll sein, soll sein. Die Revolution kommt dann später, nach meiner Zeit. Wir haben ja nun doch noch keine Zombie-Apokalypse.

Meine Stimmung: Anarchie und Kriegsrecht

Mir geht es gut. Es ist nicht absehbar, was alles geschehen wird, und ich habe natürlich ein kleines bisschen Angst. Ich bin ein Kind der Atomkriegsangst der 1970er und frühen 1980er Jahre, aufgewachsen mit Sirenen. Tschernobyl hat mich damals nicht groß berührt. Ich summe dramatische Filmmusik vor mich hin in den letzten Tagen und denke an Romane, die ich so gelesen habe.

Aber ich bin Optimist. Es schadet einer Schule nicht – einem Land nicht, der ganzen Welt nicht – mal kollektiv für drei Wochen ins Kloster zu gehen, sozusagen, mal zuhause zu bleiben. Nur leider, leider, leider bleibt die Welt ja nicht stehen und sie ist komplex. Andererseits ist es schon spannend zu sehen, wie leicht so ein Fall wie: “Was, wenn wir alle mal einfach…” tatsächlich eintreten kann.

Ich verbreite heitere Gelassenheit im Lehrerzimmer und genoss in der letzten Woche sehr die Anarchie: Unterrichtsbesuche oder pünktliches alphabetisches Sortieren der kleinen Leistungserhebungen oder Schüler, die die Hausaufgaben vergessen haben, spielen keine große Rolle mehr. Auch die dienstlichen Vorgaben, was etwa die Benutzung von Softwaresystemen betrifft, sind gelockert. Und ich durfte dramatisch mit dem Zeigestab an der Tafel herumfuchteln, was ich gerne und selten mache.

Was können Schüler und Schülerinnen tun?

Selber bin ich durch Temperament und jahrelange Übung ideal darauf vorbereitet, mich drei Wochen zu verkriechen. (Entschuldigung, wenn ich zu launig klinge.) Internet, Bücher, Festplatte aufräumen. Schüler und Schülerinnen finden hoffentlich genug zu tun. Meine Vorschläge waren:

  • Bücher lesen
  • Ukulele spielen lernen
  • Kochen lernen
  • Podcasts hören
  • für die Schule arbeiten
  • fragen, ob Nachbarn Hilfe brauchen

Am Montagmorgen bin ich übrigens in der Schule, und dann sehen wir weiter.

13 Antworten auf „Letzter Schultag vor Corona-Unterrichtsausfall“

  1. Lieber Thomas, das ist so prima, was Du schreibst, was Du in weiser Voraussicht vorbereitet hast und wie Du auf die KollegInnen reagierst.
    Es wäre ein Pilotprojekt für Bayern.

  2. Immer heiter, immer weiter. -

    Ähnliche Vorschläge habe ich heute auch schon geäußert, so als Zeitverbringding, und bleibe selbst ganz zuversichtlich.

    Und schön, dass ich, wie es scheint, nicht alleine damit bin.

  3. Schön geschrieben.
    Und sympathisch.
    Solltest du aus irgendeinem Grund mal an eine Grundschule in NRW wechseln wollen (was ich nicht glaube :) ), melde dich bei mir.

    Markus

  4. >Es wäre ein Pilotprojekt für Bayern.
    Ich bin ja beileibe nicht der einzige. Auf Twitter und über das Mebis-Forum kriege ich mit, dass es an anderen Schulen auch rührige Leute gibt, auch Klassenkurse, ebenso Zuversicht. Das ist vielleicht nicht repräsentativ, aber ein gutes Zeichen.

    >Grundschule NRW
    Ich wohne hier so gut zur Miete, ich will hier nie wieder heraus. Ist also unwahrscheinlich, alles andere ist kein größeres Hindernis. :-)

  5. “Auch die dienstlichen Vorgaben, was etwa die Benutzung von Softwaresystemen betrifft, sind gelockert.”

    Das interessiert mich sehr. Wo wird das ggf. offiziell bekannt gegeben? (Bin in einem anderen BL, hoffe aber auf eine ähnliche Regelung!

  6. > Heute war der letzte Schultag, bevor für drei Wochen (und
    > anschließend zwei Wochen Osterferien) die Schulen in Bayern
    > geschlossen werden.”

    Das erinnert mich – wie die ganze Atmosphäre zur Zeit – immer wieder an Walter Miller Jr., “A Canticle for Leibowitz” … zu apokalyptisch natürlich und überdimensioniert, aber ein bisschen. Würde mich interessieren, welche Romane bei dir im Hinterkopf sind ;-)

  7. Na, also Canticle auf jeden Fall war auch dabei. “A Pail of Air” von Fritz Leiber (Kurzgeschichte), ein paar Geschichten, deren Namen mir gerade nicht einfallen. Ganz vielleicht “The Postman” – nicht den Film, nicht den Roman, aber wohl die erste Geschichte als separate Veröffentlichung mal gelesen.

  8. Ui, die echten Pro-Tipps .…
    Ich hatte bisher gar nicht auf dem Schirm, dass Leiber etwas anderes als die Lankhmar-Bücher geschrieben hat.
    Danke für’s aufmerksam-Machen!
    Auf zum Kindle-Shop!

  9. ♥ Irgendwer muss ja. :-)

    Fritz Leiber: Oh ja, der hat viel geschrieben. Unbedingt den relativ späten Roman “Our Lady of Darkness” (1978, dt. Herrin der Dunkelheit), moderner Stadthorror, aber ohne Monster. Ich mag viele Kurzgeschichten, etwa “Gonna roll the Bones” in Harlan Ellisons “Dangerous Visions”, aber alle nicht so leicht zu finden. Dann ein sehr wichtiger Aufsatz zu Lovecraft, “A Literary Copernicus” (1949).

  10. (Nachtrag: Carl Amery, Der Untergang der Stadt Passau. Damals in der Mittelstufe gelesen, außerhalb der Schule, versteht sich.)

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