Was man nicht sagen kann

Es gibt Dinge, die man unmöglich laut sagen, sondern nur schreiben kann.
Ich meine nicht: „Grmblhx“, das geht zur Not. Immerhin versucht die Schreibung hier, einer bestimmten Aussage nahe zu kommen.

Nein, es geht um die Worte, mit denen ein etwas Deutsch sprechender Russe in dem englischsprachigen Buch, das ich gerade lese, eine Deutsche begrüßt: „Guten abend.“
Das kann man schreiben, aber nicht sagen. (Wegen der falschen Kleinschreibung.)

Das ist zwar nur ein Beispiel für die vielen, vielen falschen deutschen Äußerungen in englischsprachigen Roman, es hat mich aber auf ein grundsätzlicheres Problem gebracht. (Nebenbei: Gibt’s da keine Deutsch sprechenden Lektoren? Kennt da niemand einen Muttersprachler, den man wegen der paar Sätze fragen könnte?)

Bewusst eingesetzt ist ein ähnlicher Effekt in Compton Mackenzie, The Rival Monster (The Highland Omnibus p. 587). Dort wird der englische Dichter Spenser, ein Shakespeare-Zeitgenosse, in einem Gespräch erwähnt und von einer anderen Person als „Spencer“ in deren wörtlicher Rede aufgenommen: Ausgesprochen wird beides gleich, aber die in der wörtlichen Rede verwendete Schreibung zeigt, dass der Sprecher den Dichter nicht kennt. Diese Information wird durch Schreibung vermittelt, durch Lautsprache geht das in diesem Fall und mit diesen Worten nicht.

Das englischsprachige Buch von oben ist übrigens aus dem Russischen übersetzt. Wie sagt man eigentlich auf Russisch „Guten Abend“ auf Deutsch?

Nachtrag: Im Roman The Moor von Laurie R. King erklärt (der historisch tatsächlich existierende) Sabine Baring-Gould die Herkunft seines Nachnamens: „My name combines two families: the Crusader John Gold, or Gould, […] and that of the Baring family“ (p. 24). Nun fragt man sich, wie er die beiden homophonen Schreibungen wirklich gesagt haben soll, und in welcher Reihenfolge. Oder hat er zwischendrin buchstabiert?

Poesiealbum

Seit Wochen liegt wieder eines bei mir. Siebte Klasse. Man ist als Lehrer schon stolz, wenn man das erste kriegt. Und danach wohl auch noch. Trotzdem liegen die Bücher immer lange zu Hause herum.
Dabei habe ich doch einen Spruch, den ich immer verwende, genommen aus dem Poesiealbum meiner Frau.

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Deshalb lege ich hier eine Sammlung meiner Poesiealbum-Sprüche an.
Meine ersten Einträge bekamen noch einen selbstgebastelten Aufklappschwan oder -schmetterling (nach Entwürfen von Masahiro Chatani), inzwischen schaffe ich das nicht mehr.

Zoobesuche zum Wandertag

Ich gehe sehr gerne in den Münchner Zoo. Es gibt ein paar Tiere, bei denen ich jedes Mal vorbeischaue, aber ich entdecke auch immer wieder neue Tiere.
Der Zoo ist auch ein nicht besonders originelles Ziel für den Wandertag, aber doch ein häufiges. Die Münchener Tierparkschule bietet Unterrichtsgänge und Projekttage und Betreuung von Facharbeiten – ich habe das Angebot aber noch nie angenommen.

Dafür habe ich Fotos gemacht, ausgedruckt, ausgeschnitten und laminiert, mit Arbeitsaufträgen auf der Rückseite.

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Hier die Aufgaben: Vor allem geht es darum, die Tiere zu identifizieren. Einige Gruppen meiner 6. Klasse hatten alle Aufgaben gelöst. Da die Textseite auf die Rückseite gedruckt wird, stehen die Aufgaben, die zu den Bilder links gehören, auf der rechten Seite. Wer kann’s beantworten?

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Abiturfeier 2004

Das übliche Programm: Reden von Schulleitung, Landkreis, Elternbeirat, Kollegstufenbetreuung, Kollegiaten. Sehr gut die Rede von Eva: Das Motto „GlABIatoren“ hat sie weitergesponnen und dabei auch deutlich Kritik an den Schülern geübt. Sonst war von Kritik wenig zu spüren – keine Selbstkritik, keine an den Lehrern, keine an der Institution Schule, auch kein nennenswerter Rück- oder Ausblick. Einzelne Lehrer bekamen allerdings ihren Unterricht um die Ohren geschlagen, gerechtfertigt oder nicht.

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Ich träume ja mal von einer Abiturfeier ohne Motto. Was wir nicht schon alles hatten: Boxkampf, Oscar-Verleihung, Wettrennen. Wie wär’s mal mit einer Abi-Feier, die nur Abi-Feier ist? Verabschiedungen an englischen und amerikanischen Schulen kommen auch ohne Motto aus; der Grimme-Preis wird auch nicht unter wechselnden Wortspielereien verliehen; der Opernball ist auch keine Faschingsparty. Die Verabschiedung von Abiturienten braucht sich nicht andere Veranstaltungen zum Vorbild zu nehmen; sie ist feierlicher Anlass genug um ganz sie selber sein zu können. Sicher sorgt ein Motto für Kohäsion; ein Hauptteil der Feier, die Verabschiedung der Leistungskurslehrer, kommt ohnehin ohne dieses verbindende Element aus.

Viel Mühe haben sich die Schüler bei diesen Verabschiedungen gegeben. Es gab die Didi-Dingsbums-Show, mit Videoaufnahmen der als Kinder verkleideten Schüler, die Begriffe aus Wirtschaft und Recht erklären: Abstraktionsprinzip, Cashflow, Zivilprozess. Der Physiklehrer musste die inneren Organe des Menschen in das Modell einsetzen; die Biolehrerin Lämpchen zum Glühen bringen. Mein Höhepunkt: Der kochfreudige Chemielehrer trat, assistiert von einer Schülerin, im Kochduell gegen zwei Schüler an. Team O2 und Team H2 waren jeweils noch durch eine Fußfessel an den Partner gebunden, wie das bei Molekülen nun mal so ist.

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Dazwischen gab es Auftritte der Band Blue Maze, die aus Kollegiaten besteht; Kubi und Herr Diederichs gaben noch einmal die Blues Brothers; Teile von Chor und Big Band traten auf. Das war sehr schön.
Wenn es jetzt noch einmal einen richtigen Abi-Ball geben würde, so wie damals in meiner Referendariatsschule: Mit Tanzfläche und Kabarett. Das war noch schöner. Da war die Verabschiedung allerdings zweigeteilt: Vormittags die Reden und die Zeugnisübergabe, abends das Feiern.

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Jeder Schüler erhielt danach wie immer sein Zeugnis unter den Klängen eines selbst gewählten Musikstücks. Das gefällt mir – bis auf die Schüler, die auf Kosten des schon seit fünf Stunden ausharrenden Publikums betont langsam gehen, um ja mehr Zeit für den Auftritt zu haben als die Mitschüler. (Technischer Fachausdruck: Rampensau.)
Natürlich gab es unter den Musikstücken wie immer den Star-Wars-Marsch, einmal „What a wonderful world“ (wegen „Don’t know much about history“), einmal das bekannte Pink-Floyd-Stück. Ja, ja, wissen wir schon. Ansonsten gerade zweimal Beethoven, zweimal lateinamerikanische Rhythmen, sonst fast nur schlagzeuggeprägter Rock. Mich hat diese Einförmigkeit etwas enttäuscht – aber das Stück, das ich damals gewählt hätte, wäre sicher noch viel grauslicher gewesen.

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Wandertag 2004

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Idyllisch, nicht wahr? Baseball fand ich immer sehr schön: Es zählt als Sport, aber muss man trotzdem nicht rennen.

Abistreich 2004

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Video anschauen oder herunterladen (177 KB) – sind aber nur ein paar Sekunden

Diesmal haben sich alle angestrengt, wie man sieht. Nachdem die Abi-Streiche der letzten Jahre grottenschlecht waren, war dieser gelungen. Beigetragen hat dazu vor allem, dass die Schüler auf eine Bühne verzichtet haben. Stattdessen saßen die zuschauenden Schüler in einem großen, nicht ganz geschlossenen Oval und bildeten eine Arena. Gegenüber der offenen Seite saßen die Lehrer – wie üblich durften sie ihr Reich nicht verlassen, sondern mussten sich erst durch sportliche und andere Leistungen die Freiheit verdienen. Aber diesmal war das Gefängnis eben nicht ganz zu, und nicht vom Schauplatz getrennt; die Schüler konnten die Lehrer sehen, und die Lehrer die Schüler. Warum kommt man da erst jetzt drauf?
Da einige Abiturienten dazu eingeteilt waren, die sich verdrücken wollenden Schüler zurückzuscheuchen, war das Publikum reichlich vorhanden. Und dann hat sich’s auch gelohnt. Angefangen wurde mit einem kleinen Höhepunkt, dem Lanzenstechen. Dramaturgisch immer eine gute Idee. Das Finale war dann nicht ganz so spektakulär, ging aber in die richtige Richtung. Vielleicht läutet das eine Trendwende in den Abistreichen ein. Ich würd ja gerne noch mehr dazu schreiben, muss aber schließen, weil der Strom knapp wird – Englandaustausch, Wandertag, übermorgen dann die Abiturfeier; ich bin etwas beschäftigt zum Schuljahresende.

ritterspiele

Der Meister des jüngsten Tages

perutz

Nach der Lektüre von Effi Briest wollte ich meinem Grundkurs etwas leichtere Kost zumuten: Einen Roman von 1923, Der Meister des jüngsten Tages von Leo Perutz. (Irgendeinen Roman aus dieser Zeit muss man laut Lehrplan mehr oder weniger lesen.)

Wie es sich gehört, beginnt der Roman mit einem Vorwort des Erzählers, der jene grauenhafte Ereignisse im Herbste 1909 niedergeschrieben hat und betont, die volle Wahrheit geschrieben zu haben.
Das Nachwort wiederum identifiziert die vorhergegangenen Seiten als Papiere aus dem Nachlass des Erzählers, Freiherrn von Yosch: „Natürlich, eine alte Handschrift“, wie Eco sagt. Der Bericht sei eher ein Roman, einem verwirrten Geist entsprungen, der sich zu rechtfertigen versucht.
Die eigentliche Erzählung enthält Elemente des Krimis, des Thrillers und des phantastischen Romans.

Die Schüler haben, natürlich nicht freiwillig, zu diesem Roman weitere Dokumente erstellt: Die chemische Analyse eines Giftes, das eine große Rolle in der Handlung spielt; die Urkunde zur unehrenhaften Entlassung des Freiherrn von Yosch; ein Liebesbrief.

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Besser Deutsch?

Neulich habe ich versucht, im Deutsch-Leistungskurs den Schülern beizubringen, besseres Deutsch zu schreiben.

Das hatte ich leider ungeschickt angefangen. Ich hatte nicht bedacht, dass ich mit diesem Vorsatz nahe lege, dass die Schüler schlechtes Deutsch schreiben, also verbesserungsfähiges und verbesserungsbedürftiges. Das lässt sich auch ein Schüler nicht gerne sagen.

Gewöhnt sind sie es nämlich nicht. Für schlechte Klausurergebnisse macht man Fehler bei der Gedichtinterpretation verantwortlich: Falsche Epochenzuschreibungen; die Tatsache, dass einem nichts Interessantes zum Kreuzreim eingefallen ist; das falsch analysierte Versmaß; „leider hast du zu den Metaphern nur wenig gesagt“. Für literarische Erörterungen und überhaupt das Arbeiten mit Textvorlagen gilt das gleiche: Die schlechten Noten kommen vom fehlenden Fachwissen. Sie kommen daher, dass man keine Gedichte mag.

Aber ein Teil der Note liegt auch an der Sprache. Ein gut geschriebener Text kann fehlendes Wissen zu einem guten Teil ausgleichen: Es braucht gar nicht so viel, um mich als Lehrer zu beeindrucken.
Als sprachliche Fehler kennen Schüler aber meist nur Rechtschreibfehler. Darin unterscheiden sich Schüler nicht von den meisten anderen Sprechern des Deutschen. Andere Lehrer, die Öffentlichkeit, das Fernsehen – in Quizshows wird geprüft, ob die Kandidaten die Rechtschreibung beherrschen, andere Schwierigkeiten in der Sprache scheint es nicht zu geben. Das zeigt auch das große Aufheben um die Rechtschreibung.

Es gibt neben der Rechtschreibung aber noch viel mehr, das man zwar nicht richtig oder falschen machen kann, aber noch wichtiger: Man kann es gut oder schlecht machen.
Das Schülern zu vermitteln, selbstbewussten und ja auch durchaus kompetenten Muttersprachlern, ist schwer und erfordert eine Zaghaftigkeit Takt mehr, als ich meist aufbringe.

Gerne gesteht man dem Lehrer zu, mehr über Literaturgeschichte zu wissen; den Wissens- und Technikvorsprung beim Umgang mit literarischen Texten gönnt man ihm etwas halbherziger. („Aber ich seh‘ das trotzdem anders.“ – Manchmal macht das Sinn, manchmal nicht.)
Den Stil lässt man sich überhaupt nicht gern kritisieren. (Dafür gibt es sicher auch gute Gründe. Ich habe allerdings genug Selbstbewusstsein, um zu glauben, dass ich den Schülern noch etwas beibringen kann.) Anlass zur Meckerei gibt es aber schon:

1. Gustav Wendt startet den Versuch…
(Warum nicht: versucht…?

2. Er versucht sie weiter auf ihre missliche Lage aufmerksam zu machen, in der sie sich zur dieser Zeit befindet.
Alles nach dem Komma streichen. Das bedeutet „Lage“ schließlich.

3. Zwischen den zwei Hauptdarstellern [es sind die einzigen] in diesem Szenenausschnitt gibt es Gegensätze zu verzeichnen.

4. …, sondern es ist eine langsame und konstante Hinführung des Themas zu seinem Höhepunkt in diesem Szenenausschnitt.

5. …löst einen Verwirrtheitszustand in dem Leser aus.

6. Diese Szene stellt auch einen inhaltlichen Wechsel des Gesprächsinhalts dar.

7. Trotz der begrenzten Mittel, es musste z.B. durchaus auch mal Gardinenstore als Spitze am Rocksaum der Kostüme herhalten und die Perücken der Dichter bestanden aus Watte, klappte die Premiere wie am Schnürchen
(Vielleicht bin das ja nur ich: Aber durch eine kleine Umstellung im Satzbau wird der Satz so viel leichter verständlich.)

Zum Glück gibt es Wolf Schneider mit seinen Büchern, etwa das Helferlein: Deutsch fürs Leben, das sich mein LK anschaffen musste. Dem glaubt man mehr als dem Lehrer.
Wolf Schneider sagt, wie man präziser schreiben kann, anschaulicher und verständlicher. Er zeigt, wie man in vier Schritten von Texte verbessert. Von:

„Im Mittelpunk des Kongresses stehen drei Problemkreise: die technische Realisierbarkeit neuer audiovisueller Kommunikationsmittel in ihrer jeweiligen Relation zur wirtschaftlichen pPraktikabilität und zur kundenseitigen Akzeptanz.“

zu:

„Der Kongress will für die Neuen Medien klären, was die Technik kann, was die Wirtschaft will und was die Leute mögen.“

(Danach darf man sich selber versuchen an: „In Bezug auf die Fragestellung nach der Relevanz der Kulturtechnik Lesen für den gesellschaftlichen Kommunikationsprozess steht das Medium Buch nicht im Vordergrund, sondern reiht sich mit seiner Funktionalität eher neben die tagesaktuellen Massenmedien.“)

Außerdem gibt es Übungen zum Satzbau: Wie man ungeheure Sätze wie den folgenden genießbar macht:

schneider

Balls II

Eine vielgeliebte Einrichtung des nordamerikanischen Kontinents sind Roadside Attractions. Es gibt dort so viele leere Landstraßenkilometer und so wenig Geschichte, dass sich entlang der Straßen die Kuriositäten breit machen: George Washington schlief hier; Alligatorenfarmen; das Tupperware-Museum; ein Felsen, der aussieht wie ein großes Kaninchen; oder eben auch das größte Garnknäuel in Minnesota, vielleicht sogar der Welt:

twinelg

Weird Al Yankovic hat diesem Knäuel eine großartige Hymne gewidmet. Hier gibt es den Text, reinhören kann man bei Amazon.de.

Garrison Keillor hat in den Geschichten aus Lake Wobegon, zu denen ich dringend bald etwas schreiben muss hier etwas geschrieben habe, eine Geschichte über The Biggest Pile of Burlap Bags in Minnesota – den größten Haufen an Leinensäcken in Minnesota. Wie der Haufen zu wachsen beginnt, aus reiner Faulheit des Besitzers. Und wie dann sein Schwiegersohn, ein rechter Spötter, eine Webseite dazu einrichtet. Diese Webseite wird immer populärer, und der Haufen wächst, und Touristen kommen vorbei, und der Berg an Säcken gewinnt spirituelle Bedeutung und ändert das Leben der vorbeikommenden Touristen. Und sei es nur, dass der Anblick solchen enormer Massen einen übergewichtigen Trucker tröstet. Nicht jede Stadt kann den größten Berg und den tiefsten Canyon haben, aber irgendein Höchstes oder Größtes ist immer drin. Das erklärt diese Attraktionen vielleicht.

Der Route 40 kann man quer durch Amerika folgen und dabei an vielen Attraktionen vorbeikommen:

roadside_map

Balls I

gobstoppers

Eine interessante englische Süßigkeit sind gobstoppers: Schicht um Schicht von verschiedenfarbigen Zuckerschichten aufeinander. Welche Poesie steckt in der Benennung der Teile: Maulstopfer! Die amerikanische Variante davon heißt jawbreaker – auch nicht schlecht.
Wie man sieht, gibt es sie in verschiedenen Größen. Ich habe sie bislang nur einmal im Unterricht eingesetzt.