Kaplonski

Im Deutschunterricht der Oberstufe liest fast jeder Kurs Woyzeck. Wir Lehrer betonen dabei gerne die offene Form dieses Stücks: Es gibt keinen traditionellen Aufbau mit Exposition, steigender Handlung, Peripetie, fallender Handlung, Katastrophe; es gibt keine Akte. Vielmehr besteht das Stück aus relativ lose verbundenen Einzelszenen. Und da Georg Büchner, der Autor, das Stück auch noch unvollendet hinterließ, gibt es für die von ihm geplante Reihenfolge dieser Einzelsenen nur Anhaltspunkte, aber keine Sicherheit. Tatsächlich unterscheiden sich die meisten Woyzeck-Druckausgaben und natürlich auch die Inszenierungen in der Anordnung ihrer Szenen. Also wollte ich zuerst die Schüler ihre Reclam-Ausgaben auseinanderreißen und sie die …

Kartenspiele

Mal mit einer 6. Klasse: Eine Spielanleitung (von Schülern verfasst). Das war ziemlich am Schuljahresende, und wie jedes Schuljahr kommt das Ende immer schneller, als man denkt – Bundesjugendspiele, Chorfreizeit, Ökumenischer Arbeitskreis, Orchesterproben, Kursfahrten: Schon Wochen vor dem Ende des Schuljahres unterrichtet man immer nur einen Teil seiner Klasse, weil der Rest unterwegs ist. Und dann sind plötzlich Notenkonferenzen und die letzten Stunden fallen auch noch aus. Jedenfalls konnte ich mit den Spielkarten dann nicht soviel machen, wie ich wollte. Vielleicht hole ich das noch einmal nach.

Gefundenes Gedicht

In den Münchner S‑Bahnen gibt es Reklametafeln, und die sind oft nicht vermietet und werden deshalb von der Deutschen Bahn mit einem erbauendem Spruch versehen – gerne nennen sich diese Sprüche “Chinesische Weisheit” oder “Arabisches Sprichwort”, und immer sind sie grottenschlecht. Tausendmal besser die Sprüche in den Muskote-Filterpapierchen. In Wagen 189 der S4 um 07.10 Uhr am 12.12.2001 sah ich dann folgenden Spruch, durch üble Schmierei verwandelt: Nun soll man ja bekanntlich nichts in S‑Bahn-Wagen schmieren. Im Deutschunterricht geht das aber, also zeigte ich Schülern der elften Klasse den geänderten S‑Bahn-Spruch, und gab ihnen Gedichte von Gottfried Benn, Else Lasker-Schüler, …

Who’s on First

- Ein Klassiker des englischsprachigen Klamauks ist der Sketch “Who’s on First”. Mit Abstand am berühmtesten ist die Fassung von Abbott und Costello, obwohl der Text tatsächlich eine noch ältere Vaudeville-Nummer ist. Ich hatte ihn mal Schülern im Englisch-Grundkurs auf CD vorgespielt, danach konnten sie den Text mitlesen. Ein Wochenende später hatten zwei Schüler die Nummer zu Hause aufgenommen – ohne Hilfe oder Hinweise von mir. (Ich hätte schon noch welche geben wollen: Vielleicht ist es aber gut, dass der Lehrer mal keine Finger drin hat.) So faul sind sie also gar nicht. Abbott: Well Costello, I’m going to New …

Zoobesuche zum Wandertag

Ich gehe sehr gerne in den Münchner Zoo. Es gibt ein paar Tiere, bei denen ich jedes Mal vorbeischaue, aber ich entdecke auch immer wieder neue Tiere. Der Zoo ist auch ein nicht besonders originelles Ziel für den Wandertag, aber doch ein häufiges. Die Münchener Tierparkschule bietet Unterrichtsgänge und Projekttage und Betreuung von Facharbeiten – ich habe das Angebot aber noch nie angenommen. Dafür habe ich Fotos gemacht, ausgedruckt, ausgeschnitten und laminiert, mit Arbeitsaufträgen auf der Rückseite. Hier die Aufgaben: Vor allem geht es darum, die Tiere zu identifizieren. Einige Gruppen meiner 6. Klasse hatten alle Aufgaben gelöst. Da die …

Der Meister des jüngsten Tages

Nach der Lektüre von Effi Briest wollte ich meinem Grundkurs etwas leichtere Kost zumuten: Einen Roman von 1923, Der Meister des jüngsten Tages von Leo Perutz. (Irgendeinen Roman aus dieser Zeit muss man laut Lehrplan mehr oder weniger lesen.) Wie es sich gehört, beginnt der Roman mit einem Vorwort des Erzählers, der jene grauenhafte Ereignisse im Herbste 1909 niedergeschrieben hat und betont, die volle Wahrheit geschrieben zu haben. Das Nachwort wiederum identifiziert die vorhergegangenen Seiten als Papiere aus dem Nachlass des Erzählers, Freiherrn von Yosch: “Natürlich, eine alte Handschrift”, wie Eco sagt. Der Bericht sei eher ein Roman, einem verwirrten …

Besser Deutsch?

Neulich habe ich versucht, im Deutsch-Leistungskurs den Schülern beizubringen, besseres Deutsch zu schreiben. Das hatte ich leider ungeschickt angefangen. Ich hatte nicht bedacht, dass ich mit diesem Vorsatz nahe lege, dass die Schüler schlechtes Deutsch schreiben, also verbesserungsfähiges und verbesserungsbedürftiges. Das lässt sich auch ein Schüler nicht gerne sagen. Gewöhnt sind sie es nämlich nicht. Für schlechte Klausurergebnisse macht man Fehler bei der Gedichtinterpretation verantwortlich: Falsche Epochenzuschreibungen; die Tatsache, dass einem nichts Interessantes zum Kreuzreim eingefallen ist; das falsch analysierte Versmaß; “leider hast du zu den Metaphern nur wenig gesagt”. Für literarische Erörterungen und überhaupt das Arbeiten mit Textvorlagen gilt …

Moderne Sagen II

Mit einer anderen 6. Klasse habe ich vor ein paar Jahren wiederum andere Sagen geschrieben. Die Prämisse war, dass es an unserer Schule Heinzelwesen gibt, die unerkannt im Schulgebäude leben – hinter Tafeln, in Schubladen, hinter den Lautsprechern im Klassenzimmer – und die verantwortlich sind für manche der ungeklärten oder unerklärten Dinge im Schulalltag. Dazu entwarfen Schülergruppen jeweils eine Reihe von Haupt- und Nebenpersonen, mit Beschreibungen, Ideen für Geschichten und Konflikte – ganz so, als wäre es die Grundlage für eine Fernsehserie. (Nebenbei: Das möchte ich ohnehin einmal machen: Schüler der Mittelstufe eine Serie entwerfen lassen. Mit Ideen, Zeichnungen, Handouts, …

Moderne Sagen I

Ich sollte mehr Schüleraufsätze aufheben. Aber dann denke ich doch nie daran. Der hier stammt von Stephanie, 6. Klasse (Schuljahr 1999/2000). Wir hatten Sagen im Unterricht besprochen, und selber moderne Erklärungssagen geschrieben. In der Schulaufgabe sah das zum Beispiel so aus: “Im Norden von Fürstenfeldbruck gibt es eine Straße, die heißt: ‘Am Kugelfang’. Man erzählt sich eine Geschichte, wie diese Straße zu ihrem Namen kam. Schreibe diese Geschichte!” Bei den Übungen sahen wir uns im Schulgebäude um, was es da wohl Erklärungsbedürftiges gab: Das Experiment Im Chemieraum gibt es einen großen, roten Fleck, an der Wand. Er soll von einem …

Hobbit-Heft

Mit einer 5. Klasse las ich mal Der kleine Hobbit von J. R. R. Tolkien. Als Projekt ist dabei ein Spiele-Heft entstanden. Man kennt das ja: Der Spieler liest einen nummerierten Abschnitt und muss sich an dessen Ende entscheiden, bei welchem aus einer Auswahl von weiteren nummerierten Abschnitten er weiter lesen möchte. Manche Abschnitte enden ohne weitere Wahlmöglichkeit: Damit ist die Geschichte zu einem Ende gekommen (das glücklich oder weniger glücklich sein kann). Auf diesem Weg muss man während des Lesen immer wieder Entscheidungen treffen, und kann das Heft mehrfach lesen, wobei die Geschichte jedesmal einen mehr oder weniger anderen …