Abistreich 2004

abistreich

Video anschauen oder herunterladen (177 KB) – sind aber nur ein paar Sekunden

Diesmal haben sich alle angestrengt, wie man sieht. Nachdem die Abi-Streiche der letzten Jahre grottenschlecht waren, war dieser gelungen. Beigetragen hat dazu vor allem, dass die Schüler auf eine Bühne verzichtet haben. Stattdessen saßen die zuschauenden Schüler in einem großen, nicht ganz geschlossenen Oval und bildeten eine Arena. Gegenüber der offenen Seite saßen die Lehrer – wie üblich durften sie ihr Reich nicht verlassen, sondern mussten sich erst durch sportliche und andere Leistungen die Freiheit verdienen. Aber diesmal war das Gefängnis eben nicht ganz zu, und nicht vom Schauplatz getrennt; die Schüler konnten die Lehrer sehen, und die Lehrer die Schüler. Warum kommt man da erst jetzt drauf?
Da einige Abiturienten dazu eingeteilt waren, die sich verdrücken wollenden Schüler zurückzuscheuchen, war das Publikum reichlich vorhanden. Und dann hat sich’s auch gelohnt. Angefangen wurde mit einem kleinen Höhepunkt, dem Lanzenstechen. Dramaturgisch immer eine gute Idee. Das Finale war dann nicht ganz so spektakulär, ging aber in die richtige Richtung. Vielleicht läutet das eine Trendwende in den Abistreichen ein. Ich würd ja gerne noch mehr dazu schreiben, muss aber schließen, weil der Strom knapp wird – Englandaustausch, Wandertag, übermorgen dann die Abiturfeier; ich bin etwas beschäftigt zum Schuljahresende.

ritterspiele

Der Meister des jüngsten Tages

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Nach der Lektüre von Effi Briest wollte ich meinem Grundkurs etwas leichtere Kost zumuten: Einen Roman von 1923, Der Meister des jüngsten Tages von Leo Perutz. (Irgendeinen Roman aus dieser Zeit muss man laut Lehrplan mehr oder weniger lesen.)

Wie es sich gehört, beginnt der Roman mit einem Vorwort des Erzählers, der jene grauenhafte Ereignisse im Herbste 1909 niedergeschrieben hat und betont, die volle Wahrheit geschrieben zu haben.
Das Nachwort wiederum identifiziert die vorhergegangenen Seiten als Papiere aus dem Nachlass des Erzählers, Freiherrn von Yosch: „Natürlich, eine alte Handschrift“, wie Eco sagt. Der Bericht sei eher ein Roman, einem verwirrten Geist entsprungen, der sich zu rechtfertigen versucht.
Die eigentliche Erzählung enthält Elemente des Krimis, des Thrillers und des phantastischen Romans.

Die Schüler haben, natürlich nicht freiwillig, zu diesem Roman weitere Dokumente erstellt: Die chemische Analyse eines Giftes, das eine große Rolle in der Handlung spielt; die Urkunde zur unehrenhaften Entlassung des Freiherrn von Yosch; ein Liebesbrief.

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Besser Deutsch?

Neulich habe ich versucht, im Deutsch-Leistungskurs den Schülern beizubringen, besseres Deutsch zu schreiben.

Das hatte ich leider ungeschickt angefangen. Ich hatte nicht bedacht, dass ich mit diesem Vorsatz nahe lege, dass die Schüler schlechtes Deutsch schreiben, also verbesserungsfähiges und verbesserungsbedürftiges. Das lässt sich auch ein Schüler nicht gerne sagen.

Gewöhnt sind sie es nämlich nicht. Für schlechte Klausurergebnisse macht man Fehler bei der Gedichtinterpretation verantwortlich: Falsche Epochenzuschreibungen; die Tatsache, dass einem nichts Interessantes zum Kreuzreim eingefallen ist; das falsch analysierte Versmaß; „leider hast du zu den Metaphern nur wenig gesagt“. Für literarische Erörterungen und überhaupt das Arbeiten mit Textvorlagen gilt das gleiche: Die schlechten Noten kommen vom fehlenden Fachwissen. Sie kommen daher, dass man keine Gedichte mag.

Aber ein Teil der Note liegt auch an der Sprache. Ein gut geschriebener Text kann fehlendes Wissen zu einem guten Teil ausgleichen: Es braucht gar nicht so viel, um mich als Lehrer zu beeindrucken.
Als sprachliche Fehler kennen Schüler aber meist nur Rechtschreibfehler. Darin unterscheiden sich Schüler nicht von den meisten anderen Sprechern des Deutschen. Andere Lehrer, die Öffentlichkeit, das Fernsehen – in Quizshows wird geprüft, ob die Kandidaten die Rechtschreibung beherrschen, andere Schwierigkeiten in der Sprache scheint es nicht zu geben. Das zeigt auch das große Aufheben um die Rechtschreibung.

Es gibt neben der Rechtschreibung aber noch viel mehr, das man zwar nicht richtig oder falschen machen kann, aber noch wichtiger: Man kann es gut oder schlecht machen.
Das Schülern zu vermitteln, selbstbewussten und ja auch durchaus kompetenten Muttersprachlern, ist schwer und erfordert eine Zaghaftigkeit Takt mehr, als ich meist aufbringe.

Gerne gesteht man dem Lehrer zu, mehr über Literaturgeschichte zu wissen; den Wissens- und Technikvorsprung beim Umgang mit literarischen Texten gönnt man ihm etwas halbherziger. („Aber ich seh‘ das trotzdem anders.“ – Manchmal macht das Sinn, manchmal nicht.)
Den Stil lässt man sich überhaupt nicht gern kritisieren. (Dafür gibt es sicher auch gute Gründe. Ich habe allerdings genug Selbstbewusstsein, um zu glauben, dass ich den Schülern noch etwas beibringen kann.) Anlass zur Meckerei gibt es aber schon:

1. Gustav Wendt startet den Versuch…
(Warum nicht: versucht…?

2. Er versucht sie weiter auf ihre missliche Lage aufmerksam zu machen, in der sie sich zur dieser Zeit befindet.
Alles nach dem Komma streichen. Das bedeutet „Lage“ schließlich.

3. Zwischen den zwei Hauptdarstellern [es sind die einzigen] in diesem Szenenausschnitt gibt es Gegensätze zu verzeichnen.

4. …, sondern es ist eine langsame und konstante Hinführung des Themas zu seinem Höhepunkt in diesem Szenenausschnitt.

5. …löst einen Verwirrtheitszustand in dem Leser aus.

6. Diese Szene stellt auch einen inhaltlichen Wechsel des Gesprächsinhalts dar.

7. Trotz der begrenzten Mittel, es musste z.B. durchaus auch mal Gardinenstore als Spitze am Rocksaum der Kostüme herhalten und die Perücken der Dichter bestanden aus Watte, klappte die Premiere wie am Schnürchen
(Vielleicht bin das ja nur ich: Aber durch eine kleine Umstellung im Satzbau wird der Satz so viel leichter verständlich.)

Zum Glück gibt es Wolf Schneider mit seinen Büchern, etwa das Helferlein: Deutsch fürs Leben, das sich mein LK anschaffen musste. Dem glaubt man mehr als dem Lehrer.
Wolf Schneider sagt, wie man präziser schreiben kann, anschaulicher und verständlicher. Er zeigt, wie man in vier Schritten von Texte verbessert. Von:

„Im Mittelpunk des Kongresses stehen drei Problemkreise: die technische Realisierbarkeit neuer audiovisueller Kommunikationsmittel in ihrer jeweiligen Relation zur wirtschaftlichen pPraktikabilität und zur kundenseitigen Akzeptanz.“

zu:

„Der Kongress will für die Neuen Medien klären, was die Technik kann, was die Wirtschaft will und was die Leute mögen.“

(Danach darf man sich selber versuchen an: „In Bezug auf die Fragestellung nach der Relevanz der Kulturtechnik Lesen für den gesellschaftlichen Kommunikationsprozess steht das Medium Buch nicht im Vordergrund, sondern reiht sich mit seiner Funktionalität eher neben die tagesaktuellen Massenmedien.“)

Außerdem gibt es Übungen zum Satzbau: Wie man ungeheure Sätze wie den folgenden genießbar macht:

schneider

Balls II

Eine vielgeliebte Einrichtung des nordamerikanischen Kontinents sind Roadside Attractions. Es gibt dort so viele leere Landstraßenkilometer und so wenig Geschichte, dass sich entlang der Straßen die Kuriositäten breit machen: George Washington schlief hier; Alligatorenfarmen; das Tupperware-Museum; ein Felsen, der aussieht wie ein großes Kaninchen; oder eben auch das größte Garnknäuel in Minnesota, vielleicht sogar der Welt:

twinelg

Weird Al Yankovic hat diesem Knäuel eine großartige Hymne gewidmet. Hier gibt es den Text, reinhören kann man bei Amazon.de.

Garrison Keillor hat in den Geschichten aus Lake Wobegon, zu denen ich dringend bald etwas schreiben muss hier etwas geschrieben habe, eine Geschichte über The Biggest Pile of Burlap Bags in Minnesota – den größten Haufen an Leinensäcken in Minnesota. Wie der Haufen zu wachsen beginnt, aus reiner Faulheit des Besitzers. Und wie dann sein Schwiegersohn, ein rechter Spötter, eine Webseite dazu einrichtet. Diese Webseite wird immer populärer, und der Haufen wächst, und Touristen kommen vorbei, und der Berg an Säcken gewinnt spirituelle Bedeutung und ändert das Leben der vorbeikommenden Touristen. Und sei es nur, dass der Anblick solchen enormer Massen einen übergewichtigen Trucker tröstet. Nicht jede Stadt kann den größten Berg und den tiefsten Canyon haben, aber irgendein Höchstes oder Größtes ist immer drin. Das erklärt diese Attraktionen vielleicht.

Der Route 40 kann man quer durch Amerika folgen und dabei an vielen Attraktionen vorbeikommen:

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Balls I

gobstoppers

Eine interessante englische Süßigkeit sind gobstoppers: Schicht um Schicht von verschiedenfarbigen Zuckerschichten aufeinander. Welche Poesie steckt in der Benennung der Teile: Maulstopfer! Die amerikanische Variante davon heißt jawbreaker – auch nicht schlecht.
Wie man sieht, gibt es sie in verschiedenen Größen. Ich habe sie bislang nur einmal im Unterricht eingesetzt.

Moderne Sagen II

Mit einer anderen 6. Klasse habe ich vor ein paar Jahren wiederum andere Sagen geschrieben. Die Prämisse war, dass es an unserer Schule Heinzelwesen gibt, die unerkannt im Schulgebäude leben – hinter Tafeln, in Schubladen, hinter den Lautsprechern im Klassenzimmer – und die verantwortlich sind für manche der ungeklärten oder unerklärten Dinge im Schulalltag.

Dazu entwarfen Schülergruppen jeweils eine Reihe von Haupt- und Nebenpersonen, mit Beschreibungen, Ideen für Geschichten und Konflikte – ganz so, als wäre es die Grundlage für eine Fernsehserie. (Nebenbei: Das möchte ich ohnehin einmal machen: Schüler der Mittelstufe eine Serie entwerfen lassen. Mit Ideen, Zeichnungen, Handouts, einer Präsentation. Vielleicht sogar mit Marktanalyse. Allenfalls die beste Schülerserie wird produziert. Nur als was?)
Hier ist ein Ausschnitt aus dem Ergebnis einer Schülergruppe:


Warum sind die Wichtel und Kobolde am GRG?

„Die Wichtel haben Sachen angestellt, die verboten waren, die Kobolde halfen den Wichteln bei guten Dingen, war auch verboten. Folge: Verbannung aus ihrem Reich ans GRG. Damit sie wieder in ihr Reich zurückkommen, müssen die Wichtel es schaffen, dass 70% der Schüler das Abitur schaffen, und die Kobolde, dass 70% der Schüler von der Schule gehen müssen.“

Die Wichtel:

Pinki (der Jüngste)
Oma Wolly
Opa Green King
Nucky, die Schnecke

pinky

pinky

Kobolde:

Kimico (die Jüngste)
Mutter Elektra
Vater Barnabas

kimico

kimico

Sonstige:

Lettro, der Briefträger und sein Freund World, die Taube

Zu all diesen Personen gibt es ebenfalls Zeichnungen und Skizzen zu Charakter und Verhalten. Und das war nur die eine Schülergruppe.


In der Schulaufgabe und bei Übungsaufsätzen sahen die Themen dann so aus:

1. Ein Wichtel hilft einem Schüler bei einer Schulaufgabe oder beim Ausfragen.
2. Ein Lehrer hat etwas gefunden, das einem Wichtel gehört, und der Wichtel will es sich zurückholen.
3. Alljährlich findet eine Wichtel-Olympiade am Graf-Rasso-Gymnasium statt. Denk dir eine Disziplin aus und erzähle von einem spannenden Wettkampf.
4. Wichtel verscheuchen nachts Einbrecher in der Schule.
5. Erzähle von einem Wettstreit zwischen Kobolden und Wichteln während der Pause, von dem die Schüler und Lehrer nichts mitbekommen.
6. Heinzelwesen gewöhnen den Schülern, die immer am Rauchereck stehen, das Rauchen ab.
7. Drachensteigen auf dem Schuldach – dabei geschieht etwas Spannendes.
8. Im Chemieunterricht geht etwas daneben. Schuld sind Heinzelwesen. Erzähle davon.

Moderne Sagen I

Ich sollte mehr Schüleraufsätze aufheben. Aber dann denke ich doch nie daran. Der hier stammt von Stephanie, 6. Klasse (Schuljahr 1999/2000). Wir hatten Sagen im Unterricht besprochen, und selber moderne Erklärungssagen geschrieben. In der Schulaufgabe sah das zum Beispiel so aus: „Im Norden von Fürstenfeldbruck gibt es eine Straße, die heißt: ‚Am Kugelfang‘. Man erzählt sich eine Geschichte, wie diese Straße zu ihrem Namen kam. Schreibe diese Geschichte!“
Bei den Übungen sahen wir uns im Schulgebäude um, was es da wohl Erklärungsbedürftiges gab:

Das Experiment

Im Chemieraum gibt es einen großen, roten Fleck, an der Wand. Er soll von einem Experiment kommen. Warum ein Lehrer dieses Experiment machte und weshalb dieser rote Fleck immer noch da ist, erzählt folgende Geschichte:

An einem verregneten Montagmorgen hatte die Klasse 9c Chemie in der ersten Stunde. Herr Sugel, ihr Lehrer, wollte ihnen zeigen, wie ungefährlich Chemie war, wenn man nur die richtigen Extrakte und Flüssigkeiten verwendete. Und wie recht er damit hatte… Als nun die Stunde begann, kam er mit einem Wagen voller Reagenzgläser und Flaschen herein. Alle waren mit verschiedenfarbigen Flüssigkeiten gefüllt. Er stellte den Wagen neben den Tisch, setzte sich hin und sagte mit seiner lauten Stimme: „Guten Morgen und setzen! Heute…“, er machte eine gewichtige Pause, „will ich euch zeigen, dass die Chemie sehr ungefährlich ist, wenn man mit den verschiedenen Flüssigkeiten und Extrakten umgehen kann.“ Er ging in seiner behäbigen Art zu dem Wagen und baute drei kleine Flaschen auf dem Pult auf, und holte noch einen größeren Glasbehälter.

Er warf den Campingkocher an, füllte den Glasbehälter etwas mit Wasser und stellte ihn auf den Kocher. „Nun,“ rief er, „schütte ich das gelbe Extrakt in das Wasser. Dann müssen wir warten, bis es kocht, und können die orange Flüssigkeit dazugeben.“ Die Schüler schauten gelangweilt zu oder beschäftigten sich mit etwas anderem. „Wenn es nun kocht,“ begann Herr Sugel wieder, „geben wir die orange Flüssigkeit hinein und müssen diese vorsichtig umrühren. Dann gebe ich auch noch die rote Flüssigkeit Polorose dazu.“

Doch als er das Polorose dazugegeben hatte, fing das Gebräu plötzlich an zu brodeln und zu zischen. Es bildeten sich große Blasen auf der Oberfläche. Herr Sugel blickte erschrocken auf und auch die Schüler schauten verdutzt. Das ganze Gemisch brodelte, zischte und dampfte. Bei Herrn Sugel bildeten sich Schweißperlen auf der Stirn. Er begann zu grübeln… er hatte doch nichts Falsches dazugegeben? Da traf es ihn plötzlich wie der Blitz: Natürlich, er hatte die rote Flüssigkeit Habag in das Poloroseglas getan, weil er kein anderes mehr hatte. Und jetzt war in dem Gemisch nicht Polorose, sondern Habag! „Oh Gott, wenn das rauskommt, bin ich meinen Job los!“, erschrak Herr Sugel. Als er sich wieder seinem Glas zuwandte, bekam er große Augen. Mittlerweise hüpfte das Glas schon regelrecht auf dem Kocher. Herr Sugel wurde es heiß und kalt. „Wenn ich nicht gleich etwas unternehme, geht das Glas in die Luft!“, schoss es ihm durch den Kopf. Er wollte schon zum Kocher langen und das Gas abdrehen, da machte es einen gewaltigen Knall, Herr Sugel sprang unter das Pult, ein paar Schüler schrien auf, rote Tropfen sprühten. Dann konnte er nichts mehr sehen, denn walles war eingenebelt. Als er nach kurzer Zeit wieder hervorkam, waren einige Schüler immer noch nicht hinter ihren Bänken hervorgekommen. Aber Gott sei Dank war niemandem etwas passiert. Im vorderen Raum waren rote Spritzer und Flecken. Da kamen ein paar Lehrer zur Tür hereingestürmt und blieben wie angewurzelt stehen. Die Frage: „Was ist denn passiert?“, konnten sie sich ersparen. Sie konnten es sich denken.

Die Klasse 9c bekam für den Rest des Tages frei. Herr Sugel kam mit einer Ermahnung davon. Ein paar Wochen später strich man den Chemieraum neu. Man konnte alle Spritzer und Flecken übermalen, bis auf einen großen roten Fleck. Und diesen Fleck sieht man heute noch.

Florian, die gleiche Klasse, das gleiche Jahr:

Die verfluchten Steine des Graf-Rasso-Gymnasiums

In Fürstenfeldbruck gibt es eine Schule namens Graf-Rasso-Gymnasium. Die meisten Lehrer dort sind sehr nett, aber dies war nicht immer so…

Vor etwa fünfzig Jahren war Graf Rasso Direktor dieser Schule. Zu dieser Zeit wurden die Schüler von den Lehrern teilweise brutal misshandelt. Graf Rasso war ein Gegner dieser Bestrafungen, doch er konnte sich nicht durchsetzen. Auch seine kleine Tochter Elena besuchte dieses Gymnasium. Obwohl ihre Mutter bereits gestorben war und ihr Vater sie zwar liebte,. aber doch nur sehr wenig Zeit für sie hatte, war sie eine sehr gute und fleißige Schülerin. Doch immer, wenn der Todestag ihrer Mutter nahte, war sie sehr traurig und konnte sich nicht konzentrieren.

Eines Tages hatte sie ihre Hausaufgaben in Deutsch vergessen. Ihr Lehrer tobte vor Wut. Um alle Kinder zu warnen, ließ er Elena zum Pult vortreten. „Glaubst du, nur weil du die Tochter des Direktors bist, kannst du dich auf die faule Haut legen?“ Seine Stimme überschlug sich fast vor Zorn. Elena sah ihm mit aufgerissenen Augen zu. Sie zitterte am ganzen Leib vor Angst. „Bitte,“ flüsterte sie und hob ihre kleinen Hände. Der Lehrer schien sie nicht zu hören. „Dir werde ich zeigen, wie weit du damit kommst!“, brüllte er und hob den Stock. Elena schrie auf, als der Lehrer sie schlug. Bevor der Tobende ein zweites Mal zuschlagen konnte, rannte sie aus dem Zimmer. Sie lief, als ginge es um ihr Leben. Ziellos, stolpernd rannte sie. Zweige schlugen ihr ins Gesicht, doch sie bemerkte es nicht. Völlig am Ende stürzte Elena und blieb am Boden liegen. Die Tränen liefen ihr über die Wange. Verzweifelt krallte sie ihre Finger fest in die Erde. „Man hat dir unrecht getan, mein Kind,“ hörte sie plötzlich die klare Stimme ihrer geliebten Mutter. „Nie wieder soll ein Kind in der Schule geschlagen werden! Die Schüler sollten gern in die Schule gehen und Freude am Lernen haben. Hier hast du eine Hand voll Steine. Wenn du zurückkommst, wirf die Steine mit deiner ganzen Kraft an die Hauswand der Schule. Du wirst sehen, was geschieht. Aber fürchte dich nicht!“

Als Elena aufschaute, sah sie das Grab ihrer Mutter. Verwirrt rief sie ihren Namen. „Geh jetzt! Dreh dich nicht um und sag deinem Vater, dass alles gut wird.“ Als das Mädchen wieder zur Schule zurückgekehrt war, wusste sie nicht, ob sie die ganze Geschichte geträumt hatte. Doch dann spürte sie etwas Hartes in ihrer Hand. Als sie die Faust öffnete, sah sie drei Steine. Da tat sie das, was ihre Mutter ihr gesagt hatte. Mit voller Wucht warf sie die Steine auf die Mauer des Schulgebäudes. Plötzlich zog ein Sturm auf, ein Sturm, wie man ihn noch nie erlebt hatte. Der Regen peitschte und aus den dunklen Wolken kamen lange Blitze. Elena lief schnell nach Hause zu ihrem Vater und erzählte ihm die ganze Geschichte.

Der Sturm war die ganze Nacht über zu hören. Am nächsten Morgen war etwas Merkwürdiges geschehen. Die alten Lehrer waren verschwunden. An ihrer Stelle kamen neue, freundliche Lehrer. Graf Rasso ließ sich von seiner Tochter die Stelle zeigen, wo sie die Steine an die Schulwand geworfen hatte. Nicht weit entfernt sah er sie liegen. Doch was war das? Sie waren viel größer als vorher und als Graf Rasso sie näher betrachtete, erschrak er fürchterlich. In den Steinen konnte er die Gesichter der alten Lehrer entdecken, und er hörte sie um Hilfe schreien. Graf Rasso hub neben den Steinen eine Grube aus, um sie endgültig loszuwerden. Doch so sehr er sich auch bemühte, er konnte sie nicht bewegen. Plötzlich hörte er die Stimme seiner Frau: „Sie werden alle zukünftigen Lehrer mahnen, zu den Schülern freundlich zu sein.“

Aus der Grube ist mit den Jahren ein Teich geworden. Ja, und die Steine liegen immer noch da, als Mahnmal für alle Lehrer. Wenn man dicht genug herantritt, kann man die alten Lehrer immer noch fluchen hören. Und wenn man ganz genau hinschaut, bewegt sich der eine oder andere Steine auch noch.

James Branch Cabell

„Der Optimist glaubt, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben. Und der Pessimist fürchtet, dass das stimmt.“

Cabell hat eine kleine, rege Fangemeinde; in den Uni-Bilbliotheken gibt es einige Bücher über ihn. Im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts war sein Name in vielen amerikanischen Haushalten ein Begriff, nicht zuletzt wegen der versuchten Unterdrückung seines Buches Jurgen wegen des vermeintlich obszönen Inhalts. Ansonsten kennt man Cabell vage aus der phantastischen Literatur, da sein Hauptwerk im fiktiven mittelalterlichen Land Poictesme angesiedelt ist. Seine Romane strotzen vor (mitunter durchaus auf die Nerven gehender) sophistication, vor Bildung, Ironie, Zynismus und feinen Anspielungen.

Sein Weltbild ist letztlich dieses: Man kommt auf die Welt, bleibt dort, wenn’s gut kommt, achtzig Jahre, und stirbt dann. Die Zeit dazwischen verbringt der Mensch damit, nicht daran zu denken, dass seine Existenz letztlich sinnlos ist. Das geschieht weniger aus Feigheit, sondern eher aus Höflichkeit und Respekt den guten Sitten gegenüber.
Das Leben ist ein langer Korridor hin zum Tod. Es gibt kleine Nischen an den Seiten, an denen man sich auf dem Weg zum Ende aufhält und die Zeit vertreibt. Eine solche Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben und nicht an die Sinnlosigkeit zu denken, ist das Erfinden von Geschichten: Das ist für Cabell Literatur. (Letztlich schreibt jeder Autor, so Cabell, nur, um sich zu unterhalten.)

Diese letzte Sinnlosigkeit des Lebens ist Cabells Charakteren bewusst, aber es ist unhöflich, das zu erwähnen. Darüber spricht man nicht – Cabell ist halt doch alter amerikanischer Virginia-Adel, der selbst die Pilgerväter von 1620 als Neuankömmlinge betrachtet (und deshalb gegen die puritanischen Strömungen immun ist).

Sein Hauptwerk ist die 20-teilige Biographie von Manuel (in 18 Bänden). Nach einem einleitenden ersten Band mit Essays tritt in Figures of Earth Dom Manuel auf: Und die restlichen Bände erzählen von den Leben seiner Nachkommen, zusammen genommen bilden sie die Biographie von Manuel. Die Bände sind zum Großteil Romane und ein paar Sammlungen von Kurzgeschichten. Manuel und seine Nachfolger versuchen erfolgreich, nicht an der Sinnlosigkeit des Daseins zu verzweifeln; drei Wege lässt Cabell sie dazu beschreiten: the Way of Gallantry, the Way of Chivalry und the Way of the Artist. Letztlich unterscheidet sie nur die Art der Illusionen, die sich die jeweilige Hauptperson macht.
(Mir ist klar, dass nur jemand so schreiben kann, der keine anderen Probleme hat.)

Recht anstrengend zu lesen sind die Essaybände, die die Biographie eröffnen und schließen. Gerade habe ich mich durch „Straws and Prayer-Books“, den Schlussband, getrieben. Auf S. 280-281 (Kalki-Edition) fasst er noch einmal zusammen:
Der Mensch lebt ein unbefriedigendes und monotones und sinnloses Leben. Das macht er sich erträglich durch Erfindungen verschiedener Art. Der Schriftsteller zum Beispiel erfindet sich Geschichten, um sich zu amüsieren und sich lustig zu machen über gesunden Menschenverstand, Frömmigkeit und den Tod. Und unterhält sich mit unterhaltsamen Ideen (dem Altruismus etwa). Was hat der Autor davon: Nichts. Aber wenigstens hat er sich unterhalten.
(Wenn ich mich wiederhole: Cabell macht das auch.)

Ein Thema von Cabell ist der Verlust von und das Nachtrauern nach Illusionen. Deshalb begegenen auch so oft Figuren ihrem jüngeren Ich in der Biographie.

In einem Vorwort von 1923 zu „The Eagle’s Shadow“ sieht Edwin Björkman das ganze positiver:

With the help of romance, he [der Demiurg, der sich durch Cabells Werk zieht, aber ebenso der Schriftsteller als solches, und der Mensch] creates a number of „dynamic illusions“, as of love and honor, patriotism and respectability, beauty and common-sense. Caught and moved by these, man will act as he would not otherwise, departing gradually from the ways of his original nature, until in the end that very nature seems changed. „For man alone of animals plays the ape to his dreams“, says Mr. Cabell, and it is by these dreams and the aping of them that he becomes more and more a man.

Viel anders sieht das Goethe in „Das Göttliche“ auch nicht.

Die Virginia Commonwealth University hat eine nach James Branch Cabell benannte Bibliothek und deshalb bei den Online-Exponanten auch eine Seite zu Cabell.


Dass die meisten deutschen Ausgaben bei Bastei erschienen sind, trägt nicht zur Bekanntheit Cabells bei (die Titelbilder sind, vorsichtig gesagt, irreführend). Auch die amerikanische Kritik stand den Büchern bei ihrem ersten Erscheinen eher skeptisch gegenüber, wie man an den folgenden Ausschnitten aus den Rezensionen sieht.

Cabell revanchiert sich in Straws and Prayer-Books durch bissige Fußnoten an Kritikern und Philistern. Zu einem Dr Frank Crane, einem Zeitgenossen, lautet die komplette Fußnote: „A newspaper writer of the day.“ (p270) Von Richter Leonard Doughty heißt es lediglich: „Nothing is known of him.“ (p288), und zu „an enterprising young person named Bierstadt“ lautet die komplette Fußnote: „See note on Judge Leonard Doughty, page 288.“ (p294)

SOME OTHER BOOKS BY MR. CABELL
(With Tributes of the Press)

Mr. Cabell’s style of writing bristles with the maudlin and lachrymose romantics such as fascinate the shop-girls in the pages of George Barr McCutcheon. And then too has Mr. Cabell’s irony a way of losing itself in the burbles of profound and academic inanities. Also, he is lacking in the courage of his disillusion, and […] because of this lack of courage does his irony become a sort of meandering wistfulness like the whine of a little old man suffering from false teeth. Finally Mr. Cabell is lacking as a poet. He is unable to create those illusions so necessary for the reality of fiction. […] So Cabell remains the sardonic professor mouthing in the boring rhetoric of the classroom. – BEN HECHT, in The Chicago News.


THE CREAM OF THE JEST
(A Comedy of Evasions)

Mr. Cabell is a self-conscious sentimentalist, hopelessly so. In this book he goes further in speculative and vague imaginings than he has ever ventured before, with the result that he has developed to an amazing extent a purposeless fantasy. Mr. Cabell is guilty also of a curious intellectual egotism. He thus assumes on the part of the reader a necessary interest and sympathy, perhaps even admiration, that are hardly justified by the book itself. The result is a mystery without interest, a fanciful construction of character and experience that does not stir the fancy. – New Orleans Picayune.
The author fails of making his dull characters humanely pitiable. But it is material for a short story, not for a novel. A single slight situation, and a group of persons who do not act as or change from the first page to the last are not heavy enough to weight a volume. – New York Post.
A rambling story, without form, and told in a blundering disorderly fashion. The work is uneven, […] with passages of gray dullness. – New York Tribune.


THE RIVET IN GRANDFATHER’S NECK
(A Comedy of Limitations)

A conventional Southern story. […] There is no new discernment, no stimulating social criticism. Mr. Cabell may think that he has discovered […] these things, and recently, but they are no discoveries to the rest of the world. There is no understanding in this book of social currents of the past, much less of the present. The story is [..] almost banal enough to become a best seller. – CLEMENT WOOD, in The New York Call.
Certainly the reading public of both North and South cannot forgive Mr. Cabell for writing a story in which not one man or woman is above reproach, not one who is not besmirched by scandal, not one who has any message of hopefulness to teach us how to live nobly. – Buffalo News, New York.
The title is not the only queer thing about Mr. Cabell’s novel, […] but the reviewer fails to find it significant. The women are not the kind one likes to read about, and […] the heroine is a good deal of a fool. The scheme of the book is impossible, and […] it is a mass of commonplaces, through which is run a thread of the wildly improbable. […] The book is illogical in the extreme, and ]…] it is not one that is likely to be long discussed or remembered. –Brooklyn Eagle, New York.
A story of the Robert W. Chambers sort. […] If the book is typical, there can be no regret that such people are disappearing. – Springfield Republican, Massachusetts.


THE CERTAIN HOUR
(Dizain de Poëtes)

A collection of „romantic“ tales about poets dead and gone, prefaced by a fatuous essay on literature. […] Two poems, far from poetic, are included in the book. – The Independent, New York.
After indulging in a trite and tedious prologue, in which he virtually goes over the ground we covered in college, on the significance of American literature, and gives his reasons for believing there is nothing worth while in literature at this time, the author offers some dozen short stories to prove his point – stories of his own composition. […] Dioes not create the proper illusions. […] The author is not true to the people and the times with which he deals. [..] Readers will prefer Mr. Black’s novel „Judith Shakespeare,“ […] or, for pure enjoyment, we might prefer „The Hessamy Bride.“ – Philadelphia Press.
It may please some, but it displeases others to encounter such stereotyped acerbity […] Why should a creative artist waste his time upon a form which has passed out of fashion even among the most juvenile? – San Francisco Chronicle.


THE CORDS OF VANITY
(A Comedy of Shirking)

About as poor stuff as one can find in a book put out by reputable publishers. […] The whole thing is slushy and disgusting. – Cleveland Plain Dealer, Ohio.
There is very little in the book either in manner or matter to commend it. – Utica Observer, New York.
The frontispiece is about the only commendable feature of „The Cords of Vanity.“ – New York World.
Why any author should waste his time in writing the memoirs of a heartless, selfish, penniless and conceited libertine, is more than most readers of this book will be able to understand. […] Pity it is that some more elevating subject might not be chosen. – Portland Journal, Oregon.
We close the book with a disposition to ponder upon the singular perversity of those who need a trespass-warning to keep them from so sterile and malodorous a field. […] Worse than immoral – dull. […] The narrative is cheap and sickly […] the effect is revolting. – New York Post.
Inconsequent and rambling, […] rather nauseating at times, […] a series of episodes of cold-blooded sordidness, […] a very unpleasant theme, […] a most disreputable character for hero. […] We cannot go further than this is commendation of the book. – A. L. SESSIONS, in Ainslee’s Magazine.


DOMNEI
(A Comedy of Woman-Worship)

The book is well bound, with colored illustrations. – Detroit News-Tribune.
There are four illustrations in color by Howard Pyle. – News-Leader, Richmond, Virginia.
The illustrations by Howard Pyle are gems of his talent as a colorist. – Philadelphia Press.
The book is attractively printed, with illustrations by Howard Pyle. – Boston Globe.
The story is illustrated with full-page pictures in color by Howard Pyle. – Pittsburgh Chronicle Telegraph.
The Pyle pictures are exceedingly spirited and colorful. – Brooklyn Standard Union, New York.
Will make a suitable Christmas present to a girl, and is illustrated in color by Howard Pyle. – JOSEPH M. QUENTIN, in The Portland Oregonian, Oregon.

This Comedy is now issued without illustrations.


JURGEN
(A Comedy of Justice)

Represents and is descriptive of scenes of lewdness and obscenity, and particularly upon pages 56, 57, 58, 59, 61, 63, 64, 67, 80, 84, 86, 89, 92, 93, 98, 99, 100, 103, 104, 105, 106, 107, 108, 114, 120, 124, 125, 127, 128, 134, 135, 142, 144, 148, 149, 150, 152, 153, 154, 155, 156, 157, 158, 161, 162, 163, 164, 165, 166, 167, 168, 170, 171, 174, 175, 176, 177, 186, 196, 197, 198, 199, 200, 203, 206, 207, 211, 228, 229, 236, 237, 238, 239, 241, 242, 271, 272, 275, 286, 321, 340, 342, 343 thereof, and is so obscene, lewd, lascivious and indecent that a minute description of the same would be offensive. JOHN G. SUMNER (Agent New York Society for the Suppression of Vice) in an affidavit.
While Mr. Cabell’s curiosity is possibly equal to the task, his intellect, his emotivity, his tastes, are not. […] His attempts at light irony are clumsy and obvious. […] „Jurgen“ is merely the recital of the erotic exploits of its hero, each exploit precisely like the last, each reduced by the author to the lowest common denominator of animalism. Granted that Mr. Cabell wishes to show himself a cynic in […] a theme not wholly new, he has shown himself only the more, dealing with it thus, as lacking imagination and art. – CONRAD AIKEN (an American writer) in The Athenaeum.

Durchaus noch ansprechend

Meine Bemerkungen als Deutschlehrer sind mir manchmal geradezu peinlich. Manchmal sind die Formulierungen so schwammig, dass jede Note dazu zu passen scheint. Wie kommt es zu Entgleisungen wie „“Durchaus noch ansprechend“?
„Ansprechend“ heißt: irgendwie positiv. Das Wort „gut“ muss man vermeiden, da man damit ja bereits eine Note nahelegt.
„Noch ansprechend“: Man lässt sich schließlich nicht über den Tisch ziehen. Nur nicht zu großzügig sein, das Lob rollt fast von der Zunge, wird aber von den Zähnen noch festgehalten und erst mal ein bisschen durchgeschüttelt.
Danach darf man wieder etwas großzügiger sein. „Durchaus“, das ist wohlwollend, großzügig, geradezu königlich aus der fahrenden Kutsche winkend.

Das geschieht alles aus gutem Willen und schlechter Gewohnheit.