Gedichte per E‑Mail

Unter dieser Adresse:http://www.lyrikmail.de/ kann man eine wöchentliche (oder werktägliche) Gedicht-E-Mail abonnieren. Dann kriegt man ein deutschsprachiges Gedicht zugemailt. Ganz selten sind Übersetzungen dabei, meistens sind es deutsche Gedichte der letzten dreihundert Jahre.
Ich hatte mal einen Deutsch-Grundkurs, von denen jeder diesen Dienst abonnieren musste. Montags kam das Gedicht, jeden Freitag wurde ein Schüler über das Gedicht ausgefragt. Das war nur kurz, viel hatte ich auch nicht verlangt: Ein bisschen was zur Form, ein bisschen was Epochentypisches, ein bisschen persönliche Stellungnahme.

Die Vorteile: Ich hatte jeden Freitag etwas auszufragen und zu benoten, auch wenn ich in der Stunde zuvor nichts Abfragbares gemacht hatte. Im bayerischen Schulwesen sind penibel festgehaltene Noten nämlich viel wichtiger, als sie eigentlich sein dürften, aber das ist eine andere Geschichte.
Außerdem bekamen die Schüler einen Überblick über Lyrik durch regelmäßige Lektüre, und sei sie noch so oberflächlich.

Vor allem sollten die Schüler im Umgang mit E‑Mails vertrauter werden. Es ist nämlich noch keinesfalls so, dass alle Schüler E‑Mail haben; meistens ist es aber doch ein Großteil. Wer keine E‑Mail hat, muss sich einen Ausdruck des Gedichts bei einem Mitschüler besorgen, das ist kein Problem. Schlimmer sind die Schüler, die ganz selbstverständlich behaupten, sie hätten E‑Mail – und dann vergessen sie alle paar Monate ihre Zugangsdaten, kommen nicht mehr an den Computer, die E‑Mail-Software ist abgestürzt.

Im ersten Jahr des Grundkurses lief das auch ziemlich regelmäßig und zuverlässig, im zweiten Jahr schlief die Praxis dann nach und nach ein.

Unter Poem of the Week gibt’s einen ähnlichen Dienst mit englischen Gedichten.

Das Schüler-Blog

Das Blog meines Deutsch-LKs ist im Lehrerfreund vorgestellt worden. Dabei wird meine innovative Idee gelobt, aber nur wenig darauf eingegangen, wie sehr ich dann doch manche Schüler dazu anhalten muss, Beiträge zu schreiben – klar, das sieht man nicht. Trotzdem geht die tatsächliche Leistung, was das Blog betrifft, nicht von mir aus, sondern allein von den Schülern. Die verfassen die Texte und machen damit die sichtbare Hauptarbeit. Ich weiß noch nicht mal genau, was ich damit erreichen will – mein Hauptanliegen ist wohl, die Schüler in eine wie auch immer geartete Öffentlichkeit zu zwingen. Damit sie nicht nur für den Lehrer schreiben, damit sie sorgfältiger schreiben, damit sie lernen, was öffentlicher Diskurs ist.

Da trifft sich der Beitrag im Lehrerfreund sehr gut. Die Besucherzahlen sind gestern in die Höhe geschnellt, ich hoffe, ein paar davon bleiben häufigere Leser.
Und bei dieser meiner eigenen Seite hier gibt es auch viel mehr Besucher (auch wegen Lehrer-Online). Herzlich willkommen! Auch hier hoffe ich, dass einige Leute bleiben werden. Natürlich sind Besucherzahlen überhaupt nicht wichtig. Außer ein bisschen.

US-Fernseh-Debatten, und Comics

Ich lese gerne manche Comics; andere Comics lese ich allerdings überhaupt nicht. Jedenfalls treibe ich mich gerne auf amerikanischen WWW-Seiten zu bestimmten Comic-Serien herum. Dort werden die jeweils neuesten Ausgaben diskutiert (und so gründlich interpretiert wie niemals ein Gedicht an einer Schule), aber das lese ich so gut wie nie.

Was mich vielmehr interessiert, ist jeweils die Rubrik “Vermischtes” oder “Politics and World Events”. Dort geht es gerade jetzt im Finale des Wahlkampfes hoch her. Außerdem erfahre ich dort eine Menge über amerikanisches Alltagsleben. Sehr erstaunt hat mich, wie routiniert die Teilnehmer an diesen Forums-Diskussionen mit Begriffen aus der Rhetorik umgehen. Sie scheinen das tatsächlich an der Schule zu lernen, und das wohl nicht nur im Rahmen von formalen Debates. (In debating societies übt man das rhetorisch geschickte Argumentieren, und dann wird öffentlich um Preise debattiert, mit Punktrichtern und vielen Zuschauern und allem drum und dran.) Begriffe wie “slippery slope” und “straw man” sind allen bekannt.

Natürlich kann man solche Kommentare auch in den Foren von amerikanischen Zeitungen verfolgen, so ähnlich, wie es bei uns bei Spiegel online ja auch ein Diskussionsforum gibt. Aber ich finde es bei den Comic-Fans gemütlicher. Sicher gibt es für andere Hobbies ähnliche Foren, in denen sich Briefmarkensammler oder was auch immer herumtreiben.

Peter David ist ein Comic-Autor, und in seinem Blog hat er die erste Fernsehdebatte von Bush und Kerry live und sehr ausführlich kommentiert, fast wie bei einem Boxkampf. Dazu kommen derzeit 104 Kommentare von Lesern seines Blogs, die einem einen interessanten Einblick in die amerikanische Gedankenwelt geben. Bei Peter David schaue ich eigentlich täglich vorbei, er schreibt viel über amerikanische Fernsehserien, die Comic-Industrie, den Wahlkampf, Medien.

Ein Comic-Forum gibt es zum Beispiel unter www.joequesada.com. Das ist die Seite von Joe Quesada, dem derzeitigen Chefredakteur von Marvel Comics. Die Startseite hat allerdings einen äußerst störenden Flash-Hintergrundsound, das Forum kann man aber auch direkt anspringen unter http://www.joequesada.com/cgi-bin/ikonboard/ikonboard.cgi. Dieses Forum ist vermutlich dann am interessantesten, wenn man keine Scheu vor Comic-Fans hat.


slippery slope: Um zu zeigen, dass eine Behauptung p inakzeptabel ist, baut man eine Folge von immer inakzeptabler werdenden Behauptungen auf, und zeigt, wie sie aus p folgen. Logisch nicht haltbar, ein Scheinargument.
Beispiele:

Man soll nie glücksspielen. Wenn man anfängt, kann man nicht mehr aufhören. Bald gibt man sein ganzes Geld nur für Glücksspiel aus, und irgendwann wird man kriminell, um sich das leisten zu können.

Wenn ich für dich eine Ausnahme mache, muss ich für jeden eine Ausnahme machen.

straw man: Man greift die Gegenseite an, indem man sich eine besonders schwache Fassung eines Gegenarguments heraussucht, und das bessere Argument der Gegenseite ignoriert. Ebenfalls ein Scheinargument.
Beispiele:

Wir brauchen die Wehrpflicht. Die Leute wollen nicht zum Militär, weil sie das unbequem finden. Aber es gibt schließlich Wichtigeres als Bequemlichkeit.

Die Leute, die gegen Bush jr. sind, stören sich ja nur daran, dass sein Vater bereits Präsident war. Es gibt aber keinen Grund, davon auszugehen, dass ein Sohn nicht ebenso gut oder noch besser dazu geeignet sein sollte, als sein Vater; das hat nichts mit Protektion zu tun.

Magic 8 Ball

Ah, Amerika! In den USA ist er liebe Erinnerung an frühe Teenagerjahre, hierzulande kennt man ihn allenfalls aus einzelnen Episoden amerikanischer Fernsehserien: den Magic 8 Ball.

Beim Billardspiel ist die 8er-Kugel schwarz, und kann zu einem frühen Spielende führen, wenn sie einem in die Quere kommt. Manchmal scheint sie den Spieler teuflisch zu verfolgen, kein Wunder, steckt sie doch voller Magie.
Die noch magischere Version davon ist ein beliebtes Kinderspiel aus Plastik, etwa doppelt so groß wie eine echte Billardkugel. Dafür hat der Magic 8 Ball aber auch auf der Unterseite ein Fenster, in dem die Kugel wie von Geisterhand Antworten auf die Fragen des Benutzers gibt. Die Antworten reichen von “Yes” und “It is certain” und “It is decidedly so” bis zu “My sources say no” und “Don’t count on it”. Selbst die magische schwarze Kugel ist nicht allwissend, sie gibt das aber auch zu: “Ask again later” und “Reply hazy, try again”.
Auf alle Lebensfragen, wenn sie denn in Ja-Nein-Form gestellt sind, gibt die magische Kugel Antwort.
(Die Fragen drehen sich meistens darum, ob man in dem und dem Alter schon verheiratet ist, und ob man Kinder haben wird. Auch noch bei Elftklässlerinnen, ich hab’s mit eigenen Augen gesehen. Nicht: Werde ich Erfolg im Beruf haben und den Nobelpreis gewinnen?)

Sicherheitshalber steht auf der Verpackung der Hinweis, es handle sich bei dem Magic 8 Ball um ein Spielzeug, das keinesfalls wirklich die Zukunft voraussagen könne.

Auf der Seite Secrets of the Magic 8 Ball revealed! hat ein Freund der Kugel den Traum jeden Besitzers erfüllt und das Ding auseinandergenommen und erklärt, wie es funktioniert. Na ja, wie es funktioniert hat – nach dem Auseinandernehmen ist das Teil nämlich kaputt.

The Public 8 Ball ist was für Geeks: Dort ist eine Webcam auf einen Ball gerichtet, der in einem Lego-Gerüst steckt; man kann Fragen hinschicken, der Linux-Rechner sendet Signale per Infrarot an die Lego-Teile, die den Ball drehen, und das Ergebnis zurückschicken.… Ausführlich wird die Technik erklärt, aber leider funktioniert das Teil zur Zeit leider nicht. Vielleicht hat ja mal jemand später Glück damit.

Bei Amazon – selbst in Deutschland – kann man ein Exemplar kaufen. In den USA sind sie billiger, aber das ist trotzdem ein nettes Geschenk für USA-Freunde.

Und in der Schule kann man damit prima Ja-Nein-Fragen wiederholen.

Das Ende der Welt ist nah!

McSweeney’s Mammoth Treasury of Thrilling Tales enthält neu geschriebene Geschichten im Stil der alten Pulp-Erzählungen. Das Inhaltsverzeichnis passt im Stil dazu, und jede Geschichte wird von einer passend altmodisch-auftregenden Illustration eröffnet.

Eine der Geschichten ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: “Otherwise Pandemonium” von Nick Hornby. Ein männlicher Teenager kommt an einen gebrauchten Videorecorder. Durch Zufall stellt er fest, dass der Recorder auch funktioniert, wenn keine Kassette eingelegt ist – dass er das aktuelle Fernsehprogramm zeigt, aber mit der Möglichkeit, durch Vorspulen in die Zukunft zu schauen.
Und so schaut sich der Held die Zukunft an. David Letterman, das Wetter, Verkehrsunfälle, Sportveranstaltungen. Er kommt selbst darauf, dass ihm das auch nicht dabei hilft, mit seinen Mitschülern etwa cool und lässig über Sport zu reden. Also himmelt er weiter still eine Mitschülerin an und schaut alleine weiter in die Zukunft. Schaut sich die Episode an, in der Joey und Phoebe heiraten, aber meistens spult er einfach vorwärts: ständig den Daumen auf dem Knopf der Fernsteuerung. Irgendwann fällt ihm auf, dass die Nachrichtensendungen immer länger werden. Und irgendwann kommen nur noch Nachrichten. Und irgendwann dann nur noch Rauschen. Static. Kein Bilder mehr. Nur noch Rauschen. Er spult zurück, schaut sich die Nachrichtensendungen noch einmal genauer an.

Er erzählt der Mitschülerin davon, zeigt ihr den Recorder und das Programm, und die beiden beschließen, ihre noch verbleibende Zeit zu nutzen.

- Mich hat diese Geschichte an eine andere erinnert, die ich vor über zwanzig Jahren gelesen haben muss, und die ich versuche wiederzufinden. Sie war möglicherweise in einem alten Heyne-SF-Taschenbuch abgedruckt. Es geht darin um ein Medium, das in die Zukunft schauen kann, oder das vielleicht auch nur behauptet, so genau weiß ich das nicht mehr. Tatsächlich kann diese Person aber sehen, wenn jemand in Kürze, also ein paar Monaten, stirbt: dann erkennt sie in der Handfläche der jeweiligen Person einen großen schwarzen Punkt.
Und irgendwann sieht sie immer mehr schwarze Punkte an immer mehr Menschen, und irgendwann sieht sie dann an jedem schwarze Punkte, ohne genau zu wissen, was es ist, dass da kommen wird.

Wenn mir irgend jemand mit Details zu dieser Geschichte aushelfen könnte, wäre ich sehr verbunden.

Wie man fürs Shakespeare-Jahrbuch schreibt

Gelegentlich bilde ich mich ja an der Uni weiter. So war das auch im Frühling letztes Jahr. Es ging um Shakespeare in der Schule – so ließ es der Titel der Ringvorlesung zumindest vermuten. Tatsächlich ging es dann nur um verschiedene Interpretationsansätze zu Coriolanus, und wie man die in der Schule verwenden kann. Aber wenn ich im Englischunterricht nur ein Shakespeare-Drama in der Schule lese, dann wird das sicher nicht Coriolanus sein.

Trotzdem konnte ich der Vorlesung Interessantes abgewinnen. Die Diskussion im Anschluss daran war lebhaft; Besucher der Ringvorlesung waren vor allem Lehrer und Lehramtsstudenten, also Praktiker. Der Lehrplan sieht die Lektüre eines Shakespeare-Dramas im Englisch-Leistungskurs vor. Die Schüler tun sich schwer mit der Sprache, aber dennoch ist das so etwas wie das Meisterstück eines Englischschülers. Ausgeklammert wurde die Frage, wie sinnvoll es überhaupt ist, Shakespeare zu lesen, solange die Schüler noch nicht mal hinreichend in der Fremdsprache kommunizieren können. Ich habe da meine Zweifel, bin aber dennoch froh, zu Shakespeare gezwungen zu sein – der macht mir nämlich sehr viel Spaß, und das kann ich den Schülern vielleicht auch vermitteln.

Jedenfalls saß ich ganz vorne und redete fleißig mit, immer nach einem kurzen Rundblick, ob ich die anderen auch zu Wort kommen lasse.

Und da saß dann eine selbstbewusst gekleidete Dame im Publikum, die ebenfalls mitredete, und danach für ein Jahrbuch oder so Beiträger suchte. Ich fühlte mich nicht angesprochen, ich habe ja auch nicht in München studiert und kenne da niemanden, und bin ohnehin eher Sprach- als Literaturwissenschaftler.
Aber danach kam die Dame noch einmal zu mir und fragte, ob ich nicht doch etwas für das Shakespeare-Jahrbuch schreiben würde. Sie wirkte ein kleines bisschen überrascht, dass ich sie nicht kannte (ich musste fragen, wie ich Kontakt zu ihr aufnehmen sollte).

Zu Hause hat mich dann meine Frau daran erinnert, dass Ina Schabert eine der Shakespeare-Königinnen Deutschlands ist. Und so stehe ich also mit folgendem Aufsatz im Shakespeare-Jahrbuch 2004.

Natürlich ist das keine Riesenleistung; man könnte viel öfter an den verschiedensten Zeitschriften mitarbeiten, angefangen mit den für den eigenen Beruf relevanten (wie Praxis Deutsch oder Der fremdsprachliche Unterricht oder so). Aber es ist mein erster Aufsatz seit der Uni. Ich musste wieder mal Korrekturabzüge lesen, nur diesmal nicht für den Prof, sondern für mich selber. Dann musste ich monierte Schwachstellen verbessern, und nicht monierte Schwachstellen ignorieren – inzwischen studierte ich Informatik und hatte nicht mehr viel Zeit.
Trotzdem habe ich mir gewiss Mühe gegeben mit dem Aufsatz, und er war mir auch ein Anliegen. Schließlich mag ich Shakespeare, und lese ihn gerne, und will meinen Schülern vermitteln, wie vergnüglich Shakespeare ist.

Für die alte Rechtschreibung kann ich nichts.

Pokale für Lehrer

Es ist ein Gerücht, dass es einen Wanderpokal für die erste gehaltene Ex im Schuljahr gibt: Aber dieses Jahr haben gleich zwei Kollegen Schüler und Schülerinnen verwirrt, indem sie in der jeweils dritten gehaltenen Stunde in ihrer Klasse eine Ex geschrieben haben.

Andere Pokale wären: Die am knappsten vor dem Notenschluss geschriebene Schulaufgabe (der sogenannte Mitternachtskorrekturpreis).

TU München

Zahnpflege für Mammutstoßzähne?



Die Wahrheit ist noch unglaublicher: Im Mathematik- und Informatikgebäude der TU München in Garching gibt es einen großen überdachten Lichthof, um den wie in einer Galerie die einzelnen Hörsäle und Büros angeordnet sind. Unten lümmeln sich dann die Studenten an Tischen und Bänken, trinken Kaffee und krümeln Donuts in ihre Laptops.
Und von oben bis unten gibt es diese langen, gekrümmten, schwarzen Röhren, die vage nach Kunst aussehen, tatsächlich aber: Rutschen sind. Man setzt sich auf ein bereitgestelltes kleines Stück Teppich und rutscht hindurch und herunter.
Vielleicht traue ich mich nächstes mal ja. Wenn dann nicht wieder geputzt wird.

Nachtrag: Hier eine Videoaufnahme vom Durchrutschen.

Vorerst, weil ich so stolz bin, mein erstes Assemblerprogramm. Das lernen wir nämlich gerade in Informatik.

	SEG
init:
	MOVE W I 1, R0
	MOVE W I 1, R1
	MOVE W I 5, R2
	MOVE W I 2, R3
rechnen:
	SUB W R3, R2, R4
	CMP W R3, R4	
	JLT start
	MOVE W R4, R3
start:
	JUMP test
for:	
	SUB W R0, R2, R4
	ADD W I 1, R4
	MULT W R1, R4
	DIV W R0, R4, R1
step:
	ADD W I 1, R0
test:
	CMP W R0, R3
	JLE for
end:
	HALT
	END

Deswegen komme ich gerade auch so wenig zum Posten.

Ray Bradbury, Löwenzahnwein (mit Rezept)

Bradbury ist einer der ganz, ganz Guten.
Dandelion Wine (dt. Löwenzahnwein) ist wie viele der Romane von Bradbury eigentlich eine thematisch verbundene Sammlung von Kurzgeschichten. Die Verbindung ist diesmal Douglas Spaulding, zwölf Jahre alt, und der Sommer, den er Anfang der 30er Jahre in Bradburys fiktiver Kleinstadt Green Town, Illinois erlebt. Er führt eine Liste, was er in diesem jahr, in diesem Sommer, alles zum erstenmal gemacht hat. Amazon.de drückt es gut aus:

“Es ist ein Sommer voller Schrecken und Wunder, den der zwölfjährige Douglas Spaulding in Green Town, Illinois, erlebt. Es kommen vor: ein Trödler, der Leben rettet; ein Paar Turnschuhe, in denen man schnell wie eine Gazelle laufen kann; eine menschliche Zeitmaschine; eine Hexe aus Wachs, die wirklich die Wahrheit sagt; ein Mann, der beinahe alles Glück zerstört, indem er eine Glücksmaschine baut. […]
Im Laufe dieses Sommers wird Douglas bewusst, dass auch er eines Tages sterben wird, und gerade deswegen spürt er um so intensiver, was es heißt, zu leben.”

Die Geschichten sind sentimental, gruslig, lustig, phantastisch. Sie spielen etwa zeitgleich mit der Fernsehserie “Die Waltons”, also Anfang der 30er Jahre. Es geht ums Älterwerden, um Abschiednehmen. Symbolisch für den Sommer und die gesammelten Erinnerungen stehen die Flaschen voll flüssigen Sommers im Keller: Löwenzahnwein (ein tatsächlich während der armen Depressionszeit häufig gebrautes Getränk). “Dandelion wine. The words were summer on the tongue. The wine was summer caught and stoppered.”

Gerade jetzt im Herbst ist man froh, wenn man noch ein Fläschchen im Keller hat.

 


(Aus: William F . Nolan, The Ray Bradbury Companion. A Life and Career History, Photolog, and Comprehensive Checklist of Writings With Facsimiles From Ray Bradbury’s Unpublished and Uncollected Work in all Media. Detroit: Gale 1975.


Ein Rezept für Löwenzahnwein.

Vor über zehn Jahren hatte ich mühsam Rezepte gesucht, und drei ausprobiert; das hier lieferte das beste Ergebnis. Das war vor dem WWW, heute könnte man vielleicht noch bessere Rezepte finden – oder ursprünglichere, denn meines stammt, ähem, aus Frankreich.

Drei Liter Löwenzahnblüten (früh im Sommer gepflückt, so daß noch viel Nektar darin enthalten ist) mit 4 l kochendem Wasser übergießen und 24 h ziehen lassen. Danach die Blüten herausnehmen, und 500 g Rosinen, 3 Orangen und 3 Zitronen (jeweils in Stücken) dazutun. Außerdem kommen noch 3 ½ Pfund Zucker hinein.
Das ganze 21 Tage lang stehen lassen und jeden Tag einmal umrühren (mit Liebe umrühren, darauf legte meine Quelle besonderen Wert).
Danach filtern und in Flaschen füllen, die nicht luftdicht verschlossen sein sollten. Jetzt noch 6–8 Wochen stehen lassen. (Besser noch ein halbes Jahr; das war jedenfalls meine Erfahrung.)

Li’l Elder Williams

Wenn man an Comics denkt, denkt man an Zeichnungen. Es geht aber auch ohne.

Viele kennen vielleicht die Simpson-Episode, in der Bart an ein Funkgerät kommt, das in einen alten Brunnenschacht fällt. Passanten hören die Stimme Barts aus dem Brunnen, und Bart tut so, als wäre er ein Junge, der in den Brunnen gefallen ist, worauf sich eine große Hilfsaktion entwickelt.
Das Kind, das in den Brunnen fällt, ist ein alter amerikanischer Topos, glaube ich.

Shane Simmons ist ein kanadischer Autor von, unter anderem, Comics. Ich habe schon über seine Longshot Comics geschrieben. Er hat sich in Li’l Elder Williams des Kindes im Brunnen angenommen. Auf der Titelseite des nur etwa postkartengroßen Heftchens sieht man gerade noch, wie Li’l Elder Williams mit einem “Whoops!” in den Brunnen fällt; darauf folgen 16 kurze Geschichten über das Kind am Boden des Brunnenschachts. Jede Geschichte besteht aus einer Titelzeile (mit jeweils einem wechselnden Ausspruch des Knaben) und aus neun einzelnen, jeweils gleich angeordneten Panels: Alles ist schwarz, man sieht nur weit oben das Ende des Brunnens, und unten die im Dunkeln leuchtenden Augen des Jungen, dazu die Sprechblasen. Anders gesagt, das Comic enthält keine Zeichnungen. Aber die braucht es auch gar nicht. Hier ein Beispiel:

Shane Simmons verzichtet bei Li’l Elder Williams auf bestimmte Elemente der Comic-Sprache: Auf Zeichnungen, aber auch auf Anzahl, Form, Anordnung und Rahmenform der einzelnen Panels. Man sollte meinen, es bliebe nicht genug übrig, um noch ein interessantes Comic produzieren zu können. Stattdessen sieht man aber deutlicher, welche anderen Elemente der Comicsprache es noch gibt: der Text natürlich, aber auch die Form der Sprechblasen (1. Panel), die geschlossenen Augen des Jungen durch einfaches Weglassen (1. Panel), Soundwörter und wie sie geschrieben sind (7. Panel). In anderen Episoden wird der regelmäßige Takt durch die regelmäßige Anordnung der Panels deutlich; einzelne Panels ohne Sprechblasen markieren Pausen.

Li’l Elder Williams kann man neben anderen Minicomics für einen Dollar kaufen bei Shane Simmons.

Sobald mir etwas einfällt, wie ich diese Idee klauen kann, will ich solche Comics auch mal mit Schülern entwerfen. Wo ist es denn noch so dunkel, dass man fast nichts sieht? Oder so hell, dass alles weiß ist? Nachts ist es überall dunkel, okay. Aber ein weiterer Vorteil des Brunnenschachts ist, dass die Form der Panels auch der Form, der Enge des Brunnenschachts entspricht. Bei einer Serie “Nachts auf dem Schulgelände” wären die Grenzen der Panels willkürlicher gesetzt. Außerdem enthält die Idee mit dem Brunnen natürlich – siehe Simpson-Episode – auch ein dramatisches Moment, mit dem man arbeiten kann. Statt Brunnenschacht vielleicht Gespräche in einem Aufzug, die Sprechblasen durch die geschlossene Aufzugtür gehört? Aber Sprechblasen vor einer gezeichneten Tür sind etwas schwieriger zu positionieren als Sprechblasen vor schwarzer Fläche.
Vielleicht fällt mir ja noch etwas ein.