Spanisch-Kurs! (Und mehr.)

Eigentlich wollte ich nach den langen Posts der letzten Tage so schnell nichts mehr posten, aber aus Termingründen eine eilige Notiz.

Seit zehn Tagen kommt auf Bayern Alpha jeden Wochentag um 22.15 Uhr “Extra en español” – ein fantastischer Spanischkurs, mit dem ich mein Spanisch ein bisschen aufpeppe.
Es geht um die Abenteuer von Lola und Ana, die sich in Barcelona eine kleine Wohnung teilen; gegenüber wohnt Pablo, und Gast aller ist der Amerikaner Sam – ein heimlich reicher Millionenerbe, den es nach Spanien verschlagen hat.
Das klingt nach Sitcom und ist auch eine, komplett mit Dosengelächter. Sonst hat das ganze kaum Merkmale von Schulfernsehen; die Leute sprechen halt etwas langsamer und nicht zu kompliziert. Aber die Handlung ist witzig; die Schauspieler dürfen wunderbar übertreiben. Sehr witzig; eine englische Produktion.

Und morgen, Samstag 4. September, werden auf Bayern Alpha von 11.15 bis 13.20 noch einmal die Folgen 8–12 gezeigt; die letzte der 13 Folgen gibt’s dann Montag nacht beziehungsweise am Samstag darauf. Wer Spanisch lernt, unterrrichtet, oder lernen will: Aufnehmen!.
Folge 3 gibt es auch morgen um 6.00 Uhr auf NDR, Folge 4 auf NDR um die gleiche Zeit am 11.9., und so weiter – wer also schnell reagiert, kann sich die Folgen 3–13 noch auf Video sichern.

Vermutlich hätte mich all das immer noch nicht dazu gebracht zu posten – aber ab Montag, 13.9. gibt es um 8.30–9.00 Uhr auf SWR Extra Deutsch, Folge 1: Sams Ankunft.
Ich nehme mal an, das sind die gleichen 13 Episoden, nur eben in Köln statt in Barcelona, oder was auch immer, und gedacht zum Deutsch lernen.
Der Channel-4-Webseite entnehme ich, dass es Extra auf Spanisch, Deutsch und Französisch gibt. Auf dieser Seite gibt es auch begleitendes Material zu Extra.

Ich meine, ich bin ja eh begeisterter Schulfernsehgucker, aber das finde ich brillant. Auf Extra Deutsch bin ich schon sehr gespannt.

The Jazz Singer II

In meinem letzten Eintrag habe ich meine Vorkenntnisse zu The Jazz Singer dargelegt, den Arte letzte Woche in einer 1998 restaurierten Fassung gezeigt hat. Wie geschrieben, war ich nicht wirklich vorbereitet auf das, was kommen sollte.

Überraschung 1: Der Film, oft gepriesen als erster Tonfilm, ist das nur zum Teil. Nur die Musiknummern und ein paar Zeilen gesprochener Text um sie herum hat synchronisierten Ton, der Rest ist Stummfilm, komplett mit Texttafeln. Aber es gibt etliche Musiknummern: In dem Film geht es um Gesang, er ist gedreht nach einem Theaterstück mit Gesang; der Hauptdarsteller war berühmt als Sänger. Ich glaube, man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie der plötzliche Originalton auf das Publikum gewirkt hat.

Überraschung 2: Den Film kriegt man weniger oft zu sehen, als er es verdient hat. Stummfilme gehen nicht gut, hierzulande sagt einem dieser Film eh nicht viel, und in den USA ist der Film heute vielen aus Gründen der political correctness peinlich. Es gibt nämlich die Tradition des blackface: Weiße Entertainer schminken sich schwarz, die Lippen bleiben ausgespart und sehen so wesentlich größer aus; und dann singt der Entertainer in der Rolle eines Schwarzen. In The Jazz Singer ist aber nur eine einzige Blackface-Nummer, wenn auch zweimal gebracht: Zuerst hinter, danach vor der Bühne – und diese Nummer bringt die Handlung voran und gibt Sinn. (Zu blackface später mehr. )

Überraschung 3: Aber jüdisch ist der Film bis ins Mark; warum hat mir das keiner gesagt?

Wir beginnen mit ein paar Straßen- und Marktszenen im jüdischen Ghetto in New York. Überblendung auf Kantor Rabinowitz, der in der fünften Generation Kantor. Sein dreizehnjähriger Sohn Jakie Rabinowitz soll einmal nach ihm Kantor werden und am Abend Kol Nidre singen, aber Jakie treibt sich lieber in einer Kneipe herum und singt Jazz (erste Musiknummer). (Das ist aber nicht der Jazz, der heutzutage spät nachts in den Regionalprogrammen kommt, sondern einfach die Erwachsenen-Popmusik dieser Zeit; noch keine Kunstform, sondern verrufene Schwarzen- und vor allem Kneipenmusik. Gute Musik; das, was später Bing Crosby und Frank Sinatra singen.)
Es kommt zum Streit, auch die liebende Mutter Sara kann nicht schlichten. Während der Vater am abend Kold Nidre singt (zweite Musiknummer) verlässt Jakie die Familie und geht ins Show Business. Er schlägt sich recht und schlecht durch (dritte und vierte Musiknummer), nur manchmal denkt er traurig an Mutter und Vater – etwa wenn er in Chicago das Konzert des Kantors Joseff Rosenblatt besucht (fünfte Musiknummer).
Schließlich erhält er seine große Chance: Eine große Revue in New York. Er besucht seine Eltern und freut sich immens, seine Mutter wieder zu sehen. Er erzählt ihr begeistert von der Revuew und singt seiner Mutter ein Lied daraus am Klavier vor (“Blue Skies” von Irving Berlin) (sechste Musiknummer). Da erscheint sein Vater; der alte Streit ist nicht beigelegt – Jakie, der sich jetzt Jack Robin nennt, möchte auf der Bühne singen und nicht in der Synagoge. “Verlasse dieses Haus!” und “Ich habe keinen Sohn mehr.”

“The Eve of the Day of Atonement” / “Der Vorabend des Versöhnungstages” – Während der Proben für die Revue erkrankt Jakies Vater – sein Herz ist gebrochen. Sara Rabinowitz besucht ihren Sohn und will ihn überreden, statt des Vaters Kol Nidre zu singen; es würde dem im Sterben Liegenden vielleicht neuen Lebensmut geben. Aber die Revue ist die Chance, auf Jack sein Leben lang gewartet hat. Es ist Generalprobe; die Mutter sieht ihn in blackface und meint: “Jakie, this ain’t you?” Der mitgekommene Freund der Familie: “He talks like Jakie – but he looks like his shadow.”
Während Jack “Mother of mine” probt (siebte Musiknummer) , sieht die Mutter ein, dass ihr Sohn auf die Bühne gehört, und verlässt das Theater. Die Nummer ist hier zwar in blackface, aber sonst überhaupt nicht in der Rolle eines Schwarzen. “Mother of mine, I’m sorry I wandered away, breaking your heart” – im Finale wird das noch einmal aufgenommen werden.
Jack besucht nach der Probe, kurz vor der Premiere, seinen sterbenden Vater. Sie versöhnen sich. Die Szenen sind sentimental, aber wirkungsvoll. Es gibt immer noch keinen Sänger für Kol Nidre in der Synagoge. Seine Bühnenpartnerin und der Produzent treiben Jack in der Wohnung seiner Eltern auf und verlangen von ihm, sofort mit zum Theater zu kommen. Wie wird sich Jack entscheiden?

- Die Premiere fällt aus. Jack singt Kol Nidre (achte Musiknummer), sein Vater hört ihn vom Krankenbett aus; parallel geschnittene Szenen Synagoge-Krankenzimmer; der Vater stirbt in Frieden, während Jack singt.
Etwas sehr schnell geht es dann weiter mit “The season passes – and time heals – the show goes on.” Die Show hat es anscheinend doch noch auf die Bühne gebracht; das Haus ist voll; Jacks Mutter sitzt im Publikum. Al Jolson als Jack Robin singt voller Schwung seine Glanznummer: “Mammy” (neunte Musiknummer). Diesmal passt das blackface immerhin zum Text: Jolson/Jack singt von seiner “mammy” in “Alabammy”.

Ende.

Wow. Die Geschichte funktioniert als Film besser, als man vielleicht denkt; anders gesagt, der Film hat sich gut gehalten. (Es gibt zwei Remakes des Films; außerdem spielt eine Simpsons-Episode darauf an, in der es um die Vergangenheit von Krusty dem Klown geht: Er ist Sohn eines Rabbis, mit dem er sich zerstritten hat, weil Krusty Komiker werden wollte statt Rabbi wie sein Vater. Bart und Lisa versöhnen die beiden miteinander.)
Jacks Konflikt wird in sentimentalen und herzergreifenden Szenen dargestellt. Das geschieht etwas zu ausführlich; es gibt meiner Meinung nach unnötige strukturelle Wiederholungen: Zuerst kommt der Freund der Familie ins Theater, um Jack zu holen (allerdings eine sehr lustige Szene, wie der konservative Jude auf die frivole Bühnenwelt trifft), dann die Mutter; erst muss er sich zwischen Generalprobe und Synagoge entscheiden, dann zwischen Premiere und Synagoge. Variety bemängelte 1927 die fehlende Liebesgeschichte, die ich selber nicht vermisst habe; ansonsten schrieben sie Folgendes:

Undoubtedly the best thing Vitaphone has ever put on the screen. The combination of the religous heart interest story and Jolson’s singing ‘Kol Nidre’ in a synagog [sic] while his father is dying and two ‘Mammy’ lyrics as his mother stands in the wings of the theater, and later as she sits in the first row, carries abundant power and appeal.
[…] Al Jolson, when singing, is Jolson. There are six instances of this, each running from two to three minutes. When he’s without that instrumental spur Jolson is camera-conscious. But as soon as he gets under cork the lens picks up that spark of individual personality solely identified with him. That much goes with or without Vitaphone [i.e. the synchronized sound system]. (Variety 1927)

Wunderbar, diese Formulierung: “as soon as he gets under cork” – damit ist der verbrannte Korken gemeint, mit dem früher das Gesicht schwarz angemalt wurde.

Besonders faszinieren mich an diesem Film zwei Dinge:

Der Umgang mit dem Judentum. Die Hauptpersonen des Films sind Juden, weil nur so diese Handlung denkbar ist. Ihr Leben findet in einer jüdischen Welt statt, die dem Publikum damals vertraut gewesen sein muss. Natürlich waren viele Mitglieder des Showbusiness selber Juden – aber das Publikum doch nicht. (Immerhin war das Stück schon am Broadway ein Erfolgt.) Und dennoch wird weder erklärt, was ein Kantor ist. Oder was Kol Nidre ist. Warum Jakie auf der Bühne Jack Robin heißt. Oder dass Kantoren berühmt genug sind um Gastkonzerte in anderen Großstädten zu geben. Das scheint alles als bekannt vorausgesetzt worden sein.
Dabei ist das kein exklusiv jüdischer Film. Es geht nicht ums Judentum; Judentum ist nicht das Thema. Es ist Voraussetzung für die Handlung, auf eine Art und Weise, wie das heute kaum mehr möglich ist.
Den Kantor Rosenblatt, dessen Konzert Jack in Chicago besucht, gab es übrigens wirklich: Er spielt und singt sich im Film selber; außerdem singt er in der ersten Nummer den Vater von Jakie. In einem Auszug aus Yossele Rosenblatt, einem Buch, das sein Sohn 1954 über ihn geschrieben hat, wird erzählt, wie es zu Kantor Rosenblatts Rolle in The Jazz Singer kam.

Al Jolson, der größte Entertainer der Welt: Ich hatte keinen Grund, davon auszugehen, dass an dieser Behauptung irgendwas Wahres ist. Und die Frau Rau hat er auch ziemlich kalt gelassen; aber sie hatte vorher auch noch keine seiner Nummern gehört, während ich zumindest “Mammy” und “Toot, Toot, Tootsie Goodbye” in den Jolson-Versionen kannte. Und vor allem bei dieser zweiten Nummer hat sich sein Auftritt als ungemein energiegeladen herausgestellt. Warum mich das so beeindruckt hat? Ich weiß nicht. Natürlich wirkt vieles etwas antiquiert. Und dazu das übertriebene Makeup und die Mimik des Stummfilms. Aber trotzdem blieb noch viel Präsenz für mich übrig; auf ein Konzert mit Al Jolson würde ich gerne gehen.

[A] leathery baritone, that could sing like a lark, wail like a wounded animal, declaim like a street-corner soapbox orator, hit the high notes, and then zoom down again in a delightful nasal slur-slide. […] And if all these tricks didn’t work, then Al grabbed their attention by whistling and clapping and snapping his fingers. Or else he went into his own special ragtime dance, full of wriggles and slides and hands on hips. Nobody slept when Al was working. (Ian Whitcomb im Begleitheft zu einer CD mit den Film-Aufnahmen von Jolson)

Sein Gesang ist bei “Blue Skies”, ein bisschen – ist manieriert das richtige Wort? (Ich kenne mich bei Musikterminologie überhaupt nicht aus.) Ich sehe das lieber so, dass er einfach zu viel Energie hat; er kann einfach nicht ruhig singen, so wie andere Leute nicht ruhig sitzen können. Ständig zappelt er mit der Stimme.
Ich habe mir jedenfalls gleich bei eine Doppel-CD bestellt; hier bei Amazon kann man in einige Nummern reinhören.

Jolson war selber Sohn eines sehr strengen Kantors; der Film basiert auf einem Stück von Samson Raphaelson, nach seiner Kurzgeschichte, inspiriert von Al Jolsons Leben. Hier ist eine kurze Biographie aus der Sicht eines Freimaurerkollegen.
Auf der Bühne spielte George Jessel die Rolle von Jakie Rabinowitz; er wollte die Rolle im Film aber nicht übernehmen, ebenso wenig wie Eddie Cantor, dem sie nach ihm angeboten wurde. Keine für sie sehr geschickte Entscheidung, im Nachhinein betrachtet.
Auf dieser Al-Jolson-Website kann man einige Videoclips anschauen.

“If you don’t get my letter then you’ll know that I’m in jail.” Das ist eine Zeile aus “Toot, Toot, Tootsie Goodbye”; in dem Lied nimmt ein Mann von seiner Freundin (?) Abschied. Ich selber bin der Zeile, die vermutlich weit verbreitet ist und keineswegs in diesem Lied ihren Ursprung haben muss, zum ersten Mal begegnet in “On the Nickel” von Tom Waits: Ein sehr poetisches und wunderschönes Abschiedslied. (Auf der Platte Foreign Affairs ist ein Medley “Jack & Neal/California, Here I Come”; letzteres ist eine bekannte Al-Jolson-Nummer.)

Exkurs: Blackface Die Konvention, sich als Weißer schwarz zu schminken, stammt aus einer Zeit, als Schwarze praktisch nicht auf der Bühne zugelassen waren. Und später mussten teilweise auch diese blackface auftragen, wenn ihre Haut nicht dunkel genug war; das stand zumindest bei dieser kurzen Verteidigung und historischen Einordnung des blackface anlässlich einer Amateuraufführung von Show Boat. Blackface wird dort unterschieden von der Tradition der minstrel show, aber das ist eine andere Geschichte.

Aus dieser Quelle auch folgendes Zitat:

Just before the show opened, I went to New Orleans to talk to black blues singers – about Jolson and the whole business of whites blacking their faces. It was the artist rejoicing in the name Tugboat Henry who put it all into perhaps astonishing perspective for me: “No, you couldn’t do it today with anything like the same effect,” he said. “But we should always be grateful for Jolson. He gave us a dignity which no one else was letting us have.” And then he said, pointedly, “The only other person who did that for us was Jerome Kern with Show Boat”.

Das alles heißt nicht, dass es nicht auch Künstler in blackface gab, die lediglich negative Stereotypen darstellten.

Die berühmtesten Künstler in blackface waren vielleicht Amos & Andy – als Radioprogramm, das von den späten 20ern bis in die 40er Jahre lief (und darüber hinaus, aber das ist eine lange, andere Geschichte; und 1932 gab’s auch einen Kinofilm). Heute ist die Show aus Gründen der political correctness nicht mehr zu sehen oder zu hören; dabei sind vor allem die frühen Episoden immer noch gut und keinesfalls rassistisch – wenn man die Prämisse, dass Weiße Schwarze spielen, nicht schon als Rassismus gelten lassen will. (Das gilt übrigens keinesfalls für alle Radiosendungen dieser Zeit, oder alle Sendungen, in denen Weiße Schwarze spielen; Amos & Andy beziehungsweise Freeman S. Gosden und Charles V. Correll waren nun mal die besten ihrer Art.) Vor allem die frühen Episoden – täglich 15 Minuten – waren Straßenfeger, und das weniger wegen des Klamauks, sondern wegen der spannenden Soap-Opera-Fortsetzungshandlung: damals ein völlig neues Konzept. Kinos unterbrachen ihre Vorstellung für 15 Minuten, damit das Publikum Amos & Andy hören konnte.

Jongleure waren als Tramp verkleidet, Komiker kleideten sich irisch oder als Cowboys; Clowns schminkten sich weiß, Minstrels schwarz. Und sangen dann irische Schnulzen oder erzählten, wie Eddie Cantor, witzige Monologe mit yiddischen Wortfetzen. Ay caramba, ich glaube, für heute lasse ich es gut sein.

The Jazz Singer I (Hintergrund)

Vor einer Woche kam The Jazz Singer auf Arte, spät nachts. Ich bin stolz auf meine Familie, denn selbst meine Mutter hat diesen Film unabhängig von mir aufgenommen. Es folgt eine längere Geschichte.

Ich bin aufgewachsen mit amerikanischen Film-Musicals der 30er bis 50er Jahre. (Than which, there are few things better, believe you me.) Die frühen, schwarz-weißen Fred-Astaire-Filme; die nächste Generation mit Gene Kelly; die wunderbaren Filme nach Fred Astaires Comeback: The Band Wagon, Easter Parade.

Eines der berühmtesten dieser Musicals, und eines der letzen reinen Filmmusicals ohne Broadway-Vorlage, ist Singin’ in the Rain (deutsch: Du sollst mein Glücksstern sein).
Die Handlung spielt Ende der 20er Jahre: Der erste große Tonfilm, eben The Jazz Singer, revolutioniert das Filmgeschäft. Don Lockwood und Lina Lamont, ein erfolgreiches Stummfilm-Paar, müssen sich umstellen: Ihr erster Tonfilm wird eine Katastrophe, da Linas Sprechstimme, die bislang ja keine Rolle spielte, furchtbar ist. Don, ein Freund aus Vaudeville-Tagen, und das Nachwuchstalent Kathy Seldon wollen den Film retten: Indem sie Kathy die zickige Lina synchronisieren lassen und einen Musikfilm aus dem ursprünglichen Mantel- und Degenfilm machen.
Singin’ in the Rain (1952) enthält lustige Parodien auf Stummfilme, großartige und berühmte Tanznummern (von Cyd Charisse kann ich gar nicht genug sehen), und so gut wie alle Lieder sind Lieder aus eben der Zeit, in der der Film spielt. Dabei hat die fabelhafte neue Version der Titelnummer, “Singin’ in the Rain” mit Gene Kelly tanzend im Regen, jegliche Erinnerung an irgendwelche Vorgänger verdrängt. Zu diesem Film wäre noch soviel zu schreiben, dass irgendwann mal ein eigener Eintrag fällig ist.

Und daher kenne ich also The Jazz Singer. Außerdem wusste ich, dass der Film tatsächlich den Tonfilm einläutete, ein Riesenerfolg war, und dass Al Jolson die Hauptrolle spielt – viel mehr wusste ich nicht.
Von Al Jolson wusste ich, dass George Burns ihn für den größten Entertainer der Welt hielt.

Oy.

Jetzt muss ich auch noch erklären, wer George Burns und Al Jolson waren.

George Burns kennt man aus The Sunshine Boys, dem Film nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Neil Simon (hier eine Liste von Simons Drehbüchern und Theaterstücken). Neben Walther Matthau spielt er die eine Hälfte eines Vaudeville-Duos.… herrgott, muss ich jetzt auch noch was zu Vaudeville schreiben?… eines Komikerduos, das für eine TV-Jubiläumssendung noch einmal auf die Bühne soll. Die beiden hassen sich allerdings immer noch wie die Pest.
George Burns, Jahrgang 1896, war damals 79 Jahre alt und erhielt einen Oscar. Zwei Jahre später spielte er Gott in Oh God! (mit John Denver; Regie: Carl Reiner, von dem wir auch Dead Men Don’t Wear Plaid/Tote tragen keine Karos haben, ganz zu schweigen von Rob Reiner, seinem Sohn, ich sag’ nur: The Princess Bride, Stand By Me, Misery, When Harry Met Sally).
Und danach ging George Burns’ Karriere erst richtig los: Filme, Fernsehauftritte, Kabarettauftritte, Bücher. Dicke Brille, große Ohren, Smoking, dicke Zigarre, Martinis, zweideutige Witze, viel Persönlichkeit. George Burns starb 1996 einige Wochen nach seinem hundertsten Geburtstag. “I’m going to stay in show business until I’m the only one left.” So gut wie ihm ist das kaum einem gelungen.

Aber das war nur die dritte Karriere von George Burns. Von 1950–1958 lief im amerikanischen Fernsehen The George Burns and Gracie Allen Show.
George Burns und seine Frau Gracie Allen waren einige der wenigen Radiostars, die den Sprung zum Fernsehen geschafft hatten. Bei der Umstellungen auf das neue Medium blieben fast so viele Karrieren auf der Strecke wie bei der Umstellung zum Tonfilm – ähnlich wie in Singin’ in the Rain geschildert.

Vor dieser Fernsehshow waren George Burns und Gracie Allen Radiostars. Ihre Show lief nach einem ersten Radio-Auftritt 1929 (in England) von 1932–1950. Während der Zeit hatten sie Gastauftritte in vielen Kinofilmen, und waren auch ab und zu selbst die Hauptdarsteller, etwa zusammen mit Fred Astaire in A Damsel in Distress (Drehbuch: P.G. Wodehouse, und das merkt man). Vor dieser Erfolgsserie tingelten George Burns und Gracie Allen durchs amerikanische Varieté, das Vaudeville, wo fast alle amerikanischen Entertainer der ersten Jahrhunderthälfte ihr Handwerk lernten (George Burns, George Jessel, Eddie Cantor, Al Jolson, die Marx Brothers, Jack Benny, Fred Allen, Jimmy Durante, Sophie Tucker, Fanny Brice – gespielt von Barbra Streisand in Funny Girl, und viele mehr).

George Burns spielte dabei den straight man, Gracie Allen war für die lustigen Sprüche zuständig. Das war eine übliche Aufgabenteilung bei Komikerduos (wie bei Abbott und Costello, Dean Martin und Jerry Lewis); wobei die Rolle des straight man keinesfalls die leichtere war. Zeit seines Lebens spielte George Burns seine eigene Leistung herunter und betonte, allen Erfolg habe er nur seiner Partnerin und Frau Gracie zu verdanken. Dabei schrieb er beider Texte, und seine Leistungen im hohen Alter zeigen, dass George Burns keinesfalls so unbeteiligt am Erfolg gewesen sein kann, wie er immer behauptete.

Und dieser Mann hielt Al Jolson für den größten Entertainer seiner Zeit.

Al Jolson wurde um 1886 in Litauen als Asa Yoelson geboren; sein genaues Geburtsdatum war ihm selbst nicht bekannt. Er war 41 Jahre alt, als The Jazz Singer in die Kinos kam, und hatte bereits eine große Broadway-Karriere hinter sich. 1945 kam eine Filmbiographie heraus, The Jolson Story; Jolson spielte sich zwar nicht selbst (er war um die 60), sang im Soundtrack aber seine eigenen Nummern, und wurde damit wieder ein Star.
Jolson ließ in der Künstlergarderobe immer das Wasser laufen, um ja nicht den Applaus der Nummer vor ihm mitzukriegen. Er war wohl ungemein von sich selbst eingenommen:

It was easy enough to make Jolson happy at home. You just had to cheer him for breakfast, applaud wildly for lunch, and give him a standing ovation for dinner. (George Burns)

Und:

I’ll tell you when I’m going to play the Palace. That’s when Eddie Cantor and George Burns and Groucho Marx and Jack Benny are on the bill. I’m going to buy out the whole house, and sit in the middle of the orchestra and say: Slaves, entertain the king! (Al Jolson)

Er muss aber auch unglaublich gut gewesen sein:

Gracie and I are playing in Denver. And we are on number three. We were a little man-and-woman act. We were playing the big time, but we’re a small act. AI Jolson is playing at another theater. We got two tickets and we ran over to see Jolson. We never took off our makeup. We got there about … ten minutes after nine. Nine-thirty, no Jolson A quarter to ten, the people are applauding. Finally Jolson walks on the stage full of snow. It was snowing in Denver. He told the audience he went to a party and got carried away. He was talking, and he’s sorry he was late.
He said, ‘Do you mind if I put on my makeup here?’ He stripped to the waist up. Put on blackface. Did about twenty minutes of the show and then said, ‘Wait a minute! You know what happens. The horse wins the race. The fellow gets the girl. Do you want to see that, or do you want me to entertain you?’ They all said, ‘Entertain us!’ He brought the Golden Girls out on the stage. He said, you girls who have dates, go about your business.’ Three or four girls left. He said, ‘The rest of you sit down on the floor.’
He entertained the audience until one o’clock in the morning. At one o’clock in the morning he says, ‘I’m going to take off my makeup and I’m going next door in the restaurant. There is a piano in there. I’ll bring out the piano player and sing a few songs, too.’ Everybody ran out after him. There was nobody like him. (George Burns, zitiert nach: Herb Fagen, George Burns. In His Own Words)

Als Al Jolson mit 64 Jahren starb, wurden die Lichter am Broadway in Erinnerung an ihn ausgeschaltet.

All das wusste ich über Al Jolson; ich kannte ein paar Lieder, ich kannte ihn von Radioauftritten und ein paar Episoden seiner Radiosendung The Al Jolson Show. Sie hieß eigentlich gar nicht so, sondern immer nach dem jeweiligen Sponsor, etwa: The Colgate Program, und lief mit einigen Jahren Unterbrechungen immer wieder mal von 1932–1949. Ich wusste, dass eines von Jolsons Markenzeichen war, sich an besonders dramatischen Stellen im Lied auf ein Knie sinken zu lassen, und ich wusste, dass einige blackface-Nummern für ihn typisch waren. (Dazu später mehr.) Aber ich hatte ihn noch nie gesehen, und auch The Jazz Singer noch nicht.

Meine Begegnung mit den beiden kriegt einen eigenen Eintrag, und zwar den nächsten. Um mit dem berühmtesten Zitat von Al Jolson zu schließen:

You ain’t heard nothing yet.

(Fortsetzung.)

Englisch-Niveau Ende 7. Klasse

Soviel können Schüler können.

Die drei Beispiele stammen aus der 4. Schulaufgabe (von 5) in der 7. Klasse, Englisch als erste Fremdsprache. Die Autoren (zwei weiblich, einer männlich) sind sehr gut in Englisch, aber keine Englisch-Muttersprachler und haben auch sonst kein Englisch außerhalb der Schule gelernt, etwa durch englischsprachige Verwandte. Stoff: English G A3 (Ausgabe für Bayern), Unit 6.

Die Schülerleistung lässt sich von außen natürlich nicht genau bewerten, da die Art der Vorbereitung in der Schule unbekannt bleibt. Die Leistungen sind sicher überdurchschnittlich, ich habe mir natürlich die besten drei herausgesucht – aber sie sind trotzdem ein Anhaltspunkt dafür, was gute Schüler in diesem Alter können.
Ich sollte öfter anderen Eltern solche Leistungen zeigen; viele Missverständnisse bei der Schulaufgabenbewertung entstehen dadurch, dass die Eltern keinen Überblick darüber haben, was alles möglich ist.

Do you remember Anja’s and Fiona’s tour of Scotland? Well, Anja writes a letter home. She tells her mum or dad about the tour. Write about something that she did on the trip, and about something nice and about something unpleasant (=not nice) that happened in a youth hostel. (Don’t use the same story as in the the book.)
Write good sentences, use connecting words such as although, however, because, while.

Dear Mum,
Our trip to Scotland was great fun. Fiona and me went to a youth hostel near Loch Ness. We enjoyed ourselves very much, because there were many nice people from other countries, too. WhileDuring/on our trip to Loch Ness some of the boys were very impolite. They pushed the girls and so one of us, a girl called (Name geändert), fell in the lake. Now she has got a very bad cold. But it was very nice, too, although that happened. We made a huge bonfire near the water and ate Mmarshmallows. A warden played the guitar and we all sang songs like Auld Lang Syne” or Streets of London”. However, I’m happy that I’ll come home in three days. Then I’ll tell you more about our trip to Loch Ness.
Love,
Anja

Dear Mum,
The countryside is very beautiful here. We are on a walking tour in Scotland. We’ve walked every day for a long time, although it has rained all day and night. We slept in a tent because in the Highlands there are small towns without youth hostels. One night we woke up and a little green frog sat on my leg. It was not funny, I think. But Fiona laughed the whole time. But now we are in a youth hostel. The wardens are OK. But yesterday a strange thing happened. While Anja and I were walking through the woods somebody had stolen Fiona’s money. Fiona wanted to buy a coke. Bbecause of this she looked for her money. But it wasn’t there. We went quickly to the wardens but they didn’t think somebody hashad (nicht als Fehler gewertet, da indirekte Rede/backshift noch nicht bekannt) stolen it. We were very angry and so we went to the nearest police station. The police officer came with us and told us that this had happened already twice twice already. He looked in every room for the money for the money in every room and he found it in a man’s room. So the man had to go to the police station. Although I think it was and will be a wonderful time, I miss you! Give daddy Daddy a kiss from me!
Love,
Anja

Dear Mum and Dad,
I’m writing from a youth hostel. On the first day we cycled twenty kilometres to Loch Ness. When we were standing on the border of Loch Ness, a strange bird cried and I fell into the water, I still wore all my clothes. When I got out of the water, I was very cold, although the whether weather was really warm. When we went to the youth hostel next to the lake, I wanted to give the wardens my membership card, but while I was looking for it, my friend George said: “Perhaps you’ve lost it in the lake.” “Oh, no! That could not can’t be true!” I said. But the wardens there were very nice. They asked me, if I wanted (nicht als Fehler gewertet, da indirekte Rede/backshift noch nicht bekannt) to have a temporary card.“Yes,” I said. “that’s very nice!” “You can send a letter to the YHA and tell them your story. I’m sure, they’ll give you a new membership card.”
I was very lucky of happy about that and first I took off all my wet clothes and put on new ones. The rest of the tour has been very good. All the wardens accepted my temporary card. See you in two days.
Love,
(Name geändert)

Englische Münzen

In den Sommerferien habe ich wieder viel Papier in Ordner abgelegt, aber noch mehr Papier aus Ordnern entfernt und zum Altpapier gebracht. Es wird also weniger. Entsorgt habe ich diesmal vieles aus meiner Universitätszeit; beim Durchsuchen bin ich aber auch auf Interessantes gestoßen, etwa eine handschriftliche angefertige Liste der früher gültigen englischen Münzen.

Bis 1971 gab es im Vereinigten Königreich Pfund, Shilling und Pence. 1971 wurde der Shilling abgeschafft und das Dezimalsystem eingeführt – bis dahin war ein Pfund 20 Shilling, und der Shilling 12 Pence; das Pfund entsprach also 240 Pence. Wenn man heute gebrauchte englische Taschenbücher von vor 1971 kauft, sieht man noch die alten Preise, etwa 2’6 – also 2 Shilling und 6 Pence, als0 2 1/2 Shilling, also 1/8 Pfund.

In den Jahrhunderten zuvor gab es noch mehr Münzen; häufig stößt man beim Lesen von Literatur aus dieser Zeit auf die alten Bezeichnungen, bei Jane Austen wie bei Sherlock Holmes. Hier ein Überblick.
Es gelten folgende Abkürzungen: £ = Pfund, s.= shilling, d.= penny oder pence (vom lateinischen denarius/denarii – daher kommt auch die deutsche Abkürzung für Pfennig mit dem Sütterlin-Buchstaben d). Mit d. oder penny/pence ist hier immer der alte Penny vor dem Dezimalsystem gemeint; die Abkürzung für den Penny heute ist p.

Alte englische Münzen:

1/4 d.   farthing
1/2 d.   ha’penny ausgesprochen mit Betonung auf der ersten, langen Silbe [ei]
1 d.   penny
2 d.   tuppence/twopence ausgesprochen mit kurzen a-Laut auf der ersten Silbe, wie in but
3 d.   thruppence/threepence ausgesprochen mit kurzen a-Laut auf der ersten Silbe, wie in but
6 d.   sixpence umgangssprachlich auch tanner genannt
1 s.   shilling = 12 d., also 1/20 £; umgangssprachlich auch bob genannt
2 s.   florin es gab wohl mehrere verschiedene Münzen dieses Namens
2 s. 6 d.   half-a-crown so geschrieben: 2’6; auch: half-crown
5 s.   crown
10 s.   half-sovereign
1 £   sovereign
1 £ 1s.   guinea ausgesprochen zweisilbig mit zwei kurzen i; als Münze schon 1813 abgeschafft, aber später noch als Synonym für 21 s.

Die Münze zu 3 d. heißt auch thrupenny bit/threepenny bit – ausgesprochen zwei- oder dreisilbig, mit kurzem a oder schwa.
Ein ha’p’orth war soviel, wie ein halber Penny wert ist – etwa als Mengenangabe beim Einkaufen. Ausgesprochen wie man’s schreibt, also zweisilbig mit Betonung auf der ersten Silbe; die erste Silbe lang [ei], die zweite kurz, also mit schwa.
Die guinea gibt es zwar seit 1813 nicht mehr, sie wird aber immer noch in bestimmten Zusammenhängen als Synonym für 21 s. (1.05 £) verwendet, etwa bei Arzthonoraren. Ich kann mich dunkel erinnern, dass feine Leute früher mit guineas statt mit sovereigns/Pfundmünzen gezahlt haben – die zusätzlichen Schillinge waren quasi der Wir-können’s‑uns-leisten-Zuschlag. Das waren noch Zeiten! Ich weiß aber nicht mehr, wann das war und ob das überhaupt stimmt. Online steht’s das alles bestimmt irgendwo.

Die Münzen waren aus Kupfer, Kupfernickel, Bronze, Silber oder Gold. Vielleicht später mal mehr dazu – oder jemand hilft mir mit weiteren EInzelheiten doer weist mich auf Fehler hin, ich bin nämlich kein Fachmann.

Nachtrag: Auf der Suche nach dem half-sovereign bin ich auf folgende Seite mit Münzfotos gestoßen: Da kann man sie alle, alle ansehen, viel genauer, als ich sie oben genannt habe.

Benotung von Englisch-Schulaufgaben II

Teil Zwei:

Gestern ging es darum, dass die Schulaufgabennoten in Englisch gelegentlich zu Missstimmung zwischen Eltern und Lehrer führen. Ein Elternteil kommt in die Sprechstunde, weil das Kind eine 5 oder 6 gekriegt hat, und hat eine berechtigte Frage: “Ist das nicht zu streng?” Für die Eltern sieht die Schulaufgabe nämlich ganz ordentlich aus, und außerdem haben sie vielleicht mitbekommen, wie sehr das Kind auf die Schulaufgabe gelernt hat.

Gelegentlich folgen darauf zwei Bemerkungen. Erstens, es wird erklärt, dass es doch sonst üblich sei, bei 50% der Punkten noch eine 4 zu geben, und wieso man das hier nicht eingehalten habe. Zweitens, es wird eine befreundete Lehrkraft zitiert, die sich die Schulaufgabe angeschaut habe und sie für gar nicht so schlecht halte.

Zum zweiten Punkt:

Dieser Kommentar ist von Elternseite aus völlig verständlich. Natürlich kann man die Schulaufgabe anderen zeigen, wenn man selbst unsicher ist, ob die Note der Leistung entspricht. Als Lehrer fühlt man sich dabei auf den Schlips getreten. Das liegt zum einen an dem grundsätzlichen Misstrauen, das damit dem Lehrer entgegengebracht wird. (Ob dieses Misstrauen berechtigt ist, dazu später.) Vor allem ist das aber so, dass ein Außenstehender sich nur schwer ein Urteil über die Leistung bilden kann. Hoffentlich ist das kein bloßer Standesdünkel: Ich glaube tatsächlich, dass nur ein Lehrer der gleichen Schulart und des gleichen Faches, und im gleichen Bundesland, sicher beurteilen kann, wie die Leistung eines Schülers zu bewerten ist und wie schwer die Schulaufgabe gestellt ist. Und selbst da sollte dieser Lehrer am besten noch die Klasse und die Vorbereitung der Schulaufgabe kennen. Es reicht nicht, Muttersprachler in der Fremdsprache zu sein, oder auch in irgendeiner Form Englisch zu unterrichten. (Natürlich sind Extremfälle denkbar, bei denen man diese Informationen alle nicht braucht. Aber da kommt in der Praxis nicht vor.)

Ist man damit nicht der Willkür des Lehrers ausgeliefert, wenn der für sich beansprucht, als einziger entscheiden zu können, ob die Note gerechtfertigt ist? Irgendwie ist da schon etwas Wahres dran. Beim Arzt kann man eine zweite Diagnose einholen, die auf einer zweiten gründlichen ärztlichen Untersuchung basiert, aber eben diese zweite Untersuchung ist bei einem Schüler nur schwer möglich.
Allerdings werden die Schulaufgaben aller Lehrer eines Faches von einem anderen Lehrer des gleichen Faches an dieser Schule angeschaut (“respiziert”). Dieser Lehrer hat also einen Überblick darüber, welche Schulaufgaben geschrieben werden, und der weist die einzelnen Lehrer darauf hin, wenn Schulaufgaben im Vergleich zu den anderen Lehrern zu leicht oder zu schwer sind.
Trotzdem machen Lehrer auch Fehler; Fehler, die auch von Eltern entdeckt werden können. Und Eltern haben natürlich das Recht, die Lehrer auf diese Fehler aufmerksam zu machen und sich alles erklären zu lassen, was ihnen nicht einleuchtet.

So oder so hängt die Leistung eines Schülers nicht an einem einzelnen Fehler oder Nicht-Fehler. Wenn der Schüler einen Buchstaben als “a” gedacht, der Lehrer aber “o” gelesen hat, dann kann der eine Punkt Abzug den Unterschied zwischen 4 und 5 ausmachen. Denn eine Punkteskala gibt es leider meist, und irgendwo muss man die Grenze ziehen.
Tatsächlich schaut sich der Lehrer hoffentlich jedenfalls alle Schulaufgaben im Grenzbereich 4/5 und 5/6 an, und entscheidet dann aufgrund der Gesamtleistung, ob die Schulaufgabe ausreichend, mangelhaft oder ungenügend ist. Wenn sich da nachträglich noch ein übersehener Punkt finden lässt, dann wird der Lehrer die Schulaufgabennote ändern müssen – aber die Leistung des Schülers bleibt deswegen trotzdem mangelhaft oder ungenügend. Die geänderte Zahl auf der Schulaufgabe ist rein kosmetisch, die tatsächliche Leistung des Schülers hat sich ja nur wirklich minimal verändert. Wenn es um das Versetztwerden geht, kann diese Zahl den Eltern allerdings tatsächlich wichtiger sein als die eigentliche Leistung des Schülers.

Zuletzt ist es natürlich möglich, dass ein Lehrer tatsächlich ungerecht benotet, dass also die Leistung des Schülers nicht der Note entspricht, die auf der Schulaufgabe steht. Aber wie kriegt man das heraus? Wohl nur durch Vergleich mit den Leistungen anderer Schüler dieser Klasse und paralleler Jahrgänge – schauen, wieviel die anderen unter vergleichbaren Bedingungen können.
Danach muss man mit dem Lehrer reden (und wiederum erst danach zur Schulleitung gehen). Wenn das dem Lehrer nicht bewusst ist, wird er es begrüßen, wenn man ihn darauf hinweist. Wenn es ihm bewusst ist – aber welchen Grund sollte ein Lehrer dafür haben? Lehrer unterrichten viel zu viele Schüler, als dass sie einzelnen davon etwas Böses antun wollten. Ich habe vielmehr nur Fälle erlebt, in denen Lehrer mit Kollegen im Lehrerzimmer lang und breit besprechen, wie eine einzelne Schulaufgabe am treffendsten zu bewerten sei.

Was also tun? Das Misstrauen zwischen Eltern und Lehrern abbauen durch mehr Transparenz? Schulaufgaben erstellen, bei denen die Leistung leichter auch für Außenstehende zu beurteilen ist? (Aber auch da wird der Umfang der Vorbereitung eine große Rolle spielen.)

(Teil Eins: Gestern.)

Benotung von Englisch-Schulaufgaben I

Teil Eins:

Die Schulaufgabennoten in Englisch führen gelegentlich zu Missstimmung zwischen Eltern und Lehrer. Ein Elternteil kommt in die Sprechstunde, weil das Kind eine 5 oder 6 gekriegt hat, und hat eine berechtigte Frage: “Ist das nicht zu streng?” Für die Eltern sieht die Schulaufgabe nämlich ganz ordentlich aus, und außerdem haben sie vielleicht mitbekommen, wie sehr das Kind auf die Schulaufgabe gelernt hat.

Gelegentlich folgen darauf zwei Bemerkungen. Erstens, es wird erklärt, dass es doch sonst üblich sei, bei 50% der Punkten noch eine 4 zu geben, und wieso man das hier nicht eingehalten habe. Zweitens, es wird eine befreundete Lehrkraft zitiert, die sich die Schulaufgabe angeschaut habe und sie für gar nicht so schlecht halte.

Zum ersten Punkt:

Folgendes gilt nur für Gymnasien in Bayern, bei allen anderen Schulen kenne ich mich nicht aus.

Es gibt erstmal für kein Fach und – abgesehen von der Kollegstufe vom Abitur – für keine Jahrgangsstufe irgendwelche Vorgaben und Vorschriften, was den Notenschlüssel betrifft. Das gilt für Mathematik ebenso wie für Englisch. Stattdessen legt jeder Lehrer den Notenschlüssel selbst fest. Das ist dem Kultusministerium sogar so wichtig, dass es in einem Schreiben an die Lehrer betont hat, dass man sich an fest ausgemachte Notenschlüssel nicht halten muss, und seien sie auch von der Fachlehrerkonferenz an der Schule festgelegt.
Denn üblicherweise einigen sich die Fachlehrer (zum Beispiel in Mathematik, Englisch, Französisch) tatsächlich auf einen Richtwert. Das ist aber wirklich nur ein Richtwert. In Englisch gilt in der Unterstufe und im Großteil der Mittelstufe am häufigsten die Faustregel, dass man mit 60% der Punkte gerade noch eine 4 erhält. Das ist aber nur eine Faustregel.
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wo die Vorstellung herkommt, die Grenze zwischen 4 und 5 müsse bei 50% liegen. Ist das in Mathematik so üblich, oder an anderen Schularten, vielleicht an der Grundschule? Oder war das früher so?

Jetzt zu den Gründen dafür, dass es einen Richtwert gibt, dass man ihn nicht immer einhalten darf, und warum er bei uns bei 60% liegt.

Schulaufgaben sind unterschiedlich schwer. Das liegt am Lehrer, der entweder lieber schwere Schulaufgaben schreibt und sie freundlicher bewertet, oder leichtere, und dafür strenger ist. Das liegt an der Vorbereitung: Manchmal bleibt weniger Zeit, als man will, oder Klassenfahrten kommen dazwischen. Das liegt am Stoff, der ja tatsächlich manchmal schwerer und manchmal leichter ist. Das liegt vor allem auch an der Art der Schulaufgabe: Wenn man nur Wörter in Lücken einsetzen muss, dann hat man weniger Gelegenheit, Fehler zu machen. Wenn man da die Hälfte der Wörter richtig hat, ist das sehr schwach. (Häufig ist das bei Exen so.) Müssen die Schüler dagegen eigene Texte produzieren, machen sie natürlich mehr Fehler. Wenn da die Hälfte der Sätze richtig ist, ist das schon eine viel bessere Leistung.

Man kann es so sehen: Entweder man stellt leichte Aufgaben, dann sind zwei Drittel der Punkte eine schwache Leistung. Was muss man von einem Sekretär halten, der zwei Drittel aller Worte richtig schreibt? Oder von einem, der sogar 90% aller Worte richtig schreibt? Das ist absolut ungenügend. Oder man stellt schwerere Aufgaben, dann kann man auf zwei Drittel der Punkte schon ein bisschen stolzer sein.

Ein strenger Notenschlüssel ist bei leichten Aufgaben also sinnvoll, bei schweren nicht. Wir Lehrer haben uns darauf geeinigt, dass der Schwierigkeitsgrad in der Unterstufe eben so liegen sollte, dass 60% der Punkte eine noch ausreichende Leistung sind.

(Wir hätten auch eine andere Zahl wählen können: Bei 50% wären die Schulaufgaben alle etwas schwerer geworden, bei 70% alle etwas leichter. Der Grund, warum wir uns überhaupt auf eine Zahl geeinigt haben, ist der, dass die Schulaufgaben so vergleichbarer werden und einsichtiger für Eltern und Schüler. So richtig würde das aber wohl nur funktionieren, wenn wir tatsächlich 50% genommen und schwerere Schulaufgaben in Kauf genommen hätten.)

Ist die Schulaufgabe leichter als im Durchschnitt, dann wären 60% noch viel zu gut. Ist sie, aus welchen Gründen auch immer, schwerer als im Durchschnitt geworden, dann wären 60% tatsächlich nicht fair.
Die Frage ist also nicht: “Sind 60% zu streng?”, sondern: “Passen 60% zu den gegebenen Aufgaben?” Und diese Frage ist auch für Lehrer nicht immer leicht zu beantworten. Erfahrung, Vergleich mit anderen Lehrern, das alles hilft ein bisschen. Vor allem hilft der Vergleich innerhalb der Klasse: Wenn zumindest ein Teil der Schüler bei gegebenem Notenschlüssel gute Leistungen erbracht hat, dann war der Notenschlüssel vermutlich passend. Das heißt nicht, dass immer ein Schnitt von 3,50 oder 3,30 herauskommen muss, mit ein paar Einsern und Sechsen, etwas mehr Zweiern und Fünfern, und einem Haufen Dreier und Vierer – aber bei durchschnittlichen Klassen ist das nun mal das zu erwartende Ergebnis.

Allerdings sind nicht alle Klassen durchschnittlich leistungsfähig. Es gibt besonders starke und und besonders schwache Klassen, auch wenn die meisten Klassen im Mittel liegen. Da gibt es tatsächlich die Versuchung, einen Notendurchschnitt um 3,50 oder 3,30 anzupeilen – aus Gewohnheit sozusagen. Man versucht als Lehrer darauf zu achten, dass das nicht geschieht.

Auf jeden Fall schaut sich der Lehrer die Schulaufgaben im Grenzbereich 4/5 und 5/6 noch einmal insgesamt an, und entscheidet, ob die Note 4, 5 oder 6 hier wirklich passt – im Vergleich zu dem, was man erwarten kann. Erwarten kann hinsichtlich der Schwierigkeit der Aufgaben, hinsichtlich Art und Umfang der Vorbereitung in der Schule, und hinsichtlich dessen, welche Leistungen Schüler in dieser Jahrgangsstufe bringen können. Und nur, wenn die Note 4, 5 oder 6 wirklich passt, dann sollte auf der Schulaufgabe eben diese Note stehen. Lehrer geben keine 5, weil die Punkte das so erzwingen, sondern weil die Leistung nun mal in den Augen des Lehrers insgesamt mangelhaft ist.

(Ich werde in Zukunft einige Schüleraufsätze posten, damit man sieht und vergleichen kann, welche Leistungen von Schüler der einzelnen Jahrgangsstufen zu erwarten sind.)

Zuletzt ist es natürlich möglich, dass bei einem Lehrer oder einer Schulaufgabe Schwierigkeitsgrad und Punkteskala nicht zusammenpassen. Das ist dann tatsächlich ein Fehler des Lehrers. Wenn gar keine gute Noten dabei sind, oder gar keine schlechten, dann sollte man misstrauisch werden: In diesen Fällen bespricht sich der Lehrer rechtzeitig mit anderen Kollegen, dem Fachrespizienten oder gar der Schulleitung (das ist sogar Vorschrift bei uns). Wenn es gute Gründe für diese extremen Ergebnisse gibt, dann sind diese Ergebnisse selbstverständlich zugelassen. Wenn es keine guten Gründe gibt, dann hat der Lehrer tatsächlich etwas falsch gemacht. Dann muss man mit dem Lehrer reden, und wenn das nicht hilft, zur Schulleitung gehen. Das kommt aber sehr selten vor, viel seltener, als Eltern unzufrieden mit einer Schulaufgabe sind.

(Teil Zwei: Morgen.)

Englandaustausch: Nützliche Wörter

uk-austausch

Das ist ein Arbeitsblatt, das ich den Schülern und Schülerinnen meiner Klasse, die am Englandaustausch teilnehmen durften, mitgegeben habe. Sie sollten Wörter aufschreiben, die sie in England gebraucht hatten, die sie aber nicht im Unterricht in Deutschland in den Schuljahren zuvor gelernt hatten.

Hier ist die vollständige Liste der Wörter aller Schüler. (Einige, nicht viele, dieser Wörter waren in den Jahren zuvor allerdings sehr wohl zu lernen gewesen.) Einige davon sind sehr interessant. Vielleicht sollten wir die den Schülern zeitiger beibringen.

alarm clock
amazing
as well (instead of: too)
belt
bless you
canteen (where pupils eat)
cereal
cheers
dodgy
drugstore
Excuse me
gosh!
Have you done your books?
honestly
I don’t mind
I used to do
ice-cream
I’ll help myself / help yourself
I’m full
liar
loo
moody
nasty
naughty
pardon? what? sorry?
plug
queue
racket (play tennis with)
raisins
rubbish
scale(s)
theme park
to bother
to fancy
to get a lift
to get a shock (electricity)
to hail
to have a paper round
to pick up
to save up
trash
umbrella
What’s up?

Neil Gaiman, American Gods


Von Neil Gaiman habe ich schon Coraline gelesen, und die Sandman-Serie, Neverwhere und seine Koproduktion mit Terry Pratchett, Good Omens.

Die Prämisse von American Gods ist folgende: Mit den Einwanderern kamen auch deren Götter nach Amerika, oder genauer: Die Götter wurden in Amerika noch einmal neu geboren. Diese Götter sind abhängig davon, dass an sie geglaubt wird. Und so fristen Odin, Anubis, irische Kobolde und eine Vielzahl von anderen Göttern ein meist eher kärgliches Dasein. Amerika sei kein gutes Land für Götter, meinen einige der Beteiligten.
Vor allem gibt es eine Reihe von aufstrebenden neuen Göttern. American Gods ist die Geschichte des großen Kampfes zwischen den alten und den neuen Göttern. Die alten Götter sind müde und unorganisiert, sie müsssen erst zum Kampf überredet werden, was einen Großteil der Handlung ausmacht. Geschildert wird alles aus dem Blickwinkel eines einfachen Menschen. Der einfache Mensch heißt lediglich “Shadow”. So einfach kann der also doch wieder nicht sein. Später gibt es zwar eine Erklärung dafür, dass die Hauptperson nur unter diesem Namen läuft. Aber das reicht mir nicht: Wenn ich die Hauptperson in einem Buch, das nach der Pulp-Ära entstanden ist, ernst nehmen soll, dann darf sie nicht “Shadow” heißen.

Ähnlich wie in Silverlock (deutsch leider: Die Insel Literaria) von John Myers Myers (wozu ein Eintrag schon lange fällig ist) ist die Welt des Buches bevölkert von mythologischen Gestalten. Bei Silverlock sind das aber konsequenterweise Figuren aus den schriftlichen oder nichtschriftlichen Geschichten der Menschheit: Götter, Sagengestalten, legendäre Gestalten, aber auch Helden der mittelalterlichen oder neuzeitlichen Literatur: Davy Crockett, Faust, Shakespeares Falstaff, Balzacs Goriot, Poes Usher. Auch in Silberlock gibt es einen einzelnen Menschen, der in diese irre Welt gerät.

In American Gods gibt es ebenfalls eine Fülle an mythologischen Gestalten, wenn auch bei weitem nicht den Reichtum von Silverlock. Die meisten davon kannte ich; von den wichtigsten war mir nur der slawische Czernobog beziehungsweise Bielebog (auch: Belobog) kein Begriff.
Diese Gestalten sind aber in drei Gruppen eingeteilt, die sich auch nicht mischen. Das legt nahe, dass es zwischen diesen drei Gruppen grundsätzliche Unterschiede gibt, und eben das gefällt mir nicht.

Den Großteil der Gestalten machen die vielen aus Europa, Asien, dem Pazifikraum und Afrika importierten Götter aus: Odin, Anansi, Kali, Czernobog, Gorgonen, Ganesha und viele, viele mehr.

Daneben gibt es die neuen Götter, mit denen sie sich bekriegen. Auch diese neuen Götter brauchen den Glauben der Menschen, um zu überleben. Sie sind einer der Pluspunkte im Buch, aber sie tauchen leider nur am Rande auf: Es gibt Media, die aussieht wie eine Fernsehsprecherin (und die durch Charaktere in Fernsehserien sprechen kann), es gibt die Men in Black, es gibt Tech Kid, der picklige zukunftsgläubige Computerspezialist. Und das war’s fast schon.
Gut ist, wie Gaiman mit dieser Idee spielt. Die Helden flüchten mit dem Auto quer durch die USA, können aber die Autobahnen nicht benutzen – because they “don’t know which side the freeways are on”.
Gut ist auch die Erklärung für die in den USA so verbreiteten Roadside Attractions: Sie sind “places of worship”, magische Orte, an denen früher Kathedralen oder Steinkreise gebaut worden wären, und wo es jetzt Leute hinzieht, die dort irgendwelche größten Garnknäuel der Welt oder den Eiffelturm aus Streichhölzern aufstellen. Und wo Vorbeifahrende auf magische Art und Weise anhalten.
Gut sind vor allem weitere der neuen Götter, die jedoch leider alle nur in Nebensätzen bei der großen Schlacht zum Ende des Buches erwähnt werden: die Automobilgötter, denen Menschenopfer dargebracht werden wie keinem Gott seit der Zeit der Azteken; der Eisenbahnbaron (dem es allerdings nicht mehr so gut geht); eine Droge (das vermutet der Held jedenfalls, weil der Sprecher so funkelt und schimmert).

Die dritte Gruppe ist kleiner und besteht aus den Gestalten, die nicht teilnehmen am Kampf zwischen den neuen und den alten Göttern. Da ist zum einen “Whiskey Jack” – von “Whiskey John”, über Cree “wiiskachaan”; noch heute heißt der Grau- oder Kanadahäher “Whiskey Jack” (Perisoreus Canadensis). Er ist einer der beiden einzigen Nichtgötter, die beide auch als einzige nicht an dem Kampf teilnehmen, obwohl sie darum gebeten werden. Whiskey Jack ist ein indianischer Held; er bezeichnet sich selbst nicht als Gott, sondern als “culture hero” – als archetypischer Trickster. (Letztlich ist aber Loki eben solch ein archetypischer Trickster, ähnlich wie der Lichtbringer der Genesis, oder der griechische Prometheus, oder der afrikanische Anansi – und zumindest Loki und Anansi dürfen bei Gaiman mitspielen.)
Der zweite ist Apple Johnny/John Chapman: “Johnny Appleseed” ist eine Figur der amerikanischen Folklore, die auf dem historischen John Chapman basiert. Die Folklore will es, dass zu Pionierzeiten John Chapman durch den Westen zog und überall Apfelbäume pflanzte für die Zukunft. Natürlich ist das historisch nicht korrekt, aber die mythologische Gestalt ist da – und beklagt sich in American Gods bitterlich über eine weitaus populärere Gestalt der amerikanischen Folklore, Paul Bunyan, den mächtigen Holzfäller. Und das, obwohl Paul Bunyan 1910 von einer Werbeagentur erfunden wurde und damit gar keine echte Folklore darstellen würde, sagt Gaimans John Chapman. (Aber macht das wirklich einen Unterschied – zumal Paul Bunyans Ursprung in einer Werbeagentur heute ziemlich vergessen ist? Existiert Paul Bunyan in Gaimans Welt?)

Warum kämpfen die beiden nicht mit? Weil sie die einzigen sind, die keine Götter sind? (Wieso tauchen dann nicht mehr ihrer Art auf?) Liegt es daran, dass Whiskey Jack (Beziehungsweise “wiiskachaan”) und Johnny Appleseed originär amerikanische Mythen sind? (Aber das sind die “Men in Black” doch auch?) Vielleicht gibt es auch einfach unter den mythologischen Gestalten vernünftige und weniger vernünftige.

Insgesamt ist das Buch zu dick. Es wird viel gereist, aber trotzdem bekommt man keinen Eindruck vom nordamerikanischem Kontinent als Raum. Die Reisen sind zu ziellos, zu willkürlich. Es gibt viele Schauplatzwechsel, viele Personen, aber alle wirken beliebig. Leben gewinnt nur die liebevoll gezeichnete Kleinstadt Lakeside, die für die Haupthandlung nebensächlich ist. Es entsteht, von einzelnen sehr phantasiereichen Gedanken abgesehen, kein Eindruck einer neuen oder alten amerikanischen Götterwelt. Dazu kommt noch “Shadow”, ein Bilderbuchheld: Markig; nach den ersten Kapiteln ohne nachvollziehbares Innenleben; mit plötzlichen Eingebungen, die die Handlung vorantreiben.

Lesetipp: Nur jedes zweite Kapitel

Viele Bücher, gerade im Abenteurergenre, haben zwei mehr oder weniger unabhängig voneinander agierende Heldentruppen. (Genre heißt für mich: Mein Interesse liegt nicht an der Sprache oder an den Charakteren, sondern am Fortgang der Handlung. Raymond Chandler gehört für mich also nicht zu Genreliteratur.) Die eine Gruppe versucht mit Elefanten und Lasern die Palastwache des Sultans abzulenken, und die andere gräbt mit Hilfe der Kobolde einen Geheimgang durch das Reich der Zwerge. Oder so ähnlich.

Nachdem ich vor vielen, vielen Jahren schon einmal Mona Lisa Overdrive von William Gibson gelesen hatte, habe ich vor einigen Jahren das Buch noch einmal gelesen, ich wiß auch nicht, warum. Das ganze Buch war mir aber zuviel, und nachdem es auch in Mona Lisa Overdrive zwei solcher Handlungsstränge gibt, habe ich nur den einen Handlungsstrang gelesen. Das war der, in dem es um die Figur Kumiko geht, mit der der Roman auch beginnt: Kumiko fliegt aus ihrer Heimat in eine etwas ungewisse Zukunft in London. Die Welt dort ist ihr ziemlich fremd, wenn ich mich recht erinnere, und so eignet sie sich als Identifikationsfigur für den Leser, dem die Welt der Zukunft ebenso fremd ist. Kumiko kriegt wenig vom Geschehen mit, erst spät im Buch treffen die beiden Heldengruppen aufeinander.
Und da hat es zumindest beim Wiederlesen mein Lesevergnügen enorm erhöht, dass auch ich nicht mehr mitgekriegt habe als Kumiko. Und das hat sehr gut funktioniert.
Bei 45 Kapiteln von Mona Lisa Overdrive sind das übrigens die Kapitel: 1, 5, 9, 14, 17, 22, 26, 29, 32, 34, 37, 41 und 44, also nicht mal ein Drittel des Buches.

Fragt sich nur, warum Gibson das Buch nicht gleich auf ein Drittel gekürzt hat. Oder für jeden Handlungsstrang ein eigenes Buch geschrieben hat.

Außerdem habe ich das noch gemacht mit Magic Time von Kit Reed (deutsch: Magische Zeit, ein mittelalter Heyne-Schmöker) . Das hat ebenfalls und aus den nämlichen Gründen gut funktioniert, aber das Buch kennt wohl kaum einer.
Ich bin sehr interessiert an anderen Büchern, bei denen das auch funktioniert.