Camel Case

Vielleicht bin ich noch nicht der letzte, der’s gemerkt hat: Neben “UPPER CASE”, also Großbuchstaben, und “lower case”, Kleinbuchstaben, gibt es auch Camel Case, oder anschaulicher: “CamelCase”.
Ein Wort ist in Camel Case geschrieben, wenn es vorne und vor allem in der Mitte einen Großbuchstaben hat, und sonst Kleinbuchstaben. Weil das Wort dann ein bisschen wie ein Kamel aussieht, mit dem Buckel in der Mitte.

Viele Wikis verknüpfen anscheinend automatisch alle Wörter, die in Camel Case geschrieben sind. Das weiß ich, seit ich auf die Suche nach einer geeigneten Wiki-Engine zum Herumspielen gegangen bin. Das Installieren von Wordpress in den letzten Tagen ging so gut, dass ich mich dann auch gleich mal mit Wikis beschäftigen wollte.
Wehe! Die Liste verschiedener Wiki-Engines enthält Dutzende und Dutzende von Einträgen. Die Auswahl ist wesentlich größer als bei Blog-Software. Und die Wikis heißen dann auch so schön: ChikiWiki, GikiWiki, KwikiKwiki, PhikiWiki, PikiePikie, PikiPiki, QuickiWiki, QwikiWiki, StikiWiki, StrikiWiki, TipiWiki, TwiciWiki, UniWakka, VikiWiki, WalaWiki, WikkaWiki, YukiWiki und ZwiKi. Puh.

Da muss ich mir jetzt eine Engine aussuchen. Allerdings gibt’s auch für Wordpress ein Plugin, das Wörter im Text eines Blogeintrags, wenn sie in Camel Case geschrieben sind, automatisch mit anderen Blogeinträgen verknüpft, die eine gleichlautende Überschrift (also ebenfalls in Camel Case) haben.

Links:
Wiki in der Schule
http://www.deutschesfleischforumwurstwiki.de/phpwiki/: “Die erste kreative deutsche Konsumenten Plattform im WikiFormat rund um Fleisch und Wurst.”

Umzug!

Ich ziehe gerade mit diesem Blog von Movabletype nach Wordpress um. Der Auslöser waren technische Schwierigkeiten mit MT und dem Host. Die hätte ich vielleicht lösen können, wenn ich mich besser auskennte. Ich hatte aber auch schon vorher ein bisschen mit Wordpress gespielt. Bis vor ein paar Monaten war Movabletype für den Privatgebrauch und für Schulen kostenlos; die neueste Version (und dann wohl auch alle kommenden) sind für Privatpersonen immer noch kostenlos, wenn auch etwas eingeschränkt. Für Schulen kostet die neue Version aber Geld.
Und da ich Blogs auch in der Schule verwenden möchte, gewöhne ich mich besser schon mal an Wordpress.

Alle Links auf die MT-Seiten sollten immer noch funktionieren und automatisch zu den entsprechenden Wordpress-Seiten umleiten.

Die nächsten Tage bin ich am basteln; es kann sein, dass immer mal was nicht funktioniert. Einige Einträge muss ich auch noch für Wordpress formatieren.

Startadresse ist weiterhin: http://www.herr-rau.de. Am Design der Seiten werde ich in den nächsten Wochen noch herumbasteln.

Cabell, The Eagle’s Shadow

Ich bin gerade völlig entzückt von James Branch Cabells Frühwerk, The Eagle’s Shadow (1904). Das Buch ist eine nette, geistreichelnde Komödie um Erbschaft, Liebespaare, und ein Landhaus, in dem sich alle Beteiligten befinden: Bezaubernde junge Damen; Mütter, die ihre Töchter verheiraten wollen; alte Herren mit Zigarren; junge Dichter. Darüber Sonnenschein und darum ein weitläufiger Garten, und am Schluss haben sich doch die richtigen zwei Paare gefunden.

Kurz: Die bezaubernde Margaret Hugonin hält Hof in ihrem Südstaatenanwesen. Sie ist nicht nur bezaubernd schön, sondern auch eine reiche Erbin, und seitdem wimmelt es bei ihr nur von heiratswilligen jungen Männern. Andere Leute wollen einfach nur etwas von ihrem Geld, ohne den Umweg über die Heirat gehen zu wollen. Nach vier Jahren Abwesenheit kommt ihr ehemaliger Liebster (Trennung im Streit) und möglicherweise eigentlicher Erbe zurück.

Das hätte bislang genauso gut eine Geschichte von P.G. Wodehouse sein können. Aber der Tonfall ist ein ganz anderer. Das Buch lebt von Margaret (“Peggy”), und vor allem von deren Präsentation durch den Erzähler – von dem wir nur wissen, dass auch er früher Margaret angeschwärmt hat. Inzwischen ist aber viel Zeit vergangen und der Erzähler sieht die Ereignisse aus einer gewissen Distanz, die verklärt und ernüchtert zugleich.

Und das alles hätte ich gar nicht gebloggt, wenn meine Ausgabe (von 1924) nicht 25 Seiten Leserbriefe aus der New York Times Book Review vom Dezember 1904 bis Januar 1905 enthalten hätte. Um das Buch, Cabells erstes, hatte sich damals nämlich anscheinend eine lebhafte Diskussion entwickelt.

Es beginnt mit einem Leserbrief, der eine Stelle im Buch kritisiert, als die liebreizende Südstaatenschönheit Margaret flucht und keift und auf einen Mann, der ihren Geliebten niedergeschlagen hat, einschlägt. So etwas mache keine Dame. Gerade im Vergleich zum idyllischen Rest des Werks sei diese Stelle deplaziert. Ist das noch eine Dame?
Dem wird dann widersprochen. Ja, in einer solchen Situation dürfe man fluchen. Nein, eine Dame kennt keine Schimpfwörter. Ja, solche Menschen gibt es, aber man darf nicht über sie schreiben. (“[S]o far from being fit for heroineship, the young woman is not even qualified for decent society.”) Ja, solche Menschen gibt es, und sie sind die bezaubernd erfrischenden jungen Frauen Amerikas.

Andere vergleichen das Buch mit der englischen Komödie der Restaurationszeit: “The book exhibits a degradation in morals, a degradation in ethics, a degradation in the standards of true womanliness that I can parallel in nothing short of the Restoration comedies of infamous memory.” Auf diesen Vergleich kann Cabell stolz sein; Congreve ist einer seiner Vorbilde (wie sich in späteren Werken Cabells zeigen wird), und die Restaurationskomödie einer der Höhepunkte in der englischen Literatur. Ich habe sie im English-LK kennengelernt und im Studium gelesen; die ist einen eigenen Blog-Eintrag wert.

Die meisten der Teilnehmer an dieser Diskussion übersehen allerdings, dass Margaret – eigentlich – eine oberflächliche, eigensinnige, zickige, egozentrische, langweilige Person ist, freilich von entrückender und durchaus bewusster Schönheit. Der Erzähler (wir erinnern uns, ein zurückblickender ehemaliger Anhimmelnder) hat sich auch die größte Mühe gegeben, das nicht allzu deutlich zu sagen.

Ein Leser hat diese Dekonstruktion der Südstaatenschönheit erkannt: “In my ignorance I viewed the book as a remarkable though cruel bit of realism”. Die “ignorance” deshalb, weil der Leser danach in jeder Kritik lesen musste, dass es sich bei dem Buch um eine “fascinating comedy with an adorable heroine” handelt. “[W]omen will like the book, fancying themselves in the part of a heroine”. Und er wundert sich und ist verunsichert. Wenn der Autor tatsächlich eine zuckersüße Romanze habe schreiben wollen, dann sei ihm dennoch quasi unbemerkt etwas ganz anderes gelungen.

Und in dieser Zweischneidigkeit liegt die Kunst Cabells. Sein Erzähler sieht das ganze sentimental rückblickend verständnisvoll, aber gleichzeitig auch distanziert und manchmal geradezu zynisch. Er bleibt dabei immer Gentleman. Zeitliche Distanz ernüchtert und verklärt zugleich. Und wenn der Erzähler noch gelegentlich Margaret trifft, die ihre Schönheit schon lange verloren hat, denkt er gleichzeitig an die Peggy von früher und fragt sich, wo sie wohl geblieben ist.


Fußnoten: Ein anderer Leser erklärt sich die unterschiedlichen Reaktion auf Margaret damit, sie sei erste Heldin der englischsprachigen Literatur, die nicht auf die tugendsame Amelia Booth aus Henry Fiedlings letztem, inzwischen nur wenig bekannten Roman Amelia zurückgeht. Margaret sei die erste realistische Heldin.
Eine Generation später gab’s dann Theodore Dreiser.

Cabell hat die Leserbriefe kaum ohne Grund der Neuausgabe von The Eagle’s Shadow angefügt. Zwanzig Jahre nach der Erstveröffentlichung sahen die Vorwürfe von damals lächerlich aus. Und die Vorwürfe Anfang der 20er Jahre, die zum zeitweiligen Verbot von Cabells Jurgen führten, würden weitere zwanzig Jahre in der Zukunft ebenso lächerlich wirken.

Reden zum Schuljahresende

In allen Klassen, in denen ich Deutschlehrer oder Klassleiter bin, lasse ich Schüler zum Jahresende eine Abschlussrede halten. Manchmal denke ich auch rechtzeitig vor den Weihnachtsferien oder zum Halbjahr an eine Rede. Das ist eine Vorbereitung für die Abiturrede, es verleiht dem Zeugnistag noch etwas Feierliches, und es kommen interessante Dinge dabei heraus. Wenn ich Klassleiter bin, bin ich bei der Rede dabei, sonst lasse ich sie mir oft nur mailen.
Hier ein Beispiel aus einer 8. Klasse:

Liebe Klasse [Bezeichnung der Klasse], sehr geehrter Herr [H.], sehr geehrter Herr Rau,

mit gemischten Gefühlen werden wir dieses Schuljahr beenden. Einerseits beginnen damit die lang ersehnten Sommerferien, andererseits bedeutet das Ende des Schuljahres auch immer Abschied. Wir können auf ein Schuljahr voller kleiner Höhe- und natürlich auch Tiefpunkte zurückblicken.

Das Schuljahr begann mit einem unerfreulichem Ereignis: Gleich zum Anfang wurde der Deutschtest in allen 8. Klassen in Bayern geschrieben. Dieser bestand aus etwa zehn Seiten über Grammatik, die als Grundwissen bezeichnet wird, was aber kein Schüler perfekt kann. Zwar zählte der Test nur wie eine Stegreifaufgabe, aber die Aufregung glich mehr der vor einer Schulaufgabe. Obwohl für den Test ausführlich im Unterricht geübt worden war, herrschte am 17. September 2003 allgemeine Weltuntergangsstimmung. Umso größer war die Erleichterung, als der benotete Test wieder an die Schüler verteilt wurde.
Danach ging es mit dem üblichen Schulstress los, bald folgte der erst Schulaufgabenblock.

Gegen Weihnachten verließ uns [ein Schüler], der zurück in die siebte wechselte. Für uns kam das allerdings sehr überraschend, kaum jemand wusste das vorher, das war wahrscheinlich sogar beabsichtigt.

Nach dem alljährlichen ökumenischen Weihnachtsgottesdienst und einer kleinen Weihnachtsfeier in der Klasse, in der hauptsächlich Gesellschaftsspiele gespielt und natürlich kleine Geschenke untereinander verteilt wurden, gingen wir für zwei Wochen in die Weihnachtsferien.

Gleich danach, am 16. Januar fand die erste Stunde unseres Tanzkurses statt, an dem alle Mädchen und alle Jungen, die nichts ‘Wichtigeres’ vorhatten teilnahmen. Bekanntlich muss man manchmal Leute zu ihrem Glück zwingen, in diesem Fall ging der “Zwang” gewissermaßen von Herrn Rau aus, der diese Aktion vorgeschlagen hat. Natürlich nahmen alle freiwillig teil, aber wie es nun mal in einer größeren Gemeinschaft ist, wollte keiner als Außenseiter dastehen und sich weigern. Gelohnt hat sich der Kurs auf jeden Fall, jedenfalls für diejenigen, die den Kurs nicht abgebrochen haben, alleine wegen dem Abschlussball, der am 22. April stattfand. Wochen vorher war der Abschlussball, besonders bei den meisten Mädchen, das Gesprächsthema Nummer Eins.
Der Termin wurde extra verschoben, weil sich drei Schülerinnen unserer Klasse zum geplanten Termin wegen eines Austausches in Frankreich befanden. Alle drei waren sich einig, dass sich die Teilnahme auf jeden Fall gelohnt hat und würden sich jeder Zeit wieder anmelden.
Etwas komplizierter sah die Sache beim Englandaustausch aus. Von etwa zwanzig Anmeldungen aus der Klassen durften nur sechs Schüler teilnehmen. Trotz der Beteuerungen der Lehrer dass die Auswahl nichts mit Charakter oder Noten zu tun hat, sah man in der Stunde als die Schüler, welche ausgewählt worden waren, bekannt gegeben wurden, sowohl enttäuschte als auch frustrierte Gesichter.

Jedoch war zu diesem Zeitpunkt der eigentlich Austausch noch in weiter Ferne.
Vielmehr folgte die “kirchliche Zeit”, viele Schüler hatten entweder Konfirmation oder Firmung, was für die Betreffenden auch einen Schulfreien Tag bedeutete: für die einen am Tag der Firmung, für die anderen am Montag nach der Konfirmation.

Dazwischen fand unser jährlicher Theaterbesuch statt. Dieses Mal schauten wir in der Neuen Bühne Bruck “Das Herz eines Boxers” an. Wir befassten uns im Deutschunterricht ausführlich mit dem Stück und hatten sogar einen der beiden Hauptdarsteller, Herrn Uwe Treplin, “live” in der Klasse. Das dort entstandene Interview sollte eigentlich veröffentlicht werden, es schein aber als wäre das Projekt zusammen mit ein paar Deutschheften bei Herrn [Z.] verschwunden.

Das Schuljahr ging weiter, wir lernten viele Dinge, die wie garantiert immer wieder brauchen können, zum Beispiel wie man ein Schweineherz seziert. Manche Schüler hatten ihren Spaß, im Biologieunterricht Metzger zu spielen und Eingeweide zu erforschen. Herr [B.] brachte uns sogar noch ein Lammherz mit Lunge mit, das von der Schülerseite begeistert inspiziert wurde.

Am 22. Juni fand auf dem Sportplatz der Abiturstreich statt. Im Gegensatz zu den vorigen Jahren beschäftigten sich kaum Schüler anderweitig, sondern verfolgten das Programm der “GlABIatoren”, höchstwahrscheinlich wegen dem schlechten Wetter, was das “In-Der-Wiese-Sitzen” unmöglich machte, es sei denn man legte Wert darauf, krank zu werden, um am folgen Tag nicht am Wandertag teilnehmen zu können beziehungsweise müssen. Zwar war nach Schöngeißing wandern nicht gerader der Traumwandertag, aber trotzdem recht schön. Sechs Schüler konnten nicht am Wandertag teilnehmen, da sie sich mit den nun eingetroffenen englischen Austauschschülern auf einem separaten Wandertag befanden.

Langsam näherte sich da Schuljahr dem Ende, immer mehr Stunden fielen aus. Eigentlich hätten auch die Temperaturen ansteigen sollen damit die noch etwas Hitzefrei dazu kommt, aber das ist diese Jahr wortwörtlich ins Wasser gefallen.

Spätestens wenn der Zettel ausgeteilt wird, der die Schüler daran erinnern soll, die letzten Schulwochen immer noch ernst zu nehmen, ist es mit der Ernsthaftigkeit endgültig vorbei. Im Normalfall ist sie ja eigentlich auch nicht mehr nötig, wenn man die letzte Schulwoche betrachtet: Vier Projekttage, das Sommerfest und natürlich der “Tag des Schicksals”, der letzte Schultag.

Dann haben wir Sommerferien. Das ist wohl die längste Zeitspanne im Jahr, in der wir uns nicht sehen. Für manche ist das sicher eine Erleichterung. Auch wenn sich viele neue Freunde gefunden haben und die früher noch deutlichen Grenzen, die zwischen Jungen und Mädchen sind, immer kleiner werden, ist in der Klassengemeinschaft ganz gewaltig der Wurm drin. Der erste Fall betrifft fast die ganze Klasse, die meisten wohl als Mitläufer. Die Rede ist natürlich von der, von euch so liebevoll bezeichneten, “Wasserleiche” oder auch dem “Schuppenkaspar”, wen das mehr anspricht. Am meisten Anspruch findet wohl der Name “Blubber”. Es verlangt ja niemand, dass man mit jedem in der Klasse gut auskommen muss, aber was ist so lustig daran, andere zu unterstützen, die jemanden fertig machen, der einem persönlich nie etwas getan hat? In diesem Fall sind wirklich alle gegen einen. Sogar den Lehrern bleibt das verborgen, die wundern sich nur über das Gelächter, wenn zum Beispiel die Redewendung “wie Schuppen vor die Augen fallen” benutzt wird. Ich habe den Verdacht, dass dich das im nächsten Schuljahr auch nicht bessern wird. Sicherlich führt diese Verhalten zu gar nichts, es sei denn man hat die Absicht, jemanden rauszuekeln, was ja, in einem andern Fall geglückt ist:
[Eine Schülerin] verlässt die Schule, weil sie sich hier nicht mehr wohl fühlt. Vielleicht ist es besser so, wenn man mit niemanden auskommt. Aber daran sieht man, was diese Ausgrenzgeschichte für Folgen für Leute hat, deren Rückgrat vielleicht nicht so stark ist, die vielleicht nicht soviel einstecken können.
Schluss mit der Kritik.
Es ist der Zeugnistag. Es standen ein paar Leute auf der Kippe, die meisten haben es geschafft. Für [einen Schüler] ist das heute der letzte Schultag in dieser Klasse. Er hat “Das Klassenziel nicht erreicht”, wie es so schön formuliert wird. Aber was hilft einem das Klassenziel, wenn man nichts damit anfangen kann? Es ist viel wichtiger, das Lebensziel zu erreichen.
Bei beiden hatten sie gewissermaßen Mitschuld, schlimmer ist es jedoch, wenn man gar nichts dagegen machen kann, wie bei [einer Schülerin]. Sie zieht in den Sommerferien nach Baden-Württemberg. Ich denke die Klasse ist sich einig, mit ihr in Kontakt zu bleiben.

Die Zeugnisverteilung.
In den meisten Fällen sind das grausamste auf dem Zeugnis wohl die zweiten oder dritten Vornamen, die man versucht vor anderen geheim zu halten. Allerdings sind die meisten schon ans Licht gekommen.
Wenn das nicht der Fall ist, lasst euch auf keinen Fall etwas einreden.
In diesem Sinne euch allen schöne Ferien, Erholt euch von der Schule und dieser Rede, ein erfolgreiches und unterhaltsames neues Schuljahr, egal wo, mit Lehrern, die euch schöne Geschichten aus der zweiten Dimension, von unsichtbaren Freunden, Indianern oder sonstigen Kreaturen erzählen. Denn Schule soll nicht nur lehren, wie man sich vor Regen aller Art schützen kann sondern auch Spaß bringen.

Extra! Extra!

An den letzten Tagen des Schuljahres fanden am GRG wie wohl an vielen Schulen Projekttage statt. Am Montag bereiteten die Klassen ihr Projekt unter dem Motto “GRG-Stadt” vor – es würde die üblichen Imbissstände geben, aber auch einfallsreichere Sachen wie einen Postdienst oder eine Modenschau. Am Dienstag war dann Präsentation der Projekte

Eine 8. Klasse schickte am Montag Reporter in die Klassen, um am Dienstag eine Zeitung herausgeben zu können mit Texten über die Projekte der anderen: Gratz sollte sie heißen.

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Und die Zeitung kam dann auch heraus. Voller Tippfehler und schief kopiert, die Texte unterschiedlich gut geschrieben – aber es war eine Zeitung. Keine Schülerzeitung. Eine Zeitung. Mit tagesaktuellen Fotos, billig, und Lokalinformationen, die die Leser interessierten. Sichtbar war das an den Reaktionen. Während das Echo auf die Schülerzeitung an unserer Schule gering ist, kamen hier sofort Rückmeldungen: Beschwerden von freien Mitarbeitern, deren Text gekürzt worden war; Klagen über das schlechte Layout und Tippfehler; Korrekturen von falsch oder nicht genau treffenden Behauptungen in den Texten.
Ganz wie bei einer richtigen Zeitung.

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Vielleicht sollte ich in Zukunft den Schülern mehr Zeitungs-Filme zeigen. Ich bin noch mit der Fernsehserie Lou Grant aufgewachsen. Und davor kannte ich aus unzähligen His-Girl-Friday-Verfilmungen (zum Beispiel die mit Cary Grant und Rosalind Russell oder die mit Jack Lemmon und Walter Matthau) das romantisierte Zeitungsleben aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Bärbeißige Chefredakteure, kleine gelbe Notizblöcke, sich irgendwo hineinschleichen und die Polizei belauschen; große Hektik und allgemeines Zigarrenkauen. Mehrere Ausgaben am Tag und “Extra! Extra!” rufende Zeitungsjungen bei Sonderausgaben.
Ich weiß auch, dass Zeitungen heute nicht mehr so sind (nur J. Jonah Jameson aus den Spider-Man-Filmen erinnert noch daran). Aber vielleicht schafft man in der Mittelstufe so am ehesten Interesse für Zeitung. Oder ist das zu sehr gemogelt?

Geoffrey Chaucer, The Canterbury Tales

Als ich in der 11. Klasse war, hielt unser damaliger Englisch-Referendar Peter Ringeisen eine Stunde zu Geoffrey Chaucer. Eigentlich war es nur eine halbe Stunde: Ich habe gerade das Arbeitsblatt von damals herausgekramt; die linke Hälfte ist altenglisch, die rechte der Anfang eines mittelenglischen Chaucer-Textes, den ich heute noch auswendig kann. Das muss mich damals sehr beeindruckt haben.

Ich hab dann auch später sowohl im Englisch- als auch im Deutsch-LK jeweils eine Stunde zu Chaucer gehalten, unter anderem mit den weiter unten stehenden Texten.

chaucer

Geoffrey Chaucer lebte von etwa 1340–1400 in England. Er arbeitete am Hof, war Page und beim Militär, machte Karriere als Beamter. Außerdem war er Dichter, und sein Hauptwerk sind die Canterbury Tales.

Die Rahmenhandlung der Canterbury Tales erzählt, wie eine Pilgergruppe von London aus nach Canterbury aufbricht. Die Reisenden treffen sich in einer (historisch belegten) Wirtschaft und sind so begeistert, dass der Wirt und der Erzähler Chaucer gleich mitkommen. Neben ihnen gibt es Nonnen, Ritter, Handwerker aller Art, Priester. Auf dem Weg erzählen sie sich in einer Art Wettbewerb gegenseitig Geschichten, und diese Geschichten bilden eben die Canterbury Tales. Chaucer befindet sich damit in bester Novellen-Tradition.

Vor jeder Geschichte gibt es den von Chaucer erzählten Prolog des jeweiligen Geschichtenerzählers. Interessant sind nämlich nicht nur die Geschichten (lustige, traurige, dramatische Erzählungen), sondern auch die Erzähler, und der Grund, warum sie jeweils diese Geschichte erzählen (als Reaktion auf andere Geschichten, um bestimmte Mitreisende zu ärgern).

Chaucer ist der älteste englische Dichter, den man als Muttersprachler heute noch einigermaßen und mit viel gutem Willen lesen kann. “Mittelenglisch” nennt man das, was damals gesprochen wurde; in der Schreibung ist das dem heutigen Englisch ziemlich ähnlich, es wurde nur anders ausgesprochen: Vereinfacht gesagt, jeder Buchstabe, der geschrieben wurde (und heute noch geschrieben wird), wurde auch als Laut ausgesprochen
Vor dem Mittelenglischen gab es das Altenglische, noch ohne französischen Einfluss, also rein Angelsächsisch. Als 1066 die Normannen England eroberten, brachten sie viele nordfranzösische Wörter mit, die sich nach und nach mit dem Altenglischen vermischten und zum Mittelenglischen führten. “Neuenglisch” ist das, was heute (und seit etlichen hundert Jahren) gesprochen wird.

“The Miller’s Tale” ist eine der besten Geschichten aus den Canterbury Tales. Schon in der 12. Klasse hatte ich mir eine neuenglische Übersetzung von Chaucer gekauft und diese Erzählung gelesen: Vermutlich hauptsächlich deshalb, um “A Whiter Shade of Pale” von Procol Harum besser zu verstehen. Ein geniales Lied mit rätselhaftem Text. Unter anderem heißt es:

And so it was that later
As the miller told his tale
That her face, at first just ghostly
Turned a whiter shade of pale.

Leider hat mir Chaucer dabei auch nicht weitergeholfen. (Ebensowenig wie die Tatsache, dass mein Songbook damals die Zeile als “as the mirror told his tale” wiedergab. Überhaupt wird sich bei diesem Lied gerne verhört, wie man bei misheard lyrics nachschlagen kann.)

In “The Miller’s Tale” geht es um einen alten Tischlermeister (carpenter) mit einer deutlich jüngeren Frau, Alisoun. Die fängt mit dem Untermieter Nicholas, einem Studenten, ein Verhältnis an. Um vom Tischler nicht gestört zu werden, reden sie ihm ein, dass eine zweite Flut (wie die von Noah) droht, und dass er sich in seine Tröge innen unter das Dach hängen soll. Wenn die Flut komme und das Wasser das obere Stockwerk erreicht habe, brauche er dann nur die Seile durchzuschneiden und er und seine Frau könnten in den zu Booten umfunktionierten Trögen davonfahren. Natürlich schläft der brave Mann ein und Alisoun stiehlt sich zu Nicholas.
Absolon ist ein Mann aus dem Dorf, der ebenfalls mit Alisoun etwas anfangen möchte. Er will bei Alisoun fensterln, die ist aber schon mit Nicholas beschäftigt. Sie versprichst Absolon einen Kuss, streckt ihm aber nur ihren Hintern aus dem Fenster, den Absolon in der Dunkelheit küsst.


Ersten Teil anhören (von mir gelesen – einige Fehler sind noch drin, aber das merkt hoffentlich keiner)

The wyndow she undoth, and that in haste.
“Have do,” quod she, “com of, and speed the faste,
Lest that oure neighebores thee espie.”

This Absolon gan wype his mouth ful drie.
Derk was the nyght as pich, or as the cole,
And at the wyndow out she putte hir hole,
And Absolon, hym fil no bet ne wers,
But with his mouth he kiste hir naked ers
Ful savourly, er he were war of this.

Abak he stirte, and thoughte it was amys,
For wel he wiste a womman hath no berd.
He felte a thyng al rough and long yherd,
And seyde, “Fy! allas! what have I do?”

“Tehee!” quod she, and clapte the wyndow to,
And Absolon gooth forth a sory pas.

“A berd! a berd!” quod hende Nicholas,
“By Goddes corpus, this goth faire and weel.”

Ich liebe vor allem Alisouns “Tehee”. Weiter: Absolon holt sich wutentbrannt vom Dorfschmied eine noch heiße Pflugschar (“kultour”) und bittet dann wieder bei Alisoun am Fenster um einen weiteren Kuss, will sich aber eigentlich nur rächen. Er bietet ihr einen Ring als Geschenk an. Der Student Nicholas will Absolon noch mehr – hier passt: verarschen – und steckt seinen eigenes Hinterteil heraus. Und lässt einen fahren. In diesem Moment rammt Absolon die heiße Pflugschar nach oben. Nicholas schreit nach Wasser. Der Tischler wacht durch das Geschrei auf, hört die Rufe nach “Wasser! Wasser!” und denkt, die Flut ist da. Also schneidet er die Seile durch und kracht mit seinem Trog ein Stockwerk nach unten auf den Boden. Die Nachbarn kommen zusammengelaufen, Chaos und Verwirrung überall.
Perfektes Timing.


Zweiten Teil anhören (von mir gelesen – einige Fehler sind noch drin, aber das merkt hoffentlich keiner)

“Why, nay,” quod he, “God woot, my sweete leef,
I am thyn Absolon, my deerelyng.
Of gold,” quod he, “I have thee broght a ryng.
My mooder yaf it me, so God me save;
Ful fyn it is, and therto wel ygrave.
This wol I yeve thee, if thou me kisse.”

This Nicholas was risen for to pisse,
And thoughte he wolde amenden al the jape;
He sholde kisse his ers er that he scape.
And up the wyndowe dide he hastily,
And out his ers he putteth pryvely
Over the buttok, to the haunche-bon;
And therwith spak this clerk, this Absolon,
“Spek, sweete bryd, I noot nat where thou art.”

This Nicholas anon leet fle a fart,
As greet as it had been a thonder-dent,
That with the strook he was almoost yblent;
And he was redy with his iren hoot,
And Nicholas amydde the ers he smoot.

Of gooth the skyn an hande-brede aboute,
The hoote kultour brende so his toute,
And for the smert he wende for to dye.
As he were wood, for wo he gan to crye,
“Help! water! water! help, for Goddes herte!”

This carpenter out of his slomber sterte,
And herde oon crien “water” as he were wood,
And thoughte, “Allas, now comth Nowelis flood!”
He sit hym up withouten wordes mo,
And with his ax he smoot the corde atwo.
And doun gooth al; he foond neither to selle
Ne breed ne ale, til he cam to the celle
Upon the floor, and ther aswowne he lay.

Weil ich’s auch noch mit aufgenommen habe: Hier der berühmte Anfang der Rahmenhandlung der Canterbury Tales. Wie auch für die Aufnahmen oben gilt: Mein Mittelenglisch ist etwas rostig. Immer wieder setzt sich doch die gewohnte neuenglische Aussprache durch. Und auch die verschiedenen langen e- und o‑Laute (offen bzw. geschlossen) halte ich nicht immer sauber getrennt.

Whan that aprill with his shoures soote
The droghte of march hath perced to the roote,
And bathed every veyne in swich licour
Of which vertu engendred is the flour;
Whan zephirus eek with his sweete breeth
Inspired hath in every holt and heeth
Tendre croppes, and the yonge sonne
Hath in the ram his halve cours yronne,
And smale foweles maken melodye,
That slepen al the nyght with open ye
(so priketh hem nature in hir corages);
Thanne longen folk to goon on pilgrimages,
And palmeres for to seken straunge strondes,
To ferne halwes, kowthe in sondry londes;
And specially from every shires ende
Of engelond to caunterbury they wende,
The hooly blisful martir for to seke,
That hem hath holpen whan that they were seeke.

Edwin Thomas, The Blighted Cliffs

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Den Klappentext zieren stolz Pressestimmen: “At last, the nautical Flashman”. Ein anderer Rezensent meint: ““Will fill the gaping hole stoved in the timbers of the sea-saga genre by the sad death of Patrick O’Brian.”
Und das ganze heißt: “Book one of the reluctant adventures of Lieutenant Martin Jerrold”, und vorne ist ein lustig gezeichnetet Marineoffizier.

Hm.

Für all das kann der Autor nichts. Mich stört, wenn ein relativ frisch erschienener Roman (er kam im Jahr 2003 heraus) sich gleich als “Book One” präsentiert. Der zweite Roman ist bereits als Hardcover erschienen. Mich stört, wenn der Held gleich gar so launig ausschaut.
Und die Vergleiche hinken auch: Von Patrick O’Brian habe ich zwar nur ein Buch gelesen, aber das war wesentlich detailreicher und nautischer, sofern ich das als völliger Laie sagen darf, als dieses hier. Und mein verehrter Flashman ist tatsächlich ein widerstrebender Held, und tatsächlich ein Feigling und Lüstling. Außerdem sind dessen Abenteuer als Memoiren geschrieben, und das Erzähler-Ich ist interessant: Es blickt am Ende eines langen Lebens zurück; der Zynismus ist durch die abgeklärte Weisheit des Alters gemildert; es durchschaut das Spiel von Geschichte, Geschichtsschreibung, öffentlicher Meinung und Reputation.

Martin Jerrold, der Anti-Held dieses Romans, gibt lediglich vor, all das zu sein. Der Erzähler ist ebenfalls ein Ich-Erzähler, allerdings aus keiner nennenswerten zeitlichen oder räumlichen oder charakterlichen Distanz. Er wacht zu Beginn des ersten Buches auf und klagt rückblickend, dass all das Folgende nicht geschehen wäre, hätte er mehr getrunken. In Flashmans erstem Abenteuer deutet dieser den Bericht über seinen Rausschmiss wegen Trunkenheit aus der public school (noch in Thomas Hughes’ Bildungsroman Tom Brown’s Schooldays) als rufschädigende Verleumdung: Er habe keineswegs Bier und verschiedene Schnäpse durcheinander getrunken; schon als Schüler sei er klüger gewesen, als sich so dilettantisch zu betrinken. Ob man ihm glaubt, sei dahingestellt – aber wenigstens nimmt Harry Flashman seine Laster ernst. Martin Jerrold dagegen kann nach vier Fünfteln des Buches noch immer keine Bettgeschichte vorweisen (und auch dann nur mit einer einzigen Dame). Besonders feige ist er auch nicht. Einmal meint er, dass wenigstens das Glücksspiel nicht zu seinen Lastern gehört. Aber sonst hat er auch keine. Seinen schlechten Ruf scheint er zu unrecht zu haben; ganz wichtig für seine Biographie ist, dass er die Schlacht von Trafalgar größtenteils verpasst hat – aber auch das durch einen unglücklichen Zufall und nicht aus Feigheit. Flashman hat seinen guten Ruf zu unrecht; Jerrold den schlechten zu unrecht.

Ansonsten ist das Buch vergnüglich. Aber mehr nicht.

Patrick O’Brian, Master & Commander

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Der Kino-Film Master and Commander brachte mich auf die Serie von 20 Seefahrt-Abenteuerromanen um Captain Jack Aubrey und seinen Schiffsarzt und Vertrauten Stephen Maturin. Der erste Band, auf dem ein Teil des Films basiert, erschien 1969 und heißt ebenfalls Master & Commander. Er spielt zum Ende des 18. Jahrhunderts.

Das Buch ist spannend, die Charaktere sind sehr differenziert gezeichnet; besonders humorvoll ist das Buch aber nicht – als realistisch angelegter Abenteurerroman auf hoher See bleibt einfach nicht viel Zeit für Humor. Realistisch angelegter Abenteuerroman: So etwas gibt es wohl; in einer Vorbemerkung entschuldigt sich der Autor für seine Untertreibung. Das tatsächliche Leben in der britischen Marine im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert sei für heutige Verhältnisse einfach zu unglaubwürdig.
Das Buch ist voll von nautischen Details. Sehr voll. Moby Dick ist harmlos dagegen, und das habe ich mehrfach gelesen. Jedes Stück Holz, jedes Stück Leintuch hat seinen Namen und seine Geschichte. Das liest sich keinesfalls trocken, aber gemerkt habe ich mir lediglich, dass die schrägen Segel an Bord dieser riesigen Segelschiffe daher kommen, dass die Masten ja links und rechts und vorn und hinten durch Taue gesichert sein müssen, und an diesen Tauen hängt man auch noch Segel auf. Daher die schrägen Segel zwischen den Masten.
Wie man sieht, bin ich nautisch völliger, hoffnungsloser Laie.

Insgesamt ist mir Flashman dann aber doch lieber. Aber vielleicht muss das Buch auch noch erst ein wenig ruhen, und ich mache mich dann doch noch an Band 2 bis 20.

Kaplonski

Im Deutschunterricht der Oberstufe liest fast jeder Kurs Woyzeck. Wir Lehrer betonen dabei gerne die offene Form dieses Stücks: Es gibt keinen traditionellen Aufbau mit Exposition, steigender Handlung, Peripetie, fallender Handlung, Katastrophe; es gibt keine Akte. Vielmehr besteht das Stück aus relativ lose verbundenen Einzelszenen. Und da Georg Büchner, der Autor, das Stück auch noch unvollendet hinterließ, gibt es für die von ihm geplante Reihenfolge dieser Einzelsenen nur Anhaltspunkte, aber keine Sicherheit. Tatsächlich unterscheiden sich die meisten Woyzeck-Druckausgaben und natürlich auch die Inszenierungen in der Anordnung ihrer Szenen.

Also wollte ich zuerst die Schüler ihre Reclam-Ausgaben auseinanderreißen und sie die einzelnen Blätter neu anordnen lassen. Aber die Seitenzahlen bleiben dabei ja stehen erhalten, und damit die (für diese Ausgabe) ursprüngliche Reihenfolge. Außerdem lassen sich Vorder- und Rückseite nicht trennen.

Die nächste Idee war dann, den Text von Woyzeck als Textverarbeitungsdokument an die Schüler auszuteilen: 24 Einzelszenen, ausgedruckt auf 24 Seiten, in alphabetischer Reihenfolge. Damit könnten die Schüler schön spielen. Das wäre eine schöne Aufgabe.

Aber sie könnten ja immer noch die Originalreihenfolge in Erfahrung bringen – und sich dabei selber etwas vormachen, denn es gibt ja keine Originalreihenfolge; sie könnten lediglich die Reihenfolge einer bestimmten Ausgabe übernehmen. Schon viel weniger schön.

Also habe ich mit “Suchen/Ersetzen” den Namen im gesamten Dokument geändert. Marie und Tambourmajor blieben gleich, aber “Woyzeck” wurde jeweils durch “Kaplonski” ersetzt. Und Kaplonski war auch nicht mehr von Büchner, sondern von Werner Bergengruen. (Den gibt’s wirklich, wenn auch hundert Jahre später, und er ist hinreichend unbekannt, um die Schüler beim Recherchieren im WWW auf eine falsche Fährte zu locken.)

Danach bekam jeder Schüler 25 Blätter kopierten Kaplonski und folgende Anweisung: “Bitte lesen und in eine sinnvolle Reihenfolge bringen. Noch sind die Szenen alphabetisch sortiert. Es gibt keine richtige Lösung; der Autor ist gestorben, ohne Kaplonski zu vervollständigen. Er hat auch kein Inhaltsverzeichnis hinterlassen. Man hat teilweise herausgefunden, in welcher Reihenfolge die Szenen geschrieben wurden; das sagt aber nichts darüber aus, in welcher Reihenfolge sie im Stück hätten erscheinen sollen. Nachfragen technischer und sonstiger Art bitte erst an mich; jeder sollte alleine arbeiten.”

Inzwischen ging es nicht mehr nur darum, die Schüler dazu zu bringen, kreativ mit Text umzugehen. Ich wollte auch schauen, wie schnell die Schüler erkennen würden, dass irgendwas mit der Geschichte nicht stimmt.

Von zehn Leistungskurslern kamen mir zwei Schüler drauf, und ein dritter hatte zumindest Verdacht geschöpft. Direkt süß die vorsichtigen E‑Mail-Nachfragen:

Hallo Herr Rau,

ich muß Ihnen mal etwas sehr witziges erzählen:
Ich habe heute mit einer Freundin telephoniert und da wir beide leidenschaftliche Mitglieder eines Deutsch LKs sind haben wir natürlich auch über unser Lieblingsfach gesprochen. Nachdem ich ihr von Kaplonski erzählt hatte bemerkte sie verblüffende Ähnlichkeit mit Woyzeck, den sie letztes Jahr gelesen hatte (Erbsen, uneheliche Kinder, Marie, …).
Zuerst waren wir der Meinung, daß vielleicht einer vom anderen abgeschrieben hat, aber nachdem wir die Texte verglichen hatten, waren wir uns einig, dass eine solche Art und Weise des Kopierens wohl mehr als dreist gewesen wäre.
Ich war dann mal im Internet und es scheint mir fast so, als ob Werner
Bergengruen sich selbst zu Lebzeiten gar nicht bewußt war, daß er mal
was mit dem Namen Kaplonski geschrieben hat.
Kurz: Gibt es einen Kaplonski?

Im Unterricht brachte das ganze dann weniger, als ich gehofft hatte. Da war ich aber selber schuld: Ich hatte nicht die Zeit, ausreichend mit den Schülern über die jeweils von ihnen gewählte Reihenfolge zu reden, und sie ihre Wahl begründen zu lassen. Beim nächsten Mal mache ich es besser.

Falls jemand das rtf-Dokument haben möchte (man sollte es mit jedem üblichen Textverarbeitungsprogramm öffnen können), hier kann man es herunterladen (85 KB).

Falls jemand das im Unterricht einsetzen möchte, würde ich aber “Kaplonski” ersetzen durch einen weiteren falschen Namen – sonst kommen die Schüler beim Recherchieren im WWW auf genau diese Seite hier.
Wer keinen Namen weiß, sucht am besten wie ich die nächste Eisenwarenhandlung. Durch die bei mir ums Eck bin ich nämlich auf den Namen gekommen:

kaplonski.jpg

Frederik Hetmann als Gast an der Schule

Heute war Projekttag an unserer Schule. Für die 7. Klassen sah das so aus: nach einer Schulstunde Einführung in den Tag gingen die Schüler zu Fuß zur Stadtbibliothek in der Aumühle. Die ist die schönste solcher Bibliotheken, die ich kenne. Ein Turm oben drauf, und innnen hell, verwinkelt und mit viel Platz. Unten gibt es ein Café, und ganz oben einen Vortragssaal, dazwschen Computer-Arbeitsplätze und das OPAC-Bibliothekssystem.

Ein wirklich sehr rühriger Deutschlehrer hatte Frederik Hetmann (eigentlich: Hans-Christian Kirsch) eingeladen. Für junge Schüler ist eine reine Dichterlesung oft nicht sehr interessant. Die wollen selber etwas tun. Außerdem sollte dieser letzte Tag vor dem Zeugnis möglichst produktiv genutzt werden: Auch um zu zeigen, dass solche Projekttage nicht bloß Kuchenverkauf- und Sportwettbewerbtage sein müssen, nicht bloß Lückenfüller sein müssen. (Das lag dem Deutschlehrer vielleicht besonders am Herzen.)

Deshalb wurden die Schüler in Gruppen aufgeteilt; jede Gruppe bekam gut fünf Seiten Arbeitsaufträge für die Bibliothek. Für jede Aufgabe gab es Punkte; für entsprechendes Verhalten (immerhin waren wir in einer öffentlichen Bibliothek) gab es ebenfalls Plus- oder Minuspunkte. Ganz wie bei Harry Potter, die Lehrkraft entscheidet.
Die Aufgaben enthielten: Bibliotheksausweis beantragen, sofern die Schüler keinen hatten. Signaturen anhand von OPAC (also mit dem Computer) und Katalog herauskriegen. Verschiedene in der Bibliothek benutzte und benutzbare Medien und Datenträger herausschreiben. Informationen zu Frederik Hetmann/Hans-Christian Kirsch herausfinden: Pseudonym, Berufe. Der Hauptteil der Aufgaben beschäftigte sich aber mit der eigens vom Deutschlehrer eingerichteten Werkschau.

Und die war wirklich sehenswert.

An die hundert Werke von Hetmann/Kirsch waren auf dem Boden ausgebreitet. Jedes Buch lag einzeln auf einem weißen A4-Blatt; und zwischen dem Büchern befanden sich rote, grüne und blaue Pfeile. Die Pfeile zeigten, und auch das sollten die Schüler herausfinden, Zusammenhänge im Werk an: chronologische, aber vor allem thematische. Übersetzungen von Kirsch waren ebenso dabei wie Werke, die Kirsch/Hetmann beeinflusst haben. Allen Ginsberg verwies auf Hetmanns erstes Buch, irgendwo lag eine Mao-Bibel. Der Anblick von hundert auf dem Boden ausgefächerten Kinder- und Jugend- und Indianer- und Märchenbüchern, von Biographien und Anthologien war beeindruckend.
Einfacher hätte man das als WWW-Seiten haben können: Einfacher, und um wieviel langweiliger, öder, weniger begreifbar. Die Schüler liefen um die vielleicht sieben Quadratmetet Fläche voller Bücher und Pfeile herum, betrachteten die Bücher von allen Seiten, in all den verschiedenen Größen und Farben und Schrifttypen und Verlagen und voller verschiedener Gebrauchsspuren.

Danach begann die eigentliche Dichterlesung. Hans-Christian Kirsch las zwei Texte aus der von ihm mit verfassten “Literaturgeschichte in Geschichten”, Dichter leben. Danach stellten die Schüler Fragen – und sie hatten sich auch gute Fragen vorher überlegt. Dafür gab es nämlich auch Punkte: Dafür, dass die Gruppe gute Fragen auf ihr Blatt aufgeschrieben hatte, aber auch dafür, diese Fragen dann auch wirklich gestellt zu haben. Das ist extrinsische Motivation, schadet aber nicht: Denn fast alle Schüler waren an den Antworten mehr interessiert als daran, nur ihre Frage loszuwerden.
Gefragt wurde unter anderem:
– zu seinem Tagesablauf als Schriftsteller
– zu seiner Arbeitsweise
– wie lange er für ein Buch braucht
– zu Schwierigkeiten und Erfahrungen mit Verlagen und Lektoren
– zu seinem Pseudonym
– zu seinen Deutsch-Leistungen in der Schule
Hans-Christian Kirsch beantwortete alle Fragen ausführlich und freundlich und verständlich, er sprach zu den Schülern und nicht zu den Lehrern, erzählte kurze Anekdoten, und er ließ vor allem auch die Schüler mit ihren Fragen zu Wort kommen.

Danach konnten Schüler und Lehrer noch Dichter leben kaufen und signieren lassen.

Das war ein sinnvoller Projekttag.