Eine Erschütterung in der Macht

Oder: “Something has changed in the Neath”, wie es bei dem Spiel Sunless Sea heißt. Frau Rau meinte vor zwei Tagen früh am Morgen lapidar, sie würde jetzt erst einmal nicht mehr bloggen. Aus heiterem Himmel. Keine Sorge, ihr geht es gut, soweit ich weiß, und uns beiden geht es auch gut miteinander, soweit ich weiß, gar kein Grund zur Sorge; aber ein bisschen verunsichert bin ich schon.

Dazu muss man wissen, dass Frau Rau seit siebzehn Jahren bloggt, und seit vielen Jahren sogar so gut wie jeden Tag. Mit Fotos und Meinungen und Erinnerungen und Empfehlungen. Damit macht sie jetzt erst einmal, uh, Pause. Laden dichtgemacht, ohne Möglichkeit von closure. Ich bin vielleicht tatsächlich ein bisschen traumatisiert.

Dadurch merke ich erst, wie sehr ihr Blog Teil meiner Identität ist und ich mich in dessen Glanz sonnte. Immerhin tauchte ich da auch ab und zu auf. Aber gut. Persönlich halte ich das Innehalten für eine gute Idee. Vielleicht in Ermangelung dramatischerer Veränderungen – keine Rentenjahre in England dank Brexit, kein Umzug in Aussicht – ist das eine Möglichkeit, radikal etwas Neues zu machen, zu schauen, wie es mit einem weitergeht. Und, ehrlich gesagt, so ein Blog kostet auch sehr viel Zeit; ich kriegte das mit. Also persönlich: go for it.

Aber mehr so insgesamt betrachtet halte ich das für einen herben Verlust. (Hoffentlich nur einen zeitweiligen, aber wer weiß.) Das war ein Stück vom guten alten Internet, der letzte Saloon am Rande der Wüste, Siduris Schenke am Ende der Welt. Übertreibe ich etwas? Vielleicht, aber ich bin ja auch nicht völlig unvoreingenommen. Und wenn schon nicht national treasure, ein bisschen Kulturdenkmal ist so ein Blog allemal.

Dine & Crime: P‑Seminar Krimi-Dinner

Gestern hatte ein Englisch-P-Seminar zum Krimi-Dinner geladen. Bei so einem Spiel übernehmen die Gäste verschiedene Rollen, wie man sie aus alten Krimis kennt. Am Schluss wird einer als Täter oder Täterin entlarvt. Dazwischen geht es im besten Fall hochdramatisch zu, und man kriegt etwas zu essen.

In der Aula waren zwei große Tische aufgebaut, aus der Mensa geholt. Angenehme Beleuchtung, Tischdecken, Platzkarten. Jeder Tisch bekam die gleiche Geschichte und die gleichen Rollen und spielte für sich; die Trennwand dazwischen sorgte dafür, dass zumindest unser Tisch fast nichts vom Nachbartisch mitbekam. Der allerdings, so hieß es danach, musste gelegentlich innehalten, weil wir so laut waren. (Außerdem war die Trennwand als Möglichkeit vorgesehen, Beweisstücke anzupinnen. Aber da nicht vorgesehen war, irgendwelche Fäden zwischen ihnen zu spinnen, nutzten wir diese Möglichkeit überhaupt nicht.)

Es war die zweite derartige Veranstaltung; bei der ersten waren nur Schüler und Schülerinnen als Gäste vorgesehen, diese hier richtete sich an Lehrer und Lehrerinnen. Die waren teilweise ein bisschen angehübscht, ich hatte mein 1950er-Jahre-Holzfäller-Outfit an. Wir waren neugierig gespannt und standen am Anfang in einer Reihe und wurden nach und nach abgeholt und mit unseren Rollen versehen zu unseren Plätzen geführt – es hatte nur ein ganz klein bisschen was von der Mannschaftsauswahl im Sportunterricht.

Die Gespräche wurden alle auf Englisch geführt. Gut die Hälfte der Gäste waren Englischlehrer und ‑lehrerinnen, der Rest kam aus anderen Fächern – ich hatte vorher gar nicht darüber nachgedacht, dass das für die ja vielleicht eine zusätzliche Hemmschwelle sein könnte. So oder so, sie machten sich alle ausgezeichnet: Respekt. Wenn alle meine Schüler und Schülerinnen so gut reden könnten, wäre ich zufrieden.

Es gab drei Akte und drei Gänge. Die Gänge waren… spartanisch; ich fühlte mich ein bisschen an eine Szene aus Hook (1991) erinnert. Aber gut, ohne Küche und für wenig Geld ist das für Schüler und Schülerinnen wohl auch schwer. Und der Scone zum Nachtisch (mit Erdbeermarmelade) war wirklich sehr lecker.

Es war, um es jetzt endlich mal zu sagen, ein gelungener und rundum vergnüglicher und sehr unterhaltsamer Abend. Wir spielten zweieinhalb Stunden.

Ich kenne bei solchen Spielen zwei Varianten. Die eine findet sich etwa in Eine Leiche zum Souper. Vier spannende Krimirätsel für 4–8 Spieler (DuMont 1989, damals noch im Studium gekauft). Dabei erhalten alle Spieler und Spielerinnen pro Akt neue Informationen über sich und über andere, die sie geschickt an die anderen vermitteln müssen. Wer der Mörder oder die Mörderin ist, erfährt auch sie erst frühestens im letzten Akt, falls überhaupt. Die andere Variante kenne ich aus dem Web, wo ich mal solche Murder Parties gesucht und gesammelt habe – da wissen Täter oder Täterin von Anfang an, was in Wirklichkeit geschehen ist. Variante zwei gefällt mir erkenntnistheoretisch mehr, aber Variante eins ist vermutlich besser spielbar.

Wir spielten Variante eins und stürzten uns alle sofort ins Rollenspiel. Ich baute Versatzstücke aus Knives Out (2019) und Sleuth (1972) ein. Eine Figur war vermutlich gar nicht misogyn gedacht, aber wurde sehr schön so gespielt – die beiden Ermittlerinnen waren Frauen. Das zankende Nachbar-Ehepaar war allerliebst gespielt.

Wir wussten zwar noch nicht, ob wir am Ende die Täter sein würden, lenkten aber vorsorglich den Verdacht auf Mitspieler und Mitspielerinnen, wann immer es irgendwie ging. Zum Beispiel erfuhren wir, dass die Tochter des Gastgebers zu ihrem bis dato unbekannten Freund in dessen schwarzes Auto gestiegen war – prompt wurde dem Nachbarn an den Kopf geworfen, er habe doch ein schwarzes Auto, worauf sich wilde Theorien entwickelten, den Abstreitungen des Nachbarn nicht geglaubt, ihm Gewalt angedroht wurde – ich fühlte mich an das Spiel Werwolf/Mafia erinnert, bei dem es je nach Rolle auch eher darum geht, andere in Verdacht zu bringen.

Ein bisschen schade war, dass unser freies Rollenspiel durch geskriptete Dialoge unterbrochen wurde, die dazu gedacht waren, den Plot voranzubringen und neue Inormationen unter die Anwesenden zu bringen. Das hätten wir auch so geschafft, denke ich. Überhaupt kenne ich das manchmal vom Tabeltop-Rollenspiel: Gib den Leuten gute Laune und Rollen, dann läuft das fast von alleine. Ein echter Gewinn ist aber die Strukturierung durch die Gänge beim Essen.

Jetzt muss ich das auch endlich mal im Englisch-Unterricht einsetzen.

Tagebuchbloggen, grobschlächtig; Kinobesuche

Grob deshalb, weil das nur ein Überblick über die Woche gibt; ich werde nicht anfangen, regelmäßig über meinen Alltag zu schreiben.

Die Weihnachtsferien waren bekanntlich schön. Inzwischen programmiere ich herum und komme dafür sehr, sehr wenig zum Lesen. Die Schule macht mir sehr Arbeit.

Wenn das Leben dir Steckrüben gibt, mach Cornish Pasties daraus. (Damit es richtig gut wird, braucht man Kronfleisch dazu, aber das kriege ich glücklicherweise immer ohne Vorbestellung am Markt bei meinem Innereienmetzger.

Im Kino gewesen, Knives Out gesehen. Hat mir ganz ausgezeichnet gefallen. Es hat Elemente von J. B. Priestleys An Inspector Calls – aber hat das nicht jeder derart klassischer Krimi? Ein Inspektor inspiziert eine Familie, und die Dinge sind nicht so, wie sie scheinen. Außerdem sieht Christopher Plummer aus wie von Steve Ditko gezeichnet, aber mir fehlt noch das geeignete Bild, um das zu zeigen – hohe Stirn, hohe Wangenknochen, breiter Mund (schmunzelnd).

Dann Joker gesehen. Wie erwartet ist das nicht mein Film: Ein bisschen zu viel Gewalt, aber das ist kein Vorwurf, und man kriegt ja mit, wann man – gelegentlich – wegschauen muss. Aber vor allem gehört er in die Kategorie Drama, und die langweilt mich fast immert. Ich mag an Filmen alles, was intellektuell stimulierend ist: überraschende Wendungen, oder überhaupt irgendwelche Überraschungen; offene Fragen, Rätsel, Unklares, das Erzeugen einer anderen Welt als der meinen, Puzzles, oder einfach nur Sprachwitz. Außerdem sentimental, das mag ich auch. Aber mitfühlen mit Figuren, so mit Empathie, das ist gar nicht das meine.

(Warum mag ich noir? Wieso halte ich Joker eben nicht für noir, neo- oder sonstwie? Vielleicht bin ich ja auch nur ein Marvel-Snob.)

Schule: Termine, Arbeit, schon okay. Aber wenig Zeit.

Hack the Web: Unterrichts- und Fortbildungsformat?

Vor ein paar Wochen war in meiner 9. Klasse in Informatik nach einem Test noch eine Stunde Zeit; Wiederholung und Vertiefung passte danach nicht. Glücklicherweise hatte einer der Praktikanten eine schöne Idee: Er hatte als Projekt eine Webseite erstellt mit gemischten kleinen Aufgaben aus der, hm, Web-Bearbeitung? Informatik? Angewandten Informatik? – Benutzer legen sich dabei ein Konto an und haben dann 30 Minuten Zeit, auf Hack the Web möglichst viel Aufgaben zu lösen und viele Punkte zu erreichen. Die Punkte kann man dann auf einer High-Score-Liste vergleichen. So ähnlich habe ich das als “Capture the Flag” mal auf einer Fortbildung kennengelernt. (Das mit den 30 Minuten nur bei Anmeldung als Klasse, wenn man das nur einfach so macht, gibt es keine Zeitbeschränkung.)

Auf jeder Aufgaben-Seite muss man ein Codewort eingeben und abschicken. Das Codewort zu finden ist meist die eigentliche Aufgabe. Anders etwa als bei dem ebenfalls webbasierten Rätselspiel Notpron eröffnet die Lösung einer Aufgabe meist mehrere andere Aufgaben, so dass man ausweichen kann, wenn man mal nicht weiter weiß oder mag.

Ansonsten war da nichts von einem Lehrpfad oder einer Webquest. Kein Kontext. Keine Kompetenzorientierung. Einfach nur Aufgaben. Hat voll funktioniert, und die Schüler und Schülerinnen kamen auch recht weit. Ich habe das eine Woche später auch meine Informatiklehramt-Studentinnen und ‑Studenten machen lassen; auch da viel Vergnügen.

Die Aufgaben sind alle nicht sehr schwierig; sie richten sich auch an Schüler und Schülerinnen oder Studierende, keine Hacker. Die erste Aufgabe – ich spoilere jetzt, aber nur wenig – ist besonders einfach: Das Codewort auf der Webseite ist in der gleichen Farbe geschrieben wie der Hintergrund; man soll es sichtbar machen, indem man einfach einen Bereich selektiert und markiert, worauf der Text ja standardmäßig im Browser hervorgehoben wird.

Und da dachte ich mir: Wie weit würden wohl die Lehrer und Lehrerinnen eines Kollegiums, irgendeines, bei so einem Spiel kommen? Sozusagen, wenn man das als Fortbildungsmaßnahme anböte? Mein Respekt vor den Schülern und Schülerinnen wächst bei dieser Vorstellung. Sie haben wahrscheinlich genau so viel Angst, sich zu blamieren, wie Erwachsene, aber sie trauen sich das Arbeiten mit dem Rechner zu; außerdem haben sie keine Scheu, Aufgaben zu lösen, auch wenn das keinen unmittelbaren Sinn hat. Ein Kollegium… würde zögerlicher an so eine Aufgabe herantreten. Und vielleicht würden, ahem, schon manche bei der ersten Aufgabe Probleme haben, der mit dem Sichtbarmachen durch Auswählen und Markieren.

Und doch lässt mich der Gedanke nicht los, das Format für die Schule zu nutzen, für Unterricht oder Fortbildung. Es würde nicht sehr um informatische Dinge gehen, aber um die Nutzung von digitalen Werkzeugen, webbasiert oder lokal installiert. (Ich nähere mich damit auch dem Konzept Esape Room, das wird ein eigener Eintrag mal.) Man könnte im Rahmen der Aufgaben:

  • QR-Codes dekodieren
  • bei einem Bild den Kontrast erhöhen, um Unsichtbares sichtbar zu machen
  • für Fortgeschrittene: zwei oder mehr Bilder übereinander legen (als Ebenen), um Text lesbar zu machen – eventuell muss man sie auch erst auf die gleiche Größe skalieren
  • die Geschwindigkeit einer Audiodatei verändern, um den Text verständlich zu machen
  • eine Bilddatei mit einem Hexeditor öffnen, um eine darin versteckte Nachricht zu lesen
  • eine Java-Datei decompilieren, um sich den Quellcode anzuschauen
  • die Lösung auf Chinesisch präsentieren – erfahrene Webnutzer haben ja keine Probleme, sich das übersetzen zu lassen

So als Ergänzung zu den Mebis-Fortbildungskursen… aber nicht zu Hause zu machen, sondern zusammen mit anderen im gleichen Raum. Ist dann auch gleich viel gemütlicher. Zugegeben: Damit gibt man Gelegenheit zu zeigen, was man bereits kann; Lernaufgaben sind das keine.

In der Biberrepublik

Erinnerungen an Venedig

“Alle Städte sind gleich, nur Venedig ist ein bissl anders.” So lässt Friedrich Torberg die Tante Jolesch sagen, und die Tante Jolesch hat gar nicht Unrecht damit. Venedig ist anders. Venedig ist ganz genau so, wie es im Film Top Hat (1935) dargestellt wird, zum Beispiel am Anfang dieser Szene:

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Wohlgemerkt: Das soll das echte Venedig sein, in dem sich die von Fred Astaire und Ginger Rogers gespielten Charaktere aufhalten, nicht etwa eine Venedig-Revue auf einer großen Bühne. Und doch trifft diese Märchenlandschaft das Unwirkliche von Venedig besser, als man meint.

Vielleicht ist das Surrealste die Tatsache, dass es keine Autos gibt, und eine Stadt mit Straßen, aber ohne Autos wäre ähnlich unwirklich – aber wo Straße, da halt auch Auto.

Ich habe viele Erinnerungen an Venedig. Manche davon sind falsch. Im Rollenspiele war ich schon in Paris, im Harz auf dem Brocken, in Paris, in Nepal, in Dublin. (Und als ich das erste Mal dann wirklich in Dublin war, kam mir manches vertraut vor.) Und auch in Venedig war ich da schon, ich kann mich genau erinnern, das muss 1937 oder so gewesen sein. Es war nur auf der Durchreise, ein oder zwei Tage, ging dann bald weiter nach Nordostafrika, aber an einen Abend in Harry’s Bar kann ich mich erinnern. – Nur dass meine Notizen sagen, dass das gar nicht die Harry’s Bar in Venedig war, sondern die in Paris! Anscheinend sind meine falschen Erinnerungen doppelt falsch. Dennoch erstaunlich, wie echt diese Rollenspiel-Erinnerungen wirken – ganz im Gegensatz zu Film-Erinnerungen übrigens.

Richtigere Erinnerungen habe ich auch, ich war schon mindestens zweimal in Venedig; das letzte Mal jedenfalls mit knapp sechzehn Jahren. Das da links bin ich, und das rechts hat Frau Rau heute aufgenommen. Links halte ich wohl Futter für die Tauben, rechts Futter für Frau Rau:

(Ach, es waren andere Zeiten damals. Vielen Dank an meine Eltern. Ich habe das alles gar nicht zu würdigen gewusst und für selbstverständlich genommen. Venedig, USA, Bahamas. Was für ein Aufwand, in den 1970er, 1980er Jahren.)

Venedig im Deutschunterricht

Im Deutschunterricht beginnt die Rom-Rezeption früher als die von Venedig. Rom, das ist das, was Goethe so beeindruckte; italienische Reise, Antike, Weimarer Klassik. Venedig taucht erst später auf, mit Thomas Mann, und einige Jahrzehnte zuvor mit Conrad Ferdinand Meyer, und ein Nietzsche-Gedicht fällt mir noch ein. Beide Gedichte kenne ich aus meinem liebsten Schulbuch aus meiner 11. Klasse

Auf dem Canal grande betten
Tief sich ein die Abendschatten,
Hundert dunkle Gondeln gleiten
Als ein flüsterndes Geheimnis.

Aber zwischen zwei Palästen
Glüht herein die Abendsonne,
Flammend wirft sie einen grellen
Breiten Streifen auf die Gondeln.

In dem purpurroten Lichte
Laute Stimmen, hell Gelächter,
Überredende Gebärden
Und das frevle Spiel der Augen.

Eine kleine, kurze Strecke
Treibt das Leben leidenschaftlich
Und erlischt im Schatten drüben
Als ein unverständlich Murmeln.

Conrad Ferdinand Meyer

Ich mag dieses Gedicht sehr. Dabei interessiert mich eine eventuelle metaphorische Übertragung auf das Leben an sich, zu der einen die letzte Strophe verleiten mag, überhaupt nicht; ich schätze daran nur die Abbildung einer Szene. Wie hier Licht und Laut und Leben entsteht in den mittleren beiden Strophen, und Stille und Dunkelheit in der ersten und letzten Strophe: so ist das Abendlicht in Venedig. – Kein echtes Venedig, das “frevle Spiel der Augen”, das flüsternde Geheimnis rufen ein romantisiertes Bild hervor – hier steht Venedig für Abenteuer, erotische und andere; für Intrigen und Ränke. Bevor Venedig zum Sinnbild des eleganten Verfalls wurde, war es ein Ort der Verschwörungen und Intrigen, mit Casanova und Cagliostro.

Das gibt es etwa in Friedrich Schillers Der Geisterseher – siehe den ausführlichen Blogeintrag dazu. – Wie sahen eigentlich die deutschen und englischen Romantiker (einschließlich der Klassik) Venedig? Ich höre da immer nur von Italien allgemein, und von Rom. Von Shelley und Byron gibt es wohl etwas zu Venedig; für die deutsche Klassik war Rom prägender – klar, Venedig ist nicht antik, hier steht nichts Römisches auffällig sichtbar herum. Und der Verfall – kann es sein, dass die deutschen Romantiker sich bei allem Ruinenkult nicht für italienische Ruinen interessierten?

Immerhin ergibt eine kurze Recherche, dass Goethe auf seiner Italienreise auch in Venedig war.

So stand es denn im Buche des Schicksals auf meinem Blatte geschrieben, daß ich 1786 den achtundzwanzigsten September, abends, nach unserer Uhr um fünfe, Venedig zum erstenmal, aus der Brenta in die Lagunen einfahrend, erblicken und bald darauf diese wunderbare Inselstadt, diese Biberrepublik betreten und besuchen sollte. So ist denn auch, Gott sei Dank, Venedig mir kein bloßes Wort mehr, kein hohler Name, der mich so oft, mich, den Todfeind von Wortschällen, geängstiget hat.

Als die erste Gondel an das Schiff anfuhr (es geschieht, um Passagiere, welche Eil’ haben, geschwinder nach Venedig zu bringen), erinnerte ich mich eines frühen Kinderspielzeuges, an das ich vielleicht seit zwanzig Jahren nicht mehr gedacht hatte. Mein Vater besaß ein schönes mitgebrachtes Gondelmodell; er hielt es sehr wert, und mir ward es hoch angerechnet, wenn ich einmal damit spielen durfte. Die ersten Schnäbel von blankem Eisenblech, die schwarzen Gondelkäfige, alles grüßte mich wie eine alte Bekanntschaft, ich genoß einen langentbehrten freundlichen Jugendeindruck.

Goethe, Italienische Reise, 28. September 1786

Biberrepublik! Was für ein schönes Wort! Warum hört man das nicht öfter in Verbindung mit Venedig? Und ganz reizend auch, dass die Gondeln schon damals beliebte Souvenirs waren. (Goethes Vater hatte 1740/41 eine Bildungsreise nach Italien unternommen und darüber ein Buch geschrieben.)

Die Enge und Gedrängtheit des Ganzen denkt man nicht, ohne es gesehen zu haben. Gewöhnlich kann man die Breite der Gasse mit ausgereckten Armen entweder ganz oder beinahe messen, in den engsten stößt man schon mit den Ellbogen an, wenn man die Hände in die Seite stemmt; es gibt wohl breitere, auch hie und da ein Plätzchen, verhältnismäßig aber kann alles enge genannt werden.

Goethe, Italienische Reise, Den 29sten, Michaelistag, abends.

Also, ganz so eng ist es auch wieder nicht. Aber mit ein bisschen Suchen bin ich schon auf Gassen gestoßen, die den Goethetest bestehen.

(Bilder: Frau Rau)

Nachdem ich müde geworden, setzte ich mich in eine Gondel, die engen Gassen verlassend, und fuhr […] bis gegen den Markusplatz, und war nun auf einmal ein Mitherr des Adriatischen Meeres, wie jeder Venezianer sich fühlt, wenn er sich in seine Gondel legt. Ich gedachte dabei meines guten Vaters in Ehren, der nichts Besseres wußte, als von diesen Dingen zu erzählen. Wird mir’s nicht auch so gehen?

Den 29sten, Michaelistag, abends.

Auch hier hat Goethe, finde ich, das Gefühl richtig beschrieben. Weil heute, so im Vaporetto, dem Alltagsfahrzeug der Venezianer (wenn es in Venedig überhaupt noch Venezianer gibt, das kann ich nicht beurteilen), da dachte ich mir das auch.

Herr Rau fühlt sich an Bord einesVaporetto als Seebär (Bild: Frau Rau)

Bilder und Museen

Anfahrt mit dem Zug, knapp sieben Stunden Direktverbindung von München aus, mit Landschaft drumrum. Und dann steigt man aus dem Zug und steht mitten in Venedig. Nachts leere und ruhige Gässchen.

Die verwinkelten und stillen Gässchen – sind sie ein Zeichen dafür, dass dort niemand mehr wohnt? Oder ist es dann einfach verschlafener Stadtkern? Wird Venedig irgendwann mal ganz Museum sein – so ein Disneyworld, in dem man wohnen kann?

Das allerletzte Bild nur deshalb, weil ich mal für Geld einen Text über Fortuny übersetzt habe, und weil ein Lied auf einer Platte von The Bathers so heißt, und meine Bathers-Platten habe ich in einer prägenden Phase meines Lebens viel gehört.

Die… befremdlichen Bilder davor stammen aus dem Museo di Storia Naturale di Venezia. Ich gehe ja sehr gerne in naturhistorische Museen, komme aber weniger dazu, als man meint. Das in Venedig ist… sehenswert. Viele Räume davon sind schick und modern, siehe das blaue Bild, und sehr ansprechend aufgemacht, auch wenn die Texte alle nur auf Italienisch sind. Aber davor gibt es zwei Säle mit historischen Sammlungen, und drei, vier, Räume, in denen die Beute eines Jäger und Sammlers des späten 19. oder frühen 20. Jahrhunderts steht – gehäuft, und kaum kommentiert, lediglich und wenigstens mit einigen Texten zum Kolonialismus. Aber nichts zu der zur Schau gestellten Mumie, den Schrumpfköpfen, den Schädeln – oder eben den vielen ausgestopften Tieren, obszön in ihrer Fülle. Aber so muss das bei Agatha Christie und auch schon bei Doyle gewesen sein, diese Jäger mit dunkler Vergangenheit, die aus Afrika mit ihrer Beute zurückkommen und die dann aushängen.

Anhang

Beim Suchen nach dem Text des Canal-Grande-Gedichts bin ich auf ein gleichnamiges, viel weniger bekanntes Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer gestoßen:

Auf dem Canal grande.

Eine glückgefüllte Gondel gleitet auf dem Canal grande,
An Giorgione lehnt die Blonde mit dem rothen Sammtgewande.
„Giorgio, Deiner Laute Saiten hör’ ich leise, leise klingen“ –
„Julia Vendramin, Erlauchte, was befiehlst du mir zu singen?“

Nichts von schönen Augen, Giorgio! Solches Thema sollst du lassen!
Singe, wie dem Meer entstiegen diese wunderbaren Gassen!
Fessle kränzend keine Locken, die sich ringeln los und ledig!
Giorgio, singe mir von meinem unvergleichlichen Venedig!”

„Meine süße Muse will es! Es geschieht!“ Er präludierte.
„Weiland, eh’ des heil’gen Marcus Flagge dieses Meer regierte,
Drüben dort, wo duftverschleiert Istriens schöne Berge blauen,
Sank vor ungezählten Jahren eine Dämm’rung voller Grauen.

Durch das Dunkel huschen Larven, angstgeschreckte Hunde winseln,
Schreie gellen, Stimmen warnen: „Löst die Böte! Nach den Inseln!“
In den Lüften haucht ein Odem, wie es in den Gräbern modert –
Schaurig tagen Meer und Himmel! Aquileja brennt und lodert!

Von der Stätte, wo die stillen, ungezähmten Flammen wogen,
Kommt ein dumpfes Menschenbrausen nach dem freien Strand gezogen:
Attila, die Gottesgeißel, jagt auf blutbesprengten Pfaden
Krieger mit zerbrochnen Schwertern, Fraun mit Schätzen schwer beladen.

Wie zum Hades Schatten wandern, ziehn zum Meere die Gescheuchten,
Das die purpurroth gefärbten Wolken weit hinaus beleuchten,
Wittwen, Waisen schreiten jammernd, schweigend stürzen wunde Männer,
Mitten im Gewühle bäumen Wagen sich und scheue Renner.

Kniee wanken, Füße gleiten, Kästchen brechen, draus die hellen
Goldnen Reife rollend springen und die weißen Perlen quellen.
Nackte Küstenkinder starren gierig auf das rings zerstreute
Gold, und doch betastet’s keines, – Etzel’s ist die ganze Beute!

Schiffer rüsten dunkle Nachen, drüber Wogen schäumend schlagen,
Durch die weiße Brandung werden bleiche Fraun an Bord getragen –
Mit der Rechten an die phryg’sche Mütze langt der Meerplebejer,
Beut zum Sprung ins Boot die Linke dem behelmten Aquilejer.

Schon entflieht ein Schiff mit weh’nden Segeln, flatternden Gewanden,
Drin sich weitgetrennte Loose sonder Wahl zusammenfanden,
Unbekannte Hände drücken sich in angstbeklommnem Traume,
Aquileja’s Ueberbleibsel schmiegen sich in engem Raume.

Letzte Scheideblicke wendend, sehn sie noch den Himmel bluten
Aber tiefer stets und ferner brennen die gesunknen Gluten.
Still verglimmt der Heimat müde Todesfackel. Auf die Ruder
Beugt sich Unglück neben Unglück, Bruder seufzend neben Bruder.

Eine Fürstin küsst ein Knäblein, ein dem Edelblute fremdes,
Eine Sclavin wärmt ein fürstlich Kind im Schooß des Wollenhemdes –
Unter ihnen Eine Tiefe, über ihnen Eine Wolke –
Liebe thaut vom Himmel, Liebe wächst in diesem neuen Volke.

Ueber eines Mantels Flattern, sturmverwehten greisen Haaren
Will das Schweben einer Glorie einen Heil’gen offenbaren,
Dieses ist der heil’ge Marcus, rüstig rudernd wie ein Andrer –
Nach den nahenden Lagunen lenkt die Fahrt der sel’ge Wandrer.

Neben ihm der Jugendschlanke schlägt die Wellen, daß sie schallen,
Wirren Locken sind die Kränze schwelgerischer Lust entfallen.
Der Bacchant wird zum Aeneas. Niederbrannte Troja’s Feuer.
Mit den rudernden Genossen sucht er edles Abenteuer.

Mälig lichtet sich der Osten. In der ersten Helle schauen
Kecke Männer tief ins Antlitz morgenstiller schöner Frauen –
Lieblich Haupt, das blonde Flechten wie mit lichtem Ring umwinden,
Bald an einem tapfern Herzen wirst du deine Heimat finden!

Scharfgezeichnet neigt sich eines Helden narb’ge Stirne denkend,
In das göttliche Geheimniß ew’gen Werdens sich versenkend;
Rings in Stücke sprang zerschmettert Roma’s rost’ge Riesenkette,
Neue Weltgeschicke gönnen junger Freiheit eine Stätte .…

Wie geworfen aus dem Himmel heiter spielend von Auroren,
Schwimmt ein lichter Kranz von Inseln in die blaue Flut verloren –
Jubelnd grüßen den beschwingten, den beseelten Ruderschlägen
Fischer bis zum Gurt umbrandet, netzezieh’nde, schon entgegen.

„Fleh’nde kommen wir, Veneter! Drüben flammt ein weit Verderben!
Unsre Seelen sind entronnen einem ungeheuern Sterben!“
„Freuet euch! Ihr lebt und athmet! Hier ist euch Asyl gegeben!
Friede sei mit euren Todten! Freude denen, die da leben! …“

Schwert und Ruder tragend wallen ernste Genien vor den Böten;
Auch ein Schwarm von Liebesgöttern flügelt durch die jungen Röten –
Ueber das Gestein der Inseln geht ein Hauch von Lust und Wonne,
Ahnungsvollem Meer entsteigend, prangt Venedigs erste Sonne.

Blonde Julia, Deiner Heimath Ursprung hab’ ich dir verkündet,
Liebe hat die Stadt Venedig, Liebe hat die Welt gegründet –
Deiner Augen strahlend blauer Himmel würde bleichen ohne
Liebesfeuer und verstummen, wie die Laute des Giorgione.“

Programmierhormone und der weihnachtlich-neujährlichen Komplex

Schön die Familienfeiern, nicht so schön, dass ich zu korrigieren hatte. Ich werde auch nicht schneller dabei, der Widerwille wächst, und ich zweifle am Sinn vieler meiner Prüfungen.

Aber dafür gib es immer wieder neue Möglichkeiten, mich abzulenken. In der ersten Hälfte der Weihnachtsferien war es das Programmieren:

Erdnussflips kommen mir nicht ins Haus, weil ich da immer gleich die ganze Tüte auf einmal esse. Und auch beim Programmieren muss ich vorsichtig sein: Wenn ich nicht aufpasse, habe ich mich plötzlich tagelang nicht rasiert oder angezogen und keinen Kontakt zur Außenwelt, von Frau Rau abgesehen. Aber es geht mir gut dabei… es hat allerdings auch etwas Suchtartiges. Hat schon jemand untersucht, wie sich das Programmieren auf die Ausschüttung von Dopamin (oder was auch immer nun wirklich ein Glückshormon ist) auswirkt? Neulich habe ich die erste halbe Stunde eines Vortrag von Manfred Spitzer angeschaut. Belastbaren Inhalt gab es wenig, halt viel Gehirnaufnahmen mit “So sieht ein Gehirn mit Kokain aus” und “So sieht ein Gehirn aus, wenn dessen Besitzer an Facebook denkt”; den Rest soll man sich dann denken.

Was macht eigentlich mein Gehirn beim Programmieren? Ich fange an mit einer kleinen Idee, programmiere ein paar Grundlagen, der Computer akzeptiert meinen Code: Glücksgefühl. Ich habe eine Idee für eine kleine Erweiterung, nur ein paar Zeilen; es funktioniert. Glücksgefühl. Eine weitere Erweiterung, sie funktioniert nicht; ich bessere einen Tippfehler aus. Glücksgefühl. Noch eine Idee, diesmal dauert es etwas länger, wieder mit Tippfehlern (also Quellen für Glücksgefühle), dann aber endlich so, wie ich geplant habe. Glücksgefühl. Und dann noch eine Kleinigkeit und dann noch eine, und dann merke ich erst, dass mir schon seit einiger Zeit kalt ist oder dass ich Hunger habe.

Das ist etwas anderes als der Flow, wenn ich beim Zeichnen bin. (Zum Zeichnen bin ich aber lange nicht mehr gekommen.) Beim Programmieren gibt es nämlich ständig und kurz getaktet Rückmeldung scheinbar von jemand anderem (dem Computer), dass man etwas richtig macht. Validation heißt das, und das passiert jedesmal, wenn der Code als valide bestätigt wird, als korrekt. Die Aufnahmen von meinem Gehirn sollte Spitzer mal überprüfen!

(Tatsächlich habe ich eine grafische und andere Schnittstellen für ein bereits gegebenes neuronales Netz in Java programmiert, mit dem Ziel, herauszufinden, ob das so für die Schule einsetzbar ist. Ja, ist es. Und ich habe die Grundlagen für eine Java-Version des Brettspiels “Dungeon Quest” programmiert sowie die Grundlagen für eine Java-Version des Brettspiels “The Fury of Dracula”, was sich so eine Art erweiterte Form von “Scotland Yard” ist – beides eventuell als Ausgangspunkt für größere Programmierprojekte in der Q11. Vielleicht später mal was zu alledem im Blog.)

Bücher 2019

Meine gelesenen Bücher 2019, endlich wieder mehr davon, und es hat mir großes Vergnügen bereitet. Die Bücher mit ° habe ich wiedergelesen. Wie immer waren es in der ersten Jahreshälfte mehr als in der zweiten, und ganz am Anfang die prägenden Bücher: der letzte Adrian Mole, Robert Graves; ganz besonders Isak Dinesen. Überschätzt: Michael Shea.

25 Bücher von Frauen, 44 von Männern, Rest gemischt. 20 Bücher wiedergelesen. 12 Nonfiction. 9 Podcast-Episoden. 12 Blogeinträge zu Lektüren.

(Meine Bücher schreibe ich übrigens seit Ende 1999 auf. Schon als Kind habe ich gerne Listen gemacht.)

  1. Laurie R. King, The Moor
  2. Sue Townsend, Adrian Mole: The Prostrate Years
  3. Anke Tröder, 13 Near Misses
  4. Robert Graves, Homer’s Daughter
  5. Stephen Jay Gould, Hen‘s Teeth and Horses‘ Toes
  6. William Goldman, The Season
  7. Ursula K. Le Guin, The Wave of the Mind
  8. Thomas Fröhlich, Sherlock Holmes und das Geheimnis des Illusionisten
  9. Hugh Walker, Boten der Finsternis° (Terra Fantasy 20) (Podcast)
  10. Isak Dinesen, Seven Gothic Tales
  11. Ursula K. Le Guin, The Dispossessed
  12. Arthur Conan Doyle, Der Hund der Baskervilles°
  13. Pierre Bayard, Freispruch für den Hund der Baskervilles
  14. Saladin Ahmed, Throne of the Crescent Moon
  15. Dashiell Hammett (Hrsg.), Creeps By Night
  16. Lin Carter (Hrsg.), Flug der Zauberer° (Terra Fantasy 21) (Podcast)
  17. Andre Norton, Das Mädchen und der Magier° (Terra Fantasy 22) (Podcast)
  18. Karl May, Der Schut°
  19. Maja Lunde, Die Geschichte der Bienen
  20. Slightly Foxed No. 61
  21. Isak Dinesen, Anecdotes of Destiny and Ehrengard
  22. Michael Chabon, The Final Solution
  23. Aminata Sow Fall, The Beggars‘ Strike
  24. Hope Mirrlees, Lud-in-the-Mist
  25. Leonora Carrington, The Hearing Trumpet
  26. Workers’ Tales: Socialist Fairy Tales, Fables, and Allegories from Great Britain
  27. Robert E. Howard, Krieger des Nordens (Terra Fantasy 23) (Podcast)
  28. Ted Chiang, Stories of Your Life
  29. Gail Honeyman, Eleanor Oliphant Is Completely Fine
  30. Michael Moorcock, Diener des Runenstabs (Terra Fantasy 24) (Podcast)
  31. Stephen King, The Body °
  32. Raquel J. Palacio, Wunder
  33. C.L. Moore, Jirel, die Amazone° (Terra Fantasy 25) (Podcast)
  34. Slightly Foxed No. 62
  35. Lin Carter, Götter, Gnomen und Giganten ° (Terra Fantasy 26) (Podcast)
  36. Roy Lewis, The Evolution Man
  37. Jakob Arjouni, Kismet
  38. Stephen Chbosky, The Perks of Being a Wallflower
  39. Amie Kaufman & Jax Kristoff, Illuminae
  40. Homer/Emily Wilson, The Odyssey
  41. Hugh Walker, Gefangene der Finsternis ° (Terra Fantasy 27) (Podcast)
  42. Dagmar Chidolue, Ponzl guckt schon wieder
  43. Friedrich Ani, Süden und das heimliche Leben
  44. Géza von Cziffra, Der Kuh im Kaffeehaus
  45. Isak Dinesen, Winter‘s Tales
  46. Carlo Collodi, Pinocchio
  47. Rudyard Kipling, The Phantom Rickshaw and other Ghost Stories
  48. Rudyard Kipling, Under the Deodars°
  49. Joseph Moncure March, Das Wilde Fest
  50. Judith Kerr, When Hitler Stole Pink Rabbit
  51. Judith Kerr, Bombs on Aunt Dainty
  52. Robert E. Howard, Kull von Atlantis° (Terra Fantasy 28) (Podcast)
  53. Judith Kerr, A Small Person Far Away
  54. Ute Schmid, Katharina Weitz, Michael Siebers, Künstliche Intelligenz selber programmieren für Dummies Junior
  55. Philip Roth, Our Gang °
  56. Michael Shea, The Incompleat Nifft
  57. Michael Shea, Polyphemus
  58. Jan Wagner, Regentonnenvariationen
  59. Robert Shea, Robert Anton Wilson, Illuminatus! Part I: The Eye in the Pyramid°
  60. Slightly Foxed No. 63
  61. Robert Shea, Robert Anton Wilson, Illuminatus! Part II: The Golden Apple°
  62. Robert Shea, Robert Anton Wilson, Illuminatus! Part III: Leviathan°
  63. Ghost Stories Vol. 10, No. 6, July 1931
  64. Kent Haruf, Eventide
  65. Robert Irwin, The Arabian Nightmare°
  66. Sheddad Kaid-Salah Ferrón, Eduard Altarriba, Professor Albert und das Geheimnis der Quantenphysik
  67. S. J. Perelman, Westward Ha!°
  68. Judith Lynne, Not Like A Lady
  69. Robert E. Howard, Herr von Valusien° (Terra Fantasy 29)
  70. Daniel Mendelsohn, Eine Odyssee
  71. Slightly Foxed No. 64
  72. Peter S. Beagle, The Folk of the Air°
  73. Michael Moorcock, Legion der Morgenröte (Terra Fantasy 30)
  74. Andre Norton, Die Braut des Tiermenschen° (Terra Fantasy 31)

(Bücher 2018)
(Bücher 2017.)
(Bücher 2016.)
(Bücher 2015.)
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(Bücher 2010.)
(Bücher 2009.)

Kull von Atlantis – Terra Fantasy Band 28 und 29

Der erste Terra-Fantasy-Band enthält – mehr oder weniger – die Hälfte der 1967 zusammengetragenen Kull-Geschichten: Drei längere oder halbwegs lange Geschichten, sechs eher kurze Vignetten. Zwei Fragmente wurden durch Lin Carter beendet. Alles Howard-Material entstand wohl 1926–1930, nur ein kleiner Teil wurde zu seinen Lebzeiten veröffentlicht. Kull verkaufte sich wohl nicht besonders, Robert E. Howard packte beim nächsten Versuch noch ein bisschen mehr Magie dazu und schuf seine nächste, ungleich erfolgreichere Figur: Conan, den Barbaren.

Kull ist nur in der ersten kurzen Vor-Geschichte allein, danach stets König und stets in Begleitung der gleichen Weggefährten. Klar wird viel mit dem Schwert gekämpft, aber der Hauptgegner wird nie im Kampf getötet (von einer der Geschichten abgesehen, die von Lin Carter beendet wurden, und die auch in anderen Punkten von Howard abweicht). Vielmehr geht es um eher existentielle Probleme oder philosophisch verpackte Rätsel, auf einem Niveau, das einen Teenager durchaus faszinieren kann. In einer Geschichte stirbt der Gegner explizit nicht durch Kull, sondern einen unscheinbaren Skorpion; in einer anderen geht es um eine das ganze Universum bedrohende Stille (ähnlich wie bei Michael Endes Nichts); in einer weiteren um die Sache mit dem Kosmos und dem Sandkorn und Welten in Welten und so weiter.

Anders als sein Nachfolger Conan ist Kull ein Grübler, Standardpose Kopf sinnend auf den Arm gestützt. Es gibt keine Trinkgelage, sondern “zwei riesengroße Regale mit Pergamentschriften” in seinem ansonsten karg eingerichteten Raum, und “Kull war nicht an Frauen interessiert”. Der Emo unter den Barbaren, der Philosoph, der Asket? Der Grübler?

Wirklich erwähnenswert und folgenreich ist vielleicht nur die einzige der Geschichten in diesem Band, die zu Howards Lebzeiten veröffentlicht wurde, “Das Schattenkönigreich”. Darin geht es um Verfolgungswahn und Identität. Kull ist erst vor kurzer Zeit zum Herrscher von Valusien aufgestiegen. Das neuerworbene Reich ist ihm noch unbekannt; er wird überrascht von einem Geheimgang, der bis zu seinen Gemächer führt, und der seinen piktischen Verbündeten (später: Vertrauten) bekannter ist als ihm. Vor allem ist sein Palast von einem Kult von Schlangenmenschen unterwandert, die die Gestalt echter Menschen annehmen können. Er kann sich nicht darauf verlassen, dass die Personen wirklich die sind, für die sie sich ausgeben – und wird selbst für eine kurze Weile durch einen Doppelgänger auf dem Thron ersetzt. (Diese Geschichte ist wohl tatsächlich der Urvater von “V – die Besucher” oder den modernen Reptiloiden-Verschwörungstheorien.)

Der zweite Band enthält die restlichen Geschichten, und damit fast alles, was es von Kull gibt. Auch hier sind Geschichten von Lin Carter beendet, und nicht wirklich gut beendet.

Erwähnenswert ist “Herr von Valusien” (“By This Axe I Rule”), eine abgelehnte und unverkaufte Geschichte, die Howard nur leicht variierte, mit ein bisschen Magie versah, und dann mit “Conan” als Namen der Hauptfigur verkaufte – so kam es, dass auch Conan schon in der ersten Geschichte ein König war. In den meisten anderen Geschichten ist er eher ein Herumtreiber. Eine Nebenfigur der Geschichte, die Kull letztlich das Leben rettet, ist – wieder mal – eine Frau, die aufgrund der Gesetze Valusiens ihren Geliebten nicht heiraten kann. Nach seiner Rettung zerbricht Kull dramatisch mit seiner Axt die Steintafel mit dem hinderlichen Gesetz. “Ich bin das Gesetz,” ruft er. – Der Gedanke, dass es ein Volk gibt, das, etwa mittels gewählter Vertreter, das Gesetz ändern kann, ist diesen Geschichten fremd.

In “Die Spiegel des Tuzun Thune” (“The Mirrors of Tuzun Thune”) hört Kull von einem berühmten Zauberer, der Wunder wirken kann, und stellt ihn auf die Probe. Er soll einen Dämon beschwören, oder ein Wunder wirken. Der Zauberer kontert, nichts sei leichter als das: Er müsse nur Kull ins Gesicht schlagen, und würde damit einen furchtbaren Dämon herbeirufen. Und der Zauberer bewegt seine Hand: “Ist dies kein Wunder – daß dieses blinde Fleisch meinem Geist gehorcht? Ich gehe, ich atme, ich spreche. Sind das nicht alles Wunder?”

Ich hätte schwören können, dass ich das schon mal bei Lessing in Nathan der Weise gelesen habe. Da geht es doch auch um Wunder, und dass unsere Welt wunderbar genug ist. Ähnlich auch bei Lichtenberg, ganz häufig bei Chesterton – aber nichts. Kann es sein, dass diese aufklärerische Szene wirklich auf Howards Mist gewachsen ist?

Ich habe nur eine entfernt verwandte Zen-Erzählung gefunden, wo ein Soldat zum Zen-Lehrer Hakuin geht und von diesem wissen will, ob es wirklich ein Paradies und eine Hölle gibt. Hakuin beleidigt den Soldaten, worauf dieser sein Schwert zu ziehen beginnt: Hier öffne sich das Tor zur Hölle. Als der Soldat sein Schwert wieder in die Scheide steckt, kommentiert Hakuin: Und hier beginne das Paradies. – Ich glaube, von dieser Art der Proben eines weisen Lehrers gibt es noch mehr, und irgendwo hat REH das mit dem Wunder und der Hand her.

Anhang

Vorweihnachtswoche: Wichteln, Audio in Englisch 7, Restklassenbeschäftigung

Weihnachtswichteln

Am Freitag kein Unterricht, dafür zwei Stunden Gottesdienst (freiwillig), zwei Stunden Klassleiterstunde (weihnachtlich zu verbringen) und zwei Stunden frei. Ich sag ja immer, Schule muss mehr sein als Unterricht, aber ich sage das ironisch. Dennoch hat meine 7. Klasse die Weihnachtsstunde anständig hinter sich gebracht. Ein paar hatten Musikinstrumente dabei – Ukulele, Violine, Querflöte, Gitarre – und spielten ein bisschen vor; eine Schülerin hatte ein Gedicht mitgebracht; wir sangen Lieder. Die Hauptattraktion war aber wieder das Wichteln. Weniger Kosmetik als letztes Jahr. Trotz Um- und Rückbau wegen Sitzkreis hatten wir am Schluss nichts mehr zu tun und standen wartend herum.

Audiosachen machen

Mit der 7. Klasse in Englisch Mini-Podcasts ausprobiert, in Anlehnung an eine Aufgabe aus dem Schulbuch: Die Schüler und Schülerinnen sollen – wenn möglich, ist freiwillig, all eInformationen dafür auf einem Blatt – zu zweit einen Lieblingsort vorstellen, mit dem Handy als Aufnahmegerät. Danach sollten sie zu Hause die Audiodatei auf einen USB-Stick kriegen und mitbringen. Ich hatte gewarnt, dass das schwierig sein und sicher nicht bei allen klappen würde. Und so war es auch beim ersten Versuch: Manche hatten falsche Dateien (Emails, Verknüpfungen), andere doch nur ihr Smartphone (und von einem Applegerät kriegt man die Dateien nicht herunter), und wenn dann doch mal eine Datei war, dann war sie oft in einem Format, das sich auch mit Online-Konverter nicht in ein weiterverarbeitbares Format bringen ließ.

Glücklicherweise hatte ich das so ähnlich erwartet und war halbwegs darauf eingestellt. Beim zweiten Versuch dann sollten die Schüler und Schülerinnen ihre Audiodatei von zu Hause aus bei Mebis hochladen; ich würde sie dann für alle konvertieren. Und das ging wesentlich besser, so werde ich das in Zukunft auch halten! Ich lud die Dateien herunter und brachte konvertierte Version zur Bearbeitung in die Schule mit. Dazu ein Jingle, ein Soundeffekt, den Auftrag, eventuelle Versprecher herauszuschneiden. (Aber auch hier: Bei ein paar hatte der Upload nicht geklappt, hieß es; das muss alles oft geübt werden.)

Außerdem gezeigt, wie man mit einem Programm aus Audio-CDs (den schulbuchbegleitenden Englisch-CDs des Vorjahrs) mp3-Dateien erstellt. Ein Beitrag des Fachs Englisch für unser Mediencurriculum.

Resteklassen, Klassenreste

Am Donnerstag fiel für viele Schüler und Schülerinnen einiger Jahrgangsstufen auch der Unterricht aus, weil stattdessen ein Volleyballturnier angesagt war. Und so waren manche Klassen nur teilweise besetzt, zumal wie in den Tagen zuvor auch noch vereinzelte Musikproben waren. Man weiß an diesen Tagen nie so recht, wie viele bei einem im Unterricht sitzen werden und was man mit denen anfangen soll. Offiziell heißt es, die würden nachlernen, aber das ist natürlich Quatsch.

Also reservierte ich für zwei Stunden den Computerraum und bot an, Aufsicht zu führen: Wer nichts Sinnvolleres mit den Schülern und Schülerinnen anzufangen weiß, der könne sie zu mir schicken – ich würde Aufsicht führen und Gelegenheit zum Tastschreibenüben geben. Drei Kollegen und Kolleginnen bedankten sich, zwei schickten ein paar Schüler und Schülerinnen vorbei, die auch mehr zu Mebis erklärt haben wollten.

Ich glaube, ich möchte das in Zukunft ausbauen: 1 Aufsicht in Bibliothek, 1 Aufsicht im Computerraum, 1 Aufsicht in Mensa – alle anderen Restklassenlehrer und ‑lehrerinnen sollen Kaffeetrinken oder nach Hause gehen. So eine Art Freiarbeit, fördert Selbstständigkeit blabla usw.

Tatsächlich geht es aber auch gegen diese vielen Sportturniere und die Vergeudung von Unterrichtszeit. Meine Angebot an die Kollegen und Kolleginnen war leider so freundlich formuliert, dass das vielleicht niemand gemerkt hat. Klar könnten die Resteklassen auch beim Volleyballturniert zuschauen, weil Zuschauer ja wichtig sind. Aber: siehe Vergeudung.