Klaus Modick: Fahrtwind (auch wenn man nicht viel darüber erfährt)

1. Geplänkel

Frau Rau reichte mir vor ein paar Monaten eine Buchbesprechung aus der Süddeutschen Zeitung weiter, und zwar aus zwei Gründen: erstens geht es um eine Art moderner Nacherzählung des Taugenichts von Joseph von Eichendorff, und zweitens ist das von Klaus Modick.

Klaus Modick ist ein deutscher Schriftsteller, von dem ich in einer prägenden Phase viel gelesen habe und dessen erfolgreiche Laufbahn ich seitdem aus den Augenwinkeln verfolgt habe. Man stößt wirklich immer wieder mal auf seinen Namen. In Oldenburg stand ich mal vor seinem Haus, wirklich ganz zufällig, weil wir jemanden dort besuchten und ich beim Spazierenlaufen auf das Haus hingewiesen wurde. Und vor einem Dutzend Jahren schrieb ich einen Blogartikel zu einem ganz anderen Thema, zitierte aus einem frühen Buch Modicks und fügte parenthetisch drei kritische Zeilen an. Worauf Klaus Modick mir eine freundliche E‑Mail schrieb und mir ein aktuelles Buch schicken ließ, das mir vielleicht besser gefallen würde als das kritisierte. – Außerdem will ich seit Jahren mal ein Gedicht von ihm, “Kurze Hymne auf Donald”, im Unterricht einsetzen, bin aber noch nicht dazu gekommen. (“Herrlich ist, Schöpfer Carl Barks, Deiner Erfindung Pracht:/
Bürzelbewehrt breitlappig fußender Enterich.”)

So viel zu Klaus Modick und mir, und später noch mehr zu diesem Thema.

2. Das Buch

In der Rezension oben steht eigentlich schon fast alles. Eichendorffs Müllerssohn bleibt nicht namenlos und ist auch kein Müllerssohn, sondern Sproß eines Installations-Handwerksbetriebs – und heißt immerhin Müller. Statt die Firma zu übernehmen oder wenigstens eine ordentliche Ausbildung zu machen oder auch nur zu studieren zieht es ihn nach Italien, wo er manche Abenteuer erlebt, nachdem er in einem Schlosshotel bei Wien Station macht und Held und Nebenson diverser Liebesgeschichten wird. “Aus dem Leben eines Taugenichts” von Eichendorff gibt es in seiner Welt, aber der Ich-Erzähler erkennt keine Parallelen zwischen dessen und seiner eigenen Geschichte, nur einmal in einer magischen Nacht hat er “für einen Augenblick das Gefühl, ein anderer aus einer anderen, längst vergangenen Zeit zu sein.”

Vor dem Hintergrund des “Taugenichts” ist das Buch ein Vergnügen: Die beiden Schlösser sind gut umgesetzt, das Schlosshotel, aber auch das Waldschloss und dessern Belegschaft. Vielleicht nicht gar so viele Schauermotive wie bei Eichendorff, aber die schätze möglicherweise nur ich so besonders, weil englische Schauerromantik und Räubergeschichten. Die Künstlerszene in Rom, auch schön. Der Plot… ehrlich gesagt, etwas leichter verständlich als bei Eichendorff, und das ist gut so. Bei dem musste ich mir beim zweiten und wohl auch dritten Lesedurchgang Skizzen machen, um den Überblick zu behalten, wer jetzt genau welche Gräfin und welcher Graf ist.

Wie ist Fahrtwind so, wenn man den “Taugenichts” nicht kennt? Ich kann es mir nicht vorstellen. Leichte Sommerlektüre? Befremdliche Sommerlektüre? Unauffällige Sommerlektüre? Es hat jedenfalls nichts mit deutschen Filmkomödien der 1950er und 1960er Jahre zun, ein Weg, den man sich ja auch hätte vorstellen können.

Der Roman spielt in den späten 1970er Jahren oder knapp danach. Dennoch ist von Tiramisu die Rede, von Cappuccino, Ossobucco, Risotto milanese, einem perfekten caffè latte; der Ich-Erzähler – äußerst kundig zumindest auf diesem Gebiet, anders als bei Eichendorff – lobt kritisch Spaghetti und Wein. Das war ja kurz vor meiner Zeit, deshalb weiß ich das nicht aus eigener Erfahrung: War man zu der Zeit in Deutschland schon so weit? Italienurlaub ja, aber schon Cappuccino, mit Milchschaum gar statt Sahnehäubchen? (Auch die Ukulele, die Billy/Guido spielt, weiß ich zeitlich nicht einzuordnen.)

3. Neuerzählungen

Ich hätte bitte gerne mehr Neuerzählungen. Neuverfilmungen gibt es ja viele, und Film-Aktualisierungen von Shakespeare und Jane Austen zuhauf. Aber an deutscher Literatur, bei der ich mich allerdings wirklich nicht auskenne, fällt mir nur der Modick ein und eine DSA-Fantasyversion von Dürrenmatts Der Richter und sein Henker:

Bernhard Hennen: Die Nacht der Schlange
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Ich bin sehr an Hinweisen auf ähnliche Bücher interessiert und würde gerne mehr davon lesen. Warum?

4. Bücher wiederlesen

Die oben erwähnte Buchbesprechung finde ich ganz gelungen. Mich wunderte nur ein bisschen, dass kein Vergleich gezogen wurde zwischem dem Müllersohn, den es ins Blaue zieht – das Blau des Himmels, ins Blaue hinein, das endlose Blaue, blaue Ferne – knapp dreißigmal habe ich das Blau gezählt in dem schmalen Roman (was macht den Modick zum Roman und den Eichendorff zur Novelle?) – dass kein Vergleich gezogen wurde zwischen dem Müllersohn und Modicks erstem Roman, der Ins Blaue heißt, wohl sehr erfolgeich war und in Südfrankreich spielt, also irgendwie jedenfalls. (Es ist kompliziert.)

Exkurs: Es gibt ja das traurige Blau, das mit dem Blues, auch in vielen Liedern. Aber auch das Blau der Ferne haben nicht nur die Romantiker besungen, deshalb hier zwischendurch drei Favoriten:

Jedenfalls würde ich Ins Blaue noch einmal lesen müssen. Würde es mir noch gefallen? Modicks launige Bücher sind mir manchmal zu launig, aber vielleicht auch nur inzwischen; seine ernsteren Bücher sind mir etwas zu seriös, aber vielleicht auch nur damals, als ich wollte, dass er bitteschön immer das gleiche schreibt, aber so, dass man es nicht merkt.

Aber vor Ins Blaue habe ich erst einmal Tucholsky wiedergelesen, Schloß Gripsholm. Denn ein Zitat daraus ist Ins Blaue vorangestellt; die Rezension der Süddeutschen auf dem Klappentext meiner Ausgabe erkennt bei Modick gleichfalls “manches von dem Witz und dem Charme und der Leichtigkeit Tucholskys.” Modick verwendet auch Motive und Zitate aus Tucholskys Roman in seinem.

Vor dem Tucholsky habe ich Eichendorffs “Taugenichts” selber noch einmal gelesen. Das tut man als Deutschlehrer ja ohnehin vielleicht etwas öfter als sonst, und ich mag Eichendorff ja auch sonst. (Eichendorff-Krimi?)

Einen weiteren frühen Roman Modicks, Das Grau der Karolinen, möchte ich ebenfalls lesen, der könnte sich gut gehalten haben.

Bei Wikipedia lese ich, dass Modick eine Art Fortsetzung zu Ins Blaue geschrieben hat, 2002, September Song. Also, neugierig bin ich ja schon, also kommt der auch auf die Liste.

(Dass Modick William Goldmans The Silent Gondoliers übersetzt hat, sehe ich bei Wikipedia, schau an. Aber den habe ich schon auf Englisch im Regal.)

In Fahrtwind wird The Doors of Perception erwähnt, aber das kenne ich schon, und ein Roman The Blood Oranges, nie gehört, “in dem es darum ging, wie eine der Engländerinnen, charmant errötend, verriet, dass ein snobistischer Ästhet versucht, in einer Villa an der Adria eine Idylle vollkommener sexueller Freiheit zu schaffen.” Also kurz recherchiert, John Hawkes, schau an, und anscheinend Teil einer Trilogie, zu der auch Travesty (1976) gehört. Oh nein! Würde ich die auch noch lesen müssen? Wohl nicht, stellt sich heraus; auch wenn ich Travesty gelesen habe, gehören die drei Bände wohl nur lose zusammen. Und Travestie (älterer deutscher Titel, der neue ist Belohnung für schnelles Fahren bei Nacht) hat mir nur so mittel gefallen, und eigentlich habe ich das Buch nicht mal richtig gelesen, aber es war ein unvergessliches Leseerlebnis: Das Buch, der Monolog eines Mannes, der seine Tochter und deren Geliebten (seinen Freund und wohl auch Geliebten seiner Frau) im Auto sitzen hat und mit hoher Geschwindigkeit durch die Nacht fährt, mit der Ankündigung, am Ende alle miteinander durch einen Unfall an einer bestimmten Stelle zu töten – das Buch wurde mir während einer Autofahrt vom Beifahrersitz vorgelesen, als ich am Steuer saß.

5. Bücher und Erinnerungen

Umberto Eco schrieb mal, ein Roman sei eine Maschine zur Erzeugung von Interpretationen. Und das stimmt auch. Aber ein Roman ist auch eine Maschine zur Erzeugung von Erinnerungen. Ich weiß noch, wo und wie ich war, als ich viele Bücher gelesen habe, oder wenn ich es nicht mehr weiß, fällt es mir beim Wiederlesen wieder ein, oder wenigstens wundere ich mich über den Kerl, der ich mal war.

In dieser Hinsicht sind Romane, die man liest, wie Orte, die man besucht, wie Reisen, die man unternimmt, und von denen man mal mehr, mal weniger Erinnerungen behält. Und Schullektüren sind wie Reisen als Kind mit den Eltern: Da wird man in Kathedralen gezerrt, die einen vielleicht noch gar nicht interessieren und mit denen man nichts anfangen kann – aber manche Absätze oder Brücken oder Eindrücke bleiben hängen, oder wenigstens das Essen dabei. Oder gilt das alles nur für die Kindheit und Jugend?

Englische Gedichte vorlesen

Auf Anregung eines Teilnehmers müssen die Schüler und Schülerinnen in meinem Kurs englische Konversation jetzt Gedichte vorlesen – lange Gedichte, und danach wenig darüber reden; oder kurze Gedichte und dafür mehr darüber reden; auch Auszüge möglich. Ich stellte eine Liste mit Gedichtsammlungen zur Verfügung, mit dem Schwerpunkt auf Gedichten, die sich zum Vortrag besonders eignen, machte anhand eines von mir ausgewählten Gedichts vor, wie ich mir das vorstellte, und seitdem verbringen wir die letzten Wochen des Schuljahres so – 20 Minuten Coronatesten, in zwei Gruppen, unter heftigem [Niesen], dann die Gedichte, zwischendrin Pause.

Ich bin sehr daran interessiert, welche Gedichte die Schüler und Schülerinnen auswählen und was sie dazu zu sagen haben. Bisher waren das lauter interessante Sachen. Aber: Das mit dem Vortrag muss man noch mehr üben. Die Aussprache der Wörter ist schon gut, aber dass man auch unterhaltsam vorlesen kann, oder in mehr als einem Tonfall, das ist nicht selbstverständlich. (Ich wusste das, und wir hatten ja vorher dramatisches Lesen anhand eines Dramas geübt, so mit Pausen und Timing und die Zuhörenden im Auge behalten. Dennoch. Gilt für Deutsch genauso wie für Englisch, übrigens.)

Die Gedichte bisher:

Alfred Noyes: “The Highwayman”

Gut hundert Verse, keinen ausgelassen. Eine dramatische Ballade um einen Straßenräuber, böse Soldaten und eine sich opfernde Wirtshaustochter. Und noch heute erzählt man sich, so die letzten Strophe, dass in einer klaren Winternacht der Räuber zu sehen ist und die Schöne, zu der er reitet…

The wind was a torrent of darkness among the gusty trees,
The moon was a ghostly galleon tossed upon cloudy seas,
The road was a ribbon of moonlight over the purple moor,
And the highwayman came riding—
Riding—riding—
The highwayman came riding, up to the old inn-door.

Die Aussprache von “breeches” thematisiert.

cavetown: Boy will be bugs

Ein Auszug aus einem Lied eines englischen Musikers mit Youtubekanal; Inhalt: Teenager mit Problemen. Vorgelesen im Tonfall eines Teenagers mit Problemen. Also, einerseits treffend, andererseits vielleicht weniger schwierig in der Gestaltung als andere Werke.

Edgar Guest: Equipment

Ein berühmtes inspirational poem. Tenor: All die Reichen und Berühmten haben ihr Leben auch nur mit der gleichen Ausrüstung begonnen wie du, “my lad”, und es ist deine Aufgabe, das beste daraus zu machen! Rührend, und auf den ersten Blick motivierend, und sehr amerikanisch, und natürlich so was von falsch:

So figure it out for yourself, my lad,
You were born with all that the great have had,
With your equipment they all began.
Get hold of yourself, and say: “I can.”

Shel Silverstein: Sick

“I cannot go to school today,“
Said little Peggy Ann McKay.

Und der Rest ist eine lange wörtliche Rede, was alles mit der kleinen Peggy nicht stimmt, die aber einfach nur keine Lust hat, in die Schule zu gehen, und erst in den letzten Versen merkt, dass ja gar kein Schultag ist – worauf sie ganz schnell gesundet. Mein Favorit ist der eingestürzte Bauchnabel. Ein Schüler meinte, der Autor müsse ja wohl ein besorgter und rührender Vater gewesen sein, und ich musste mir leider aus Zeitgründen einen Exkurs zu “A Boy Named Sue” verkneifen – das kennt man von Johnny Cash und in vielen anderen Versionen, geschrieben wurde es von Shel Silverstein.

Roald Dahl: The Pig

Auch gut geeignet zum Vortrag: Paarreim, ohne Enjambent, also mit das schlichteste, was überhaupt geht, wie es sich für ein Schwein gehört. Und um ein Schwein geht es, das über den Sinn des Lebens reflektiert und herausfindet, dass es geschlachtet und verwurstet werden soll. Glücklicherweise bietet sich vorher Gelegenheit, den Bauern selber aufzufressen. (Als Fußnote darauf hinweisen, dass Schweine Allesfresser sind und es historische Vorbilder gibt.)

William Blake: The Chimney Sweeper

Und zwar das Gedicht von 1789 (aus: Songs of Innocence) und das von 1794 (aus: Songs of Experience). Die Schüler:in hat viel Hintergrund dazu erklärt.

Christina Rossetti: Remember

Ein Sonett. Viele Antithesen, weil ja auch Sonett halt.

TDDL 2021

Leider zu spät daran gedacht, sonst hätte ich das vor ein paar Tagen hier geschrieben: Gestern, heute und morgen sind die jährlich stattfindenden Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt, in deren Rahmen der Ingeborg-Bachmann-Preis (Wikipedia) verliehen wird.

Jeder Kandidat, jede Kandidatin wird dabei in einer Stunde präsentiert: Nach einführenden Worten wird ein Vorstellungsvideo gezeigt, daraufhin lesen Autor oder Autorin fünfundzwanzig Minuten aus ihrem Werk (dieses Jahr auch das per aufgezeichnetem Video), worauf sich die Jury darüber live darüber unterhält. Passt wunderbar in einer Schul-Doppelstunde. Alle Jury-Mitglieder hatten Gelegenheit, vorher den Text zu lesen; der Autor oder die Autorin sind während der Diskussion dazugeschaltet, diskutieren aber nicht mit, sondern müssen nur zuhören. Das Publikum, im Saal oder im Wörthersee, also: irgendwo draußen um das Studio herum, wohin die Aufnahme übertragen wird, hört die Texte zum ersten Mal. Das Publikum ist wichtig, es gibt regelrechte Schlachtenbummler, und in zwei Jahren hätte ich endlich mal Zeit, auch dazu zu gehören.

Es kann für eine Klasse schon interessant sein, da zuzuhören. Heute hatte ich eine passende 10. Klasse in Deutsch: eine Viertelstunde Organisatorisches und einleitende Worte, dann begann um zehn Uhr der Live-Stream – denn inzwischen wird das nicht nur im Fernsehen übertragen, sondern auch im Internet: Hier gibt es die Portraits, Lesungen und die Diskussionen auch zum Nachhören. (Aber live ist für die Schule schon spannender.)

Wir hatten Glück: Die Geschichte und Lesung von Leander Steinmann, “Ein Fest am See” (hier der Text), war für die Schule und diese Jahrgangsstufe sehr geeignet: Nicht experimentell, nicht verwirrend, weitgehend linear, leicht verständlich, ein paar lustige Stellen. Keine Sexszenen. Der Autor stellte sich vor (das Wort “entdeckte” fiel oft) und las sehr gut. Währenddessen schrieb ich meine Meinung versteckt an die Tafel, weil ich als Deutschlehrer gerne eine Meinung habe und die unbedingt teilen muss. Und das nach der Diskussion zu machen, ist wenig sportlich.

Die Diskussion war dann interessant, fast durchgehend auf einem Niveau, dem eine 10. Klasse gut folgen kann. Das Gespräch war von Inhalt und Stil nicht gar so weit entfernt von dem, wie wir uns in der Schule über Literatur unterhalten. Und die Juroren und Jurorinnen hatten unterschiedliche Schwerpunkte und unterschiedliche Meinungen! Das ist immer lehrreich zu hören; wenn ich als Lehrkraft sage, dass man das so oder so sehen kann, und dass ich das vielleicht anders sehe als eine Schülerin oder ein Schüler, dass das dennoch nicht heißt, dass ich Recht habe und die anderen nicht – dann weiß ich nie, ob die mir das auch wirklich glauben. (Wenn etwas gar nicht stimmt, dann sage ich das natürlich auch.)

Ich sah vieles anders als die meisten Jury-Mitglieder, aber meine Klasse war größtenteils bei mir: Der Erzähler war ein Depp, vereinfacht gesagt, und die Geschichte machte nicht klar genug, dass deshalb seine Meinung über andere Menschen arg gefärbt war.

Schön wäre noch gewesen, den Twitter-Hashtag #tddl nebenbei laufen zu lassen. Auf Twitter werden die Textvorstellungen nämlich rege und in Echtzeit diskutiert, aber dazu hätte ich vielleicht mehr Beamerfläche gebraucht und wahrscheinlich die Klasse mit zu viel Input überfordert.

Ted Chiang, Stories of your Life and Others (revisited)

Im April 2019, also spät, habe ich Stories of your Life and Others von Ted Chiang gelesen. Die Geschichten darin und die ganze Sammlung haben mir sehr gut gefallen, warum habe ich damals nicht darüber gebloggt?

Anlässlich eines Podcasts mit Ted Chiang (von dem vorletztes Jahr dann auch endlich eine zweite Kurzgeschichtensammlung erschien) versuche ich mal zu schauen, an was ich mich noch erinnern kann:

  • “Tower of Babylon“
    Sagenhaft. Chiangs erste Veröffentlichung; verdient Preise gekriegt. Es ist Science Fiction im besten Sinn, mit dem Twist, dass es halt in der fernen Vergangenheit spielt: Was wäre, wenn der Turmbau zu Babel technisch möglich wäre, also wenn man halbwegs beliebig Ziegel auf Ziegel türmen könnte? Welche Legenden ranken sich darum, wer sind die Arbeiter, wie arbeiten sie; wie lange dauert der Aufstieg, woher kommt die Verpflegung, welche Infrastruktur ist nötig? Das ist allein schon beste Ingenieur-Science-Fiction, knapp und originell erzählt, und dann kommt halt noch das dazu, was passiert, wenn man den Himmel erreicht.
  • “Understand“
    Relativ konventionelle SF, ein bisschen “Baby is Three”, ein bisschen Scanners? Viel ist nicht hängen geblieben
  • “Division by Zero“
    Wie geht man damit um, wenn die Basis der Mathematik nicht mehr gilt? Keine meiner Favoriten, aber wie eine total ungewöhnliche Geschichte.
  • “Story of Your Life“
    Weiterhin ungewöhnlich. Verfilmt als Arrival, und daher kannte ich die Geschichte schon. Klassische Science-Fiction-Motive, aber mit neuen Aspekten. Und, anders als so viel andere gute SF, alles sehr gut erzählt.
  • “Seventy-Two Letters“
    Wieder ein Favorit. Science Fiction, nur wieder in der Vergangenheit, in einer Steampunk-Welt, mit Golems und Kabbalah und einer gänzlich anders funktionierenden Genetik. Und doch: beste SF.
  • “The Evolution of Human Science“
    Mehr ein Gedankenspiel als eine Geschichte. Wie geht man damit um, wenn ein Teil der Menschheit superintelligent wird? Untersucht wird, wenn ich mich richtig erinnere, nur der Aspekt der Entwicklung der Wissenschaft, insofern ein wenig “Divisin by Zero” zu vergleichen.
  • “Hell is the Absence of God“
    Oh ja. Tolle Geschichte. Wieder beste SF: Was wäre wenn, und dann durchgezogen. Was wäre wenn… es Erzengel gebe, und Gott, aber mehr so alttestamentarisch-weird. Schräg und folgerichtig zugleich.
  • “Liking What You See: A Documentary“
    Eine der konventionellsten Geschichten, wenn auch in einer Reihe von Interviews erzählt, aber auch die hat mir sehr gut gefallen. Es geht um eine Gesellschaft, in der man wählen kann, in der viele wählen, das Empfinden für die Schönheit von einzelnen Menschen abzuschalten. Eine Art Young Adult Fiction, oder habe ich das falsch im Kopf?

Der Podcast, der mich wieder daran erinnert hat:
NYTimes, March 30 (2021) episode of “The Ezra Klein Show.” Transcript: Ezra Klein Interviews Ted Chiang (gibt’s auch bei Youtube, den Podcast)

Was ich daraus an klugen Gedanken mitgenommen habe:

Chiang mag an Superhelden nicht, dass es dabei immer um Helden oder Heldinnen geht, die anders sind als wir, die spezielle Fähigkeiten haben – klüger, stärker, und so weiter; und das könne auch gar nicht anders sein. Da stimme ich ihm zu. Batman mag nominell keine Superkräfte haben, aber de facto natürlich schon. Es gab zaghafte Versuche, etwa einen fünfzehnjährigen Schulbuben zum Superhelden zu machen statt der üblichen Muskelpakete – Spider-Man, um genau zu sein, aber der war bald auch älter und muskulöser, und schon immer supergescheit. Dann gab es Captain Universe – “the hero who could be YOU!” Der war mehr eine Energiewolke, die sich mal über den einen, mal über den anderen Menschen senkte und den oder die zu Captain Universe machte, immer mit den gleichen kräften und dem gleichen Kostüm, aber halt einem deutlich sichtbar anderen Menschen darunter. Auch Tante May war mal Captain Universe, glaube ich.

Chiang beklagt, dass Superhelden und ‑heldinnen fast immer gegen Superschurken kämpfen und nie gegen das Übel, das durch das gesellschaftliche System verursacht wird. Er gibt zu, dass das anders sein könnte, aber selten ist – weil das alles Serienfiguren sind, und deshalb die Welt immer gleich bleiben muss. Klar: Wenn die Superhelden den Kapitalismus abschaffen oder auch nur die Umweltverschmutzung, dann ist die Welt danach anders als zuvor und nicht mehr unsere Welt. (So etwas kann eine Serie wie Perry Rhodan machen, die schon bald aufgehört hat, in unserer Welt zu spielen, und zumindest ein bisschen die Übel unserer Welt angeht – allerdings auf andere Art dennoch unveränderlich ist, weil der Leser und die Leserin ja doch nur die Illusion von Veränderung wollen, aber keine tatsächliche.) – Das fand ich alles sehr klug von Ted Chiang. Es gab mal eine kurze Reihe von Heften, in denen die Squadron Supreme, eine Gruppe von Superhelden und Superheldinnen mit kurioser Entstehungsgeschichte, die Regierung ihrer Welt – die nicht die unsere ist, sondern eine Parallelerde – übernehmen, nur kurz und nur zu ihrem besten. Geht natürlich nicht gut als.

Außerdem wird Chiang zu Clarke’s law gefragt: “Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.” Das gefällt ihm nicht – weil für ihn Magie etwas ist, das nur speziell Befähigte einsetzen können, Geheimwissen, oder wie bei den Superhelden; während Technik früher oder später für alle da ist: kaum ist ein Handy erfunden, hat auch schon jeder eines. Vielleicht habe ich Chiang nicht ganz verstanden, jedenfalls sehe ich das nicht so eng wie er. Den Hintergrund zu diesem, dem dritten der Clarkeschen Gesetze, kenne ich nicht; aber für mich war das immer ein Hinweis auf typische Geschichten der 1950er Jahre, noch vor Clarkes Rendezvous with Rama: ein außerirdisches Artefakt, oder eine Artefakt aus der Zukunft, landet bei Menschen von heute; die glauben erst, wunder was damit anfangen zu können, aber es geht doch alles in die Hose. Und dann ist klar, dass es nur ein solches Artefakt gibt, und nur einen, der es nutzen kann und damit wieder so eine Art Superheld oder Magier wird. Und deswegen ist das wie Magie auch eben nicht für alle und jeden.

Wenn ich wieder Zeit zu lesen habe – im Moment sind mündliche Abiturprüfungen, die letzte, diese und wohl auch noch die nächste Woche – freue ich mich auf den zweiten Geschichtenband von Ted Chiang.

Der IT-Imperativ

Hessen stellt für das Abitur in Informatik in Java Namenskonventionen auf: Java-Styleguides der Abiturkommission, orientiert an anderen Konventionsgebern. Vieles davon ist sinnvoll. Aber an folgende, auch in Bayern verbreitete Regelung halte ich mich schon einmal nicht:

Attributnamen beginnen im Englischen immer mit einem Kleinbuchstaben und im Deutschen mit einem Großbuchstaben, da sonst gegen die Lesegewohnheiten verstoßen wird. Ich ergänze: da sonst auch gegen die Rechtschreibung verstoßen wird. Im Deutschen beginnen Substantive wie Alter, Gehalt und Verbrauch mit einem Großbuchstaben. Im Informatikunterricht diese mit Kleinbuchstaben beginnen zu lassen, ist im Sinne des sprachsensiblen Fachunterrichts vollkommen kontraproduktiv.

via Twitter: https://twitter.com/a_siebel/status/1401618841533358084

Meine Attributsbezeichner haben auch im Deutschen einen Kleinbuchstaben vorn, in Java und in Python. Warum: müßig. Ich habe auch nichts dagegen, wenn andere das anders machen, aber dann bitte mit legitimen Begründungen. Das mit der Rechtschreibung und dem sprachsensiblen Fachunterricht halte ich für Humbug. Dass diese Nichtsprachler immer meinen, für ihren völlig legitimen Geschmack fachwissenschaftliche Argumente heranziehen zu müssen. Die Richtlinien gehen dann ja auch so weiter:

Operationsnamen beginnen in der Regel mit einem Verb, gefolgt von einem Substantiv, z. B. zeigeFigur, leseAdresse und heißen getAttributname bzw. setAttributname, wenn nur ein Attributwert eines Objektes gelesen bzw. gespeichert wird. Wenn eine Operation mehr macht als nur Attributwerte zu lesen oder zu speichern, wird get bzw. set durch z. B. gib und setze ersetzt.

Abgesehen von dem get-gib-Mischmasch sagt der sprachsensibel Unterrichtende in mir: Der Imperativ Singular von “lesen” ist “lies”. Es müsste heißen, wenn man hier Richtigkeit einfordert, liesAdresse. Klar ist hier nur von Verben die Rede, ohne eine bestimmte Form des Verbs zu nennen – aber in allen Beispielen und in der Konvention geht es immer um den Imperativ Singular – gelegentliche Hilfsverben allerdings in der 3. Person. Die Form “lese” ist, hm, vielleicht Konjunktiv I? Im Spanischen wird zumindest bei der verneinten Befehlsform das Konjunktiv-Äquivalent verwendet, das wäre also schon denkbar. Aber wahrscheinlich ist es einfach so, dass sich der ursprüngliche Konjunktiv des starken Verbs “lesen” der Form eines schwachen Verbs annähert. So wie: Hören/hör(e), springen/spring(e), setzen/setz(e), zeigen/zeig(e) – und dann eben auch lesen/lese. Aber nie “lese”, komisch. Etwas stabiler sind ähnlich starken Verben geben und nehmen – obwohl da der Konjunktiv des Kochbuchs auch schon imperativische Bedeutung hat: “man nehme”, und “gebe Antwort” habe ich sicher auch schonb öfter gelesen, nämlich: in der IT.

Ich gebe nämlich der IT die Schuld. Da lese ich nämlich, wie im Beispiel oben, fast nur von “lese” – lese die Anleitung, lese auf Seite 4 nach, auch auf schlecht übersetzten GUI-Buttons steht dann mitunter mal “lese”. Fehlt nur noch eine Kampagne: “Lese öfter mal ein Buch!”

Tatsächlich habe ich mit dem Sprachwandel an sich kaum ein Problem. Und gerade starke Verben nehmen immer mehr schwache Konjugationsmuster an, es gibt sehr viele Mischformen. Und so ist heutzutage, vielleicht, der Imperativ von “lesen” tatsächlich auch schon “lese” – ich traue mich nicht, nachzuschlagen.

Vielleicht kann die IT auch gar nicht so viel dafür und das ist bei, sagen wir, den Fischern ähnlich verbreitet. Ich lese halt mehr IT-Texte statt Angelsport-Material. Und vermutlich bin ich halt nur als Deutschlehrer so pingelig. Andererseits: Siehe oben.

Letzte Pfingstferientage

Zweite Impfspritze gekriegt, wieder keine Impfreaktion außer halt ein paar Stunden danach der leicht schmerzenden Einstichstelle.

Abitur-Erstkorrektur Informatik, Abitur-Zweitkorrektur Deutsch. Sonst weiß ich nicht mehr viel, weil ich meine abgearbeiteten Listenpunkte immer gleich lösche. Ich habe aber schon das Gefühl, dass ich viel getan habe.

Den größten Teil der Umzugskartons losgeworden. Frau Rau hatte bei ebay-Kleinanzeigen inseriert, gleich danach meldete sich jemand, gleich am nächsten Tag abgeholt. Das alles hat in einen Kombi gepasst, wir hätten es selbst fast nicht geglaubt:

Die großen Kartons sind Kleiderboxen, mit Metallstange, um Kleidung an Bügeln einzuhängen. Ich weiß seit über zwanzig Jahren, dass es die gibt, aber Frau Rau und vielen anderen war das neu. (Der Abholer, junger Vater, bereitete sich selber auf einen Umzug vor und freute sich selber über die Kartons.)

Gekocht – häufig, aber jeweils ohne Fotos. Hier sind endlich mal welche. Zur Dokumentation:

Sate-Spieße aus meinem liebsten Kochbuch. Jahrgang 1982 – aber schon mit Zitronengras. Den gemahlenen Kümmel habe ich aber durch Kreuzkümmel ersetzt, habe aber ein schlechtes Gewissen. Die Spieße gab es eigentlichtlich nur, weil ich die Erdnusssoße dazu – auch aus dem Kochuch – hatte machen wollen, schon vor ein paar Tagen. Beim Erhitzen der Soße in der neuen Mikrowelle hat sie allerdings an Konsistenz verloren. (Neue Mikrowelle wegen Umzug in Küche mit solcher.)

Außerdem gab es Pak Choi aus Ernteanteil, schwarze Bohnen, Chili, Knoblauch und mariniertes Rindfleisch aus der Pfanne. Das deshalb, weil ich diese Art der Zubereitung ausprobieren wollte: “velveting” heißt anscheinend die Technik, mit der bei chinesischen Restaurants das Fleisch so weich gemacht wird. Im Web findet man dazu zwei unterschiedliche Vorgehensweisen: Einmal das Marinieren in Eiweiß-Stärke-Mischung, wonach das Fleisch kurz in Öl gegart wird, oder für zuhause: kurz blanchiert wird, um dann jeweils in der pfanne fertig gebraten zu werden. Stimmt schon, das Fleisch war weich, aber wäre es das sonst vielleicht auch gewesen? Die andere Methode ist rabiater: Das Fleisch wird mit etwas Backnatron mariniert und muss deshalb vor dem Garen gut abgewaschen werden. Und ja, dann kriegt das Fleisch eine deutlich weichere Konsistenz. Ich weiß nicht, ob ich das mag, aber ausprobieren will ich das auch mal wieder.

Zum Nachtisch habe ich den restlichen Kirschsaft – Frau Rau hatte letzte Woche Kirschkuchen gebacken – mit Sago-Perlen zu einer Art Grütze zubereitet. Aber eigentlich ging es mir um den leckeren Custard – ich weiß gar nicht das deutsche Wort dafür. Vanillesauce?


  • 1/2 Liter Milch mit dem Mark einer Vanilleschote erhitzen, dann ausschalten und 10 Minuten ziehen lassen
  • 4 Eigelb, 40g Zucker und – optional, aber ich immer mit – 1 Teelöffel Stärke verkleppern
  • die Milch wieder zum leichten Köcheln bringen, dann die Hälfte der heißen Milch in die Schüssel mit der Ei-Zucker-Mischung gießen, fleißig umrühren
  • das alles zurück zur restlichen Milch, dort noch ein kleines bisschen unnter Rühren köcheln, bis die Soße dicklich wird; erkalten lassen

Friedrich Theodor Vischer: Auch Einer (1879) – Teil 3

Fontanefan, wenn du das hier liest und noch nicht fertig mit der Lektüre von Auch Einer bist: Es kommen Spoiler! Du wirst das Lesen dieses Blogeintrags vielleicht auf später verschieben wollen. (Aber ich sehe gerade, du bist auch schon in der zweiten Hälfte.) Alle anderen: das wird hier etwas länger.

(Fortsetzung von hier.) Der ursprüngliche Band 1 bestand aus einem knappen Drittel heiterer Rahmenerzählung, gefolgt von gut zwei Dritteln heiterem Steinzeitroman. Auch der ursprüngliche Band 2 besteht aus einem knappen Drittel Rahmen- und zwei Dritteln Binnenerzählung.

Der Erzähler und Herausgeber stößt auf die Spur des unbekannten A.E. – er sieht ihn an einem Bahnhof abreisen, wobei A.E. typischerweise seinen Mantel zerreißt und seine Brieftasche verliert, die der Erzähler aufhebt und ihm nachsendet. Nur wenige Tage später reist der Erzähler zu ihm und will ihn besuchen – aber kurz davor ist A.E. gestorben. “Tod durch einen Messerstich im Streite mit einem rohen Fuhrmann.” Seine letzten Worte galten einem unbekannten “Erik” und einer weiteren Person.

Das kam dann doch erst einmal unerwartet.

Bei A.E.s Wirtschafterin, seinem Stammtisch und einem befreundeten Assessor erfährt der Erzähler Einzelheiten aus dem Leben von A.E. — “Albert Einhart” mit Namen, also war das ursprüngliche “A.E.” für “Auch Einer” ein Scherz des Herausgebers. Dieses Leben war durchaus konfliktreich, voller Skurillitäten und Scheitern, Sich-selbst-im-Weg-stehen. Ein Abschnitt in seinem Leben scheint besonders dunkel gewesen zu sein; auch die Wirtschafterin weiß keine Details.

“In diesem Leben mußte ein Sturm gewüthet haben, dessen Gewalt wir wohl kaum ahnten; rettendes, himmlisches Licht mußte dann erschienen, aber irgend ein Schmerz nachgeblieben sein, der einen Wolkenschleier von Wehmut um die Lichterscheinung legte.”

Das öffentliche Leben von Albert Einhart sah so aus:

  • Bestellung zum Vogt (Vorsteher einer übergeordneten Polizeibehörde)
  • erfolgreiche, aber nicht ganz problemlose Karriere (weder Freund der Revolution von 1848 noch zufrieden mit den reaktionären Jahren darauf)
  • Arzt empfiehlt eine Reise in den Süden, da will A.E. auch hin, aber erst einmal nach Norwegen
  • die Reise nach Norwegen, auf der irgendetwas Dunkles passiert ist; zur Italienreise danach kommt es nicht mehr
  • unmittelbar danach Verwundung in Schleswig-Holstein im Deutsch-Dänischen Krieg 1864
  • gewählter Abgeordneter in der “Kammer” – die Bundesversammlung des Deutschen Bundes? Er scheitert grandios.
  • Spätsommer 1865: A.E. reist nach Italien über die Schweiz, wo er den Erzähler trifft; dort spielt die Rahmenhandlung des ersten Bandes
  • Frühling 1866: A.E. wiederholt einen Teil der Schweiz-Reise und schaut nach den Leuten, die ihm damals begegneten
  • Teilnahme an der Schlacht von Königgrätz Juli 1866
  • zieht wieder in Krieg, der letzte Tagebucheintrag gilt der Schlacht von Sedan September 1870

Im literarischen Nachlass von A.E., den der Erzähler verwalten soll, finden sich – neben zwei Fotografien verschiedener Frauen, die für A.E. wohl von großer Wichtigkeit waren – etliche Dokumente, deren umfangreichstes und letztes den Hauptteil des Romans ausmacht.

Nachlass 1: System des harmonischen Weltalls.

Schon aus Band 1 wissen wir, dass A.E. gerne System aufstellt. Mit diesem hier versucht er die Tücke des Objekts zu klassifizieren (der Begriff taucht selber nur zweimal im ganzen Roman auf), ein Projekt des Wahnsinns, wie der Erzähler kommentiert:

Ich entfalte sie und meinem Auge zeigt sich ein Chaos von Linien auf dem einen, ein noch größeres von Linien und Farben auf dem andern. In den Feldern dieser krausen Netze stand Schrift in verschiedenen Richtungen geführt, wie solche durch die eintheilenden Linien gegeben waren: senkrecht, wagrecht und über’s Kreuz in Diagonalen. Beide mühsamen Kunstwerke waren unvollendet, man sah ein Stück ausgeführt, daneben auf derselben Fläche Versuche, andere Theilungslinien zu führen, die verworrener und verworrener wurden und schließlich erkennen ließen, daß der Künstler nicht weiter wußte, stecken blieb, erlag. Kleinere Blätter lagen dabei, auf
denen der Unglückliche es mit wiederholten neuen Anordnungsentwürfen versucht und einzelne Anmerkungen niedergeschrieben hatte.

Ich fühle mich erinnerte an Verschwörungsspinner, wie man sie aus dem Film kennt, mit Zeitungsartikeln und Fotos an eine Wand gepinnt, bunte Fäden dazwischen gespannt. Und ja, Farbcodierung benutzt A.E. auch. Aber ganz scheint er dem Wahnsinn nicht verfallen zu sein, es ist mehr eine, hm, heftige Marotte.

Nachlass 2: Fragment einer Singtragödie

Szene 3. Park.
Personen:
Eine Pfütze.
Ein Hühnerauge.
Arie mit einem gewissen klebrigen Etwas in der Tonfärbung vorgetragen von der Pfütze, entsprechend von Instrumenten begleitet.

Ein weißlicher Punkt schwebt herbei; derselbe erweist sich, näher sichtbar, als Hühnerauge (äußerst giftiger Blick und Gesammtausdruck). Arie: hornig harter, friktiv brennender Ton. Text offenbart teuflische Absichten.

Verschwörungsduett zwischen Beiden.

Pfütze und Hühnerauge haben sich gegen Hilario verschworen. Der “tritt auf, heiter gespannt, das Hühnerauge schwebt, einen feurigen Faden durch die Luft ziehend, nach ihm hin, verschwindet in seinem Lackstiefel. Er winselt, hinkt, fällt in die Pfütze, wird sehr dreckig. In diesem Augenblick erscheint Adelaide. Lacht sehr, verhöhnt ihn bitterlich. Beide ab.”

Das Verspotten durch eine Frau ist ein Motiv, das später noch einmal erscheinen wird, daher erwähne ich das hier.

Nachlass 3: Korrektur eines (fremden) Romans

Im Nachlass finden sich einige gedruckte Blätter, Teile eines Romans, “dessen Styl und Inhalt weiblichen Ursprung erkennen ließ”, die A.E. mit Korrekturbemerkungen versehen hat. Die Anmkungen offenbaren A.E.s pessimistisches Weltbild. Es beginnt mit einer Reise:

Die Koffer waren gepackt —
Anmerkung: bis auf einen, den Hauptkoffer, wozu der Schlüssel verlegt war —
Die Droschke war bestellt —
Anm.: und kam nicht. Endlich steigen wir in den Wagen —
Anm.: wobei der Onkel fehltrat und umfiel —
Wir sitzen, das Dampfroß schnaubt, die Räder beginnen zu rollen —
Anm.: das Handgepäck fällt aus dem Netzfach und treibt dem Onkel den Hut an.

Als die Anmerkungen überhand nehmen, so vermutet der Erzähler, hat A.E. das Projekt aufgegeben.

Zwischenspiel

Ein paar Jahre nach dem Tod von A.E. reist der Erzähler wieder in die Schweiz, auf den Spuren der Reise aus dem Romananfang, auf der die beiden sich kennengelernt haben. Dort erfährt er, dass auch A.E. einen Teil der Reise wiederholt hat, er trifft erneut Gestalten aus ihren gemeinsamen Erlebnissen, die sich noch gut an A.E. erinnern, teilweise auch an dessen zweiten Aufenthalt. Vor allem trifft der Erzähler auf einen Herrn Mac-Carmon, ein Schotte; A.E. und Erzähler waren ihm bereits im ersten Band begegnet – ihm und seinen zwei Enkeln, damals war auch seine verwitwete Tochter dabei. Diese Episode im Wirtshaus zu Bürgeln habe ich in meiner Inhaltsangabe zur Rahmenhandlung des ersten Bandes ausgelassen, weil sie mir nicht wichtig genug schien. Oho, da habe ich geirrt, stelt sicher heraus, bis in die Details, und gut gemacht hat das der Friedrich heodor Vischer. Beim Lesen hat man da ja noch keine Ahnung, dass es später ein Geheimnis zu enträtseln gilt. – MacCarmons Tochter ist inzwischen auch gestorben und in Italien begraben, von wo Mac-Carmon gerade zurück nach Schottland reist. Von MacCarmon erfährt der Erzähler, dass er A.E. schon damals bereits länger kannte, und der Erzähler erhält wichtige Informationen zu einer Episode im Leben A.E., die in den Tagebüchern fehlen.

Nun folgt der Hauptteil des dritten Bandes, das Tagebuch von A.E., ergänzt um die Episode, die Mac-Carmon dem Erzähler vermittelt hat.

Erst im Nachhinein wurde mir das geschickte Setting richtig klar: Eine dunkle Episode in Norwegen, der Schotte, zwei Frauen-Bilder, Genie und Wahnsinn – welches geheime Leben mag A.E. geführt haben? Wir erwarten voller Spannung die Aufklärung in den Tagebüchern.

Nachlass 4: Das Tagebuch

Die Spannung fällt dann aber steil ab. Eine ganze Weile lang besteht das Tagebuch aus mehr oder weniger launigen Notizen und Geistreicheleien, wie man sie heute vielleicht twittern würde. Daneben bekommen wir, bruchstückhaft, die inneren Eindrücke zu der von A.E.s Hauswirtschafterin vermittelten äußeren Handlung, die wir ja bereits kennen, und ohne die wir aus den Fragmenten nicht immmer schlau würden. Das wird fast ein bisschen ermüdend, wenn man sich nur mäßig für kunsttheoretische und ähnliche Betrachtungen interessiert. Und dann rutscht man, die Norwegenreise hat begonnen, in ein Drama um Liebe, Eifersucht, Tod und Totschlag und Leichenschändung, bevor, nach Norwegen, der lange Rest des Tagebuchs fast (aber nur fast) wieder aus Kunstgeschichte, Alltag und Kleinkram besteht.

Bitte was? Ist das ein Experiment? Denn die Wirkung beim Lesen ist schon interessant: Lang passiert nichts, dann nebenbei arg Dramatisches, dann wieder nichts, und weiter nichts. Hallo? Vermutlich entgeht mir einfach den Wert der Gedanken, da ich mich in der Ästhetiktheorie der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht auskenne und sie mich nicht interessiert. Oder ist das wie bei Jorge Luis Borges, der irgendwo auch mal beklagt hat, glaube ich, aber vielleicht kommt die Idee auch anderswo her und ist nur etwas, das ich von Borges erwarte – beklagt hat, erinnere ich, dass man beim Lesen eines Romans ja schon immer absehen könne, wann das Buch zu Ende sei, allein schon anhand der verbleibenden Seiten, deren Bündel immer dünner wird. Und das beeinflusse natürlich die Erwartungen. Ob man dem nicht entgegenwirken könne, indem man einfach ans Ende der Handlung noch viele Füllseiten anhängen könnte, um so die Lesererwartungen zu foppen.

Die Norwegen-Episode:

A.E. verliebt sich in eine Frau (blond, skandinavisch-germanisch mit griechischer Bildung), die einen väterlichen Freund und einen jugendlichen Verehrer hat. Auf beide ist A.E. eifersüchtig, teilweise wahnsinnig eifersüchtig. “Träume voll Todesangst – ich bin vergeistert, wohne im Reich der Dämonen.” Es kommt zu Küssen, aber auch zu Spott. “Mein Gehirn siedet, – es rieselt mir so oben herüber – Schatten, Wolken – auch der triefende Schweiß zurückgetreten, in dem ich von ihr fortstürzte – hinaus in den Sturmwind – verkältet in’s Mark hinein – böse, böse Mischung -”

Der junge Verehrer stirbt, die Frau kehrt zu A.E. zurück. Dass die Liebesbeziehung nicht nur platonisch ist, wird angedeutet: “Diese Nacht, wie ich so die Schlummernde, Hingegossene beschaute”. Aber irgendetwas geht schief, wir erfahren es nicht genau – A.E. gräbt die Leiche des Verehrers aus, um sie noch einmal zu töten; konfrontiert dann die Geliebte, der andere Verehrer ist wohl auch da und wird ins Wasser gestoßen, A.E. wirft den Dolch der Geliebten an den Kopf. Die kriegt nur einen Kratzer, will weder Polizei noch Aufsehen. Sie stirbt eine kurze Weile später an Blutvergiftung. A.E. wird noch zuvor von dem zufällig Zeuge werdenden Arzt Erik vom Ort des Geschehens (Drontheim) entfernt (nach Christiania), es dauert eine Weile, bis er gesundet. Der Arzt hat eine frisch angetraute Braut, Cordelia, die A.E. während dessen Rekonvaleszenz pflegt – es ist die zweite Frau in A.E.s Leben (italienisch-schottischer Herkunft), und eben genau Mac-Carmons Tochter.

Nach der Norwegen-Episode:

Wieder miszellenhafte Gedanken: zur scherzhaftern Mythologie der Teufel, die im Objekt stecken; zu Politik, Ästhetik, Kunstgeschichte; Reisegedanken; Skizzen zu Erzählungen; Überlegungen zur Nationalstaatwerdung Deutschlands und Italiens; ganz flüchtige Erinnerungen an Schlachten; Gedanken über das Wesen der Frau und die beste Art Frau für einen Philosophen; Notizen aus dem beruflichen Alltag; Episoden, die wir schon aus dem Erzählrahmen aus Außensicht kennen; Selbstbemitleidung und Selbstreflexion (“Sehr oft hält man mich dann auch für betrunken”). Also Füllmaterial? A.E. spielt mit dem Gedanken, die ursprünglich für die Zeit nach Norwegen geplante Italienreise doch anzutreten – auch in der vagen Hoffnung und Angst davor, auf Cordelias Spuren zu stoßen, deren Mutter aus Umbrien stammt. Das Paar Erik und Cordelia könnte ja gleichfalls dort sein – eine vage Vermutung. Erst einmal wird aber nichts aus dem Plan; es reicht nur für eine Dienstreise nach Schwaben und einen ersten Abstecher in die Schweiz. Beruflich ist A.E. wieder erfolgreich, vor der Übernahme eines neuen Amts in einer größeren Kreisstadt erhält er Urlaub, und auch der Arzt rät zu einer Reise ins Warme – eigentlich Kairo, lässt sich aber auf Italien herunterhandeln. Erste Ideen zu einer Pfahldorfgeschichte, dann endlich: Italien!

Comer See, Gardasee, Verona, Bologna, Florenz – und nur ganz, ganz gelegentlich, spärlich, eine Seitenbemerkung, die zeigt, dass er wohl doch permanent an Cordelia denkt. Perugia, Heimatstadt ihrer Mutter. “Das Elternhaus ihrer Mutter erfragt, auch erfahren, daß noch eine Muhme lebt, in Assisi verheirathet. Hinüber!” “Die Tante gefunden, gesprochen.” Das hat schon etwas von Stalking.

Zu Erik und Cordelia hält er ein wenig Kontakt über seltene Briefe, erfährt – jetzt wieder in Deutschland – von Eriks Tod. Es fällt A.E. schwer, die richtigen Worte zu finden: “Ja, aber daß in jeden Brief etwas hinein will, – was doch nicht darf, nicht soll – davon darf kein Hauch – Sie wird wohl errathen, aber – o Knäuel von Verflechtung!”

Zurück in Deutschland wird er in die Abgeordnetenkammer gewählt und scheitert grandios mit einer Rede, die man – inzwischen – vielleicht als eine Art Nervenzusammenbruch auf offener Bühne betrachten kann. Wieder rät man ihm zu einer Reise in den Süden, und auf dem Weg dorthin, in der Schweiz, taucht zum ersten Mal der Erzähler im Tagebuch auf. Es ist die Episode, als A.E. in der Felswand seine Probleme in den Sturm schreit, von mir im ersten Blogeintrag als Schlüsselszene interpretiert. Dort versucht der Erzähler A.E. zu retten, gerät dabei selbst in Gefahr und wird seinerseits von A.E. gerettet. (Aus der Innensicht erhält diese Episode etwas mehr Todessehnsucht als zuvor.) “Immerhin ordentlicher Mensch das, hat’s recht vernünftig mitgemacht. Nur komisch, daß er wissen und seinerseits angeben zu wollen schien.” Ohne Kenntnis der Außensicht bliebe das kryptisch.

Mit keiner Silbe erwähnt das Tagebuch die – peinlich endende – Begegnung mit der verwitweten Cordelia, ihren Kindern, ihrem Vater Mac-Corman in Bürglen. Erwähnt wird allerdings Bellinzona, wo er sie im Reisewagen sieht, ihnen aber ausweicht. Ähnlich in Assissi: “Nacheilen? Halt, nein! Hinab, fort in’s Thal, — sie darf mich nicht entdecken. Muß ihr’s ersparen.” Er versteckt sich, obwohl man ihn zu suchen scheint. Später reut ihn das dann: “Warum fährt es manchmal wie ein Blitz in mir auf: gleich wieder fort und hin!? Hast Wahnsinn begangen dort in Assisi! Das einzige Glück für dein gebrochenes Leben – Nein, nein, so spricht nur der alte Adam in mir! Besser so, es bleibe des Schmerzes Reinheit!”

In Sizilien erfährt er – nach einem infernalischen Alptraum – von der schweren Erkrankung Cordelias. Er eilt zu ihr – Neapel, Rom, Perugia, Assissi – sie liegt im Sterben, die beiden verabschieden sich; A.E. sieht ihren toten Gatten Erik als Vision “freundlich nicken” und schreibt als letzten Prosa-Eintrag im Tagebuch: “Ja, ja, nun weiß ich meinen Weg. -”

Wir erfahren nichts über diesen Weg. Irgendwann, mindestens fünf Jahre später, stirbt A.E., ohne dass sich sein Leben merklich geändert hat. Seine letzten Worte gelten Erik und Cordelia.

Ist A.E. Verschwörungsspinner, Incel, Stalker? Auf jeden Fall eine gequälte Seele:

“Wie geht es denn nun aber Anderen? Machen sie denn keine oder gar so viel weniger Fehler? Oder machen sie ebensoviele, werden sich aber nachher nicht durchsichtig, haben eine Seele von dickem Juchtenleder? – Oder werden sich durchsichtig, schütteln aber die Last des innern Vorwurfes federleicht ab? Geht doch kaum! Warum müssen sie denn also nicht auch schreien wie ich?”

Fazit: Ein kurioser Roman, mit Längen. Aber die Längen spielen vielleicht eine Rolle. Es ist ein Buch, von dem ich mir vorstellen kann, dass ich es in zehn Jahren noch einmal lese.

Fußnote am Ende: Zweimal nur taucht “Tücke des Objekts” in diesem Roman auf und ist doch sprichwortlich geworden. Wie sieht es mit des Deutschen Angst vor Zugluft und der unvermeidlich daraus folgenden Erkältung aus? War die damals verbreitet und Vischer greift sie nur auf – oder ist er am Ende dafür mi verantwortlich? A.E. hat das ganze Buch über Angst vor Erkältung, sieht sie als persönlichen Feind an, sieht Begräbnisse und Theaterbesuche nur als Möglichkeit, ich zu erkälten:

“Allerdings ist es eben auch so eine Sache mit den Lokalen für den Kultus. Gebildete Persönlichkeiten pflegen sich da zu verkälten. In bitterem Ernste: kommt uns je ein Retter aus obiger Noth, so denke ich mir gern, er werde zuerst als Erfinder auftreten, der eine urwohlthätige Grundlage für die Stimmung herstellt: Luft in geschlossenem Raum und doch kein Zug! Wer diese Aufgabe löst, wird einer der größten Wohlthäter der Menschheit sein. Ist dieß erst entdeckt, so werden die Menschen milder, launenloser, klarer, gemüthsfreier, sie werden besser, sie werden edler werden. Ja, damit wird der erhoffte Reformator beginnen, auf diesem Grunde wird er aufbauen!”

Gespielt: Plundered Hearts

Ich habe wieder mal ein Textadventure gespielt! Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Und obendrein war es auch keine neue interactive fiction der letzten zwanzig Jahre, sondern ein waschechter Infocom-Klassiker.

Früher waren die Spiele oft schwierig, unfaire Rätsel waren fast erwartet; Spiele konnten in einen ungewinnbaren Zustand geraten, und die Spielerfigur warheldenhaft männlich, aber sonst oft ohne besondere Eigenschaften – vielleicht in dem Glauben, die Spieler könnten sich dann besser mit ihr identifizieren? Plundered Hearts, schon zum Ende der Infocom-Ära hin erschienen, war all das nicht und war vielleicht deshalb kein Erfolg damals – ist aber eines der Spiele, an die Spieler und Spielerinnen besonders gerne zurückdenken.

Seit diesem ausführlichen Blogeintrag des Spiele-Historikers Jimmy Maher vor sechs Jahren steht das Spiel auf meiner Liste:

Plundered Hearts
Der Inhalt ist nicht verfügbar.
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Besonders schön die vielen Kommentare mit geteilten Erinnerungen dazu. (Hier ein weiterer Blogeintrag. Dort auch Links zur Spieledatei und Software dafür.)

Plundered Hearts ist relativ kurz und relativ leicht. Ich habe es in ein paar Nachmittagen durchgespielt. Die Menge an Rätseln und ihr Schwierigkeitsgrad ist wunderbar ausgeglichen – wenn man nicht weiter weiß, schläft man mal darüber, und am nächsten Tag geht es dann irgendwie schon weiter. Andererseits hat man schon das Gefühl, etwas tun zu müssen, um die Handlung voranzutreiben. Einige Rätsel haben einen Timer: Das heißt dann jeweils, dass man nur eine bestimmte Anzahl an Zügen hat, bevor man zu einem unrühmlichen Ende kommt. Das kann ganz schön nerven, hier ist es aber eher eine Erleichterung – man weiß, dass man nur ein paar Züge hat, und man darf darauf vertrauen, dass sich innerhalb dieser Züge eine Lösung finden wird. Man muss allerdings rechtzeitig speichern, das ja. – Für etliche Rätsel gibt es mehrere Lösungen, so dass ich es tatsächlich bedauerte, nicht alle ausprobieren zu können. (Neuladen und wiederholen ist nicht das gleiche, so sehr ergibt das ganze eine zusammenhängende, runde Geschichte.).

So beginnt das Spiel:

A crash overhead! Pirates are boarding the Lafond Deux! The first mate hurries you into Captain Davis's cabin.
"Good, you brought the girl," Davis smirks. "She'll keep the pirates busy. She was only a tool of Lafond's, anyway. Let me just find that cof--" A man on deck screams in agony and Davis starts. "Let's go." The captain thrusts you on the bed and walks out, locking the door.
His laugh echoes. "Best get comfortable, girl. You're likely to be there for the rest of your life."
 
Cabin, on the bed
You are in an officer's cabin, lit by the firelight glowing through a porthole. A door is to starboard. Except for the built-in bed, the room seems to have been emptied thoroughly, if hurriedly.
 
> 

Wir spielen in der Rolle einer jungen Frau, die im 17. Jahrhundert zu ihrem Vater nach Westindien fährt. Aber ihr Schiff ist eine Falle, ihr Vater verraten, einziger Helfer ein etwas verrufener Edelmann und Kapitän eines zweifelhaften Schiffes. Das erste Fünftel von Plundered Hearts spielt auf See, der Rest auf einem Anwesen in der Karibik. Und es macht großen Spaß. Wir ziehen der Heldin ein Ballkleid an schmuggeln uns auf ein Fest, tanzen mit dem schmucken Captain Jamison und dem schurkischen Lafond. Wir ziehen Hose und Hemd an und retten unserem Captain Jamison aus dem Verließ und auch danach noch mehrfach aus weiteren gefährlichen Situationen. Ich habe noch Captain Blood im Fernsehen gesehen (Karibik, Verrat, Piraterie, Peitschen) und weiß, wozu Kronleuchter da sind.

Auch sprachlich ist das Spiel schön. Witzig, verspielt, irgendetwas zwischen Parodie und Kurzfassung von romance, Schmachtfetzen, bodice ripper. (Bisherige Erfahrungen mit einem verwandten Genre.) Erotische Szenen gibt es nicht wirklich, ein paar mal Schütteln seiner herrlichen Locken, ein oder zwei Küsse, die Unterwäsche bleibt an.

Aber es gibt versuchte und implizit vollzogene Vergewaltigungen. Im klassischen Textadventure kann man das Spiel verlieren, also zu einem ungünstigen Ende kommen. (Heute ist das oft anders.) Bei männlichen Helden heißt das: der Troll hat einen gefressen, der Zauberer verblitzt, der Barbar erschlagen; manchmal ist es auch ein Höhleneinsturz. Bei Plundered Hearts gibt es daneben auch etliche Varianten dieses Ausgangs:

A brig, Portuguese by its sails, rescues you. The sailors are brown skinned and smooth, and the first mate, the ship's and yours, is gentle. They leave you in Rio, alone and forgotten.

***     You have suffered
   a fate worse than death  ***

Das gefiel schon zur Erscheinungszeit vielen nicht. In vielem war das Spiel seiner Zeit voraus. Eine durchgehend weibliche Hauptperson war neu. Männlichen Spielern war sie zu dominant, weiblichen Kritikerinnen zu passiv – die Rezeptionsgeschichte ist interessant, aber dazu steht mehr in den verlinkten Blogeinträgen oben. Es war Amy Briggs’ einziges Spiel für Infocom, und ist eines der besten der insgesamt etwa 35 Spiele.

Vielleicht mal als Schullektüre für eine gute gelaunte 10. Klasse?

Harold Pinter, Last to go & Phatische Sprechakte

Manchmal, wenn ich daran denke, mache ich in der Englisch-Oberstufe den Sketch “Last to go” von Harold Pinter aus dem Jahr 1959. Er ist kurz, nur zwei Seiten lang, mit zwei Personen: Ein Verkäufer hinter einer Kaffeetheke, irgendwo in London, und ein Zeitungsverkäufer, der dort seinen Tee trinkt, nachdem er die letzte Zeitung des Tages verkauft hat.

Für die Schüler und Schülerinnen ist der Text erst einmal irritierend: Die beiden reden anscheinend über nichts, nicht einmal über das Wetter. Nur so: “Eben die letzte Zeitung verkauft.” “So, so, die letzte Zeitung.” “Ja, war die letzte heute.” Viele Wiederholungen, und das über zwei Seiten, mit viel Pausen-Regieanweisungen dazwischen.

Aufs zweite Lesen entdeckt man die Redekonventionen: Rhetorische Fragen, question tags, immer dem Gegenüber Recht geben. Eine Art dramatischen Höhepunkt gibt es dann aber doch, als es um einen George geht, einen gemeinsamen Bekannten, dessen Nachname keinem mehr einfällt, bei dem sie vielleicht an verschiedene Menschen denken, und der auch überhaupt keine Rolle spielt – wie eine Bombe platzt da ein Widersprechen hinein: “Nein, der hatte doch keine Arthritis!”

Eine zweite Stelle ist die, die laut Pinter den größten Lacher bei der Aufführung gibt. Die zu finden und das nachzuvollziehen ist für die Schülerinnen und Schüler gar nicht so leicht. Aber beim anschließenden Lesen in Paaren geht es dann doch. Die Vorgabe: Die Pausen einhalten, zusätzliche Pausen an passenden Stellen machen, und die Pausen so lange aushalten, wie man sie dem Publikum gerade noch zutraut. Das wird dann schon automatisch recht komisch.

Natürlich bin ich nicht der erste, der mit dieser dramatischen Szene arbeitet. Im Web gibt es etliche Fundstellen für Verwendung im Unterricht, und ich kenne den Text ja selber aus einem alten Englischbuch – elfte Klasse, frühe 1980er Jahre? Ich habe es leider nicht mehr und war nur im Referendariat darüber gestolpert und habe nur noch die – viel zu hastige – begleitende Schulbuch-Audioaufnahme dazu.

Bekannt wurde die Szene wohl auch durch die ausführliche Analyse “Pinter’s Last to Go: A Structuralist Reading” von David Lodge, die man in überarbeiteter Form in seiner Sammlung The Practice of Writing finden kann. Pinter selbst habe darüber wohl nur verwundert den Kopf geschüttelt: “I couldn’t believe it … It’s only a sketch.” – David Lodge wendet darin das Kommunikationsmodell von Roman Jakobson auf die Szene an. Das ist eine Weiterentwicklung des Organon-Modells von Karl Bühler, das seinerseits auf Platon zurückgeht, und auf dem andererseits auch das bei uns bekanntere Modell von Schulz von Thun beruht, in das noch etwas Watzlawik eingeflossen ist.

Mit Schulz von Thun bin ich nie so recht warm geworden. Ich habe mich allerdings auch nicht gründlich mit dem Modell beschäftigt und kenne eigentlich nur die Schulbuchversionen. Neu und wichtig dabei scheint mir vor allem zu sein, dass man als Senderin vielleicht den einen Aspekt betonen will, als Empfängerin aber einen anderen Aspekt mehr wahrnimmt – eine Quelle für Missverständnisse. Im Modell gibt es Sachaspekt, Appellcharakter, Selbstoffenbarungs- und Beziehungsebene, auch wenn ich die nicht immer gut trennen kann.

Bei Roman Jakobson gibt es ebenfalls verschiedene Aspekte:

  • referential (entspricht etwa dem Sachaspekt, das Reden über Dinge mit der Absicht, über Dinge zu reden)
  • emotive (Schwerpunkt Sender: Selbstoffenbarung)
  • conative (Schwerpunkt Empfänger: Appell)
  • metalingual und poetic und (Schwerpunkt Code und die Nachricht selber; lassen wir erst einmal so stehen)
  • phatic (mit dem Nachrichtenkanal, der Verbindung als Schwerpunkt)

Die letzten drei Funktionen fehlen bei Schulz von Thun, dafür hat der die Beziehungsebene.

Lodge geht Zeile für Zeile die ganze Szene durch und analysiert jeder Äußerung hinsichtlich des Sprechakts. Am Ende kommt heraus: viele der Äußerungen sehen vielleicht referential aus, sind aber tatsächlich vor allem phatic – sie dienen nur dazu, den Kommunikationskanal zu bedienen und offen zu halten. So wie “roger” und “over” beim Funk, wie gelegentliches Gegrunze am Telefon, wie Gerhalt Polt vielleicht in “Net Vui”.

Und diese phatischen Sprechakte sind schon wichtig. Das muss man… vielleicht auch erst lernen.

Auf Twitter hieß es mal, eine gute Lehrkraft stellt nie eine Frage an die Klasse, auf die sie schon die Antwort weiß. Und da ist schon auch etwas dran, man sollte mal an sich überprüfen, wie und warum man Fragen stellt. Allerdings gilt das nur für die intuitiv-naive Vorstellung, Fragen und Antworten seien dazu da, Informationen auszutauschen. Das mit den Informationen, also der referentielle Aspekt (wobei das immer schwierig wird, sobald die referenzierten Objekte die beteiligten Personen sind), ist nur ein Aspekt der Kommunikation und oft nicht einmal der häufigste. Fragen dienen eben nicht nur dazu, sich eine fehlende Information zu besorgen.

Kochen mit Knollen & Zoobesuch

Ich hatte Kraut; der Guardian ein Rezept für Okonomiyaki, fehlte nur noch japanischer Bergyams. Okonomiyaki hat man gerade, oder kommt gerade; im Fernsehen kam etwas darüber und Frau Rau sprach schon häufiger davon: das ist ein mit wenig Teig zusammengehaltener Krautpfannkuchen, auf den japanische Mayonaise und Bonitoflocken und sonst noch vieles kommt. das ich kaum kenne. Aber gemacht habe ich das Rezept, und es schmeckte gut:

(Bild: Frau Rau)

Der Teig besteht aus Ei, etwas Mehl und Stärke und – wenn man das kriegen kann – Bergyamswurzel. Die verhält sich ganz anders als das, was unsereiner so kennt. Diese Art Yams ist eine lange, gerade, im Verhältbnis dazu nicht sehr dicke Stange. Sie kann die Haut reizen, heißt es, also zog ich Handschuhe an. Man schält die Knolle und reibt sie dann mit einer Reibe, worauf sie sofort und unmittelbar matschig und sabberig wird:

Der Geruch erinnerte mich sehr an die spanische Horchata – aber nicht die fertige aus dem Supermarkt, sondern die, die man an speziellen Ständen kriegt. Das ist ein Getränk aus gemahlenen oder geriebenen Erdmandeln, chufas.

Da für das Okonomiyaki nur wenig Yams gebraucht wird, habe ich den Rest gerieben/gesuppt, Ei reingeschlagen und kleine Pfannküchlein daraus gebacken:

War nur so mittel. Konsistenz in Ordnung, Geschmack eigen.

Außerdem im Zoo gewesen. Es ist 2021: Man kauft online ein Ticket, für Geld, und dann noch ein Ticket, das nichts kostet, für den konkreten Tag. So kommt nur eine bestimmte Menge an Besucher in den Zoo. Regnerisch war es, und frisch, aber schön. In die Häuser kam man nicht, und auch draußen waren manche Tiere nicht zu sehen. Ich mag das gern, das gibt mir die Illusion, dass die Tiere eine Art Privatsphäre haben, und macht den Zoobesuch zu einer kleinen Safari, bei der man nicht sicher sein kann, was man findet.

Gefunden: Babyelefant Otto und Nachwuch bei den Pelikanen.