Fridays for Future

Auch an meiner Schule waren letzten Freitag einige Schüler und Schülerinnen in München streiken und nicht im Unterricht. Der Hintergrund: Unter dem Motto „Fridays for Future“ streiken an vielen Orten auf der Welt Schüler und Schülerinnen, um für den Klimaschutz zu demonstrieren – um die Entscheider daran zu erinnern, gefälligst und bald etwas zu tun.

Ihr Vorbild ist die schwedische Schülerin Greta Thunberg, die seit Monaten jeden Freitag die Schule bestreikt und vor kurzem im Weltwirtschaftsforum in Davos eine Rede hielt. Für diese Rede wird sie von manchen gelobt, von anderen kritisiert, aber das überrascht sicher niemanden. Video hier:

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Morgen thematisiere ich das mit der 7. Klasse. Da üben wir gerade das Argumentieren (als Vorbereitung auf eine größere Übung), und die Klasse wünscht sich andere Themen – bisher ging es um Schule und unmittelbare Lebenswelt der Kinder. Sie wollen sicher aber viel lieber beschäftigen mit Themen aus den Bereichen, ich zitiere: Umwelt, Syrien, Europa, Sport, Politik (womit sie wohl: gesellschaftliche Themen meinen). Laut Kultusministerium soll ich das zwar nicht, weshalb das auch sicher keine Prüfungsthemen werden – der aktuelle Trend geht zu Prüfungen mit Begleitmaterial (damit man wenigstens etwas über das Thema weiß) und hin zu Themen, die sich konkret auf das Fach Deutsch beziehen: Kultur, Literatur, Bildung, aber eben nicht mehr: Gentechnik oder Kernkraft, wie ich sie noch aus meiner Schulzeit kenne.

Das ist einerseits sinnvoll: Man soll schreiben von dem, was man versteht. Andererseits ist das schlecht, weil dann gar kein Fach mehr da ist zur schriftlichen intellektuellen Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen. Das sollen in Zukunft wohl die anderen Fächer machen, im Fach Physik sollen die Schüler und Schülerinnen in Zukunft laut dem neuen Lehrplan im Web Kommentare zur Kernkraft sammeln und bewerten. Mmh. Ein interessanter Ansatz, ich verstehe den Gedanken dahinter, vermute aber, dass das erst mal nur 1 Seite im neuen Physikbuch sein wird, die man vielleicht sogar überspringt.

— Jedenfalls: Was tun mit den Schülern und schülerinnen, die die Schule bestreikt haben, um Demonstrieren zu gehen? Das Kultusministerium hält sich wohl bedeckt und lässt das die Schule in eigener Regie handhaben. Ich habe keine Ahnung, wie viele bei uns betroffen sind, vermutlich nicht viele; und keine Ahnung, ob und wie das geahndet wird. Dürfte ich ja auch gar nicht schreiben. Aber Theorien, was man tun sollte, die habe ich aufgeschnappt, darunter vor allem die:

  1. Ignorieren.
  2. Verweis geben (=Akteneintrag, Ordnungsmaßnahme, nicht zu Verwechseln mit einem Schulverweis).
  3. Nachsitzen lassen, aber mit irgendeiner sinnvollen gesellschaftlichen Aufgabe.

Lustig, also ernst, wird’s ja nur, wenn das häufiger auftritt, also etwa jeden Freitag, oder wenn mal eine Prüfung ansteht.

Ich finde, die Schüler und Schülerinnen haben ein Recht auf einen Verweis. Die Wirkung der Demo entsteht ja nicht dadurch, denke ich, dass ein paar tausend Schüler sich in München versammeln, sondern dadurch, dass sie das System zwingen, zu reagieren. Beim Ignorieren geschieht das nicht, und auch der Verweise ist nur eine kleine Reaktion. Am albernsten finde ich das Nachsitzen lassen. Das müssten dann doch eher die, die nicht zur Demo gegangen sind?

Ohne dass ich mit betroffenen Schülöern und Schülerinnen gesprochen hätte: Die sind sicher entsetzt, wenn das Streiken irgendwelche schulischen Konsequenzen hat. Weil das doch für eine gute Sache war.

(Siehe auch: Kinderkreuzzug?)

Wochenende

Heimkehr von einer fröhlichen Feier.

Spät und schön gefeiert. Dementsprechend müde gewesen am nächsten Tag. Trotzdem brav gelaufen, Zombies gejagt, Podcast veröffentlicht.

Für das Mediencurriculum Lehrpläne gelesen, auch der anderen Fächer. Ja, aus Misstrauen und Erfahrung. In Sport 10 steht jetzt drin: „gegenseitiges Feedback zur Schiedsrichtertätigkeit auch unter Zuhilfenahme digitaler Analysemethoden“. (Daneben: Autogenes Training und Gesellschaftstanz.) Bin sehr gespannt, wie sich das in der Realität niederschlagen wird, zumal das Aufzeichnen von Schülern und Schülerinnen datenschutzrechtlich schwierig ist.

Durch die Presse ging vor ein paar Tagen, dass in Sachsen Lehrmaterial an Schulen verwendet wird, das von „europiden, negriden und mongoliden Menschenrassen“ spricht. Große Aufregung. Tatsächlich steht das so ähnlich im aktuellen Lehrplan von Sachsen, Biologie, Gymnasium, S. 32 (letzte Überarbeitung: 2017): „Merkmale von europiden, negriden und mongoliden Menschen“ – soweit ich weiß, sind diese Begriffe wissenschaftlich schon lange überholt. Direkt danach steht zwar: „Antirassismus als Gebot des Humanismus“, aber das macht es nicht viel besser – nachdem man kurz vorher nahelegt, dass es so etwas wie Rassenmerkmale gibt, soll man sie jetzt dann wohl nur aus humanistischen Gründen leugnen. Dabei fehlt nach aktuellem Konsens ja schon die wissenschaftliche Grundlage dafür.

Apropos aktueller Konsens: Ich bin, bei aller Liebe zum kantischen Selberdenken, ein großer Freund des Mainstreams. Abseits des Mainstreams gibt es Leute mit Geheimwissen, dass vom Mainstream (Big Pharma, Main Stream Media, Staat und Industrie) unterdrückt wird: Impfgegner, Homöopathen, Schröpftherapeuten, Brain-Gym-Jünger, Reichsbürger, Birther, Truther, Flacherdler, Holocaustleugner – sie alle eint die Verschwörungstheorie, alle fordern Sie, dem Establishment zu misstrauen.

Sonstiger Status: Lese gerade spannendes Buch, komme aber vor überbordendem Notizenmachen nicht weiter.

Schneefrei! (2019 Edition)

Am Freitag, den 11. Januar 2019 fiel an den Gymnasien im Landkreis der Unterricht aus. Die Entscheidugn des Landratsamts wurde am Donnerstagmittag bekannt gegeben; Jubel in den Klassenzimmer. Und so musste am Freitag nur eine kleine Rumpfbesatzung an Lehrern und Lehrerinnen in der Schule bleiben – um Schüler oder Schülerinnen, die dennoch in die Schule gekommen wären, Herberge bieten zu können. Tatsächlich waren aber alle zu Hause geblieben, jedenfalls nicht in der Schule.

Ich will das hier nur aus Chronistenpflicht festhalten. Denn dass es das letzte Mal im März 2006 und Januar 2007 schneefrei gegeben hat, das weiß ich nur deshalb, weil ich das hier im Blog aufgeschrieben habe.

Ist das in Ordnung, dass mündliche Noten so viel besser sind als schriftliche?

In Bayern gibt es wie in allen Ländern verschiedene Möglichkeiten, Noten zu machen, aber vor allem gibt es mündliche Noten und schriftliche Noten. Schriftliche Noten sind meistens größere oder kleinere, angesagte oder überraschende Prüfungen, die sich auf einen kleineren oder größeren Zeitraum beziehen können. Mündliche Noten fallen dabei deutlich besser aus als schriftliche. (Weiß schon, Ausnahmen, ist aber dennoch so, da sind wir uns wohl einig.)

Die schriftlichen Noten zählen dabei mehr als die mündlichen. (Auch das kann man differenzieren; es gibt kleine und große Leistungserhebungen, und große zählen mehr, und meist sind die mündlichen klein und die schriftlichen groß – aber, kurz gesagt, schriftliche zählen in den wissenschaftlichen Fächern mehr.)

Als die ersten Schüler und Schülerinnen des plötzlich eingeführten achtjährigen Gymnasiums am Ende der 9. Klasse waren, wurden die Regelungen für die neue Oberstufe beschlossen, also für die 11. und 12. Klasse. Und die hießen unter anderem de facto: Die mündlichen Noten in der Oberstufe werden stärker gewichtet als bisher, stärker als in Unter- und Mittelstufe.

Beschlossen wird so etwas von der Exekutive, also dem Kultusministerium. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ernsthafte Didaktiker dafür ihren Namen hergegeben haben oder dass ein echter didaktischer Grund dafür bestand, die mündlichen Noten aufzuwerten, es sei denn mit dem Ziel, Noten irgendwann einmal ganz abzuschaffen. (Ein hehres Ziel, aber ich lebe in der Praxis.) Der tatsächliche Grund dürfte der gewesen sein, eine drastische Notenverschlechterung im G8 zu vermeiden, das ja politisch ein Erfolg werden musste.

Und so kam es auch. Weiterhin sind mündliche Noten besser als schriftliche, und das das trägt wesentlich dazu bei, dass die Abiturnoten nicht schlechter, sondern besser geworden sind. Das führt regelmäßig zu Problemen, wenn sich Schüler und Schülerinnen mit der mündlichen Note bis zum Abitur in Deutsch und Mathematik retten und dann in der rein schriftlichen Prüfung die gleichen schlechten Noten kriegen wie bisher – und dann erst einmal die Abiturprüfung nicht bestehen und sich vielleicht noch über eine nachträgliche Ergänzungsprüfung retten können.

Ausgangspunkt dieses Blogeintrags: Der Deutsche Philologenverband fordert aussagekräftigere, also wohl: schlechtere Noten am Gymnasium, Spiegel hier. Früher war 2,3 im Abitur eine gute Note, heute ist sie Durchschnitt. Die Noten von 2007 und 2017 zu vergleichen, macht allerdings insofern wenig Sinn, als Noten de facto nur etwas über relative Leistung aussagen: Jemand mit 1,3 im Abitur ist besser als jemand mit 2,3 (auch wenn die Forschung immer wieder Tendenzen auszumachen scheint, dass bei gleicher Leistung doch Geschlecht, Familienhaus, Name zu unterschiedlicher Benotung führen). Ob jemand mit 1,3 wirklich sehr gut ist, das lässt sich daraus nicht ableiten. Ob die Schüler und Schülerinnen bei gleicher Note heute mehr können oder anderes oder nicht, und ob das gut ist oder nicht – das sind andere, schwierigere Fragen, um die es mir hier gar nicht geht.

Mich treibt vielmehr die Frage um, warum mündliche Noten besser sind als schriftliche. Die tatsächliche Antwort dürfte sein: Erstens Mitgefühl, weil man leichter eine 5 aufs Blatt schreibt statt sie ins Gesicht zu sagen; zweitens Unsicherheit, weil mündliche Noten allgemein viel angreifbarer sind als schriftliche und man sich keinen Ärger holen will; drittens das Gefühl, dass ja genau das von oben und weiter oben gewünscht wird – deshalb ist ja auch die Neuregelung für die G8-Oberstufe eingeführt worden.

Aber vielleicht sehe ich das zu zynisch. Vielleicht gibt es legitime Begründungen dafür, warum es richtig ist, dass mündliche Noten besser sind als schriftliche.

Ein möglicher Grund, oben schon angedeutet: Noten an sich sind schlecht, und je weniger oder je bessere Noten man gibt, desto besser. Das ist grob verkürzt dargestellt, und sorgfältiger argumentiert ist das nicht so schlecht, wie es klingt. Ich vermute mal, aber das mag ein Vorurteil sein, bei der Didaktik an den Universitäten oder Pädagogischen Hochschulen sieht man das oft so. Diese Sicht kann ich mir als Lehrer aber nicht leisten, will auch heißen: bin zu stolz dafür. Ich werde fürs Notengeben bezahlt, auch wenn und gerade weil ich das ungern mache; davor mag ich mich nicht zu sehr drücken.

Ein Grund, könnte der sein, dass mündlichen Noten andere Kompetenzen zugrunde liegen als schriftliche. Und dass bei mündlichen Noten halt immer eher das geprüft wird, was die Schüler und Schülerinnen besser können. Allerdings leuchtet mir das ebenso wenig ein wie der Vorschlag, den ich auf Twitter bekam: Bei schriftlichen Noten arbeiteten die Schüler weniger angeleitet, selbstständiger, daher die schlechteren Noten. Allerdings verstehe ich nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Die Schulordnung kennt keine unterschiedlichen Kriterien für mündliche und schriftliche Noten, ein sehr gut ist immer eine Leistung, die den Anforderungen in besonderem Maße entspricht. Wie sieht die didaktische Rechtfertigung dafür aus, dass die Anforderungen bei mündlichen Noten niedriger sind?

Ich sage nicht, dass mündliche Noten zu gut sind. Vielleicht sind schriftliche auch zu schlecht. Muss es überhaupt 5er und 6er geben? Note 1-4 heißt ja: im Prinzip schon brauchbar, und Note 5-6 heißt: nein, das geht so nicht. Man übt in der Schule keinesfalls, bis alle den Stoff können, sondern halt eine Weile, bis dann endlich die Zeit für die Prüfung da ist. (Jan-Martin Klinge hat neulich überlegt, wie man etwas an diesem Prinzip ändern könnte.) Ist man bei mündlichen Noten da besser und prüft zu einem Zeitpunkt, zu dem die Schüler und Schülerinnen den Stoff gründlich verstanden haben?

(Das glaube ich nicht, nein. Aber es ist ein netter Gedanke.)

Weiß jemand, ob die universitäte Schuldidaktik sich irgendwie zu der Diskrepanz zwischen mündlichen und schriftlichen Noten positioniert? Findet sie die gut, ist sie ihr egal? Beklagenswert oder noch ein Segen?

Nachtrag: Ich verteidige ja gerne mal die Wissenschaft, wenn wieder etwas Offensichtliches festgestellt wurde. Denn auch das Offensichtliche muss erst einmal sauber nachgewiesen werden; am Ende hat’s dann ja vielleicht doch gar nicht gestimmt. In Abwesenheit solcher Untersuchungen zu mündlichen und schriftlichen Noten muss allerdings auch die universitäre Didaktik, wenn sie nicht ihrem schlechten Ruf unter den Praktikern entsprechen will, den Erfahrungen der Experten vertrauen, den Lehrkräften und Schülern und Schülerinnen.

Robert Graves, Homer’s Daughter (1955)

Wir befinden uns etwa 150 Jahre nach dem Leben Homers, des Autors der Ilias. Fahrende Sänger ziehen herum, die sogenannten Sons of Homer, und singen aus dem Werk ihres Vorfahren, wobei ein offenes Geheimnis ist, dass sie auch eigene Werke als die Homers ausgeben. Von dem haben sie, so heißt es, auch die family affliction geerbt (S. 31): Blindheit, die aber erst im Alter einsetzt. Alpheides, König eines winzigen Könrigreiches auf Sizilien, macht sich etwas lustig über Helena, von der der Sohn Homers Demodocus erzählt: Es sei unglaubwürdig, so Alpheides, dass es bloß wegen einer Frau zu einem solchen großen Krieg gekommen sei, einer Frau obendrein, die ihrem Mann in den neun Jahren der Ehe keinen Sohn geboren habe, wobei Paris ja nicht einmal versucht habe, einen Thron zu rauben. Nein, viel eher habe der Bund der Griechenkönige und der spätere Angriff auf Troja wirtschaftliche Hintergründe: Nicht um Helena sei es gegangen, sondern um die Meerenge „honoured with her name“ (S. 27, hier irren Alpheides oder Graves oder beide), den Hellespont und Zugang zum Schwarzen Meer.

Sänger und Zuhörer sind nicht gerade begeistert, Alpheides Tochter Nausicaa rollt die Augen: Geschichtsschreibung und Fiktion seien halt zweierlei, das wisse man. Macht sich Graves als Alpheides hier über sich selbst lustig? Robert Graves, der von Claudius, war ein Kenner antiker Mythologie. Seine Griechische Mythologie. Quellen und Deutung ist ganz hervorragend, jedenfalls was den Quellen-Teil betrifft: Äußerst detailliert und mit exakten Belegen für kleine Forscher wie mich stellt er die vielen verschiedenen Fassungen griechischer Sagen zusammen, von denen man sonst oft nur die gängigste kennt. Bei der davon getrennten anschließenden Deutung schießt er aber meist über das Ziel hinaus: Graves glaubte wie J. G. Frazer an eine große vorantike Kultur des Matriarchats – eine zu Anfang des 20. Jahrhunderts wohl populäre, aber inzwischen überholte Theorie – und deutet großzügig spekulierend alle Mythen darauf um. (Die Nacherzählung und Diskussion um den Anlass für den trojanischen Krieg in Homer’s Daugher folgt übrigens oft bis in den Satzbau dem entsprechenden Eintrag in Griechische Mythologie.)

Tatsächlich geht es in diesem Roman aber gar nicht um König Alpheides, sondern dessen Tochter Nausicaa. Ausgehend von dramatischen Geschehnissen um den kleinen Königshof in Sizilien schreibt sie nämlich ein episches Werk, das sie dann als heimliche Tochter Homers ebenfalls dem Dichtervater zuschreibt: Die Odyssee. In einem Vorwort erklärt Nausicaa, dass sie im folgenden Text erzählen wird, wie es zur Entstehung dieser Odyssee kam. – Die Idee, dass die Odyssee aus Sizilien stammt und dass sich die Autorin Nausicaa in ihr fiktional verewigte, stammt wohl von Samuel Butler, der zwei Bücher darüber verfasste. Graves erklärt in seinem Roman nun, wie die sizilianische Prinzessin es geschafft hat, ihr Werk der Welt als ein Epos Homers zu verkaufen.

Nausicaas Bruder ist verschollen; ihr Vater macht sich auf die Suche und lässt Frau, Tochter, Schwiegertochter und jüngere Söhne allein zurück; die Amtsgeschäfte soll sein Bruder Mentor führen. Aber die anderen Adligen des kleinen Reichs proben den Aufstand und belagern als Freier den Palast Nausicaas und ihrer Familie. Zu Hilfe kommt Nausicaa ein gestrandeter Fremder, der aus dem Meer auftaucht, als Nausicaa mit ihren Dienerinnen beim Ballspiel ist…

Es gibt in der Welt dieser Nausicaa „Odysseus‘ Rückehr“ als letzten Gesang eines homerischen Troja-Geschichtenkreises (S. 83ff), darin ist die rachsüchtige Aphrodite, schaumgeborene Meergöttin, die Verursacherin von Odysseus‘ leidvoller Heimkehr. Der macht eine sehr ähnliche Odyssee durch wie in, uh, der Odyssee; er besucht die gleichen Orte und hat ähnliche Probleme – allerdings fehlen dabei die übernatüprlichen Elemente. Er ist ohne Calypso schiffbrüchig auf einer Insel; Circes Priesterin hält ihn gefangen (und ist keine Zauberin); seine Mannschaft schlachtet die Rinder der Thraker, nicht des Helios. Zu Hause hat Penelope ihn mit den fünfzig Freiern betrogen und Telemachos in die Sklaverei verkauft. Odysseus tötet die Freier mit dem Bogen, allerdings bemängelt die Zuhörerin Nausicaa die fehlenden Details: Wie soll der das genau geschafft haben, wieso flohen die Freier nicht? Wir wissen als Leser und Leserinnen, dass Nausicaa das in ihrer eigenen Fassung der Odyssee – also unserer – sehr detailliert erzählen wird, in einer meiner liebsten und blutigsten Stellen des Epos. (Die meinen Vater übrigens dazu animiert hat, sagt er, das Bogenschießen als Sport zu ergreifen; was zu vielen anderen Dingen geführt hat, letztlich auch zu meinen jährlichen Bogensport-Exkursionen mit der Schule.) Auch auf Sizilien in Nausicaas Palast gibt es einen historischen Bogen, und das bringt sie auf eine Idee, wie sie der Freier Herr werden könnte… Die Idee nennt sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht, aber als Leser kann ich mir in der Mitte des Buches nicht vorstellen, dass dieses familienfreundliche Epos im sizilianischen Miniaturformat gar so blutig sein wird wie im Original.

Das ist überhaupt eines der großen Vergnügen beim Lesen des Buches: Man weiß ungefähr, was kommen wird, und das macht es spannend; man weiß aber auch, dass es Abweichungen von der uns bekannten Geschichte geben wird – aber nicht welche, und auch dies macht es spannend. Und zuletzt ist die Geschichte einer home invasion und verschwundener Beschützer an sich schon spannend.

Meist ist der Roman aus Nausicaas Perspektive erzählt, aber – ein Schönheitsfehler – nicht immer. Nausicaa erklärt auch nicht, wo ihr Wissen um die Geschehnisse in der Ratsversammlung herkommt, also dass sie das etwa später erst erfahren hat. Ansonsten ist sie ein zuverlässige Erzählerin, auch wenn sie nicht davor zurückschreckt, ihre Umwelt zu manipulieren. So gibt sie ihrem Bruder Rat, lapidar vorausschickend: „Athene warnt mich ja oft, und gestern kam sie verkleidet als Schäferstochter zu mir“ (S. 48), ohne dass irgendetwas in der Art geschehen ist. Bei Goodreads habe ich nach der Lektüre die Leserkommentare überflogen, einer nennt sie eine „irritatingly snobbish know-it-all“. Das ist sehr negativ betrachtet. Sie ist klug, und als Bronzezeitprinzessin muss sie standesbewusst sein, und das hat mich überhaupt nicht irritiert. – Andere bezeichneten den Stil als schwer zugänglich, da an antiker Epik orientiert. Die Themen sind Götter und Helden und Alltag, ja, aber die Sprache fand ich im Gegenteil modern und kein bisschen antiquierend.

Die Ideen für Nausicaas, also unsere, Odyssee kommen nicht von ihr, sondern sie verarbeitet die Geschehnisse um die Belagerung durch ihre Freier. Eingebaut werden Märchen der Geschichtenerzählerin beim Weben, der fremde Schiffbrüchige am Strand. Ihr Onkel Mentor erzählt ihr auf ihren Wunsch noch einmal die Märchen ihrer Kindheit um den Abenteuer Ulysses (S. 113ff) – mit zaubermächtiger Circe, mit Calypso, mit anderen übernatürlichen Elementen. (Graves bezieht sich da auf eine Tradition, nach der „Odysseus“ und „Ulysses“ ursprünglich zwei verschiedene Gestalten waren. Die beiden Namensvarianten gibt es schon in der griechischen Antike; es ist unklar, welche Form älter ist.) Nausicaa erinnert sich wehmütig daran, wie sie sich in ihrer Kindheit naiv die Orte der Ulysses-Erzählung als Orte in ihrer Heimat Sizilien vorstellte. Wir Leser und Leserinnen wissen: Es wird umgekehrt sein, sie wird Sizilien in die große Welt versetzen. (Und vielleicht, so Graves, war das ja auch wirklich so.)

Überhaupt ist es lustig, wie das Buch die Ebenen durcheinander bringt: Die Erzählung in Homer’s Daugher behauptet, das Original zu sein mit der Odyssee als Nachdichtung davon, während wir Leser und Leserinnen das üblicherweise andersherum sehen. Allerdings stellt Graves mit dem Roman tatsächliche Thesen zur Entstehung der Odyssee zur Diskussion. In Griechische Mythologie hält Graves die Ansicht Samuels Butlers (der sich wiederum an Apollodoros anschließt) für wahrscheinlich, es gehe in der Odyssee um eine Reise um Sizilien und sie sei von einer sizilianischen Edelfrau verfasst. Dann wäre ja doch der Roman die wahrere Geschichte.

Am Ende rettet Nausicaa einem der Söhne Homers das Leben, und der verpflichtet sich dafür, Nausicaas Epos unter dem Namen Homers unter die Leute zu bringen. Nausicaa zählt zum Abschluss noch ein paar Fehler auf, die ihr untergekommen sind und erklärt damit einige der Ungereimtheiten bei Homers Epos beziehungsweise begründet sie mit poetischen Entscheidungen. (Siehe zu diesem Prinzip meinen monumentalen zweiteiligen Blogeintrag „Zwischen den Zeilen Schreiben“.) Auf Wunsch und nach Beratung des Homer-Sohns fügt sie auch ein paar mehr Männer ein.

Möglicherweise ist der Roman nie auf Deutsch erschienen, ich habe jedenfalls keinerlei Hinweis auf eine Übersetzung gefunden. (In verschiedene romanische Sprachen, das ja.) Nachtrag: Doch, heißt Nausikaa und ihre Freier.

— Nicht mehr organisch untergebracht: Kannte Graves Eugen Herrigels Zen in der Kunst des Bogenschießens (1948)? Auf S. 167 lässt er jedenfalls einen Meisterschützen erklären, dass normale Schützen mit dem Verstand arbeiten, die Stärke von Bogen und Wind und Bewegung einberechnen, während der Adept nach Gefühl (durch die Inspiration Apollos) sein Ziel trifft, ohne zu denken.

Insgesamt: Ein sehr schönes Buch.

Sue Townsend, Adrian Mole: The Prostrate Years (2009)

Ach, ach. Adrian Mole war mir schon in meiner späten Jugend ein Begriff, weil ich regelmäßig von A-Z die Penguin-Kataloge las, die ich gelegentlich in Buchhandlungen bekam, und die für Buchhändler gedacht waren, nicht für Endkunden.

Aber gelesen habe ich The Secret Diary of Adrian Mole, Aged 13 3/4 und The Growing Pains of Adrian Mole dann erst zu Anfang des Studiums. (Der Kurs Übersetzung 1 begann mit den ersten Seiten des ersten Buchs.) Die Bücher waren toll. Später las ich dann die mittleren zwei Bände der Reihe, an die ich wenig Erinnerung habe und die mich nicht sehr beeindruckten, und erst vor einem Jahr las ich auf Empfehlung meines Freundes Bernhard die nächsten Bände, die sehr gut waren.

Und heute las ich den letzten Band. Ach, ach. Townsend starb 2014, es gibt keinen weiteren Mole mehr. The Prostrate Years ist ein würdiger und frustrierender letzter Band. Wie so oft geht es Adrian am Anfang noch ganz gut und im Verlauf des Buches immer schlechter. Diesmal zieht es ihn besonders herunter – seine Frau verlässt ihn, sein Bruder ist pleite, Krebs, kein Job, und das bisschen Geld so falsch investiert, wie man es nur aus dem Rückblick erzählen kann, die Familie hat Probleme, und auch der Lichtblick am Ende ist nicht gar so hell wie in den letzten Bänden. Er weint viel in diesem Buch.

Natürlich ist das ein lustiges Buch. Aber wenn man als 23-3/4-Jähriger über die Eskapaden eines zehn Jahre Jüngeren lacht, fällt das leichter, als mit 51 über die Sorgen eines Mannes im mittleren Alter zu schmunzeln. Adrian ist Hypochonder und Pedant, sozial ungeschickt, naiv, ein Möchtegernschriftsteller, der seine Grenzen nicht kennt, eine treue Seele, macht sich Sorgen um alles und jedes und gibt sein letztes Hemd für Freunde, Fremde und Familie. Die perfekte Identifikationsfigur. Man wünscht sich so, es möge alles gut gehen, aber Adrian bleibt weitgehend glücklos.

Aber einen Lichtblick gibt es: Pandora, seine große Jugendliebe, unerreichbar schön und selbstständig, tritt wieder in sein Leben. Und es wird heftig symbolisch: Adrian findet den Schlüssel zu einem Koffer wieder, den er von Bert Baxter in einem früheren Band erhalten haben muss. Inzwischen steht der Koffer bei Pandora, auch sie findet diesen zufällig auf dem Speicher, hat aber keinen Schlüssel dazu. „Then we must get together soon and you can put your key in my box,“ sagt Pandora zu Adrian, als sie davon erzählt — eine deutliche sexuelle Anspielung. Am Ende des Buches tritt der noch immer kranke Adrian auf die Straße, Pandora entgegen, die ihm entgegenfährt. Ende.

Und der nächste, nicht vollendete, vielleicht kaum richtig begonnene Band, an dem Townsend zur Zeit ihres Todes 2014 arbeitete, trug den Arbeitstitel Pandora’s Box. Aaaaargh! Was ist in dem Koffer? Wann haben Adrian und Pandora ihn gekriegt? Werden die beiden je ein richtiges Paar? Das ist die Karotte, die Townsend jahrelang vor den Lesern baumeln ließ, und es wäre doch so schön.

Laurie R. King, The Moor

Vielleicht ist das ja ein ganz gutes Buch, es ist ja immerhin ein Bestseller. Aber für mich war es wohl nichts. Gelesen habe ich es, weil ich mich gerade mit Arthur Conan Doyles The Hound of the Baskervilles beschäftige, und damit hat dieses Buch etwas zu tun.

The Moor (1998) ist der 4. Band der sehr erfolgreichen Krimi-Reihe um Mary Russell. Das Erscheinen des ersten Bands vor über zwanzig Jahren hatte ich mitgekriegt (inzwischen gibt es wohl 18 Bände), darin trifft die fünfzehnjährige Mary Russell auf den knapp vierzig Jahre älteren Sherlock Holmes und lässt sich von ihm zur Detektivin ausbilden. In den erzählten Geschichten, habe ich gelesen, geht es eher um Mary als um Holmes.

Mit diesen Erwartungen wurde ich von The Moor enttäuscht. Inzwischen sind Holmes und Russell (sie behält ihren Mädchennamen) verheiratet, auch wenn sie viel Zeit getrennt von einander verbringen. Der betagte Reverend Sabine Baring-Gould, ein versierter Heimatkundler und viel veröffentlichter Universalamateur, kennt Holmes von früher und bittet ihn, einen Todesfall und Gerüchte um sein geliebtes Dartmoor aufzuklären. So richtig klar wird mir der Anlass nicht, aber Holmes ist nun einmal da und schickt nach Russell. Die kommt auch, mit den verlangten Karten und einem Kompass, und leistet Holmes eheliche und andere Gesellschaft. — Erst ab der zweiten Hälfte gewinnt die Handlung an Fahrt. Da trennen sich Holmes und Russell auch mal für eine kleine Weile. Russell kommt dem Geheimnis auf die Spur, letztlich indem sie eine Stelle in einem Buch von Baring-Gould sie auf eine Idee bringt. Viel mehr detektivische Arbeit ist nicht nötig, auch wenn Russell viel Zeit im durchaus atmosphärisch geschilderten Moor verbringt. (Holmes kommt währenddessen zu den gleichen Erkenntnissen wie Russell. Das einzige, was Russell wirklich beisteuert, ist die Erkenntnis, dass die Vorbesitzerin von Baskerville Hall mit einem unerwarteten Verdächtigen verlobt ist. Aber was der sich überhaupt dabei gedacht hat, erfahren wir nie, es kann auch kein sinnvoller Bestandteil eines Plans gewesen sein.)

Ich hatte mir mehr erhofft. Russell ist eher noch weniger selbstständig als Watson. Verrirt erschrickt sie im dichten Nebel im Hochmoor („the sharp terror of a looming figure, which would turn out to be a standing stone“, S. 77), statt sich darüber zu freuen, einer Menschenseele zu begegnen. Die Atmosphäre von Dartmoor macht ihr zu schaffen (S. 76). Auch Holmes ist weit davon entfernt, der Übermensch zu sein, von dem Watson erzählt: Nur ein einziges Mal macht er einen angeberischen Schluss (S. 118). Das ist vielleicht realistischer, aber wenn ich Realismus möchte, lese ich doch keinen Holmes.

Auch sprachlich überzeugt mich das Buch nicht. Ich bin da pingelig. Baring-Gould erklärt den Namen seiner Familie: „My name combines two families: the Crusader John Gold, or Gould, […] and that of the Baring family.“ Diese Konstruktion geht im Schriftlichen, aber nicht mündlich. — Das Buch spielt 1923, die Sprache klingt aber modern. Russell hängt in der Vorratskammer an den Fingerspitzen am Regal „like a rock climber“ (S. 136); sie sagt: „I need to ask“ statt „I must“ oder „have to“ (S. 245) — für meine Ohren klingt das modern, und Google Ngrams stimmt mir da zu. Aber gut, vielleicht ist Russell ihrer Zeit voraus. Ohnehin ist das Manuskript ja unbestimmt jünger als 1923, denn wie bei den Flashman-Romanen fungiert King nur als Herausgeberin angeblich gefundener Manuskripte. Aber während mir bei Flashman und Watson klar ist, für welches Publikum und aus welchem Anlass sie schreiben, sehe ich das bei den Russell-Erzählungen nicht. Russell schreibt ihr Manuskript nicht aus einer erkennbaren historischen Distanz, also nicht auktorial-rückblickend-allwissend.

Ich fühle mich nörgelig. Aber ich hatte mir halt mehr erhofft. Wer weiß, vielleicht mildert die Zeit wieder mal mein Urteil.

Bücher 2018

Meine gelesenen Bücher 2018. Zu sehr wenigen davon habe ich etwas gebloggt, zu anderen einen Podcast gemacht. Die Bücher mit ° habe ich wiedergelesen. Ingesamt deutlich sind es weniger als in den Vorjahren, und es sind auch viele recht kurze Sachen dabei. Dafür habe ich etliche andere Bücher ungeduldig nach fünfzig oder hundert Seiten weggelegt. Am meisten in der Erinnerung: J. G. Farrell, Troubles und Salomon Herrmann Mosenthal, Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben, über das ich noch einmal schreiben möchte.

7 Bücher von Frauen, 32 von Männern, Rest so nicht zuordenbar. 12 Bücher wiedergelesen. 9 Nonfiction.

  1. Mary Beard, SPQR
  2. Salomon Herrmann Mosenthal, Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben
  3. Sue Townsend, Adrian Mole: The Cappuccino Years
  4. Sue Townsend, The Lost Diaries of Adrian Mole 1999-2001
  5. E.M. Forster, Apects of the Novel
  6. Private Detective Stories Vol. 19 No. 2 (1946)
  7. E. F. Benson, Miss Mapp
  8. John Jakes, Die Götzen erwachen° (Podcast)
  9. Tales of Magic and Mystery Vol. 1 No. 3 (1928)
  10. Karl May, In den Schluchten des Balkan°
  11. Kenneth Robeson, The Thousand-Headed Man° (Podcast)
  12. Karl May, Durch das Land der Skipetaren°
  13. Ray Bradbury, Fahrenheit 451°
  14. Eugen Roth, Sämtliche Menschen°
  15. Slightly Foxed No. 27
  16. James Joyce, A Portrait of the Artist as a Young Man°
  17. Volker Weidermann, Ostende
  18. Michael Chabon, The Yiddish Policemen‘s Union°
  19. Slightly Foxed No. 58
  20. Hugh Walker, Das Heer der Finsternis° (Podcast)
  21. Pu Sung-ling, Umgang mit Chrysanthemen
  22. Heinrich Böll, Irisches Tagebuch
  23. Julian Baggini, 100 Philosophische Gedankenspiele
  24. Roddy Doyle, A Greyhound of a Girl
  25. George Orwell, The Road to Wigan Pier
  26. Spicy Mystery Stories August 1935
  27. Lin Carter, Kämpfer wider den Tod (Terra Fantasy 15)° (Podcast)
  28. J. G. Farrell, Troubles
  29. Slightly Foxed No. 59
  30. Denis Diderot, Die Unterhaltung eines Philosophen mit der Marschallin de Broglie wider und für die Religion
  31. Daphne du Maurier, Don‘t Look Now
  32. Wolf Haas, Junger Mann
  33. Michael Ondaatje, Warlight
  34. Jane Austen, Lady Susan
  35. Andre Norton, Angriff der Schatten° (Podcast)
  36. Robert E. Howard, Rächer der Verdammten° (Podcast)
  37. Slightly Foxed No. 560
  38. Ian McEwan, Nutshell
  39. Michael Moorcock, Feind des Dunklen Imperiums
  40. John Jakes, Am Abgrund der Welt
  41. Spike Milligan, The Hound of the Baskervilles According to Spike Milligan
  42. Elizabeth Strout, My Name Is Lucy Barton
  43. Birte Alber/Carsten Cording, Eichhörnchen entdecken!
  44. Shaun Tan, The Arrival

(Bücher 2017.)
(Bücher 2016.)
(Bücher 2015.)
(Bücher 2014.)
(Bücher 2013.)
(Bücher 2012.)
(Bücher 2011.)
(Bücher 2010.)
(Bücher 2009.)

Letzte Schulwoche, Weihnachten 2018

In der letzten Schulwoche fiel ein Referat in der Q11 aus. Ich mache gerade eine kleine Runde amerikanische Geschichte des 20. Jahrhunderts, auch anhand von Liedern – Strange Fruit; Buddy, can you spare a dime; Ten cents a dance – und da füllte ich vor Weihnachten die fehlenden dreißig Minuten mit einem thematisch passenden Film. Erst hielt ich die DVD zu O Brother, Where Art Thou? hoch und erklärte den leuchtenden Kinderaugen, dass wir das heute nicht ansehen würden. Sondern dafür einen anderen Film, schwarzweiß, von 1941, sie sollten sich also darauf einstellen.

Der andere Film war Sullivan’s Travels, über den ich hier vor zehn Jahren kurz etwas geschrieben habe, und von dem die Coen-Brüder den Titel ihres Films entliehen haben. Regie und Drehbuch: Preston Sturges, IMDB nennt als assistant writer (uncredited) auch Ernst Laemmle, einen Neffen von Universal-Gründer Carl Laemmle. Gestern war ich in der
Sonderausstellung „‚Ehem. jüdischer Besitz‘ – Erwerbungen des Münchner Stadtmuseums im Nationalsozialismus“ und stieß dort auf die Münchner Lämmle-Familie, die nach und nach entrechtet und enteignet wurde und von denen Carl Laemmle vielen zur Emigration in die USA verhalf (wie vielen anderen auch). Es ist halt nicht so lange her und nicht so ferne Vergangenheit.

Sullivan’s Travels ist ein Meisterstück. Die Komödie beginnt mit aufgeregter Musik und einer ausführlichen Faustkampfszene auf einem fahrenden Zug, an deren Ende die beiden Kämpfer in tödlicher Umklammerung in einen Fluss stürzen, worauf „The End“ eingeblendet wird. Schnitt auf eine kleine Zuschauergruppe im Vorführraum, ein Mensch interpretiert begeistert: „Das Kapital und die Arbeit zerstören einander!“, und genau so einen Film möchte er – der erfolgreiche Komödienregisseur John L. Sullivan – in Zukunft auch machen, einen Film mit Moralischer und Gesellschaftlicher Bedeutung. Und dieser Film soll eben O Brother, Where Art Thou heißen: Ein ernsthafter Film über die Armen und Unterdrückten.

Weil Sullivan aber keine Erfahrung im Armsein hat, zieht er als Landstreicher los, verfolgt von einem Tross Pressesprecher und Journalisten. Die schüttelt er bald ab und erlebt danach in Tonfall und Ernsthaftigkeit sehr unterschiedliche Abenteuer.

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Ich hatte ja befürchtet, dass der Film für den heutigen Geschmack zu langsam sein würde. Pustekuchen. Es gibt theaterhafte Szenen voller schneller Dialoge, rasante Slapstickeinlagen, langsames Kennenlernen von Held und Heldin, lange, stille Szenen – man muss schauen, dass man mitkommt, weil das von den gewohnten Erzählmustern im Film abweicht.

– Mit der 7. Klassen spielten wir am letzten Schultag vor den Ferien (an dem kein Unterricht mehr stattfindet, sondern nur Gottesdienst und Kuscheln und Früheraus) das „Alle, die wo“-Spiel. Man sitzt im Kreis, einer steht in der Mitte. Der oder die sagt dann „Alle, die wo…“ zum Beispiel: „…eine Brille tragen“, und alle die müssen aufspringen und sich einen neuen Sitzplatz suchen. Zwischendrin sucht sich auch der in der Mitte einen frei gewordenen Platz, so dass am Ende wieder jemand anderes in der Mitte steht.

Der Reiz am Spiel sind natürlich die Fragen. „Alle die wo schon einmal besoffen waren“, „Alle die schon mal einen perversen Film gesehen haben“.
(Beim Wichteln wird unter den Mädchen übrigens Kosmetik verschenkt. Das wusste ich so noch nicht.)

– Weihnachten gab es dann viele Familienbesuche, dazwischen machte ich eine Entenpastete nach diesem Rezept. Das ist nicht gar so aufwendig, wie es klingt, und schon wohl eher ein Einsteigermodell ins Pastetenmachen, aber auch diese Pastete gelang mir erst jetzt einigermaßen brauchbar. Ich hatte es vor anderthalb Jahren schon einmal versucht. Der Trick: Man braucht eine auseinandernehmbare Pastetenform und eine Anleitung, wie man den Teig ordentlich in die Form kriegt. (Ordentlich abmessen, Ecken nicht abschneiden, leicht bemehlen, zusammenlegen und in die Form legen – und dort wieder auseinanderbauen.)


(Bilder großteils von Frau Rau.)

– Und eben habe ich drei kurze Bücher gelesen, nämlich:

  • Shauna Tan, The Arrival: Eine Graphic Novel ganz ohne Text, nur mit Zeichnungen erzählt, um Immigration und Fremdheit und Vertrautheit. Ein Mann aus einer uns vertraut erscheinenden westlichen Kultur emigriert arbeitssuchend in eine vage an ein fantastisches New York um 1900 erinnernde Stadt, die für ihn wie für den Leser fremd und exotisch und erst einmal unerklärt ist. Maschinen und Tiere sehen märchenhaft und zutiefst unvertraut aus. EMpfehlung meiner Nichte, die das als Schullektüre in der 7. Klasse gelesen hat. Respekt.
  • Birte Alber/Carsten Cording, Eichhörnchen entdecken! Alles über Eichhörnchen am Balkon, und ich bin ja Eichhörnchenbeobachter.
  • Miriam und Ezra Elia, Wir gehen in eine Ausstellung. Ein Mistkäfer-Buch, von denen es inzwischen wohl schon vier gibt, angelehnt an die Ladybird-Serie von Penguin Books, vergleichbar den Conny-Büchern bei uns. Nur eben mehr für Erwachsene. Mutti, John und Susan gehen in eine Ausstellung; neben den Illustrationen im 1970er-Jahre-Stil steht in freundlich runden serifenlosen Buchstaben der Text:

    „In dem Raum ist nichts, weil Gott tot ist“, sagt Mutti.
    „Oje“, sagt John.

    „Ich konnte keine Künstlerin werden, weil ich euch bekommen habe“, sagt Mutti.

Ach ja, noch als Nachtrag: Bei Amazon.de sind über 20.000 nahezu identische Titel lieferbar, wenn man nach „All-Inclusive Self-Assessment“ sucht. Blah-Text für 69 Euro, der sich nur in dem einen Computerschlagwort des Titels unterscheidet. Darauf gekommen bin ich auf der Suche nach dem Buch IBM and the Holocaust, die dann eben auch zu folgendem automatisch generierten Band führt: IBM and the Holocaust All-Inclusive Self-Assessment – More than 720 Success Criteria, Instant Visual Insights, Comprehensive Spreadsheet Dashboard, Auto-Prioritized for Quick Results. Ich nehme mal an, diese angeblichen CD-ROMs gibt es nicht einmal zu kaufen, sondern sie dienen nur als Spam von irgendeiner Art? Spammen sich die Systeme gegenseitig zu, um Eindruck zu machen?