Die geheimnisvollste Insel

Literarische Inseln gibt es viele:

  1. Der Gesellschaftsentwurf oder ‑spiegel: Utopia, Atlantis, Liliput.
  2. Die Pirateninsel: Die Schatzinsel, Monkey Island, Der Graf von Monte Cristo
  3. Die Toteninsel: Reprobates/Next Life (Computerspiel 2007), Wings of Fame (Film 1990) – nach dem Tod findet man sich auf einer Insel wieder, zusammen mit anderen Gestorbenen; vielleicht gehört sogar die griechische Unterwelt mit ihren fünf Flüssen und den verschiedenen Bereichen hierher
  4. Die Robinsonade: Robinson Crusoe, Castaway, die Schwundstufe der Don-Martin-Inselcartoons in Mad Magazine
  5. Die geheimnisvolle Insel: Fremde kommen auf eine Insel, oft schiffbrüchig, und finden heraus, dass die Insel Geheimnisse birgt: Die geheimnisvolle Insel (Verne), Die Insel des Dr. Moreau (Wells), Graf Zaroffs Insel aus The Most Dangerous Game und dessen Kurzgeschichtenvorlage, Lost, Shakespeares The Tempest – hier ausnahmsweise einmal aus der Perspektive des Drahtziehers hinter den Inselgeheimnissen.

Die geheimnisvollste Insel ist für mich Fantasy Island. Fantasy Island war eine amerikanische Fernsehserie, die von 1977 bis 1984 ausgestrahlt wurde und sehr erfolgreich war. Seit meiner Jugend ist mir die Serie ein Begriff – von der deutschen Erstausstrahlung ab 1989 habe ich allerdings nichts mitgekriegt. Vielmehr muss ich die Serie bei Besuchen in den USA kennengelernt haben, oder aus dem MAD-Magazin. Ich glaube nicht, dass ich bis vor kurzem je eine ganze oder auch nur halbe Episode gesehen hatte – zu wenig hätten sie mich interessiert, zu wenig sah meine deutsch-amerikanische Verwandtschaft fern. Aber das Konzept war mir sofort sonnenklar, glaube ich, und die Bilder der Serie sind derart ikonisch, dass man sie vielleicht nur einige Male zu sehen braucht, bevor sie sich einprägen:

Ein distinguierter Ricardo Montalbán (schwamm früher mit Esther Williams und sang mit ihr “Baby , it’s cold outside”, war danach und davor der Khan im Zorn des Khan) als Mr. Roarke mit einem kleinwüchsigen Franzosen, Tattoo genannt (Hervé Villechaize), beide in weißen Leinenanzügen in tropischer Umgebung vor Korbgeflechtstuhl.

Der Plot jeder Episoden: Ricardo Montalbán ist Herr über die Urlaubsinsel Fantasy Island, die Gäste besuchen, um dort ihre Fantasien auszuleben. Einmal reich sein? Auf einer Seance den Geist des toten Bruders beschwören? Vielleicht sogar einmal Superman sein? Mr. Roarke macht es zwei Gästen pro Folge möglich. Jede davon beginnt damit, dass Tattoo das Flugzeug entdeckt (“Ze plane! Ze plane!”), von Mr. Roarke ein wenig verspottet wird, bevor der in die Hände klatscht und die willkommnenden Südseemädchen mit “Smiles, everyone, smiles!” auffordert, die Gäste zu empfangen. Davor kommt eine Titelmelodie, die mich an “Bali Hai” aus South Pacific erinnert, eine ähnlich mystifizierte Insel.

Typische Folge

Eine typische Folge: (1) Eine kleine Angestellte möchte einmal Firmenchefin sein. Roarke macht sie zur Chefin einer ihm bekannten Firma, weil deren Chef verschollen ist und ihm eine Vollmacht hinterlassen hat. Sie deckt einen Betrug auf, und am Ende taucht der ursprüngliche Chef wieder auf – es war ein Trick. (2) Ein Mann sucht nach Informationen über seinen Vater, vermutlich tot, als Dieb verrufen, aber der Sohn glaubt nicht daran. In einer Gefangenenkolonie wie aus den 1930er Jahren findet er jemanden, der das Schicksal seines Vaters kennt. Am Ende Flucht, Hunde, Treibsand, Erkenntnis.

Fantasy Island wird im Mad Magazine 203 (Dezember 1978) so parodiert: (1) Die schöne Farrah Fawcett Majors will einmal Aschenputtel sein und arbeitet verkleidet als Kellnerin, Dick van Dyke verliebt sich in sie und sie werden ein Paar. (2) Shaun Cassidy möchte Revolverheld werden und spielt Der Mann, der Liberty Valence erschoss nach. Das klingt wie eine echte Episode, aber die hat es so nie gegeben. Aber tatsächlich gibt es meist bekannte Schauspieler als Gaststars, wenn auch eher die der 1960er oder 1950er Jahre – Milton Berle, Bill Bixby, Linda Blair, Sonny Bono, Horst Buchholz, Joseph Cotten, Hans Conreid. Namen, die mir alle etwas sagen.

For whatever we lose (like a you or a me)
it’s always ourselves we find in the sea

(e.e.cummings)

Dieses Konzept der Gaststars ist etwas, das ich sonst nur von Columbo kenne. Könnte es das auch fürs deutsche Fernsehen geben? Gibt es das heute noch? (Eben läuft zufällig eine Folge Grey’s Anatomy mit Tyne Daly in einer Gastrolle – das Gesicht kennt man aus Cagney & Lacey, hier singt sie in Bernsteins On the Town.) Das wäre so, als hätte der Blaue Bock eine Spielfilmhandlung gehabt und alle Gäste spielten Rollen. Geht organisatorisch wohl gar nicht mehr.

Der letze Nachfolger dieser Art Serie war vielleicht Quantum Leap/Zurück in die Vergangenheit (1989–1993, Scott Bakula und Dean Stockwell): Individuelle Episoden statt großer Handlungsbögen, nie ganz geklärte phantastische Elemente, moralisch angemessenes Schicksal aller Beteiligten. Aber Quantum Leap war weniger schräg, weil ausgewiesener phantastisch; dafür mit wesentlich intelligenteren, kritischeren und inklusiveren Plots.

Mr. Roarke und seine Vorläufer

Mr. Roarke kann Wünsche erfüllen. Manche sind im Rahmen dessen, was einem exzentrischen Multimillionär möglich ist. (Die Gäste zahlen wohl auch für diese Dienstleistung, abhänging von ihren Verhältnissen.) Andere Wünsche erfordern Zeitreisen oder andere Unmöglichkeiten, auch kein Problem. Die Gäste akzeptieren das, ohne nachzufragen. Wiederkehrende Rollen gibt es wenige – aber dazu gehören eine Meerjungfrau, die in der Nähe der Insel lebt, und der Teufel höchstpersönlich. Mr. Roarke betont, dass er auf den Nachbarinseln keine Autorität habe; angedeutet wird, dass er unsterblich ist. Mit so etwas kriegt man mich.

Tatsächlich spielt er für die Geschichten keine Rolle; nicht mal die Insel spielt eine Rolle. Fantasy Island ist strukturell einfach eine Anthologie-Serie mit zwei völlig unabhängigen abenteuerlichen, übernatürlichen, romantischen, exotischen, gefährlichen Geschichte pro Episode. Vom Realismusanspruch der Plots her sind sie auf dem Niveau meiner geschätzten Hörspielserien der 1940er und frühen 1950er Jahre: Escape oder Suspense. Die Geschichten können überall auf der Welt spielen; notfalls versetzt Mr. Roarke Zeit und Raum. Roarke ist nur die Klammer, die die Episoden verbindet, so wie The Mysterious Traveler in der gleichnamigen Radioserie. Der hatte allerdings mit den von ihm erzählten Geschichten wirklich gar nichts zu tun. Noch ähnlicher ist er demnach dem Whistler in der wiederum gleichnamigen Radioserie. (Hier habe ich viel zu ihm geschrieben.)

Nur sehr gelegentlich interagiert die Erzählerfigur the Whistler mit der Welt seiner Erzählungen, aber es kommt schon mal vor, dass die Figuten abgelenkt werden von seinen Schritten in der Nacht oder der Melodie, die er pfeift. Oft spricht der Whistler zu seinen Figuren, quasi als Du-Erzähler: “Yes, Roy, you have it all figured out, haven’t you.” Allerdings hört Roy und hören die anderen Figuren ihn nicht. Anders ist das bei Mr. Roarke, mit ihm interagieren seine Gäste – aber nie so, dass das eine Wirkung hätte. Roarke gibt kryptische Hinweise und Ratschläge, aber die werden erst einmal nicht angenommen – für den Ablauf der Handlung spielt er keine Rolle. Er könnte genauso gut nicht gehört werden und für den personifizierten Zufall oder die Ironie des Schicksals stehen. (Manchmal macht er den deus ex machina, aber das könnten auch diese Instanzen übernehmen.)

Though we thought it was a modern, radical idea at the time, Fantasy Island now more clearly resembles the throwback to the Vaudeville Era that it really is.

https://www.dvdtalk.com/reviews/54623/fantasy-island-season-two/

Nein, nicht Vaudeville, sondern Radio und wohl auch Fernsehen der frühen 1950er Jahre. Obwohl es eine Episode gibt, in der ein alter Varieté-Künstler (Phil Silvers) noch einmal die Vaudeville-Nummer mit dem alten Partner (Phil Harris, großer Fan hier) vorführen will. Ich kenne die Episode nicht, aber sie klingt ein bisschen nach The Sunshine Boys mit George Burns und Walter Matthau (1975). Überhaupt hat sich Fantasy Island wohl immer wieder mal der Plots von älteren Kinofilmen bedient.

Eine Episode, Season 3 Episode 11: The Victim/The Mermaid (1979)

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The Mermaid

Ein Meeresbiologe will eine große Entdeckung machen. Seine Frau begleitet ihn; die Ehe steckt in einer Krise. Er entdeckt die Meerjungfrau Nyah – sehr übertrieben geschminkt, aber bei diesen Sachen kurz vor oder nach 1980 weiß ich nie, ob das komisch geschminkt sein soll oder nicht. “I must tell my colleagues of your existence.” “No, please, no other mortal must know of my existence.” Er verliebt sich in sie; sie will ihn zu sich ins Meer holen, wohl eher nicht mit guten Absichten. Nyah ist eine böse oder zumindest amoralische Meerjungfrau. Sie zieht ihn zu immer längeren Tauchausflügen ins Wasser – nach einem liegen sie beide ermattet am Strand. “That was an incredible experience. Unbelievable. I will never forget it.” Fehlt nur noch die Zigarette.

Währenddessen macht sich die Frau des Biologen Sorgen um die Beziehung. Mr. Roarke zu ihr: “Come now, Mrs deHaven, mermaids aren’t real. How could you have seen your husband with something that doesn’t exist?” Das hätte genauso gut der Whistler ungehört vor sich hin sprechen können. Die Aufgabe: Sie muss um ihn kämpfen und ihn zurückgewinnen, und das gelingt ihr auch. “I promise I will be more understanding.” – Laut imdb ein Remake von Mr. Peabody and the Mermaid (1948).

Interessant noch das kurze Geplänkel zwischen Roarke und Nyah, das Vorgeschichte und mythischen Status andeutet: “You summoned me?” / “We have battled before.” (Nyah wird in einer späteren Folge wiederkehren und selber eine Wunschvorstellung ausleben wollen.)

The Victim

Eine Frau möchte ein Date mit einem Mann, den sie vor vier Jahren kurz kennengelernt hat. Mr Roarke ermöglicht das, warnt sie aber vor ihm und insbesondere davor, die Insel zu verlassen. Es kommt zu einem romantischen Abendesse, komplett mit “Feelings” als Hintergrundmusik. Aber der Mann mischt ihr eine Droge ins Getränk und sie wacht in einem Harem auf der Nachbarinsel auf. Dort Yvonne de Carlo als Bordellchefin und viele weiße, hochglänzende, Champagner trinkende junge Frauen als Gefangene. “We perform… services, for the men he brings here,” die Frauen bezeichnen sich als “slave hookers”. Bisschen Auspeitschen, wenn man nicht pariert, nicht zu viel; aber selbst für einen 10-Uhr-Fernsehslot 1979 überraschend.

Den Frauen gelingt aus eigener Kraft die Flucht; sie werden von den Übeltätern verfolgt, aber Mr. Roarke steht ihnen bei. Allerdings heißt es: “Wait a minute, Roarke, you have no authority on this island.” Als wären das Urgewalten, jeder als Herrscher über seine eigene Insel. Woher hat Roarke die Entscheidungsgewalt auf seiner Insel? Tatsächlich hat Roarke die Polizei der Nachbarinsel mitgebracht, die sich um alles kümmert. Danach noch homerisches Gelächter der befreiten Sexsklavinnen bei der Aussicht auf Erholung auf Fantasy Island.

Certain aspects of the formula haven’t aged as well.

https://www.dvdtalk.com/reviews/54623/fantasy-island-season-two/

Fortsetzungen

1998er gab es ein Remake mit Malcolm McDowell, nur eine Staffel.

2015 wurden Pläne für ein Remake angekündigt, aus dem aber wohl nichts wurde: Mit einer Frau statt Mr Roarke (okay), aber ohne Insel, sondern in der Großstadt. Strukturell ändert sich nichts, aber der Charme wäre weg: Damit wären wir endgültig bei der Godgames- Firma gewesen aus Chestertons Club of Queer Trades (Blogeintrag) gewesen. Dort wird eine Firma vorgestellt, bei der man Abenteuer bestellen kann.

Ende Februar 2020 soll eine Kinofassung kommen: “A horror adaptation of the popular ’70s TV show about a magical island resort.” Bin schon sehr gespannt, kann aber nur schlecht werden. Es bräuchte Gastauftritte aus der vorherigen Generation und coole Erzählerfiguren. (Michael Peña als Mr. Roarke, der Rest sagt mir nichts.)

Pi-hole in den Ferien, und weiteres

Angeregt durch diesen Blogeintrag und weil ich ohnehin einen gerade ungenutzten Raspberry Pi herumliegen habe, habe ich jetzt endlich auch einmal Pi-hole ausprobiert. Das ist eine Möglichkeit, störende Werbung auszublenden.

(Monitor und Maus/Tastatur sind nur beim Installieren dran, danach brauche ich die ja nicht mehr.)

Also: Wenn ich im Browser einen Adblocker habe, filtert der mir Werbung heraus, mehr oder weniger. Im Handy geht das allerdings schwieriger, und gegen die Werbeanzeigen innerhalb von Apps (wenn man Apps verwendet, die Werbung anzeigen) kann man so gar nichts machen.

Pi-hole geht die Sache anders an. Dazu muss man wissen, was der DNS (Doman Name Service) ist. Das ist ein Dienst, der dafür sorgt, dass ich in die Adresszeile “https://facebook.com” eingeben kann und dann tatsächlich auch bei der Adresse “157.240.8.35” lande, was die tatsächliche Adresse von Facebook ist. Dazu ist bei meinem Router die Adresse eines DNS angegeben, natürlich in Form einer IP-Adresse, weil ich die sonst ja nicht finden würde. Wenn ich “facebook.com” abschicke, geht das erst an den DNS, der packt die richtige Nummer dazu, so dass die Anfrage auch wirklich an 157.240.8.35 geht.

(Welcher DNS in meinem Router eingestellt ist, hängt wohl von meinem Internetprovider ab und was mir der gesagt hat. Ich kann auch einstellen, dass ich automatisch den DNS verwende, denn der Provider vorschlägt. Dann sehe ich die tatsächliche DNS-Adresse vielleicht nicht.)

Das ist eine sehr wichtige Aufgabe. Wenn der DNS manipuliert ist oder betrügt, kann ich brav oben “facebook.com” oben eingeben und lande dann doch bei einer anderen Adresse – die möglicherweise genau so aussieht und meine Passwortdaten haben möchte.

Mein Raspberry Pi mit dem darauf laufenden Pi-hole-Programm ist erst einmal nur ein weiterer Rechner in meinem Heimnetz. Allerdings habe ich bei meinem Router die IP-Adresse dieses kleinen Pi als DNS angegeben. (Und bei der Installation von Pi-hole auf dem Raspberry Pi habe ich dort einen anderen DNS, sicheren, zuverlässigen angegeben.) Jede Anfrage aus meinem Heimnetz geht an den Router, und jede Routeranfrage läuft über den Pi, und der Pi blockiert mithilfe einer Liste alle Anfragen, die an eine Werbe-Adresse geschickt werden. Werbung kommt nämlich meist von einer dafür spezialisierten und bekannten Adresse.

Das funktioniert auch tatsächlich recht gut. Es war aber gar nicht so leicht, das zu überprüfen: Mein Adblocker filtert tatsächlich schon viel an Werbung heraus, so dass ich mit meinem Standardbrowser gar keinen Unterschied merke. Bei meinem Handy allerdings, der so etwas gar nicht hatte, fehlt jetzt tatsächlich weitgehend die Werbung. (Auch das habe ich nicht gleich festgestellt, weil ich es so gewohnt bin, sie auszublenden.)

Ich merke keinen Unterschied bei der Geschwindigkeit. Allerdings musst ich manuell die vgwort.de auf die Whitelist setzen: Die Seite stand auf der Standard-Sperrliste und war somit im Browser nicht mehr erreichbar. Ansonsten bin ich noch auf keine Seite gestoßen, die nicht ansprechbar gewesen wäre.

Technisch: Ich habe mir eine neue SD-Karte gekauft, mit NOOBS das Raspbian-Betriebssystem aufgespielt, und die Pi-hole-Software installiert und konfiguriert. Dann den Router umgestellt, dauert alles nicht lange. Das schlimmste, was passieren kann: Der Pi fällt aus, dann muss ich auf dem Router wieder eine herkömmliche IP-Adresse eintragen.

Fazit: Lobenswerte Idee, aber ich merke den Unterschied nicht so recht, weil ich auf dem Handy im Heimnetz nicht viel im Web bin und kaum Apps nutze mit Werbung drin.

Ansonsten: Beim Orthopäden gewesen, bei Physiotherapie gewesen. (Halswirbelsäule/Schulter, wie jedes Jahr um diese Zeit), Zahnarzttermin ausgemacht; Frühstücken gewesen, wandern gewesen; Blumen gegossen bei Nachbarn (und mit Frau Rau eine verirrte Amsel aus deren Wohnzimmer befreit), gekocht, gelesen, Filme aufgeschaut, programmiert. Podcast aufgenommen, Kleidung aussortiert (aber noch nicht weggebracht), neuen Yukata gekauft. Ferien halt.

Weisheiten aus der Bildungsszene

Teaching creative computer science: Simon Peyton Jones at TEDxExeter (Youtube):

  1. Die Aufgabe von Bildung hat nur indirekt mit Jobs zu tun. Aber gut, vielleicht ist Education auch nicht Bildung.
  2. Die Probleme der Menschheit sind seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten bekannt: Klimakatastrophe, Armut, Ungerechtigkeit.
  3. Richard Riley, amerikanischer Bildungsminister: Na und?
  4. Er hat es ja auch gar nicht so gesagt. Das Zitat wird meist in anderer, ähnlicher Form verbreitet, die aber wohl auch nicht korrekt ist. (Wer die Spuren verfolgen möchte, kann hier anfangen.)

Und dann war noch der Pädagoge auf Twitter, der mir das hier schickte, als wäre es originell:

Tatsächlich mag ich diesen Cartoon. Er erinnert mich daran, dass die Schule nicht fair ist, dass die Noten nicht fair sind, und das sollten Lehrer und Lehrerinnen nicht vergessen. Nur: Was soll man machen? Auf Noten verzichten oder Leistungsforschritt oder Anstrengungsbereitschaft benoten statt Leistung? Kann man machen, am Anfang. Aber irgendwann werden Leute wissen wollen: Na, wie gut kann sie denn jetzt Bäume erklettern? Irgendwann wird es Noten geben. – Oder soll man Klettern war nicht üben, weil das nicht alle gleich gut können?

Weitere Beiträge aus dieser Reihe:

Der Seam-Carving-Algorithmus

Via Twitter auf diese Anregung gestoßen, von dort zu dieser ausführlichen und sehr hilfreichen Princeton-Programmieraufgabe geleitet worden, und am Ende einfach Wikipedia dazu gelesen, wo man das schön interaktiv ausprobieren kann. Natürlich zum Lernen gleich nachprogrammiert und Blogpost daraus gemacht, damit es sich lohnt und ich es wirklich verstehe. Aber man kann statt dessen auch einfach Wikipedia lesen, da steht das auch alles.

Es geht um einen gar nicht mal so alten Algorithmus zur Bildbearbeitung. Nehmen wir mal dieses Bild, das wir bearbeiten wollen:

Da sieht man sechs Tiere, das Bild ist 700 Pixel breit, und wenn man nur 350 Pixel Platz hat für ein Bild, dann kann man es entweder verkleinern (alles wird klein), zuschneiden (aber dann fehlen Tierteile) oder zusammenquetschen (aber dann sieht alles so schmal aus). Eigentlich möchte man vielleicht, dass die Tiere einfach näher bei einander wären, mit weniger Grün dazwischen, davon gibt es eh genug.

Und das kann der Seam-Carving-Algorithmus. Aus jeder Zeile des Bildes soll erst einmal ein Pixel verschwinden, dann ist das Bild einen Pixel schmaler. Dabei wird zuerst für jeden Pixel bestimmt, wie wichtig er ist. (Zu den Details später.) Die Wichtigkeit der Pixel sieht man hier:

Wenn man in jeder Zeile den unwichtigsten Pixel entfernt, und das alles 350 mal wiederholt, kommt leider nicht ganz das heraus, was man möchte:

Man sieht, dass die Bildpixel, die zu den wichtigen Elementen gehören (den Tieren), noch alle vorhanden sind und demnach aus jeder Zeile viele – nämlich 350 – zumeist grüne, also tatsächlich eher unwichtige Pixel verschwunden sind. Aber das Bild ist verzerrt – aus der ersten Zeile sind vielleicht Pixel aus der linken Hälfte verschwunden, danach welche aus der rechten, dann immer wieder abwechselnd. Hier sind die unwichtigsten Pixel des ersten Durchgangs rosa markiert:

Man sieht, eher sprunghaft. (Dass sie im mittleren Bereich halbwegs zusammenhängen, ist Zufall und passt für mein Beispiel gar nicht so.)

Abhilfe schafft das seam carving. Seam heißt hier so viel wie Ader, und zwar die aus dem Bergbau. Man beginnt mit dem unwichtigsten Pixel in der ersten Zeile und bahnt sich von diesem aus einen Weg nach unten, wobei man immer nur die Wahl hat zwischen dem Pixel unmittelbar darunter oder dem links oder rechts davon. Das macht man so, dass man ganz unten den minimalen aller möglichen derartigen Wege hat. (Wie man das macht: später.) Dann kriegt man beim ersten Durchgang diese Ader ganz rechts im Bild:

Wenn man alles rechts der rosa Linie einen Pixel nach links verschiebt, fällt das sehr viel weniger auf, als wenn man das bei den versprengten rosa Punkten oben machen würde. Wiederholt man das 350 mal, kommt folgendes Bild heraus:

Die Proportionen der Tiere sind größtenteils erhalten, obwohl das Bild nur halb so breit ist. Nur die Kuh rechts unten ist schmaler, aber nicht am Kopf, so dass es wenig auffällt.

Ähnlich lässt sich diese Schafherde zusammentreiben:

Halb so breit:

Ich musste ein bisschen suchen, bis ich geeignete Bilder zum Demonstrieren fand. Sinnvoll ist das, wenn mindestens am rechten und am linken Bildrand Objekte sind, die sich vom Rest abheben, die also beim Ergebnis dabei sein sollen, und wenn dazwischen neben eventuellen anderen Objekten viel gleichartige Fläche ist – Himmel, Wasser, Wiese. Oft ist der Algorithmus weniger erfolgreich. Hier ein Original:

Und die wieder um 50% verschmälerte Fassung, was zugegeben schon auch recht viel ist. Die Proportionen sind weitgehend okay, aber es fehlen schlicht Stellen:

Natürlich gibt es noch Möglichkeiten, den Algorithmus schneller oder besser zu machen, aber mir reicht das erst einmal.

Technische Details

Drei Probleme habe ich oben allenfalls angedeutet: 1. Wie findet man heraus, welcher Pixel wichtig ist und welcher nicht? 2. Wie findet man so einen seam, einen relativ unwichtigen vertikalen Pfad? Und: 3. Wie entferne ich diesen Pfad aus dem Bild? Das erste Problem ist das interessante, und die anderen beiden sind programmiertechnisch fisseliger, als ich erwartet hatte.

1. Energie/Wichtigkeit eines Pixels

Gespeichert habe ich die Energien in einem eindimensionalen int-Array der Länge Bildgröße*Bildbreite. Wahrscheinlich gibt es mehrere Möglichkeiten, die Energie eines Pixels (heißt in der Anleitung, die ich verwendet habe, so, energy) zu berechnen. Die oben verlinkte Anleitung macht das so:

  1. Berechne die Rot-Differenz zwischen dem linken und dem rechten Nachbarpixel des Pixels, dessen Energie bestimmt werden soll.
    In Java bestimmt man die rgb-Anteile eines Pixels (x,y) des BufferedImage image so:
    int r1 = new Color(image.getRGB(x,y)).getRed();
    int g1 = new Color(image.getRGB(x,y)).getGreen();
    int b1 = new Color(image.getRGB(x,y)).getBlue();
    Natürlich ist es umständlich, aus dem mit getRGB erhaltenen int-Wert erst wieder eine Farbe machen zu müssen, um sich daraus dann wieder mit getRed() den Rotwert geben zu lassen. Das geht mit Bitmanipulation schneller, aber das haben wir in der Schule noch nicht.
  2. Quadriere diesen Rot-Unterschied.
  3. Mache das gleiche für die Unterschiede bei den Grün- und Blau-Anteilen.
  4. Wiederhole das alles für die Unterschiede zwischen den Pixeln über und unter dem Pixel, dessen Energie bestimmt werden soll.
  5. Addiere diese sechs Quadrate. Das ist die Energie!
  6. Randpixel: Die linke Spalte hat die rechte als linken Nachbarn, die oberste Zeile hat die unterste als oberen Nachbarn, und jeweils umgekehrt. Alle Pixel haben also zwei horizontale und zwei vertikale Nachbarn.

2. Finden eines minimalen Pfades

Auch dafür gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, die aber natürlich alle zum selben Ergebnis führen. Ich habe das, der Anleitung folgend, so gemacht. Gespeichert wird der (vertikale) Pfad in einem eindimensionalen int-Array der Länge Bildhöhe.

Erster Teil, Anpassung der Energiewerte:

  1. Ändere nichts an den Energiewerten der Pixel in der ersten Zeile.
  2. Betrachte für jeden Pixel der Zeile darunter die zwei bis drei oberen Nachbarn (Randpixel haben hier nur zwei obere Nachbarn). Addiere den kleinsten der zwei oder drei Energiewerte zum eigenen Energiewert.
  3. Wiederhole das für alle Zeilen einschließlich der letzten.

Zweiter Teil, Speichern des Pfades:

  1. Suche in der untersten Zeile den niedrigsten Energiewert. Das ist das letzte Element des Pfades.
  2. Suche in den zwei bis drei oberen Nachbarn den mit dem niedrigsten Energiewert. Der ist dann das vorletzte Element des Pfades.
  3. Wiederhole das mit allen Zeilen, von unten nach oben immer das Element mit dem niedrigsten Energiewert auswählen und da weitermachen.

3. Entfernen eines Pfades

  1. Erzeuge ein neues leeres Bild, um 1 Pixel schmäler als das vorhergehende.
  2. Gehe das Originalbild zeilenweise durch.
  3. Kopiere jeweils alle Pixel links des Pfades vom alten in das neue Bild.
  4. Verschiebe alle Pixel rechts des Pfades im alten Bild um 1 nach links im neuen Bild.

Das wird vielleicht etwas klarer bei der Java-Implementierung.

Java-Umsetzung

Attribute und einfache Methoden der Klasse SeamCarver:

import java.awt.image.BufferedImage;
import java.awt.Color;
 
public class SeamCarver {
  BufferedImage image;
  int [] energy;
  int [] seam;
  int width;
  int height;
 
  public SeamCarver(BufferedImage img){ setImage(img);}               
  public SeamCarver(){}               
  public void setImage(BufferedImage img) { 
    image = img; 
    width=image.getWidth();
    height=image.getHeight();
  }
  public BufferedImage getImage() { return image; }
}

Höhe und Breite des Bildes brauche ich so oft, dass ich sie als Attribute speichere. Die Energie könnte ich auch in einem zweidimensionalen Array speichern, aber erstens habe ich das Projekt mit Processing angefangen, wo die Bildpixel als eindimensionales Array bearbeitet werden und ein entsprechendes Energy-Feld nahe liegt; außerdem weiß ich nicht, ob sich meine Schüler und Schülerinnen mit zweidimensionalen Arrays zu schwer tun, und drittens sind die Arrays in Java ja gar nicht wirklich zweidimensional.

Die von außen hauptsächlich aufzurufende Methode ist die hier:

public void carveVertical(int number) {
  for (int i=0; i<number; i++) {
    setEnergy();
    findVerticalSeam();
    removeVerticalSeam();
  }
}

Dann kann man sich mit getImage() das neue Bild geben lassen. Die kniffligen Methoden sind die hier:

void setEnergy(); //ruft fuer alle Pixel die beiden calculateEnergy-Methoden auf und fuellt das energy-Array
void findVerticalSeam(); //fuellt das seam-Array von hinten nach vorn mit den x-Positionen der entsprechenden Pixel
void removeVerticalSeam(); //ersetzt das alte Bild durch ein neues, schmaeleres
int calculateEnergyStart(int x, int y); //berechnet den Energiewert anhand der Differenzen der vier Nachbarpixel 
int calculateEnergyChanged(int x, int y); //aendert den Energiewert anhand der zwei oder drei oberen Nachbarpixel

Dazu kommen noch folgende Hilfsmethoden:

void paintVerticalSeam(); //malt einen rosa Strich, wo der seam ist 
BufferedImage getEnergyImage(); //erzeugt ein neues Bild mit Grauwerten, der Energie an dieser Position entsprechend
int energyToColor(int energyValue); //Hilfsmethode, um Energiewert in einen Grauton umzuwandeln
void printSeam(); //zum Debuggen und Testen
void printEnergy(); //zum Debuggen und Testen

Sehr lustig finde ich dabei, wie ich mich anstelle, wenn es gilt, Funktionen herausfinden. Das Hinundherrechnen mit dem eindimensionalen Energie-Array und der zweidimensionales Ansprache des Bildes ist ein wenig umständlich.

Was man noch machen könnte

Methoden, um horizontale Pfade geringster Energie zu finden und zu entfernen. Methoden, um vertikale oder horizontale Pfade einzufügen, um das Bild dezent zu vergrößern.

Kann ich das mal mit Schülern und Schülerinnen machen? Ich schwanke immer: Wenn ich zu viel vorgebe, wird die Arbeit zu kleinschrittig und man interessiert sich nicht mehr für den Zusammenhang; aber vorgeben muss ich viel. Vielleicht arbeitsteilig die Methoden machen lassen? Dazu ordentliche Testklassen mitgeben.

Käsekästchen, Autorennen, Panzerschlacht: Spiele auf kariertem Papier

Schiffe versenken habe ich in der Schule so gut wie nie gespielt. Zu groß war wohl der Aufwand mit den getrennten Zetteln für zwei Spieler, außerdem hatten wir das zu Hause groß aus Plastik von MB.

Was wir gespielt haben, war natürlich Käsekästchen. Das gibt es heute wohl auch noch: Auf Karopapier und in einem rechteckigen, durch Linien begrenzten Spielfeld; jeder Spieler macht der Reihe nach einen senkrechten oder waagrechten Strich von einer Kästchenlänge, und wenn man dadurch ein Kästchen auf allen vier Seiten umschließt, zählt das als Punkt für einen und man darf gleich noch einen Strich machen. (Das führt oft zu kaskadierenden Zügen.)

Gar nicht mehr gesehen habe ich in den letzten zwanzig Jahren Autorennen. Man zeichnet eine Fahrstrecke auf kariertes Papier; jeder Spieler fährt abwechselnd mit seinem Auto, darf dabei aber nicht aus der Bahn kommen. (Sonst… muss man einmal aussetzen?)

Man fährt pro Zug je nach aktueller Geschwindigkeit zwischen 1 und 5 Kästchen, immer geradeaus, und kann vor allem die Geschwindigkeit pro Zug immer nur um 1 erhöhen oder verringern. Wenn man sich da vertut, wird man schnell aus der Kurve getragen.

Ein anderes Spiel hieß Panzer, glaube ich, vielleicht auch Panzerschlacht? Ich weiß nicht mehr, wie man die Panzer gezeichnet oder platziert hat. Man schoss jedenfalls abwechselnd, indem man einen Bleistift senkrecht auf einem eigenen Panzer platzierte und mit einer Hand oben festhielt, und danach mit den Fingern der anderen (meist: rechten) Hand die Bleistiftspitze derart anschnipste, dass sie eine – nicht ganz leicht vorhersehbare – Spur hinter sich auf dem Papier zog. Erreichte so ein Strich einen gegnerischen Panzer, war der zerstört.

Nach dem gleichen Prinzip konnte man auch Autorennen spielen, aber die Variante oben war populärer. Man schnippste mit dem Bleistift von der jeweils letzten Fahrzeugposition weiter, durfte aber nicht die Fahrbahngrenzen verlassen.

Ansonsten gab es noch eine Phase, in der wir Labyrinthe zeichneten, elaborierte, auf Karopapier, DIN A 5, dann A4, teilweise auch A3 mit aneinander geklebten Blättern. Schade, dass ich die nicht mehr habe.

- Ich kann mir nicht vorstellen, dass Schüler oder Schüler an meiner Schule diese Spiele heimlich im Unterricht spielen. Zu sehr wird da aufgepasst. War das bei uns auch nur Zeitvertreib in den Vertretungsstunden? Sicher kann ich mich nur an heimliches Lesen, Zeichnen und Hausaufgabenmachen erinnern; später in der Oberstufe kam Stricken dazu, das aber ganz öffentlich und geduldet. In unseren modernen Zeiten nicht vorstellbar.

Nachrufe

Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C‑Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen.

Rutger Hauer ( † Juli 2019) als Roy Batty in Blade Runner

Ich habe diese Zeilen zum ersten Mal 1982 gehört; ob sie mir da sofort aufgefallen sind oder erst ein Jahr später, das weiß ich nicht mehr. SIe leuchteten mir sofort ein und führten dazu, dass ich als Teenager über Sterblichkeit nachdachte, vermutlich zum ersten Mal ernsthaft.

Batty trauert nicht um sich, sondern um all das, was mit ihm sterben wird: Seine Empfindungen, seine Erinnerungen, das Schöne und Aufregende und Überwältigende, das er gesehen hat. Jeder Mensch ist eine eigene Welt, die mit ihm stirbt.

Hinterfragt habe ich die Zeilen erst jetzt. Dieser fast solipsistische Ansatz gefiel mir als Teenager, und dass ich weniger wichtig bin als meine Erinnerungen, das passte zu meinem Selbstbild. Aber den Menschen um dich herum ist es völlig egal, ob du C‑Beams gesehen hast oder nicht, ob du vor der Schulter des Orion warst oder nicht oder dir das nur eingebildet hast.

Ach. Sophie, ich vermisse dich. Dreimal habe ich dich getroffen; du warst auf unserem Fest, hast das Geschenk besorgt; du warst klug und lieb, und wohl krank. Und jetzt bist du tot und wir hätten vielleicht mehr tun müssen.

Schuljahresende 2019 und Malteserfalken

“Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne” – ja, aber manchem Ende auch. Heute war Schuljahresende, das dienstlich und privat mehr gefeiert wird als Ferienanfang, glaube ich. In den ersten sechs oder sieben Jahren meines Lehrerseins brauchte ich immer ein paar Tage, um mich an die Ferien zu gewöhnen. Ich glaube, dieses Jahr habe ich einfach schon in der vorletzten Woche angefangen, mich in die Ferien zu verabschieden, also gedanklich und emotional.

Die letzten zehn Tage und mehr findet ja eh nur eine Art Schule spielen statt. Wandertag, die sogenannten Projekttage, Konferenzen mit effizienzorientierten (quasi automatisierten) Abstimmungen. Da wird nicht viel gedankliche Anwesenheit von mir gefordert. Zugegeben: Ich könnte mit gedanklicher Anwesenheit dafür sorgen, dass etwa die Projekttage besser wären. Aber schon zu meiner Schulzeit waren diese SMV-Tage anarchische Phasen ohne ordentliche Aufsicht und ohne nachvollziehbares Programm; diese Erfahrung will ich den Schülern und Schülerinnen nicht nehmen.

- Dieses Jahr wieder ausgezählt, wieviel Unterricht ich tatsächlich gehalten habe und wieviel Prozent durch schulinterne Aktionen ausgefallen ist (zwischen 5,7% und 21% je nach Klasse; Nachmittagsunterricht ist immer ein Problem, aber das hört im G9 ja auf). Bevor ich das der Schulleitung noch einmal explizit mitteile warte ich sicherheitshalber, bis mir die nächste Fortbildung genehmigt ist. Ich gehe nämlich auf drei Fortbildungen pro Jahr; die machen aber nur einen kleinen Teil der ausfallenden Stunden aus. Krank bin ich eh nie.

- Frustrierend die sich abzeichnende Zukunft von Bring Your Own Device der Schule. Was man von Sachaufwandsträger und Kultusministerium hört, sieht das so aus, als werden Schüler und Schülerinnen zumindest im nächsten Jahrzehnt nie mit eigenen Handys oder Tablets ins Internet dürfen. Keine Moodle-App, keine Süddeutsche-Zeitung-App. Nicht mal freiwillig. Ich glaube ja immer noch, dass das der Einfluss der Hardwarelobby ist. (Datenschutz, Sicherheitsbedenken.)

- Rein technisch bietet das bayrische Mebis-Moodle ja schon eine Art datenschutzsichere Schulcloud. Alle Schüler und Schülerinnen haben 1 GB Speicherplatz, es müsste doch auch zu machen sein, dass sie Daten kursweise freigeben können. So oder so ist das aber nicht einsetzbar, da die Interfaces dazu – die Webseite und die Moodle-App – zu umständlich dazu sind. das müsste doch einfach per Kommandozeile gehen, und dann halt mit ordentlicher grafischer Oberfläche dazu. Das KuMi schreibt auch regelmäßig Stellen zur technischen Weiterentwicklung aus, am End wissen die noch, was geboten ist.

- Da Frau Rau drei Wochen auf Reha war, habe ich an langen, einsamen Abenden einige der Filme nachgeholt, zu denen ich sonst nicht komme. Unter anderem die ersten zwei Verfilmungen von Dashiell Hammetts The Maltese Falcon:

The Maltese Falcon (1931). Gar nicht schlecht, gar nicht schlecht. Ich mag das Buch sehr gerne, und die Verfilmung von 1941 ist zu Recht ein Klassiker. (Sydney Greenstreet in seiner ersten Filmrolle!) Die Fassung von 1931 dagegen kennt kaum jemand, dabei ist um Längen besser als die von 1936 (Satan Met A Lady) – eine freiere Fassung mit Bette Davis und Screwball-Elementen: Mit dem Stetson-Hut und dem weiten Mantel sieht da das Spade-Äquivalent (“Shane”) den Großteil des Films über wie ein Schäfer aus. Es geht auch nicht um einen Falken, sondern ein Horn mit ähnlich historischer Vorgeschichte, und statt Casper Gutman gibt es eien sehr interessante Madame Barabbas (Alison Skipworth, viermalige Filmpartnerin von W.C. Fields). Alle drei Filme zeigen mehrfach Zeitungsseiten zur Informationsvermittlung, aber nur 1936 hat – in ähnlichem Stil – eine Art Poster außerhalb der Filmhandlung, das die gegenwärtige Situation zusammenfasst: “Who Will Be Next -”, gefolgt von Fotos der Schurken.

Die Fassung von 1931 sieht weit mehr als zehn Jahre älter aus als die von 1936. Die Kleidung ist älter. Die Möbel. Alte Telefone, und auf der Post schreibt man noch mit Feder und Tintenfass seine Adresse auf. Und weil der Film entstand, bevor der Selbstzensur-Code Hollywoods (“Hays Code”, “Motion Picture Production Code”) umgesetzt wurde, gibt es anzügliche Stellen – halbnackte Frauen, deutlichere Anspielungen auf Homosexualität. Die Schauspieler sind nicht so gut, die Handlung zieht sich, die Gesichter sind manchmal fast noch stummfilmhaft. Aber Ricardo Cortez, der den Sam Spade spielt, hat ein sehr unsympathisches Lachen, und das passt gut zum Buch; und eine Gefängnis-Coda am Ende illustriert das Verhältnis zwischen Spade und Brigid O’Shaughnessy sehr schön.

- Damit ist der gleiche Roman 1931, 1936 und 1941 verfilmt worden, und damals hat wohl auch keiner gemeckert und ich finde das voll in Ordnung. Auch Romane sollte man in verschiedenen Versionen haben, finde ich, aber da kenne ich nur die Fantasy-Fassung von Der Richter und sein Henker, ein paar Gottfried-Keller-Reminiszenzen bei Walter Moers und Übersetzungen wie der Simplicissimus in modernem Deutsch.

Ich glaub mich laust der Affe! (Abizeitungen)

Ich glaube, ich muss mir einen lustigen Spruch zulegen. Ich werde nämlich nie in Schülerzeitungen oder Abizeitungen zitiert, wirklich nie. Wahrscheinlich bin ich nicht witzig. Hier sind so Sachen, die in der Abizeitung stehen:

Wer Jogginghosen draußen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.

Physik ist schön, man muss es halt können.

Wie seid ihr eigentlich in die 9. Klasse gekommen?

Zum Teil halten die Schüler und Schülerinnen diese Sprüche für witzig; sicher auch, weil sie sie – im Gegensatz zu Lehrern und Lehrerinnen – zum ersten Mal hören. Zum Teil sind sie sicher auch mit der Situation und dem Wesen der Lehrkraft verbunden und aus diesem Zusammenhang heraus erinnernswert oder witzig. Als Außenstehender kriegt man das nicht so mit.

Überhaupt, Außenstehender. Ich glaube, ich werde nächstes Jahr keine Abizeitung kaufen. Lehrer und Lehrerinnen sind nicht Adressaten, das sind alles Insidertexte und Insiderwitze, und dafür zahle ich keine 12 Euro. Da gebe ich diesem Tweet recht und ziehe halt die Konsequenz:

An jedem Gymnasium dürfte es etabliert sein, dass jeder Schüler und jede Schülerin zwei Seiten in der Abizeitung kriegt, eine mit Interviewfragen und Antworten, eine selbst oder von Freundinnen kreativ gestaltete, persönlichere Seite. Interessante Fragen sind die nach bester Schullektüre, was man in 12 Jahren Schule gelernt hat, was man nie verstehen wird, was einen vom Schulabbruch abgehalten hat, was man einem zukünftigen Fünftklässler/einer Fünftklässlerin raten würde. Interessante Antworten sind die, die Fragen ernst nehmen, die meisten sind allerdings aber nur launig-oberflächlich. Alle Fragen bis auf as Geburtsdatum betreffen die Schule, also nichts zu Hobbies (finde ich okay), aber auch nichts zu Instagram oder gar Twitter. Das machen sicher einige Schüler, aber nicht viele, und das ist wohl eher nichts, das man vorzeigen, für das man bekannt sein möchte.

Zu diesem Thema im Telegraph gelesen: Einer Studie zufolge wünschen sich viele Jugendliche, dass alle ihre Internaktivitäten, die sie getrieben haben, als sie noch keine 18 Jahre alt waren, mit der Volljährigkeit gelöscht werden sollten. Weil es so wichtig ist, Fehler zu machen und Dinge auszuprobieren, aber als Erwachsene soll das nicht mehr gegen sie verwendet werden können. Hm, ich sehe das anders.

Die meisten Abizeitungen werfe ich kurz nach dem Lesen weg. Ich würde sie schon aufheben, so als Forschungsgegenstand, wie ich überhaupt gerne alles archivieren würde, habe aber keinen Platz. (Und digital, gerne auch adaptiv statt pdf, ist noch keine Alternative.) Also weg damit, aber zwei oder drei Jahrgänge habe ich noch, darunter meinen eigenen. Hier eine kurze Gegenüberstellung:

1987:

  • Erster Satz: “Und hier in der Hallstraße, meine Damen und Herren, sehen Sie das Schmuckkästchen unserer schönen Fuggerstadt, ein Musterbeispiel abendländischer Kultur.”
  • 115 Seiten A5, DM 3,-
  • Fließtextseiten: 42
  • Motto: keines

2009:

  • Erster Satz: “Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kinder, Was Sie hier in den Händen halten ist die Abiturzeitung des ersten Abiturjahrgangs des neuen Graf-Rasso-Gymnasiums.”
  • 307 Seiten A4, €5
  • Fließtextseiten: 18
  • Motto: abistokratie

2019:

  • Erster Satz: “Liebe Leser*innen, an unserer Verleihung wurden vermutlich genug kitschige Reden gehalten und unsere StufenkameradInnen haben durch die langen WhatsApp-Nachrichten in den letzten Wochen sicher auch erstmal genug von uns gehört.”
  • um die 300 Seiten A4 (keine Seitenzahlen), € 12,-
  • Fließtextseiten: 1
  • Motto: Westminster Abi – der Adel dankt ab

Das mit dem Fließtext ist auch bei dem Abijahrgang meines Neffen so, ebenfalls 2019. Schön gestaltete Abizeitung, aber keine Fließtexte; Beiträge zu Kursfahrten, aber nur als Fotocollagen. Daneben gibt es Balken- und Kreisdiagramme, Zitatschnipsel, Kurz- und Kürzesttexte.

Ich finde das schade und verspüre den Wunsch, darin den Untergang des Abendlandes zu sehen. Aber nun, Zeiten ändern sich. Gute Tweets mag ich selber, Texte diesseits des “erweiterten Textbegriffs” der Lehrpläne schreiben macht Arbeit, und es verspüren wohl weder die Ersteller der Abizeitungen noch das Publikum ein Bedürfnis danach. Aber schade isses doch.

Können wir mal etwas Schwierigeres lesen?

Im Moment liest mein Kurs gerade Theodor Fontane, Irrungen, Wirrungen. Ein guter, nicht ausgelasteter Schüler fragte mich danach, ob wir nicht mal etwas Schwierigeres lesen könnten.

Leseempfehlungen gebe ich immer gerne, das geht hoffentlich allen Lehrern und Lehrerinnen so, insbesondere mit dem Fach Deutsch. Was heißt schwierig? Ist Irrungen, Wirrungen nicht schwierig genug? Faust ist schwierig und Iphigenie und Nathan, weil die Sprache den Schülern und Schülerinnen fremd ist, aber das war nicht gemeint.

Für die Schule musste ich vertrösten: Im bürgerlichen Realismus gibt es nichts, was sprachlich schwierig ist, da müsse er bis zur Moderne warten. Und dann, ja, Ulysses, Berlin Alexanderplatz, Lyrik des Expressionismus… aber war es das, was er meinte? Wann ist Literatur schwierig? “The past is a foreign country; they do things differently there” ist der berühmte Anfangssatz von The Go-Between von L. P. Hartley. Die Vergangenheit verstehen, das ist doch immer schwierig; und jedes Werk der Literatur ist auch immer eine andere Welt, die fremd sein kann, auch wenn sie einfach ist.

Mit darstellender Kunst ist es doch auch so. Das hier ist einfach:

Dass ich das nicht malen könnte, darum geht es nicht; das Bild ist einfach zu verstehen. (Glaube ich.) Und trotzdem sehe ich mich nicht satt daran und es fordert mich heraus.

Auf weitere Nachfrage an einem anderen Tag präzisierte der Schüler: Ein Weltbild suche er, das ihn herausforderte, an dem er lernen könnte, und ein Buch präsentiere ja auch immer ein Weltbild. (Ich glaube, das habe ich denen letztes Jahr mal so gesagt, bin mir aber nicht mehr ganz sicher.)

Erzählende Literatur ist für mich zumindest außerhalb der Schule kein Werkzeug, um zu lernen; aber ein Mittel, sich zu bilden – im Sinn der Aufklärung – ist sie auf jeden Fall. Wenn mich Fontane und die von ihm beschriebene Welt auch heute reizen, als Schüler hätten sie mich gelangweilt, gebildet, geformt hätten sie mich nicht. (Unterhalten schon gleich gar nicht.) Das gilt übrigens nicht für den Schüler.

Welche schwierigen Bücher, anders schwierig als Fontane, empfehle ich jetzt dem jungen Mann? Am liebsten im Original auf Deutsch; mir fallen nur Übersetzungen ein. Kurz meine gelesenen Bücher der letzten Jahre durchgesehen:

  • Homer, Odyssee
  • Ted Chiang, Stories of Your Life and Others
  • Isak Dinese, Seven Gothic Tales
  • Charlotte Brontë, Jane Eyre
  • Salomon H. Mosenthal, Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben
  • Robert Menasse, Die Hauptstadt
  • Kazuo Ishiguro, The Remains of the Day
  • Rudyard Kipling, Stalky & Co
  • Ursula K. Le Guin, The Left Hand of Darkness
  • Philip K. Dick, Do Androids Dream of Electric Sheep?
  • Martin Amis, Time’s Arrow

Ja, wenig auf Deutsch. Max Frisch? Thomas-Mann-Novellen? Ich suche weiter.

Weitere Empfehlungen aus den Kommentaren zusammengetragen:

  • Gabriel García Márquez, Hundert Jahre Einsamkeit
  • Ferdinand von Schirach: Der Fall Collini
  • Oskar Maria Graf: Das Leben meiner Mutter
  • Herta Müller: Atemschaukel
  • Saša Stanišić: Wie der Soldat das Grammofon repariert
  • Pia Ziefle: Suna
  • Stefan Zweig: Ungeduld des Herzens
  • Stefan Zweig: Die Welt von Gestern
  • Arno Schmidt: KAFF auch Mare Crisium
  • Franz Kafka: Der Prozess
  • Jonathan Safran Foer
  • Christoph Hein
  • Raoul Schrott: Tristan da Cunha (Einsamste Insel der Welt, missglückter Roman rückwärts)
  • Matthias Politycki: Der Herr der Hörner (Voodoo in Santiago de Chile; hierzu auch Hubert Fichte?)
  • Chris Kraus: Sommerfrauen, Winterfrauen (Subjektive Perspektive auf die Filmavantgarde der 80er Jahre in New York und anderswo)
  • Josef Bierbichler: Mittelreich (Bayern Post 1945)
  • Herbert Achternbusch: Die Atlantikschwimmer
  • Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts (Post-DDR)
  • Seiler: Kruso (Wende und Post-DDR)
  • Thomas Hettche: Pfaueninsel (Vor-DDR Preußen)
  • Juri Brezan: Krabat oder Die Verwandlung der Welt (Sorbischer Mythos)
  • Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut (Minderjähriges Flüchtlingsmädchen in Wien)
  • Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste
  • Timothée de Fombelle: Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle.
  • Robert Musil, Die verwirrungen des Zöglings Törleß
  • Marlen Haushofer, Die Wand
  • Gabriele Tergit: Effingers
  • Andreas Moster: Wir leben hier, seit wir geboren sind (Wenn es ganz modern zugehen darf. Aber harter Stoff.)
  • Heimito von Doderer, Die Strudlhofstiege
  • Alexander Lernet-Holenia, Der Baron Bagge
  • Karl Philipp Moritz: Anton Reiser. Grosse Empfehlung.
  • Gottfried Keller, Das Meretlein
  • Grimmelshausen, Der abenteuerliche Simplicissimus
  • Günter Grass, Das Treffen in Telgte
  • Bettina Brentano: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde
  • Max Frisch, Homo Faber / Gantenbein / Montauk (keine „guten“ Bücher, aber mit Weltbild)
  • Fritz Zorn, Mars (siehe Frisch)
  • Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (siehe Frisch) (Ich rate ab. Auch, weil zu Gemisch aus Fiction und Nonfiction. Herr Rau)
  • Jeremias Gotthelf, Die schwarze Spinne
  • Albert Meyer, Berndeutsche Odyssee parallel zur klassischen deutschen Übersetzung
  • Walter Kempowski
  • Herbert Rosendorfer, Der Ruinenbaumeister
  • Steffen Mensching, Schermanns Augen

Bogenschießen 2019

Inzwischen Tradition: Um diese Zeit im Jahr fahre ich mit unserer Bogenschießen-Schulsportmannschaft (nur aus Frauen bestehend) zur Bayerischen Bogenschießen-Schulsportmeisterschaft. Diese Tag hat etwas Meditatives. Um fünf Uhr aufstehen, Zug fahren, den Tag über zusehen, wie viele Teilnehmer und Teilnehmerinnen schießen. (Ich habe das selber als Teenager gemacht.)

Neu ist nicht viel. Unsere Mannschaft hat den zweiten Platz gemacht, wir haben einige sehr gute Schützinnen dabei.

Der freundliche Wegweiser zum Schießplatz in Feucht
Am Anfang alles noch etwas trübe
Später viel sonniger
Dazwischen Mittagspause

Beim modernen Bogensport sind viele Hilfsmittel am Bogen zugelassen: Visier, Stabilisatoren, Tabs (ein lederner Schutz, damit die Fingerkuppen nicht unmittelbar an der Sehne ziehen, weil das weh tut), Klicker (eine Art Metallzunge an der Pfeilauflage, die die Kontrolle ermöglicht, den Bogen jedesmal exakt gleich weit anzuziehen, wenn man schießt). Diese Mittel nutzten die meisten Schützen; die Einsteiger dürfen aber noch nicht damit arbeiten. Außerdem verzichten Feld- und Jagdschützen darauf und andere Vertreter eines ursprünglicheren Bogenschießens. Ein paar hatten wir am Nebentisch, ohne Visier und sogar ohne Tab, dafür mit einem ganzen Handschuh an der Schusshand. Beim Feldschießen schießt man oft auch auf unbekannte Entfernungen oder leicht bergauf oder bergab.

Gerade bei Wikipedia gelesen: Gibt auch 3D- und 4D-Bogenschießen. Was alles gibt inzwischen, bei mir gab’s immer nur Regen am traditionellen 1.-Mai-Turnier.