Hausaufgaben, die gar nicht so gemeint sind

Wenn am Ende der Lehrprobe die Schüler und Schülerinnen die Hausaufgabe gestellt kriegen, wissen sie genau, dass sie die dann doch nicht zu machen brauchen. Oft ist sie ja eh von einer Form, die bisher noch nie da gewesen war, sie ist ja auch eher für die Seminarlehrer gedacht.

Auch Lehrer kriegen manchmal solche Anweisungen. Gerne fangen die an mit „Wie Sie alle wissen“ (ein Signalwort dafür, dass man vergessen hat, rechtzeitig an eine Sache zu erinnern), aber auch so ist manchmal klar, dass man diese Anweisung nicht so ernst nehmen muss wie andere. Details sind hier leider nicht möglich.

Und siehe da, auch ganze Schulen kriegen solche Hausaufgaben. Die Schüler und Schülerinnen der Unterstufe müssen ab in Bälde jeweils 10 kostenlose Unterrichtsstunden Einführung ins Tastschreiben erhalten. (So der Fachausdruck für Zehnfingersystem.) Danach können die Kinder dann alleine mit entsprechender Trainingssoftware weiter üben. Diese 10 Stunden seien im Rahmen von Projekten möglich oder von Vertretungsstunden.

Auslöser für diese Anweisung ist wohl die bayerische Zukunftsstrategie „Digitale Bildung in Schule, Hochschule und Kultur“, vor Jahren beschlossen, und da steht nun mal drin, dass alle Schüler und Schülerinnen eine Einführung ins Taschreiben kriegen sollen. Man hört meinem Tonfall an, dass ich wenig davon halte. Wie wäre es stattdessen mit 10 Stunden Ukulele für alle? Das hielte ich für sinnvoller, aber wohl auch schwieriger umzusetzen.

Den Wunsch nach Tastschreiben höre ich immer wieder mal. („Da hat man was in der Hand! Und man hat das Gefühl, dass man auf eigenen Füßen steht. Da hat man was Eigenes!“) Mitunter kommt das in Kombination mit der Klage darüber, warum man überhaupt zwei Fremdsprachen lernen muss am Gymnasium, eine reiche doch völlig aus. Und Tastschreiben ist wirklich sehr praktisch für diejenigen, die viel Texte abschreiben, weil man dabei nicht auf den Bildschirm schauen kann. Ichhab’s ja auch mal gelernt. Für andere ist es auch praktisch, und wer will, kann das ganz alleine und zu Hause jederzeit lernen, als Kind oder als Erwachsener. Mit digitaler Zukunft hat das aber wenig zu tun. Andere Inhalte am Gymnasium kann man sich nicht so leicht selber beibringen, und deshalb gehört das Tastschreiben da erst hin, wenn auch Zeit für wichtigere Inhalte da ist.  Also: Erst die Verkehrserziehung in den Vertretungsstunden, dann das Tastschreiben.

Das Internet ist nicht mehr böse

Thomas Knüwer von Indiskretion Ehrensache schreibt anlässlich der Verleihung der Goldenen Blogger, dass sich die Wahrnehmung von Blogs geändert hat: Die Presse beschmäht sie nicht, sondern interessiert sich dafür. Selber fällt mir auf, dass in der Tagesschau regelmäßig von Twitter die Rede ist, mehr noch als von Facebook. (Gut, das liegt an Trump.) Und vor ein paar Tagen war ich auf einer Fortbildung, wo ich mich ins Jahr 2005 zurückversetzt wähnte: Das Internet war plötzlich kein Ort des Bösen mehr, sondern auch ein Ort der Verwirklichung, der Kommunikation und Zusammenarbeit. Das war ja bereits die Sicht der Minderheit, die 2005 im Web war – bevor dann das Internet Massenphänomen wurde und Facebook das Web 2.0 kaputt gemacht hat. Ganz kaputt? Nein, die Urgesteine von damals gab und gibt es immer noch. Und jetzt plötzlich höre ich auf das Fortbildungen für Lehrer und Lehrerinnen und Schulleitungen plötzlich wieder.

Und das kommt wohl so:

1. Die Europäische Union

Es gibt einen Europäischen Referenzrahmen für digitale Kompetenzen (Digital Competence Framework). Über welche digitale Kompetenzen soll ein europäischer Bürger in Zukunft verfüge? In der aktuellen Fassung werden 21 Kompetenzen aufgezählt, eingeteilt in fünf Bereiche:

  1. Informations- und Datenkompetenz
  2. Kommunikation und Kooperation
  3. Erstellung digitaler Inhalte
  4. Sicherheit
  5. Problemlösung

Bemerkenswert vor allem die Kommunikation und Kooperation und das Erstellen digitaler Inhalte.

2. Die Kultusministerkonferenz

Die KMK hat ein Strategiepapier entworfen (Blogeintrag dazu), in dem sich die Länder dazu verpflichten, dass die Schülerinnen und Schüler, die kommendes Schuljahr in die 5. Klasse kommen, Gelegenheit erhalten, eine lange Reihe digitaler Kompetenzen zu erwerben. Hier heißen die Bereiche so:

  1. Suchen, Verarbeiten und Aufbewahren
  2. Kommunizieren und Kooperieren
  3. Produzieren und Präsentieren
  4. Schützen und sicher Agieren
  5. Problemlösen und Handeln
  6. Analysieren und Reflektieren

Die Kompetenzen gehen dabei von „Digitale Technologien gesundheitsbewusst nutzen“ und „Digitale Technologien für soziales Wohlergehen und Eingliederung nutzen“ über „Digitale Werkzeuge für die Zusammenarbeit bei der Zusammenführung von Informationen, Daten und Ressourcen nutzen“ und „Digitale Werkzeuge bei der gemeinsamen Erarbeitung von Dokumenten nutzen“ bis zu „Mit Hilfe verschiedener digitaler Kommunikationsmöglichkeiten kommunizieren“ oder „Algorithmische Strukturen in genutzten digitalen Tools erkennen und formulieren“.

3. Bayern

Als Teil der Umsetzung dieser Strategien hat sich Bayern einen Kompetenzrahmen zur Medienbildung an bayerischen Schulen gegeben, mit folgenden digitalen Kompetenzen:

  1. Basiskompetenzen
    1. Medienangebote und Informatiksysteme (Hardware-, Software und/oder Netzwerkkomponenten) sach- und zielorientiert handhaben
    2. Funktionsweisen und grundlegende Prinzipien von Medienangeboten und Informatiksystemen durchdringen und zur Bewältigung neuer Herausforderungen einsetzen
    3. Probleme insbesondere in Medienangeboten und Informatiksystemen identifizieren und auch mit Hilfe von Algorithmen lösen
    4. Eigene Kompetenzen im Umgang mit Medienangeboten und Informatiksystemen zur Optimierung entwickeln
  2. Suchen und Verarbeiten
    1. Aufgabenstellungen klären, Informationsbedarfe ableiten und Suchstrategien entwickeln
    2. Mediale Informationsquellen begründet auswählen und gezielt Inhalte entnehmen
    3. Daten und Informationen analysieren, vergleichen, interpretieren und kritisch bewerten
    4. Daten und Informationen zielorientiert speichern, zusammenfassen, strukturieren, modellieren und aufbereiten
  3. Kommunizieren und Kooperieren
    1. Mit Hilfe von Medien situations- und adressatengerecht interagieren
    2. Analoge und digitale Werkzeuge zur effektiven Gestaltung kollaborativer als auch individueller Lernprozesse verwenden und Resultate mit anderen teilen
    3. Medien zur gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft aktiv und selbstbestimmt nutzen
    4. Umgangsregeln, ethisch-moralische Prinzipien sowie Persönlichkeitsrechte bei digitaler Interaktion und Kooperation berücksichtigen
  4. Produzieren und Präsentieren
    1. Werkzeuge zur Realisierung verschiedener Medienprodukte auswählen und zielgerichtet einsetzen
    2. Medienprodukte unter Berücksichtigung formaler und ästhetischer Gestaltungskriterien und Wirkungsabsichten erstellen
    3. Arbeitsergebnisse unter Einsatz adäquater Präsentationstechniken und medialer Werkzeuge sach- und adressatenbezogen darbieten
    4. Publikationswege erschließen, Medienprodukte unter Wahrung von Persönlichkeits- und Urheberrecht erstellen und veröffentlichen
  5. Analysieren und Reflektieren
    1. Inhalte, Gestaltungsmittel, Strukturen und Wirkungsweisen von Medienangeboten und Informatiksystemen analysieren und bewerten
    2. Interessengeleitete Setzung und Verbreitung medialer Inhalte erkennen und Einfluss der Medien auf Wertvorstellungen, Rollen- und Weltbilder sowie Handlungsweisen hinterfragen
    3. Bedeutung der Medien und digitaler Technologien für die Wirtschaft, Berufs- und Arbeitswelt reflektieren
    4. Potenziale und Risiken der Digitalisierung und des Mediengebrauchs für das Individuum und die Gesellschaft beurteilen

Auch hier sind es wieder die Bereiche 3 und 4, die mich besonders freuen.


Erfüllt werden soll dieser Kompetenzrahmen unter anderem dadurch, dass sich Schulen ein Medienkonzept geben müssen, das aus einem Mediencurriculum besteht (was davon sollen die Schüler und Schülerinnen wann lernen?), einem Fortbildungsplan (was müssen die Lehrer und Lehrerinnen dazu lernen?) und Absprachen mit dem Sachaufwandsträger (welche Ausstattung ist dafür nötig?). Und darum ging es auf der Fortbildung.

Für mich war die Fortbildung richtig, weil sie vor allem das vorstellte, was ich mir seit Jahren vorstelle, und ich war froh, dass das auch meine Kollegen gehört haben. Zugegeben, ein bisschen hinkt das noch hinterher – Linklisten als Beispiel zur Zusammenarbeit unter Kollegen und Kolleginnen sind ein bisschen altbacken, aber das war auch nicht der Ort für konkrete Vorschläge. Es wurde viel von Mündigkeit und Selbstverwirklichung gesprochen, sehr gut, auch wenn konkrete Vorschläge dann doch zu oft auf „braucht man später im Beruf“ hinausliefen. Nein, das sollte nicht der Kern sein. – Auch vom Aufbau her war die Fortbildung für mich richtig: Vier Nachmittagsstunden, sehr eng getaktet, kurze Vortragsphasen gefolgt von vielen kurzen Gruppenarbeitsphasen, wo die Vertreter der Schulen mal miteinander mussten. Keine expliziten Pausen.

Bei den konkreten Überlegungen für meine Schule fiel mir wieder auf, dass wir dort auf recht hohem Niveau jammern. Wir brauchen, wie alle Schulen, flächendeckende WLAN; sonst haben wir alles. (Andere Kollegen beklagten, dass sie ihre konkreten Apple-Produkte nicht kriegten; wieder andere halten konkrete Microsoft-Software für unabdingbar. Beide irren sich. Abhängigkeit von konkreter Hard- und Software ist schon vom Ansatz her ein Fehler.) Das mit dem WLAN wird sicher teuer und damit ein Problem; ob man das erst für Lehrkräfte oder später auch für Schülerinnen und Schüler öffnet, können die Schulen ja selber entscheiden.

Der nächste Schritt ist also die Erstellung des Mediencurriculums, gefolgt vom restlichen Medienkonzept, gefolgt von der – sicher allmählichen – Implementierung. Ich freue mich darauf und bin gespannt, wie das bei uns laufen wird. Man kann entweder schauen, was der Lehrplan jetzt schon hergibt, und daraus ein Curriculum bauen – dann landet man schnell bei „machen wir eh alles schon“, wobei geflissentlich übersehen wird, was beim Lehrplan am Ende tatsächlich herauskommt.

Ich wünsche mir eher, dass man darauf schaut, was Schüler und Schülerinnen am Ende der 10. oder 11. Jahrgangsstufe können sollen, was sie bisher tatsächlich können, und wie sich das, was sie noch nicht können, am geeignetsten auf die Jahrgangsstufen und Fächer verteilen lässt.

Neu ist für mich der Gedanke, dass es jetzt nicht mehr nur darum geht, wie ein Lehrer oder eine Lehrerin ihren bisherigen Unterricht mit digitalen Mitteln besser machen kann. Vielmehr sind digitale Medien ein eigener Unterrichtsinhalt, den die Schule auf die verschiedenen Fächer verteilen muss. Dabei wird es sicher noch Platz geben für die funktionalen Digitalverweigerer, die auch zur Vielfalt an einer Schule gehören. Aber die Schule als ganze kann sich hoffentlich nicht drücken – es sei denn, das Mediencurriculum geht den Weg der Verkehrserziehung.

(Hier bei Mebis mehr über Medienkonzepte, kann man auch ohne Zugang lesen.)

– Und einen Neffen habe ich bei der Fortbildung auch getroffen, darauf hatte ich gehofft. Der geht auf die Schule dort.

Meinst, sagst was bleds, triffst

Vor ein paar Monaten habe ich mal auf einen Tweet geantwortet mit einem anderen Tweet, thematisch passend, aber darum geht es nicht:

Und dazu ist Schule ja da: Schöne Erinnerungen zu schaffen!

Der Tweet ist auch geliked worden, nicht oft, aber doch ein paar Mal. Ich weiß nicht, ob allen klar war, dass ich das ironisch gemeint habe. Ich weiß auch nicht, ob ich wollte, dass meine Ironie erkannt wird. Jedenfalls glaube ich nicht, dass es die Aufgabe der Schule sein sollte, dafür zu sorgen, dass Schülerinnen und Schüler schöne Erinnerungen haben.

Ich glaube, dass Kinder und Jugendliche möglichst viele schöne Erinnerungen machen sollten. Ich glaube auch, dass es Aufgabe der Eltern ist, dafür zu sorgen, und der Gesellschaft, Möglichkeiten zu schaffen. In meiner Kindheit war das so. Ich habe viele schöne Erinnerungen, die meisten außerhalb der Schule. (Ich bin gerne zur Schule gegangen, aber darum geht es hier nicht.) Wenn es so ist, dass Jugendliche und Kinder heute außerhalb der Schule nicht ausreichend Gelegenheit zu solchen Erinnerungen haben, dann wird es in der Tat Aufgabe der Schule, dafür zu sorgen.

Das mit den schönen Erinnerungen höre ich nämlich öfter mal, wenn es um Exkursionen und Fahrten und Skilager geht. „Schule muss mehr sein als Unterricht“ ist da ein Slogan, dem ich gelegentlich ausgesetzt bin. Wie gesagt, mir selber hat Unterricht gereicht, für den Rest haben meine Eltern oder ich gesorgt.

Ich kenne Lehrkräfte, denen das mit den Erfahrungen wichtig ist, und wenn dafür der Lehrplan nicht erfüllt werden kann, heißt es: Na ja, da kann man doch flexibel sein. Ich bin dagegen ein großer Freund des Lehrplans: Was da drin steht, ist größtenteils wichtig, und spannende Erfahrungen macht man ohne die Schule.

Eine Diskussion darüber, was die Schülerinnen und Schüler wirklich zur Teilnahme an und Gestaltung unserer zukünftigen Gesellschaft befähigt, findet aber noch nicht statt. Da ist weder das mit den schönen Erfahrungen ein sinnvolles Argument noch der Lehrplan.

Abitur 2017: Neue Termine

Das Abitur in Bayern: Es wird zentral gestellt, aber an den Schulen vom jeweiligen Fachlehrer korrigiert; eine zweite Lehrerin an der Schule ist Zweitprüferin der Klausuren; die beiden einigen sich auf eine Note. (Können sie sich nicht einigen, wird ein dritter Prüfer herangezogen.) Es gibt in drei Fächern schriftliche Klausuren, im Anschluss daran mündliche Prüfungen in zwei Fächern. Die erste der schriftlichen Prüfungen war traditionell Deutsch, vielleicht aus historischen Gründen, vielleicht weil die Korrektur dieser Aufgaben am längsten dauert.

Inzwischen ist die Reihenfolge aber offen, und das liegt daran, dass immer wieder Teile der Aufgaben bundeslandübergreifend gestellt werden. Und damit müssen diese Prüfungen natürlich am selben Tag stattfinden, und das wird erschwert durch die unterschiedlichen Ferien- und Schuljahrestermine in den veschiedenen Ländern.

Und so begab es sich, dass die Abiturprüfungstermine für 2017 so festgelegt wurden:

  • 03.05.2017 Mathematik
  • 09.05.2017 Deutsch
  • 12.05.2017 3. Fach (häufig und zum Beispiel Englisch)
  • 22.05. – 26.05.2017 1. Mündliche Prüfung
  • 29.05. – 02.06.2017 2. Mündliche Prüfung

Damit hätten die Lehrer und Lehrerinnen in Bayern je nach Fach etwas mehr oder etwas weniger als drei Wochen Korrekturzeit gehabt; an diese hätten sich die Pfingstferien angeschlossen, in denen die Zweitkorrektoren die Klausuren bearbeitet und mit den Erstprüfern besprochen hätten.

Denn als Termin für die Bekanntgabe der Noten war der Montag nach den Pfingstferien festgelegt und mitgeteilt worden: der 19.06.2017.

Das ist jetzt aber nicht mehr so. Am Freitag, 10.02.2017 hat das bayerische Kultusministerium die Gymnasien informiert, dass die Ergebnisse bereits am 02.06.2017 am Nachmittag mitgeteilt werden müssen, das ist der Freitag vor den Pfingstferien. Hier die Pressemitteilung des Kultusministeriums: Nach „eingehender Prüfung“ habe man „pädagogische Erwägungen“ vorgenommen und danke jetzt „allen, insbesondere den betroffenen Lehrkräften, für die Bewältigung der mit der Terminverlegung verbundenen Auswirkungen.“

Denn die Lehrer und Lehrerinnen sind alles andere als begeistert. Für eine reguläre Klausur hat man laut Schulordnung drei Wochen Korrekturzeit, und für diese Abiturprüfung hat man jetzt weniger als das – obwohl die Prüfungen umfangreicher und wichtiger sind und nach der Korrektur noch die Korrektur durch den Zweitprüfer erfolgen und mit diesem besprochen werden muss.

– Was waren das für „pädagogische Erwägungen“ des Kultusministeriums, die zu dieser Entscheidung geführt haben? Ich vermute, dass es keinesfalls nur solche waren. Vielmehr gab es eine vom Kultusministerium nicht erwähnte Petition, die am 05.02.2017 um eben diese Terminverlegung bat:
https://www.openpetition.de/petition/online/abi-nomtenbekanntgabe-am-2-juni (Tippfehler bereits im Original).

Die Petition wurde etwa 25.000 mal unterschrieben, zum Großteil von Bürgern aus Bayern. Eingereicht wurde die Petition von Schülerinnen und Schülern; den Text der Petition und Pro-Contra-Kommentare dazu kann man durchaus mal lesen. Die Kurzfassung: Wenn man erst nach den Ferien seine Noten erfährt, und danach erfährt oder entscheidet, dass man in die mündliche Ergänzungsprüfung in einem oder mehreren Fächern muss, dann bleibt zu wenig Zeit zur Vorbereitung darauf – diese Prüfungen finden tatsächlich in der Woche nach den Ferien statt. Sie sind verpflichtend für die Schülerinnen und Schüler, die bei den schriftlichen Abiturprüfungen zu schlechte Ergebnisse hatten und sie verbessern müssen, um das Abitur überhaupt zu bestehen. Und im Vergleich zu früheren Jahrgängen fühlen sich die Petitionseinreicher dadurch benachteiligt.

Meine Beurteilung des Verhaltens der Petitionsunterzeichner:

Den Vergleich mit früheren Jahren halte ich für zu simpel; in früheren Jahren war die Gewichtung schriftlicher zu mündlicher Noten auch 2:1 statt wie jetzt 1:1 – da hat sich auch keiner beklagt, dass es jetzt leichter ist, gute Noten zu kriegen und überhaupt bis zum Abitur zu kommen. Mich stört, dass die Ergänzungsprüfung, die eigentlich als Maßnahme für den Notfall gedacht war, jetzt schon bereits vorher mit eingeplant wird. Ich kenne keinen Statistiken, wie viele Schüler in Bayern in diese Prüfungen gehen, ich nehme mal an, Tendenz steigend. (Dazu passt auch, dass immer mehr Schüler schon sehr früh planen, die 11. Jahrgangsstufe als Versuchsballon zu besuchen – deren Wiederholung wird schon eingeplant, bevor sie nötig ist.) Allerdings finde ich es gut, wenn Schülerinnen und Schüler Werkzeuge wie Petitionen kennen und nutzen.

Meine Beurteilung des Verhalten des Kultusministeriums:

Pädagogische Erwägungen, my foot. Es ist Wahljahr und man will nichts riskieren, und die Rechtsabteilung warnt sicher davor, irgendwem irgendwas zu geben, was irgendwie der Anlass zu einer Klage sein könnte. Bloß nicht noch mehr schlechte Presse in der Bildungspolitik.

Meine Beurteilung des Verhalten der Schulleitungen:

Man wünschte sich, die würden wenigstens beim Kultusministerium anrufen und sich beschweren. Aber Behördenleiter denken da realistisch, fürchte ich. (Mit meiner Schulleitung habe ich noch nicht gesprochen, versteht sich.)

Wie es weitergehen wird:

(Reines Raten meinerseits. Ich bin eh nur am Rande betroffen.) Die Verbände werden darauf hinweisen, dass das aber nicht schön ist. Das Kultusministerium wird den Schulen erlauben, den korrigierenden Lehrkräften falls nötig einen Tag frei zu geben für die Korrektur, wobei der Unterricht dieses Tages dann von anderen Lehrkräften zu vertreten ist. Diese werden sich ärgern. Die Lehrkräfte werden ein wenig schneller und weniger sorgfältig korrigieren als sonst, die Noten werden zum Ausgleich nicht schlechter werden, die Zweitprüfer werden nur pro forma kurz über die Arbeiten schauen. Das lässt sich alles schon irgendwie regeln. Man wird mit dem Gedanken spielen, die mündlichen Ergänzungsprüfungen dann besonders schwer zu machen, aber das natürlich nicht umsetzen. (Ernsthaft und völlig unironisch.) Der Respekt der Lehrer vor dem Kultusministerium wird nicht weiter sinken, weil das nicht geht, und dem Kultusministerium wird das egal sein und egal sein dürfen.

Digitale Strategie der KMK (Dezember 2016)

Bildung ist Ländersache, der Bund darf da auch gar nicht mithelfen; Ausnahmen von diesem „Kooperationsverbot“ gibt es nur ganz wenige, insbesondere darf – und das ist ja gerade im Geschehen – der Bund Geldmittel zum Ausbau der Infrastruktur zur Verfügung stellen. Damit nun nicht alle Länder ohne Rücksicht auf die anderen machen, was sie wollen, gibt es die Kultusministerkonferenz: Dort sprechen sich die Länder ab und beschließen gemeinsame Vorgaben – wie viele Unterrichtsstunden Schüler bis zum Abitur hinter sich gebracht haben müssen; gemeionsame Bildungsstandards (zumindest in einigen Fächern); was im Abitur in den einzelnen Fächer drankommen muss (EPA – einheitliche Prüfungsanforderungen für das Abitur). An diese Beschlüsse der KMK müssen sich die Länder dann auch halten, auf dem Papier jedenfalls.

Vor knapp zwei Wochen hat die KMK wieder etwas beschlossen, und zwar hat sie eine gemeinsame digitale Strategie verkündet. „Bildung in der digitalen Welt“ heißt die, und enthält einen Katalog von Kompetenzen, über die digital gebildete Bürger und Bürgerinnen verfügen sollten. Dieser Katalog ist recht umfangreich (Link zum Papier, pdf).

Die Länder verpflichten sich, dass ab übernächstem Schuljahr (2018/19) alle Schüler, die neu in die Grundschule oder neu in eine weiterführende Schule eintreten, Gelegenheit bekommen, all diese Kompetenzen zu erwerben. Wie die Länder das regeln, bleibt den Ländern überlassen – also mit einem Fach Informatik oder einem Fach Medienkunde oder ohne; ein Fach allein kann die Aufgaben allein ohnehin nicht erfüllen.

Hm, ja. Aufgaben, die so wichtig sind, dass sie auf alle Fächer verteilt werden – das hatten und haben wir schon. Verkehrserziehung, Liebe zur bayerischen Heimat, Informationstechnische Grundbildung in den 1990er Jahren – solange das nicht konkretisiert wird, findet das nicht statt.

Was also passieren wird: Das Kukltusministerium wird dem ISB den Auftrag geben, sich die bisherigen Lehrpläne anzuschauen und zu überprüfen, bei wie vielen dieser digitalen Kompetenzen die Schülerinnen und Schüler jetzt schon Gelegenheit zum Erwerb haben. Das ISB wird sicher feststellen, dass das jetzt schon in großem Maß der Fall ist. Dass in Wirklichkeit längst nicht alles umgesetzt wird, das vollmundig in Lehrplänen steht, ist klar. Außerdem lässt sich leicht sagen, dass die Gelegenheit zum Erwerb einer Kompetenz vorhanden ist – wenn danach kaum ein Schüler, kaum eine Schülerin über diese Kompetenz verfügt, dann war die Gelegenheit vielleicht vorhanden, aber eben nicht ausreichend. Der neue bayerische Lehrplan für die Sekundarstufe beginnt ein Jahr vor dem Termin, ab dem diese digitalen Kompetenzen gelernt werden sollen – nachgebessert wird da wohl nicht werden. Vermutlich kriegen die Schulen ein Schreiben, die sollen sich – eigenverantwortliche Schule – halt irgendwie darum kümmern, dass Gelegenheit zum Kompetenzerwerb da ist.


Ab hier ein Auszug aus dem Strategiepapier. „Mit Hilfe verschiedener digitaler Kommunikationsmöglichkeiten kommunizieren“, „Eine Vielzahl von digitalen Werkzeugen kennen und kreativ anwenden“, my foot.

2.1.1 Allgemeinbildende Schulen

Ziel ist es, dass jedes einzelne Fach mit seinen spezifischen Zugängen zur digitalen Welt seinen Beitrag für die Entwicklung der in dem nachfolgenden Kompetenzrahmen formulierten Anforderungen leistet.
Die „Kompetenzen in der digitalen Welt“ umfassen die nachfolgend aufgeführten sechs Kompetenzbereiche:

1. Suchen, Verarbeiten und Aufbewahren

1.1. Suchen und Filtern
1.1.1. Arbeits- und Suchinteressen klären und festlegen
1.1.2. Suchstrategien nutzen und weiterentwickeln
1.1.3. In verschiedenen digitalen Umgebungen suchen
1.1.4. Relevante Quellen identifizieren und zusammenführen

1.2. Auswerten und Bewerten
1.2.1. Informationen und Daten analysieren, interpretieren und kritisch bewerten
1.2.2. Informationsquellen analysieren und kritisch bewerten

1.3. Speichern und Abrufen
1.3.1. Informationen und Daten sicher speichern, wiederfinden und von verschiedenen Orten abrufen
1.3.2. Informationen und Daten zusammenfassen, organisieren und strukturiert aufbewahren

2. Kommunizieren und Kooperieren

2.1. Interagieren
2.1.1. Mit Hilfe verschiedener digitaler Kommunikationsmöglichkeiten kommunizieren
2.1.2. Digitale Kommunikationsmöglichkeiten zielgerichtet- und situationsgerecht auswählen

2.2. Teilen
2.2.1. Dateien, Informationen und Links teilen
2.2.2. Referenzierungspraxis beherrschen (Quellenangaben)

2.3. Zusammenarbeiten
2.3.1. Digitale Werkzeuge für die Zusammenarbeit bei der Zusammenführung von Informationen, Daten und Ressourcen nutzen
2.3.2. Digitale Werkzeuge bei der gemeinsamen Erarbeitung von Dokumenten nutzen

2.4. Umgangsregeln kennen und einhalten (Netiquette)
2.4.1. Verhaltensregeln bei digitaler Interaktion und Kooperation kennen und anwenden
2.4.2. Kommunikation der jeweiligen Umgebung anpassen
2.4.3. Ethische Prinzipien bei der Kommunikation kennen und berücksichtigen
2.4.4. Kulturelle Vielfalt in digitalen Umgebungen berücksichtigen

2.5. An der Gesellschaft aktiv teilhaben
2.5.1. Öffentliche und private Dienste nutzen
2.5.2. Medienerfahrungen weitergeben und in kommunikative Prozesse einbringen
2.5.3. Als selbstbestimmter Bürger aktiv an der Gesellschaft teilhaben

3. Produzieren und Präsentieren

3.1. Entwickeln und Produzieren
3.1.1. Mehrere technische Bearbeitungswerkzeuge kennen und anwenden
3.1.2. Eine Produktion planen und in verschiedenen Formaten gestalten, präsentieren, veröffentlichen oder teilen

3.2. Weiterverarbeiten und Integrieren
3.2.1. Inhalte in verschiedenen Formaten bearbeiten, zusammenführen, präsentieren und veröffentlichen oder teilen
3.2.2. Informationen, Inhalte und vorhandene digitale Produkte weiterverarbeiten und in bestehendes Wissen integrieren

3.3. Rechtliche Vorgaben beachten
3.3.1. Bedeutung von Urheberrecht und geistigem Eigentum kennen
3.3.2. Urheber- und Nutzungsrechte (Lizenzen) bei eigenen und fremden Werken berücksichtigen
3.3.3 Persönlichkeitsrechte beachten

4. Schützen und sicher Agieren

4.1. Sicher in digitalen Umgebungen agieren
4.1.1. Risiken und Gefahren in digitalen Umgebungen kennen, reflektieren und berücksichtigen
4.1.2. Strategien zum Schutz entwickeln und anwenden

4.2. Persönliche Daten und Privatsphäre schützen
4.2.1. Maßnahmen für Datensicherheit und gegen Datenmissbrauch berücksichtigen
4.2.2. Privatsphäre in digitalen Umgebungen durch geeignete Maßnahmen schützen
4.2.3. Sicherheitseinstellungen ständig aktualisieren
4.2.4. Jugendschutz- und Verbraucherschutzmaßnahmen berücksichtigen

4.3. Gesundheit schützen
4.3.1. Suchtgefahren vermeiden, sich Selbst und andere vor möglichen Gefahren schützen
4.3.2. Digitale Technologien gesundheitsbewusst nutzen
4.3.3. Digitale Technologien für soziales Wohlergehen und Eingliederung nutzen

4.4. Natur und Umwelt schützen
4.4.1. Umweltauswirkungen digitaler Technologien berücksichtigen

5. Problemlösen und Handeln

5.1. Technische Probleme lösen
5.1.1. Anforderungen an digitale Umgebungen formulieren
5.1.2. Technische Probleme identifizieren
5.1.3. Bedarfe für Lösungen ermitteln und Lösungen finden bzw. Lösungsstrategien entwickeln

5.2. Werkzeuge bedarfsgerecht einsetzen
5.2.1. Eine Vielzahl von digitalen Werkzeugen kennen und kreativ anwenden
5.2.2. Anforderungen an digitale Werkzeuge formulieren
5.2.3. Passende Werkzeuge zur Lösung identifizieren
5.2.4. Digitale Umgebungen und Werkzeuge zum persönlichen Gebrauch anpassen

5.3. Eigene Defizite ermitteln und nach Lösungen suchen
5.3.1. Eigene Defizite bei der Nutzung digitaler Werkzeuge erkennen und Strategien zur Beseitigung entwickeln
5.3.2. Eigene Strategien zur Problemlösung mit anderen teilen

5.4. Digitale Werkzeuge und Medien zum Lernen, Arbeiten und Problemlösen nutzen
5.4.1. Effektive digitale Lernmöglichkeiten finden, bewerten und nutzen
5.4.2. Persönliches System von vernetzten digitalen Lernressourcen selbst organisieren können

5.5. Algorithmen erkennen und formulieren
5.5.1. Funktionsweisen und grundlegende Prinzipien der digitalen Welt kennen und verstehen.
5.5.2. Algorithmische Strukturen in genutzten digitalen Tools erkennen und formulieren
5.5.3. Eine strukturierte, algorithmische Sequenz zur Lösung eines Problems planen und verwenden

6. Analysieren und Reflektieren

6.1. Medien analysieren und bewerten
6.1.1. Gestaltungsmittel von digitalen Medienangeboten kennen und bewerten
6.1.2. Interessengeleitete Setzung, Verbreitung und Dominanz von Themen in digitalen Umgebungen erkennen und beurteilen
6.1.3. Wirkungen von Medien in der digitalen Welt (z. B. mediale Konstrukte, Stars, Idole, Computerspiele, mediale Gewaltdarstellungen) analysieren und konstruktiv damit umgehen

6.2. Medien in der digitalen Welt verstehen und reflektieren
6.2.1. Vielfalt der digitalen Medienlandschaft kennen
6.2.2. Chancen und Risiken des Mediengebrauchs in unterschiedlichen Lebensbereichen erkennen, eigenen Mediengebrauch reflektieren und ggf. modifizieren
6.2.3. Vorteile und Risiken von Geschäftsaktivitäten und Services im Internet analysieren und beurteilen
6.2.4. Wirtschaftliche Bedeutung der digitalen Medien und digitaler Technologien kennen und sie für eigene Geschäftsideen nutzen
6.2.5. Die Bedeutung von digitalen Medien für die politische Meinungsbildung und Entscheidungsfindung kennen und nutzen
6.2.6. Potenziale der Digitalisierung im Sinne sozialer Integration und sozialer Teilhabe erkennen, analysieren und reflektieren

Die Länder verpflichten sich dazu, dafür Sorge zu tragen, dass alle Schülerinnen und Schüler, die zum Schuljahr 2018/2019 in die Grundschule eingeschult werden oder in die Sek I eintreten, bis zum Ende der Pflichtschulzeit die in diesem Rahmen formulierten Kompetenzen erwerben können. Dabei ist zu beachten, dass dieser Rahmen auf Grund der technischen Entwicklungsdynamik nicht als statisch zu betrachten ist. Zur Umsetzung und weiteren Ausgestaltung werden die Länder – mit Blick auf ihre zum Teil unterschiedliche Fächerstruktur in verschiedenen Bildungsgängen, die geltenden Vorgaben für Medienpässe etc. sowie unter Berücksichtigung unterschiedlicher infrastruktureller Voraussetzungen in den Regionen – verschiedene Wege beschreiten. Die Lehr- und Bildungspläne der Länder sollen dahingehend überprüft werden, welche Beiträge die einzelnen Unterrichtsfächer hinsichtlich des Kompetenzrahmens heute schon leisten und welche Anforderungen noch ergänzt werden müssen.

Die Überarbeitung der Lehr- und Bildungspläne aller Fächer für alle Schulformen und Schulstufen durch die Länder kann angesichts der hohen inhaltlichen Dynamik im Bereich der Digitalisierung und der gebotenen Beteiligung der Fachöffentlichkeit nur schrittweise erfolgen. Dadurch werden sich in den Ländern unterschiedliche Übergangsprozesse ergeben, in denen Rahmenvorgaben wie Medienpässe und auf diesen aufbauende schulinterne Curricula weiterhin von Bedeutung sein werden. Zur Unterstützung der Schulen können die Landesinstitute wertvolle Beiträge leisten.

Auch nach einer Überarbeitung der Vorgaben wird nicht jedes Fach zur Entwicklung aller Kompetenzen des skizzierten Rahmens beitragen können und müssen, sondern jedes Fach wird für seine fachbezogenen Kompetenzen Bezüge und Anknüpfungspunkte zu dem Rahmen definieren. In der Summe aller fachspezifischen Ausprägungen müssen indes dann alle Kompetenzen des Rahmens berücksichtigt worden sein.

Quick! Somebody’s wrong on the internet! Again!

Sehr viel kommentiert ist der Beitrag „Das Informatik-Schulbuch meiner Töchter: Werft es weg – oder schafft den Informatik-Unterricht ab, denn so kann man auch gut darauf verzichten!“ von Sandra Schön, und die Meinung der meisten Kommentare deckt sich nicht mit meiner. Da dort aber niemand meine verhaltenen Einwände zum Anlass einer Diskussion nimmt, möchte ich ich mich hier auslassen.

Also: Der Titel ist hoffentlich hyperbolisch, weil natürlich grundfalsch. Die Alternative „Informatikbuch wegwerfen“ oder „Informatikunterricht abschaffen“ ist vielleicht aus Sicht des Steuerzahlers sinnvoll (wenn ein Buch nicht genug genutzt wird, sollte man nichts dafür ausgeben), oder für jemanden, der Onlinekurse verkaufen will (der ist natürlich gegen Bücher), aber für jede Lehrkraft ist das Schulbuch ein Werkzeug unter vielen, und die Lehrkraft entscheidet, welche der zur Verfügung stehenden Werkzeug sie einsetzen will. Man kann ganz mit dem Buch arbeiten, gar nicht mit dem Buch arbeiten, oder sich einzelne Kapitel herauspicken. Bei mir ist das von Fach zu Fach und von Jahrgangsstufe zu Jahrgangsstufe unterschiedlich, abhängig von der Qualität des Buchs, der anderen Werkzeuge, meinem Unterrichtsstil, den Unterrichtsinhalten und der Klasse. Man kann jedenfalls auch parallel „Informatikunterricht nicht abschaffen“ und „Informatikbuch manchmal verwenden“.

Was stört Sandra Schön denn genau am Buch? Ganz wird mir das nicht klar, sie hat sich auch wohl nur die erste Hälfte des Buchs angeschaut, das für die 6. und die 7. Jahrgangsstufe gedacht ist; an dem großen Kapitel Algorithmik hat sie nichts auszusetzen. Es sind aus meiner Sicht Kleinigkeiten, und in den Kommentaren werden noch mehr Kleinigkeiten genannt, jedem fehlt sein persönliches Steckenpferd. Hauptpunkt: Technisch ist das nicht auf der Höhe. Da gibt es Einstellungen zur Verbindung eines Rechners mit dem Internet (die man heute nicht mehr braucht, wo das Internet einfach aus der Steckdose kommt). Audio-CDs werden – ganz am Rand – erwähnt und Diskettenlaufwerke abgebildet. Ich sehe das dramatische Problem dabei nicht. Später machen wir mit den Schülern auch Bubblesort und das Wasserfallmodell, obwohl beide in der Praxis keine oder keine große Rolle mehr spielen.

Recht hat Schön aber völlig, wenn es ums Internet und die Verhaltensregeln darin geht. Da ist das Buch von 2004 veraltet, und der Lehrplan, auf dem das Buch basiert, ebenso, und der neue wird kaum besser werden.

Außerdem stört Schön, dass so früh mit Objektorientierung begonnen wird, einem zentralen Gedanken des Lehrplans. Und ich denke, da liegt der Knackpunkt: Schön gefällt das Fach Informatik, so wie es der Lehrplan vorsieht, nicht. Deswegen fällt ihr auch die reißerische Drohung mit der Abschaffung des Fachs leicht.

Für mich zeigt das Buch schön (unabhängig davon, dass es veraltet ist), wie einfach es dem System Schule gelingt, ein eigentlich cooles Thema didaktisch „aufzuarbeiten“, dass es dann einfach nur – unspannend ist.

Das ist der Kernpunkt. Und das Problem dahinter sehe ich auch. Aber ich habe schon mal ein Problem mit der Prämisse, dass Informatik, oder irgendwas mit Internet, oder was auch immer genau gemeint ist, „eigentlich cool“ ist. Natürlich finde ich Informatik cool. Das gilt genauso für Deutsch und Englisch, meine anderen Fächer. Die finde ich auch eigentlich cool, und die Schüler irgendwie eigentlich nicht unbedingt. Und die Sportlehrer finden auch, dass Sport voll cool ist, und doch reißen sich die Schüler nicht alle darum. Und Kunst. Und Musik. Wieso sollte das bei Informatik groß anders sein? Informatik ist nicht inhärent cooler als andere Inhalte.

Was kann man da unternehmen? Ich weiß nicht, ob da etwas geht. Man kann natürlich darauf verzichten, Schülern in einem festgelegten Alter/einer Jahrgangsstufe bestimmte Inhalte verpflichtend beizubringen, wenn Schüler nur noch lernen, was sie wollen, oder wenigstens, wann sie wollen. Organisatorisch ist das schwer zu machen. Bleibt also ein Wahlfach Informatik wie in anderen Ländern (in Deutschland gibt es, glaube ich, nur zwei Länder, in denen das Fach Pflicht ist). Dann braucht man keine verbindlichen Lehrpläne, und damit auch keine Bücher. Dann hat man motivierte Schüler. Klar, Mädchen sind dann kaum mehr dabei, und ein Großteil bleibt digitaler Analphabet, aber die werden dann halt andere Wahlunterrichte besuchen.

Oder man verzichtet auf einen Lehrplan und macht einfach schöne Projekte. Optimisten glauben ja, dass man damit auch die Lehrplaninhalte abdecken könnte, so wie man durch die Aufführung von Theaterstücken mit allem, was dazu gehört, auch alle Deutschinhalte abdecken könnte. Ich glaube das nicht. Aber wenn man in der Unterstufe erst mal nur irgendwelche positiv empfundene Sachen mit dem Computer macht, vielleicht kommen dann am Ende doch informatisch gebildete Menschen heraus? Ich bin mir gar nicht sicher, dass das völlig absurd ist. Ich weiß nur nicht, was man im Klassenverband machen kann, das alle als positiv empfinden.

Könnte man auch den Deutschunterricht in der Unterstufe ganz mit Lektüren bestreiten? Nur mit kreativem Umgang damit?

Quick! Somebody’s wrong on the internet!

(„Unsäglich“ war etwas zu streng. Da habe ich mich im Überschwang hinreißen lassen.)

Ich kann auf Twitter nicht diskutieren. Wenn jemand einen Artikel weiterreicht, erwarte ich keine große Begründung, warum der lesenswert ist; wenn ich den Artikel unsäglich finde, will ich das nicht in 140 Zeichen begründen müssen. Da kann man nichts anderes tun als sich anschreien: „Ich hab recht!“, „Nein, ich!“ oder, häufiger, sich die gemeinsame Meinung bestätigen lassen.

Vor gut zwei Wochen schrieb Lisa Becker in der Fazn (online): „Smartphone im Klassenzimmer Zeit für digitale Medien in der Schule„. Inhalt: das Übliche.

Erstens: „Zu ihrer [digital-skeptische Eltern] Beruhigung trägt bei, wenn dort das Handy gar verboten ist. Der Haken an der Sache: Das vielerorts geltende Verbot wird massenhaft unterlaufen, und alle wissen es.“
Mein Problem: Es gibt dieses Handyverbot gar nicht. Schüler dürfen Handys mitnehmen. Und für unterrichtliche Zwecke darf es selbstverständlich eingesetzt werden. Nur – siehe unten – bringt das wenig. Das Problem ist nicht, dass Handys verboten sind – sie sind es ja nicht -, sondern dass man nichts damit anfangen kann, siehe unten.
(Anmerkung: Auf Twitter sagt man mir, es gebe an manchen Schulen – kann nur außerhalb Bayerns sein – tatsächlich Handyverbote, und verspricht mir, eine derartige Hausordnung zukommen zu lassen. Also gut, mal sehen.)
Ich halte es jedenfalls für kontraproduktiv, immer wieder gegen das Handyverbot zu wettern, weil damit Eltern, Schülern und Lehrern suggeriert wird, es gäbe eines.

Zweitens: „Die Schule als analoges Idyll, in dem Kinder und Jugendliche fernab von Elektronik konzentriert und ohne Ablenkung lernen.“
Mein Problem: Es gibt dieses Idyll nicht. Wir haben Beamer, Rechner und Internet in jedem Klassenzimmer; die Schüler sollen mit Moodle arbeiten (und mögen das gar nicht). Ob gut oder schlecht, Schule ist schon lang kein analoges Idyll mehr.

Drittens: „Viel zu selten treffen Jugendliche auf Erwachsene, die ihnen im Umgang mit digitalen Medien auf Augenhöhe begegnen und ihnen ein Vorbild sein können.“
Mein Problem: Liegt an meiner Filterblase, ich kenne halt viele solche Erwachsene. Die nehmen sich Schüler nur wenig zum Vorbild.

Viertens: „Dazu braucht es freilich Lehrer, die bereit sind, sich auf die digitalen Medien einzulassen. Diejenigen, die das tun, berichten viel Gutes.“
Ja, schon. Ich bin bei vielen Berichten, die ich lese, skeptisch.

Fünftens: „Die digitalen Medien sind gut geeignet, Schüler aus ihrer passiven Rolle herauszuführen, sie fördern selbständiges und kooperatives Lernen.“
Mein Problem: Glaube ich insofern nicht, als „gut“ heißt „besser als ohne“. Es gibt selbstständige und kooperative Lerner, und andere. 2003 habe ich eine Facharbeit zum Thema Blogs in der Schule vergeben, da hieß es in der spärlichen Skeundärliteratur auch, wie sehr Blogs das Schülerleben revolutionieren, weil Schüler so gerne über sich selber schreiben. Bitte was? dachte ich mir damals schon. Ich warte noch auf die Revolution.

Sechstens: „Schulen, die sich mit dem Thema immer noch nicht tiefgehend beschäftigt haben, laufen Gefahr, teure Geräte anzuschaffen, ohne sie sinnvoll zu nutzen.“
Mein Problem: Solange eine Schule für 2000 Schüler und Lehrer eine Internetverbindung hat, die halb so schnell ist wie meine zu Hause (und selbst die ist nicht besonders schnell), brauchen wir über sinnvollen Nutzen nicht zu reden. Wir können nicht Schüler von zu Hause aus auf das Schulnetz zugreifen lassen, Schüler individuell Videos anschauen lassen, WLAN anbieten. Wenn das mal da ist, reden wir weiter. Ohnehin sind die Geräte nicht das Problem, sondern die Wartung. Solange Lehrer nebenbei Hard- und Software warten, wird das nichts.

Siebtens: „Inzwischen wenden sich nur noch ganz wenige Lehrer grundsätzlich gegen den Einsatz der neuen Medien im Unterricht. Allerdings fühlen sich die meisten unsicher und wissen nicht, was man mit ihnen machen kann.“
Siehe oben. Ohne Internet geht wenig. Ohne digitale Schulbücher auch nicht. Könnte sich jemand bitte darum kümmern, dass wir sinnvolle digitale Schulbücher kriegen? Die digitalen Bildungseuphoriker, die ich kenne, halten Schulbücher ohnehin für unnötig, solange es das Internet gibt. Ist für meine Fächer gut (Deutsch, Informatik) oder nicht (Englisch) denkbar, auch für Mathematik kann ich mir das kaum vorstellen, aber, wie gesagt, es gibt kein Internet. Geht es darum, dass die Schüler zu Hause mehr mit „neuen Medien“ machen sollen? Die werden uns was husten.

Achtens: „Doch der Wille muss zuallererst der Wille der Pädagogen sein, sie müssen wissen, wie sie die neuen Medien einsetzen.“
Ein weiteres Problem: Ich weiß schon, wie ich sie einsetze. Die wenigstens, die ich möchte, darf ich einsetzen – Urheberrecht und Datenschutz. Aber vielleicht ist da nur Bayern besonders streng.

Fazit: Im Artikel steht nichts von digitalen Schulbüchern, nichts von Breitband, nichts davon, ob die Schüler zu Hause oder in der Schule digital arbeiten sollen (und das halte ich für eine essentielle Frage), nichts von Systembetreuung. Nur der Wille der Lehrer fehle. Fragt mal die Telekom, den Sachaufwandsträger, die Schulbuchverlage und die Rechtsabteilung vom Kultusministerium, wie sehr mein Wille die interessiert.

Wie viel Wochen hat ein Schuljahr, die Fortsetzung

Hier hatte ich mal zusammengerechnet, wie viele Wochen ein Schuljahr tatsächlich lang ist. In diesem Schuljahr habe ich gezählt, wie viele Stunde Unterricht ich tatsächlich halte, also wie viel ausfällt aus schulinternen Gründen, durch Feiertage, durch Fortbildungen oder Krankheit.

Der Lehrplan für das bayerische Gymnasium ist ausgelegt für 28 Schulwochen. Die übrige Zeit ist für Projekte und Wiederholung vorgesehen:

Bei den Fachlehrplänen wurde von 28 Wochen (bei Jahrgangsstufe 12 nur von 21 Wochen) Unterricht für die verbindlichen Lernziele und Lerninhalte ausgegangen. Der bei 52 Jahreswochen, abzüglich der Ferienwochen, verbleibende Gestaltungsraum erlaubt nicht nur das für nachhaltiges Lernen und für Leistungserhebungen erforderliche intensive Üben, Wiederholen und Vertiefen, sondern ermöglicht auch Studienfahrten und fächerverknüpfende sowie fächerübergreifende Vorhaben.

(Quelle beim ISB, aber die Links dort sind notorisch kurzlebig.)

Tatsächlich bedeutet „52 Jahreswochen, abzüglich der Ferienwochen“ etwa 38 Wochen, so habe ich das damals ausgerechnet. Warum nicht gleich so sagen?
Das erste Halbjahr 2014/15 bestand so ziemlich genau aus 19 Wochen bis zum Zwischenzeugnis (minus 1 Tag), das zweite Halbjahr besteht ebenfalls aus exakt 19 Wochen. Die Ferien sind jeweils abgezogen, die Feiertage nicht, von denen durchaus ein paar mehr im zweiten Halbjahr auf Schultage fallen können als im ersten.

Fazit aus dem 1. Halbjahr: Die Mindestvorgaben aus dem Lehrplan (14 Wochen pro Halbjahr) werden in allen meinen Klassen erfüllt. Mein einstündiges Fach, Freitagnachmittag in der 7. Stunde, kommt dabei am schlechtesten weg – dabei halte ich die Stunde auch am Freitag vor allen Ferien, weil die Schüler auch da Interesse haben.
Außerdem spielt es eine Rolle, an welchem Wochentag die Stunden liegen. Am wenigsten ist im ersten Halbjahr am Montag ausgefallen, am meisten am Freitag, dicht gefolgt von Dienstag, dicht gefolgt von Mittwoch. Am Donnerstag bin ich nicht an der Schule, deshalb ist da natürlich nie etwas ausgefallen bei mir.

Wieviel Prozent auf Krankheit meinerseits, Fortbildung oder Unitätigkeit meinerseits, auf optionale Schulveranstaltungen (Gottesdienst, Konferenzen, Kollegenklausuren) und auf Feiertage entfallen: darf ich hier natürlich nicht sagen. Auch nicht, wie viele Stunden es insgesamt warten. Bleibt die Frage: Habe ich neben den 14 Wochen pro Halbjahr, die ich für den Lehrplan brauche (also 56 Stunden im vierstündigen Fach, 42 im dreistündigen, 28 im zweistündigen und 14 im einstündigen), noch genügend Zeit für „nachhaltiges Lernen und [das] für Leistungserhebungen erforderliche intensive Üben, Wiederholen und Vertiefen [und] fächerverknüpfende sowie fächerübergreifende Vorhaben“? Sagen wir: diese Stundenzahl ist natürlich geringer als die maximale Soll-Stundenzahl (Krankheit, Fortbildung, Gottesdienst, Feiertage, Weihnachtsbasar, Personalausflug, Wandertag), aber durchaus noch okay. Aber einstellig. Echtes intensives Üben, Wiederholen und Vertiefen ist ja eh nicht wirklich vorgesehen.

Nachtrag zum 2. Halbjahr

In dem einen Schuljahr, in dem ich akribisch jede gehaltene und nicht gehalten Stunde notiert haben, ergibt sich: Im zweiten Halbjahr habe ich unwesentlich mehr Unterrichtsstunden gehalten als im ersten, abgesehen vom Wahlunterricht am Freitag in der 7. Stunde, wo ich im zweiten Halbjahr tatsächlich zwei Stunden weniger gehalten habe.

In diesem Falle stimmt es also nicht, dass das zweite Halbjahr kürzer ist als das erste: Im Gegenteil. Durch Feiertage fiel im 1. Halbjahr mehr aus, allerdings war ich auch selber im 1. Halbjahr etwas öfter abwesend (z.B. an der Uni) als im 2. Halbjahr. Dennoch mein Fazit: Die häufigen Klagen darüber, dass das 2. Halbjahr kürzer ist, sind unbegründet – wenn man einrechnet, dass auch nach Notenschluss noch Unterricht stattfindet.

Fortbildung zur erweiterten Schulleitung

Letzte Woche war ich auf einer Fortbildung des Hauptpersonalrats zur erweiterten Schulleitung. Über die Fortbildung darf ich nichts erzählen, eigentlich nicht mal, dass ich überhaupt dort war, denn über alles, was ich im Rahmen meiner dienstlichen Tätigkeit erfahre, muss ich Stillschweigen bewahren. Ich darf nicht mal sagen, dass der Veranstaltungsort gut geeignet war (nur wenige Fußminuten vom Nürnberger Bahnhof entfernt) und die Verpflegung auch sehr gut war (im Haus; dazwischen Kaffee und Kuchenstücke).

Also beschränke ich mich in diesem Blogeintrag auf Informationen aus öffentlich zugänglichen Quellen.

Zum Hauptpersonalrat: Die Beschäftigten des Ministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst (und Sport? war Sport nicht auch dabei?) werden durch den Hauptpersonalrat vertreten. Dabei gibt es sieben Gruppen, die wohl nicht viel miteinander zu tun haben: Arbeitnehmer (ohne Lehrer), Beamte (ohne Lehrer), Lehrer am Gymnasium, der Realschule, der beruflichen Schule, der Volksschule, und an Förderschulen und Schulen für Kranke. Die Beschäftigten an den Universitäten etwa gehören zum Großteil in die erste Gruppe.

In der Gymnasialgruppe im HPR sitzen 3 Lehrer, und wenn wir am Gymnasium vom HPR sprechen, meinen wir meist diese Gruppe. Eine eigene Webseite hat der HPR nicht, das dürfte von allen Verantwortlichen auch so gewollt sein. Stattdessen gibt es auf den Webseiten der einzelnen Verbände Informationen zum HPR, für die Gymnasiallehrer auf den Seiten des Bayerischen Philologenverbands (dem auch alle aktuellen HPR-Mitglieder angehören), für die Realschullehrer beim Bayerischen Realschullehrerverband. Manche der unter HPR gelisteten Einträge sind allerdings nur für Verbandsmitglieder zugänglich; hier wäre mir etwas mehr Trennung lieber.

Auslöser für diese Sache mit der eigenverantwortlichen Schule war der Koalitionsvertrag zwischen CSU und FDP (2008-2013). Dort steht unter anderem:

Wir werden in den nächsten zwei Jahren die Eigenverantwortung der Schulen stärken. Es ist die Aufgabe der Schulgemeinschaft, pädagogische Konzepte vor Ort selbständig zu entwickeln und umzusetzen. Ziel ist die eigenverantwortliche Schule in Bayern. Dazu werden die schulrechtlichen Bestimmungen geändert.

(Dort steht allerdings noch viel mehr, das nicht umgesetzt wurde. Warum also ausgerechnet das? Misstrauische Lehrer denken da erst mal an die Möglichkeit von Sparmaßnahmen.)

Jedenfalls hat das dann zu einer Gesetzesänderung im BayEUG geführt. Dort stehen seit 2013 jetzt zwei neue Sachen:

Art. 57 (2) Satz 3:
Die Schulleiterin oder der Schulleiter kann Lehrkräften Weisungsberechtigung für ihnen übertragene Fachaufgaben erteilen, soweit Rechts- und Verwaltungsvorschriften dies vorsehen.

Für das Gymnasium heißt das, dass es jetzt neben der Schulleitung selber noch weitere weisungsbefugte Vorgesetzte geben kann. Bislang hat einem ja nur der Schulleiter oder die Schulleiterin etwas zu sagen, sonst niemand; auch die Beschlüsse der Fachkonferenz sind nicht bindend. Die Schulleitung kann das jetzt delegieren, etwa an einen Fachbetreuer. Was genau eine Schulleitung überhaupt de jure anweisen kann, ist nicht ganz klar; die pädagogische Verantwortung und Entscheidungsgewalt für den Unterricht trägt weiterhin die einzelne Lehrkraft. Die Schulleitung kann zum Beispiel nicht vorschreiben, welche Lektüre gelesen wird. (Vorgesetzte im Sinn einer Beurteilung bleibt aber weiterhin nur die Schulleitung.)

Und neu ist vor allem das hier:

Art. 57a:
(1) 1 An staatlichen Schulen kann das zuständige Staatsministerium auf Antrag der Schulleiterin oder des Schulleiters zur Unterstützung bei der Erledigung der Aufgaben gemäß Art. 57 Abs. 1 bis 3 eine erweiterte Schulleitung einrichten. 2 Die Entscheidung über den Antrag erfolgt nach Maßgabe der im Staatshaushalt bereitgestellten Stellen und Mittel.
(3) 1 Die erweiterte Schulleitung besteht aus dem ständigen Vertreter sowie erforderlichenfalls weiteren staatlichen Lehrkräften mit Führungs- und Personalverantwortung nach Maßgabe der Rechts- und Verwaltungsvorschriften. 2 Die Mitglieder der erweiterten Schulleitung sind gegenüber den ihnen von der Schulleiterin oder dem Schulleiter zugeordneten Lehrkräften weisungsberechtigt.

Wie diese erweiterte Schulleitung aussieht, ist von Schulart zu Schulart wohl verschieden; ich habe mich nur über das Gymnasium informiert. Also: Sofern und solange im Landeshaushalt Geld dafür vorgesehen ist, kann eine Schule das beantragen. Schule heißt: Der Schulleiter oder die Schulleiterin entscheidet. Je nach Anzahl der Lehrkräfte an der Schule gibt es dann eine Reihe zusätzlicher Stellen. Zur erweiterten Schulleitung gehören dann der Stellvertreter oder die Stellvertreterin, die bisherigen Mitarbeiter im Direktorat, und eben drei oder vier neue Mitglieder. Auf diesen Personenkreis können dann erstens die verschiedenen Aufgaben verteilt werden, die bei der Leitung einer Schule entstehen (Vertretungsplan, Öffentlichkeitsarbeit, Fortbildung, Homepage); wie das gemacht wird, entscheidet die Schule individuell. Zweitens führt dieser Personenkreis Unterrichtsbesuche bei Kollegen durch (jedes Mitglied betreut etwa 14 davon, und erhält dafür zusätzliche Anrechnungsstunden), führt Personalgespräche und wirkt bei der Berurteilung dieser Kollegen mit. Zumindest zur Zeit sind diese Unterrichtsbesuche allerdings nicht Teil der Beurteilung; das kann sich aber noch ändern.

Diese neuen Stellen haben eine Wertigkeit von 1 im Funktionenkatalog, das heißt, man wird potentiell zum Studiendirektor befördert (Besoldungsgruppe A15), und das wohl auch recht schnell. Als Kandidat dafür kommt nur in Frage, wer bereits OStR oder StD ist und eine andere Funktion innehat, die ebenfalls potentiell zum Studiendirektor führt, wenn wohl auch erst viel langsamer, da diese Funktionen eine niedrigere Wertigkeit haben. (Den Funktionenkatalog gibt es zum Beispiel hier.) Das neue Mitglied der ESL behält seine bisherige Funktion dabei weiter bei. Es sitzen danach also nicht mehr Personen auf potentiellen A15-Stellen, aber für ein paar geht es etwas schneller. Wie viele A15-Stellen es tatsächlich gibt, hängt vom Finanzministerium ab.

Politischer Hintergrund: Eine A15-Stelle heißt in der Regel Personalverantwortung und Führungsaufgaben. Und an der Schule gibt es ohne erweiterte Schulleitung de jure kaum solche Aufgaben – wieso also A15 für manche Lehrer? Führung von Schülern zählt da ja nicht. Gerüchteweise hätte das Finanzministerium es ja ohnehin lieber, diese vielen A15-Stellen irgendwie ganz abzuschaffen.

Dreh- und Angelpunkt ist wohl die Umsetzung des Konzepts an einzelnen Schulen. Auf der Fortbildung gab es viele sehr interessante Erfahrungsberichte und Konzepte dazu, aber die darf ich allenfalls bei einer Tasse Kaffee irgendwo weitergeben. Dienstliches Stillschweigen.

Auch an anderen Schularten führt die Einführung der erweiterten Schulleitung zu Veränderungen. Davon kriege ich nur wenig mit.

KW 45

Aus der Schule nicht viel Neues. Aber Spaß macht es schon – ich habe drei Klassen in der Q11 dieses Jahr, Informatik und Deutsch. Am Elternsprechabend werden nicht viele Eltern bei mir auftauchen, vermute ich mal. Leider hatte ich dann keine Zeit, am Freitag eine Ex (in Bayern: unangekündigte schriftliche Prüfung) für Informatik vorzubereiten. Ich hatte in der Stunde zuvor nämlich den Eindruck, dass die Schüler den Stoff, ein sehr zentrales Kapitel, gut verstanden hatten. Das bildet man sich als Lehrer aber schnell ein, deswegen lohnt sich gerade dann eine Überprüfung. Aber, wie gesagt, keine Zeit.

Auch an der Uni läuft das Semster gut. Die zweite Runde Vorlesung Fachdidaktik macht schon sehr viel weniger Arbeit als beim ersten Mal. Man beginnt erst mal damit, das Datum auf der Masterfolie auszuwechseln… nein, ich stelle schon auch die Reihenfolge um, lass manches weg, ergänze neuen Kram, und habe mir vor allem mehr Zeits fürs Wiederholen vorgenommen. Vorlesung und Übung in einem, sozusagen. So einen richtigen Vortrag halte ich ohnehin nicht durch, dafür bin ich auch nicht gut genug.
Aber schon erstaunlich: In der Schule fange ich eigentlich jedes Jahr von vorne an, ohne zu wissen, was als Lektüre drankommen wird, ohne feste Reihenfolge. Bei Deutsch (bis zur Oberstufe) und auch Informatik (in der 10. Jahrgangsstufe) gibt es keine Reihenfolge, die durch den Stoff vorgegeben ist. Vielleicht sollte ich das in der Schule auch mehr durchorganisieren.

In der FAZ steht etwas zu Das Gymnasium – Ruine einer Utopie? Das meiste kann ich unterschreiben. Ob das allerdings schlecht ist, dass das Abitur immer leichter und immer besser benotet wird, das weiß ich nicht.

Bei Frau Streng ist der LehrplanPlus angekommen, aber sie schreibt vorerst nichts dazu. Klingt aber nicht enthusiasmiert. In einer Pressemitteilung zur „Weiterentwicklung des bayerischen Gymnasiums“ werden die „vier Säulen“ vorgestellt, auf denen es fußt:

  1. Es gibt „neue pädagogische Spielräume“ – man kann jetzt in Doppelstunden unterrichten, oder auch nur halbjahresweise (und dann halt doppelt so viel Stunden im Halbjahr). Doppelstunden gelten gerade als Allheilmittel, ich bin selber auch dafür, aber sowohl das mit den Doppelstunden als auch das mit dem Epochenunterricht ist seit vielen, vielen Jahren möglich.
  2. Der Lehrplan PLUS kommt. „Auf kleinteiliges, detailliertes Abfragewissen wird dabei verzichtet; Ziel ist vielmehr der Erwerb eines intelligenten, anschlussfähigen Wissens, das der Einzelne selbstständig erweitern kann.“ Auch das überzeugt mich sehr wenig. In meinen Fächern – Deutsch, Englisch, Informatik – ging es noch nie um kleinteiliges, detailliertes Abfragewissen. (Außer bei Vokabeln im Englischunterricht. Aber die will man uns doch nicht auch noch nehmen?) Es geht immer schon darum, dass Schüler Texte verstehen und erstellen können, und dass sie modellieren und programmieren und strukturieren können. Siehe FAZ oben: das Zauberwort von der „Entschlackung der Lehrpläne“ ist Unfug.
    Allerdings: so richtig zufrieden bin ich mit den Fähigkeiten zum Umganbg mit Texten nicht. Im letzten Kontaktbrief Deutsch (aus dem ISB, sozusagen dem pädagogischen Arm des Ministeriums; Link zur Zeit nicht möglich, da Server nicht läuft) steht auch, dass Schüler mehr schreiben sollen. Das sehe ich auch so, aber das muss dann halt auch jemand lesen.
  3. „Lehrerbildung.“ Keine Ahnung, was damit gemeint ist. Steht auch nicht wirklich was dazu in der Pressemitteilung. Gibt es da nicht irgendwelche Pressemappen, die an Lehrer- oder Bildungsblogger gehen?
  4. Mittelstufe Plus: Nachdem beim Flexijahr kaum Schüler mitmachen, sollen Schulen jetzt – parallel zu regulären Klassen – weitere Klassen einrichten können, in denen die Mittelstufe in 4 statt in 3 Jahren durchlaufen wird. Bedarf für ein zusätzliches Jahr haben laut Schulministerium „etwa ein Viertel der Schülerinnen und Schüler“, mögliche Gründe dafür sind: „z. B. auch wegen eines Auslandsaufenthalts, inner- oder außerschulischen Engagements, musischer oder künstlerischer Betätigung“. Andere Gründe werden keine genannt. Die Realität dürfte anders aussehen.

Ansonsten am Freitag erstes Treffen der Pilot-Medienscouts an unserer Schule.

Nachtrag: Frau Streng ergänzt, welche Unterschiede der neue Lehrplan PLUS für die bayerischen Grundschulen macht. (Spoiler: Wenig.)