William Golding, Lord of the Flies (und ein bisschen Madagaskar)

Herr der Fliegen war zu meiner Schulzeit eine häufige Klassenlektüre; ich kannte den Namen und den Inhalt, auch wenn ich das Buch nie gelesen hatte. Außerdem kannte ich “William Golding” aus den Regalen der Buchhandlungen, wo ich lange Zeit auf der Suche nach Büchern von William Goldman war. Golding kam direkt davor und noch häufiger ganz anstelle von Goldman. Und schließlich kannte ich das Buch noch aus Science-Fiction-Literaturgeschichten: Bei den Dystopien und Apokalypsen wird auch gerne mal Lord of the Flies aufgezählt. Immerhin spielt das Buch vor dem Hintergrund eines eben ausgebrochenen, möglicherweise atomaren Krieges. Ein Freund und Mitschüler war …

Malcolm Pryce, The Unbearable Lightness Of Being In Aberystwyth

Nach Aberystwyth, Mon Amour und Last Tango In Aberystwyth der dritte Krimi um Louie Knight, den Privatdetektiv in den mean streets von Aberystwyth. Ein wichtiges Element der Bücher ist die Prämisse: Aberystwyth in Wales ist so etwas wie das Los Angeles von Philipp Marlowe oder San Francisco von Sam Spade. Die Stadt ist von walisischen Barden kontrolliert, von Zeitungsjungen und Eiskremverkäufern bevölkert, gegessen wird Laverbread, in den Nachtclubs wird walisische Tracht getragen und heiße Blondinen hauchen walisisches Liedgut ins Mikrophon. Eine Parodie und Hommage zugleich auf die Pulp Fiction, und Wales wohl auch, obwohl ich mich da nicht so auskenne. …

Emma Bull, War For the Oaks

Ich weiß nicht mehr, wie ich auf dieses Buchgekommen bin. Irgendwer Estara hat es online gelobt als Begründer eines Subgenres der urban fantasy oder so ähnlich, seinen Nachahmern weit überlegen. Na ja. Ein ganz normaler Mensch, eine Rockmusikerin, wird in einen Streit in der Feenwelt hineingezogen, und all das mitten in Minneapolis. Nicht schlecht, aber nicht so mein Fall. Ich misstraue Rockmusikern, die wissen, wie man “Sidhe” ausspricht und schreibt. “Bodhran” lasse ich zur Not noch für den Wortschatz eines typischen Rockmusikers zu, aber “Sidhe”? (Zur Aufklärung, falls nötig: “sidhe” wird wie “she” ausgesprochen und heißt Elfe, elfisch – irische …

P. Howard, Ein Seemann von Welt

Gerade gelesen: Eine Abenteuergroteske von 1940. Die Leute heißen etwas ungewöhnlich (Jimmy Reeperbahn, Fred Unrat) und nehmen den Ehrenkodex der Unterwelt merkwürdig wörtlich. Wenn’s das allein wäre, gefiele mir das Buch nicht: Ich mag grotesk sehr gerne, aber reine Absurdität langweilt mich. Ich brauche Handlung. Glücklicherweise gibt es auch davon genug: Tropische Inseln, Kapitäne, Piraten, verlorene Söhne, Revolutionen und Intrigen. Schiffe. Der Autor schreibt unter Pseudonym, mehr dazu hier. Viel habe ich zu dem Buch dennoch nicht zu sagen, und ich würd es gar nicht erwähnen, hätte es mich nicht an zwei andere Bücher erinnert: Einmal die Sammlung Kriminalsonette (1913) …

Ambrose Bierce, The Devil’s Dictionary

Weil ich vorgestern zu wenig Bierce zitieren konnte: Excerpts from The Devil’s Dictionary by Ambrose Bierce (written from 1881 to 1906) Acquaintance, n. A person whom we know well enough to borrow from, but not well enough to lend to. A degree of friendship called slight when its object is poor or obscure, and intimate when he is rich or famous. Adam’s Apple, n. A protuberance in the throat of man, thoughtfully provided by Nature to keep the rope in place. Antagonist, n. The miserable scoundrel who won’t let us. Comedy, n. A play in which none of our fellow-actors …

Abiturreden kurz

Da sehr viele Google-Sucher auf einen alten, sehr kurzen Eintrag zu Abiturreden kommen und dort keine große Hilfe finden, hier zwei kurze Tipps: Eine Audio-CD mit zwei Abiturreden von Wilhelm Genazino und Birgit Vanderbeke – also nicht von Schülern, sondern an Schüler (und zwar der Jahrgänge 1999 und 2000). Die erste Rede ist in Ordnung, die zweite sehr schwach. Noch interessanter ist eine Sammlung von Abiturreden. Der Amazon-Link führt aber nicht weit, das Buch ist vergriffen, Interessierte können ja mal bei zvab.de oder abe.com stöbern. – Mehr über diese Sammlung, wenn ich sie gelesen habe. Nur kurz: 1981 sammelte die …

Michael Roes, Leeres Viertel Rub’ Al-Khali

Die Geschichte spielt im Süden von Arabien, im Jemen. Es sind zwei Geschichten: Im späten 18. Jahrhundert bricht eine Forschergruppe aus Weimar dorthin auf. Dokumentiert wird deren Reise durch das Tagebuch Alois Ferdinand Schnittkes – ein Tagebuch, das nicht ganz vollständig erhalten ist. Die Forscher erleben orientalische Abenteuer – Verbrecherbanden, Hinrichtungen, Sklavenschiffe, Flucht in Frauengewändern – auf ihrem Weg zu einem Ziel, das lange nicht offenbar wird. Ende des 20. Jahrhunderts bricht ein junger deutscher Volkerkundler in die gleiche Gegend auf. Sein Ziel sind ethnographische Studien, er sammelt und untersucht Spiele der arabischen Welt. Auch er führt Tagebuch, und er …

6 Fragen zu Büchern

Auf speziellen Wunsch hin: 1. You’re stuck inside Fahrenheit 451, which book do you want to be? Wer’s nicht weiß: In Fahrenheit 451 von Ray Bradbury sind Bücher verboten und werden verbrannt. Manche Leute lernen heimlich Bücher auswendig, um sie so zu retten. Mein Buch wäre Geoffrey Chaucer, The Canterbury Tales. Es ist leicht auswendig zu lernen, da in Versen geschrieben (im 14. Jahrhundert in England). Mein Mittelenglisch ist ordentlich, ich kann jetzt schon einige Chaucer-Fragmente auswendig – mehr als von jedem anderen Buch jedenfalls. Leichter als Mittelhochdeutsch ist es allemal, wenn man schon Englisch kann. Vor allem macht es …

Georges Perec, A Void

Das Buch, das ich kürzlich zurück in das Schrankfach tat, ist im Original französisch und trägt dort als Inschrift “La Disparation”. Die Fassung Das Buch aus London hat aber dafür “A Void” vorn am Umschlag. Und darum rankt sich manch’ Arkanum. Und zwar nämlich: (Das ist anstrengend. Ich geb’s auf! Weiter ganz normal.) Ich mag Kuriositäten, und als Kuriosität ist mir dieses Buch begegnet: La Disparation von Georges Perec. Gelesen habe ich es in der englischen Übersetzung A Void von Gilbert Adair. Der gesamte Text des Buches enthält kein einziges Mal den Buchstaben “e” – den häufigstenBuchstaben im Französischen, Englischen …

Storisende No. 1113

(Eine Buchgeschichte.) Ich habe mir einen Wunsch erfüllt. Vor zwölf Jahren stand ich in der Unibibliothek in Augsburg und betrachtete ehrfürchtig-liebevoll achtzehn grün eingebundene Bände im Regal: Die Storisende-Ausgabe der Biographie von Manuel von James Branch Cabell. Cabell hat später noch viele weitere Bücher geschrieben, aber sein Hauptwerk ist die Biographie von Manuel, ein Roman in 18 Bänden. Sozusagen. Man könnte sie auch realistischer als 18 Bände mit Romanen, Kurzgeschichten, Essays und ein wenig Lyrik zu einem gemeinsamen Thema und mit einem verbindenden Element nennen: Es geht um den legendären Dom Manuel und seine Nachkommenschaft durch die folgenden Jahrhunderte. Die …