Andre Norton

Andre Norton ist gestorben. 93 Jahre, hat anscheinend immer noch geschrieben, und ich wusste natürlich nicht, dass sie überhaupt noch lebte. Sie war nie eine meiner Lieblingsautorinnen, aber ich habe doch alle Hexenwelt-Romane aus der Terra-Fantasy-Reihe gelesen. Zugeben, ich habe sowieso alles gelesen aus dieser Reihe, was ich gefunden habe, aber die Norton-Romane waren mit die Glanzlichter, neben Abraham Merritt, REH, und den ausgezeichneten Anthologien (in denen ich zum ersten James Branch Cabell, Jorge Luis Borges, Lord Dunsany und Peter S. Beagle begegnete).

Ein prägender Teil meiner Jugendjahre.

Die schönsten Sachen aus dem Future Dictionary

Vor kurzem habe ich schon etwas über The Future Dictionary of America geschrieben. Inzwischen habe ich noch ein paar schönere Einträge drin gefunden:

  • Bookmonster Babs: eine sagenhafte Gestalt, die an jedem Jahrestag des ersten gelesenen Wortes zu einem Kind kommt und ihm Buchgeschenke bringt. Babs hat lila Fell und gelbe Zauberstiefel. Am Vorabend des Jahrestages versuchen Kinder Babs anzulocken, indem sie ihr ein Buch mit Zeichnungen und selbst ausgedachten Geschichten erstellen. (Anne Ursu)
  • Adulteration: Den inneren Erwachsenen in sich entdecken (nachdem man festgestellt hat, dass das innere Kind ziemlich nervig ist); die Baseballkappe wieder richtig herum aufsetzen. (Marilynne Robinson)
  • and-yet: wird wie ein Wort ausgesprochen, Betonung auf der zweiten Silbe. Ein satzwertiges Element, findet sich oft am Schluss von Äußerungen und bedeutet soviel wie „Aber ganz hundertprozentig richtig ist das nicht.“ (Nicole Krauss)
  • home accompanist: ein Musiker zu Hause, der für Familienfeste und -aktivitäten eine passende Hintergrundmusik spielt – bei Mahlzeiten, Abfahrten, Ankünften, Partys, zur Schlafenszeit und so weiter. Sie lassen die Leben ihrer Gastgeber bedeutsamer, wichtiger und filmartiger erscheinen. (John Henry Fleming)

Alles über die Giraffe (McSweeney’s III)

Viele von uns sind mit den Was-ist-Was-Büchern aufgewachsen. Giraffes? Giraffes! ist auch so ein Buch. Es enthält einige Fotos (in diesen leicht pastelligen Kinderbuch-Tönen), deutlich mehr Zeichnungen und viele Diagramme. So erfährt man alles Wissenswerte über die Giraffen: Ihre evolutionären Vorläufer, warum sie diese Flecken haben und welche verschiedenen Muster es gibt, wo die Giraffen herkommen, ihren Lebensraum, ihre Spiele, ihre natürlichen Feinde, berühmte Giraffen, den Zusammenhang zwischen Giraffen und Ölförderung, Madagaskar, Aufstieg und Niedergang der Giraffen-Schiffbauindustrie, die Geschichte der Fehde zwischen den Giraffen und dem Landwirtschaftsminister Donald J. Pendleton, giraffische Aberglauben, außerirdische Herkunft der Giraffen, und vieles andere mehr.

Anders gesagt, dieses Buch, Band I der Reihe The Haggis-On-Whey World of Unbelievable Brilliance, herausgegeben von Dr. und Mr. Doris Haggis-On-Whey, den „weltberühmten Forschern und Entdeckern“, sieht aus wie ein Sachbuch für Kinder, enthält aber nur Blödsinn.
Zu Giraffenmuster Nummer 2 heißt es zum Beispiel:

This pattern is a very distinguished pattern, passed down through many generations, and originating in Hungary. Long ago, some Hungarian giraffes decided to arrange their patterns this way, in hopes that they would be able to control the weather this way. It didn’t work, but the patterns remain. These giraffes do not smell good.

Mehr kann man über die Giraffe nicht wissen wollen. Auch dieses Buch, wie schon die letzten beiden, bei McSweeney’s auf deren Einkaufsseite. Es kostet zwar 24 US-Dollar, ist aber aber auch sehr, sehr liebevoll aufgemacht. Gibt’s auch bei Amazon.

It want the vehicle!

Weitere Abenteuer aus dem Portugiesisch-Englisch-Sprachlehrbuch von 1855.

Reisende scheinen früher wie heute grundsätzlich betrogen und übervorteilt zu werden, und sind ständig am jammern. (Thurber hatte das ja schon festgestellt.) Kaum mal ein Wort des Dankes, nur Klagen:

For to ride a horse:

Here is a horse who have a bad looks. Give mi another; i will not that. He not sall know to march, he is pursy, he is foundered. Don’t you are ashamed to give me a jade as like? he is undshoed, he is with nails up; it want to lead to the farrier. He go limp, he is disable, he is blind. That saddle shall hurt me. The stirrups are too long, very shorts. stretch out the stirrups, shorten the stirrups. The saddles girths are roted, what bat bridle? Give me my whip. Fasten the cloak-bag and my cloak.

Das Dienstbotenproblem war auch im 19. Jahrhundert nicht gelöst:

From the house-keeping:

– I don’t know more what i won’t with they servants.
– I tell the same, it is not more some good servants.

Kultiviertes Gespräch nach dem Theaterbesuch:

For the comedy:

– Were you go to the theatre yesterday?
– Yes, sir; i won’t to see the new play in which did owed to play and actress which has not appeared on any theatre.
– What you say of the comedy? Have her succeeded?
– It was a drama; it was whistted to the third secene of last act.
– Because that?
– It want the vehicle, and the intrigue it was bad conducted.
– So that they won’t waited even the upshot?
– No, it was divined. In the mean time them did diliver justice to the players which generaly have play very well.
– That is right.
– At the exception by a one’s self, who had land very much hir’s part.
– It want to have not any indulgence toward the bat buffoons.
– It have wondered the spectadors.

Schließen wir mit einem alten englischen Sprichwort:

The stone as roll not heap up not foam.

The Future Dictionary of America (McSweeney’s II)

„This dictionary was conceived as a way for a great number of American writers and artists to voice their displeasure with their current political leadership, and to collectively imagine a brighter future.“

Dieses fiktive Lexikon stammt aus der näheren Zukunft, einer schönen Zukunft, in der Bush nur Vergangenheit ist. Genauer: Es ist die 6. Auflage nach 2016. Es enthält kurze Lexikoneinträge wie den obigen, verfasst von knapp 200 Autoren und Zeichnern. Diejenigen davon, die ich kenne zumindest dem Namen nach kenne: Jonathan Ames, Paul Auster, Charles Baxter, T.C. Boyle, Peter Carey, Michael Chabon, Dave Eggers, Jefrey Eugenides, Jonathan Franzen, Glen David Gold, Stephen King, Eric Larsen, Barbara McClintock, Rick Moody, Joyce Carol Oates, Art Spiegelman, Kurt Vonnegut (wenn auch nur mit einem Beitrag) – und eben 170 weitere.
Autoren, Künstler, Velagsangestellte haben ohne Bezahlung an diesem Buch gearbeitet, der gesamte Erlös geht an verschiedene Gruppen, die ihre Unzufriedenheit mit der Regierung Bush Ausdruck verleihen.

Die Einträge sind natürlich sehr zeitgebunden; der oben abgedruckte bezieht sich auf den Patriot Act, der der Polizei zum Beispiel einfachen Zugriff auf die Ausleihdaten von Bibliotheksbenutzern ermöglicht. (Wegen Bombenbaubüchern, oder was auch immer.) Ein Großteil sagt mir auch gar nichts, dazu kenne ich mich in amerikanischer Tagespolitik dann doch zu wenig aus.
Ich habe mir das Buch aber auch wegen der beiligenden CD gekauft – 22 Lieder, unter anderem von David Byrne, R.E.M., They Might Be Giants und Tom Waits.

Kaufen kann man das Buch, wie das von gestern, bei McSweeney’s. McSweeney’s ist eine Art Mischung aus Die andere Bibliothek und Der Rabe – Literaturmagazin und liebevoll-exotischer Kleinverlag mit schön aufgemachten Büchern. Gefunden bei McSweeney’s auf deren Einkaufsseite.
Gibt’s aber auch bei Amazon.
Eröffnet wird das Buch von „aaaaize“ (einem Verb), was soviel heißt wie sich vordrängeln, etwa in dem Satz: „During the hearings, the House Majority leader continued to aaaize the other congressmen by interrupting them.“ (Benannt nach der Praxis, sich seinen Namen so zu wählen, dass man ganz vorn im Alphabet steht.)

(Das gab’s auch schon bei Douglas Adams und John Lloyd, The Meaning of Liff: Aaalst. (noun) One who changes his name to be nearer the front.“ Sven Böttcher hat das Buch ins Deutsche übersetzt; dort eröffnet das Verb „aachen“ das Buch. Kann ich nur empfehlen, bei Amazon gibt’s die zweisprachige Ausgabe. Douglas Adams‘ zweitbestes Buch nach Die letzten ihrer Art; beide sind ganz anders als der Anhalter.)

English as She is Spoke (McSweeney’s I)

Mein Luftkissenboot ist voller Aale? So ähnlich jedenfalls.

English as She is Spoke – diesen Ausdruck hatte ich schon mehrfach da und dort aufgeschnappt. Jetzt weiß ich endlich, wo er herkommt: 1855 schrieb Pedro Carolino einen portugiesisch-englischen Sprachführer. Er konnte allerdings kein Englisch. Aber er hatte einen englisch-französischen Sprachführer, und ein französisch-portugiesisches Wörterbuch. Das musste reichen.

Herausgekommen ist ein Klassiker des unfreiwilligen Humors, dessen englische Ausgabe eben English as She is Spoke lautet. Das Portugiesische schenke ich mir, hier nur ein paar Beispiele für die englischen Teile:

Have you understand that y have said?
Do is so kind to tell me it.
Have him some children?
Apply you at the study during that you are young.
This bell have of a clear sound.
Remove you of the river.
He does me some kicks.

In einem ersten Teil stehen einige Vokabeln nach Wortfeldern geordnet, dann kommt ein Teil mit nützliche Ausdrücken, gefolgt von kurzen Dialogen in Alltagssituationen. Zum Beispiel beim Friseur, „With a hairdresser“. Ich kann mir den portugiesischen Touristen im 19. Jahrhundert vorstellen, der damit sein Glück in England versucht.

Master hair dresser, you are very lazy. You keep me back at home; i was to go out. If you not come sooner, i shall leave you to.
Shave-me.
Yours razors are them well?
Look to not cup me.
Comb-me quickly; don’t put me so much pomatum. What news tell me? all hairs dresser are newsmonger.
To morrow be more early; bring me any news. Are you great deal of customers?

Wer dadurch schon genug Englisch gelernt hat, kann sich an die Anekdoten im letzten Teil des Buchs wagen.

One eyed was laied against a man which had good eyes that he saw better than him. The party was accepted. „I had gain, over said the one eyed; why i see you two eyes, and you not look me who one.“

Die Geschichte ist sogar ganz lustig. Es hilft allerdings beim Verständnis, wenn man das Portugiesische mitlesen kann. (Ich kann zwar nur etwas Spanisch, aber das hilft auch schon.)

A little master frizzeled, perfumed and covered of gold, had leaded to the church, for to marry, a coquethish to the dye glistening the parson, having considered a minute that disfigured couple, told him: „Now before to pronounce the conjungo, let avow me for fear of quiproquo, which from both is the bride?“

Ganz abgesehen von dem verballhornten Englisch ist aber auch noch interessant, was Mitte des 19. Jahrhunderts für einen Reisenden als wichtige und nützliche Vokabel galt: Dienstboten (Coochman, Running Footman, Master of the horse, Sedan porter, Postilion, Woman who irons linens), wichtige Orte einer Stadt (The arsenal, The fortifications, The sink, The low eating house, The square places), Krankheiten (The asthma, The scrofulas, The bloody-flux, The itch, The melancholy) und Arzneien (The antimony, The cataplasm, The cautery, The diet, The marsh-mallow, The laudanum)

Einige dieser Punkte scheinen zu jeder Zeit ganz besonders wichtig zu sein. James Thurber schreibt in „There’s no Place Like Home“ (in My World – And Welcome to It) von einem Englisch-Französisch-Sprachführer, der ebenfalls nützliche Sätze enthält. Thurber liest die für den englischen Reisenden in Frankreich gedachten Sätze untereinander und offenbart die menschlichen Tragödien, die sich dort abspielen:

In the Customs Shed:
I cannot open my case.
I have lost my keys.
Help me to close this case.
I did not know that I had to pay.
I don’t want to pay so much.
I cannot find my porter.
Have you seen porter 153?

Kann man nicht schon die Verzweiflung in der Stimme des geplagten Reisenden hören? Es wird schlimmer:

On the Train:
Someone has taken my seat.
Excuse me, sir, that seat is mine.
I cannot find my ticket.
May I open the window?
Can you open the window, please?

At the Hotel:
Did you not get my letter? (Fängt ja schon mal gut an.)
I wrote to you three weeks ago.
I asked for a first-floor room.
If you can’t give me something better, I shall go away.
The chambermaid never comes when I ring.
I cannot sleep at night, there is so much noise.
I have just had a wire, I must leave at once.

Der Reisende hat auch im weiteren Verlauf von Thurbers Analyse nicht viel Glück. (Vermutlich steht aber tatsächlich in Reiseführern seltener: „Danke schön, Sie waren sehr freundlich“ als: „Wo ist die nächste Polizeistation?“)

English as She is Spoke ist bei McSweeney’s in einer neuen Ausgabe erschienen, die erstmals kein Nachdruck früherer Ausgaben ist, sondern eine neue Auswahl aus dem Originalwerk trifft. McSweeney’s ist eine Art Mischung aus Die andere Bibliothek und Der Rabe – Literaturmagazin und liebevoll-exotischer Kleinverlag mit schön aufgemachten Büchern. Gefunden bei McSweeney’s auf deren Einkaufsseite. Gibt’s aber auch bei Amazon.

(Mehr in weiterem Blogeintrag.)

Das Ende der Welt ist nah!

McSweeney’s Mammoth Treasury of Thrilling Tales enthält neu geschriebene Geschichten im Stil der alten Pulp-Erzählungen. Das Inhaltsverzeichnis passt im Stil dazu, und jede Geschichte wird von einer passend altmodisch-auftregenden Illustration eröffnet.

Eine der Geschichten ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: „Otherwise Pandemonium“ von Nick Hornby. Ein männlicher Teenager kommt an einen gebrauchten Videorecorder. Durch Zufall stellt er fest, dass der Recorder auch funktioniert, wenn keine Kassette eingelegt ist – dass er das aktuelle Fernsehprogramm zeigt, aber mit der Möglichkeit, durch Vorspulen in die Zukunft zu schauen.
Und so schaut sich der Held die Zukunft an. David Letterman, das Wetter, Verkehrsunfälle, Sportveranstaltungen. Er kommt selbst darauf, dass ihm das auch nicht dabei hilft, mit seinen Mitschülern etwa cool und lässig über Sport zu reden. Also himmelt er weiter still eine Mitschülerin an und schaut alleine weiter in die Zukunft. Schaut sich die Episode an, in der Joey und Phoebe heiraten, aber meistens spult er einfach vorwärts: ständig den Daumen auf dem Knopf der Fernsteuerung. Irgendwann fällt ihm auf, dass die Nachrichtensendungen immer länger werden. Und irgendwann kommen nur noch Nachrichten. Und irgendwann dann nur noch Rauschen. Static. Kein Bilder mehr. Nur noch Rauschen. Er spult zurück, schaut sich die Nachrichtensendungen noch einmal genauer an.

Er erzählt der Mitschülerin davon, zeigt ihr den Recorder und das Programm, und die beiden beschließen, ihre noch verbleibende Zeit zu nutzen.

– Mich hat diese Geschichte an eine andere erinnert, die ich vor über zwanzig Jahren gelesen haben muss, und die ich versuche wiederzufinden. Sie war möglicherweise in einem alten Heyne-SF-Taschenbuch abgedruckt. Es geht darin um ein Medium, das in die Zukunft schauen kann, oder das vielleicht auch nur behauptet, so genau weiß ich das nicht mehr. Tatsächlich kann diese Person aber sehen, wenn jemand in Kürze, also ein paar Monaten, stirbt: dann erkennt sie in der Handfläche der jeweiligen Person einen großen schwarzen Punkt.
Und irgendwann sieht sie immer mehr schwarze Punkte an immer mehr Menschen, und irgendwann sieht sie dann an jedem schwarze Punkte, ohne genau zu wissen, was es ist, dass da kommen wird.

Wenn mir irgend jemand mit Details zu dieser Geschichte aushelfen könnte, wäre ich sehr verbunden.

Ray Bradbury, Löwenzahnwein (mit Rezept)

Bradbury ist einer der ganz, ganz Guten.
Dandelion Wine (dt. Löwenzahnwein) ist wie viele der Romane von Bradbury eigentlich eine thematisch verbundene Sammlung von Kurzgeschichten. Die Verbindung ist diesmal Douglas Spaulding, zwölf Jahre alt, und der Sommer, den er Anfang der 30er Jahre in Bradburys fiktiver Kleinstadt Green Town, Illinois erlebt. Er führt eine Liste, was er in diesem jahr, in diesem Sommer, alles zum erstenmal gemacht hat. Amazon.de drückt es gut aus:

„Es ist ein Sommer voller Schrecken und Wunder, den der zwölfjährige Douglas Spaulding in Green Town, Illinois, erlebt. Es kommen vor: ein Trödler, der Leben rettet; ein Paar Turnschuhe, in denen man schnell wie eine Gazelle laufen kann; eine menschliche Zeitmaschine; eine Hexe aus Wachs, die wirklich die Wahrheit sagt; ein Mann, der beinahe alles Glück zerstört, indem er eine Glücksmaschine baut. […]
Im Laufe dieses Sommers wird Douglas bewusst, dass auch er eines Tages sterben wird, und gerade deswegen spürt er um so intensiver, was es heißt, zu leben.“

Die Geschichten sind sentimental, gruslig, lustig, phantastisch. Sie spielen etwa zeitgleich mit der Fernsehserie „Die Waltons“, also Anfang der 30er Jahre. Es geht ums Älterwerden, um Abschiednehmen. Symbolisch für den Sommer und die gesammelten Erinnerungen stehen die Flaschen voll flüssigen Sommers im Keller: Löwenzahnwein (ein tatsächlich während der armen Depressionszeit häufig gebrautes Getränk). „Dandelion wine. The words were summer on the tongue. The wine was summer caught and stoppered.“

Gerade jetzt im Herbst ist man froh, wenn man noch ein Fläschchen im Keller hat.

 


(Aus: William F . Nolan, The Ray Bradbury Companion. A Life and Career History, Photolog, and Comprehensive Checklist of Writings With Facsimiles From Ray Bradbury’s Unpublished and Uncollected Work in all Media. Detroit: Gale 1975.


Ein Rezept für Löwenzahnwein.

Vor über zehn Jahren hatte ich mühsam Rezepte gesucht, und drei ausprobiert; das hier lieferte das beste Ergebnis. Das war vor dem WWW, heute könnte man vielleicht noch bessere Rezepte finden – oder ursprünglichere, denn meines stammt, ähem, aus Frankreich.

Drei Liter Löwenzahnblüten (früh im Sommer gepflückt, so daß noch viel Nektar darin enthalten ist) mit 4 l kochendem Wasser übergießen und 24 h ziehen lassen. Danach die Blüten herausnehmen, und 500 g Rosinen, 3 Orangen und 3 Zitronen (jeweils in Stücken) dazutun. Außerdem kommen noch 3 ½ Pfund Zucker hinein.
Das ganze 21 Tage lang stehen lassen und jeden Tag einmal umrühren (mit Liebe umrühren, darauf legte meine Quelle besonderen Wert).
Danach filtern und in Flaschen füllen, die nicht luftdicht verschlossen sein sollten. Jetzt noch 6-8 Wochen stehen lassen. (Besser noch ein halbes Jahr; das war jedenfalls meine Erfahrung.)

Sir James Frazer, The Golden Bough

Folgenden Text habe ich wohl 1988 geschrieben; ich stelle ihn unverbessert hierher. Mehr als überflogen habe ich ihn nicht, das wäre mir zu arg.


„Abschnitte in solchen mythologischen und anthropologischen Quellenwerken wie Frazers Goldener Zweig
H.P. Lovecraft, „Chulhus Ruf“

Sir James George Frazer
The Golden Bough
A Study in Magie and Religion

Papermac/Macmillan Press Ltd 1987
£ 7,95 / DM 37,80
756 Seiten

Mit dem Necronomicon des wahnsinnigen Arabers Abdul Alhazred ist sicher jeder Lovecraft-Leser bestens vertraut, und von Junzts Unaussprechlichen Kulten vergißt er ebensowenig wie das De Vermiis Mysteriis von Ludvig Prinn. Weniger bekannt ist dagegen Der Goldene Zweig von J. G. Frazer, und das ist bedauerlich – denn dies ist eines der wenigen Bücher aus Lovecrafts Listen, das tatsächlich existiert und, mehr noch, jedem Interessierten mit einem Minimum an Aufwand zugänglich ist. Wer ein finsteres Grimoire aus dem Mittelalter erwartet, wird jedoch enttäuscht werden. Genauso wenig handelt es sich dabei aber auch um eines der zahllosen Necronomicon-Fragmente, die von ihren Herausgebern auf staubigen Dachböden in Neuengland – ersatzweise in unheimlichen Ruinenstädten im Orient – entdeckt worden und eindeutig als Hoax gedacht sind.

James George Frazer wurde am ersten Tag des Jahres 1854 in Glasgow geboren und starb als einer der bedeutendsten Ethnologen Englands im Alter von 87 Jahren in Cambridge. Er sammelte akademische Grade und veröffentlichte eine ganze Reihe von Büchern, deren bekanntestes wohl The Golden Bough ist.

Dessen Ausgangspunkt ist ein ungewöhnlicher Brauch, der noch in der klassischen Antike ausgeübt wurde. Am Lago di Nemi in den Albaner Bergen, ein Stückchen südlich von Rom, in wildromantischer schöner Lage und einst beliebter Zufluchtsort für römische Senatoren während der heißen Sommermonate, lag eine der ältesten Städte Latiums, Ariccia. In deren Nähe gab es einen heiligen Hain der Diana Nemorensis, der Diana des Waldes. Dieser Hain, und speziell ein besonderer Baum darin, wurde von dem Priester des Hains und „König des Waldes“ (Rex Nemorensis) mit seinem Leben bewacht. Jederzeit hatte ein flüchtiger Sklave das Recht, einen Zweig von diesem Baum zu brechen (wenn der „König“ das nicht zu verhindern wußte) und den „König“ zum Kampf auf Leben und Tod herauszufordern. Der Überlebende dieses Duells bekam den Titel des Rex Nemorensis und das Priesteramt, bis auch er schließlich einem stärkeren Herausforderer weichen mußte. Dieser blutige Brauch, für den es keine Parallelen gab, hielt sich bis mindestens ins erste Jahrhundert unserer Zeitrechnung hinein.

Um nun diese Sitte zu erklären, muß Frazer etwas weiter ausholen. Im Jahr 1890 erscheint The Golden Bough als zweibändige Ausgabe, bis zum Jahre 1922 ist es mehrmals überarbeitet worden, um schließlich in der endgültigen zwölfbändigen Fassung vorzuliegen. Im selben Jahr erscheint auch die von Frazer selbst vorgenommene Zusammenfassung zu einem Band, dem Band, dem meine Besprechung gilt.

Bei der Lektüre wird der Leser auf eine tour de force durch die Weltgeschichte mitgenommen. Frazer beginnt mit den ältesten beziehungsweise ursprünglichsten Kulturen, wie den australischen Aborigines, und untersucht ihr Weltbild. Er zeigt, daß vor der Religion die Magie das Leben beherrscht hat, die der wissenschaftlichen Weltauffassung gar nicht so unähnlich ist. Es gab die „Naturgesetze“, daß Dinge, die einmal in Kontakt miteinander waren, immer in Kontakt bleiben (deshalb braucht man für viele Beschwörungen zum Beispiel einige Haare oder Kleidungsstücke des Opfers), und daß Gleichartiges Gleichartiges erzeugt (einer der ältesten Regenzauber ist einfach, Wasser auf dem Boden zu verspritzen). Erst später, als man erkannt hatte, daß das so einfach nun doch nicht ging, wurden die Götter ins Spiel gebracht, um einen Grund für die mißlungenen Zauber zu liefern. Und so geht die Geschichte weiter, über Götter in Menschenform als Könige, über Götter in Tier- und Pflanzenform, über Opfer, Bräuche, Tabus und Fruchtbarkeitsrituale – sie liefert ein zusammenhängendes, logisches Bild von Magie, Religion und Aberglauben durch alle Kulturen.

Da wird endlich das Geheimnis um die heidnische Bedeutung des Weihnachtsbaumes gelüftet und darauf hingewiesen, daß die meisten christlichen Feste Weihnachten und Ostern eingeschlossen unter anderen Namen am selben Datum vor dem Christentum existierten. Da wird erklärt, weshalb Miraculix denn ausgerechnet Mistelzweige für seinen Zaubertrank braucht und welchen Sinn ein Tabu hat. Wenn man sich über die Ursprünge des Maibaumes oder von Hallowe’en informieren, oder über die Parallellen zwischen dem germanischen Balder, dem ägyptischen Osiris, dem Tammuz der Babylonier, dem griechischen Adonis und dem phrygischen Attis staunen will – dann ist dieses Buch nur zu empfehlen.

Und wozu das Ganze? Frazer führt den Leser manchmal scheinbar zusammenhanglos durch seine Wunderwelt – bis, ja, bis sich der bunte Reigen am Schluß zum großen Finale vereinigt, sich die Details zu einem Gesamtbild formen, das Personal sich am sonnigen Ufer des Lago di Nemi versammelt, um – man hat schon fast nicht mehr daran gedacht – eine umfassende und glaubwürdige Erklärung für den ungewöhnlichen Nachfolgebrauch im Hain der Diana Nemorensis zu bieten.

Die zwölfbändige Ausgabe von The Golden Bough ist auch auf Deutsch erschienen, wird aber nur in größeren Bibliotheken vorhanden sein. Das Englisch der zusammengefaßten Paperback-Ausgabe ist nicht allzu schwierig, wenn auch die 756 großformatigen Seiten mit ihren knappen zwei Pfund Gewicht schon eine gewisse Herausforderung darstellen. Trotz dieser Größe kann man den Band allerdings bequem lesen, ohne befürchten zu müssen, daß die Seiten aus dem Leim gehen. Wenn es auch nicht besonders lesefreundlich gesetzt ist, so strapaziert es die Augen doch nicht über Gebühr. Im Gegensatz zur kompletten Ausgabe fehlen aus Platzgründen leider sämtliche Belegstellen sowie die Bibliographie. Beides wäre für jemanden, der sich weiter in die Materie vertiefen will, sicher von großem Interesse. Natürlich ist der Inhalt auch nur eine Auswahl aus den zwölf Bänden, der jedoch repräsentativ genug ist und für die Argumentation des Autors ausreicht. Ich hatte jedenfalls an keiner Stelle das Gefühl, nur Fragmente vor mir zu haben. Aufgrund des doch relativ hohen Alters des Buches haben sich wohl sicher einige Fehler eingeschlichen, die jedoch nur für den ernsthaften Wissenschaftler von Bedeutung sind. Durch den lockeren und in seinen Landschaftsbeschreibungen oft poetischen Stil Frazers, gepaart mit trockenem schottischen Humor, und den gezielten Aufbau auf das Finale hin wirkt das Buch manchmal direkt romanhaft und läßt sich auf jeden Fall spannend lesen. Sicher trägt auch das Flair dieses alten Wälzers (die Respektlosigkeit mag mir verziehen sein) dazu bei.

Jedem, der sich für das Thema interessiert und keine Zuflucht zu trockenen modernen Sachbüchern suchen will, und der vor dem Umfang der Aufgabe nicht verzweifelt, kann ich The Golden Bough nur empfehlen. Über den deutschen Buchhandel ist es problemlos innerhalb von etwa zwei Wochen zu bestellen.

Wer „keine Zuflucht zu trockenen modernen Sachbüchern suchen will“ – heute würde ich weit eher die trockenen modernen Sachbücher empfehlen, von denen ich ja auch damals nicht die geringste Ahnung hatte.

Neil Gaiman, American Gods


Von Neil Gaiman habe ich schon Coraline gelesen, und die Sandman-Serie, Neverwhere und seine Koproduktion mit Terry Pratchett, Good Omens.

Die Prämisse von American Gods ist folgende: Mit den Einwanderern kamen auch deren Götter nach Amerika, oder genauer: Die Götter wurden in Amerika noch einmal neu geboren. Diese Götter sind abhängig davon, dass an sie geglaubt wird. Und so fristen Odin, Anubis, irische Kobolde und eine Vielzahl von anderen Göttern ein meist eher kärgliches Dasein. Amerika sei kein gutes Land für Götter, meinen einige der Beteiligten.
Vor allem gibt es eine Reihe von aufstrebenden neuen Göttern. American Gods ist die Geschichte des großen Kampfes zwischen den alten und den neuen Göttern. Die alten Götter sind müde und unorganisiert, sie müsssen erst zum Kampf überredet werden, was einen Großteil der Handlung ausmacht. Geschildert wird alles aus dem Blickwinkel eines einfachen Menschen. Der einfache Mensch heißt lediglich „Shadow“. So einfach kann der also doch wieder nicht sein. Später gibt es zwar eine Erklärung dafür, dass die Hauptperson nur unter diesem Namen läuft. Aber das reicht mir nicht: Wenn ich die Hauptperson in einem Buch, das nach der Pulp-Ära entstanden ist, ernst nehmen soll, dann darf sie nicht „Shadow“ heißen.

Ähnlich wie in Silverlock (deutsch leider: Die Insel Literaria) von John Myers Myers (wozu ein Eintrag schon lange fällig ist) ist die Welt des Buches bevölkert von mythologischen Gestalten. Bei Silverlock sind das aber konsequenterweise Figuren aus den schriftlichen oder nichtschriftlichen Geschichten der Menschheit: Götter, Sagengestalten, legendäre Gestalten, aber auch Helden der mittelalterlichen oder neuzeitlichen Literatur: Davy Crockett, Faust, Shakespeares Falstaff, Balzacs Goriot, Poes Usher. Auch in Silberlock gibt es einen einzelnen Menschen, der in diese irre Welt gerät.

In American Gods gibt es ebenfalls eine Fülle an mythologischen Gestalten, wenn auch bei weitem nicht den Reichtum von Silverlock. Die meisten davon kannte ich; von den wichtigsten war mir nur der slawische Czernobog beziehungsweise Bielebog (auch: Belobog) kein Begriff.
Diese Gestalten sind aber in drei Gruppen eingeteilt, die sich auch nicht mischen. Das legt nahe, dass es zwischen diesen drei Gruppen grundsätzliche Unterschiede gibt, und eben das gefällt mir nicht.

Den Großteil der Gestalten machen die vielen aus Europa, Asien, dem Pazifikraum und Afrika importierten Götter aus: Odin, Anansi, Kali, Czernobog, Gorgonen, Ganesha und viele, viele mehr.

Daneben gibt es die neuen Götter, mit denen sie sich bekriegen. Auch diese neuen Götter brauchen den Glauben der Menschen, um zu überleben. Sie sind einer der Pluspunkte im Buch, aber sie tauchen leider nur am Rande auf: Es gibt Media, die aussieht wie eine Fernsehsprecherin (und die durch Charaktere in Fernsehserien sprechen kann), es gibt die Men in Black, es gibt Tech Kid, der picklige zukunftsgläubige Computerspezialist. Und das war’s fast schon.
Gut ist, wie Gaiman mit dieser Idee spielt. Die Helden flüchten mit dem Auto quer durch die USA, können aber die Autobahnen nicht benutzen – because they „don’t know which side the freeways are on“.
Gut ist auch die Erklärung für die in den USA so verbreiteten Roadside Attractions: Sie sind „places of worship“, magische Orte, an denen früher Kathedralen oder Steinkreise gebaut worden wären, und wo es jetzt Leute hinzieht, die dort irgendwelche größten Garnknäuel der Welt oder den Eiffelturm aus Streichhölzern aufstellen. Und wo Vorbeifahrende auf magische Art und Weise anhalten.
Gut sind vor allem weitere der neuen Götter, die jedoch leider alle nur in Nebensätzen bei der großen Schlacht zum Ende des Buches erwähnt werden: die Automobilgötter, denen Menschenopfer dargebracht werden wie keinem Gott seit der Zeit der Azteken; der Eisenbahnbaron (dem es allerdings nicht mehr so gut geht); eine Droge (das vermutet der Held jedenfalls, weil der Sprecher so funkelt und schimmert).

Die dritte Gruppe ist kleiner und besteht aus den Gestalten, die nicht teilnehmen am Kampf zwischen den neuen und den alten Göttern. Da ist zum einen „Whiskey Jack“ – von „Whiskey John“, über Cree „wiiskachaan“; noch heute heißt der Grau- oder Kanadahäher „Whiskey Jack“ (Perisoreus Canadensis). Er ist einer der beiden einzigen Nichtgötter, die beide auch als einzige nicht an dem Kampf teilnehmen, obwohl sie darum gebeten werden. Whiskey Jack ist ein indianischer Held; er bezeichnet sich selbst nicht als Gott, sondern als „culture hero“ – als archetypischer Trickster. (Letztlich ist aber Loki eben solch ein archetypischer Trickster, ähnlich wie der Lichtbringer der Genesis, oder der griechische Prometheus, oder der afrikanische Anansi – und zumindest Loki und Anansi dürfen bei Gaiman mitspielen.)
Der zweite ist Apple Johnny/John Chapman: „Johnny Appleseed“ ist eine Figur der amerikanischen Folklore, die auf dem historischen John Chapman basiert. Die Folklore will es, dass zu Pionierzeiten John Chapman durch den Westen zog und überall Apfelbäume pflanzte für die Zukunft. Natürlich ist das historisch nicht korrekt, aber die mythologische Gestalt ist da – und beklagt sich in American Gods bitterlich über eine weitaus populärere Gestalt der amerikanischen Folklore, Paul Bunyan, den mächtigen Holzfäller. Und das, obwohl Paul Bunyan 1910 von einer Werbeagentur erfunden wurde und damit gar keine echte Folklore darstellen würde, sagt Gaimans John Chapman. (Aber macht das wirklich einen Unterschied – zumal Paul Bunyans Ursprung in einer Werbeagentur heute ziemlich vergessen ist? Existiert Paul Bunyan in Gaimans Welt?)

Warum kämpfen die beiden nicht mit? Weil sie die einzigen sind, die keine Götter sind? (Wieso tauchen dann nicht mehr ihrer Art auf?) Liegt es daran, dass Whiskey Jack (Beziehungsweise „wiiskachaan“) und Johnny Appleseed originär amerikanische Mythen sind? (Aber das sind die „Men in Black“ doch auch?) Vielleicht gibt es auch einfach unter den mythologischen Gestalten vernünftige und weniger vernünftige.

Insgesamt ist das Buch zu dick. Es wird viel gereist, aber trotzdem bekommt man keinen Eindruck vom nordamerikanischem Kontinent als Raum. Die Reisen sind zu ziellos, zu willkürlich. Es gibt viele Schauplatzwechsel, viele Personen, aber alle wirken beliebig. Leben gewinnt nur die liebevoll gezeichnete Kleinstadt Lakeside, die für die Haupthandlung nebensächlich ist. Es entsteht, von einzelnen sehr phantasiereichen Gedanken abgesehen, kein Eindruck einer neuen oder alten amerikanischen Götterwelt. Dazu kommt noch „Shadow“, ein Bilderbuchheld: Markig; nach den ersten Kapiteln ohne nachvollziehbares Innenleben; mit plötzlichen Eingebungen, die die Handlung vorantreiben.