Lesetipp: Nur jedes zweite Kapitel

Viele Bücher, gerade im Abenteurergenre, haben zwei mehr oder weniger unabhängig voneinander agierende Heldentruppen. (Genre heißt für mich: Mein Interesse liegt nicht an der Sprache oder an den Charakteren, sondern am Fortgang der Handlung. Raymond Chandler gehört für mich also nicht zu Genreliteratur.) Die eine Gruppe versucht mit Elefanten und Lasern die Palastwache des Sultans abzulenken, und die andere gräbt mit Hilfe der Kobolde einen Geheimgang durch das Reich der Zwerge. Oder so ähnlich.

Nachdem ich vor vielen, vielen Jahren schon einmal Mona Lisa Overdrive von William Gibson gelesen hatte, habe ich vor einigen Jahren das Buch noch einmal gelesen, ich wiß auch nicht, warum. Das ganze Buch war mir aber zuviel, und nachdem es auch in Mona Lisa Overdrive zwei solcher Handlungsstränge gibt, habe ich nur den einen Handlungsstrang gelesen. Das war der, in dem es um die Figur Kumiko geht, mit der der Roman auch beginnt: Kumiko fliegt aus ihrer Heimat in eine etwas ungewisse Zukunft in London. Die Welt dort ist ihr ziemlich fremd, wenn ich mich recht erinnere, und so eignet sie sich als Identifikationsfigur für den Leser, dem die Welt der Zukunft ebenso fremd ist. Kumiko kriegt wenig vom Geschehen mit, erst spät im Buch treffen die beiden Heldengruppen aufeinander.
Und da hat es zumindest beim Wiederlesen mein Lesevergnügen enorm erhöht, dass auch ich nicht mehr mitgekriegt habe als Kumiko. Und das hat sehr gut funktioniert.
Bei 45 Kapiteln von Mona Lisa Overdrive sind das übrigens die Kapitel: 1, 5, 9, 14, 17, 22, 26, 29, 32, 34, 37, 41 und 44, also nicht mal ein Drittel des Buches.

Fragt sich nur, warum Gibson das Buch nicht gleich auf ein Drittel gekürzt hat. Oder für jeden Handlungsstrang ein eigenes Buch geschrieben hat.

Außerdem habe ich das noch gemacht mit Magic Time von Kit Reed (deutsch: Magische Zeit, ein mittelalter Heyne-Schmöker) . Das hat ebenfalls und aus den nämlichen Gründen gut funktioniert, aber das Buch kennt wohl kaum einer.
Ich bin sehr interessiert an anderen Büchern, bei denen das auch funktioniert.

Cabell, The Eagle’s Shadow

Ich bin gerade völlig entzückt von James Branch Cabells Frühwerk, The Eagle’s Shadow (1904). Das Buch ist eine nette, geistreichelnde Komödie um Erbschaft, Liebespaare, und ein Landhaus, in dem sich alle Beteiligten befinden: Bezaubernde junge Damen; Mütter, die ihre Töchter verheiraten wollen; alte Herren mit Zigarren; junge Dichter. Darüber Sonnenschein und darum ein weitläufiger Garten, und am Schluss haben sich doch die richtigen zwei Paare gefunden.

Kurz: Die bezaubernde Margaret Hugonin hält Hof in ihrem Südstaatenanwesen. Sie ist nicht nur bezaubernd schön, sondern auch eine reiche Erbin, und seitdem wimmelt es bei ihr nur von heiratswilligen jungen Männern. Andere Leute wollen einfach nur etwas von ihrem Geld, ohne den Umweg über die Heirat gehen zu wollen. Nach vier Jahren Abwesenheit kommt ihr ehemaliger Liebster (Trennung im Streit) und möglicherweise eigentlicher Erbe zurück.

Das hätte bislang genauso gut eine Geschichte von P.G. Wodehouse sein können. Aber der Tonfall ist ein ganz anderer. Das Buch lebt von Margaret („Peggy“), und vor allem von deren Präsentation durch den Erzähler – von dem wir nur wissen, dass auch er früher Margaret angeschwärmt hat. Inzwischen ist aber viel Zeit vergangen und der Erzähler sieht die Ereignisse aus einer gewissen Distanz, die verklärt und ernüchtert zugleich.

Und das alles hätte ich gar nicht gebloggt, wenn meine Ausgabe (von 1924) nicht 25 Seiten Leserbriefe aus der New York Times Book Review vom Dezember 1904 bis Januar 1905 enthalten hätte. Um das Buch, Cabells erstes, hatte sich damals nämlich anscheinend eine lebhafte Diskussion entwickelt.

Es beginnt mit einem Leserbrief, der eine Stelle im Buch kritisiert, als die liebreizende Südstaatenschönheit Margaret flucht und keift und auf einen Mann, der ihren Geliebten niedergeschlagen hat, einschlägt. So etwas mache keine Dame. Gerade im Vergleich zum idyllischen Rest des Werks sei diese Stelle deplaziert. Ist das noch eine Dame?
Dem wird dann widersprochen. Ja, in einer solchen Situation dürfe man fluchen. Nein, eine Dame kennt keine Schimpfwörter. Ja, solche Menschen gibt es, aber man darf nicht über sie schreiben. („[S]o far from being fit for heroineship, the young woman is not even qualified for decent society.“) Ja, solche Menschen gibt es, und sie sind die bezaubernd erfrischenden jungen Frauen Amerikas.

Andere vergleichen das Buch mit der englischen Komödie der Restaurationszeit: „The book exhibits a degradation in morals, a degradation in ethics, a degradation in the standards of true womanliness that I can parallel in nothing short of the Restoration comedies of infamous memory.“ Auf diesen Vergleich kann Cabell stolz sein; Congreve ist einer seiner Vorbilde (wie sich in späteren Werken Cabells zeigen wird), und die Restaurationskomödie einer der Höhepunkte in der englischen Literatur. Ich habe sie im English-LK kennengelernt und im Studium gelesen; die ist einen eigenen Blog-Eintrag wert.

Die meisten der Teilnehmer an dieser Diskussion übersehen allerdings, dass Margaret – eigentlich – eine oberflächliche, eigensinnige, zickige, egozentrische, langweilige Person ist, freilich von entrückender und durchaus bewusster Schönheit. Der Erzähler (wir erinnern uns, ein zurückblickender ehemaliger Anhimmelnder) hat sich auch die größte Mühe gegeben, das nicht allzu deutlich zu sagen.

Ein Leser hat diese Dekonstruktion der Südstaatenschönheit erkannt: „In my ignorance I viewed the book as a remarkable though cruel bit of realism“. Die „ignorance“ deshalb, weil der Leser danach in jeder Kritik lesen musste, dass es sich bei dem Buch um eine „fascinating comedy with an adorable heroine“ handelt. „[W]omen will like the book, fancying themselves in the part of a heroine“. Und er wundert sich und ist verunsichert. Wenn der Autor tatsächlich eine zuckersüße Romanze habe schreiben wollen, dann sei ihm dennoch quasi unbemerkt etwas ganz anderes gelungen.

Und in dieser Zweischneidigkeit liegt die Kunst Cabells. Sein Erzähler sieht das ganze sentimental rückblickend verständnisvoll, aber gleichzeitig auch distanziert und manchmal geradezu zynisch. Er bleibt dabei immer Gentleman. Zeitliche Distanz ernüchtert und verklärt zugleich. Und wenn der Erzähler noch gelegentlich Margaret trifft, die ihre Schönheit schon lange verloren hat, denkt er gleichzeitig an die Peggy von früher und fragt sich, wo sie wohl geblieben ist.


Fußnoten: Ein anderer Leser erklärt sich die unterschiedlichen Reaktion auf Margaret damit, sie sei erste Heldin der englischsprachigen Literatur, die nicht auf die tugendsame Amelia Booth aus Henry Fiedlings letztem, inzwischen nur wenig bekannten Roman Amelia zurückgeht. Margaret sei die erste realistische Heldin.
Eine Generation später gab’s dann Theodore Dreiser.

Cabell hat die Leserbriefe kaum ohne Grund der Neuausgabe von The Eagle’s Shadow angefügt. Zwanzig Jahre nach der Erstveröffentlichung sahen die Vorwürfe von damals lächerlich aus. Und die Vorwürfe Anfang der 20er Jahre, die zum zeitweiligen Verbot von Cabells Jurgen führten, würden weitere zwanzig Jahre in der Zukunft ebenso lächerlich wirken.

Geoffrey Chaucer, The Canterbury Tales

Als ich in der 11. Klasse war, hielt unser damaliger Englisch-Referendar Peter Ringeisen eine Stunde zu Geoffrey Chaucer. Eigentlich war es nur eine halbe Stunde: Ich habe gerade das Arbeitsblatt von damals herausgekramt; die linke Hälfte ist altenglisch, die rechte der Anfang eines mittelenglischen Chaucer-Textes, den ich heute noch auswendig kann. Das muss mich damals sehr beeindruckt haben.

Ich hab dann auch später sowohl im Englisch- als auch im Deutsch-LK jeweils eine Stunde zu Chaucer gehalten, unter anderem mit den weiter unten stehenden Texten.

chaucer

Geoffrey Chaucer lebte von etwa 1340-1400 in England. Er arbeitete am Hof, war Page und beim Militär, machte Karriere als Beamter. Außerdem war er Dichter, und sein Hauptwerk sind die Canterbury Tales.

Die Rahmenhandlung der Canterbury Tales erzählt, wie eine Pilgergruppe von London aus nach Canterbury aufbricht. Die Reisenden treffen sich in einer (historisch belegten) Wirtschaft und sind so begeistert, dass der Wirt und der Erzähler Chaucer gleich mitkommen. Neben ihnen gibt es Nonnen, Ritter, Handwerker aller Art, Priester. Auf dem Weg erzählen sie sich in einer Art Wettbewerb gegenseitig Geschichten, und diese Geschichten bilden eben die Canterbury Tales. Chaucer befindet sich damit in bester Novellen-Tradition.

Vor jeder Geschichte gibt es den von Chaucer erzählten Prolog des jeweiligen Geschichtenerzählers. Interessant sind nämlich nicht nur die Geschichten (lustige, traurige, dramatische Erzählungen), sondern auch die Erzähler, und der Grund, warum sie jeweils diese Geschichte erzählen (als Reaktion auf andere Geschichten, um bestimmte Mitreisende zu ärgern).

Chaucer ist der älteste englische Dichter, den man als Muttersprachler heute noch einigermaßen und mit viel gutem Willen lesen kann. „Mittelenglisch“ nennt man das, was damals gesprochen wurde; in der Schreibung ist das dem heutigen Englisch ziemlich ähnlich, es wurde nur anders ausgesprochen: Vereinfacht gesagt, jeder Buchstabe, der geschrieben wurde (und heute noch geschrieben wird), wurde auch als Laut ausgesprochen
Vor dem Mittelenglischen gab es das Altenglische, noch ohne französischen Einfluss, also rein Angelsächsisch. Als 1066 die Normannen England eroberten, brachten sie viele nordfranzösische Wörter mit, die sich nach und nach mit dem Altenglischen vermischten und zum Mittelenglischen führten. „Neuenglisch“ ist das, was heute (und seit etlichen hundert Jahren) gesprochen wird.

„The Miller’s Tale“ ist eine der besten Geschichten aus den Canterbury Tales. Schon in der 12. Klasse hatte ich mir eine neuenglische Übersetzung von Chaucer gekauft und diese Erzählung gelesen: Vermutlich hauptsächlich deshalb, um „A Whiter Shade of Pale“ von Procol Harum besser zu verstehen. Ein geniales Lied mit rätselhaftem Text. Unter anderem heißt es:

And so it was that later
As the miller told his tale
That her face, at first just ghostly
Turned a whiter shade of pale.

Leider hat mir Chaucer dabei auch nicht weitergeholfen. (Ebensowenig wie die Tatsache, dass mein Songbook damals die Zeile als „as the mirror told his tale“ wiedergab. Überhaupt wird sich bei diesem Lied gerne verhört, wie man bei misheard lyrics nachschlagen kann.)

In „The Miller’s Tale“ geht es um einen alten Tischlermeister (carpenter) mit einer deutlich jüngeren Frau, Alisoun. Die fängt mit dem Untermieter Nicholas, einem Studenten, ein Verhältnis an. Um vom Tischler nicht gestört zu werden, reden sie ihm ein, dass eine zweite Flut (wie die von Noah) droht, und dass er sich in seine Tröge innen unter das Dach hängen soll. Wenn die Flut komme und das Wasser das obere Stockwerk erreicht habe, brauche er dann nur die Seile durchzuschneiden und er und seine Frau könnten in den zu Booten umfunktionierten Trögen davonfahren. Natürlich schläft der brave Mann ein und Alisoun stiehlt sich zu Nicholas.
Absolon ist ein Mann aus dem Dorf, der ebenfalls mit Alisoun etwas anfangen möchte. Er will bei Alisoun fensterln, die ist aber schon mit Nicholas beschäftigt. Sie versprichst Absolon einen Kuss, streckt ihm aber nur ihren Hintern aus dem Fenster, den Absolon in der Dunkelheit küsst.


Ersten Teil anhören (von mir gelesen – einige Fehler sind noch drin, aber das merkt hoffentlich keiner)

The wyndow she undoth, and that in haste.
„Have do,“ quod she, „com of, and speed the faste,
Lest that oure neighebores thee espie.“

This Absolon gan wype his mouth ful drie.
Derk was the nyght as pich, or as the cole,
And at the wyndow out she putte hir hole,
And Absolon, hym fil no bet ne wers,
But with his mouth he kiste hir naked ers
Ful savourly, er he were war of this.

Abak he stirte, and thoughte it was amys,
For wel he wiste a womman hath no berd.
He felte a thyng al rough and long yherd,
And seyde, „Fy! allas! what have I do?“

„Tehee!“ quod she, and clapte the wyndow to,
And Absolon gooth forth a sory pas.

„A berd! a berd!“ quod hende Nicholas,
„By Goddes corpus, this goth faire and weel.“

Ich liebe vor allem Alisouns „Tehee“. Weiter: Absolon holt sich wutentbrannt vom Dorfschmied eine noch heiße Pflugschar („kultour“) und bittet dann wieder bei Alisoun am Fenster um einen weiteren Kuss, will sich aber eigentlich nur rächen. Er bietet ihr einen Ring als Geschenk an. Der Student Nicholas will Absolon noch mehr – hier passt: verarschen – und steckt seinen eigenes Hinterteil heraus. Und lässt einen fahren. In diesem Moment rammt Absolon die heiße Pflugschar nach oben. Nicholas schreit nach Wasser. Der Tischler wacht durch das Geschrei auf, hört die Rufe nach „Wasser! Wasser!“ und denkt, die Flut ist da. Also schneidet er die Seile durch und kracht mit seinem Trog ein Stockwerk nach unten auf den Boden. Die Nachbarn kommen zusammengelaufen, Chaos und Verwirrung überall.
Perfektes Timing.


Zweiten Teil anhören (von mir gelesen – einige Fehler sind noch drin, aber das merkt hoffentlich keiner)

„Why, nay,“ quod he, „God woot, my sweete leef,
I am thyn Absolon, my deerelyng.
Of gold,“ quod he, „I have thee broght a ryng.
My mooder yaf it me, so God me save;
Ful fyn it is, and therto wel ygrave.
This wol I yeve thee, if thou me kisse.“

This Nicholas was risen for to pisse,
And thoughte he wolde amenden al the jape;
He sholde kisse his ers er that he scape.
And up the wyndowe dide he hastily,
And out his ers he putteth pryvely
Over the buttok, to the haunche-bon;
And therwith spak this clerk, this Absolon,
„Spek, sweete bryd, I noot nat where thou art.“

This Nicholas anon leet fle a fart,
As greet as it had been a thonder-dent,
That with the strook he was almoost yblent;
And he was redy with his iren hoot,
And Nicholas amydde the ers he smoot.

Of gooth the skyn an hande-brede aboute,
The hoote kultour brende so his toute,
And for the smert he wende for to dye.
As he were wood, for wo he gan to crye,
„Help! water! water! help, for Goddes herte!“

This carpenter out of his slomber sterte,
And herde oon crien „water“ as he were wood,
And thoughte, „Allas, now comth Nowelis flood!“
He sit hym up withouten wordes mo,
And with his ax he smoot the corde atwo.
And doun gooth al; he foond neither to selle
Ne breed ne ale, til he cam to the celle
Upon the floor, and ther aswowne he lay.

Weil ich’s auch noch mit aufgenommen habe: Hier der berühmte Anfang der Rahmenhandlung der Canterbury Tales. Wie auch für die Aufnahmen oben gilt: Mein Mittelenglisch ist etwas rostig. Immer wieder setzt sich doch die gewohnte neuenglische Aussprache durch. Und auch die verschiedenen langen e- und o-Laute (offen bzw. geschlossen) halte ich nicht immer sauber getrennt.

Whan that aprill with his shoures soote
The droghte of march hath perced to the roote,
And bathed every veyne in swich licour
Of which vertu engendred is the flour;
Whan zephirus eek with his sweete breeth
Inspired hath in every holt and heeth
Tendre croppes, and the yonge sonne
Hath in the ram his halve cours yronne,
And smale foweles maken melodye,
That slepen al the nyght with open ye
(so priketh hem nature in hir corages);
Thanne longen folk to goon on pilgrimages,
And palmeres for to seken straunge strondes,
To ferne halwes, kowthe in sondry londes;
And specially from every shires ende
Of engelond to caunterbury they wende,
The hooly blisful martir for to seke,
That hem hath holpen whan that they were seeke.

Edwin Thomas, The Blighted Cliffs

martinjerrold.jpg

Den Klappentext zieren stolz Pressestimmen: „At last, the nautical Flashman„. Ein anderer Rezensent meint: „“Will fill the gaping hole stoved in the timbers of the sea-saga genre by the sad death of Patrick O’Brian.“
Und das ganze heißt: „Book one of the reluctant adventures of Lieutenant Martin Jerrold“, und vorne ist ein lustig gezeichnetet Marineoffizier.

Hm.

Für all das kann der Autor nichts. Mich stört, wenn ein relativ frisch erschienener Roman (er kam im Jahr 2003 heraus) sich gleich als „Book One“ präsentiert. Der zweite Roman ist bereits als Hardcover erschienen. Mich stört, wenn der Held gleich gar so launig ausschaut.
Und die Vergleiche hinken auch: Von Patrick O’Brian habe ich zwar nur ein Buch gelesen, aber das war wesentlich detailreicher und nautischer, sofern ich das als völliger Laie sagen darf, als dieses hier. Und mein verehrter Flashman ist tatsächlich ein widerstrebender Held, und tatsächlich ein Feigling und Lüstling. Außerdem sind dessen Abenteuer als Memoiren geschrieben, und das Erzähler-Ich ist interessant: Es blickt am Ende eines langen Lebens zurück; der Zynismus ist durch die abgeklärte Weisheit des Alters gemildert; es durchschaut das Spiel von Geschichte, Geschichtsschreibung, öffentlicher Meinung und Reputation.

Martin Jerrold, der Anti-Held dieses Romans, gibt lediglich vor, all das zu sein. Der Erzähler ist ebenfalls ein Ich-Erzähler, allerdings aus keiner nennenswerten zeitlichen oder räumlichen oder charakterlichen Distanz. Er wacht zu Beginn des ersten Buches auf und klagt rückblickend, dass all das Folgende nicht geschehen wäre, hätte er mehr getrunken. In Flashmans erstem Abenteuer deutet dieser den Bericht über seinen Rausschmiss wegen Trunkenheit aus der public school (noch in Thomas Hughes‘ Bildungsroman Tom Brown’s Schooldays) als rufschädigende Verleumdung: Er habe keineswegs Bier und verschiedene Schnäpse durcheinander getrunken; schon als Schüler sei er klüger gewesen, als sich so dilettantisch zu betrinken. Ob man ihm glaubt, sei dahingestellt – aber wenigstens nimmt Harry Flashman seine Laster ernst. Martin Jerrold dagegen kann nach vier Fünfteln des Buches noch immer keine Bettgeschichte vorweisen (und auch dann nur mit einer einzigen Dame). Besonders feige ist er auch nicht. Einmal meint er, dass wenigstens das Glücksspiel nicht zu seinen Lastern gehört. Aber sonst hat er auch keine. Seinen schlechten Ruf scheint er zu unrecht zu haben; ganz wichtig für seine Biographie ist, dass er die Schlacht von Trafalgar größtenteils verpasst hat – aber auch das durch einen unglücklichen Zufall und nicht aus Feigheit. Flashman hat seinen guten Ruf zu unrecht; Jerrold den schlechten zu unrecht.

Ansonsten ist das Buch vergnüglich. Aber mehr nicht.

Patrick O’Brian, Master & Commander

masterandcommander.jpg

Der Kino-Film Master and Commander brachte mich auf die Serie von 20 Seefahrt-Abenteuerromanen um Captain Jack Aubrey und seinen Schiffsarzt und Vertrauten Stephen Maturin. Der erste Band, auf dem ein Teil des Films basiert, erschien 1969 und heißt ebenfalls Master & Commander. Er spielt zum Ende des 18. Jahrhunderts.

Das Buch ist spannend, die Charaktere sind sehr differenziert gezeichnet; besonders humorvoll ist das Buch aber nicht – als realistisch angelegter Abenteurerroman auf hoher See bleibt einfach nicht viel Zeit für Humor. Realistisch angelegter Abenteuerroman: So etwas gibt es wohl; in einer Vorbemerkung entschuldigt sich der Autor für seine Untertreibung. Das tatsächliche Leben in der britischen Marine im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert sei für heutige Verhältnisse einfach zu unglaubwürdig.
Das Buch ist voll von nautischen Details. Sehr voll. Moby Dick ist harmlos dagegen, und das habe ich mehrfach gelesen. Jedes Stück Holz, jedes Stück Leintuch hat seinen Namen und seine Geschichte. Das liest sich keinesfalls trocken, aber gemerkt habe ich mir lediglich, dass die schrägen Segel an Bord dieser riesigen Segelschiffe daher kommen, dass die Masten ja links und rechts und vorn und hinten durch Taue gesichert sein müssen, und an diesen Tauen hängt man auch noch Segel auf. Daher die schrägen Segel zwischen den Masten.
Wie man sieht, bin ich nautisch völliger, hoffnungsloser Laie.

Insgesamt ist mir Flashman dann aber doch lieber. Aber vielleicht muss das Buch auch noch erst ein wenig ruhen, und ich mache mich dann doch noch an Band 2 bis 20.

Doc Savage in German

Für die Welt ist er der geheimnisvolle Mann mit der Bronzehaut und den goldenen Augen. Für seine fünf Freunde ist er der geniale Denker und Planer, der unerschrocken durch tausend Gefahren geht. Einen Mann wie Doc Savage gab es noch nie. Er ist ein Universalgenie, ein begabter Arzt und Wissenschaftler, ein tollkühner Pilot, ein unschlagbarer Karate-Kämpfer. Für die Bedrängten ist er stets ein Helfer in der Not. Für seine Fans ist er einer der größten Helden aller Zeiten, unübertroffen in seinen aufregenden Abenteuern und phantastischen Taten.

Doc Savage has never been as popular in Germany as in the USA or even France. To my knowledge, publication began with the first two Bantam stories in 1966 and 1967. Both appeared in Utopia Zukunftsroman, a weekly magazine publishing foreign (mainly British and American) science fiction material, with the odd German author tossed in for a change. Translations were often garbled, with endings differing substantially from the originals; also, texts were frequently heavily abridged.

The Thousand-Headed Man

Kenneth Robeson
Doc Savage und der rote Tod
(The Man of Bronze, translated by Horst Mayer)
Rastatt: Pabel 1966
(Utopia Zukunftsroman #494)
59 pages of text

Kenneth Robeson
Doc Savage und die sonderbaren Schlüssel
(The Thousand-Headed Man, translated by Horst Mayer)
Rastatt: Pabel 1967
(Utopia Zukunftsroman #505)
59 pages of text

These magazines were the standard format for any sort of popular fiction from the 1930s to the late 1960s. They were sparsely illustrated, if at all, with few letters, but usually an editorial. Science fiction and anything fantastic was in the hands of two publishing houses (who were to merge in the 80s), and the same one who had published Utopia Zukunftsroman launched the classic German edition of Doc Savage late in 1972, which would run for 89 issues and seven years.

Typical Doc Savage spine

I call it the classic edition because it is the only one. And, more important, because it’s the one I grew up with.
I read two or three of them in the early 80s, but wasn’t impressed very much by them at the time. (What did stay in my memory was the film, so it can’t be all bad.) Still, in the early 80s, if you were at all interested in speculative fiction, you could not fail but notice the Doc Savage paperbacks. They were published by Pabel, whose paperbacks one could instantly recognize by their format, type, logo, spine. And since Pabel was one of the major places to look for science fiction, fans would develop an eye for the Pabel look. It was a matter of seconds to scan a row of second-hand books for stuff published by Pabel. Add to that the fact that nobody could forget or overlook the colour of the Doc Savage spines. So while you didn’t have to like or read Doc Savage, you would always notice the books.

Publication was four-weekly, with 13 issues per year. The books are translations of the Bantam editions. Chapters are numbered but do not get individual titles. Covers are taken from the Bantam editions, exceptions are noted. None of them are credited. Occasionally, the covers have been altered slightly (mostly reversed), usually the borders got chopped off a bit, sometimes they got mixed up; details can be found in the list below. Kenneth Robeson is always given as the author, translators are fairly stable but change over the years. The plot synopsis is usually, but not always, a direct translation of the Bantam synopsis.

The number of pages varies within certain limits only, which leads me to suspect that texts were again abridged to fit the allotted number of pages.
For that reason I have included in the list the number of all pages of text, including 1/1-page ads (the first to appear im #24). I suppose that the overall number of pages was set (though it varied over the years), and texts were either abridged to make room for ads, or ads were put in to fill up the pages (less likely, in my opinion).
Individual prices begin at 2,80 DM in 1972 and end at 3,80 DM in 1979.
The Pabel paperbacks were magazines, strictly speaking. They did not have an ISBN number and could not be ordered from a bookshop – or bought in most of them, for that matter. It was off to the newsagent if you wanted your fix.

The table includes the German series number, the Bantam number, original title, translator, date of publication and the number of pages (minus the number of full-page ads). Information is as taken from the books; I have tried to point out when any information given in the books is incorrect.

The Flying Goblin
Translators:
WG Werner Gronwald
FM Fritz Moeglich
ES Dr Eva Sander
KH Karl Heinz
GK Gert Königsberger
KP K.H. Poppe
HK H.C. Kurtz
GH Günter Hehlmann

Nr. B# German Title US Title Transl. PubDate Pages (text-ads) Notes
1 1 Der Chef The Man of Bronze WG Dec 72 154-0
2 2 Drei schwarze Schlüssel The Thousand-Headed Man FM Feb 73 153-0
3 3 Der blaue Meteor Meteor Menace FM Feb 73 153-0
4 4 Das Wrack im Eis The Polar Treasure FM Mar 73 153-0
5 5 Im Zeichen des Werwolfs Brand of the Werewolf FM Apr 73 153-0
6 14 Insel der Sklaven The Phantastic Island (correct title: The Fantastic island) FM (deceased), ES May 73 153-0 compare The Most Dangerous Game
7 22 Die Glocke des Grauens The Czar of Fear KH Jun 73 154-0
8 16 Die unsichtbare Legion The Spook Legion GK Jul 73 153-0 the only time where chapter numbers are in square brackets; cover is mirror image of original
9 20 Feuerzeichen am Himmerl The Secret in the Sky KH Aug 73 153-0 Doc, Monk and Ham use the formal mode of addressing each other (Siezen instead of Duzen, for speakers of German); note that though this is the second published story translated by KH, it must have been translated before #8
10 27 Die Stadt im Meer Mystery under the Sea GK Sep 73 153-0
11 10 Doc in der Falle The Phantom City KH Oct 73 151-0 the Doc Savage logo is not superimposed on the actual cover painting; rather, the top part of the cover got chopped of, with a uniform black underneath the logo; cover is mirror image of original
12 8 Land des Schreckens The Land of Terror GK Nov 73 153-0 lots of corpses in that one, Doc’s pretty tough here
13 26 Der silberne Tod The Death in Silver KH Dec 73 155-0 cover is mirror image of original
14 6 Die verlorene Oase The Lost Oasis GK Dec 73 153-0
15 18 Das Meer des Todes The Sargasso Ogre KH Jan 74 155-0
16 23 Die Festung der Einsamkeit The Fortress of Solitude KH Feb 74 137-0
17 17 Im Tal des roten Todes The Red Skull GK Mar 74 137-0 cover is mirror image of original
18 11 Die Teufelsinsel Fear Cay KH Apr 74 137-0 cover is mirror image of original
19 64 Die Todesstrahlen The Motion Menace GK May 74 137-0 cover is mirror image of original
20 25 Tomahawk des Teufels The Devil’s Playground KH Jun 74 137-0 cover is mirror image of original
21 24 Der grüne Adler The Green Eagle GK Jul 74 137-0
22 7 Die Monsterbande The Monsters KH Aug 74 137-0
23 33 Terror in der Navy The Terror in the Navy GK Sep 74 139-0 cover is mirror image of original
24 31 Der Superkiller The Annihilist KH Oct 74 137-1 the spine bears the title of #22, Die Monsterbande; cover is mirror image of original
25 34 Die unheimlichen Augen Mad Eyes KH Nov 74 139-1
26 32 Der Inka in Grau Dust of Death GK Dec 74 137-1
27 35 Der Mörder aus dem Jenseits The Squeaking Goblin GK Jan 75 139-0
28 55 Das Gold der Mayas The Golden Peril KH Jan 75 137-0
29 36 Die Auferstehung Resurrection Day GK Feb 75 139-0
30 37 Hannah, die Hexe Hex KH Mar 75 137-0 cover is mirror image of original
31 38 Roter Schnee Red Snow GK Apr 75 137-1
32 15 Invasion aus der Tiefe (Murder Melody) May 75 137-1 wrong cover, the right one can be found German #52; this cover comes from the British edition of Doc Savage: His Apocalyptic Life (Thanks, Howard)
33 30 Die Blutfalken The Flaming Falcons KP Jun 75 139-1 cover is mirror image of original
34 40 Der flammende Dolch (The Dagger in the Sky) Jul 75 137-0
35 59 Die gelbe Wolke The Yellow Cloud HK Aug 75 139-2
36 44 Der Gespensterkönig The Sea Magician HK Sep 75 139-1
37 77 Südpol-Terror South Pole Terror KH Oct 75 137-0 correctly The South Pole Terror
38 75 Land der Angst The Land of Fear KH Nov 75 137-0
39 19 Pazifikpiraten (Pirate of the Pacific) Dec 75 137-1
40 52 Der Todeszwerg (The Vanisher) Jan 76 137-1
41 9 Der schreckliche Mullah The Mystic Mullah KH Jan 76 137-0 cover is mirror image of original
42 12 Die Wikinger von Qui Quest of Qui KH Feb 76 137-0 cover is mirror image of original
43 48 Der gefiederte Krake The Feathered Octopus HK Mar 76 139-1 mix-up with following issue: incorrectly stated to be Land of Always-Night; cover is mirror image of original
44 13 Das Höhlenreich Land of Always-Night HK Apr 76 137-1 mix-up with preceding issue: incorrectly stated to be The Feathered Octopus
45 47 Die Macht des Shimba Land of Long Ju-Ju KH May 76 139-0 cover is mirror image of original
46 28 Tod aus dem Vulkan The Deadly Dwarf KH Jun 76 139-1
47 53 Der Dschungelgott The Mental Wizard HK Jul 76 139-1 cover is mirror image of original
48 45 Die Armee der Leblosen The Man Who Smiled No More HK Aug 76 139-1 correctly: The Men Who Smiled No More
49 39 Das Monster auf der Kuppel World’s Fair Goblin HK Sep 76 139-0
50 51 Gefahr unter dem Eis The Haunted Ocean KH Oct 76 139-1 cover is mirror image of original
51 67 Der gefleckte Hai The Freckled Shark KH Nov 76 139-2 translator’s name given as Karl-Heinz, which just might be KP’s first name (K.H.Poppe), but probably is just KH misspelled
52 50 Der Mann vom Mond Devil on the Moon KH Nov 76 139-0 one of my favourites; wrong cover (taken from Bantam #15/German #32), the right one can be found German #58
53 69 Tod im ewigen Schnee The Mystery on the Snow HK Dec 76 139-0 cover is mirror image of original
54 66 Stausee des Todes Mad Mesa KH Jan 77 139-2
55 71 Der Allwissende Murder Mirage HK Feb 77 139-1
56 76 Der schwarze Tod The Black Spot HK Mar 77 139-2
57 65 Die grünen Mumien The Green Death KH Apr 77 139-1
58 49 Das Ungeheuer aus dem Meer The Sea Angel KH May 77 139-1 cover is mirror image of Bantam #50 (German #52, which has the wrong cover) instead of the proper one
59 56 Der lachende Tod The Giggling Ghosts HK Jun 77 139-0
60 83 Die Stadt unter dem Meer The Red Terrors HK Jul 77 139-1
61 46 Die Gedankenmaschine The Midas Man KH Aug 77 139-1
62 80 Das Unheimliche Königreich The King Maker KH Sep 77 139-3
63 85 Der Boss des Schreckens The Boss of Terror HK Oct 77 139-2
64 87 Der Maskenmann The Spotted Men HK Nov 77 139-2
65 86 Angriff aus dem Dunkel The Angry Ghost KH Nov 77 139-1
66 84 Die Todesspinne The Mountain Monster KH Dec 77 139-0
67 57 Die Giftinsel Poison Island HK Jan 78 155-1
68 81 Das geheimnisvolle Tal The Stone Man HK Feb 78 155-1 it doesn’t have the same cover as Bantam #81, which is the wrong one anyway (it correctly appears on Bantam #77) – instead, it’s the figure of Doc Savage taken from Bantam #67 with the background (a bit of freckled spark) replaced by a uniform green
69 42 Die Höhlenmänner von Crescent City The Gold Ogre HK Mar 78 155-1 cover is mirror image of original
70 61 Die Welt der Unterirdischen The Living Fire Menace HK Apr 78 155-1 cover is mirror image of Bantam #41 (German #89, which has the cover that rightly belongs here)
71 88 Die Höhlen des Satans The Roar Devil HK May 78 155-1
72 89 Die Zauberinsel The Magic Island Jun 78 155-1
73 90 Der fliegende Tod The Flying Goblin HK Jul 78 155-0 every chapter begins on a new page
74 82 Der teuflische Plan The Evil Gnome HK Aug 78 155-1 whereas the Bantam cover for this book repeats a detail of Bantam cover #38, here the whole cover is re-used (compare German #31) every chapter begins on a new page
75 21 Der Kalte Tod Cold Death HK Sep 78 155-0
76 63 Angriff aus der Tiefe The Submarine Mystery HK Oct 78 155-2
77 62 Der Schatz des Piraten The Pirate’s Ghost HK Oct 78 155-0
78 70 Das Spuk-Loch Spook Hole HK Nov 78 155-0 chapters aren’t numbered or marked in any way
79 29 In einer anderen Welt The Other World HK Dec 78 155-2
80 78 Die rote Schlange The Crimson Serpent GH Jan 79 155-1
81 79 Die Geißel des Dschingis Khan The Devil Genghis HK Feb 79 155-2
82 60 Die indische Verschwörung The Maji HK Mar 79 155-0
83 92 Das Höhlenmonster The Awful Egg HK Apr 79 155-0
84 72 Der Metall-Meister The Metal Master HK May 79 155-0 wrong cover, but resembling the correct one; INFORMATION WANTED – where does this cover come from?
85 73 Die Achat-Teufel The Seven Agate Devils HK Jun 79 155-0
86 74 Das Bohrloch-Monster The Derrick Devil HK Aug 79 155-1 cover is mirror image of original
87 91 Der purpurne Drache The Purple Dragon HK Oct 79 155-2 cover is mirror image of original
88 93 Der Todes-Tunnel Tunnel Terror HK Nov 79 155-4 cover rightly belongs to German #57 and is re-used here instead of the proper one
89 41 Der teuflische Tod Merchants of Disaster HK Jan 80 155-0 cover is mirror image of Bantam #61 (German #70, which has the cover that rightly belongs here)

Doc Savage, der Mann aus Bronze

„Die Ausschreitungen unserer Phantasie und die Entartungen unserer Herzen, also Kunst“
(Hanns Dieter Hüsch)


Hüsch hat bei dieser Zeile wohl kaum an Doc Savage, The Man of Bronze gedacht, aber wenn jemand unter diese Kategorie gehört, dann er. Doc Savage ist wohl der bekannteste pulp hero. Die pulps waren die billigen Magazine der 20er bis 40er Jahre, benannt nach dem schlechten Papier, das für sie verwendet wurde. Gegenstück: die slicks mit glattem, feinen Papier, etwa die Saturday Evening Post. Die slicks zahlten mehr, veröffentlichten aber keine: Western-, Science Fiction-, Horror-, Kriminal-, Abenteuer-, Flieger- und Liebesgeschichten. Dafür waren nur die pulps da. Und Superhelden? Superhelden gab es damals noch keine. Die kamen erst in den späten 30er Jahren auf und eroberten das Medium Comic. Sie wurden zur neuen Lektüre der jungen Leute und trugen bei zum Aussterben der pulps.

Tennesse Williams, P.G. Wodehouse fingen bei den pulps an, ebenso wie Dashiell Hammett und Raymond Chandler. Kunststück – für Kriminalgeschichten gab es keinen anderen Markt. Von Veröffentlichungen in Buchform konnte man damals nur träumen.

Lester Dent schrieb unter dem Haus-Pseudonym Kenneth Robeson fast alle der 181 Romane um Doc Savage. 89 davon sind auf deutsch erschienen. Laut Klappentext ist Doc Savage „der geheimnisvolle Mann mit der Bronzehaut und den goldenen Augen. Für seine fünf Freunde ist er der geniale Denker und Planer, der unerschrocken durch tausend Gefahren geht. Einen Mann wie Doc Savage gab es noch nie. Er ist ein Universalgenie: ein begabter Arzt und Wissenschaftler, ein tollkühner Pilot, ein unschlagbarer Karate-Kämpfer. Für die Bedrängten ist er stets ein Helfer in der Not. Für seine Fans ist er einer der größten Helden aller Zeiten, unübertroffen in seinen aufregenden Abenteuern und phantastischen Taten.“

Außerdem steht er auf technisches Spielzeug (Batman hat sich viel von ihm abgeschaut): Schon Anfang der 30er Jahre hat er einen automatischen Anrufbeantworter und sich selbst öffnende Türen (angeregt durch ein wenig radioaktives Material im Schuhabsatz).

Seine fünf Freunde bleiben leider ziemlich blass:

  • Monk, klein aber sehr breit, affenartig hässlich, kommt aber bei Frauen und Kindern gut an. Genialer Chemiker.
  • Ham, extrem elegant gekleideter Spitzenanwalt mit Degenstock.
  • Renny, genialer Ingenieur. Baut ständig irgendwo berühmte Brücken. Großgewachsen mit riesigen Fäusten.
  • Long Tom, klein und bleich, ein Elektronik-Genie.
  • Johnny, Geologe oder Archäologe. Wirft ständig mit komplizierten Wörtern um sich.
  • Außerdem darf manchmal noch mitspielen: Patricia Savage, Docs Cousine. Besitzt einen exklusiven Schönheitssalon.

Obwohl ich mehr von den Abenteuern gelesen habe, als ich zugeben möchte (hüstel – alle bis auf die letzten fünf – hüstel), muss ich immer überlegen, wer wer ist. Lediglich die ersten beiden haben zusammen so etwas wie eine Identität, und auch das nur, weil sie sich ständig in den Haaren liegen und sich gegenseitig Streiche spielen. Ansonsten sind die fünf meisterlichen Freunde meist dazu da, sich gefangennehmen zu lassen, damit Doc sie befreien kann.

Von Philip José Farmer gibt es eine Doc-Savage-Biographie. Sherlock Holmes, Tarzan, Figuren von Cabell und fast jeder weitere Held der Weltliteratur tauchen in seinem Stammbaum auf. Überhaupt ist das ein nettes Gebiet, die fiktive Biographie. Es gibt derer viele, etwa die Baring-Gould-Biographie von Sherlock Holmes oder die von Nero Wolfe.

Mehr über die hero pulps gibt es im Web, zu Doc Savage speziell gibt es The 86th Floor.

Zum Englisch-Einstieg kann ich die Geschichten aber nicht empfehlen: Sie sind nicht sehr einfach zu lesen, da der Wortschatz ziemlich absonderlich ist. Das ist für pulp fiction wohl typisch: Je trivialer der Roman, desto absonderlicher der Wortschatz. Wenn es irgendwie geht, steht da eben nie „red“, sondern immer gleich „crimson“.


Ich mag vor allem die mutigen Eigennamen in den Geschichten. Bondurant Fain (Bantam #101), Midnat D’Avis (Bantam #69), Lin Pretti (Bantam #50), Kittrella Merrimore (Bantam #65).

Mein Lieblingseinstieg ist in Mystery Island. Monk und Ham streiten sich in einer Hotel-Lobby. Renny ist genervt und will die beiden etwas ärgern; deshalb lässt er zwei Glühbirnen von der Treppe in die Lobby fallen. Sie zerplatzen mit lautem Knall und klingen wie Schüsse. Als das geschieht, sind nicht nur Monk und Ham überrascht, sondern vor allem auch eine Handvoll Männer in der Lobby, die aufspringen und um sich schießen, bevor sie schließlich fliehen.

Vergiftetes Haar in The Mystery on the Snow: Der Schurke reißt sich ein paar Haare aus und steckt sie sich in den Mund. Sein Haar ist mit einer Substanz getränkt, die Giftgas entwickelt, wenn sie mit Speichel in Berührung gerät. (Der Schurke glaubt zu unrecht, mit einem Gegengift behandelt worden zu sein.)

Noch tödlicher: In Quest of the Spider gibt es vergiftete Fliegen. Und zwar keine von Natur aus giftigen, auch keine mutierten, sondern mit Gift eingeschmierte.
Glücklicherweise hat Doc daran gedacht, sein Alligatorenkostüm mitzubringen. Unvergesslich die Szene, in der ein drohendes Krokodil sich plötzlich aufrichtet und eine bronzene Hand herauskommt und den Reißverschluss vorne löst – Doc Savage.

Umständlich geht es in The Green Death zu. Doc ist im Dschungel und der Schurke beschießt ihn mit einer Wasserpistole, die mit einer Flüssigkeit gefüllt ist, die Raubkatzen anlockt.

Meine Lieblingswaffe: Ein Banjo, das schießt, wenn man auf den Saiten spielt. Knapp danach die geflügelten Maschinengewehre in The Munitions Master.

Grober Unfug? Oder doch die Ausschreitungen unserer Phantasie und die Entartungen unserer Herzen? Mir hat’s jedenfalls viel Spaß gemacht.

Lee Server, Danger Is My Business

Danger Is My Business. An illustrated history of the fabulous pulp magazines

leeserver.jpg

Lee Server
Danger Is My Business. An illustrated history of the fabulous pulp magazines, 1896-1953.
San Francisco: Chronicle Books 1993
144 pp.

Wer heißt Clark mit Vornamen, hat eine Festung der Einsamkeit in der Arktis und wird in den stets nach Synonymen ringenden Zeitungen gern als Mann aus (einem bestimmten) Metall bezeichnet? Wem auf diese Frage nur eine Antwort einfällt, der sollte sich schleunigst wieder hinsetzen und seine Hausaufgaben machen.

Hilfreich ist dabei dieses Buch. Es erzählt die Geschichte der amerikanischen pulp magazines, der mit billigsten Druckverfahren und auf billigem, rauhem Papier hergestellten Groschenhefte, deren Blütezeit in den 30er Jahren dieses Jahrhunderts lag. Auch für die Autoren wurde nicht viel Geld ausgegeben – bei einem halben cent pro Wort fing man an, und arbeitete sich zu einem renommierteren Pulp hoch, wo es das Doppelte gab. Viel mehr Geld gab es dagegen bei den slicks zu verdienen, Zeitschriften auf glattem, glänzenden Qualitätspapier, wie der Saturday Evening Post. Dafür mußte man aber auch Qualität liefern – und vor allem keine Genreliteratur. Also tummelte sich im Bereich der Pulps alles, was sich für Science Fiction – wie das Zeug dann später genannt wurde – interessierte, für Kriminalgeschichten, Western, Fantasy, Liebesgeschichten oder Abenteuer in der Südsee.

Dementsprechend besteht Servers Buch, nach einem einführenden Kapitel, das die Vor- und Frühgeschichte der Pulps behandelt, aus sieben Kapiteln, deren jedes einem Teilbereich der Pulps gewidmet ist: „Horror and Fantasy“, „Adventure“, „Private Eyes“, „Romance and Sex“, „Hero Pulps“, „Tales of Weird Menace“ und schließlich „Science Fiction Pulps“. Dieser letzte Abschnitt ist sicher für viele besonders interessant – es erübrigt sich fast, daran zu erinnern, daß hier alles angefangen hat: Bunte Titelbilder mit halbnackten Frauen, deren Anatomie jeglicher Schwerkraft spottet, tentakelbewehrte Monster, Raumpiraten – aber auch Bloch, Bradbury, Simak, Sturgeon, Asimov kommen aus den Pulps, ebenso wie der verlagstechnisch so geschickte Gedanke der Leserkontaktseiten, wie das amerikanische Fandom überhaupt.

Danger Is My Business ist keine Anthologie von Geschichten aus der Pulpzeit und enthält nur sehr wenige Ausschnitte aus der Literatur. Dafür ist es eine Schatzkammer anTitelbildern, Illustrationen, faksimilierten Seiten, Autorenfotos (darunter das eine Bild von Lovecraft, das eh schon jeder kennt, dafür aber nicht nur die Kopfansicht, sondern ganz). Bunt, bunt, bunt. Der Begleittext ist so ausführlich, daß man dennoch nicht mehr von einem reinen Bildband sprechen kann; er zeigt (auch wirtschaftliche) Zusammenhänge in der Entwicklung der Magazine auf und enthält darüber hinaus köstliche Anekdoten und Details aus dem Leben der Autoren: Walter Gibson schrieb durchschnittlich 10.000 Wörter am Tag für The Shadow, die Figur des Shadow selbst wurde von einem geistig labilen Radioschreiber erdacht, der ein paar Jahre später in einer Absteige in der Bowery umgebracht wurde, Walt Coburn war einer der wenigen echten Cowboys unter den Schreibern von Westernpulps.

Über der Phantastik sollte man jedoch nicht die anderen Kapitel vernachlässigen. Die Faszination der Pulps kommt für mich erst bei den Western-, Abenteuer- oder Liebesgeschichten voll zum tragen. Die sündigen Geschichten mit überraschend freizügigen Illustrationen erschienen in French Night Life oder in der Spicy-Serie: Spicy Detective Stories, Spicy Western, Spicy Adventure, Spicy Mystery. Einzelne Absätze werden zitiert, die sich wirklich köstlich lesen. Und echtere Helden als Doc Savage findet man nirgendwo:

„Nun,“ sagte Doc Savage, „Ich schätze, man könnte es unseren Beruf nennen, Unrecht wiedergutzumachen und Übeltäter zu bestrafen, und dabei bis an die entferntesten Enden der Welt zu gehen, wenn es nötig ist.“
„Das klingt ziemlich dumm,“ sagte Fiesta.
Der Mann aus Bronze gab keine Antwort darauf.

Auch für die Entwicklung der Kriminalliteratur spielen die Pulps eine große Rolle. Hammett und Chandler schrieben beide für Black Mask. Ausschnitte aus älteren Geschichten, vor der Zeit als Carroll John Daly und Dashiell Hammett das Genre revolutionierten, führen einem erst deren Leistung vor Augen.
Mich faszinieren die Pulps einmal wegen dieser Auswirkungen auf die spätere Genreliteratur, vor allem aber wegen der einzigartigen Kombination aus Naivität und Berechnung, aus Kreativität und wirtschaftlichen Faktoren, die sie ausmachen. Die Geschichten sind oft formelhaft – Lester Dent schrieb meist mehrere Doc-Savage-Romane gleichzeitig, an nebeneinanderstehenden Schreibmaschinen -, meist für ein jugendliches oder jedenfalls einfaches Publikum konzipiert; die Autoren schrieben unter Zeitdruck. Es waren archaische, unschuldige Geschichten, man mußte sich keines Klischees schämen. (Desto mehr empört es mich, wenn mir heute in Film oder Buch Unfug vorgesetzt wird, der dieselben alten Klischees bringt, dem aber die Frische und der durchaus nicht immer unfreiwillige Humor der Pulps abgeht.) Ein Autor konnte sich auf hundert Seiten austoben, um sich erst im letzten Absatz wieder auf die Handlung zu besinnen und rasch eine Erklärung für das gesamte Geschehen im Roman zu liefern:

Chandra Lal saw Elise on the street once, desired her, checked up on her, found you, bribed the Calder girl to help him. They took their time. The Calder girl practised until she could imitate the voice of your wife. She was well paid, but not enough to justify the murder of Bergstrom, for which she must pay the penalty as an accomplice. Edna Calder suggested Chandra Lal to Elise. He wasn’t a Hindu. He just made up for the part. He has a record at headquarters a mile long. For crimes, and attempted crimes, of passion…

Und so sind viele der Geschichten heute noch mit Genuß und Belehrung zu lesen; die anderen sind immer noch von historischem Interesse.
Ein abschließendes Kapitel in Servers Buch beleuchtet die letzten Jahre der Pulps und erörtert Gründe für ihren letztendlichen Untergang (etwa den Aufstieg der comic books). Ein Anhang informiert über das Sammeln von Pulps und nennt Adressen, die dabei behilflich sein können; die letzten Seiten enthalten eine Bibliographie und den Index.

Das Buch ist leider im Moment nicht mehr im Druck; man kann es aber unschwer gebraucht finden (etwa bei www.abe.com oder bei Amazon).

Boris Akunin: Fandorin

fandorin.jpg

Ich habe anscheinend ein Faible für moderne Romane, die im 19. Jahrhundert spielen – wenn sie nur abenteuerlich genug sind (siehe meine Begeisterung für die Flashman-Serie). Boris Akunin, ein zeitgenössischer russischer Schriftsteller, schreibt unter anderem Kriminalromane um Erast Fandorin, einen aufstrebenden Kriminalpolizisten im Zarenreich; den ersten davon habe ich gelesen.

Ein Student erschießt sich in Moskau im Jahr 1876 unter geheimnisvollen Umständen. Es gibt weitere Todesfälle und Erbschaften, geheimnisvolle und gemeinnützige Organisationen, Reisen nach England, Glückspiel und Frauen. Zugreisen mit viel Plüsch, Attentate, Bombenleger. Das Buch ist vergnüglich zu lesen und sehr spannend. Es ist kein historischer Roman, jedenfalls nicht so wie wie Flashman: Akunin versucht nicht, seinen Roman mit historischen Ereignissen zu verflechten, Fandorin zu einer historischen Figur zu machen. Die Geschichte ist nur Zeitkolorit, das aber sehr schön.

Der Klappentext vergleicht das Buch mit Tolstoi, James Bond und Sherlock Holmes. Tolstoi: Habe ich zu wenig gelesen (nur mal die Kreutzersonate). James Bond: Es gibt Geheimorganisationen und Geheimgänge und modernste Technik (und sei es nur das Herrenkorsett, das Fandorin trägt, und das ihn vor manchem Messerstich bewahrt). Zum Finale findet sich der Held gefangen im Hauptquartier des Schurken, wo ihm eine Gehirnoperation droht). Sherlock Holmes? Das sehe ich weniger. Eher Robert Louis Stevenson mit dem Selbstmörder-Club, oder Joseph Conrad mit The Secret Agent. Vor allem ist da aber viel Jules Verne: Verfolgungsjagden durch halb Europa, moderne viktorianische Technik, atemberaubende Spannung. Ich freue mich schon auf die nächsten Bände.


Nachtrag: Ich habe gerade Türkisches Gambit gelesen, Fandorins nächstes Abenteuer. Leider recht fade: Es geht um die Belagerung einer Stadt. Das ganze Buch durch. Viel Schauplatzwechsel ist also nicht. Das Geschehen verfolgt man aus der Sicht einer wenig interessanten Frau, die sich an den Kriegsschauplatz verirrt hat. Es gibt einen Oberschurken, dessen Identität peinlich früh offensichtlich ist und doch das große Geheimnis zum Schluss sein soll. Lediglich das letzte Kapitel und der Epilog sind wieder einigermaßen interessant und zeigen das Geschehen aus einer interessanten neuen, strategischeren Perspektive.


Nachtrag II: Mord auf der Leviathan: Etwas besser. Mord auf einem Ozenadampfer. Nichts, was Agatha Christie nicht schon geschrieben hätte, dazu eine Spur Wilkie Collins, weil’s um orientalische Juwelen geht. Und für erfahrene Krimitmitleser vorhersehbar.

Neil Gaiman: Coraline


coraline.jpg
Ich empfehle das Buch als Schülerlektüre ab der 9. Klasse oder späten 8. Klasse am Gymnasium. Ich habe nichts gegen für Sprachlerner bearbeitete Fassungen von Büchern und verwende sie selber auch häufig. Trotzdem suche ich ständig nach englischsprachigen Büchern, die ich in der Originalfassung verwenden kann. Dabei ist es schwer, ein Buch zu finden, das vom sprachlichen Schwierigkeitsgrad und vom Inhalt gleichzeitig passt. Das ist aber so eines.

Coraline habe ich noch nicht mit einer Klasse gelesen, aber bereits fünf Schülern meiner aktuellen achten Klasse geliehen – starken und schwächeren, aber auf jeden Fall freiwilligen. Die Klasse ist sehr motiviert und recht leistungsfähig.

Coraline ist für Leser ab 8, aber ich hätte mich in dem Alter zu sehr gegruselt. Es ist die Geschichte um das Mädchen Coraline, das durch einen Schrank in eine andere, der unseren ähnliche Welt gerät. Davon gibt es ja viele Varianten, diese hier ist die gruseligste. In unserer Welt haben die Eltern wenig Zeit für ihre Tochter, der Vater kocht ständig Rezepte statt Pommes Frites, und die Nachbarn sprechen Coralines Namen falsch aus.
In der anderen Welt gibt es ihre anderen Nachbarn, den anderen Vater, und ihre andere Mutter. Sie sieht fast aus wie die echte, nur dass sie Knöpfe angenäht hat als Augen – und Coraline bei sich behalten möchte.
Gaiman schreibt sonst eher Gruseliges (vor allem ist er Autor der Sandman-Comicreihe), und das merkt man dem Buch positiv an. Ein paar der Schüler fanden das Buch zu phantastisch – die Schüler dürfen also nichts gegen unwirkliche Elemente haben.

I think “ CORALINE“ is a fantastic book because it tells a story which combines situations of reality which can be both, funny and a bit crazy or sad and the excitement of fantasy and fiction. Sometimes it is a little confusing , but Coraline is a very interesting character because she is brave and really intelligent for her age.
For some pupils it may be too difficult because it is written for English children and it isn´t simplified.

(Daniela, 8. Klasse)