Der Meister des jüngsten Tages

Nach der Lektüre von Effi Briest wollte ich meinem Grundkurs etwas leichtere Kost zumuten: Einen Roman von 1923, Der Meister des jüngsten Tages von Leo Perutz. (Irgendeinen Roman aus dieser Zeit muss man laut Lehrplan mehr oder weniger lesen.) Wie es sich gehört, beginnt der Roman mit einem Vorwort des Erzählers, der jene grauenhafte Ereignisse im Herbste 1909 niedergeschrieben hat und betont, die volle Wahrheit geschrieben zu haben. Das Nachwort wiederum identifiziert die vorhergegangenen Seiten als Papiere aus dem Nachlass des Erzählers, Freiherrn von Yosch: „Natürlich, eine alte Handschrift“, wie Eco sagt. Der Bericht sei eher ein Roman, einem verwirrten … Continue reading „Der Meister des jüngsten Tages“

James Branch Cabell

„Der Optimist glaubt, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben. Und der Pessimist fürchtet, dass das stimmt.“ Cabell hat eine kleine, rege Fangemeinde; in den Uni-Bilbliotheken gibt es einige Bücher über ihn. Im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts war sein Name in vielen amerikanischen Haushalten ein Begriff, nicht zuletzt wegen der versuchten Unterdrückung seines Buches Jurgen wegen des vermeintlich obszönen Inhalts. Ansonsten kennt man Cabell vage aus der phantastischen Literatur, da sein Hauptwerk im fiktiven mittelalterlichen Land Poictesme angesiedelt ist. Seine Romane strotzen vor (mitunter durchaus auf die Nerven gehender) sophistication, vor Bildung, Ironie, Zynismus und feinen Anspielungen. … Continue reading „James Branch Cabell“

Terry Pratchett, Thief of Time

1. What happens 2. Why I want to write about it 3. My credentials 1. What happens: The Auditors from outside our dimensions audit the Discworld universe. It’s what they do. Ever since humans appeared, things have become much more complicated. The Auditors resent that, but they cannot interfere too much. They find a loophole in the cosmic laws and trick a clockmaker on Discworld into making a Perfect Clock, which measures the tick of the universe. In this universe at least, there is a basic time unit, which is the time for the the briefest possible thing to happen. … Continue reading „Terry Pratchett, Thief of Time“

Geheimnisvolle Läden

(Lord Dunsany berichtet) Ein verstörter junger Mann erschien gestern abend bei der Pariser Polizeipräfektur und verlangte von den Beamten, ihm bei der Suche nach einem Bureau d’Echange de Maux zu helfen. In der von ihm genannten Straße waren jedoch keinerlei Spuren eines solchen Ladens zu finden, obwohl der Mann beteuerte, erst wenige Tage zuvor dort Kunde gewesen zu sein. Über die Art seines Handels wurde nichts bekannt. Diese Seite enthält drei Listen zu diesem Thema, die sich teilweise überschneiden. In der ersten habe ich alle mehr oder weniger merkwürdigen Seitenstraßen-Läden gesammelt – ob sie verschwinden oder nicht. Danach habe ich … Continue reading „Geheimnisvolle Läden“

Burma Shave

Das erste Mal bin ich wohl in einem Johnny-Hart-Cartoon darauf gestoßen („Neander aus dem Tal“ / „B.C.“). Dort rollt einer den Berg hinunter und liest nacheinander die Schilder: „Kurve scharf / Abfahrt wild / Schauf auf die Straße / Nicht aufs Schild“. So etwas merke ich mir, ich weiß auch nicht warum. Dann kamen mir immer wieder mal Hinweise auf „Burma Shave“ unter, nicht zuletzt etwa bei dem gleichnamigen Lied von Tom Waits. Oder bei Thomas Pynchon, Gravity’s Rainbow, S. 65 meiner Ausgabe (ich hab’s nie zu Ende gelesen, aber wohl immerhin mal bis dorthin geschafft). Das war Jahre, bevor … Continue reading „Burma Shave“

James Hilton

Sommer 1989, eine Jugendherberge in Großbritannien (Llwyn-y-Celyn in Wales). Ich kannte James Hilton schon als Autor von Lost Horizon – ein sentimentaler, abenteuerlicher Roman mit schöner Rahmenhandlung. In der Jugendherberge las ich das erste Kapitel eines weiteren seiner Bücher. Es begann mit einem Zeitungsartikel über den hochlobenswerten Einsatz eines englischen Geistlichen bei einem Zugunglück: Bei einem Zusammenstoß waren die hinteren Waggons in Brand geraten. Heldenmutig und ohne Rücksicht auf das eigene Leben versuchte der Geistliche, die Passagiere darin zu retten, und musste letztlich mit Gewalt davon abgehalten werden. Nach einem längeren Krankenhausaufenthalt kehrt der Geistliche zurück, sichtlich mitgenommen, und quält … Continue reading „James Hilton“

Very Special People

Ich kann doch nicht der einzige sein, der bei diesem Bild und diesem Text an einen typischen Cartoon von Gary Larson denkt? (Aus: Frederick Drimmer, Very Special People. Siehe dazu auch den amerikanischen Radiobeitrag über Gibsonton, Florida, Winterquartier und Alterswohnsitz der Carnival People.)

The Anagrammed Bible

Steht nicht schon in der Bibel (Sprüche 4, 4): „Seek and learn many pure statements, then commit to memory. Mind well, thus avoiding death ahead.“ Also, eigentlich steht dort: „He taught me also, and said unto me, Let thine heart retain my words: keep my commandments, and live.“ Nur haben sich Richard Brodie und Mike Keith das gesamte Buch der Prediger (Ecclesiastes), das Buch der Sprüche und das Hohelied Salomons vorgenommen (jeweils in der King-James-Version) und anagrammiert. Oder heißt das anagraphiert? Bei den ersten beiden Büchern haben sie Vers für Vers genommen und die Buchstaben umgestellt, bis jeweils etwas Vergleichbares, … Continue reading „The Anagrammed Bible“

Homer, Die Odyssee

Jetzo entblößte sich von den Lumpen der weise Odysseus, Sprang auf die hohe Schwell‘, und hielt in den Händen den Bogen Samt dem gefüllten Köcher; er goß die gefiederten Pfeile Hin vor sich auf die Erd‘, und sprach zu der Freier Versammlung: Diesen furchtbaren Kampf, ihr Freier, hab‘ ich vollendet! Jetzo wähl‘ ich ein Ziel, das noch kein Schütze getroffen, Ob ich’s treffen kann, und Apollon mir Ehre verleihet. Sprach’s, und Antinoos traf er mit bitterm Todesgeschosse. Dieser wollte vom Tisch das zweigehenkelte schöne Goldne Geschirr aufheben, und faßt‘ es schon mit den Händen, Daß er tränke des Weins; allein … Continue reading „Homer, Die Odyssee“

Imaginary People

Ich mag alle Arten von Nachschlagewerken. Alphabetisch angeordnete laden natürlich besonders zum Schmökern ein, weil man sich an keine Reihenfolge halten muss. Früher oder später lese ich sie aber doch von A bis Z durch, so auch das hier: David Pringle, Imaginary People. A Who’s Who of Modern Fictional Characters. Das Buch enthält Einträge zu 1300 fiktionalen Charakteren ab Robinson Crusoe: Aus Büchern, Comics, Filmen. Aufgenommen ist aber nur, wer Anklang und Nachahmer gefunden hat: Es muss Umformungen in andere Medien oder Fortsetzungen geben. Der Werther von Goethe ist also drin. Und der Struwwelpeter. Indiana Jones. Dorothy. Batman. Dafür erfährt … Continue reading „Imaginary People“