Die geheimnisvollste Insel

Literarische Inseln gibt es viele:

  1. Der Gesellschaftsentwurf oder -spiegel: Utopia, Atlantis, Liliput.
  2. Die Pirateninsel: Die Schatzinsel, Monkey Island, Der Graf von Monte Cristo
  3. Die Toteninsel: Reprobates/Next Life (Computerspiel 2007), Wings of Fame (Film 1990) – nach dem Tod findet man sich auf einer Insel wieder, zusammen mit anderen Gestorbenen; vielleicht gehört sogar die griechische Unterwelt mit ihren fünf Flüssen und den verschiedenen Bereichen hierher
  4. Die Robinsonade: Robinson Crusoe, Castaway, die Schwundstufe der Don-Martin-Inselcartoons in Mad Magazine
  5. Die geheimnisvolle Insel: Fremde kommen auf eine Insel, oft schiffbrüchig, und finden heraus, dass die Insel Geheimnisse birgt: Die geheimnisvolle Insel (Verne), Die Insel des Dr. Moreau (Wells), Graf Zaroffs Insel aus The Most Dangerous Game und dessen Kurzgeschichtenvorlage, Lost, Shakespeares The Tempest – hier ausnahmsweise einmal aus der Perspektive des Drahtziehers hinter den Inselgeheimnissen.

Die geheimnisvollste Insel ist für mich Fantasy Island. Fantasy Island war eine amerikanische Fernsehserie, die von 1977 bis 1984 ausgestrahlt wurde und sehr erfolgreich war. Seit meiner Jugend ist mir die Serie ein Begriff – von der deutschen Erstausstrahlung ab 1989 habe ich allerdings nichts mitgekriegt. Vielmehr muss ich die Serie bei Besuchen in den USA kennengelernt haben, oder aus dem MAD-Magazin. Ich glaube nicht, dass ich bis vor kurzem je eine ganze oder auch nur halbe Episode gesehen hatte – zu wenig hätten sie mich interessiert, zu wenig sah meine deutsch-amerikanische Verwandtschaft fern. Aber das Konzept war mir sofort sonnenklar, glaube ich, und die Bilder der Serie sind derart ikonisch, dass man sie vielleicht nur einige Male zu sehen braucht, bevor sie sich einprägen:

Ein distinguierter Ricardo Montalbán (schwamm früher mit Esther Williams und sang mit ihr „Baby , it’s cold outside“, war danach und davor der Khan im Zorn des Khan) als Mr. Roarke mit einem kleinwüchsigen Franzosen, Tattoo genannt (Hervé Villechaize), beide in weißen Leinenanzügen in tropischer Umgebung vor Korbgeflechtstuhl.

Der Plot jeder Episoden: Ricardo Montalbán ist Herr über die Urlaubsinsel Fantasy Island, die Gäste besuchen, um dort ihre Fantasien auszuleben. Einmal reich sein? Auf einer Seance den Geist des toten Bruders beschwören? Vielleicht sogar einmal Superman sein? Mr. Roarke macht es zwei Gästen pro Folge möglich. Jede davon beginnt damit, dass Tattoo das Flugzeug entdeckt („Ze plane! Ze plane!“), von Mr. Roarke ein wenig verspottet wird, bevor der in die Hände klatscht und die willkommnenden Südseemädchen mit „Smiles, everyone, smiles!“ auffordert, die Gäste zu empfangen. Davor kommt eine Titelmelodie, die mich an „Bali Hai“ aus South Pacific erinnert, eine ähnlich mystifizierte Insel.

Typische Folge

Eine typische Folge: (1) Eine kleine Angestellte möchte einmal Firmenchefin sein. Roarke macht sie zur Chefin einer ihm bekannten Firma, weil deren Chef verschollen ist und ihm eine Vollmacht hinterlassen hat. Sie deckt einen Betrug auf, und am Ende taucht der ursprüngliche Chef wieder auf – es war ein Trick. (2) Ein Mann sucht nach Informationen über seinen Vater, vermutlich tot, als Dieb verrufen, aber der Sohn glaubt nicht daran. In einer Gefangenenkolonie wie aus den 1930er Jahren findet er jemanden, der das Schicksal seines Vaters kennt. Am Ende Flucht, Hunde, Treibsand, Erkenntnis.

Fantasy Island wird im Mad Magazine 203 (Dezember 1978) so parodiert: (1) Die schöne Farrah Fawcett Majors will einmal Aschenputtel sein und arbeitet verkleidet als Kellnerin, Dick van Dyke verliebt sich in sie und sie werden ein Paar. (2) Shaun Cassidy möchte Revolverheld werden und spielt Der Mann, der Liberty Valence erschoss nach. Das klingt wie eine echte Episode, aber die hat es so nie gegeben. Aber tatsächlich gibt es meist bekannte Schauspieler als Gaststars, wenn auch eher die der 1960er oder 1950er Jahre – Milton Berle, Bill Bixby, Linda Blair, Sonny Bono, Horst Buchholz, Joseph Cotten, Hans Conreid. Namen, die mir alle etwas sagen.

For whatever we lose (like a you or a me)
it’s always ourselves we find in the sea

(e.e.cummings)

Dieses Konzept der Gaststars ist etwas, das ich sonst nur von Columbo kenne. Könnte es das auch fürs deutsche Fernsehen geben? Gibt es das heute noch? (Eben läuft zufällig eine Folge Grey’s Anatomy mit Tyne Daly in einer Gastrolle – das Gesicht kennt man aus Cagney & Lacey, hier singt sie in Bernsteins On the Town.) Das wäre so, als hätte der Blaue Bock eine Spielfilmhandlung gehabt und alle Gäste spielten Rollen. Geht organisatorisch wohl gar nicht mehr.

Der letze Nachfolger dieser Art Serie war vielleicht Quantum Leap/Zurück in die Vergangenheit (1989-1993, Scott Bakula und Dean Stockwell): Individuelle Episoden statt großer Handlungsbögen, nie ganz geklärte phantastische Elemente, moralisch angemessenes Schicksal aller Beteiligten. Aber Quantum Leap war weniger schräg, weil ausgewiesener phantastisch; dafür mit wesentlich intelligenteren, kritischeren und inklusiveren Plots.

Mr. Roarke und seine Vorläufer

Mr. Roarke kann Wünsche erfüllen. Manche sind im Rahmen dessen, was einem exzentrischen Multimillionär möglich ist. (Die Gäste zahlen wohl auch für diese Dienstleistung, abhänging von ihren Verhältnissen.) Andere Wünsche erfordern Zeitreisen oder andere Unmöglichkeiten, auch kein Problem. Die Gäste akzeptieren das, ohne nachzufragen. Wiederkehrende Rollen gibt es wenige – aber dazu gehören eine Meerjungfrau, die in der Nähe der Insel lebt, und der Teufel höchstpersönlich. Mr. Roarke betont, dass er auf den Nachbarinseln keine Autorität habe; angedeutet wird, dass er unsterblich ist. Mit so etwas kriegt man mich.

Tatsächlich spielt er für die Geschichten keine Rolle; nicht mal die Insel spielt eine Rolle. Fantasy Island ist strukturell einfach eine Anthologie-Serie mit zwei völlig unabhängigen abenteuerlichen, übernatürlichen, romantischen, exotischen, gefährlichen Geschichte pro Episode. Vom Realismusanspruch der Plots her sind sie auf dem Niveau meiner geschätzten Hörspielserien der 1940er und frühen 1950er Jahre: Escape oder Suspense. Die Geschichten können überall auf der Welt spielen; notfalls versetzt Mr. Roarke Zeit und Raum. Roarke ist nur die Klammer, die die Episoden verbindet, so wie The Mysterious Traveler in der gleichnamigen Radioserie. Der hatte allerdings mit den von ihm erzählten Geschichten wirklich gar nichts zu tun. Noch ähnlicher ist er demnach dem Whistler in der wiederum gleichnamigen Radioserie. (Hier habe ich viel zu ihm geschrieben.)

Nur sehr gelegentlich interagiert die Erzählerfigur the Whistler mit der Welt seiner Erzählungen, aber es kommt schon mal vor, dass die Figuten abgelenkt werden von seinen Schritten in der Nacht oder der Melodie, die er pfeift. Oft spricht der Whistler zu seinen Figuren, quasi als Du-Erzähler: “Yes, Roy, you have it all figured out, haven’t you.” Allerdings hört Roy und hören die anderen Figuren ihn nicht. Anders ist das bei Mr. Roarke, mit ihm interagieren seine Gäste – aber nie so, dass das eine Wirkung hätte. Roarke gibt kryptische Hinweise und Ratschläge, aber die werden erst einmal nicht angenommen – für den Ablauf der Handlung spielt er keine Rolle. Er könnte genauso gut nicht gehört werden und für den personifizierten Zufall oder die Ironie des Schicksals stehen. (Manchmal macht er den deus ex machina, aber das könnten auch diese Instanzen übernehmen.)

Though we thought it was a modern, radical idea at the time, Fantasy Island now more clearly resembles the throwback to the Vaudeville Era that it really is.

https://www.dvdtalk.com/reviews/54623/fantasy-island-season-two/

Nein, nicht Vaudeville, sondern Radio und wohl auch Fernsehen der frühen 1950er Jahre. Obwohl es eine Episode gibt, in der ein alter Varieté-Künstler (Phil Silvers) noch einmal die Vaudeville-Nummer mit dem alten Partner (Phil Harris, großer Fan hier) vorführen will. Ich kenne die Episode nicht, aber sie klingt ein bisschen nach The Sunshine Boys mit George Burns und Walter Matthau (1975). Überhaupt hat sich Fantasy Island wohl immer wieder mal der Plots von älteren Kinofilmen bedient.

Eine Episode, Season 3 Episode 11: The Victim/The Mermaid (1979)

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The Mermaid

Ein Meeresbiologe will eine große Entdeckung machen. Seine Frau begleitet ihn; die Ehe steckt in einer Krise. Er entdeckt die Meerjungfrau Nyah – sehr übertrieben geschminkt, aber bei diesen Sachen kurz vor oder nach 1980 weiß ich nie, ob das komisch geschminkt sein soll oder nicht. “I must tell my colleagues of your existence.” “No, please, no other mortal must know of my existence.” Er verliebt sich in sie; sie will ihn zu sich ins Meer holen, wohl eher nicht mit guten Absichten. Nyah ist eine böse oder zumindest amoralische Meerjungfrau. Sie zieht ihn zu immer längeren Tauchausflügen ins Wasser – nach einem liegen sie beide ermattet am Strand. “That was an incredible experience. Unbelievable. I will never forget it.” Fehlt nur noch die Zigarette.

Währenddessen macht sich die Frau des Biologen Sorgen um die Beziehung. Mr. Roarke zu ihr: “Come now, Mrs deHaven, mermaids aren’t real. How could you have seen your husband with something that doesn’t exist?” Das hätte genauso gut der Whistler ungehört vor sich hin sprechen können. Die Aufgabe: Sie muss um ihn kämpfen und ihn zurückgewinnen, und das gelingt ihr auch. “I promise I will be more understanding.” – Laut imdb ein Remake von Mr. Peabody and the Mermaid (1948).

Interessant noch das kurze Geplänkel zwischen Roarke und Nyah, das Vorgeschichte und mythischen Status andeutet: “You summoned me?” / “We have battled before.” (Nyah wird in einer späteren Folge wiederkehren und selber eine Wunschvorstellung ausleben wollen.)

The Victim

Eine Frau möchte ein Date mit einem Mann, den sie vor vier Jahren kurz kennengelernt hat. Mr Roarke ermöglicht das, warnt sie aber vor ihm und insbesondere davor, die Insel zu verlassen. Es kommt zu einem romantischen Abendesse, komplett mit „Feelings“ als Hintergrundmusik. Aber der Mann mischt ihr eine Droge ins Getränk und sie wacht in einem Harem auf der Nachbarinsel auf. Dort Yvonne de Carlo als Bordellchefin und viele weiße, hochglänzende, Champagner trinkende junge Frauen als Gefangene. “We perform… services, for the men he brings here,” die Frauen bezeichnen sich als “slave hookers”. Bisschen Auspeitschen, wenn man nicht pariert, nicht zu viel; aber selbst für einen 10-Uhr-Fernsehslot 1979 überraschend.

Den Frauen gelingt aus eigener Kraft die Flucht; sie werden von den Übeltätern verfolgt, aber Mr. Roarke steht ihnen bei. Allerdings heißt es: “Wait a minute, Roarke, you have no authority on this island.” Als wären das Urgewalten, jeder als Herrscher über seine eigene Insel. Woher hat Roarke die Entscheidungsgewalt auf seiner Insel? Tatsächlich hat Roarke die Polizei der Nachbarinsel mitgebracht, die sich um alles kümmert. Danach noch homerisches Gelächter der befreiten Sexsklavinnen bei der Aussicht auf Erholung auf Fantasy Island.

Certain aspects of the formula haven’t aged as well.

https://www.dvdtalk.com/reviews/54623/fantasy-island-season-two/

Fortsetzungen

1998er gab es ein Remake mit Malcolm McDowell, nur eine Staffel.

2015 wurden Pläne für ein Remake angekündigt, aus dem aber wohl nichts wurde: Mit einer Frau statt Mr Roarke (okay), aber ohne Insel, sondern in der Großstadt. Strukturell ändert sich nichts, aber der Charme wäre weg: Damit wären wir endgültig bei der Godgames- Firma gewesen aus Chestertons Club of Queer Trades (Blogeintrag) gewesen. Dort wird eine Firma vorgestellt, bei der man Abenteuer bestellen kann.

Ende Februar 2020 soll eine Kinofassung kommen: “A horror adaptation of the popular ’70s TV show about a magical island resort.” Bin schon sehr gespannt, kann aber nur schlecht werden. Es bräuchte Gastauftritte aus der vorherigen Generation und coole Erzählerfiguren. (Michael Peña als Mr. Roarke, der Rest sagt mir nichts.)