Jane Austen and Seth Grahame-Smith, Pride and Prejudice and Zombies

„Such joys are scarce since the good Lord saw fit to close the gates of Hell and doom the dead to walk amongst us.“

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Eben gelesen: „Pride and Prejudice and Zombies“ von Jane Austen und Seth Grahame-Smith. Schon lustig. Die Prämisse: Seit 35 Jahren ist England von Zombies geplagt, man hat sich daran gewöhnt, das Leben geht weiter. Zu den accomplishments, die junge Damen vorweisen können, gehört jetzt allerdings auch der Umgang mit Schusswaffen, waffenloser Kampf und Schwertkampf – statt grand tour in Europa verbringt man ein paar Jahre in China oder Japan und lernt asiatische Kampfkünste. (Daher auch die Ninjas, die feine Leute sich als Leibwächter halten.)

Weiter zu empfehlen: Bedingt. Die Zombies spielen tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle und sind für den Plot mit einer kleinen Ausnahme nicht relevant. Ansonsten hält sich das Buch an Jane Austen, nur dass Jane Austen tatsächlich vergnüglicher ist. Lieber wären mir einige radikalere Änderungen der Handlung gewesen. Allerdings begrüße ich es, dass man neue Fassungen von existierenden Büchern schreibt. Das hat Wolfram von Eschenbach getan, das geschieht bei jeder Inszenierung und jeder Verfilmung; Büchern kann es auch nicht schaden. Gute Geschichten kann man immer wieder erzählen.

(Deshalb finde ich es völlig in Ordnung, wenn in den X-Men, bei Batman und Spider-Man eigentlich auch nur immer wieder und wieder deren gleichbleibende Geschichte erzählt wird: Die Variationen machen es.)

Ein großer Gewinn für mich war ein weiteres Exemplar für meine Sammlung von herausgeberhaften Dingen, die sich ein Autor unter den Nagel reißen kann: Auf den letzten Seiten gibt es Diskussionsvorschläge für Leserunden, wie es das bei englischsprachigen Ausgaben immer wieder mal gibt. (Habe ich bei deutschen noch nie gesehen, sehe aber auch weniger deutsche Bücher. Aber Leserunden sind doch bei uns auch populär? Bin selber in einer.)

Some critics have suggested that the zombies represent the authors‘ views toward marriage – an endless curse that sucks the life out of you and just won’t die. Do you agree, or…

oder

Vomit plays an important role in Pride and Prejudice and Zombies … Do the authors mean mean [this] to symbolize something greater, or is it a cheap device to get laughs?

Die letzte Frage eröffnet die Möglichkeit, bei den Zombies handle sich um reine Effekthascherei aus kommerziellen Gründen, und fordert den Leser auf, sich das Buch vorzustellen, wie es ohne „violent zombie mayhem“ geworden wäre. Da sind wir dann schon fast bei „Pierre Menard, Autor des Don Quixote“ von Jorge Luis Borges, auch wenn das kürzer und tiefer ist.

Interessantere neue Aspekte für die nächste Austen-Lektüre bot mir das Buch Lost in Austen.

Querverweis: Einen ähnlichen Genremix, kürzer und heiterer und weniger absurd, stellen die Mischungen von H.P. Lovecraft und P.G. Wodehouse von P.H. Cannon dar.

Was der Autor sich an Herausgeberhaftem unter den Nagel reißt

Sommerloch: Bis die Schule wieder anfängt, schreibe ich mir ein paar angefangene Blogeinträge von der Seele und der Warteliste, die seit Jahren darauf warten, dass ich mal richtig Energie in sie investiere. Wir haben uns entschieden, jetzt nicht mehr länger auf die Energie zu warten.

Ich reime mir das so zusammen: Es gab dereinst Leute, die Geschichten erzählten. Oder vermutlich noch eher: Es gab Geschichten. Diese Geschichten wurden später von Herausgebern aufgeschrieben. Und nach und nach sind verschiedene paratextuelle Elemente, die ursprünglich herausgeberische Zusätze waren, von späteren Autoren als Teil eines Werks übernommen worden.

Ein Beispiel erklärt vielleicht, was ich meine. Ich behaupte mal, ohne das groß zu belegen, dass ursprünglich das Inhaltsverzeichnis wie überhaupt die Unterteilung in Kapitel eine redaktionelle Entscheidung der Herausgeber waren. Das gilt zum Beispiel für die Gesänge der Odyssee und Ilias – deren Überschriften stammen von späteren, wenn auch bereits antiken, Herausgebern, ebenso wie die Einteilung der Werke in jeweils 24 Gesänge.
Spätere Autoren bauten Kapiteleinteilung und -überschriften dagegen bereits bei der Entstehung – und damit als Teil des Werkes – mit ein. (Beispiel 1: Martin Amis, London Fields, 24 Kapitel, zu Gruppen zusammengefasst, mit Überschriften wie „The Murderer“ – und diese Einteilung täuscht, denn tatsächlich gibt es weitere Zwischenkapitel des sehr auktorialen und nicht unbedingt zuverlässigen Erzählers, die nicht als eigene Kapitel ausgewiesen sind. Beispiel 2: Henry Fielding, Tom Jones, mit Kapitelunterschriften wie: „Containing matters which will surprise the reader“, „Containing what the reader may, perhaps, expect to find in it“ oder „Containing five pages of paper“.)

Inzwischen ist es selbstverständlich, dass die Kapiteleinteilung und eventuelle Kapitelüberschriften unveränderlicher Teil eines Werks sind. Aber das war eben nicht immer so. Was gibt es noch für redaktionelles Beiwerk, das vom Autor – oder Werk? – annektiert wurde?

  • Titel
    Das Gilgamesh-Epos lief im Altertum unter Shutur Eli Sharri, „Außergewöhnlichster Aller Könige“, nach den ersten Wörtern des Textes – eine redaktionelle Entscheidung. Das Nibelungenlied hat keinen Titel, und auch der Titel von Der arme Heinrich stammt nicht vom Autor, Hartmann von Aue.
    Was war eigentlich das erste Buch, bei dem der Autor über den Titel entschieden hat?
    Nachtrag. Raymond Smullyan hat in Buch ohne Titel schon versucht, den Titel loszuwerden und den Herausgebern zurückzugeben. Die Buchhändlerin war zuerst zwar tatsächlich irritiert, als ich ihr beim Bestellvorgang den Titel genannt habe, aber ein wirkliches Hindernis war es nicht. Und Umberto Eco wollte seinen Rosenroman Adson von Melk nennen, weil das am wenigsten über den Inhalt verraten hätte, aber das ließ man ihn nicht.
  • Inhaltsverzeichnis
    Siehe oben (Martin Amis, Henry Fielding, Homer). Eine weiteres Beispiel von vielen für ein explizit zum Text gehörendes Inhaltsverzeichnis ist die Verschachtelung in The Bridge von Iain Banks.
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  • Kapitel
    Eng verbunden mit dem Inhaltsverzeichnis ist die Unterteilung in Kapitel. Eingesetzt zum Beispiel bei Flann O’Brien, At Swim-Two-Birds, das mit „Chapter I“ beginnt, ohne dass jemals ein zweites Kapitel folgt. Und schon in Tristram Shandy hat der fiktive Autor Kapitel 24 in Band IV ausgelassen, was er in Kapitel 25 zu erklären versucht.
    Die Romane von Jasper Fforde enthalten alle kein Kapitel 13, außer im Inhaltsverzeichnis.
    Weiteres Beispiel: Roddy Doyle, The Giggler Treatment, in dem auf Chapter One, Two, Three eines folgt, das heißt: „A Chapter That Isn’t Really A Chapter Because Nothing Really Happens In It But We’ll Call It Chapter Four“ – und in den Kapiteln danach gerät die Zählung völlig durcheinander.
    In John Barth, Lost in the Funhouse gibt es die Geschichten „Menelaiad“, in der die Kapitel 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1, nummeriert sind, und „Anonymiad“, das mit 1, 1 1/2, 2 beginnt.
    Jasper Fforde, Lost In A Good Book zählt: 1, 2, 3, 4, 5, 4a, 6, 7 und so weiter. (Hat was mit Zeitreisen zu tun.)
    Karl Immermann, Münchhausen: beginnt mit Kapitel 11, die Kapitel 1-10 stehen nach Kapitel 15 – der Buchdrucker hatte sich eigenmächtig herausgenommen, die Kapitel umzustellen, um das Buch reißerischer zu machen.
  • Personenverzeichnis
    Ich weiß nicht, wann das angefangen hat, einem Roman ein Verzeichnis der darin vorkommenden Personen voranzusetzen. Typisch ist das für Krimis. Meine Ausgabe von Erle Stanley Gardner, The Case of the Caretaker’s Cat (Penguin 1955) hat so eine Liste, The Case of the Stuttering Bishop (Penguin 1953), ebenfalls ein Perry-Mason-Krimi, hat das nicht. Ich nehme mal an, dass in diesen Fällen diese Listen nicht zum Werktext gehören. Anders etwa bei Matt Ruff, Fool on the Hill, eine liebeviolle Liste der Hauptpersonen, unterteilt nach „The Bohemians“, „Other Human Beings“, „The Sprites“, „Canines and Felines“, „Cameo Appearances“. Definitiv Teil des Textes.
  • Illustrationen
    Meistens sind Illustrationen kein Teil des Werktextes, aber es gibt Ausnahmen. In Arturo Pérez Reverte, El Club Dumas (ganz schlecht verfilmt von Polanski) spielen sie dagegen eine große Rolle. Allerdings sind diese Illustrationen postmoderne Zitate: Es handelt sich um teils echte, teils fiktive Illustrationen aus anderen Werken. In Alfred Bester, Golem100 sind Illustrationen ebenfalls Teil des Textes, genauso wie Notenzeilen, Collagen und anderes – das Buch ist nah an den Stilmitellen des Dadaismus.
    Zum Text gehörende Kritzeleien gibt es bei Poe (Narrative of A. Gordon Pym) und bei Sterne (eine Illustration zum Aufbau der ersten vier Kapitel von und aus Tristram Shandy). Bei Sterne gibt es auch ein zum Text gehörendes Blatt, das nur aus Marmorierung besteht.
  • Fußnoten (und anderer kritischer Apparat)
    Das editorische Mittel par excellence, schon lange von den Autoren an- und übernommen. Ein extremes Beispiel ist Vladimir Nabokov, Pale Fire. Das Buch besteht aus dem letzten Gedicht des – fiktiven – berühmten Dichters John Shade, der 1959 ermordet wurde, zusammen mit einem Vorwort, einem Index und vielen, vielen Endnoten zum Gedicht. Aus diesem Material formt sich ein Bild des – fiktiven – Herausgebers, und eigentlich wird im Roman dessen Geschichte erzählt.
    Weitere Fußnoten habe ich mir notiert bei einem anekdotischen Buch von George Burns, dessen Titel laut LoC-Angaben im Impressum Dr. Burns‘ Prescription for Happiness lautet, das aber auch als Dr. Burns‘ Prescription for Happiness* *Buy two books and call me in the morning geführt wird – in verschiedenen Schreibvarianten.
    Ausgesprochen schöne Fußnoten gibt es auch bei Jasper Fforde, Lost In A Good Book. Mit dem Fußnotophon – es heißt natürlich nicht so, aber ich weiß den tatsächlichen Namen gerade nicht – kommt man in den Untergrund und kann so über Kanäle kommunizieren, ohne dass das die Personen, die nur in der Haupthandlung auf dem Hauptteil der Seite agieren, das mitkriegen.
    Sehr lange Fußnoten, die nicht wenig mit dem – ohnehin erratischen – Text zu tun haben, gibt es in The Third Policeman von Flann O’Brien, etwa in Kapitel 11.
  • Beispiele für zum Text gehörende Anhänge: Die Illuminatus!-Trilogie von Shea/Wilson und The Circus of Dr Lao von Charles G. Finney.
  • Autor
    Die Autorenangabe ist inzwischen Teil des Textes, behaupte ich. Einsatz etwa bei Kilgore Trout, Venus on the Half-Shell. Der Roman stammt von Philip José Farmer, Trout ist ein fiktiver Autor im Werk von Kurt Vonnegut, und Venus ein dort erwähnter Titel.
    Iain M. Banks schreibt andere Bücher als Iain Banks, obwohl beide derselbe Mensch sind, James Branch Cabell andere als Branch Cabell. Und The Silent Gondoliers ist eben nicht von William Goldman, sondern von S. Morgenstern. (Und dann gibt es noch The Iron Dream von Norman Spinrad, ein Buch, das nur aus dem Buch besteht, das ein 1919 in die USA ausgewanderter Adolf Hitler dort geschrieben hat. Ein Parallelweltroman sozusagen, obwohl es darin gar nicht um die Parallelwelt geht. Gehört nicht ganz hierher.)
    Eben entdeckt: die „Maureen Birnbaum, Barbarian Swordsperson“-Geschichten von George Alec Effinger. Die Geschichten hat Maureen („Muffy“) jeweils ihrer Freundin Bitsy erzählt, die als Co-Autorin der Kurzgeschichten fungiert; die alte Herausgeberfiktion wieder. Bitsy ändert im Lauf ihres Lebens ihren Namen, die Geschichte lässt sich gut aus dem Inhaltsverzeichnis ablesen:

    Auch Naomi Aldermans The Power spielt damit: Das Buch tut so, als wäre es ein (historischer) Roman  von Neil Adam Armon, zusammen mit ein wenig Korrespondenz zwischen diesem und der Herausgeberin oder Lektorin Naomi.
  • Impressum
    Beim nicht korrekten Impressum landet man schnell bei der tatsächlichen Fälschung, etwas zu Propagandazwecken. Ich kenne deshalb auch nur Mischformen, also ein Impressum, dass korrekte und falsche Daten mischt, etwa bei diesem Unsinns-Sachbuch über die Giraffe, wo es im Impressum heißt: „All rights are reserved, except the right to wear orange and brown together“, nebst viel weiteren Hanebüchereien.
  • Zensur
    Zensur heißt unter anderem, dass ein staatlicher Zensor vor der Veröffentlichung oder Weitergabe von Briefen oder Druckwerken bestimmte Stellen schwärzt oder anders unkenntlich macht. Auch das wird, sobald es erst einmal etabliert ist, vom Autor eingesetzt, etwa bei Heinrich Heines Reisebilder, Kapitel XII, das nur aus den Worten „Die deutschen Censoren – – – – Dummköpfe – – – – – “ besteht. (Die Zensurstriche hier nur angedeutet, tatsächlich sind es wesentlich mehr.)
  • Ein schwer zu klassifizierender redaktioneller Einschub ist in William Goldman, The Princess Bride. Das Buch tut ja so, als wäre es die gekürzte Fassung eines längeren Werks von S. Morgenstern. Nach Jahren der Trennung treffen sich Wesley und Buttercup wieder, und diese herzzerreißende Wiedersehensszene hat William Goldman geschrieben – musste sie aber auf Druck des Verlags und der Erben von S. Morgenstern herausnehmen, da Goldmans Buch dann keine Kürzung des Originals mehr ist, sondern eine Ergänzung. Aber man könne, so steht es im Buch, einen Brief an den Verlag schicken, dessen Adresse angegeben ist, und dann kriegte man eine Kopie der Wiedersehensszene.
    Habe ich natürlich gemacht. Man kriegt einen Brief zurück mit weiteren Erklärungen, warum die Wiedersehensszene doch nicht mitgeschickt werden kann. Weitere Details zu den rechtlichen Problemen mit den Erben S. Morgensterns werden geschildert. Die Wichtigkeit von Cadminium für die amerikanische Wirtschaft. Die zweite Fassung des Briefs ist von 1978, die dritte von 1987. (Diese Fassung habe ich 1988 geschickt bekommen, nachdem ich dieses wunderbare Buch entdeckt hatte. Vermutlich gab es danach weitere Fassungen. Hat jemand nach 1988 da mal hingeschrieben? Ist die Verlagsadresse in den letzten 35 Jahren wohl dieselbe geblieben oder hat sich der Text einem eventuellen Umzug angepasst?) Zum Romantext gehören diese Briefe wohl nicht. Aber die Herausgeberfiktion wird jedenfalls in den Text eingebaut.
  • Werbung
    Ich habe noch alte Bastei-Taschenbücher mit Marlboro-Werbung innendrin. Und war es nicht Rowohlt, in deren Taschenbüchern in der Mitte immer diese Werbung für Pfandbriefe und Kommunalobligationen waren? Zum Text gehörende Werbung gibt es bei Jasper FForde in The Eyre Affair und den Folgebänden. Könnte man diese Werbung in anderen Ausgaben weglassen, ohne dass man um einen Teil des Werks betrogen wird? Vielleicht schon.
  • Anmachertext
    Früher zumindest mal, so in den 1970ern, da gab es die Praxis, auf der ersten Seite eines – meist eher trivialen – Buches, noch vor dem Inhaltsverzeichnis, einen besonders spannenden Ausschnitt aus dem Buch zu präsentieren. Damit man Lust bekommt, das Buch zu lesen, auch weil der Ausschnitt gerne mal mit einem Cliffhanger aufhört. Das gibt es auch bei Bored of the Rings (1969) von H.N. Beard und D.C. Kennedy, deutsch: Dschey Ar Tollkühn: Der Herr der Augenringe (Goldmann 1983) – nur dass die kurze Szene im späteren Buch überhaupt nicht erscheint, also klar kein redaktionelles Element ist, sondern Teil des Werks.
  • Aufkleber
    Ein Grenzfall. The Meaning of Liff von John Lloyd und Douglas Adams definiert „Liff“ als: „A book, the contents of which are totally belied by its cover. For instance, any book the dust jacket of which bears the words. ‚This book will change your life‘.“ Auf meiner Ausgabe des Buches ist ein Aufkleber mit eben dieser Aufschrift, und ich hätte das Gefühl, die Ausgabe wäre ohne diesen Aufkleber nicht vollständig.
  • Diskussionsvorschläge für Leserunden:
    Gibt es oft bei englischen Taschenbüchern. In Pride and Prejudice and Zombies steht auf den letzten Seiten solch ein „Reader’s Discussion Guide“, der aber nicht ganz ernst zu nehmen ist und für mich einen mindestens so relevanten Teil des Buchtexts ausmacht wie das Inhaltsverzeichnis.
  • Schriftlichkeit und ihre Folgen– Die Rechtschreibung war ursprünglich kein Teil des Textes, sondern eine Entscheidung der Drucker und Herausgeber. Heute wehren sich manche Autoren gegen die neue deutsche Rechtschreibung. Goethe hat sich nicht so angestellt.
    Beispiele fürs Spiel mit der Schreibung: Der englische Dichter Spenser wird im Gespräch erwähnt und von einer anderen Person als „Spencer“ aufgenommen: lautlich gleich, zeigt die in der wörtlichen Rede verwendete Schreibung, dass der Sprecher den Dichter nicht kennt (Compton Mackenzie, The Rival Monster (in: The Highland Omnibus p. 587). Ähnlich in Terry Pratchett, Pyramids (p. 121, Corgi): Das Wort „quantum“ wird gerade erfunden und von jemandem anderen als „kwa-“ ausgesprochen, der daraufhin korrigiert wird.

    Absätze sind auch eine neue Erfindung, die inzwischen Teil des Texts sind. Im Mittelalter wurde am Zeilende umbrochen und gut war’s.

    Zeichensetzung, etwa bei der wörtlichen Rede. In Terry Pratchett, Hogfather (p. 22, Corgi) gibt es ein telepathisches Kleidungsstück:

    ‚Good evening,‘ he said.
    The robe said, Good evening, Lord Downey.

    — Dazu gehören wohl auch Korrekturzeichen. Leider kann ich mit meinen begrenzten typographischen Mitteln hier nicht den Titel eines Essays von Anne Fadiman (aus dem tollen Bändchen Ex Libris wiedergeben. Im Endeffekt lautet der Titel wohl „Insert a Caret“ (Caret/Zirkumflex: ^), aber er ist entstanden aus den Wörter „Inset a Carrot“, versehen mit den üblichen Korrekturzeichen, denen zum Beispiel auch vorne im Rechtschreibduden ein Kapitel gewidmet ist. Auch im Inhaltsverzeichnis von Ex Libris taucht der Tiel in dieser Form auf, komplett mit Strichen am Rand und so weiter.

    Durchstreichung zum Zweck einer Korrektur, zum Beispiel in George Macdonald Fraser, Flashman’s Lady (p. 59 und weitere, Penguin 1988), wo Mrs Flashman in ihr Tagebuch schreibt:

    [H]e took advantage of the situation to press his lips to mine!! I was so affronted that it was some moments a moment before I could find the strength to make him desist

    Auslassungszeichen: In James Branch Cabells Figures of Earth werden die Kinder buchstäblich vom Storch gebracht. (Cabells vorhergegangenes Buch wurde als zu obszön kritisiert, hier macht sich Cabell darüber lustig.) Um den Storch zu beschwören, nimmt Manuel „fünf merkwürdige Objekte, in etwa wie kleine Sterne“ aus seiner Tasche und platziert sie in einer Reihe auf dem Boden:

    *****

    und danach ist der Storch da.

    Typographische Elemente wie verkehrt herum gesetzte Buchstaben, etwa in Michael Ende, Die unendliche Geschichte, in der man ganz am anfang spiegelverkehrt, weil von der Rückseite gesehen, die Aufschrift eines Antiquariats liest. Ähnlich die Geschichte „Mirror/rorriM, off the Wall“ (nur dass die Buchstaben des zweiten Wortes spiegelverkehrt sein müssten, das gibt HTML aber nicht her) von Spider Robinson in The Callahan Chronicles. Auch ein spiegelverkehrter Zehndollarschein taucht auf (01$ statt $10 geschrieben, auch wieder spiegelverkehrt, also hier nicht darstellbar).
    Der Titel der Glosse „Report on Resentialism“ von Paul Jennings ist in der Sammlung The Jenguin Pennings auf dem Kopf stehend gedruckt. In der Glosse geht es um eine fiktive philosophische Richtung, deren Kernaussage die ist, dass die Dinge nicht so wollen wie die Menschen.

    — In Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Der Gaulschreck im Rosennetz, 4. Capitel, hat die Stadt „Scheibbs“ (vormals „Scheibs“) ein zusätzliches „b“ erhalten, da vorher „ein paarmal peinliche, sinnstörende Schreibfehler vorgekommen waren“. Gehört nicht wirklich hierher, aber hier finde ich das wieder.

    — Auch die Wahl der Schriftart war ursprünglich rein redaktionell. Wann Fraktur und wann Antiqua, das ist ursprünglich vorgegeben. Bewusster Einsatz darüber hinaus: Walter Kempowski verwendet Sütterlin in Antiqua in Herzlich Willkommen (Knaus 1984, S. 191f), als es um einen Kugelschreiber geht, der „als Reklamegabe von der Wäschereri [unleserliches Sütterlin, muss ich mal ergänzen] bezogen worden war“.
    In Comics werden Schriftarten natürlich noch bewusster eingesetzt.

    Zeichengröße und andere Varianten: In The Munitions Master, einem Abenteuer von Doc Savage (Bantam-Ausgabe Nr. 58, p. 10) drücken die Kapitälchen im Satz „A SAVAGE roar of almost unutterable ferocity came from the crowd“ aus, dass die Menge nicht nur wild schreit, sondern auch den Namen der Person, auf die sie so wütend ist – Doc Savage eben.
    Jasper Fforde verwendet kleinere Buchstaben, um Flüstern darzustellen in Lost In A Good Book (Hodder & Stoughon 2002, p. 178): „‚Very good,‘ whispered Snell.“
    In Figurengedichten von Lewis Caroll gibt es ebenfalls verschiedene Schriftgrößen, und sicher anderswo auch.

Viele Elemente um ein Buch herum sind aber immer noch paratextuell, gehören also noch nicht zum eigentlichen Text. Zumindest teilweise ist es interessant, sich auszumalen, wie man sie einbauen könnte.

  • Klappentext
    Auch wenn zum Beispiel Alasdair Gray seinem Poor Things gleich einen „blurb for a high-class hardback“ und einen alternativen „blurb for a popular paperback“ mitgibt: Vermutlich nicht Teil des Texts
  • Autorenangaben
    Und seien sie auch noch so fiktional (Harlan Ellison in Edgeworks I: „It was not until he threw himself in front of the assassins bullet at last year’s Academy Award ceremonies, thus saving the life of Oscar nominee Brad Pitt…“).
    Dazu gehört wohl auch das Autorenfoto auf dem Buchrücken. Auch wenn das wie im oben schon erwähnten Venus on the Half-Shelf ein verkleideter Philip José Farmer mit enorm falschem Rauschebart ist.
  • Schriftfarbe
    Ursprünglich eine reine redaktionelle Entscheidung, aber bei Michael Ende, Die unendliche Geschichte und bei einer deutschen Ausgabe (nicht aber den englischen, die ich kenne) von William Goldman, The Princess Bride werden verschiedene Farben für den Text eingesetzt. Ich nehme mal an, dass das in einfacheren Ausgaben durch Kursivsetzung ersetzt ist.
  • Titelbild
    Ich kenne kein Buch, bei dem das Titelbild tatsächlich Teil des Werktexts ist. Es gibt allerdings mindestens ein Buch, dessen Text in mindestens einer Ausgabe bereits auf dem Titelbild beginnt.
  • Erscheinungsweise
    Ein Buch, das man nur in Einzelheften lesen kann und nicht in einer Gesamtausgabe? Kenne ich nicht.
  • Am vielversprechendsten stelle ich mir das bei der Seitenzählung vor. Wenn ein Blatt doppelt im Buch ist, eine Lage im Buch fehlt oder eine Lage doppelt ist: Wiederholt sich dann auch die Handlung beziehungsweise wird sie übersprungen?
    Vorerst gibt es Verhalten bei Weltuntergang von Florian Werner (2013), eine Kulturgeschichte der Apokalypse, bei der die Seitenzahlen rückwärts gezählt werden, sozusagen als Countdown.

Krause Gedanken zum Schluss, zu einer Geschichte, die ich mal schreiben wollte:

Ich stelle mir da ein Einsatzkommando von Helden vor, das sich – durch die Fußnoten, den Subtext oder die Beschwörung Dessen, Der Zwischen Den Seiten Geht – nach vorne kämpft, um die Reihenfolge einiger Seiten zu ändern. Schon vor zehn Jahren hatte ich Ideen für eine parallele Handlung in den Fußnoten, manches davon kann ich mir aus wiedergefundenen Notizen zusammenreimen: „irgendetwas fällt (unterschiedliche Schrifttypen?) von oben runter? Oben wird von Geräusch von unten abgelenkt? Sie schmuggeln sich was in die Tasche“. Ganz kühn: „sie schieben ein Wort zum Zeilenende, um Trennstrich zu erzeugen (Homographentrennung?)“

Ich glaube, das hätte einen etwas konstruierten Text gegeben.

Ergänzung 2012: Bin ja mal gespannt, ob eBuch-Reader wie der Kindle eigene peritextuelle Elemente hervorbringen werden.

The LibraryThing Meme

These are the top 106 books most often marked as „unread“ by LibraryThing’s users. The rules: bold what you have read, italicize what you started but couldn’t finish, strike through what you couldn’t stand and underline those you have no intention of reading.

Jonathan Strange & Mr Norrell
Anna Karenina
Crime and Punishment
Catch-22
One Hundred Years of Solitude
Wuthering Heights
The Silmarillion
Life of Pi
The Name of the Rose
Don Quixote
Moby Dick
Ulysses
Madame Bovary
The Odyssey
Pride and Prejudice
Jane Eyre
A Tale of Two Cities
The Brothers Karamazov
Guns, Germs, and Steel: The Fates of Human Societies
War and Peace
Vanity Fair
The Time Traveler’s Wife
The Iliad
Emma
The Blind Assassin
The Kite Runner
Mrs. Dalloway
Great Expectations
American Gods
A Heartbreaking Work of Staggering Genius
Atlas Shrugged
Reading Lolita in Tehran
Memoirs of a Geisha
Middlesex
Quicksilver
Wicked: The Life and Times of the Wicked Witch of the West
The Canterbury Tales
The Historian
A Portrait of the Artist as a Young Man
Love in the Time of Cholera
Brave New World
The Fountainhead
Foucault’s Pendulum
Middlemarch
Frankenstein
The Count of Monte Cristo
Dracula
A Clockwork Orange
Anansi Boys
The Once and Future King
The Grapes of Wrath
The Poisonwood Bible
1984
Angels & Demons
The Inferno
The Satanic Verses
Sense and Sensibility
The Picture of Dorian Gray
Mansfield Park
One Flew Over the Cuckoo’s Nest
To the Lighthouse
Tess of the D’Urbervilles
Oliver Twist
Gulliver’s Travels
Les Misérables
The Corrections
The Amazing Adventures of Kavalier and Clay
The Curious Incident of the Dog in the Night-Time
Dune
The Prince
The Sound and the Fury
Angela’s Ashes
The God of Small Things
A People’s History of the United States: 1492-Present
Cryptonomicon
Neverwhere
A Confederacy of Dunces
A Short History of Nearly Everything
Dubliners
The Unbearable Lightness of Being
Beloved
Slaughterhouse-Five
The Scarlet Letter
Eats, Shoots & Leaves: The Zero Tolerance Approach to Punctuation
The Mists of Avalon
Oryx and Crake
Collapse: How Societies Choose to Fail or Succeed
Cloud Atlas
The Confusion
Lolita
Persuasion
Northanger Abbey
The Catcher in the Rye
On the Road
The Hunchback of Notre Dame
Freakonomics : A Rogue Economist Explores the Hidden Side of Everything
Zen and the Art of Motorcycle Maintenance: An Inquiry into Values
The Aeneid
Watership Down
Gravity’s Rainbow
The Hobbit
In Cold Blood: A True Account of a Multiple Murder and its Consequences
White Teeth
Treasure Island
David Copperfield
The Three Musketeers

(Via The Literary Pursuit.)

Einige der fett gedruckten Bücher mochte ich nicht, aber „couldn’t stand“ geht zu weit. Der unsägliche Zimmer Bradley war mir damals nicht peinlich, heute schon. Und auch bei den unterstrichenen oder nicht unterstrichenen Büchern bin ich mir nicht immer sicher.

Das ganze hat etwas von dem Gesellschaftsspielchen im wunderbaren Changing Places von David Lodge. Dort gibt es auf einem geselligen Beisammensein von Literaturwissenschaftlern Punkte für Bücher, die man – möglichst als einziger – in der Runde noch nicht gelesen hat. Einer davon, sehr ehrgeizig und wenig lässig, lässt sich vom Drang überwältigen, bei Wettbewerben gewinnen zu wollen, und scheffelt Punkte mit einem letztlich herausgerufenen „Hamlet!“ Seiner Karriere tut das allerdings nicht gut.

Geschichten-Parallelen

In A Treasury of North American Folk Tales habe ich eine Variante von „Die Kuh Elsa ist tot“ entdeckt. Viele Angehörige meiner Generation kennen diesen Witz von Dieter Hallervorden, 1977 aus Nonstop Nonsens.
Stellt sich heraus, die Geschichte ist alt und weit verbreitet, als „Häufung des Schreckens“ hat sie im Erzähltypus-Index AaTh die Nummer 2040. Die Enzyklopädie des Märchens nennt zahlreiche Tradierungen und Beispiele, darunter auch das hier aus dem Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes von Johann Peter Hebel:

Ein Wort gibt das andere

Ein reicher Herr im Schwabenland schickte seinen Sohn nach Paris, daß er sollte Französisch lernen, und ein wenig gute Sitten. Nach einem Jahr oder drüber kommt der Knecht aus des Vaters Haus auch nach Paris. Als der junge Herr den Knecht erblickte, rief er voll Staunen und Freude aus: »Ei Hans, wo führt dich der Himmel her? Wie steht es zu Hause, und was gibt’s Neues?« – »Nicht viel Neues, Herr Wilhelm, als daß vor 10 Tagen Euer schöner Rabe krepiert ist, den Euch vor einem Jahr der Weidgesell geschenkt hat.«
»O das arme Tier«, erwiderte Herr Wilhelm. »Was hat ihm denn gefehlt?«
»Drum hat er zuviel Luder gefressen, als unsere schönen Pferde fielen, eins nach dem andern. Ich hab’s gleich gesagt.«
»Wie! Meines Vaters vier schöne Mohrenschimmel sind gefallen?« fragte der Herr Wilhelm. »Wie ging das zu?«
»Drum sind sie zu sehr angestrengt worden mit Wasserführen, als uns Haus und Hof verbrannte, und hat doch nichts geholfen.«
»Um Gottes willen!« rief der Herr Wilhelm voll Schrecken aus. »Ist unser schönes Haus verbrannt? Wann das?«
»Drum hat man nicht aufs Feuer achtgegeben an Ihres Herrn Vaters seliger Leiche, und ist bei Nacht begraben worden mit Fackeln. So ein Fünklein ist bald verzettelt.«
»Unglückselige Bottschaft!« rief voll Schmerz der Herr Wilhelm aus. »Mein Vater tot? Und wie geht’s meiner Schwester?«
»Drum eben hat sich Ihr Herr Vater seliger zu Tod gegrämt, als Ihre Jungfer Schwester ein Kindlein gebar, und hatte keinen Vater dazu. Es ist ein Büblein.
Sonst gibt’s just nicht viel Neues«, setzte er hinzu.

Und im Englisch-Leistungskurs habe ich Chris de Burgh, „The Painter“ gemacht. Das Lied beginnt so:

I’d like you to meet my last queen,
over there large as life
she’s been hanging there for almost a week,
my poor late wife

Vielleicht kennt ja der eine oder andere das Lied. Erfahrene Hörer und Leser merken spätestens an der Stelle, „he was driving me mad“, dass man dem Sprecher im Lied nicht sehr trauen kann. Das zu erkennen, fällt Schülern schwer – unzuverlässige Erzähler sind sie nicht gewöhnt.
Aber das Lied ist eine gute Übung, um sich danach vielleicht daran zu wagen und einen Vergleich anzustellen, auch wenn der Text nicht einfach ist:

Robert Browning: My Last Duchess

That’s my last Duchess painted on the wall,
Looking as if she were alive. I call
That piece a wonder, now; Frà Pandolf’s hands
Worked busily a day, and there she stands.
Will’t please you sit and look at her? I said
„Frà Pandolf“ by design, for never read
Strangers like you that pictured countenance,
The depth and passion of its earnest glance,
But to myself they turned (since none puts by
the curtain I have drawn for you, but I)
And seemed as they would ask me, if they durst,
How such a glance came there; so, not the first
Are you to turn and ask thus. Sir, ‚twas not
Her husband’s presence only, called that spot
Of joy into the Duchess‘ cheek; perhaps
Frà Pandolf chanced to say „Her mantle laps
Over my lady’s wrist too much,“ or, „Paint
Must never hope to reproduce the faint
Half-flush that dies along her throat.“ Such stuff
Was courtesy, she thought, and cause enough
For calling up that spot of joy. She had
A heart–how shall I say–too soon made glad,
Too easily impressed; she liked whate’er
She looked on, and her looks went everywhere.
Sir, ‚twas all one! My favour at her breast,
The dropping of the daylight in the West,
The bough of cherries some officious fool
Broke in the orchard for her, the white mule
She rode with round the terrace–all and each
Would draw from her alike the approving speech,
Or blush, at least. She thanked men–good! but thanked
Somehow–I know not how–as if she ranked
My gift of a nine-hundred-years-old name
With anybody’s gift. Who’d stoop to blame
This sort of trifling? Even had you skill
In speech–which I have not–to make your will
Quite clear to such an one, and say, „Just this
Or that in you disgusts me; here you miss,
Or there exceed the mark“–and if she let
Herself be lessoned so, nor plainly set
Her wits to yours, forsooth, and made excuse–
E’en that would be some stooping; and I choose
Never to stoop. Oh sir, she smiled, no doubt,
Whene’er I passed her; but who passed without
Much the same smile? This grew; I gave commands;
Then all smiles stopped together. There she stands
As if alive. Will’t please you rise? We’ll meet
The company below, then. I repeat,
The Count your master’s known munificence
Is ample warrant that no just pretence
Of mine for dowry will be disallowed;
Though his fair daughter’s self, as I avowed
At starting, is my object. Nay, we’ll go
Together down, sir. Notice Neptune, though,
Taming a sea-horse, thought a rarity,
Which Claus of Innsbruck cast in bronze for me!

CSI: Full circle

In seinem Essay „The simple art of murder“ preist Raymond Chandler seinen Vorgänger Dashiell Hammett:

Hammett gave murder back to the kind of people that commit it for reasons, not just to provide a corpse; and with the means at hand, not with handwrought duelling pistols, curare, and tropical fish.

Vorher hatten Verbrechen in einem Landhaus stattgefunden, mit sorgfältig konstruierten Mordmethoden und Situationen, um das Rätsel möglicht schwer zu machen – der Detektiv hatte das Mordrätsel zu lösen, und der Leser mit ihm, und das machte einen Mordsspaß.
Bei Hammett und Chandler und der amerikanischen hard-boiled school war das dann anders: Der Detektiv lernt die große und die kleine Welt kennen, einfache Verbrecher und die feine Gesellschaft, irgendwer wird erschossen, irgendwer wird verhaftet, aber Rätsel zu lösen gibt es keine.

Ich erwähne das nur, weil wir inzwischen zum Ausgangspunkt zurückgekehrt sind. Gestern im Fernsehen bei CSI starb eine Frau an Kugelfischgift nach dem Besuch eines exotischen Sushi-Restaurants (eines sehr exotischen, dort wurde auf nackten Frauenkörpern serviert): Eine der Frauen ermordete den sie immer wieder demütigenden Gast (weiblich, war mal ihr Boss gewesen), indem sie sich die Zehennägel mit Kugelfischgift lackierte. Der Gast leckte erotisch daran und starb wenig später.

Hammett! Chandler! Wo seid ihr!! Ich schreib noch mal was über euch, versprochen.

Bücherwürmer



Hungrige kleine Biester mit merkwürdigem Geschmack. (Bei aller Liebe zu Perry Mason: Dieses Titelbild…)
Ich weiß nicht mal, ob das Bücherwürmer waren, und was die genau sind. Jedenfalls war das Buch erst einmal wochenlang in Quarantäne, bevor es ins Regal kam, und es steht da immer noch in einer Plastikhülle. Man weiß ja nie.

Rashomon-Episoden

Rashomon, auch: Rasho-Mon, Rashômon, ist ein Filmklassiker von Akira Kurosawa von 1950; Grundlage des Films sind Kurzgeschichten von Ryunosuke Akutagawa. Hier ist der Eintrag bei IMDB dazu.
Der Film hat viele interessante Aspekte, aber der bekannteste ist wohl der Aufbau: Ein Verbrechen ist geschehen, der Bandit Tajômaru hat einen Mann ermordet und dessen Frau vergewaltigt. Drei Personen treffen sich und berichten aus ihrer Sicht vom Geschehen. Zuletzt wird der Geist des Ermordeten beschworen und erzählt seine Fassung. Die vier Geschichten erzählen vier unvereinbare Versionen eines Geschehens. Was wirklich passiert ist, können die Personen nicht klären.
Mit dieser kurzen Zusammenfassung ist dem Film lange nicht genüge getan, aber die Kenntnis des Films setze ich mal voraus. Er ist ein Meilenstein.*

Die Struktur von Rashomon ist von vielen anderen Erzählern aufgenommen worden. Gerade Fernsehserien haben gerne mal Rashomon-Episoden (ähnlich wie es viele Fassungen von „Twelve Angry Men“ gibt, aber dazu später mal). Typischerweise gibt es dabei drei widersprüchliche Fassungen eines Geschehens, die episodenartig nacheinander erzählt werden. Bei den furchtsameren Serien gibt es zum Schluss eine Instanz, die eine der Fassungen zur richtigen erklärt. Man traut dem Zuschauer anscheinend nicht zu, die Spannung auszuhalten, die eine unvollkommene Auflösung mit sich bringt.

  • The Dick van Dyke Show: „The Night the Roof Fell In“, Staffel 2 (1962), Drehbuch John Whedon, Regie Hal Cooper.
    Rob (Dick van Dyke) und Laura (Mary Tyler Moore) streiten sich, bis Rob die Nacht wütend in der Garage verbringt. Beide erzählen ihren jeweiligen Freunden ihre Fassung des Geschehens, stellen sich selbst als absolut unschuldig am Streit hin. Es gibt eine dritte Fassung.
  • Magnum, P.I.: „I Witness“ (dt. „Rashomon, die Fortsetzung“ bzw. „Augenzeugen“), Staffel 4 (1984)
    Ein kleines Meisterwerk. Der Nachtclub wurde überfallen, die Kasse geraubt; die Polizei und Magnum finden Rick, T.C. und Higgins nackt und gefesselt. Jeder der drei erzählt seine Variante; keine der drei ist glaubwürdiger als die anderen, jeder stellt sich selber als Held und die anderen als Jammerlappen hin. Die drei Fassungen unterscheiden sich nach Hintergrundmusik, nach Tiefe des Dekolletés bei der Sängerin und vielen, vielen weiteren Einzelheiten. — Zum Schluss ist der Überfall geklärt, aber warum die drei nackt waren, erfährt Magnum aus keiner der drei Geschichten.
  • Peter Parker The Spectacular Spider-Man (Vol. 1): Issue No. 121 (1986), „Eye Witness!“ Keine Fernsehserie, sondern ein Superhelden-Comic. J. Jonah Jameson (Herausgeber des Daily Bugle und Spider-Man-Hasser), Peter Parker (Spider-Man) und dessen Freundin Mary Jane erzählen drei Fassungen des gleichen vereitelten Banküberfalls. Sehr schön gemacht, bis in die Details. Kein Wunder: Als ich gerade nach den Credits gesucht habe, ganz hinten, steht da als Autor „Peter David“. Und der ist nunmal einer der besten. (Für die verschiedenen Teilgeschichten gab’s auch verschiedene Zeichner, sechs insgesamt.)
  • Star Trek The Next Generation: „A Matter of Perspective“ (dt.: „Riker unter Verdacht“), Staffel 3 (1990).
    Eine Raumstation explodiert, dabei stirbt der Forscher Apgar, Riker und Apgars Frau Manua überleben. Nach Rikers Fassung war Apgar grob unhöflich und Manua versuchte Riker zu verführen; laut Manuas Fassung versuchte Riker sie zu vergewaltigen und fing Streit mit Apgar an (Troi erkennt, dass Manua zumindest nicht bewusst lügt). Danach wird die Fassung von Apgars Assistenten gehört. Schließlich gelingt es, im Holodeck das wirkliche Geschehen zu simulieren.
  • Emergency Room: „Four Corners“, erste Episode von Staffel 8 (2000).
    Ich hab die Folge noch gar nicht gesehen, es ist aber eine klare Rashomon-Hommage.
  • Coupling: „Remember This“, Episode 19, Staffel 3 (2002).
    Patrick und Sally erinnern sich, wie sie sich kennen gelernt haben. Wir sehen zwei sich widersprechende Fassungen. Man kann sich zusammenreimen, was genau geschehen ist, da ziemlich klar und schreiend komisch ist, welcher Erzähler welche Details im Gedächtnis behalten hat. Keine der beiden Fassungen ist durchweg korrekt.
    (Coupling ist eine brillante englische Serie. Brillant geschrieben, sehr gut gespielt. Der Versuch, eine US-Fassung zu drehen, ging wohl schief; nach 4 von 11 gesendeten Episoden wurde die US-Serie abgesetzt. Wie konnte man nur auf die Idee kommen, das ließe sich für Amerika zurechtschneiden.)
  • That 70s Show, Episode „I Can’t Quit You Babe (a.k.a. Jackie and Hyde Get Busted)“ (September 24, 2002) – drei Versionen davon, wie Jackie und Hyde zusammenkamen. Für die Episode aber nicht zentral, sondern Beiwerk.
  • How I Met Your Mother, Staffel 8, Folge 17 (Folge 177), „The Ashtray“. Drei Varianten eines Abends, und eine vierte dann als das, was tatsächlich passiert ist.
  • Ein Mord mit Aussicht, Spielfilmauskopplung (2015) aus der Serie Mord mit Aussicht. Wir sehen hier zuerst die Version, die als tatsächlich geschehen und neutral geschildert vorgestellt wird, danach kommen gefärbte Zeugenaussagen, aber jeweils nur kurze Szenen. (Und zwar durch Filtereinsatz wörtlich gefärbt.)
  • Gambit/Das Mädchen aus der Cherry-Bar (1966) Nicht wirklich Rashomon, die ersten 25 Minuten der Einbruchsfilm-Handlung stellen sich danach lediglich als Vorstellung des Plan heraus; darauf folgt der tatsächliche Ablauf, der sich deutlich unterscheidet. Typisch Rashomon etwa: Im Plan spricht Shirley MacLaine kein einziges Wort und setzt sich akrobatisch-delikat auf die Couch; im tatsächlichen Ablauf spricht sie so viel, dass die Michael Caine auf die Nerven geht, und ist wesentlich burschikoser.

Bestimmt gibt es noch mehr Folgen, Matlock hat doch bestimmt auch eine gemacht. Kennt jemand noch welche?

*Gerade gesehen, dass der Film auf der Kurzgeschichte „Yabu no naka“ („In the Grove“) von Ryunosuke Akutagawa basiert, die wiederum auf „The Moonlit Road“ von Ambrose Bierce zurückgeht. Schon bei Bierce haben wir drei unzuverlässige Erzähler, die jeweils – vermutlich – das gleiche Ereignis beschreiben, eine Frau, die von ihrem Mann aus Eifersucht umgebracht wird. Ihre Aussage gibt es ebenfalls durch ein Medium.

Nachtrag: Siehe Liste bei TV Tropes.
Nachtrag: Liste bei Wikipedia.

6 Fragen zu Büchern

Auf speziellen Wunsch hin:

1. You’re stuck inside Fahrenheit 451, which book do you want to be?
Wer’s nicht weiß: In Fahrenheit 451 von Ray Bradbury sind Bücher verboten und werden verbrannt. Manche Leute lernen heimlich Bücher auswendig, um sie so zu retten.
Mein Buch wäre Geoffrey Chaucer, The Canterbury Tales. Es ist leicht auswendig zu lernen, da in Versen geschrieben (im 14. Jahrhundert in England). Mein Mittelenglisch ist ordentlich, ich kann jetzt schon einige Chaucer-Fragmente auswendig – mehr als von jedem anderen Buch jedenfalls. Leichter als Mittelhochdeutsch ist es allemal, wenn man schon Englisch kann.
Vor allem macht es aber auch Spaß, die Tales laut zu erzählen. (Ich hab schon mal über Chaucer gebloggt.) Eine Rahmenhandlung, viele kleine Einzelgeschichten, lustige und spannende, alberne und ernsthafte, viele Rollen, in die man schlüpfen kann.

2. Have you ever had a crush on a fictional character?
Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern. Wenn, dann vermutlich eher Film. Aber nein, nicht dass ich wüsste.

3. The last book you bought is:
Das waren drei gleichzeitig, Amphitruo von Plautus (Lateinisch/Deutsch), ein neuer Terry Pratchett (A Hat Full of Sky, nicht so toll) und Ein Seemann von Welt von P. Howard (bzw. Jenö Rejtö), auf das ich durch diesen Blog-Eintrag gekommen bin.

4. The last book you read:
Der Terry Pratchett von oben.

5. What are you currently reading?
Amphitruo von Plautus. Den Stoff kenne ich von einer Kleist-Verfilmung aus den 30ern. Weit interessanter als der Pratchett. Man fühlt sich natürlich auch viel cooler beim Lesen antiker Autoren. (So ordentlich bin ich selten, dass ich neu gekaufte Bücher auch gleich lese.)
Mittendrin stecke ich außerdem noch in Leeres Viertel Rub‘ Al-Khali von Michael Roes. Über 800 Seiten, da darf man schon mal Pause machen. Sonst lese ich eher selten parallel.

6. Five books you would take to a deserted island.
Für vier Wochen: Ziemlich egal, ich würde versuchen, die Zeit ohne zu lesen zu genießen. Für länger:

  • Homer, Odyssee und Ilias in einem Band. (Das wird ja wohl erlaubt sein, da gibt’s sicher Ausgaben. Sonst nehme ich die 18-bändige Biographie von Manuel von Cabell.)
  • Chaucer, siehe oben. Nur die Tales, oder gleich den ganzen Riverside Chaucer.
  • Ein Bradbury, vielleicht The Martian Chronicles, aber das kann sich mit Lust und Laune ändern.
  • Friedrich Torberg, Die Tante Jolesch. Schon mal, weil ich’s von jemandem geschenkt bekommen habe.
  • Jetzt wird’s schon schwieriger. Was gibt es, das ich sicher wieder und wieder lesen wollen würde? Eine Anthologie deutscher Lyrik, richtig, möglichst groß. Den Conrady etwa, 1200 Seiten vom Mittelalter bis heute. Auch wenn mir dann immer noch so viele Texte fehlen würden.

(„Book of matches“ und „Wie überlebe ich auf einer einsamen Insel“ habe ich jetzt mal ausgelassen.)

Storisende No. 1113

(Eine Buchgeschichte.)


Ich habe mir einen Wunsch erfüllt. Vor zwölf Jahren stand ich in der Unibibliothek in Augsburg und betrachtete ehrfürchtig-liebevoll achtzehn grün eingebundene Bände im Regal: Die Storisende-Ausgabe der Biographie von Manuel von James Branch Cabell.

Cabell hat später noch viele weitere Bücher geschrieben, aber sein Hauptwerk ist die Biographie von Manuel, ein Roman in 18 Bänden. Sozusagen. Man könnte sie auch realistischer als 18 Bände mit Romanen, Kurzgeschichten, Essays und ein wenig Lyrik zu einem gemeinsamen Thema und mit einem verbindenden Element nennen: Es geht um den legendären Dom Manuel und seine Nachkommenschaft durch die folgenden Jahrhunderte.

Die Teile der Biographie erschienen einzeln zwischen 1904 und 1930, die meisten in verschiedenen, teilweise immer wieder überarbeiteten Ausgaben. Die endgültige Ausgabe und Sammlung aller Texte, die zur Biographie gehören, ist die Storisende-Ausgabe von 1927-30. Es handelt sich bei ihr um eine Teil-Gesamtausgabe der Werke Cabells, wenn man so will, und die Ausgabe letzter Hand, was die Biographie betrifft.
Sie erschien in einer Auflage von 1590 Stück, handschriftlich nummeriert, mit der handschriftlichen Unterschrift Cabells im Vorwort in jedem einzelnen Band. Und eine dieser 1590 Reihen von 18 Bänden hatten wir in der Unibibliothek. Bei den meisten Bänden waren die Seiten noch nicht mal aufgeschnitten.*

Und jetzt bin ich ebenfalls stolzer Besitzer einer Storisende-Ausgabe, Nummer 1113:

Cabell, James Branch. Works of James Branch Cabell. New York: 1927-1930. 18 octavo volumes. One of 1590 sets. The author’s note in each volume is signed by Cabell. The first collection of his works. Green cloth. Some volumes skewed, some rubbing and light wear, generally a bit tired, bookplates, very good.

Stolz nicht darauf, dass ich genug Geld habe, sie mir leisten zu können. (Sie war ohnehin weit billiger, als ich gedacht hätte. Der Dollarkurs hilft, ebenso die deutlichen Gebrauchsspuren.) Aber stolz darauf, dass ich mir eher das leiste als andere Sachen. Gelesen habe ich schon fast alle Bände, teilweise mehrfach, teilweise nicht; einige sind etwas weniger zugänglich als andere. Nur der letzte, der fehlte mir noch, und da bin ich gerade mittendrin. Was mache ich nur mit meinen alten Cabell-Ausgaben?

Und hier die Fotostrecke zum Auspacken:

Und hier das eingeprägte Logo (Kalki, ein mythologisches Pferd aus dem Cabell-Kosmos):

 

 

* Bücher werden auf große Bögen Papier gedruckt, die dann gefaltet und zusammen gebunden werden. Die durch die Faltung entstandenen Ränder müssen dann noch aufgeschnitten werden. Das geschieht maschinell, und außerdem wird zumindest in Deutschland der Rand ganz sauber abgeschnitten. Gerade in den USA wird bei vielen Hardback-Ausgaben auch heute noch der Rand nicht sauber abgeschnitten, wohl um das Buch handgemachter erscheinen zu lassen.
Das maschinelle Auftrennen der Ränder funktionierte früher oft nicht richtig. (Oder gab es auch Bücher ganz ohne aufgeschnittene Seiten? Vielleicht weiß die Buchhändlerin mehr.) Dafür hatten Leser ein Papiermesser, mit denen man die nicht geschnittenen Seiten bei neuen Büchern auftrennte. So sah dann ein Buch mit aufgeschnittenen Seiten von hinten aus:

Was ich bei Karl May gelernt habe

  • Ammoniak (und: Riechfläschchen)
  • Bonze
  • Firnis
  • Granatapfel
  • Kotau
  • Kris
  • Lariat
  • Lotse

Nachgetragen:

  • Vatermörder(kragen)
  • Köhler
  • Kadi
  • Piaster, Mariatheresientaler
  • Sure
  • Pilaw, Kebab
  • gelesen, aber nicht aktiv behalten: Sunnit, Schiit, Shisha

…bei diesen Wörtern und den Dingen, für die sie stehen, weiß ich, dass ich ihnen zum ersten Mal bei Karl May begegnet bin. Bestimmt habe ich aus Karl May noch viel mehr gelernt (die Kaaba? ben = Sohn?), aber das ist mir nicht immer im Gedächtnis geblieben. Vielleicht liegt das daran, dass die Konzepte allein für mich nicht erinnernswert sind, es müssen auch immer die ungewohnten Wörter dazu kommen. Jetzt fragt mich nicht, was an „Granatapfel“ so ungewohnt ist; vielleicht die Assoziation mit „Granate“?

Auf das Wort „Couch“ bin ich zum ersten Mal bei Enid Blyton gestoßen; gesprochen kannte ich es schon, aber mit dem geschriebenen Ko-uch konnte ich nichts anfangen, so dass ich mir von meiner Mutter erklären lassen musste, dass man kautsch sagt und ko-uch schreibt.

Alles in meiner Grundschulzeit.