Grammatik 1

Ich mag Grammatik. Für mich gehört sie außerdem aus mindestens drei Gründen ins Gymnasium: Als Dienstleistung für die Fremdsprachen. Der Englischlehrer tut sich viel leichter, wenn die Schüler bereits wissen, was ein Subjekt oder was ein finites Verb ist. (Ersteres wissen sie. Letzteres nicht.) Als Mittel, um bessere Texte erstellen zu können beziehungsweise als Analyseinstrument, um die Wirkung von Texten beschreiben und begründen zu können. Die Wirkung des Anfangs der folgenden Geschichte beruht – neben einem anderen offensichtlichen Merkmal – auch auf dem Satzbau: Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm. Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft …

Reden (und Interviews)

In der 9. Klasse Deutsch wird dieses Jahr die erste Schulaufgabe eine Rede sein – eine verkappte Erörterung eigentlich, aber halt eine mit einem Adressaten, eingebettet in eine Situation, wenn auch beides nur fiktiv. Argumentieren müssen die Schüler in einer Rede schließlich auch, und das ist das Wichtigste, das sie bei der Erörterung lernen. Das Schulbuch unterscheidet zwischen Reden mit Informations- und Appellcharakter sowie Reden zu einem gegeben feierlichen Anlass. Ein Beispiel darin ist eine Scherzrede von Loriot zum Thema “Spenden für notleidende Vampire”. Nach diesem Vorbild sollten die Schüler erst einmal eine ähnliche Rede schreiben – mit dem Computer …

Franz Kafka, Auf der Galerie

Sehr schöner Schultag heute. Vier Stunden, drei Klassen, alle haben mir Spaß gemacht, bei allen glaube ich, dass die Schüler etwas gelernt haben (aber das glaubt man ohnehin zu oft) – und zu jeder Stunde will ich etwas bloggen. Habe aber keine Zeit vor lauter Zeug, das ich machen will. Deshalb nur kurz noch etwas von letzter Woche. Deutsch, 9. Klasse, zum Anwärmen und Kennenlernen: Wiederholung von Wortarten und Satzgliedern an folgender Kafka-Parabel als Beispiel. Auf der Galerie Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung …

Noch ein paar Sagen

Interessant an folgender Sage finde ich die Logik: Wenn man im Himmel stirbt, wird man auf der Erde wiedergeboren. (Alle Fehler unkorrigiert. Vor allem Kommas fehlen.) Warum der H. so viel spricht! Jeder Schüler des Graf-Rasso-Gymnasium kennt den Herrn H. und jeder weiß dass er im Unterrricht spricht wie ein Wasserfall. Doch das war nicht immer so. Denn in seinem früheren Leben… Der Herr H. war in seinem früheren Leben nämlich Lehrer im Himmel. Er hat in seinem Unterricht so viel geredet dass die Worte die Schüler förmlich zu zerdrücken schienen. Eines Tages beschwerte sich ein Schüler darüber, dass der …

Wieso Herr Rau seinen Bart abrasierte

Beim Aufräumen bin ich auf eine Mappe mit Schülertexten gestoßen – Mindmaps, Zeichnungen, und vor allem eine ganze Reihe der Sagen, die Ende 1999 eine 6. Klasse geschrieben hatte. (Beispiele hier und hier.) Eine dieser Erklärungssagen ist vielleicht von besonderem Interesse, weil sie zeigt, wie Schüler sich das Privatleben eines Lehrers vorstellten. Der Text ist nicht korrigiert, war mit dem Computer geschrieben. Der Bart ist ab Wie ihr alle wißt, hatte Herr Rau vor ein paar Monaten einen kleinen Bart. Doch dann war er auf einmal verschwunden: Und das kam so: Herr Rau saß mit seinen drei Freunden, an einem …

Lichtenberg (und Chandler)

Kann es wirklich sein, dass ich hier noch nie Lichtenberg-Zitate gesammelt habe? Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799), Naturwissenschaftler und Aphoristiker der Aufklärung. Bekannt ist er für seine Sudelbücher: Notizhefte voller Aphorismen und Ideen, Kritzeleien, Zitate, Listen von interessanten Wörtern. Hier ein paar zur Auswahl (die Angaben in Klammern beziehen sich auf die Sudelhefte, damit ich die Quelle wiederfinde): Die Braut war pockengrübig, und der Bräutigam finnig. Spötter sagten, wenn das Pärchen nur erst zusammengeschmiedet wäre, so gäben ihre Gesichter ein treffliches Waffeleisen. (H87) Einer will sich ersäufen, allein sein großer Hund, der ihm nachgelaufen, apportiert ihn allemal wieder. (H106) Er konnte …

Louise Fitzhugh, Harriet the Spy

Bei meinem Podcast-Potpourri war neulich auch folgender NPR-Beitrag “Unapologetically Harriet, the Misfit Spy” dabei, ein Beitrag aus der Reihe “In Character” über wichtige, bekannte, folgenreiche oder vielleicht auch nur interessante fiktionale Figuren der amerikanischen Literatur und Popkultur. Von Harriet hatte ich noch nie gehört. Das klang interessant, ich habe mir das Buch besorgt (ist von 1964), es gelesen, und fand es so mitteilenswert, dass ich das hiermit teilen möchte. Harriet ist elf Jahre alt und führt schon seit einigen Jahren ein Notizbuch, in das sie alle Beobachtungen, die sie macht, einträgt. Beobachtungen heißt: Sie sieht sich als Spionin, hat einen …

The Great Depression

Der Anlass: Die Library of Congress, bei der es ohnehin unglaublich viel an Material zu finden gibt, hat vor ein paar Tagen über 3000 Fotos bei flickr eingestellt. Ich finde den Gedanken schon mal toll, dass staatliche Institutionen ihr Material öffentlich zugänglich machen, und dass die dazu dann auch noch die Mittel nutzen, mit denen man heute Publikum erreicht. (Lobenswert ist bei uns die Bundeszentrale für politische Bildung, die viel anbietet – die Texte der Informationen zur politischen Bildung etwa, auch wenn mir das ganze Heft als pdf lieber wäre.) Es gefällt mir, dass die USA so ein sammelwütiges Verhältnis …

Lies My Teacher Told Me

Weil doch bei Stiftung Warentest die Bio- und Geschichtsbücher so schlecht abgeschnitten haben, hier der Hinweis auf: Ausgangspunkt des Buches ist laut Vorwort der schlechte Ruf, den Geschichte als Fach an amerikanischen High Schools hat: Die Schüler mögen es nicht, sie lernen nichts dabei, und die Universitäten jammern, dass sie bei Null anfangen müssen oder schlimmer noch, bei minus zehn, weil die Schüler so viel Falsches im Kopf haben. In diesem Buch von 1995 untersucht James W. Loewen zwölf (zumindest damals) aktuelle Geschichtsbücher daraufhin, wie sehr sie an dieser Lage schuld sind. Ich bin noch im ersten Drittel, deshalb nur …

Neues von Robot Karol

Also, nicht wirklich Neues, aber Nettes: Ein Schüler hat zu Hause eine Sammlung von Anweisungen geschrieben, mit denen man Texte schreiben kann. Für jeden Buchstaben eine Anweisung. Und davor gibt es sogar eine Art try/except, eine Abfrage am Anfang, ob die Welt auch lang genug ist für einen Buchstaben: Anweisung StartPosition   Schnell   wiederhole 6 mal    wenn NichtIstWand dann     Schritt     sonst     Beenden    *wenn   *wiederhole   LinksDrehen *Anweisung (Wie man mit Robot Karol eigene Bedingungen außer NichtIstwand und so weiter definiert, haben wir noch nicht besprochen. Letztlich geht das so ähnlich, wie der …