Eleusis

Als Zwölf- oder Dreizehnjähriger stieß ich in der örtlichen Stadtbibliothek auf ein Buch, das ich im Laufe der folgenden Jahre wieder und wieder auslieh: Denken als Spiel von Willy Hochkeppel, ein Buch mit Paradoxien, Rätseln, Denkaufgaben. Und zwar ein besonders gutes; ein Rätsel daraus (und zwar eines, bei dem die Lösung nicht angegeben war) ließ mir Jahre lang keine Ruhe. Immer wieder lieh ich das Buch aus, und irgendwann hat’s dann auch mit dem Rätsel geklappt.

Bemerkenswerter an dem Buch war aber, dass darin zwei Spiele vorgestellt wurden, die mich in den Jahren darauf immer wieder beschäftigen würden. Zwei ungewöhnliche, interessante, großartige, weithin unbekannte Spiele – und beide im gleichen Buch vorgestellt.
Das eine war WFF ‚N PROOF, das einen eigenen Blog-Eintrag bekommen wird hat. (Ein ungemein abstraktes und nicht wirklich spielbares Logik-Brettspiel, im weitesten Sinn.) Das andere war Eleusis, ein überaus gut spielbares Kartenspiel.
An aktuelle Versionen beider Spiele kam ich damals, in den 80ern und weit vor dem WWW, über Georg Keller (viele Grüße, wo immer du auch sein magst).

Bei Eleusis geht es um logisches Denken, aber um induktives Denken: Es geht ähnlich wie bei Mau-Mau darum, seine Karten loszuwerden, aber während bei Mau-Mau die Ablageregel gegeben ist (man darf nur Karten von gleicher Farbe oder gleichem Wert wie die zuletzt gelegte Karte ablegen), ist diese Regel bei Eleusis den Spielern am Anfang unbekannt. Ein Spieler denkt sich am Anfang eine Regel aus und schreibt sie zur Sicherheit auf einen Zettel:

  • Man darf nur eine Karte der gleichen Farbe (Herz, Pik, Kreuz, Karo) anlegen oder des gleichen Wertes.
  • Ungerade Karten (A, 3, 5, 7, 9, J, K) sind generell verboten, gerade Karten (2, 4, 6, 8, T, Q) generell erlaubt (A=Ace/1, T=Ten/10, J=Jack/11, Q=Queen/12, K=King/13).
  • Nach einer roten Karte (Herz, Karo) muss eine niedrige Karte kommen (A-7), nach einer schwarzen Karte (Pik, Kreuz) ist alles erlaubt.
  • Blonde Spieler dürfen nur rote Karten spielen.

(Theoretisch ist alles erlaubt, aber es gibt wenig Punkte, wenn man die Regel zu schwer macht: Am meisten Punkte kriegt der Regelgeber, wenn mindestens ein Mitspieler alle seine Karten ablegen kann, und mindestens einer gar keine Ahnung hat, wie die Regel lautet.)

Nachdem der Regelgeber seine Regel notiert hat, werden zwei Kartenspiele (zu je 52 Karten) gemischt, der Regelgeber deckt die erste Karte auf, und jeder der drei bis fünf weiteren Mitspieler erhält 13 Karten (die sie verdeckt in der Hand halten). Ziel des Spiels ist es, seine Karten nach und nach abzulegen.
Die vom Regelgeber als Starterkarte aufgedeckte Karte ist zum Beispiel ein Pik König. Der erste Spieler legt probeweise eine Herz 3 an, die vom Regelgeber als richtig akzeptiert wird. Jetzt ist der nächste Spieler dran, der probeweise eine Pik 8 anlegt. Auch diese wird vom Regelgeber akzeptiert. Der nächste Spieler legt eine Kreuz 9 an, die der Regelgeber zurückweist. Die zurückgewiesene Karte wird unterhalb der vorhergehenden Karte angelegt, also nicht die Reihe fortsetzend. So etwa:

Der Spieler, der die Kreuz 9 anzulegen versucht hat, erhält zwei Extrakarten vom Stapel. (Wer also richtig anlegt, hat danach eine Karte weniger, wer falsch anlegt, eine Karte mehr.)
Der nächste Spieler legt ein Karo As an, das akzeptiert wird. Der Spieler danach legt eine Karo 7, die abgelehnt und unterhalb der vorhergegangenen Karte angelegt wird. (Dazu zwei Strafkarten.) Der nächste Spieler legt eine Karo 9, auch sie wird abgelehnt und außerhalb der Reihe platziert. Dann wird jemand erfolgreich eine Kreuz 10 los, darauf einer eine Karo 6.

Die meisten Spieler werden jetzt schon eine Vermutung haben, wie die geheime Regel des Regelgebers lautet, und erfolgreich ihre Karten loswerden. (Es gibt auch die Möglichkeit, bis zu 4 Karten auf einmal zu spielen, und so seine Karten noch schneller abzulegen.) Aber letztlich kann man nie sicher sein, die Regel wirklich erfasst zu haben; sie könnte ja auch durchaus den Zusatz haben: „Und jede fünfte Karte muss 7 oder höher sein.“ Es geht aber auch nur indirekt darum, die Regel zu entdecken – Ziel ist es lediglich, seine Karten abzulegen.

Das Spiel ist aus, wenn ein Spieler keine Karten mehr hat. Der Spieler erhält dann soviel Punkte, wie der Spieler mit den meisten Karten auf der Hand Karten hat, die anderen dementsprechend: Anzahl der Karten des schwächsten Spielers minus Anzahl der eigenen Karten. Der schwächste Spieler erhält 0 Punkte. Das Spiel endet nach einer bestimmten Anzahl gelegter Karten, auch wenn kein Spieler alle Karten losgeworden ist. So oder so erhält der Regelgeber folgende Punktzahl: Karten des schwächsten Spielers minus Karten des besten Spielers. Wenn also alle Spieler ihre Karten fast losgeworden sind, oder alle Spieler sehr viele Karten haben, weil die Regel zu schwierig war, erhält der Regelgeber nur wenig Punkte.

Interessant am Spiel ist die Parallele zur naturwissenschaftlichen Methode: Es gibt Regeln/Naturgesetze, und man versucht sie herauszufinden. Man kann nie sicher sein, dass man ein Gesetz gefunden hat, mehr als eine Theorie kann es in der Naturwissenschaft nicht geben. Man formuliert Hypothesen und testet sie, indem man Experimente anstellt/Karten anlegt. So sammelt man Datenmaterial, das die Hypothese unterstützt oder widerlegt. Manche Hypothesen passen besser zum Datenmaterial als andere, auch wenn sie noch nicht perfekt sind/alle Phänomene erklären.

(Ein Spieler, der sich sicher ist, die Regel herausgefunden zu haben, kann sich zum Propheten erklären. Er verzichtet auf seine regulären Züge, entscheidet aber statt des Regelgebers, ob die angelegten Karten der anderen Mitspieler zur Regel passen oder nicht. Irrt er sich nie, kann er sogar mehr Punkte machen als der Regelgeber, was ansonst nicht möglich ist. Irrt er sich jedoch, so war er ein falscher Prophet und muss bitter büßen, punktemäßig.)

Interessant am Spiel ist außerdem, sich beim Denken zu beobachten. Schon einfache Regeln stellen beim Spielen eine große Herausforderung da. Meistens hält man die Regel für komplizierter, als sie ist; eine zufällige Abfolge von rot-schwarz-rot-schwarz (bei einer Regel, bei der es eigentlich nur um gerade/ungerade geht) hält man für einen essentiellen Teil der Regel: Und dadurch, dass alle Spieler das glauben, halten sie sich auch daran, so dass auf dem Spielfeld bald tatsächlich nur rot-schwarz-rote Karten liegen und so die Hypothese zu unterstützen scheinen.
Alle fünf oder sechs Karten schlägt sich außerdem ein anderer Spieler vor den Kopf und ruft „Jetzt hab‘ ich’s!“, um zwei Karten weiter verdutzt zu schauen und seine Hypothese widerlegt zu sehen.

Eleusis wurde 1956 von Robert Abbott erfunden, und 1976 (nach dem Erscheinen von Hochkeppels Buch) deutlich als New Eleusis verbessert. Die vollständigen Regeln sind nicht viel ausführlicher als dieser Text, aber einige wichtige Feinheiten fehlen dennoch.

Apfel oder Banane?

Ich mag an den USA, dass das Land so viele Möglichkeiten bietet, so vielfältig ist, so vieles zulässt. Blödsinn natürlich auch, etwa die Debatte Creationism vs. Evolution.

Hier geht es zumindest auf oberster Ebene darum, wie der Mensch entstanden ist. Es gibt dazu vor allem zwei wichtige Ansätze:

Evolution (Modell Banane):
Das ist der Ansatz, nach dem das Leben auf der Erde evolutionär entstanden ist. Das heißt, dass sich Tierarten durch Mutation aus anderen Tierarten entwickelt haben; dass die Auslese durch die Natur dazu geführt hat, dass manche Tierarten aussterben und andere nicht; und dass all das letztlich auch für die Entwicklung des Menschen gilt. Meist wird Charles Darwin als prominentester Vertreter genannt. Der vereinfachende Vorwurf lautet oft, der Mensch stamme vom Affen ab. Daher die Banane.
Das ist der richtige Ansatz. Über verschiedene Punkte sind sich die Wissenschaftler uneins, zum Beispiel darüber, wie sprunghaft sich Arten evolutionär verändern. Trotzdem gibt es keine ernst zu nehmenden Wissenschaftler, die daran zweifeln.

Creationism (Modell Apfel):
Laut diesem Ansatz hat (der christliche) Gott die Tierarten und den Menschen geschaffen, so wie sie sind. Es findet keine Entwicklung der Arten statt; manchmal, aber nicht immer, schließt das den Glauben mit ein, dass die Erde nur 10.000 Jahre alt ist und dass Fossilien von Gott als Fossilien geschaffen wurden.
Dieser Ansatz ist Unfug. Manche Fundamentalisten fühlen sich dabei auf die Zehen getreten, aber das ist so. Zahlen schwanken, aber ein Drittel bis die Hälfte der Bürger der USA halten ihn für den wahrscheinlichsten:


(Quelle)

Eben weil dieser Ansatz kaum zu halten ist, gibt es eine Variante davon, die so tut, als wäre sie etwas anderes: Intelligent Design. Dabei wird das Wort „Gott“ nicht genannt, die Erde darf so alt sein wie sie will und die Tierarten haben sich aus einander entwickelt. Nur: Das geschieht nicht durch natürliche Auslese, sondern durch ein Direkt Eingreifendes Höheres Nicht Weiter Definiertes Wesen. (Das Wort „Gott“, wie gesagt, wird vermieden.) Ohne ein solches unmittelbares Eingreifen sei die Entwicklung der Arten oder gar des Menschen nicht denkbar. — Und das ist auch wieder Blödsinn, excuse my French. Gründe dafür folgen weiter unten.

Im öffentlich Leben zeigt sich diese Kontroverse zum Beispiel in folgenden Fällen:

  • IMAX-Kinos zeigen in verschiedenen Südstaaten-Städten einen Film über Vulkanismus nicht, in dem unter anderem Evolution angesprochen wird. Die Kinos befürchten Widerstand von fundamentalistischen Christen im Süden.
  • 19 US-Staaten arbeiten an Gesetzgebung, die die Rolle von Evolution im Schulunterricht unterminieren soll. Vorbild ist Präsident Bush, der öffentlich behauptet: „On the issue of evolution, the verdict is still out on how God created the Earth“. Wie borniert, wie anti-wissenschaftlich, wie sehr andere Religionen ausschließend ist dieser Satz! Die Gesetzgebung soll letztlich ermöglichen, dass die wissenschaftliche Theorie der Evolution gleichwertig neben religiösen Lehren gelehrt werden soll, und will bewusst den Unterschied zwischen Religion und Wissenschaft verschleiern:

    „If students only have one thing to consider, one option, that’s really more brainwashing,“ said Duckett, who sent her children to Christian schools because of her frustration. Students should be exposed to the Big Bang, evolution, intelligent design „and, beyond that, any other belief that a kid in class has. It should all be okay.“

    — Was ist das für Unfug? Intelligent Design soll gleichwertig neben Evolution gelehrt werden, und gleichwertig zu jedem anderen Glauben, den irgendein Kind in der Klasse hat? Dass wir von Außeriridischen abstammen, dass uns der Storch gebracht hat? Alles gleichwertig, und der mündige Schüler entscheidet dann?

  • Zumindest in Minnesota, New Mexico, Ohio und Georgia gab es Elterninitiativen, die verlangten, dass auf wissenschaftliche Bücher in der Schulbibliothek, die Evolution behandelten, folgender Aufkleber angebracht wurde:

    Der Aufkleber geht falsch mit dem Begriff „Theorie“ um, als sei eine Theorie nicht glaubwürdig. Hier gibt es eine Reihe von parodierenden Alternativ-Aufklebern, die Schülern an solchen Schulen zur klammheimlichen Anbringung anempfohlen werden; ein paar Beispiele:

    Bislang haben die Gerichte allerdings diesen Elterninitiativen nachträglich immer noch widersprochen.

Was habe ich eigentlich gegen Creationism beziehungsweise das Deckmäntelchen vom Intelligent Design?
Gegen diese Theorie spricht: Dass das Eingreifen eines solchen Designers nicht nötig ist. Dass sich auch ohne dieses kontinuierliche Eingreifen unsere wunderbare Welt so entwickeln konnte. Damit ist keinesfalls bewiesen, dass es dieses ständige Eingreifen nicht gibt, nur dass es unnötig ist, davon auszugehen. (Occams Rasiermesser: Bei Theorien soll man auf verzichtbare Elemente verzichten.) Beweisbar oder widerlegbar ist solches Eingreifen nicht, und damit ist es kein geeigneter Ansatz für wissenschaftliches Denken, sondern eben Glaubenssache. Glauben darf man daran durchaus, genauso wie man an den ursprünglichen Creationism glauben darf; nur soll man nicht so tun, als wäre das ein wissenschaftlicher Ansatz.
Für die Theorie des Intelligent Design spricht: Nichts. Natürlich sehen das Anhänger von Intelligent Design anders, und sie unterstützen ihre Sicht mit folgenden Argumenten:

  • Die Berufung auf Autoritäten. Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass auch viele Wissenschaftler die Theorie vom Intelligent Design unterstützen, und dass es wissenschaftliche Institute gibt (wie dieses hanebüchene), die sich damit beschäftigen. Hier wird fälschlich davon ausgegangen, dass jeder mit einem Diplom oder auch Doktorgrad ein Wissenschaftler ist. Anhänger des Intelligent Design werden mir das „fälschlich“ nicht durchgehen lassen und meine Definition von Wissenschaftlichkeit als zu eng empfinden. Ist wissenschaftlich, wer einen akademischen Abschluss hat? Ich denke, nein. Wissenschaftlich ist für mich, wer wissenschaftlich denkt und arbeitet, also falsifizierbare Hypothesen aufstellt und diese an gemessenen Daten überprüft.
    Trotzdem gibt es Listen von Akademikern, die an Intelligent Design glauben, etwa die „Dissent from Darwin„-Liste mit über 300 Wissenschaftlern. Ein Gegenstück dazu ist die Steve List: Eine Liste aller Wissenschaftler, die Intelligent Design für Humbug halten, und „Steve“ mit Vornamen heißen, mit bislang 513 Unterzeichnern. Nur um die andere Liste ein bisschen zu relativieren :-)
  • Die Behauptung, Evolution sei nur eine Theorie. Hier wird mit dem Begriff „Theorie“ Schindluder getrieben. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist eine Theorie etwas Wackeliges, Unsicheres, an der Praxis nicht Erprobtes oder Scheiterndes. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch ist eine Theorie das sicherste und stabilste, was es gibt. „Wahrer“ und anerkannter als eine Theorie geht es nicht. Schwerkraft, Relativität, das sind alles nur Theorien. Ja und?
  • „Wissenschaftler sind sich uneins über die Evolutionslehre.“ Schon. Über Details. Aber doch nicht über das Prinzip!
  • „So etwas Komplexes wie das menschliche Auge kann sich nicht nach und nach evolutionär entwickeln, sondern nur auf einmal als ganzes. Ein halbes Auge ist unbrauchbar.“ Unfug. Das Auge hat sich unabhängig von einander 30 mal bei verschiedenen Tierarten entwickelt. Ein Proto-Auge, das das noch so wenig erkennen lässt, ist besser als gar keines. Selbst Bakterien können im Helligkeit von Dunkelheit unterscheiden. Eine ausführlichere Diskussion zum Beispiel in diesen Seiten aus dem Scientific American.
  • Mein Favorit: Unsere Welt und der menschliche Körper ist zu komplex, als dass er ohne lenkenden Eingriff entstanden sein könnte. Gegenfrage: Wie einfach muss ein Universum denn gestrickt sein, damit ein Anhänger des Intelligent Design keinen Designer postulieren muss? Da erkennt man schnell, dass es keinen denkbaren Kosmos gibt, der diesem Kriterium genügt. Also ist das Argument ein Scheinargument.

Zur Lektüre empfohlen:

  • Der oben schon mal genannte Artikel aus dem Scientific American.
  • The Blind Watchmaker von Richard Dawkins, auf deutsch leider gerade vergriffen.
  • Charles Darwin, Origin of Species (auch auf deutsch). Ein geniales Buch, ich hab’s allerdings auf Englisch gelesen und weiß nicht, wie leicht oder schwer die Übersetzung ist. Darwin geht sehr langsam Schritt für Schritt vor, entwirft seine Theorie sehr anschaulich, nennt selber unklare Punkte und Gegenargumente und versucht sie mit seiner Theorie zu erklären. Darwins Leistung ist dabei weniger die Erkenntnis, dass sich die Tierarten aus einander entwickelt haben. Das war zu seiner Zeit in wissenschaftlichen Kreisen gar nicht mehr so strittig. Aber zu erkennen wie das geschieht, nämlich durch natürliche Auslese, das ist Darwins Verdienst. Er beginnt mit menschlicher Auslese bei der Taubenzüchtung und zeigt, was diese hervorzubringen vermag. Und erklärt, wie natürliche Auslese noch viel mehr vermag. — Das einzige, was ihm noch zur Lösung des Rätsels fehlt, ist die Erklärung, wie Eltern ihre Eigenschaften mehr oder weniger unverändert an ihre Kinder weitergeben. Er weiß jedenfalls, dass das mit der Geburt geschieht (und nicht wie bei Lamarck durch Umwelteinflüsse während des Lebens). Aber von Genen weiß er halt noch nichts.

Zuletzt: Es stimmt nicht, dass sich Evolution und Glaube an Gott widersprechen. Je mehr man wissenschaftlich über das Leben und das Universum weiß, desto wundersamer erscheint es einem.

Da hört der Spaß auf!

Eigentlich war es nur als Zuckerl gedacht, im Zusammenhang mit dem Thema Herausgeberfiktion im Deutsch-LK. (Diese Bücher, die alle mit einer Variante dessen beginnen, was Umberto Eco so wunderbar zusammengefasst hat im Vorspruch zum Namen der Rose: „Natürlich, eine alte Handschrift.“)
In Zukunft muss ich daraus aber wohl eine längere Sequenz machen, so viel Erschütterung schien mir das Thema der heutigen Stunde hervorgerufen zu haben.

Es geht um die Steinlaus und den Pschyrembel. Der Pschyrembel ist das klinische Wörterbuch, inzwischen in der 260. Auflage. Es steht bei Ärzten und interessierten Laien im Regal, und bei Hypochondern: Voller Fachausdrücke ist es und voller Fotos von ekligen Krankheiten und Viren und Würmern und eitrigen Pickeln. Und mit der Steinlaus, eingeordnet zwischen Steiner-Voerner-Syndrom und Stein-Leventhal-Syndrom (255. Auflage). Wer kennt sie nicht, die zur Familie der Lapivoren gehörenden winzigen Nagetiere, erst seit 1983 beobachtet, mit der gemeinen Steinlaus, aber auch den humanpathogenen Vertretern: Nieren-, Blasen-, Gallensteinlaus (jeweils Petrophaga nephrotica, vesicae, cholerica)? Vgl. Chemolitholyse, Lithotripsie.
Und dazu die Zeichnung einer Gemeinen Steinlaus (Petrophaga lorioti). Mit Knollennase.

Es gibt keine Steinlaus, oder keine andere als im Loriot-Sketch von der Steinlaus. Den Eintrag im Pschyrembel gibt es aber wirklich. (In der 256. Auflage nicht mehr; in späteren dann schon wieder, soweit ich weiß.)

Im Süddeutschen Magazin vom 9.10.1998 wurden eine ganze Reihe solcher unrichtigen Lexikoneinträge vorgestellt. Darunter seriöse Werke wie Der neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, DTV-Lexikon in 20 Bänden, Lexikon des deutschen Widerstands, Meyers enzyklopädisches Lexikon in 25 Bänden, Riemann Musiklexikon.
Die ersten Seiten aus dem SZ Magazin hatte ich meinen Schülern kopiert. Und die Schüler waren weniger fassungslos als entrüstet. Das Wort passt, glaube ich, sehr gut: entrüstet! Warum machen die Leute so etwas?! Wem soll man denn dann noch glauben?!! Aber dann kann man dem ganzen Lexikon doch nicht mehr vertrauen?!!!

Das ganze Jahr über erzähle ich ihnen, dass sie mir nicht unbedingt trauen sollen (und sie tun es doch, obwohl ich ihnen schon genug Enten vorgesetzt habe); dass sie dem Duden nicht unbedingt trauen sollen, dass sie dem WWW nicht unbedingt trauen sollen. Wenn ich ihnen gleich am Anfang den Pschyrembel vorgesetzt hätte, ich hätte mir das schenken können.
Ich finde das ja eher eine Ermutigung zum Selberdenken, und kann als Hauptgrund nur angeben: Scherz und Humor. Aber meine Schüler finden das gar nicht lustig.

Einen weiteren Favoriten werde ich den Schülern auch noch präsentieren: Einen Leserbrief aus dem Spektrum der Wissenschaften vom September 1989, sich beziehend auf die April-Ausgabe des gleichen Jahres. (Ich hatte das Spektrum damals noch abonniert; ich hoffe, das beeindruckt wenigstens jemanden.) Der Brief beginnt:

Wie mir soeben durch einen Bericht im Radio bekannt geworden ist, handelt es sich bei dem Artikel „Deuteranomalie – Folgeschaden eines reizarmen Kindermilieus“ von Jachin Hawlicek und Michael Schulz um einen Aprilscherz, den die Frauenzeitschrift „Brigitte“ nun ernsthaft referiert hat. Meinen herzlichen Glückwunsch – es ist Ihnen auch gelungen, meinen Ruf und den Ruf Ihres Magazins als seriöser Wissenschaftszeitschrift gründlich und weitreichend zu zerstören. […] Als Medizin-Student absolvierte ich zum Zeitpunkt des Erscheinens gerade mein Augenspiegelpraktikum […] Also fertigte ich von dem Artikel einige Kopien an, um auf diesem Wege […] Sie können sich sicher vorstellen, welches Grinsen nun durch die Menge geht […]
Es ist schade, daß ich nun in Zukunft bei jedem Artikel fragen muß, ob er nun sauber recherchiert und wahr ist oder ob Sie wieder einen kleinen Test mit Ihren Lesern veranstalten.

Also, ich habe eigentlich überhaupt nichts gegen Wissenschaftler, die erstmal nicht alles glauben, was sie lesen. Das gilt vielleicht noch mehr für Ärzte.

Zum Schluss noch (via IT&W) das Blog des Bundestagsabgeordneten Mierscheid.
Seine Frau Helene hat auch eine eigene Homepage.

Misstrauisch geworden? Kann gar nicht sein. Siehe hier: http://www.bundestag.de/mdb15/bio/M/miersja0.html. Und auf den offiziellen Bundestagsseiten wird ja wohl nichts stehen, was nicht stimmt.

Hempels Rabe

Ich beneide die Naturwissenschaftler und Mathematiker um ihre Fachterminologie. Es gibt da soviele Begriffe, Konzepte und Ideen, die nach ihren Erdenkern benannt sind – und die ich wunderschön finde.

In keiner bestimmten Reihenfolge:

Hempels Rabe
Das chinesische Zimmer (auch wenn da der Eigenname fehlt)
Die chinesische Turnhalle
Schrödingers Katze
Wigners Freund
Hilberts Hotel
Kochsche Schneeflocke
Laplace’scher Dämon
Schwarzschildradius

Dazu natürlich die ganze Mathematik:

Pascalsches Dreieck
Laplace-Verteilung
selbst das Dreieck des Pythagoras

Was haben die Sprach- und Literaturwissenschaftler in dieser Art?

Chomsky-Hierarchie (gehört aber auch eher in die Informatik)
Grice’sches Kooperationsprinzip

Und dann, schon viel, viel weniger bekannt:

The Oxford Comma (A, B, and C)
The Greengrocer’s Apostrophe (Potatoe’s)
The Yob’s Comma (irgendwo beliebig reingepappt)

(Dank für diese Begriffe an Eats, Shoots & Leaves von Lynne Truss.)

Wo bleiben: der Rilke-Satzanschluss? Der doppelt geschwungene Gernhardt-Reim? Das Goethe-Anakoluth?

Ich neid’s den anderen Wissenschaften wirklich.

–Nachträge:

Der kleine Albert
Der kluge Hans
Occams Rasiermesser

Der grüne Hering (Fachliteratur)