{"id":10121,"date":"2017-11-09T07:07:16","date_gmt":"2017-11-09T06:07:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=10121"},"modified":"2023-05-16T09:00:10","modified_gmt":"2023-05-16T07:00:10","slug":"naomi-alderman-the-power","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2017\/11\/naomi-alderman-the-power.htm","title":{"rendered":"Naomi Alderman, The Power"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2017\/11\/naomi-alderman-the-power.htm#comments'>7 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"float:right; margin-left:20px;\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/alderman_the_power.jpg\" alt=\"Titelbild The Power\" width=\"150\" height=\"230\" class=\"alignnone size-full wp-image-10123\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/alderman_the_power.jpg 150w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/alderman_the_power-98x150.jpg 98w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/p>\n<p>Ein gutes Buch, aber nicht so gut, wie es sein k\u00f6nnte.<br \/>\nDas hei\u00dft, das Buch, das ich nicht lese, aber im Kopf immer noch erwarte, ist eben <em>noch<\/em> besser &#8211; zwei B\u00fccher zum Preis von einem, wie sch\u00f6n!<\/p>\n<p>Die Pr\u00e4misse dieses Romans: In Folge einer &#8211; ausreichend glaubhaft herbeierkl\u00e4rten &#8211; Genver\u00e4nderung entwickeln weltweit alle oder fast alle Frauen die F\u00e4higkeit, elektrische Stromst\u00f6\u00dfe auszusenden, teilweise von gro\u00dfer St\u00e4rke.<\/p>\n<p>Und wie Science Fiction so ist, hei\u00dft es von da an: Schauen wir mal, wo uns das hinf\u00fchrt &#8211; das hei\u00dft, eigentlich wei\u00df man vorher schon, wo das hinf\u00fchren soll: Wie s\u00e4he die Welt aus, wenn pl\u00f6tzlich ein Geschlecht sehr viel m\u00e4chtiger als das andere w\u00e4re? Aber eigentlich ist das auch nicht die Frage, weil die Antwort kennen wir ja schon &#8211; in so einer Welt leben wir ja. Also nochmal: Das Buch zeigt, in welcher Welt wir leben, indem die Rollen umgedreht werden. Damit ist es vielleicht doch weniger Science Fiction und mehr Gesellschaftsabbild.<\/p>\n<p>Anhand von f\u00fcnf Hauptpersonen wird die Geschichte erz\u00e4hlt vom ersten Auftreten dieses Ph\u00e4nomens, \u00fcber die ersten Reaktionen, erste kleine Ver\u00e4nderungen im Machtverh\u00e4ltnis, Revolutionen in Saudi Arabien und Moldawien, bis hin zu&#8230; es kann nichts Gutes sein, was da kommt, und das wei\u00df man schon am Anfang. Die Kapitel \u00fcberschrieben sind mit &#8222;Noch zehn Jahre&#8220;, &#8222;Noch neun Jahre&#8220;, &#8222;Noch acht Jahre&#8220;. Das geht nicht gut aus. Es gibt auch etliche brutale Szenen, wenn auch noch innerhalb der Schullekt\u00fcrenzumutbarkeitsgrenze. <\/p>\n<p>Ich war beim Lesen mancher Stellen versucht zu sagen, dass, ja, das Prinzip der Umkehrung habe ich schon verstanden, aber das ist jetzt doch ein wenig \u00fcbertrieben&#8230; aber nat\u00fcrlich ist da nichts dabei, was nicht in unserer Welt mit den herk\u00f6mmlichen Vorzeichen tats\u00e4chlich so der Fall ist. Es geht lediglich vielleicht ein wenig Herr-der-Fliegen-artig schnell mit dem Wandel der Verh\u00e4ltnisse. Wo doch Frauen von Natur aus ja eigentlich das empathischere, friedlichere Geschlecht sind.<\/p>\n<p>Nach den ersten enorm spannenden f\u00fcnfzig Seiten war das Buch immer noch spannend zu lesen, aber nicht mehr so ganz interessant f\u00fcr mich wie am Anfang. Der Grund: Ich mag diese weit verbreitete Erz\u00e4hlweise mit zwei oder vier, oder hier auch mal f\u00fcnf, Hauptpersonen nicht, aus deren Sicht abwechselnd die Kapitel erz\u00e4hlt werden. (In den jungen Jahren meines Blogs <a href=\"http:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2004\/08\/lesetipp-nur-jedes-zweite-kapitel.htm\">habe ich mal den Tipp gegeben,<\/a> dass zumindest manche solcher B\u00fccher eine interessantere Leseerfahrung bieten, wenn man dann tats\u00e4chlich nur jedes zweite oder dritte Kapitel liest.)<br \/>\nDie Erz\u00e4hldistanz ist damit notgedrungen auch immer sehr gering, es wird also nicht im R\u00fcckblick der Personen erz\u00e4hlt, nicht \u00fcber der Handlung stehend, sondern best\u00e4ndig mittendrin, kein auktorialer Erz\u00e4hler kommentiert &#8211; da k\u00f6nnte ich gleich einen Film anschauen. (Und nat\u00fcrlich ist der Stoff bereits verkauft, das schreit gerade zu nach einer Fernsehserie.)<\/p>\n<p>Interessant ist die Erz\u00e4hlweise dann, wenn sie dann doch einmal von diesen f\u00fcnf Fokuspersonen wegkommt. Diese sehen immer wieder mal Schnipsel einer kleinen Fr\u00fchst\u00fccksfernsehsendung im Hintergrund, mit zwei Moderatoren, weiblich und m\u00e4nnlich, am Anfang nur als Teil der Informationsvermittlung, was aktuelle Geschehnisse betrifft, dann ver\u00e4ndert sich &#8211; erst subtil, dann weniger &#8211; das Verh\u00e4ltnis zwischen den beiden Moderatoren. Das hat mir gefallen. (Das erste Mal habe ich die Technik, Informationen \u00fcber die Welt und Handlung unauf\u00e4llig-auff\u00e4llig au\u00dferhalb der unmittelbaren Handlung zu platzieren, \u00fcbrigens beim Film <em>RoboCop<\/em> bemerkt, dort allerdings als Werbung. <a href=\"http:\/\/www.bleachbypass.com\/robocop-commercials\/\">Artikel dazu.<\/a>)<\/p>\n<p>Au\u00dferdem gibt es zwischen den Kapiteln Illustrationen zu arch\u00e4ologischen Objekten, mit erl\u00e4uternden Kommentaren dazu. Diese Objekte stammen sowohl vor als auch nach unserer Gegenwart; sie werden aber jedes Mal als Artefakte aus ferner Vergangenheit dargestellt, \u00fcber deren Funktion man sich nicht sicher ist. Das Motiv des angebissenen Apfels, das wohl auf vielen Artefakten erscheint und zur Eva-Apfel-Paradies-Symbolik im restlichen Buch passt, kann unserereiner heute leichter zuordnen als die sp\u00e4teren Arch\u00e4ologen. &#8212; Diese Illustrationen schwanken zwischen lustig und bitter. Bei der <em>male genital mutilation<\/em> dachte ich zuerst auch, dass das schon etwas \u00fcbertrieben ist, bis ich mich erinnerte, dass, na ja, doch nicht.<\/p>\n<p>Aus dieser Perspektive einer Kultur, die sich nach irgendeiner gro\u00dfen Katastrophe nur dunkel an unsere Zeit erinnert, sind auch die ersten und letzten Seiten des Romans geschrieben. Der beginnt n\u00e4mlich mit einem Brief des Autors Neil an seine Lektorin Naomi, begleitend zu seinem neuesten Manuskript &#8211; dem phantasievollen historischen Roman <em>The Power<\/em> eben. Und diese Korrespondenz ist mit das beste am Buch: Neil ist vorsichtig, sich zur\u00fccknehmend, klein machend; Naomi g\u00f6nnerhaft dominant. Sie bezweifelt ein bisschen die historische Korrektheit solcher Konzepte wie &#8222;male soldiers&#8220; und &#8222;boy crime gangs&#8220; und vermutet, dass die nur als erotische Spannungselemente im Buch sind. Dazu kommt, dass sie sich das Geschehen so nicht recht vorstellen wird &#8211; w\u00e4re schlie\u00dflich eine Welt, die von M\u00e4nnern beherrscht wird, nicht eine friedlichere Welt? Die wenigen Patriarchate, f\u00fcr die es historische Belege gibt, waren jedenfalls alle friedlich &#8211; kein Wunder, sprechen doch evolutionspsychologische Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass M\u00e4nner (f\u00fcr schwere Arbeit am Heim zust\u00e4ndig) kooperativer, freundlicher, sanfter sind als Frauen (die doch ihre Kinder besch\u00fctzen m\u00fcssen).<\/p>\n<p>Fazit: Ideal f\u00fcr eine Fernsehserie, aber Serien schaue ich nicht. Die w\u00fcrde mich nur dann interessieren, wenn der dokumentarische Aspekt hervorgehoben w\u00e4re, also die Perspektive der sp\u00e4teren Zukunft. Trotzdem gro\u00dfe Leseempfehlung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(7 Kommentare.) Ein gutes Buch, aber nicht so gut, wie es sein k\u00f6nnte. Das hei\u00dft, das Buch, das ich nicht lese, aber im Kopf immer noch erwarte, ist eben noch besser &#8211; zwei B\u00fccher zum Preis von einem, wie sch\u00f6n! 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