{"id":102,"date":"2004-08-22T08:54:07","date_gmt":"2004-08-22T06:54:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2004\/08\/neil-gaiman-american-gods.htm"},"modified":"2023-05-31T13:55:48","modified_gmt":"2023-05-31T11:55:48","slug":"neil-gaiman-american-gods","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2004\/08\/neil-gaiman-american-gods.htm","title":{"rendered":"Neil Gaiman, American Gods"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2004\/08\/neil-gaiman-american-gods.htm#comments'>3 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div><p><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3453874226\/qid=1092760154\/ref=sr_8_xs_ap_i1_xgl\/302-3013074-1872821\" target=\"new\" rel=\"noopener\"><br \/>\n<img decoding=\"async\" style=\"float:left; margin-right:10px; margin-bottom:10px;\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/americangods.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/p>\n<p>Von Neil Gaiman habe ich schon <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2004\/07\/neil-gaiman-coraline.htm\"><em>Coraline<\/em><\/a> gelesen, und die <em>Sandman<\/em>-Serie, <em>Neverwhere<\/em> und seine Koproduktion mit Terry Pratchett, <em>Good Omens<\/em>. <\/p>\n<p>Die Pr\u00e4misse von <em>American Gods<\/em> ist folgende: Mit den Einwanderern kamen auch deren G\u00f6tter nach Amerika, oder genauer: Die G\u00f6tter wurden in Amerika noch einmal neu geboren. Diese G\u00f6tter sind abh\u00e4ngig davon, dass an sie geglaubt wird. Und so fristen Odin, Anubis, irische Kobolde und eine Vielzahl von anderen G\u00f6ttern ein meist eher k\u00e4rgliches Dasein. Amerika sei kein gutes Land f\u00fcr G\u00f6tter, meinen einige der Beteiligten.<br \/>\nVor allem gibt es eine Reihe von aufstrebenden neuen G\u00f6ttern. <em>American Gods<\/em> ist die Geschichte des gro\u00dfen Kampfes zwischen den alten und den neuen G\u00f6ttern. Die alten G\u00f6tter sind m\u00fcde und unorganisiert, sie m\u00fcsssen erst zum Kampf \u00fcberredet werden, was einen Gro\u00dfteil der Handlung ausmacht. Geschildert wird alles aus dem Blickwinkel  eines einfachen Menschen. Der einfache Mensch hei\u00dft lediglich &#8222;Shadow&#8220;. So einfach kann der also doch wieder nicht sein. Sp\u00e4ter gibt es zwar eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, dass die Hauptperson nur unter diesem Namen l\u00e4uft. Aber das reicht mir nicht: Wenn ich die Hauptperson in einem Buch, das nach der Pulp-\u00c4ra entstanden ist, ernst nehmen soll, dann darf sie nicht &#8222;Shadow&#8220; hei\u00dfen.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie in <em>Silverlock<\/em> (deutsch leider: <em>Die Insel Literaria<\/em>) von John Myers Myers (wozu ein Eintrag schon lange f\u00e4llig ist) ist die Welt des Buches bev\u00f6lkert von mythologischen Gestalten. Bei <em>Silverlock<\/em> sind das aber konsequenterweise Figuren aus den schriftlichen oder nichtschriftlichen Geschichten der Menschheit: G\u00f6tter, Sagengestalten, legend\u00e4re Gestalten, aber auch Helden der mittelalterlichen oder neuzeitlichen Literatur: Davy Crockett, Faust, Shakespeares Falstaff, Balzacs Goriot, Poes Usher. Auch in <em>Silberlock<\/em> gibt es einen einzelnen Menschen, der in diese irre Welt ger\u00e4t.<\/p>\n<p>In <em>American Gods<\/em> gibt es ebenfalls eine F\u00fclle an mythologischen Gestalten, wenn auch bei weitem nicht den Reichtum von <em>Silverlock<\/em>. Die meisten davon kannte ich; von den wichtigsten war mir nur der slawische <a href=\"http:\/\/encyclopedia.thefreedictionary.com\/Czernobog\" target=\"new\" rel=\"noopener\">Czernobog<\/a> beziehungsweise Bielebog (auch: Belobog) kein Begriff.<br \/>\nDiese Gestalten sind aber in drei Gruppen eingeteilt, die sich auch nicht mischen. Das legt nahe, dass es zwischen diesen drei Gruppen grunds\u00e4tzliche Unterschiede gibt, und eben das gef\u00e4llt mir nicht.<\/p>\n<p>Den Gro\u00dfteil der Gestalten machen die vielen aus Europa, Asien, dem Pazifikraum und Afrika importierten G\u00f6tter aus: Odin, Anansi, Kali, Czernobog, Gorgonen, Ganesha und viele, viele mehr.<\/p>\n<p>Daneben gibt es die neuen G\u00f6tter, mit denen sie sich bekriegen. Auch diese neuen G\u00f6tter brauchen den Glauben der Menschen, um zu \u00fcberleben. Sie sind einer der Pluspunkte im Buch, aber sie tauchen leider nur am Rande auf: Es gibt <strong>Media<\/strong>, die aussieht wie eine Fernsehsprecherin (und die durch Charaktere in Fernsehserien sprechen kann), es gibt die <strong>Men in Black<\/strong>, es gibt <strong>Tech Kid<\/strong>, der picklige zukunftsgl\u00e4ubige Computerspezialist. Und das war&#8217;s fast schon.<br \/>\nGut ist, wie Gaiman mit dieser Idee spielt. Die Helden fl\u00fcchten mit dem Auto quer durch die USA, k\u00f6nnen aber die Autobahnen nicht benutzen &#8211; because they &#8222;don&#8217;t know which side the freeways are on&#8220;.<br \/>\nGut ist auch die Erkl\u00e4rung f\u00fcr die in den USA so verbreiteten <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2004\/06\/balls-ii.htm\">Roadside Attractions<\/a>: Sie sind &#8222;places of worship&#8220;, magische Orte, an denen fr\u00fcher Kathedralen oder Steinkreise gebaut worden w\u00e4ren, und wo es jetzt Leute hinzieht, die dort irgendwelche gr\u00f6\u00dften Garnkn\u00e4uel der Welt oder den Eiffelturm aus Streichh\u00f6lzern aufstellen. Und wo Vorbeifahrende auf magische Art und Weise anhalten.<br \/>\nGut sind vor allem weitere der neuen G\u00f6tter, die jedoch leider alle nur in Nebens\u00e4tzen bei der gro\u00dfen Schlacht zum Ende des Buches erw\u00e4hnt werden: die Automobilg\u00f6tter, denen Menschenopfer dargebracht werden wie keinem Gott seit der Zeit der Azteken; der Eisenbahnbaron (dem es allerdings nicht mehr so gut geht); eine Droge (das vermutet der Held jedenfalls, weil der Sprecher so funkelt und schimmert).<\/p>\n<p>Die dritte Gruppe ist kleiner und besteht aus den Gestalten, die nicht teilnehmen am Kampf zwischen den neuen und den alten G\u00f6ttern. Da ist zum einen &#8222;Whiskey Jack&#8220; &#8211; von &#8222;Whiskey John&#8220;, \u00fcber Cree &#8222;wiiskachaan&#8220;; noch heute hei\u00dft der Grau- oder Kanadah\u00e4her &#8222;Whiskey Jack&#8220; (Perisoreus Canadensis). Er ist einer der beiden einzigen Nichtg\u00f6tter, die beide auch als einzige nicht an dem Kampf teilnehmen, obwohl sie darum gebeten werden. Whiskey Jack ist ein indianischer Held; er bezeichnet sich selbst nicht als Gott, sondern als &#8222;culture hero&#8220; &#8211; als archetypischer Trickster. (Letztlich ist aber Loki eben solch ein archetypischer Trickster, \u00e4hnlich wie der Lichtbringer der Genesis, oder der griechische Prometheus, oder der afrikanische Anansi &#8211; und zumindest Loki und Anansi d\u00fcrfen bei Gaiman mitspielen.)<br \/>\nDer zweite ist Apple Johnny\/John Chapman: &#8222;Johnny Appleseed&#8220; ist eine Figur der amerikanischen Folklore, die auf dem historischen John Chapman basiert. Die Folklore will es, dass zu Pionierzeiten John Chapman durch den Westen zog und \u00fcberall Apfelb\u00e4ume pflanzte f\u00fcr die Zukunft. Nat\u00fcrlich ist das historisch nicht korrekt, aber die mythologische Gestalt ist da &#8211; und beklagt sich in <em>American Gods<\/em> bitterlich \u00fcber eine weitaus popul\u00e4rere Gestalt der amerikanischen Folklore, Paul Bunyan, den m\u00e4chtigen Holzf\u00e4ller. Und das, obwohl Paul Bunyan 1910 von einer Werbeagentur erfunden wurde und damit gar keine echte Folklore darstellen w\u00fcrde, sagt Gaimans John Chapman. (Aber macht das wirklich einen Unterschied &#8211; zumal Paul Bunyans Ursprung in einer Werbeagentur heute ziemlich vergessen ist? Existiert Paul Bunyan in Gaimans Welt?)<\/p>\n<p>Warum k\u00e4mpfen die beiden nicht mit? Weil sie die einzigen sind, die keine G\u00f6tter sind? (Wieso tauchen dann nicht mehr ihrer Art auf?) Liegt es daran, dass Whiskey Jack (Beziehungsweise &#8222;wiiskachaan&#8220;) und Johnny Appleseed origin\u00e4r amerikanische Mythen sind? (Aber das sind die &#8222;Men in Black&#8220; doch auch?) Vielleicht gibt es auch einfach unter den mythologischen Gestalten vern\u00fcnftige und weniger vern\u00fcnftige.<\/p>\n<p>Insgesamt ist das Buch zu dick. Es wird viel gereist, aber trotzdem bekommt man keinen Eindruck vom nordamerikanischem Kontinent als Raum. Die Reisen sind zu ziellos, zu willk\u00fcrlich. Es gibt viele Schauplatzwechsel, viele Personen, aber alle wirken beliebig. Leben gewinnt nur die liebevoll gezeichnete Kleinstadt Lakeside, die f\u00fcr die Haupthandlung nebens\u00e4chlich ist. Es entsteht, von einzelnen sehr phantasiereichen Gedanken abgesehen, kein Eindruck einer neuen oder alten amerikanischen G\u00f6tterwelt. Dazu kommt noch &#8222;Shadow&#8220;, ein Bilderbuchheld: Markig; nach den ersten Kapiteln ohne nachvollziehbares Innenleben; mit pl\u00f6tzlichen Eingebungen, die die Handlung vorantreiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(3 Kommentare.) 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