{"id":1021,"date":"2007-06-30T09:04:09","date_gmt":"2007-06-30T07:04:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2007\/06\/im-papierweb-mit-vielen-maerchen.htm"},"modified":"2023-05-31T14:01:28","modified_gmt":"2023-05-31T12:01:28","slug":"im-papierweb-mit-vielen-maerchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2007\/06\/im-papierweb-mit-vielen-maerchen.htm","title":{"rendered":"Im Papierweb (mit vielen M\u00e4rchen)"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2007\/06\/im-papierweb-mit-vielen-maerchen.htm#comments'>1 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Heute geht es darum, wie ich mich in den letzten Monaten im Papierweb von einem Buch zum anderen habe f\u00fchren lassen, und wo ich dadurch \u00fcberall hingekommen bin. Das Ergebnis ist vielleicht nicht f\u00fcr jeden interessant, ich will es aber doch f\u00fcr mich festhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fange einfach mal bei der <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Fables_%28comic%29\"><em>Fables<\/em>-Reihe <\/a>von Bill Willingham an: Eine gro\u00dfe Zahl an Gestalten aus M\u00e4rchen, Sagen und Legenden hat sich aus ihrem Heimatland in unsere Welt gefl\u00fcchtet und lebt unerkannt in New York. (Diejenigen, die sich nicht unauf\u00e4llig unter Menschen bewegen k\u00f6nnen &#8211; die drei Schweinchen etwa oder Papa und Mama B\u00e4r, Baloo und Bagheera &#8211; m\u00fcssen auf einer Farm weiter oben im Staat bleiben.) Im Laufe der Serie geht es immer mehr darum, den Feind im Heimatreich, der die <em>fables<\/em> vertrieben hat, zu besiegen, damit sie zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Dieser Teil der Handlung ist wenig originell, kein Vergleich zur <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2007\/04\/neil-gaiman-the-sandman.htm\">Sandman<\/a>-Reihe. Interessanter sind die Charaktere und ihre Eifers\u00fcchteleien untereinander: Bigby Wolf, der Trenchcoat tragende, st\u00e4ndig rauchende Detektiv im neuen Fabelreich. Fr\u00fcher war er der <em>big bad wolf<\/em>, jetzt ist er reformiert, wie es \u00fcberhaupt eine Amnestie f\u00fcr die Fabeln im Exil gegeben hat. Andere Figuren sind Dornr\u00f6schen, Aschenputtel, Blaubart, die Sch\u00f6ne und das Biest, Baba Yaga und ein Herumtreiber namens Jack.<\/p>\n\n\n\n<p>Jack war f\u00fcr mich lange nur ein generisches M\u00e4rchenwesen, das ich nicht gut kannte. Ja, er war wohl auch in jungen Jahren der mit der Bohnenstange gewesen. Aber dann erz\u00e4hlte eines der Hefte eine Geschichte von den Abenteuern Jacks w\u00e4hrend des amerikanischen B\u00fcrgerkriegs: Wie Jack dem Teufel beim Kartenspiel einen magischen Sack abnahm, in den alles hineinmusste, was Jack wollte. &#8222;Clickety-clack! Get into my sack!&#8220; Und wie Jack dann zwar nicht auf eine Prinzessin, aber auf eine S\u00fcdstaatensch\u00f6nheit traf, die im Sterben lag. Gegen einen gewissen Preis verspricht Jack, sie zu retten, und packt einfach den Tod, als der die Prinzessin holen will, in den magischen Sack. &#8222;Clickety-clack! Get into my sack!&#8220; Alles wunderbar, bis die gerettete Sch\u00f6ne unserem Jack am n\u00e4chsten Morgen Fr\u00fchst\u00fcck machen soll und dazu ein Huhn schlachtet. Sehr anschaulich gezeichnet, wie das Huhn trotz abgetrenntem Kopf sich weigert zu sterben. Noch anschaulicher gezeichnet, wie eine halbe Stunde sp\u00e4ter der ganze Bauernhof aussieht, als sich herausgestellt hat, dass keine Kuh, kein Huhn, kein Schwein stirbt, auch wenn man noch so sehr schlachtet. Als dann ein paar Soldaten auftauchen, die ebenfalls nicht sterben k\u00f6nnen, l\u00e4sst Jack den Tod wieder aus dem Sack.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte kannte ich schon irgendwoher. Eine Fu\u00dfnote wies auf &#8222;a couple of the Mountain Jack Tales of American folklore&#8220; hin. Und da ich mich schon l\u00e4nger mal gr\u00fcndlicher mit amerikanischen Erz\u00e4hlungen besch\u00e4ftigen wollte (Paul Bunyan, Stackalee), habe ich mir <em>The Jack Tales. Folk tales from the Southern Appalachians<\/em> besorgt, und dazu <em>A Treasury of North American Folk Tales<\/em> <small>(in dem ich gerade eine Version von &#8222;Die Kuh Elsa ist tot&#8220; entdeckt habe)<\/small>. Es stellt sich heraus, dass dieser Jack tats\u00e4chlich weit herumgekommen ist: Er ist nicht nur der Jack von der Bohnenranke, sondern auch ein Riesent\u00f6ter, Meisterdieb, Wunderarzt, das tapfere Schneiderlein und Held einer ganzen Reihe von Geschichten, die ich mit wechselnden Protagonisten als europ\u00e4ische M\u00e4rchen kenne. (&#8222;Sechse kommen durch die Welt&#8220;, \u00e4hnlich auch bei M\u00fcnchhausens Abenteuern.) In Nordamerika sind viele dieser Geschichten zu einer losen Serie verkn\u00fcpft worden, indem Jack in allen zur Hauptperson gemacht wurde. <a href=\"http:\/\/www.ferrum.edu\/applit\/bibs\/tales\/soldierJack.htm\">Hier sind Links zu &#8222;Soldier Jack&#8220; <\/a>, dar\u00fcber Links zu anderen Jack Tales.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Anschluss musste ich geradezu Grimms <em>Kinder- und Hausm\u00e4rchen <\/em> lesen, um die Geschichten besser vergleichen zu k\u00f6nnen. Das war interessant. Ich habe nicht nur viele unbekannte, bekannte und halbvergessene M\u00e4rchen gelesen, sondern auch Schw\u00e4nke, Anekdoten, Witze &#8211; letztlich wohl alle m\u00f6glichen Geschichten, die sich Leute erz\u00e4hlten, die aber niemand f\u00fcr wahr hielt.<br>Folgende Geschichte ist doch ein klassischer Witz, gerne auch mit Anw\u00e4lten erz\u00e4hlt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Das B\u00e4uerlein im Himmel<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist einmal ein armes, frommes B\u00e4uerlein gestorben, und kam nun vor die Himmelspforte. Zur gleichen Zeit ist auch ein reicher, reicher Herr da gewesen und hat auch in den Himmel gewollt. Da kommt der heilige Petrus mit dem Schl\u00fcssel, macht auf und l\u00e4\u00dft den Herrn herein; das B\u00e4uerlein hat er aber, wie&#8217;s scheint, nicht gesehen und macht deshalb die Pforte wieder zu. Da hat das B\u00e4uerlein von au\u00dfen geh\u00f6rt, wie der Herr mit aller Freude im Himmel aufgenommen worden ist, und wie sie drinnen musiziert und gesungen haben. Endlich ist es drinnen wieder still geworden, und der heilige Petrus kommt, macht die Himmelspforte auf und l\u00e4\u00dft das B\u00e4uerlein ein. Da hat das B\u00e4uerlein gemeint, es werde auch jetzt musiziert und gesungen, wenn er k\u00e4me, aber da ist alles still gewesen; man hat&#8217;s freilich mit aller Liebe aufgenommen, und die Engel sind ihm entgegengegangen, aber gesungen hat niemand. Da fragt das B\u00e4uerlein den heiligen Petrus, warum bei ihm nicht genauso gesungen wird wie bei dem reichen Herrn: es ginge, scheint&#8217;s, im Himmel so parteiisch zu wie auf der Erde.<br>Da sagte der heilige Petrus: &#8222;Aber nein, du bist uns so lieb wie alle andern und darfst die himmlischen Freuden genie\u00dfen wie der reiche Herr, aber schau, so arme B\u00e4uerlein, wie du eins bist, kommen alle Tage in den Himmel. So ein reicher Herr aber: da kommt alle hundert Jahre nur etwa einer.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Badabing-badabing.<\/p>\n\n\n\n<p>Erw\u00e4hnenswert finde ich auch folgende kleine Horrorgeschichte:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Das eigensinnige Kind<\/p>\n\n\n\n<p>Es war einmal ein Kind eigensinnig und tat nicht, was seine Mutter haben wollte. Darum hatte der liebe Gott kein Wohlgefallen an ihm und lie\u00df es krank werden, und kein Arzt konnte ihm helfen, und in kurzem lag es auf dem Totenbettchen. Als es nun ins Grab versenkt und die Erde \u00fcber es hingedeckt war, so kam auf einmal sein \u00c4rmchen wieder hervor und reichte in die H\u00f6he, und wenn sie es hineinlegten und frische Erde dar\u00fcber taten, so half das nicht, und das \u00c4rmchen kam immer wieder heraus. Da mu\u00dfte die Mutter selbst zum Grabe gehen und mit der Rute aufs \u00c4rmchen schlagen, und wie sie das getan hatte, zog es sich hinein, und das Kind hatte nun erst Ruhe unter der Erde.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>\u00dcbrigens wird in Grimms M\u00e4rchen 67 mal &#8222;es war einmal gesagt&#8220; und immerhin 6 mal &#8222;auf eine Zeit&#8220; (&#8222;upon a time&#8220;), es gibt auch noch weitere Eingangsformeln:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Zur Zeit, da unser Herr noch auf Erden ging, kehrte er eines Abends mit dem heiligen Petrus bei einem Schmied ein und bekam willig Herberge.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Erdenwanderungsgeschichten dieser Art gibt es viele. Auch Odin wandert in den germanischen Sagen gern unerkannt auf Erden und stellt Menschen auf die Probe. In den Kommentaren zu den Jack-Geschichten war ich n\u00e4mlich auch auf zwei Geschichten hingewiesen worden, in denen ein Odin-artiger alter Mann auftaucht.<br>\u00dcber die <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Thor_(Marvel_Comics)\">Thor-Comics<\/a> aus dem Hause Marvel war ich mit der germanischen Mythologie vertraut, hatte die Sagen aber seit \u00fcber drei\u00dfig Jahren nicht mehr gelesen. Als ich in der Buchhandlung dann zuf\u00e4llig an einer billigen, kompakten Ausgabe germanischer G\u00f6tter- und Heldensagen vorbeikam, musste ich die auch lesen. Kurz zuvor hatte ich Gilgamesch gelesen, und zwar die Fassungen von Raoul Schrott, \u00fcber die ich vor einiger Zeit <a href=\"http:\/\/www.ats20.de\/blog\/index.php?\/archives\/194-Gelesen..html\">in diesem Blog gesto\u00dfen war<\/a>. Dazu sollte ich mal einen eigenen Eintrag machen, die Geschichte fand ich sehr beeindruckend. Ich erw\u00e4hne nur kurz den Hinweis auf eine verwandte Erz\u00e4hlung mit \u00e4hnlichen Motiven in Tausendundeiner Nacht, &#8222;Die Abenteuer Bul\u00fbkijas&#8220;, die ich dann ja auch lesen musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Sumerische und germanische und sonstige Mythologie und Parallelen dazwischen kannte ich schon aus meiner sp\u00e4ten Teenagerzeit \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2004\/09\/sir-james-frazer-the-golden-bough.htm\">Frazer<\/a>, und diesen nat\u00fcrlich \u00fcber Lovecraft. Auf die Trickster-Figur war ich dar\u00fcber hinaus in einem Proseminar \u00fcber &#8222;Long Poems&#8220; gesto\u00dfen, in dem es auch um <a href=\"http:\/\/ann.skea.com\/Trickstr.htm\"><em>Crow<\/em> von Ted Hughes<\/a> ging. (In die Hausarbeit \u00fcber <em>Crow<\/em> schmuggelte ich eine Fu\u00dfnote zu <em>The Hunting of the Snark<\/em> von Lewis Carroll. Den Text wiederum kannte ich \u00fcber die musikalische Version von Mike Batt. Eine deutsche Fassung gibt es von Michael Ende, kommentiert ist meine englische von Martin Gardner.)<br>Zu welchen anderen Geschichten mich der Trickster gef\u00fchrt hat, w\u00fcrde jetzt wirklich zu weit f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Grimms M\u00e4rchen, Grimms Sagen, fehlte eigentlich nur noch eine weitere Sammlung aus der Romantik: <em>Des Knaben Wunderhorn<\/em> von Arnim und Brentano. Da hatte ich auch noch nie hinein geschaut, der Titel wurde mir erstmals durch Gustav Meyrinks Sammlung <em>Des deutschen Spie\u00dfers Wunderhorn<\/em> bewusst. Als Deutschlehrer wusste ich, dass das <em>Wunderhorn<\/em> sich als Sammlung echter Volkslieder gab, auch wenn diese Behauptung nicht haltbar war.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber immerhin bin ich darin auf einen jungen Bekannten gesto\u00dfen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die Hand<\/p>\n\n\n\n<p><small>Antiquarius des Elbstroms. Frankfurt 1741. S. 616.<\/small><\/p>\n\n\n\n<p>Sieh, sieh du b\u00f6ses Kind!<br>Was man hier merklich findt,<br>Die Hand, die nicht verwe\u00dft,<br>Weil der, des sie gewest,<br>Ein ungerathnes Kind,<br>Drum bessre dich geschwind.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Vater schlug der Sohn,<br>Drum hat er dies zum Lohn,<br>Er schlug ihn mit der Hand,<br>Nun siehe seine Schand,<br>Die Hand wuchs aus der Erd,<br>Ein ew&#8217;ger Vorwurf w\u00e4hrt.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Hier muss allerdings nicht die Mutter nachtr\u00e4glich schlagen, sondern das Kind selbst hat die Hand gegen den Vater erhoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Letztes Wort zu den M\u00e4rchen: Aus meiner Entdeckung von <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2006\/04\/jens-soentgen-selbstdenken-und-euler.htm\"><em>Selbstdenken!<\/em><\/a> hatte ich noch die ersten 6 B\u00e4nde der Enzyklop\u00e4die des M\u00e4rchens zu Hause herumliegen. Auch die kannte ich noch vage aus meiner Studienzeit. Also habe ich mich in die gest\u00fcrzt, und weitere Abgr\u00fcnde taten sich auf. Ich sag nur: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aarne-Thompson-Index\">Aarne-Thompson-Index<\/a>. Schon bei den Jack Tales war ich darauf gesto\u00dfen: &#8222;This is a mixture of Type 330, <em>The Smith Outwits the Devil<\/em>, and Type 332, <em>Godfather Death<\/em>. For Type 330 see: Grimm Nos. 81, 82&#8243;, und so weiter.<br>Die Kurzfassung: Der Aarne-Thompson-Index bzw. dessen Weiterentwicklung ist ein Verzeichnis von M\u00e4rchen- und Schwankmotiven. Ich denke mir so, dass ein M\u00e4rchenforscher ganz aufgeregt zum anderen sagt: &#8222;Du, schau mal, ich habe eine neue litauische Fassung von AaTh 420 mit Spuren von AaTh 512 entdeckt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt aber mal genug. Ich fand es sehr interessant, wie pl\u00f6tzlich aus allen Ecken und Enden meiner gegenw\u00e4rtigen und vergangenen Lekt\u00fcren alles m\u00f6gliche zusammenkam.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(1 Kommentare.) Heute geht es darum, wie ich mich in den letzten Monaten im Papierweb von einem Buch zum anderen habe f\u00fchren lassen, und wo ich dadurch \u00fcberall hingekommen bin. Das Ergebnis ist vielleicht nicht f\u00fcr jeden interessant, ich will es aber doch f\u00fcr mich festhalten. 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