{"id":10745,"date":"2018-03-19T17:58:39","date_gmt":"2018-03-19T16:58:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=10745"},"modified":"2023-05-16T08:59:56","modified_gmt":"2023-05-16T06:59:56","slug":"ray-bradbury-fahrenheit-451","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2018\/03\/ray-bradbury-fahrenheit-451.htm","title":{"rendered":"Ray Bradbury, Fahrenheit 451 (2018)"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2018\/03\/ray-bradbury-fahrenheit-451.htm#comments'>2 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div><p>Vieles an dem Buch hat sich sehr gut gehalten, manches ist erstaunlich gut extrapoliert. Zugegeben: Die M\u00e4nner gehen arbeiten und die Frauen bleiben zu Hause, und als der emotional mitgenommene Guy Montag sich im Wohnzimmer erbricht, ist es seine Frau Mildred, die sofort den Wischmopp zum Saubermachen holt.<\/p>\n<p>Aber das betrifft kein zentrales Thema des Buchs. Anders ist es bei Folgendem: In der Welt von <em>Fahrenheit 451<\/em> sind B\u00fccher verboten. Das Medium Buch wird dabei keineswegs anderen Medien gegen\u00fcber als etwas prinzipiell Besseres dargestellt; Faber erkl\u00e4rt, dass die wichtigen Dinge, wegen derer B\u00fccher nach und nach verboten wurden, sich genau so gut in H\u00f6rspielen oder Fernsehsendungen mitteilen lassen. Um die <em>Inhalte <\/em>geht es, nicht um die Form. Weiterhin sind zwar B\u00fccher verboten, und es gibt einen autorit\u00e4ren, vielleicht totalit\u00e4ten Staat, der \u00fcber Medien die Gesellschaft bel\u00fcgt und ruhig h\u00e4lt &#8211; aber es war nicht der Staat, der die B\u00fccher abgeschafft hat, sondern die Gesaellschaft selber. Die Gesellschaft hat beschlossen, nicht mehr Originale zu lesen, sondern nur Wikipedia-Fassungen davon; die Gesellschaft hat beschlossen, dass Gedanken, die Unwohlsein ausl\u00f6sen k\u00f6nnen, nicht mehr ver\u00f6ffentlicht werden. B\u00fccher enthalten kritische und unliebsame Inhalte, das f\u00fchrt zu Unfrieden, deshalb verzichtet man auf sie.<\/p>\n<p>So weit, so gut. Das sehen meine Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen sofort ein. Zensur nicht gut &#8211; aber um Zensur, das habe ich betont, geht es ja gar nicht, allenfalls um Selbstzensur. Es ist ja eben nicht der Staat, der das eingreift. Sondern: Die Minderheiten. Je gr\u00f6\u00dfer die Gesellschaft, desto mehr Minderheiten, so erkl\u00e4rt es im Buch der Feuerwehrmann Beatty, der allerdings zu den B\u00f6sen geh\u00f6rt. Niemandem darf man in solch einer gro\u00dfen Gesellschaft auf den Schlips treten &#8211; zu empfindlich sind &#8222;the dog-lovers, the cat-lovers, doctors, lawyers, merchants, chiefs, Mormons, Baptists, Unitarians, second-generation Chinese, Swedes, Italians, Germans, Texans, Brooklynites, Irishmen, people from Oregon or Mexico.&#8220; Der Markt sorgt daf\u00fcr, dass man niemanden verschreckt (diesen Effekte halte ich f\u00fcr realistisch). &#8222;Colored people don&#8217;t like <em>Little Black Sambo.<\/em> Burn it. White people don&#8217;t feel good about <em>Uncle Tom&#8217;s Cabin.<\/em> Burn it. Someone&#8217;s written a book on tobacco and cancer of the lungs? The cigarette people are weeping? Burn the book.&#8220; Alles um des lieben Friedens willen.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund der Kommunistenhatz der fr\u00fchen 1950er Jahre in den USA ist das verst\u00e4ndlich. Und doch: Liest sich das nicht wie eine Verteidigung gegen die damals noch gar nicht so existierende <em>political correctness?<\/em> K\u00f6nnen die Minderheiten nicht einfach zufrieden sein mit dem, was f\u00fcr die Mehrheit gut genug ist? Der Negerk\u00f6nig von Takatukaland soll nicht mehr so hei\u00dfen, ist das schon der erste Weg Richtung <em>Fahrenheit 451?<\/em> Mir fehlt ein wenig das Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass die Minderheiten vielleicht mit manchen Vorw\u00fcrfen Recht haben k\u00f6nnten. Wie man dann mit diesen Problemen umgeht, ist eine andere Frage, aber man sollte die Vorw\u00fcrfe als legitim anerkennen. Da macht es sich Bradbury zu leicht, finde ich.<\/p>\n<p>Die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen konnte ich nicht \u00fcberzeugen. Hier geht es um <a href=\"http:\/\/www.badische-zeitung.de\/panorama\/negerkoenig-gemeinde-verbrennt-pippi-buecher--139874110.html\">Verbrennung von alten Pipi-Langstrumpf-Ausgaben,<\/a> da um eine Petition, <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/artanddesign\/2017\/dec\/06\/new-york-metropolitan-museum-art-refuses-remove-girl-balthasar-klossowski-voyeurism-complaint\">ein Bild eines jungen M\u00e4dchens aus dem Museum zu nehmen<\/a> &#8211; ein Bild, das \u00fcbrigens f\u00fcr das Titelbild der Ausgabe von Nabokovs <em>Lolita<\/em> gew\u00e4hlt wurde, das sich im Hause Rau befindet. W\u00fcrde man heute auch nicht mehr machen, und ist das auch schon ein Schritt Richtung <em>Fahrenheit 451?<\/em><\/p>\n<p>Vom Gendern halten die beiden Klassen, die ich heute dazu gefragt habe, \u00fcbrigens auch nichts. Als Anrede f\u00fcr eine einzelne Frau ist die weibliche Form schon begr\u00fc\u00dfenswert (Bundeskanzlerin, Studiendirektorin, Sch\u00fclerin), aber das generische Maskulinum ist voll akzeptiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(2 Kommentare.) Vieles an dem Buch hat sich sehr gut gehalten, manches ist erstaunlich gut extrapoliert. Zugegeben: Die M\u00e4nner gehen arbeiten und die Frauen bleiben zu Hause, und als der emotional mitgenommene Guy Montag sich im Wohnzimmer erbricht, ist es seine Frau Mildred, die sofort den Wischmopp zum Saubermachen holt. 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