{"id":1168,"date":"2008-06-12T22:35:28","date_gmt":"2008-06-12T20:35:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=1168"},"modified":"2011-02-28T12:52:34","modified_gmt":"2011-02-28T11:52:34","slug":"kognitive-dissonanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2008\/06\/kognitive-dissonanz.htm","title":{"rendered":"Kognitive Dissonanz"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2008\/06\/kognitive-dissonanz.htm#comments'>11 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div><p>Ich lese gerade <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Mistakes-Were-Made-But-Not\/dp\/0156033909\/ref=sr_1_4?ie=UTF8&#038;s=books-intl-de&#038;qid=1212325970&#038;sr=8-4\"><strong><em>Mistakes were made (but not by me)<\/em><\/strong><\/a> von Carol Tavris und Elliot Aronson. Untertitel: &#8222;Why we justify foolish beliefs, bad decisions, and hurtful acts&#8220;. Ich bin erst am Anfang, will aber trotzdem jetzt schon ein paar Gedanken dazu loswerden.<\/p>\n<p>&#8222;<strong>Kognitive Dissonanz<\/strong>&#8222;, so <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kognitive_Dissonanz\">Wikipedia<\/a>, ist &#8222;eine Theorie, die erkl\u00e4rt, wie durch miteinander unvereinbare Kognitionen &#8211; Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, W\u00fcnsche oder Absichten &#8211; innere Konflikte entstehen, die Vermeidungsreaktionen oder andere zur Verminderung dieser Konflikte geeignete Handlungen hervorrufen.&#8220;<\/p>\n<p>Solche unvereinbaren Beobachtungen sind zum Beispiel: a) ich bin ein ehrlicher Mensch und b) ich betr\u00fcge bei meiner Steuererkl\u00e4rung. Oder der historische Fall, der als Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Enstehung der Theorie genannt wird: a) ich habe all mein Hab und Gut aufgegeben, weil meine Kult-Chefin von Au\u00dferirdischen vom Planeten Clarion erfahren hat, dass am 21. Dezember die Welt in einer riesigen Flutkatastrophe untergehen wird und nur die Gl\u00e4ubigen von fliegenden Untertassen gerettet werden und b) es ist der 22. Dezember und trocken. <\/p>\n<p>Diese unvereinbaren Tatsachen f\u00fchren zu einer &#8222;kognitiven Dissonanz&#8220;, die der Mensch abzubauen bestrebt ist. Man &#8222;betr\u00fcgt&#8220; eben nicht bei der Steuer, sondern holt sich nur das, was einem zusteht. Und die Angeh\u00f6rigen des Kultes haben sich tats\u00e4chlich nicht von ihrer Anf\u00fchrerin abgewandt, sondern im Gegenteil: Je mehr Energie &#8211; Zeit, Geld &#8211; sie in ihren Glauben investiert hatten, desto eher blieben sie dabei. Nur wegen der Gl\u00e4ubigen n\u00e4mlich, so erkl\u00e4rten sie es sich, wurde die Menschheit f\u00fcr diesmal verschont und bekam etwas Aufschub. Jaja. Je mehr man sich bl\u00f6d benommen hat, desto gr\u00f6\u00dfer ist das Bed\u00fcrfnis, sich eben nicht bl\u00f6d benommen zu haben. Und je bl\u00f6der die Aufnahmezeremonie in eine Studentenverbindung, desto gr\u00f6\u00dfer die Dissonanz zum Selbstbild (&#8222;Ich bin doch nicht bl\u00f6d.&#8220;) &#8211; die man zum Beispiel dadurch aufl\u00f6sen kann, dass man die Verbindung f\u00fcr ganz, ganz toll h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Kann alles stimmen, kann auch nicht. Wissenschaftlich ist es, Theorien im <strong>Experiment<\/strong> zu \u00fcberpr\u00fcfen. Das ist zum Beispiel so geschehen (und von anderen Wissenschaftlern mehrfach wiederholt worden): An der Universit\u00e4t von Stanford wurde &#8211; vorgeblich &#8211; eine studentische Gruppe gegr\u00fcndet, die sich mit der Psychologie des Sex besch\u00e4ftigte.<br \/>\nDie H\u00e4lfte der Interessierten bekam eine einfachen Aufnahmezeremonie, die andere eine hochnotpeinliche. Danach bekamen die neuen Mitglieder eine inszenierte (auf Tonband aufgenommene) Diskussion zu h\u00f6ren, die ziemlich uninteressant und schlecht durchgef\u00fchrt war. Diese Diskussion sollten sie dann in Fragebogen bewerten. Diejenigen mit der einfachen Aufnahmezeremonie bewerteten sie deutlich schlechter als diejenigen mit der peinlichen. &#8212; Elliot Aronson and Judson Mills (1959), &#8222;The Effect of Severity of Initation on Liking for a Group,&#8220; <em>Journal of Abnormal and Social Psychology<\/em>, 59, pp 177-181.<\/p>\n<p>Die Theorie der kognitiven Dissonanz erkl\u00e4rt das so: Es gibt einen Widerspruch zwischen dem Aufwand f\u00fcr die Aufnahme in die Gruppe und ihrem tats\u00e4chlichen Wert. Diesen Widerspruch ist um so gr\u00f6\u00dfer, je gr\u00f6\u00dfer ebendieser Aufwand war (und je kleiner der Wert daf\u00fcr). Man kann den Widerspruch verringern, indem man den Wert der Gruppe h\u00f6her ansiedelt &#8211; sie sich sch\u00f6nredet. Je gr\u00f6\u00dfer der Widerspruch bei den Versuchpersonen war, desto mehr geschah das.<\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel: Wenn ein Mensch b\u00f6se zu einem anderen ist, dann kann das zu einer Dissonanz f\u00fchren: a) ich bin ein guter Mensch und b) ich tue dem anderen Leid an. Aufl\u00f6sen kann man den Widerspruch prima durch ein &#8222;Also wird er es wohl verdient haben.&#8220;<\/p>\n<p>Sehr sch\u00f6n an dem Buch sind die ausf\u00fchrlichen Fu\u00dfnoten mit Quellenangaben. Darin bin ich auf den Aufsatz mit diesem wundersch\u00f6nen Titel gesto\u00dfen: <a href=\"http:\/\/eres.olin.wesleyan.edu\/eres\/docs\/12989\/dunnwhy.pdf\"><strong>Why people fail to recognize their own incompetence<\/strong><\/a> (pdf) von David Dunning, Kerri Johnson, Joyce Ehrlinger und Justin Kruger. (<em>Current Directions in Psychologial Science<\/em> 12, 2003, pp. 83-87.) Allein wegen dieses Titels sollte man viele Kopien davon dezent im Lehrerzimmer ausliegen lassen und ihn vielleicht auch den Vorgesetzten empfehlen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich geht es in dem Aufsatz eher um Studenten &#8211; je schlechter Studenten bei einem Test abschneiden, desto mehr liegen sie bei der Einsch\u00e4tzung des Test daneben (nat\u00fcrlich bevor sie die Ergebnisse erfahren). Und zwar sch\u00e4tzen sie ihr Ergebnis jeweils zu hoch ein. Das Diagramm dazu sieht \u00fcberzeugend aus.<br \/>\nDer Aufsatz ist kurz, enth\u00e4lt einige Diagramme, und das ist ein sch\u00f6ner Text, den man im Englisch-LK als Beispiel f\u00fcr &#8222;wissenschafltiche Prosa&#8220; verwenden k\u00f6nnte, wie es im Lehrplan hei\u00dft. F\u00fcr diese Textsorte habe ich tats\u00e4chlich zu wenig geeignete Beispiele, jedenfalls was empirische Wissenschaften betrifft.<\/p>\n<p>&#8212; M\u00f6glicherweise bin ich bereits w\u00e4hrend der Vorbereitung auf mein Psychologie-Staatsexamen auf den Begriff der kognitiven Dissonanz gesto\u00dfen. Sicher bin ich mir nicht, vielleicht bringe ich etwas durcheinander, vielleicht brachte auch der Aufsatz, an den ich mich zu erinnern glaube, etwas durcheinander.<br \/>\nDarin ging es darum, dass erfolgreich Lernende ein gewisses Ma\u00df an Dissonanz aushalten k\u00f6nnen m\u00fcssen. Es hilft beim Lernen von neuen Konzepten, wenn man scheinbare Widerspr\u00fcche erst einmal aushalten kann. Manche Sachen kann man eben vorerst noch nicht an bisher Bekanntes ankn\u00fcpfen. (Das ist m\u00f6glicherweise ein Widerspruch oder eine Erg\u00e4nzung zu konstruktivistischen Lerntheorien. Bin aber Laie.) Manche Puzzleteile kann man noch nicht anbauen, sondern muss sie erst mal auf einen zweiten Stapel legen.<br \/>\nSo muss man auch damit leben k\u00f6nnen, dass es f\u00fcr einen Text zwei verschiedene Interpretationen gibt. Oder mit dem Welle-Teilchen-Dualismus. Tats\u00e4chlich kann so eine Dissonanz auch Lustgewinn bringen. Ich habe jahrelang an einer Brecht-Parabel geknabbert, bis ich endlich meinen Frieden mit ihr gemacht habe. (&#8222;Herr K. und die Konsequenz&#8220; &#8211; heute ist der Zauber des Unverst\u00e4ndnisses leider dahin, aber ich erinnere mich noch gut daran.)<\/p>\n<p>Damit haben wir uns aber weit entfernt von der urspr\u00fcnglichen Definition des Begriffs. Mit einem abschlie\u00dfenden Beispiel m\u00f6chte ich dazu zur\u00fcckkommen:<br \/>\nWenn man a) sich f\u00fcr einen klugen Kopf h\u00e4lt und b) einen Job macht, der eigentlich sinnlos ist, dann besteht die Gefahr, dass man die kognitive Dissonanz dadurch verringert, dass man sich einredet, der Job sei gar nicht so sinnlos.<br \/>\nIch mein ja nur. Eventuell \u00fcbernehme ich im neuen Schuljahr n\u00e4mlich eine neue Aufgabe. Mehr Informationen dazu gibt es erst in einiger Zeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(11 Kommentare.) Ich lese gerade Mistakes were made (but not by me) von Carol Tavris und Elliot Aronson. Untertitel: &#8222;Why we justify foolish beliefs, bad decisions, and hurtful acts&#8220;. 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