{"id":1206,"date":"2008-01-18T09:18:58","date_gmt":"2008-01-18T08:18:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2008\/01\/the-great-depression.htm"},"modified":"2023-05-14T09:34:01","modified_gmt":"2023-05-14T07:34:01","slug":"the-great-depression","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2008\/01\/the-great-depression.htm","title":{"rendered":"The Great Depression"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2008\/01\/the-great-depression.htm#comments'>9 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Der Anlass: Die Library of Congress, bei der es ohnehin unglaublich viel an Material zu finden gibt, hat vor ein paar Tagen \u00fcber 3000 Fotos <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/library_of_congress\/\">bei flickr eingestellt<\/a>. Ich finde den Gedanken schon mal toll, dass staatliche Institutionen ihr Material \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich machen, und dass die dazu dann auch noch die Mittel nutzen, mit denen man heute Publikum erreicht. (Lobenswert ist bei uns die Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung, die viel anbietet &#8211; die Texte der Informationen zur politischen Bildung etwa, auch wenn mir das ganze Heft als pdf lieber w\u00e4re.)<\/p>\n\n\n\n<p>Es gef\u00e4llt mir, dass die USA so ein sammelw\u00fctiges Verh\u00e4ltnis zur Geschichte haben. Die Geschichte der USA mag nicht so lang sein wie die Deutschlands, aber sie wird gelebt. Nur so kann man zum Beispiel Lieder wie &#8222;<a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=DdUUywIsIGI\">The Presidents<\/a>&#8220; (Youtube) von Jonathan Coulton erkl\u00e4ren, ein Lied, in dem alle Pr\u00e4sidenten der USA aufgez\u00e4hlt und kurz kommentiert werden.<\/p>\n\n\n\n<center><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/loc_2178345315_3bcbe4f906.jpg\" alt=\"loc_2178345315_3bcbe4f906.jpg\"><\/center>\n\n\n\n<p>Bei den Bildern handelt sich um Fotos aus den 1910er und aus den 1930er-1940er Jahren. Die Bilder sind lizenzfrei (ich nehme an, dass sich das auch auf nicht-amerikanische Nutzer bezieht), man kann sie kommentieren und bewerten &#8211; Web 2.0 halt. Die Library of Congress bittet sogar um Kommentare und Mithilfe bei der Identifizierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die 1930er Jahre sind eine f\u00fcr mich sehr spannende Zeit. Die Depressionszeit kennen wir aus der Fernsehserie <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/The_waltons\">Die Waltons<\/a>. &#8222;Gute Nacht, John-Boy&#8220; sagt selbst meinen LK-Sch\u00fclern noch etwas.<br>Nach dem B\u00f6rsenkrach 1929 ging es den USA wirtschaftlich sehr schlecht, die Arbeitslosenquote stieg auf bis zu 25%. Ikonisch geworden sind Suppenk\u00fcchen und die <em>bread lines<\/em>, an denen man anstehen konnte, um etwas zu essen zu kriegen.<\/p>\n\n\n\n<center><small><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/breadlines.jpg\" alt=\"breadlines.jpg\"><br>(<em>Franklin Delano Roosevelt Memorial<\/em>, Washington.<br>Beim USA-Aufenthalt mit Sch\u00fclern aufgenommen.)<\/small><\/center>\n\n\n\n<p>Tolles Buch dazu: <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/They-Shoot-Horses-Midnight-Classics\/dp\/185242401X\/ref=sr_1_2?ie=UTF8&amp;s=gateway&amp;qid=1200604742&amp;sr=8-2\">They Shoot Horses, Don&#8217;t They<\/a> von Horace McCoy. Ein Klassiker der schwarzen Serie, gar nicht lang. R\u00fcckblickend wird die Geschichte zweier Teilnehmer an einem Tanzmarathon erz\u00e4hlt. So ein Tanzmarathon sah so aus: Paare meldeten sich an, in der Hoffnung, einen eher mageren Preis zu gewinnen. Und dann wurde getanzt, rund um die Uhr, mit f\u00fcnf Minuten Pause pro Stunde und einer ganzen Stunde Pause pro Tag. Und das Tag um Tag um Tag um Tag. Das letzte Paar auf den Beinen kriegt den Preis. Drumrum immer wieder Zuschauer, und wenn es denen zu langweilig wurde, gab es eine kleine Einlage &#8211; drei Runden um die Bahn etwa, und das letzte Paar musste ausscheiden. Dschungelcamps gab es fr\u00fcher also auch schon.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderes Ph\u00e4nomen: <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Taxi_dancer\">Taxi Dancing<\/a>. Das waren Etablissements, in denen man als zahlender Herr mit den dort angestellten Damen tanzen konnte. Am bekanntesten ist das geworden durch das Lied &#8222;Ten cents a dance&#8220; gesungen von Ruth Etting, noch sch\u00f6ner allerdings in der Version von Doris Day aus der verfilmten Lebensgeschichte von Etting. (&#8222;Love Me Or Leave Me&#8220;, zusammen mit James Cagney. Das war ein paar Jahre, bevor sich Doris Day zur braven Filmhausfrau entwickelte.)<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\nhttps:\/\/www.youtube.com\/watch?v=duJlRkWQR6s\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Ten cents a dance, that&#8217;s what they pay me<br>Gosh how they weigh me down.<br>Ten cents a dance, pansies and rough guys, tough guys who tear my gown.<br>Seven to midnight I hear drums, loudly the saxophone blows,<br>Trumpets are tearing my ear-drums, customers crush my toes.<br>Sometimes I think, I&#8217;ve found my hero<br>But it&#8217;s a queer romance;<br>All that you need is a ticket,<br>Come on big boy, ten cents a dance.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>(Da das Lied inzwischen nicht mehr bei Youtube ist, <a href=\"http:\/\/vimeo.com\/50454479\">hier eine sch\u00f6ne Version bei Vimeo.<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<p>Gerne im Vergleich dazu: &#8222;Nachtcaf\u00e9&#8220; von Gottfried Benn, ein Gedicht, das ich sehr oft im Unterricht vorstelle.<\/p>\n\n\n\n<p><small>(Ganz am Rande: Ich suche den Titel einer Kurzgeschichte, die ich irgendwo mal gelesen habe. Ein Mann kommt in ein Tanzlokal, trifft dort Tanzdame oder Zigarrettenm\u00e4dchen, die erz\u00e4hlt von ihrem Ex, den sie sitzen lassen hat; der Mann erledigt sein eigentliches Gesch\u00e4ft dort &#8211; irgendeine Schie\u00dferei? &#8211; der Exfreund kommt und holt sie raus. Der Titel war irgendein Eigenname, glaube ich. Die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen: Irgendwas aus der Pulp-Zeit; lange glaubte ich, es sei &#8222;Cigarette Girl&#8220; von John M. Cain, das war&#8217;s aber doch nicht. &#8222;The Dancing Detective&#8220; von Cornell Woolrich auch nicht.)<\/small><\/p>\n\n\n\n<p>Der aberwitzigste Film zur Depressionszeit ist <a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0034240\/\">Sullivan&#8217;s Travels<\/a> von Preston Sturges (1941). Ein erfolgreicher Regisseur und Autor von Filmkom\u00f6dien entdeckt sein Gewissen und m\u00f6chte ein relevantes, sozialkritisches Werk verfassen. Dazu zieht er mittellos durch Amerika und erlebt Abenteuer. Der Film ist genial. Einen solchen Tempowechsel von Slapstick, screwball comedy, Beziehungsdrama, Sozialdrama, Gef\u00e4ngnisfilm kenne ich sonst nur aus chinesischen Filmen. Am Schluss ist der Regisseur jedenfalls gel\u00e4utert und will weiterhin Kom\u00f6dien drehen. People mutht be amuthed. Seinen geplanten sozialkritischen Film macht er nicht, er h\u00e4tte &#8222;O Brother, Where Art Thou&#8220; gehei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>(Was zu einem anderen Film \u00fcberleiten k\u00f6nnte, der in der Depressionszeit spielt, der k\u00f6stliche &#8222;O Brother, Where Art Thou&#8220; der Coen-Br\u00fcder.)<\/p>\n\n\n\n<p>Seichte Unterhaltungsfilme: Die Drei\u00dfiger waren auch ein H\u00f6hepunkt der Unterhaltung, der Radiosendungen, der Pulp-Magainze, von Film und Hollywood-Musical. Fred Astaire und Ginger Rogers sangen und tanzten ganz wunderbar, als ob um sie herum nicht Armut und Leid herrschten. Again: People mutht be amuthed.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt waren die 30er eine gro\u00dfe Zeit f\u00fcr Musik. Das war die Zeit noch vor Jazz und Swing (nichts gegen Swing), und noch war genug Potential im gemeinen Schlager, um tolle Lieder zu schaffen. Cole Porter, George und Ira Gershwin, Irving Berlin und und und. Ich habe einige CDs mit &#8222;Great Songs of the Depression&#8220;; in vielen popul\u00e4ren Schlagern dreht es sich ums t\u00e4gliche Brot und Arbeitslosigkeit. Einige Titel:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>There&#8217;s no depression in love<br>What have we got to lose?<br>Supper time<br>I&#8217;m in the market for you<br>Banking on the weather<br>I&#8217;m an unemployed sweetheart<br>The boulevard of broken dreams<br>If I ever get a job again<br>Are you making any money?<br>Halleluja, I&#8217;m a bum<br>If I had million dollars<br>Let them eat cake<br>We&#8217;re out of the red<br>We&#8217;re in the money<br>Just a gigolo (das Gegenst\u00fcck zu Ten cents a dance)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und viele, viele mehr. Gibt es das heute auch noch, dass die popul\u00e4re Musik in solchem Umfang Themen aufgreift, oder geht es nur um Herz und Schmerz? Damals haben nat\u00fcrlich Erwachsene die Musik geh\u00f6rt und gekauft und noch keine Teenager.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dfen will ich mit der Hymne der Depressionszeit, &#8222;Brother, can you spare a dime&#8220;. Ein tolles Lied. Ich wei\u00df, man muss ein Lied h\u00f6ren, um etwas dazu sagen zu k\u00f6nnen, der Text allein reicht nie. Aber falls euch das Lied irgendwann mal begegnen sollte, h\u00f6rt gut hin. (Aufnahmen gibt es viele Dutzend, alte und moderne. Es soll eine Tom-Waits-Version davon geben, derer ich aber noch nicht habhaft werden konnte. Die George-Michael-Version interessiert mich weniger.)<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Depression Video\" width=\"500\" height=\"375\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/MZHEkU__Ijw?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>(Viele andere Fassungen zum Reinschmecken bei Youtube.)<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>They used to tell me I was building a dream<br>With peace and glory ahead &#8212;<br>Why should I be standing in line, just waiting for bread?<\/p>\n\n\n\n<p>Once I built a railroad, I made it run,<br>Made it race against time.<br>Once I built a railroad, now it&#8217;s done &#8212;<br>Brother, can you spare a dime?<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.fortunecity.com\/tinpan\/parton\/2\/brother.html\">Interpretation, Songtext und Real Audio zum Anh\u00f6ren<\/a><br><a href=\"http:\/\/www.library.csi.cuny.edu\/dept\/history\/lavender\/cherries.html\">Texte weiterer Lieder aus der Zeit<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Und dann ist da noch Studs Terkel. Studs Terkel ist, grob vereinfacht, ein amerikanischer Historiker, der unter anderem viele Sammlungen von <em>oral histories<\/em> verfasst hat. <em>Hard Times<\/em> (1970) ist eine lesenswerte derartige Sammlung von Erinnerungen an die Depressionszeit. Informationen dazu gibt es bei den <a href=\"http:\/\/www.studsterkel.org\/htimes.php\">Seiten von Studs Terkel<\/a>. Unter anderem interpretiert dort auch Yip Harburg, Autor von &#8222;Brother, can you spare a dime&#8220;, das Lied sehr nachvollziehbar. Man <a href=\"http:\/\/www.studsterkel.org\/results.php?keywords=yip---harburg\">kann diesen Text als gestreamtes real audio anh\u00f6ren<\/a>, am Anfang der Aufnahme h\u00f6rt man eine sch\u00f6ne Version von den Weavers.<\/p>\n\n\n\n<center><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/loc_2178253973_141e9d7543.jpg\" alt=\"loc_2178253973_141e9d7543.jpg\"><\/center>\n\n\n\n<p>(Woody Guthrie und John Steinbeck wollte ich auch noch unterbringen im Text, habe das aber nicht mehr geschafft. Zum wirtschaftlichen Hintergrund der Depression habe ich auch nichts geschrieben, und nichts \u00fcber Franklin Delano Roosevelt, \u00fcber den New Deal und die Programme, mit denen die Arbeitslosigkeit bek\u00e4mpft wurde, nichts \u00fcber den Zweiten Weltkrieg, der die USA erst wirklich aus dieser Phase holte.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(9 Kommentare.) 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