{"id":12176,"date":"2019-01-06T06:49:57","date_gmt":"2019-01-06T05:49:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=12176"},"modified":"2024-07-26T15:01:13","modified_gmt":"2024-07-26T13:01:13","slug":"robert-graves-homers-daughter-1955","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2019\/01\/robert-graves-homers-daughter-1955.htm","title":{"rendered":"Robert Graves, Homer&#8217;s Daughter (1955)"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2019\/01\/robert-graves-homers-daughter-1955.htm#comments'>7 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/graves_homers_daughter.jpg\" style=\"float:right; margin-left:15px;\">Wir befinden uns etwa 150 Jahre nach dem Leben Homers, des Autors der <em>Ilias.<\/em> Fahrende S\u00e4nger ziehen herum, die sogenannten <em>Sons of Homer<\/em>, und singen aus dem Werk ihres Vorfahren, wobei ein offenes Geheimnis ist, dass sie auch eigene Werke als die Homers ausgeben. Von dem haben sie, so hei\u00dft es, auch die <em>family affliction<\/em> geerbt (S. 31): Blindheit, die aber erst im Alter einsetzt. Alpheides, K\u00f6nig eines winzigen K\u00f6nrigreiches auf Sizilien, macht sich etwas lustig \u00fcber Helena, von der der Sohn Homers Demodocus erz\u00e4hlt: Es sei unglaubw\u00fcrdig, so Alpheides, dass es blo\u00df wegen einer Frau zu einem solchen gro\u00dfen Krieg gekommen sei, einer Frau obendrein, die ihrem Mann in den neun Jahren der Ehe keinen Sohn geboren habe, wobei Paris ja nicht einmal versucht habe, einen Thron zu rauben. Nein, viel eher habe der Bund der Griechenk\u00f6nige und der sp\u00e4tere Angriff auf Troja wirtschaftliche Hintergr\u00fcnde: Nicht um Helena sei es gegangen, sondern um die Meerenge &#8222;honoured with her name&#8220; (S. 27, hier irren Alpheides oder Graves oder beide), den Hellespont und Zugang zum Schwarzen Meer.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u00e4nger und Zuh\u00f6rer sind nicht gerade begeistert, Alpheides Tochter Nausicaa rollt die Augen: Geschichtsschreibung und Fiktion seien halt zweierlei, das wisse man. Macht sich Graves als Alpheides hier \u00fcber sich selbst lustig? Robert Graves, der  von <em>Claudius, <\/em>war ein Kenner antiker Mythologie. Seine <em>Griechische Mythologie. Quellen und Deutung<\/em> ist ganz hervorragend, jedenfalls was den Quellen-Teil betrifft: \u00c4u\u00dferst detailliert und mit exakten Belegen f\u00fcr kleine Forscher wie mich stellt er die vielen verschiedenen Fassungen griechischer Sagen zusammen, von denen man sonst oft nur die g\u00e4ngigste kennt. Bei der davon getrennten anschlie\u00dfenden Deutung schie\u00dft er aber meist \u00fcber das Ziel hinaus: Graves glaubte wie J. G. Frazer an eine gro\u00dfe vorantike Kultur des Matriarchats &#8211; eine zu Anfang des 20. Jahrhunderts wohl popul\u00e4re, aber inzwischen \u00fcberholte Theorie &#8211; und deutet gro\u00dfz\u00fcgig spekulierend alle Mythen darauf um. (Die Nacherz\u00e4hlung und Diskussion um den Anlass f\u00fcr den trojanischen Krieg in <em>Homer&#8217;s Daugher<\/em> folgt \u00fcbrigens oft bis in den Satzbau dem entsprechenden Eintrag in <em>Griechische Mythologie.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich geht es in diesem Roman aber gar nicht um K\u00f6nig Alpheides, sondern dessen Tochter Nausicaa. Ausgehend von dramatischen Geschehnissen um den kleinen K\u00f6nigshof in Sizilien schreibt sie n\u00e4mlich ein episches Werk, das sie dann als heimliche Tochter Homers ebenfalls dem Dichtervater zuschreibt: Die <em>Odyssee.<\/em> In einem Vorwort erkl\u00e4rt Nausicaa, dass sie im folgenden Text erz\u00e4hlen wird, wie es zur Entstehung dieser <em>Odyssee<\/em> kam. &#8211; Die Idee, dass die <em>Odyssee <\/em>aus Sizilien stammt und dass sich die Autorin Nausicaa in ihr fiktional verewigte, stammt wohl von Samuel Butler, der zwei B\u00fccher dar\u00fcber verfasste. Graves erkl\u00e4rt in seinem Roman nun, wie die sizilianische Prinzessin es geschafft hat, ihr Werk der Welt als ein Epos Homers zu verkaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nausicaas Bruder ist verschollen; ihr Vater macht sich auf die Suche und l\u00e4sst Frau, Tochter, Schwiegertochter und j\u00fcngere S\u00f6hne allein zur\u00fcck; die Amtsgesch\u00e4fte soll sein Bruder Mentor f\u00fchren. Aber die anderen Adligen des kleinen Reichs proben den Aufstand und belagern als Freier den Palast Nausicaas und ihrer Familie. Zu Hilfe kommt Nausicaa ein gestrandeter Fremder, der aus dem Meer auftaucht, als Nausicaa mit ihren Dienerinnen beim Ballspiel ist&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt in der Welt dieser Nausicaa &#8222;Odysseus&#8216; R\u00fcckehr&#8220; als letzten Gesang eines homerischen Troja-Geschichtenkreises (S. 83ff), darin ist die rachs\u00fcchtige Aphrodite, schaumgeborene Meerg\u00f6ttin, die Verursacherin von Odysseus&#8216; leidvoller Heimkehr. Der macht eine sehr \u00e4hnliche Odyssee durch wie in, uh, der <em>Odyssee<\/em>; er besucht die gleichen Orte und hat \u00e4hnliche Probleme &#8211; allerdings fehlen dabei die \u00fcbernat\u00fcprlichen Elemente. Er ist ohne Calypso schiffbr\u00fcchig auf einer Insel; Circes Priesterin h\u00e4lt ihn gefangen (und ist keine Zauberin); seine Mannschaft schlachtet die Rinder der Thraker, nicht des Helios. Zu Hause hat Penelope ihn mit den f\u00fcnfzig Freiern betrogen und Telemachos in die Sklaverei verkauft. Odysseus t\u00f6tet die Freier mit dem Bogen, allerdings bem\u00e4ngelt die Zuh\u00f6rerin Nausicaa die fehlenden Details: Wie soll der das genau geschafft haben, wieso flohen die Freier nicht? Wir wissen als Leser und Leserinnen, dass Nausicaa das in ihrer eigenen Fassung der <em>Odyssee<\/em> &#8211; also unserer &#8211; sehr detailliert erz\u00e4hlen wird, in einer meiner liebsten und blutigsten Stellen des Epos. (Die meinen Vater \u00fcbrigens dazu animiert hat, sagt er, das Bogenschie\u00dfen als Sport zu ergreifen; was zu vielen anderen Dingen gef\u00fchrt hat, letztlich auch zu meinen j\u00e4hrlichen Bogensport-Exkursionen mit der Schule.) Auch auf Sizilien in Nausicaas Palast gibt es einen historischen Bogen, und das bringt sie auf eine Idee, wie sie der Freier Herr werden k\u00f6nnte&#8230; Die Idee nennt sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht, aber als Leser kann ich mir in der Mitte des Buches nicht vorstellen, dass dieses familienfreundliche Epos im sizilianischen Miniaturformat gar so blutig sein wird wie im Original.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist \u00fcberhaupt eines der gro\u00dfen Vergn\u00fcgen beim Lesen des Buches: Man wei\u00df ungef\u00e4hr, was kommen wird, und das macht es spannend; man wei\u00df aber auch, dass es Abweichungen von der uns bekannten Geschichte geben wird &#8211; aber nicht welche, und auch dies macht es spannend. Und zuletzt ist die Geschichte einer <em>home invasion <\/em>und verschwundener Besch\u00fctzer an sich schon spannend.<\/p>\n\n\n\n<p>Meist ist der Roman aus Nausicaas Perspektive erz\u00e4hlt, aber &#8211; ein Sch\u00f6nheitsfehler &#8211; nicht immer. Nausicaa erkl\u00e4rt auch nicht, wo ihr Wissen um die Geschehnisse in der Ratsversammlung herkommt, also dass sie das etwa sp\u00e4ter erst erfahren hat. Ansonsten ist sie ein zuverl\u00e4ssige Erz\u00e4hlerin, auch wenn sie nicht davor zur\u00fcckschreckt, ihre Umwelt zu manipulieren. So gibt sie ihrem Bruder Rat, lapidar vorausschickend: &#8222;Athene warnt mich ja oft, und gestern kam sie verkleidet als Sch\u00e4ferstochter zu mir&#8220; (S. 48), ohne dass irgendetwas in der Art geschehen ist. Bei Goodreads habe ich nach der Lekt\u00fcre die Leserkommentare \u00fcberflogen, einer nennt sie eine &#8222;irritatingly snobbish know-it-all&#8220;. Das ist sehr negativ betrachtet. Sie ist klug, und als Bronzezeitprinzessin muss sie standesbewusst sein, und das hat mich \u00fcberhaupt nicht irritiert. &#8211; Andere bezeichneten den Stil als schwer zug\u00e4nglich, da an antiker Epik orientiert. Die Themen sind G\u00f6tter und Helden und Alltag, ja, aber die Sprache fand ich im Gegenteil modern und kein bisschen antiquierend.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ideen f\u00fcr Nausicaas, also unsere, <em>Odyssee<\/em> kommen nicht von ihr, sondern sie verarbeitet die Geschehnisse um die Belagerung durch ihre Freier. Eingebaut werden M\u00e4rchen der Geschichtenerz\u00e4hlerin beim Weben, der fremde Schiffbr\u00fcchige am Strand. Ihr Onkel Mentor erz\u00e4hlt ihr auf ihren Wunsch noch einmal die M\u00e4rchen ihrer Kindheit um den Abenteuer Ulysses (S. 113ff) &#8211; mit zauberm\u00e4chtiger Circe, mit Calypso, mit anderen \u00fcbernat\u00fcrlichen Elementen. (Graves bezieht sich da auf eine Tradition, nach der &#8222;Odysseus&#8220; und &#8222;Ulysses&#8220; urspr\u00fcnglich zwei verschiedene Gestalten waren. Die beiden Namensvarianten gibt es schon in der griechischen Antike; es ist unklar, welche Form \u00e4lter ist.) Nausicaa erinnert sich wehm\u00fctig daran, wie sie sich in ihrer Kindheit naiv die Orte der Ulysses-Erz\u00e4hlung als Orte in ihrer Heimat Sizilien vorstellte. Wir Leser und Leserinnen wissen: Es wird umgekehrt sein, sie wird Sizilien in die gro\u00dfe Welt versetzen. (Und vielleicht, so Graves, war das ja auch wirklich so.)<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt ist es lustig, wie das Buch die Ebenen durcheinander bringt: Die Erz\u00e4hlung in <em>Homer&#8217;s Daugher<\/em> behauptet, das Original zu sein mit der <em>Odyssee<\/em> als Nachdichtung davon, w\u00e4hrend wir Leser und Leserinnen das \u00fcblicherweise andersherum sehen. Allerdings stellt Graves mit dem Roman tats\u00e4chliche Thesen zur Entstehung der <em>Odyssee<\/em> zur Diskussion. In <em>Griechische Mythologie<\/em> h\u00e4lt Graves die Ansicht Samuels Butlers (der sich wiederum an Apollodoros anschlie\u00dft) f\u00fcr wahrscheinlich, es gehe in der <em>Odyssee<\/em> um eine Reise um Sizilien und sie sei von einer sizilianischen Edelfrau verfasst. Dann w\u00e4re ja doch der Roman die wahrere Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende rettet Nausicaa einem der S\u00f6hne Homers das Leben, und der verpflichtet sich daf\u00fcr, Nausicaas Epos unter dem Namen Homers unter die Leute zu bringen. Nausicaa z\u00e4hlt zum Abschluss noch ein paar Fehler auf, die ihr untergekommen sind und erkl\u00e4rt damit einige der Ungereimtheiten bei Homers Epos beziehungsweise begr\u00fcndet sie mit poetischen Entscheidungen. (Siehe zu diesem Prinzip meinen monumentalen zweiteiligen <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2012\/09\/zwischen-den-zeilen-schreiben-1.htm\">Blogeintrag<\/a> &#8222;Zwischen den Zeilen Schreiben&#8220;.) Auf Wunsch und nach Beratung des Homer-Sohns f\u00fcgt sie auch ein paar mehr M\u00e4nner ein.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6glicherweise ist der Roman nie auf Deutsch erschienen, ich habe jedenfalls keinerlei Hinweis auf eine \u00dcbersetzung gefunden. (In verschiedene romanische Sprachen, das ja.) Nachtrag: Doch, hei\u00dft <em>Nausikaa und ihre Freier.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>&#8212; Nicht mehr organisch untergebracht: Kannte Graves Eugen Herrigels <em>Zen in der Kunst des Bogenschie\u00dfens<\/em> (1948)? Auf S. 167 l\u00e4sst er jedenfalls einen Meistersch\u00fctzen erkl\u00e4ren, dass normale Sch\u00fctzen mit dem Verstand arbeiten, die St\u00e4rke von Bogen und Wind und Bewegung einberechnen, w\u00e4hrend der Adept nach Gef\u00fchl (durch die Inspiration Apollos) sein Ziel trifft, ohne zu denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt: Ein sehr sch\u00f6nes Buch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(7 Kommentare.) 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