{"id":12220,"date":"2019-01-08T20:37:22","date_gmt":"2019-01-08T19:37:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=12220"},"modified":"2023-06-11T06:46:00","modified_gmt":"2023-06-11T04:46:00","slug":"ist-das-in-ordnung-dass-muendliche-noten-so-viel-besser-sind-als-schriftliche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2019\/01\/ist-das-in-ordnung-dass-muendliche-noten-so-viel-besser-sind-als-schriftliche.htm","title":{"rendered":"Ist das in Ordnung, dass m\u00fcndliche Noten so viel besser sind als schriftliche?"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2019\/01\/ist-das-in-ordnung-dass-muendliche-noten-so-viel-besser-sind-als-schriftliche.htm#comments'>18 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>In Bayern gibt es wie in allen L\u00e4ndern verschiedene M\u00f6glichkeiten, Noten zu machen, aber vor allem gibt es m\u00fcndliche Noten und schriftliche Noten. Schriftliche Noten sind meistens gr\u00f6\u00dfere oder kleinere, angesagte oder \u00fcberraschende Pr\u00fcfungen, die sich auf einen kleineren oder gr\u00f6\u00dferen Zeitraum beziehen k\u00f6nnen. M\u00fcndliche Noten fallen dabei deutlich besser aus als schriftliche. (Wei\u00df schon, Ausnahmen, ist aber dennoch so, da sind wir uns wohl einig.)<\/p>\n\n\n\n<p>Die schriftlichen Noten z\u00e4hlen dabei mehr als die m\u00fcndlichen. (Auch das kann man differenzieren; es gibt kleine und gro\u00dfe Leistungserhebungen, und gro\u00dfe z\u00e4hlen mehr, und meist sind die m\u00fcndlichen klein und die schriftlichen gro\u00df &#8211; aber, kurz gesagt, schriftliche z\u00e4hlen in den wissenschaftlichen F\u00e4chern mehr.)<\/p>\n\n\n\n<p>Als die ersten Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen des pl\u00f6tzlich eingef\u00fchrten achtj\u00e4hrigen Gymnasiums am Ende der 9. Klasse waren, wurden die Regelungen f\u00fcr die neue Oberstufe beschlossen, also f\u00fcr die 11. und 12. Klasse. Und die hie\u00dfen unter anderem de facto: Die m\u00fcndlichen Noten in der Oberstufe werden st\u00e4rker gewichtet als bisher, st\u00e4rker als in Unter- und Mittelstufe.<\/p>\n\n\n\n<p>Beschlossen wird so etwas von der Exekutive, also dem Kultusministerium. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ernsthafte Didaktiker daf\u00fcr ihren Namen hergegeben haben oder dass ein echter didaktischer Grund daf\u00fcr bestand, die m\u00fcndlichen Noten aufzuwerten, es sei denn mit dem Ziel, Noten irgendwann einmal ganz abzuschaffen. (Ein hehres Ziel, aber ich lebe in der Praxis.) Der tats\u00e4chliche Grund d\u00fcrfte der gewesen sein, eine drastische Notenverschlechterung im G8 zu vermeiden, das ja politisch ein Erfolg werden musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so kam es auch. Weiterhin sind m\u00fcndliche Noten besser als schriftliche, und das das tr\u00e4gt wesentlich dazu bei, dass die Abiturnoten nicht schlechter, sondern besser geworden sind. Das f\u00fchrt regelm\u00e4\u00dfig zu Problemen, wenn sich Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen mit der m\u00fcndlichen Note bis zum Abitur in Deutsch und Mathematik retten und dann in der rein schriftlichen Pr\u00fcfung die gleichen schlechten Noten kriegen wie bisher &#8211; und dann erst einmal die Abiturpr\u00fcfung nicht bestehen und sich vielleicht noch \u00fcber eine nachtr\u00e4gliche Erg\u00e4nzungspr\u00fcfung retten k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ausgangspunkt dieses Blogeintrags: Der Deutsche Philologenverband fordert aussagekr\u00e4ftigere, also wohl: schlechtere Noten am Gymnasium, <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/lebenundlernen\/schule\/abitur-noten-gibt-es-eine-inflation-a-1246731.html\">Spiegel hier.<\/a> Fr\u00fcher war 2,3 im Abitur eine gute Note, heute ist sie Durchschnitt. Die Noten von 2007 und 2017 zu vergleichen, macht allerdings insofern wenig Sinn, als Noten de facto nur etwas \u00fcber relative Leistung aussagen: Jemand mit 1,3 im Abitur ist besser als jemand mit 2,3 (auch wenn die Forschung immer wieder Tendenzen auszumachen scheint, dass bei <em>gleicher<\/em> Leistung doch Geschlecht, Familienhaus, Name zu unterschiedlicher Benotung f\u00fchren). Ob jemand mit 1,3 wirklich <em>sehr gut<\/em> ist, das l\u00e4sst sich daraus nicht ableiten. Ob die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen bei gleicher Note heute mehr k\u00f6nnen oder anderes oder nicht, und ob das gut ist oder nicht &#8211; das sind andere, schwierigere Fragen, um die es mir hier gar nicht geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich treibt vielmehr die Frage um, warum m\u00fcndliche Noten besser sind als schriftliche. Die tats\u00e4chliche Antwort d\u00fcrfte sein: Erstens Mitgef\u00fchl, weil man leichter eine 5 aufs Blatt schreibt statt sie ins Gesicht zu sagen; zweitens Unsicherheit, weil m\u00fcndliche Noten allgemein viel angreifbarer sind als schriftliche und man sich keinen \u00c4rger holen will; drittens das Gef\u00fchl, dass ja genau das von oben und weiter oben gew\u00fcnscht wird &#8211; deshalb ist ja auch die Neuregelung f\u00fcr die G8-Oberstufe eingef\u00fchrt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber vielleicht sehe ich das zu zynisch. Vielleicht gibt es legitime Begr\u00fcndungen daf\u00fcr, warum es richtig ist, dass m\u00fcndliche Noten besser sind als schriftliche.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein m\u00f6glicher Grund, oben schon angedeutet: <strong>Noten an sich sind schlecht, und je weniger oder je bessere Noten man gibt, desto besser.<\/strong> Das ist grob verk\u00fcrzt dargestellt, und sorgf\u00e4ltiger argumentiert ist das nicht so schlecht, wie es klingt. Ich vermute mal, aber das mag ein Vorurteil sein, bei der Didaktik an den Universit\u00e4ten oder P\u00e4dagogischen Hochschulen sieht man das oft so. Diese Sicht kann ich mir als Lehrer aber nicht leisten, will auch hei\u00dfen: bin zu stolz daf\u00fcr. Ich werde f\u00fcrs Notengeben bezahlt, auch wenn und gerade weil ich das ungern mache; davor mag ich mich nicht zu sehr dr\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Grund, k\u00f6nnte der sein, <strong>dass m\u00fcndlichen Noten andere Kompetenzen zugrunde liegen als schriftliche.<\/strong> Und dass bei m\u00fcndlichen Noten halt immer eher das gepr\u00fcft wird, was die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen besser k\u00f6nnen. Allerdings leuchtet mir das ebenso wenig ein wie der Vorschlag, den ich auf Twitter bekam: Bei schriftlichen Noten arbeiteten die Sch\u00fcler weniger angeleitet, selbstst\u00e4ndiger, daher die schlechteren Noten. Allerdings verstehe ich nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Die Schulordnung kennt keine unterschiedlichen Kriterien f\u00fcr m\u00fcndliche und schriftliche Noten, ein <em>sehr gut<\/em> ist immer eine Leistung, die den Anforderungen in besonderem Ma\u00dfe entspricht. Wie sieht die didaktische Rechtfertigung daf\u00fcr aus, dass die Anforderungen bei m\u00fcndlichen Noten niedriger sind?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sage nicht, dass m\u00fcndliche Noten zu gut sind. <strong>Vielleicht sind schriftliche auch zu schlecht.<\/strong> Muss es \u00fcberhaupt 5er und 6er geben? Note 1-4 hei\u00dft ja: im Prinzip schon brauchbar, und Note 5-6 hei\u00dft: nein, das geht so nicht. Man \u00fcbt in der Schule keinesfalls, bis alle den Stoff k\u00f6nnen, sondern halt eine Weile, bis dann endlich die Zeit f\u00fcr die Pr\u00fcfung da ist. (Jan-Martin Klinge <a href=\"https:\/\/halbtagsblog.de\/2019\/01\/03\/5-minuten-schulleitung-request-to-retest\/\">hat neulich \u00fcberlegt,<\/a> wie man etwas an diesem Prinzip \u00e4ndern k\u00f6nnte.) Ist man bei m\u00fcndlichen Noten da besser und pr\u00fcft zu einem Zeitpunkt, zu dem die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen den Stoff gr\u00fcndlich verstanden haben?<\/p>\n\n\n\n<p>(Das glaube ich nicht, nein. Aber es ist ein netter Gedanke.)<\/p>\n\n\n\n<p>Wei\u00df jemand, ob die universit\u00e4te Schuldidaktik sich irgendwie zu der Diskrepanz zwischen m\u00fcndlichen und schriftlichen Noten positioniert? Findet sie die gut, ist sie ihr egal? Beklagenswert oder noch ein Segen? <\/p>\n\n\n\n<p>Nachtrag: Ich verteidige ja gerne mal die Wissenschaft, wenn wieder etwas Offensichtliches festgestellt wurde. Denn auch das Offensichtliche muss erst einmal sauber nachgewiesen werden; am Ende hat&#8217;s dann ja vielleicht doch gar nicht gestimmt. In <em>Abwesenheit<\/em> solcher Untersuchungen zu m\u00fcndlichen und schriftlichen Noten muss allerdings auch die universit\u00e4re Didaktik, wenn sie nicht ihrem schlechten Ruf unter den Praktikern entsprechen will, den Erfahrungen der Experten vertrauen, den Lehrkr\u00e4ften und Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(18 Kommentare.) In Bayern gibt es wie in allen L\u00e4ndern verschiedene M\u00f6glichkeiten, Noten zu machen, aber vor allem gibt es m\u00fcndliche Noten und schriftliche Noten. Schriftliche Noten sind meistens gr\u00f6\u00dfere oder kleinere, angesagte oder \u00fcberraschende Pr\u00fcfungen, die sich auf einen kleineren oder gr\u00f6\u00dferen Zeitraum beziehen k\u00f6nnen. M\u00fcndliche Noten fallen dabei deutlich besser aus als schriftliche. 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