{"id":13495,"date":"2019-08-26T13:59:55","date_gmt":"2019-08-26T11:59:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=13495"},"modified":"2023-05-25T10:18:25","modified_gmt":"2023-05-25T08:18:25","slug":"philip-roth-our-gang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2019\/08\/philip-roth-our-gang.htm","title":{"rendered":"Philip Roth, Our Gang"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2019\/08\/philip-roth-our-gang.htm#comments'>1 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<img decoding=\"async\" style=\"float:left; margin-right:15px;\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/roth_our_gang.jpg\">\n\n\n\n<p>Die zwei anderen Romane, die ich von Philip Roth gelesen habe, haben  mich wenig interessiert. Um so besser fand ich stets dieses, im  Nachhinein: v\u00f6llig untypische Buch aus dem Jahr 1971. Gelesen habe ich es um 1991 herum, und jetzt ein zweites Mal.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ganze l\u00e4uft unter Roman, ist aber eher eine Sammlung von nur lose verkn\u00fcpften Einzelszenen aus dem Leben von Trick E. Dixon, dem Pr\u00e4sidenten der Vereinigten Staaten. Die Titel der einzelnen Geschichten &#8211; &#8222;Tricky Comforts A Troubled Citizen&#8220;, &#8222;Tricky Holds A Press Conference&#8220; &#8211; weisen bereits auf den episodenhaften Charakter hin, auf einen legendenhaften Geschichtenzyklus um eine mythische Figur.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste, k\u00fcrzeste Geschichte gibt dabei den Ton vor: Ausgangspunkte sind erstens eine Rede Richard Nixons vom April 1971, in der er wortreich f\u00fcr die Rechte der Ungeborenen eintrat, und zweitens das Urteil zum My-Lai-Massaker, bei dem amerikanische Soldaten in Vietnam mehrere hundert Zivilisten und Zivilistinnen t\u00f6teten. Im M\u00e4rz 1971 war ein einziger Angeklagter f\u00fcr schuldig befunden und zu lebensl\u00e4nglich verurteilt worden; zwei Tage nach dem Urteil holte Nixon den Verurteilten aus dem Gef\u00e4ngnis und setzte ihn unter Hausarrest. (Sp\u00e4ter wurde das Urteil auf 20 Jahre Haft reduziert, nach dreieinhalb Jahren davon wurde die Haft ganz ausgesetzt.) In &#8222;Tricky Comforts A Troubled Citizen&#8220; fragt nun ein besorgter B\u00fcrger, ob es nicht m\u00f6glich gewesen sei, dass sich unter den 22 toten Zivilisten auch eine schwangere Frau befunden habe; dass Leutenant Calley damit eine Abtreibung vorgenommen habe; und dass die Rechte des Ungeborenen damit nicht gesch\u00fctzt worden seien. Wortreich erkl\u00e4rt Tricky, dass das ja eine hypothetische Frage sei, dass es davon abh\u00e4ngt, ob man der hypothetischen Frau das habe ansehen k\u00f6nnen, dass die Frau kein Englisch gekonnt h\u00e4tte und man von Leutenant Calley nicht h\u00e4tte erwarten k\u00f6nnen, auf die umst\u00e4ndehalber wirre Zeichensprache der Frau einzugehen, falls sie ihm das h\u00e4tte kommunizieren wollen; dass \u00e4hnlich unzumutbar gewesen sein, zwischen einer hypothetische schwangeren und einer einfach nur dicken Vietnamesin zu unterscheiden; dass die Frauen dort sich ja weigerten, amerikanische Umstandsmode zu tragen; dass die Verantwortung f\u00fcr eine &#8222;Abtreibung auf Verlangen&#8220; eindeutig bei der Frau gelegen h\u00e4tte; dass eine so schwierige Operation unter Kampfbedingungen ja geradezu auszeichnenswert w\u00e4re &#8211; kurzum, am Ende kommt nichts heraus dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, ich habe den Zynismus der Geschichte nur unzureichend wiedergegeben. Man lacht nicht gern beim Lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Geschichten sind in Form von Szenen geschrieben, Dialogen mit wiederkehrenden Regieanweisungen, teilweise auch langen Monologen. Tricky verteidigt sich gegen Vorw\u00fcrfe, nur an den Stimmen der Ungeborenen interessiert zu sein; sucht verantwortlich zu Machende  f\u00fcr die Emp\u00f6rung unter den Pfadfindern, die Tricky beschuldigen, Unzucht zu f\u00f6rdern, um mehr Ungeborene zu haben. Man einigt sich auf Schuldige, was dazu f\u00fchrt, dass die USA D\u00e4nemark angreifen und Helsinor befreien (&#8222;das ist keine Invasion&#8220;), en passant wird eine Atombombe auf D\u00e4nemark geworfen, und beim Einsatz des Milit\u00e4rs gegen demonstrierende Pfadfinder wird die Anzahl an get\u00f6teten Pfadfindern als genau die richtige Zahl gelobt &#8211; weniger w\u00fcrde man nicht ernst nehmen, mehr w\u00e4ren unn\u00f6tig. Die t\u00f6dlichen Waffen, die die Pfadfinder mit sich f\u00fchren, werden dem erschrockenen Publikum pr\u00e4sentiert, die perfiden Einsatzm\u00f6glichkeiten der vier Klingen in schillerndsten Farben zur Abschreckung geschildert:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Let&#8217;s begin here, with the smallest of the four blades. In the language of those who employ such weapons, it is knowns as the &#8222;bottle opener.&#8220; I&#8217;ll tell you how it got that name in a moment. <\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Gef\u00e4hrlichkeit der gr\u00f6\u00dften Klinge wird dadurch demonstriert, dass Tricky damit brutal ein Blatt Papier durchschneidet, auf dem die Pr\u00e4ambel der Verfassung, die Bill of Rights, <em>und<\/em> die zehn Gebote abgedruckt sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">(Nachtrag: Vergleiche dazu Rudyard Kipling, &#8222;The Moral Reformers&#8220; in <em>Stalky &amp; Co<\/em>, <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/10\/der-englische-schulroman-neue-abenteuer-im-papierweb.htm\">Blogeintrag<\/a>.)<\/p>\n\n\n\n<p>Aber mit einer, uh, <em>enclosed camping site,<\/em> in der die Pfadfinder zusammengetrieben werden und Gelegenheit bekommen, ihre f\u00fcr die Wildnis gelernten F\u00e4higkeiten einzusetzen, gelingt es Tricky, der Aufst\u00e4ndischen Herr zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende wird Tricky umgebracht (oder vielleicht ist nur etwas schief gegangen bei der Operation, ihm die Schwei\u00dfdr\u00fcsen \u00fcber seinen Lippen zu entfernen). Die Polizeit hat schon T\u00e4ter, wartet aber noch auf die offizielle Best\u00e4tigung, dass tats\u00e4chlich ein Verbrechen stattgefunden hat. In ganz USA reagieren die B\u00fcrger gleichm\u00fctig oder gar fr\u00f6hlich &#8211; interpretiert von der Tricky-nahen Presse als Zeichen ihrer fassungslosen Trauer. Und noch in der H\u00f6lle macht Tricky weiter Politik.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein bitteres Buch, und man vergleicht es nat\u00fcrlich mit der Gegenwart.  An Trump erinnert das &#8222;Justice in the Streets Program&#8220;, das die Gerichte  entlasten soll, bis man diese eines Tages nur noch als  Touristenattraktion braucht. Warum die vielen Umst\u00e4nde, wenn man gleich  auf der Stra\u00dfe urteilen und bestrafen kann? Gelegentlich noch etwas  Gro\u00dfspurigkeit: &#8222;this mighty giant of a nation of which I am, by  extension, the mighty giant of a President&#8220;. &#8211; Ein Hauptthema ist, wie Tricky und seine Bande Worte im Munde herumdrehen, sich herausreden, l\u00fcgen; vorangestellt sind Zitate aus <em>Gulliver&#8217;s Travels<\/em> und von George Orwell: Ziel der politischen Sprache sei es, L\u00fcge wie Wahrheit und Mord wie etwas Respektables aussehen zu lassen. Ach, so viel M\u00fche gibt sich Trump nicht mal mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem habe ich etwas gelernt \u00fcber die j\u00fcngere amerikanische Geschichte, weil ich per Wikipedia mein Wissen um Spiro Agnew, die Black Panthers und den Baseballspieler Curt Flood aufgefrischt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Link: <a href=\"https:\/\/lareviewofbooks.org\/article\/nixon-asked-haldeman-philip-roth\/\">LA Review of Books, &#8222;When Nixon asked Haldeman about Philip Roth&#8220;<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(1 Kommentare.) Die zwei anderen Romane, die ich von Philip Roth gelesen habe, haben mich wenig interessiert. Um so besser fand ich stets dieses, im Nachhinein: v\u00f6llig untypische Buch aus dem Jahr 1971. Gelesen habe ich es um 1991 herum, und jetzt ein zweites Mal. 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