{"id":13810,"date":"2019-09-19T12:39:23","date_gmt":"2019-09-19T10:39:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=13810"},"modified":"2019-10-05T17:05:22","modified_gmt":"2019-10-05T15:05:22","slug":"sprachkrise-um-1900","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2019\/09\/sprachkrise-um-1900.htm","title":{"rendered":"Sprachkrise um 1900"},"content":{"rendered":"\n<p>So lautet ein Unterkapitel im Q12-Deutschbuch, und das Thema mache ich immer sehr gern. Heute war der Einstieg in die Jahrhundertwende, <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/10\/die-woerter-und-die-dinge.htm\">alter Blogeintrag dazu,<\/a> aber ein bisschen etwas Neues gibt es schon. Meine Kurzfassung: Im Naturalismus versucht man die Natur (also: die Wirklichkeit, nicht den Wald) abzubilden, ganz so wie sie ist; um die Jahrhundertwende stellt sich heraus, dass das mit der Wirklichkeit nicht so einfach ist, wie man sich das vielleicht vorgestellt hat. Mein Einstieg ist dazu dieser Text von Hermann Bahr, augenscheinlich zum Impressionismus in der Malerei, aber letztlich dann auch zur Literatur:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Denken wir uns, Leonardo h\u00e4tte zuf\u00e4llig die Technik des Impressionismus  entdeckt. Er hat ja viel versucht und gern herumprobiert. Es w\u00e4re ihm  also zugesto\u00dfen wahrzunehmen, dass die Farbe, in Flecken oder Punkten  aufgetragen, eine Macht, eine Wahrheit erh\u00e4lt, die ihr sonst fehlt, und  dadurch verf\u00fchrt, h\u00e4tte er ein solches Bild gemalt, das, in der N\u00e4he ein  unerkl\u00e4rliches Gewimmel, auf einige Entfernung erst seine Form annimmt.  Das h\u00e4tte ihn gewiss gereizt. Schon weil es schwer ist. Auch weil es  recht ein Vergn\u00fcgen f\u00fcr seine mathematische Neigung gewesen w\u00e4re. [..]  Und nun m\u00f6gen wir uns ihn bei der Arbeit einmal von Messer Bandello  besucht denken, der gern, wenn er Zeit hatte, zu ihm kam, auf einen  kleinen Plausch und um ihm zuzusehen. Dem h\u00e4tte er stolz seine Erfindung  gezeigt und h\u00e4tte ihm erkl\u00e4rt, wie es ihm durch sie m\u00f6glich geworden,  manche Erscheinungen, besonders gewisse Reflexe des Lichtes,  einzufangen, die so fl\u00fcchtig sind, dass die meisten Menschen sie gar  nicht gewahren, sondern erst jetzt, da er sie gemalt, allm\u00e4hlich auf sie  achten w\u00fcrden. Und wir meinen den klugen Bandello fast zu sehen, wie er  neugierig zuh\u00f6rt, die Worte des Meisters an seinem Bilde pr\u00fcft, ein  paarmal nickt, aber dann doch, als jener verstummt, leise und fast ein  wenig sp\u00f6ttisch l\u00e4cheln mu\u00df, indem er sagt: \u201eWohl erinnere ich mich,  Messer Leonardo, solche Erscheinungen, wie Ihr sie nennt, und besonders  der ganz eigenen Reflexe, die sich manchmal auf die K\u00f6rper legen, wie  Wolken \u00fcber den Himmel ziehen; und es ist mir oft ein Spa\u00df gewesen, das  zierliche wei\u00dfe N\u00e4schen einer hochgeborenen und wohlgestalten Dame, wenn  wir durch den Garten in der Sonne gingen, pl\u00f6tzlich an der Spitze  grasgr\u00fcn gefleckt zu sehen, ganz wie Ihr es hier auf Eurem komischen  Bilde gemalt habt. Aber Ihr wisst so gut wie ich, mein werter Freund,  dass das N\u00e4schen deswegen doch nicht gr\u00fcn ist, sondern wei\u00df bleibt und  es nur unsere Sinne sind, die uns t\u00e4uschen. [\u2026] Ferner erlaubt mir, Euch  zu sagen, dass ich hier, dicht an das Bild herantretend, mich gar nicht  auskennen kann und keineswegs wei\u00df, was es denn eigentlich sein soll.  Nun habt Ihr freilich von mir verlangt, mich f\u00fcnf Schritte weit  aufzustellen; dies sei die Bedingung. Aber erlaubt mir, zu bemerken,  Messer Leonardo, da\u00df das nicht die Bedingung der Natur ist. Die Natur  entsteht nicht erst, wie Euer Bild, wenn ich mich in ein bestimmtes  Verh\u00e4ltnis zu ihr gebe. Sie vergeht nicht, wenn ich es verlasse, die  Natur ist immer da, ob ich bin oder nicht. Euer Bild wird erst, wenn ich  es ansehe. <\/p><cite>Hermann Bahr<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ist die Nase gr\u00fcn oder sieht sie gr\u00fcn aus? Tats\u00e4chlich keine leichte Frage, ich sage nur Wei\u00dfabgleich beim Fotografieren. Die Wirklichkeit kriegen wir nur \u00fcber unsere Sinne gefiltert mit, und die sind zu t\u00e4uschen beziehungsweise interpretieren die Eindr\u00fccke halt auch anders. Ein sch\u00f6nes Beispiel, erst ein paar Jahre alt, ist <em>the dress.<\/em> Dazu gibt es eine eigene <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/The_dress\">Wikipedia-Seite<\/a>, es geht dabei um das Foto eines Kleides, von dem die einen sagen, das Kleid ist schwarz-blau, und die anderen wei\u00df-gold: Die Natur entsteht vielleicht nicht, wenn ich mich in ein bestimmtes Verh\u00e4ltnis zu ihr gebe, aber sie h\u00e4ngt doch davon ab. <em>Ich<\/em> sehe das Kleid \u00fcbrigens als wei\u00df-gold unr nur so; tats\u00e4chlich ist es aber wohl schwarz und blau. Einfach dem Link folgen oder Suchmaschine benutzen, es gibt viele Versuche, zu erkl\u00e4ren, was hinter den unterschiedlichen Sichtweisen steckt. (Im Kurs heute: Mehr Blauschwarz-Seherinnen, aber schon halbwegs gleich verteilt.)<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"The Color Of The Dress According To Science\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/I0OPNOpU6SY?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Danach gab es, auch schon ein Weilchen her, einen Audioclip mit einem Wort, das &#8211; zu sp\u00e4t wohl, um <em>SPOILER!<\/em> zu warnen &#8211; in den einen Ohren wie Yanny und in den anderen wie Laurel klingt. (Und manchmal auch nach weder dem einen noch dem anderen, wenn man nicht wei\u00df, was man erwarten soll, hei\u00dft es gelegentlich.) Tats\u00e4chlich h\u00f6re ich &#8222;Laurel&#8220;, und so sehr ich mich bem\u00fche, nichts anderes. Im Kurs heute: Wenigstens Sch\u00fcler h\u00f6rte ebenfalls Laurel &#8211; durch die Bank alle anderen: Yanny, oder etwas sehr \u00c4hnliches. Einige Sch\u00fclerinnen sagten nach der Aufkl\u00e4rung, sie k\u00f6nnten durch bewusstes Vorgehen entweder das eine oder das andere h\u00f6ren. Ich h\u00f6re wieder mal nur eines, n\u00e4mlich Laurel. Gilt wohl besonders f\u00fcr alte Ohren, die mit den H\u00f6hen Probleme haben, ist insgesamt aber schwierig &#8211; auch hierzu gibt es viel Theorie im Web.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Yanny or Laurel video: which name do you hear? \u2013 audio\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/7X_WvGAhMlQ?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Weiter geht es dann mit dem Chandos-Brief, der Aufteilung der Welt durch Worte, etwa beim Farbspektrum, dann Sapir-Whorf, dann vielleicht noch gendergerechte Sprache &#8211; das \u00fcbliche Programm.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So lautet ein Unterkapitel im Q12-Deutschbuch, und das Thema mache ich immer sehr gern. 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