{"id":1517,"date":"2008-07-26T12:02:38","date_gmt":"2008-07-26T10:02:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=1517"},"modified":"2023-05-25T06:36:07","modified_gmt":"2023-05-25T04:36:07","slug":"lichtenberg-und-chandler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2008\/07\/lichtenberg-und-chandler.htm","title":{"rendered":"Lichtenberg (und Chandler)"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2008\/07\/lichtenberg-und-chandler.htm#comments'>1 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Kann es wirklich sein, dass ich hier noch nie Lichtenberg-Zitate gesammelt habe? <strong>Georg Christoph Lichtenberg<\/strong> (1742-1799), Naturwissenschaftler und Aphoristiker der Aufkl\u00e4rung. Bekannt ist er f\u00fcr seine <em>Sudelb\u00fccher<\/em>: Notizhefte voller Aphorismen und Ideen, Kritzeleien, Zitate, Listen von interessanten W\u00f6rtern.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ein paar zur Auswahl (die Angaben in Klammern beziehen sich auf die Sudelhefte, damit ich die Quelle wiederfinde):<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Die Braut war pockengr\u00fcbig, und der Br\u00e4utigam finnig. Sp\u00f6tter sagten, wenn das P\u00e4rchen nur erst zusammengeschmiedet w\u00e4re, so g\u00e4ben ihre Gesichter ein treffliches Waffeleisen. (H87)<\/li>\n\n\n\n<li>Einer will sich ers\u00e4ufen, allein sein gro\u00dfer Hund, der ihm nachgelaufen, apportiert ihn allemal wieder. (H106)<\/li>\n\n\n\n<li>Er konnte das Wort &#8222;succulent&#8220; so aussprechen, da\u00df, wenn man es h\u00f6rte, man glaubte, man bisse in einen reifen Pfirsich. (H192)<\/li>\n\n\n\n<li>Zu den j\u00e4hrlichen Sterbelisten sollten noch folgende Rubriken hinzukommen: In den Himmel sind gekommen 33; zum Teufel sind gefahren 777; zweifelhaft 883. Mit solchen Zetteln k\u00f6nnten die Theologen sich Geld verdienen. (H115)<\/li>\n\n\n\n<li>Man solle Katarr schreiben, wenn er blo\u00df im Halse, und Katarrh, wenn er auf der Brust sitzt. (G164)<\/li>\n\n\n\n<li>Oden, wenn man sie liest, so gehen einem mit Respekt zu sagen Nasenl\u00f6cher und Zehen auseinander.<\/li>\n\n\n\n<li>Der Esel kommt mir vor wie ein Pferd ins Holl\u00e4ndische \u00fcbersetzt. (H166)<\/li>\n\n\n\n<li>Der liebe Gott mu\u00df uns doch recht lieb haben, da\u00df er immer in so schlechtem Wetter zu uns kommt. (B359)<\/li>\n\n\n\n<li>Die Professoren auf Universit\u00e4ten sollten Schilde aush\u00e4ngen wie die Wirte. (D248)<\/li>\n\n\n\n<li>Ein Kerl, der einmal seine 100 000 Taler gestohlen hat, kann hernach ehrlich durch die Welt kommen. (H114)<\/li>\n\n\n\n<li>Noch eine neue Religion einzuf\u00fchren die die W\u00fcrksamkeit der christlichen haben sollte ist wohl unm\u00f6glich, deswegen bleibe man dabei und suche lieber darauf zu tragen, und gewi\u00df sind auch die Ausdr\u00fccke Christi so beschaffen, da\u00df man so lange die Welt steht das Beste wird hinein tragen k\u00f6nnen.<\/li>\n\n\n\n<li>Wir Protestanten glauben nunmehr in sehr aufgekl\u00e4rten Zeiten in Absicht auf unsere Religion zu leben. Wie wenn nun ein neuer Luther aufst\u00fcnde? Vielleicht hei\u00dfen unsere Zeiten noch einmal die finstern. Man wird eher den Wind drehen oder aufhalten k\u00f6nnen, als die Gesinnungen des Menschen heften.<\/li>\n\n\n\n<li>Da\u00df ich etwas, ehe ich es glaube, erst durch meine Vernunft laufen lasse ist mir nicht ein Haar wunderbarer, als da\u00df ich erst etwas im Vorhof meiner Kehle kaue, ehe ich es hinunter schlucke. Es ist sonderbar so etwas zu sagen und f\u00fcr unsere Zeiten zu hell, aber ich f\u00fcrchte es ist f\u00fcr 200 Jahr, von hier ab gerechnet, zu dunkel.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Im Deutsch-Unterricht verwende ich auch gerne einige Aufs\u00e4tze von Lichtenberg. Hier jeweils als Open-Office-Textdatei:<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/lichtenberg_gewitter.odt\">&#8222;\u00dcber Gewitterfurcht und Blitzableitung&#8220;<\/a>: Lichtenberg vergleicht darin die irrationale Furcht vor Gewittern und die Weigerung, die neu erfundenen Blitzableiter zu verwenden, mit der viel weniger Panik veurursachenden, aber tats\u00e4chlich weit gr\u00f6\u00dferen Gefahr der ansteckenden Krankheiten wie Pocken oder Ruhr, und der Weigerung, &#8222;Ruhrableiter&#8220; zu benutzen (d.h. die einfachsten Schutzma\u00dfnahmen zu befolgen). Grund f\u00fcr dieses Verhalten: Ignoranz. Und Erziehung.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Zum Teil liegt freilich der Grund von jener \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Furcht da, wo noch so mancher andere von unserm Elend liegt, in der Erziehung. <em>Horch! der liebe Gott z\u00fcrnt<\/em>, sagt man Kindern, wenn es donnert, aber nicht <em>Siehe! Er z\u00fcrnt<\/em>, wenn man ihre kleinen Mitbr\u00fcder bei einer Pocken\u2011Epidemie zu halben Dutzenden an einem Tage zu Grabe tr\u00e4gt.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/lichtenberg_gespenster.odt\">&#8222;Etwas \u00fcber die Polter\u2011Geister&#8220;<\/a>: Die Ausgangsfrage lautet: &#8222;Wenn es in einem Zimmer, worin ich nicht bin, poltert, oder auch in demselben Zimmer worin ich mich befinde, nur hinter mir, so da\u00df ich es nicht sehe, wie m\u00fcssen die W\u00fcrkungen beschaf\u00adfen sein um daraus zu schlie\u00dfen, das habe ein Geist getan?&#8220; Lichtenberg pl\u00e4diert dabei letztlich f\u00fcr eine Form von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ockhams_Rasiermesser\">Ockhams Rasiermesser<\/a>: Was ist wahrscheinlicher, dass man belogen oder betrogen wird oder sich t\u00e4uscht, oder dass ein wirkliches Gespenst f\u00fcr das Poltern verantwortlich ist?<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/lichtenberg_schwaenze.odt\">&#8222;Fragment von Schw\u00e4nzen. Ein Beitrag zu den Physiognomischen Fragmenten&#8220;<\/a> (online auch bei <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/?id=5&amp;xid=1631&amp;kapitel=1#gb_found\">Gutenberg<\/a>): Eine Parodie auf Lavaters <em>Physiognomische Fragmente<\/em>. Die antike Pseudowissenschaft der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Physiognomik\">Physiognomik<\/a> war im sp\u00e4ten 18. Jahrhundert durch Lavater sehr beliebt (wie zwischendurch und auch heute immer wieder mal). Anhand physiognomischer Merkmale &#8211; Nasenform, Augenabstand und so weiter &#8211; wollte man auf den Charakter des Menschen schlie\u00dfen. In Lichtenbergs Parodie analysiert er Tier- und Per\u00fcckenschw\u00e4nze im Tonfall Lavaters:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-small-font-size\">Acht Silhouetten von Purschenschw\u00e4nzen zur \u00dcbung:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"250\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/lichtenberg_schwaenze.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-4912\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">1 Ist fast Schwanz-Ideal. Germanischer, eiserner Elater im Schaft; Adel in der Fahne; offensivliebende Z\u00e4rtlichkeit in der Rose; aus der Richtung fletscht Philistertod und unbezahltes Konto. Durchaus mehr Kraft als Besonnenheit.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>(Schon damals hatte das Wort &#8222;Schwanz&#8220; mehrere Bedeutungen.)<\/p>\n\n\n\n<p>Bei aller Aufgekl\u00e4rtheit und Vernunft: Auf der Wikipedia-Seite findet sich zur Zeit kein Hinweis auf den Antisemitismus Lichtenbergs, lediglich auf der Diskussionsseite wird das ganz kurz angesprochen. Das h\u00f6rt man auch auch nicht gern. Ich kann mich erinnern, etliche wenig judenfreundliche Eintr\u00e4ge in den Sudelb\u00fcchern gelesen zu haben, aber mir fehlt der \u00dcberblick, inwiefern Lichtenberg Juden mehr verspottet als er das bei Franzosen oder Christen auch macht (und damit einhergehend, ob es ihm dabei um Nationalit\u00e4t, Abstammung oder Religion ging). (Wer nachschauen will, k\u00f6nnte anfangen bei <a href=\"http:\/\/www.wallstein-verlag.de\/9783892443063.html \">Frank Sch\u00e4fer, <em>Lichtenberg und das Judentum<\/em><\/a>.)<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212; Ein ganz anderer gro\u00dfer Aphorismenschreiber ist Raymond Chandler. Vor kurzem w\u00e4re er 120 Jahre alt geworden, <a href=\"http:\/\/therapsheet.blogspot.com\/2008\/07\/quotable-chandler.html\">The Rap Sheet<\/a> zitiert zu diesem Anlass einiger seiner Metaphern und Vergleiche. Auf dieser Chandler-Webseite gibt es <a href=\"http:\/\/home.comcast.net\/~mossrobert\/html\/chandlerisms\/old.htm\">weitere Zitate<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Favoriten:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>She smelled the way the Taj Mahal looks by moonlight.<\/li>\n\n\n\n<li>It was a blonde. A blonde to make a bishop kick a hole in a stained glass window.<\/li>\n\n\n\n<li>The General spoke again, slowly, using his strength as carefully as an out-of-work show-girl uses her last good pair of stockings.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Zu Chandler will ich seit Jahren etwas schreiben. Ich freue mich schon aufs Wiederlesen. Allerdings habe ich es nicht so eilig damit, ich habe damals alle B\u00fccher mehrfach gelesen und noch sehr gut die Chandler-Stimmung im Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugegeben, manche von Chandlers Vergleichen sind \u00fcbertrieben, aber viele sind reine Poesie. Chandler ist leicht zu parodieren, und ich wei\u00df bis heute nicht, ob die obertrockenen Spr\u00fcche in der Radioserie <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2004\/07\/pat-novak-trocken-oder-sehr-trocken.htm\">Pat Novak<\/a> ernst gemeint sind oder nicht:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>She was kind of pretty, except you could see someone had used her badly, like a dictionary in a stupid family.<\/li>\n\n\n\n<li>You start with trouble and it never stops. It&#8217;s like offering to buy aspirin for a two-headed boy.<\/li>\n\n\n\n<li>Things were getting tight. I guess you could say that for a lot of wedding rings.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Weil&#8217;s so sch\u00f6n ist, der Anfang von Chandlers &#8222;Red Wind&#8220;:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>There was a desert wind blowing that night. It was one of those hot dry Santa Anas that come down through the mountain passes and curl your hair and make your nerves jump and your skin itch. On nights like that every booze party ends in a fight. Meek little wives feel the edge of the carving knife and study their husband&#8217;s necks. Anything can happen. You can even get a full glass of beer at a cocktail lounge.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(1 Kommentare.) Kann es wirklich sein, dass ich hier noch nie Lichtenberg-Zitate gesammelt habe? Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), Naturwissenschaftler und Aphoristiker der Aufkl\u00e4rung. Bekannt ist er f\u00fcr seine Sudelb\u00fccher: Notizhefte voller Aphorismen und Ideen, Kritzeleien, Zitate, Listen von interessanten W\u00f6rtern. 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