{"id":15377,"date":"2020-03-18T10:37:42","date_gmt":"2020-03-18T09:37:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=15377"},"modified":"2023-01-04T15:31:13","modified_gmt":"2023-01-04T14:31:13","slug":"superrationalitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2020\/03\/superrationalitaet.htm","title":{"rendered":"Superrationalit\u00e4t, Funkersprache, CSMA\/CD"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2020\/03\/superrationalitaet.htm#comments'>14 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Ich wei\u00df zwar nicht, was das bedeutet, aber ich kann ja mal einen Blogeintrag dar\u00fcber schreiben. Vielleicht wei\u00df ich danach mehr. Es wird a bissele was f\u00fcr Nerds werden, Verzeihung.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Superrationalit\u00e4t bei Hoftstadter<\/h4>\n\n\n\n<p>Neulich, vor vier Wochen vielleicht, las ich bei Twitter einen Beitrag, ich glaube, es war eine Abstimmung. Da musste man f\u00fcr eine von 4 Optionen stimmen, ohne die bisherigen Stimmabgaben zu kennen, und Ziel war, eine ganz bestimmte gegebene Reihenfolge am Ende zu haben, also A B C D von mir aus. Wie soll man stimmen, wenn das das Ergebnis sein sollte, und man den aktuellen Stand der Stimmen doch gar nicht kennt und auch nicht wei\u00df, wie die Spieler nach einem abstimmen werden? (Leider wei\u00df ich nicht mehr, was das f\u00fcr ein Tweet war.)<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob die Antwort offensichtlich ist; ich kannte sie jedenfalls schon, weil ich \u00fcber das Prinzip schon mal in einem Aufsatz gelesen hatte:  In <em>Metamagicum <\/em>stellt Douglas R. Hofstadter ein \u00e4hnliches Problem vor, das Platonia-Dilemma, in gewisser Weise eine Variante meines alten Freundes, des Gefangenendilemmas. Nach einer Form davon erhalten zwanzig r\u00e4umlich getrennte Spieler, die nicht miteinander kommunizieren k\u00f6nnen, eine Anweisung: Wenn nur <em>einer <\/em>von ihnen ein Antworttelegramm schreibt, erh\u00e4lt dieser eine 1 Million Geld. Antworten mehr oder antwortet keiner, gibt es nichts. Wie soll man sich da als Spieler verhalten?<\/p>\n\n\n\n<p>Hofstadter schrieb das f\u00fcr seine Kolumne im <em>Scientific American, <\/em>und es gab dann auch einen Wettbewerb: Unter allen Einsendern einer Postkarte sollte eine Million Dollar verteilt werden. Wenn nur eine schreibt, kriegt die das ganze Geld; wenn zwei schreiben, jeder eine halbe Million, und so weiter. Und man kan sogar mehr als eine Postkarte schicken, um seine Chancen zu erh\u00f6hen! Genau genommen: Es reicht <em>eine <\/em>Postkarte, auf die schreibt man halt, wie viele Postkarten man eigentlich gerne gesendet h\u00e4tte. Wie soll man sich als Spieler unter diesen Umst\u00e4nden verhalten?<\/p>\n\n\n\n<p>Hofstadter f\u00fchrt dazu den Begriff der Superrationalit\u00e4t ein. Der Begriff ist, entnehme ich Wikipedia, nicht allgemein akzeptiert in der Spieltheorie; davon verstehe ich nichts. Ein rationaler Spieler, so Hofstadter, versucht einen Gewinnn zu maximieren &#8211; w\u00fcrde eine gro\u00dfe Zahl auf die Postkarte schreiben, um m\u00f6glichst viel vom Kuchen zu kriegen und so oder so besser fahren w\u00fcrde als mit einer kleineren Zahl; ein rationaler Spieler w\u00fcrde das Telegramm im Szenario zuvor abschicken, um nur so Chancen auf den Gewinn zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein superrationaler Spieler dagegen w\u00fcrde im Telegramm-Szenario w\u00fcrfeln, um mit einer Wahrscheinlich von 1\/20 das Telegramm zu schicken, weil das die sinnvollste L\u00f6sung ist, wenn alle Spieler sich gleich verhalten, weil alle gleich intelligent sind, und sich so superrational verhalten w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Wettbewerb-Szenario w\u00fcrde ein superrationaler Spieler ermitteln, wie viele Menschen wohl den <em>Scientific American<\/em> lesen, sagen wir: n, und w\u00fcrde mit einer Wahrscheinlichkeit von 1\/n eine einzelne Postkarte losschicken. (Tats\u00e4chlich kommt das meiner Meinung nach auf die Aufgabenstellung an; egal.)<\/p>\n\n\n\n<p>Und ein superrationaler Spieler w\u00fcrde auch bei der Abstimmung zwischen A, B, C und D den Zufall entscheiden lassen und sich an diese Entscheidung halten, wie jeder andere superrationale Spieler auch. Die Wahrscheinlichkeiten m\u00fcssten so sein, dass A wahrscheinlicher ist als B und so weiter &#8211; ich glaube, es ging sogar um bestimmte Werte, die herauskommen sollten, aber dazu m\u00fcsste ich den Tweet finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das leuchtetete mir alles sofort ein, als ich das Buch damals las, so zur Bundeswehrzeit, kurz vor dem Studium. Das Wort hatte ich vergessen, und auch bei meiner wirklich sehr sp\u00e4rlichen Kant-Lekt\u00fcre vor ein paar Jahren fiel es mir nicht ein, aber auf, weil Kant es tats\u00e4chlich deutlich sagt, wenn auch nicht in diesen Worten: Der kategorische Imperativ funktioniert nur in einer superrationalen Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Funkerjargon und Ethernet-Verbindungen<\/h4>\n\n\n\n<p>Ethernet: Das ist die Technologie hinter den LAN-Kabeln, mit denen man zu Hause den Computer und den Drucker und sonstwas mit dem Router verbindet. Ein Vorg\u00e4nger davon hie\u00df ALOHA, das war ein Protokoll (also eine Regelung), um per Funk Rechner miteinander zu verbinden, und zwar auf Hawaii. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei Funk gibt es ja ein Problem, wenn man nur einen Kanal zum Senden und Empfangen hat. Dann muss man ausmachen, wie man das regelt, und das hei\u00dft dann Protokoll. Wenn alle dazwischenquasseln, versteht keiner was. Deswegen muss man da so Sachen sagen wie OVER und ROGER. Wikipedia erkl\u00e4rt diese <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Procedure_word#OVER\">procedure words<\/a> sch\u00f6n, OVER hei\u00dft zum Beispiel: &#8222;Ich bin jetzt fertig und warte auf Antwort, du musst jetzt noch was sagen,&#8220; w\u00e4hrend OUT hei\u00dft: &#8222;Ich bin fertig und geh jetzt vielleicht sogar weg, keine Antwort erwartet.&#8220; Bei Computerspielern gibt es dann noch so etwas wie AFK (away from keyboard), vielleicht \u00e4hnliche Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Rechnern, die miteinander \u00fcber ein Funknetz oder eben auch \u00fcber ein gemeinsames Kabel verbunden sind, gibt es \u00e4hnliche Probleme: Die m\u00fcssen auch ausmachen, wer jetzt dran ist und den gemeinsamen Kanal belegt. Eine M\u00f6glichkeit dazu hei\u00dft &#8222;Token Ring&#8220;, das ist wie bei <em>Der Herr der Fliegen:<\/em> Es gibt ein Muschelhorn, und nur wer das Muschelhorn hat, darf etwas sagen, und das Muschelhorn reicht man der Reihe nach herum, damit jeder mal etwas sagen kann. Sp\u00e4tere Entwicklungen haben zu einem anderen Prinzip gef\u00fchrt, das etwas absurder klingt, aber wohl effizienter ist: Ja, jeder darf im Prinzip gleichzeitig reden\/funken\/das Kabel benutzen, und wenn das versehentlich zwei gleichzeitig machen, gibt das eine Kollision. Das Prinzip hei\u00dft CSMA\/CD: Carrier Sense Multiple Access with Collision Detection (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Carrier_Sense_Multiple_Access\/Collision_Detection\">Wikipedia<\/a>). Multiple Access: Es d\u00fcrfen alle gleichzeitig. Carrier Sense: Man achtet darauf, ob der Kanal gerade frei ist oder nicht (verk\u00fcrzt dargestellt). Collision Detection: Wenn es trotzdem zu einer Kollision gibt, also einem Konflikt, Durcheinanderreden, dann kriegt man das mit. Wie das geht, ist erst einmal egal.<\/p>\n\n\n\n<p>Was macht man jetzt als Sender, wenn man versucht hat zu senden, aber eine Kollision mitgekriegt hat, sprich: die Sendung ist nicht angekommen, sondern gest\u00f6rt worden? Das Protokoll sagt: Na ja, man wartet ein bisschen, und dann versucht man es noch einmal.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn aber alle beteiligten Rechner sich gleich verhalten, und das werden sie, weil sie einem Protokoll folgen, dann w\u00fcrden sie alle einfach zum Beispiel eine Sekunde warten und dann <em>wieder<\/em> gleichzeitig senden. Der n\u00e4chste Konflikt ist damit, wait for it, vorprogrammiert. Was also tun? Superrational sein, wenn ich den Begriff metaphorisch verwenden darf und richtig verstehe: Jeder Sender wartet eine innerhalb gewisser Grenzen <em>zuf\u00e4llige<\/em> Zeitspanne und versucht dann, neu zu senden\/den Kanal zu belegen. Ta da!<\/p>\n\n\n\n<p>(Heute sieht Ethernet ein bisschen anders aus, aber das waren die Anf\u00e4nge.)<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Und warum das ganze? (Jetzt die Pointe.)<\/h4>\n\n\n\n<p>Die bayerische Lernplattform Mebis ist gerade massiv \u00fcberlaufen. Nicht hoffnungslos \u00fcberlaufen, mehr so wie bei dem Zitat von Yogi Berra, einem amerikanischen Baseballspieler der f\u00fcr seine &#8222;Yogi-isms&#8220; (<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Yogi_Berra#%22Yogi-isms%22\">Beispiele<\/a>) bekannt war &#8211; \u00fcberraschende, widerspr\u00fcchliche Aussagen, von denen ich nicht wei\u00df, wie ernst gemeint sie waren. Etwa hier, von einem Restaurant sprechend: &#8222;Da geht keiner mehr hin, weil es da immer so voll ist.&#8220; So \u00e4hnlich stelle ich mir das bei Mebis vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, da t\u00e4te allen etwas Superrationalit\u00e4t gut. Oder zumindest der Gedanke: Was du gerade rational zu tun im Begriff ist, das machen gerade alle anderen auch, deshalb ist es superrational, das nicht zu tun (oder mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit). <\/p>\n\n\n\n<p>Also:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Wenn nichts l\u00e4uft: Den Tag freigeben! Ein paar zuf\u00e4llige Stunden, wenn man davon ausgeht, dass alle Spieler superrational sind, wenn man dagegen von vielen rein rationalen Spielern ausgeht: Lieber den ganzen Tag. (Im t\u00e4glichen Mebis-Wetterbericht habe ich das empfohlen. Allerdings kriege ich mit, wie die Kollegen trotzdem mit Mebis arbeiten. Ist ja auch rational&#8230; sch\u00f6n, wenn&#8217;s geht&#8230; aber nicht superrational.)<\/li>\n\n\n\n<li><s>Bitte nicht Videos aus der Mebis-Mediathek in einen Kurs einbauen und die Sch\u00fcler anschauen lassen. Das kostet Ressourcen<\/s>. Streaming aus der Mediathek scheint kein Problem zu sein, da aus den Mediatheken gestreamt wird, wo die Filme tats\u00e4chlich liegen. Dennoch versuche ich die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen und Lehrkr\u00e4fte m\u00f6glichst raus aus Mebis zu halten. (Aber alle wollen sie jetzt auch noch damit spielen. Verstehe ich ja.)<\/li>\n\n\n\n<li>Mit einer Notstruktur zufrieden sein. <\/li>\n\n\n\n<li>1 mal pro Woche pro Fach muss reichen, und nicht mal jedes Fach muss etwas machen. Ich kommuniziere mit meinen Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen einzeln \u00fcber Mail, \u00fcber Mebis nur eine Nachricht, und das war&#8217;s.<\/li>\n\n\n\n<li>Ja, man muss halt einen Tag nichtszun aushalten. Das ist machbar. Die meisten Lehrkr\u00e4fte (nicht alle, you know who you are) und Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen <em>wollen <\/em>arbeiten, aber man muss auch mal Selbstst\u00e4ndigkeit aushalten.<\/li>\n\n\n\n<li>Wie sch\u00f6n, dass es auch f\u00fcr Kunst und Religion Auftr\u00e4ge gibt. Sinnvolle Auftr\u00e4ge, rational voll begr\u00fcndbar, sch\u00f6n gemacht. (&#8230;)<\/li>\n\n\n\n<li>&#8222;Tats\u00e4chlich wird ein gro\u00dfer Vorteil von Mebis, n\u00e4mlichen das Einbinden von vielen interaktiven \u00dcbungen oder externen Tools wie learningApps durch die v\u00f6llige under-performance [ &#8230;] zunichte gemacht.&#8220; Schei\u00df auf das Einbinden von vielen interaktiven \u00dcbungen oder externen Tools. Meine G\u00fcte. (Nicht meine Schule.)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Anders als bei den Hofstadter-Beispielen oben, wo echte Superrationalit\u00e4t gefragt ist, br\u00e4uchte es die hier gar nicht, weil hier theoretisch Kommunikation unter den Beteiligten m\u00f6glich ist. Aber sie ist halt doch eingeschr\u00e4nkt. Dennoch: Entweder absprechen oder selbstdenken, aber dann superrational.<\/p>\n\n\n\n<p>(Vermutlich voll falsch verstanden, den Begriff, ich habe nicht mal die Wikipediaseite dazu gelesen. Erkl\u00e4rungen und Einw\u00e4nde gerne hier.)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nachtrag: <\/em>Es ist \u00fcbrigens auch superrational, zuhause zu bleiben, auch wenn man fast ganz sicher gerade nicht vom Virus infiziert ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(14 Kommentare.) Ich wei\u00df zwar nicht, was das bedeutet, aber ich kann ja mal einen Blogeintrag dar\u00fcber schreiben. Vielleicht wei\u00df ich danach mehr. Es wird a bissele was f\u00fcr Nerds werden, Verzeihung. Superrationalit\u00e4t bei Hoftstadter Neulich, vor vier Wochen vielleicht, las ich bei Twitter einen Beitrag, ich glaube, es war eine Abstimmung. 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