{"id":16474,"date":"2020-08-14T11:38:29","date_gmt":"2020-08-14T09:38:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=16474"},"modified":"2023-06-09T14:32:31","modified_gmt":"2023-06-09T12:32:31","slug":"the-lady-or-the-tiger-worldbuilding-905","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2020\/08\/the-lady-or-the-tiger-worldbuilding-905.htm","title":{"rendered":"The Lady, or the Tiger? Worldbuilding 905"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2020\/08\/the-lady-or-the-tiger-worldbuilding-905.htm#comments'>4 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p><em>(Unzusammenh\u00e4nged, aber mir ist beim Schreiben die Lust etwas vergangen: weg damit. Muss auch niemand lesen.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mann steht vor der Wahl: Er muss eine von zwei T\u00fcren \u00f6ffnen, hinter denen sich entweder seine zuk\u00fcnftige Ehefrau befindet oder ein Tiger, der ihn fressen wird. So endet Frank R. Stocktons ber\u00fchmte Geschichte &#8222;The Lady, or the Tiger?&#8220; Sie beginnt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>In the very olden time there lived a semi-barbaric king, whose ideas, though somewhat polished and sharpened by the progressiveness of distant Latin neighbors, were still large, florid, and untrammeled, as became the half of him which was barbaric.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Viele kennen von dieser Geschichte nur den Titel und die Schlusssituation; tats\u00e4chlich ist sie noch ein wenig interessanter: Ein junger Mann liebt verbotener Weise die Tochter dieses K\u00f6nigs, und sie ihn, und nach der Entdeckung soll er jener Art Gottesurteil unterzogen werden, die der K\u00f6nig eingef\u00fchrt hat: Hinter einer der beiden T\u00fcren ist der Tiger, hinter der anderen eine Braut, die der K\u00f6nig f\u00fcr den jeweiligen Angeklagten ausgesucht hat. Dort steht also explizit <em>nicht <\/em>die K\u00f6nigstochter und Geliebte. Aber diese Tochter hat die Vorbereitungen gesehen, sie wei\u00df, hinter welcher T\u00fcr der Tiger ist und hinter welcher die prospektive Braut ihres Geliebten &#8211; eine Frau, die sie \u00fcbrigens hasst:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>And not only did she know in which room stood the lady ready to emerge, all blushing and radiant, should her door be opened, but she knew who the lady was. It was one of the fairest and loveliest of the damsels of the court [&#8230;] and the princess hated her. [&#8230;] The girl was lovely, but she had dared to raise her eyes to the loved one of the princess; and, with all the intensity of the savage blood transmitted to her through long lines of wholly barbaric ancestors, she hated the woman who blushed and trembled behind that silent door.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Von allen anderen unbemerkt signalisiert die K\u00f6nigstochter ihrem Geliebten, welche T\u00fcr er \u00f6ffnen soll. Beherzt geht der junge Mann zur T\u00fcr und \u00f6ffnet sie. <\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Now, the point of the story is this: Did the tiger come out of that door, or did the lady?&#8220; In einem Anhang wird das philosophische Problem noch einmal festgezurrt. Die Prinzessin wusste, dass sie Gelegenheit haben w\u00fcrde, dem Geliebten zu signalisieren; sie hat sich vorher \u00fcberlegt, was sie ihm signalisieren w\u00fcrde, und sich daran gehalten. Was wird also aus der T\u00fcr treten: die Braut oder der Tiger? Welche T\u00fcr hat sie dem Geliebten gewiesen?<\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte zwar auch \u00fcber Frauenbilder und Exotismus sprechen, aber mir geht es tats\u00e4chlich um die in der Geschichte gestellte Frage: War hinter der ge\u00f6ffneten T\u00fcr die Dame oder der Tiger? Vielleicht l\u00e4sst sich die Frage nicht beantworten, ohne die Geschichte selber im Wortlaut gelesen zu haben, aber ich biete einmal folgende M\u00f6glichkeiten an:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Dame.<\/li><li>Der Tiger.<\/li><li>Eins von beiden, aber wir k\u00f6nnen es nicht entscheiden.<\/li><li>Die Dame oder der Tiger, aber in Wirklichkeit waren hinter beiden T\u00fcren Damen beziehungsweise Tiger.<\/li><li>Weder noch, es war alles nur ein Trick des K\u00f6nigs. In Wirklichkeit steht ein nagelneues Auto hinter der T\u00fcr.<\/li><li>Weder noch, die Frage an sich ist sinnlos: Was nicht im Text steht, steht nicht im Text, und es ist m\u00fc\u00dfig, dar\u00fcber zu spekulieren.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Allgemeiner k\u00f6nnte man fragen: <strong>Was steckt hinter unge\u00f6ffneten T\u00fcren in einem fiktionalen Text?<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p>Konkreter Anlass f\u00fcr diese Gedanken ist ein Video von Victor Gijsbers: <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Episode 2: Fictional Truth and Secondary Worlds\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Ccs2V8Yd_bY?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Beitrag wiederum ist aufgeh\u00e4ngt an einer Besprechung des Spiels &#8222;9:05&#8220; von Adam Cadre aus dem Jahr 2000. Das ist ein kurzes aber sehr gut gemachtes Werk der <em>interactive fiction,<\/em> ein Durchgang dauert etwa 20 Minuten. Es gibt darin so etwas wie eine unge\u00f6ffnete T\u00fcr, und bei einem Durchgang \u00f6ffnet man die T\u00fcr als Spieler vielleicht, beim anderen nicht. Bei <em>interactive fiction<\/em> ist es ja m\u00f6glich, dass eine T\u00fcr zu einem Zeitpunkt sowohl offen als auch geschlossen ist, n\u00e4mlich bei verschiedenen Durchg\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einer <em>Interactive-fiction<\/em>-Varianten von &#8222;The Lady, or the Tiger?&#8220; k\u00f6nnte ich als Spieler die mir gewiesene T\u00fcr \u00f6ffnen und hinter ihr eine Dame entdecken. Oder eben einen Tiger. Und beim n\u00e4chsten Durchgang k\u00f6nnte ich die andere T\u00fcr w\u00e4hlen, und w\u00e4re vielleicht auch da \u00fcberrascht. Vielleicht gibt es eine geringe Chance, ein Auto dahinter zu finden. Oder ich breche das Spiel ab, bevor ich die T\u00fcr \u00f6ffne, so wie in der Kurzgeschichte auch &#8211; habe ich dann den Text zu Ende gelesen? Wann habe ich ein Spiel zu Ende gelesen? (<em>Infidel <\/em>von 1983 ist so ein Spiel: Man muss eine moralisch schlechte Entscheidung treffen, um das Spiel zu beenden. Oder man h\u00f6rt einfach auf, vorher.)<\/p>\n\n\n\n<p>Victor Gijsbers Tenor, wenn ich ihn richtig verstanden habe, ist der: Nach <em>einer <\/em>Lesart ist hinter der T\u00fcr nichts, wenn man nicht nachschaut. Ein Text erzeugt eben <em>keine <\/em>&#8222;secondary world&#8220;<em>,<\/em> \u00fcber die man m\u00f6glichst viele genaue Aussagen machen kann. Diese Lesart von Texten mag Gijsbers weniger, jegliche Art von Kanon-Fragen (&#8222;Was  ist wirklich passiert?&#8220;) sind ihm ein Greuel:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Rather than being invited to play with the text, perhaps achieving strange and unexpected results, the reader is supposed to just accept a pre-determined truth that was established by the author. \u2026 The author \u2026 is presented as a kind of omnipotent and omniscient god.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich hat sich sein Konflikt bald in Luft aufgel\u00f6st, und deswegen ist dieser Blogeintrag auch etwas unzusammenh\u00e4ngend geworden und ich breche ihn bald ab. Ich tue Gijsbers damit sicher unrecht. Aber die von Gijsbers selbst zitierte Frage &#8222;Did Han shoot first?&#8220; ist eben gerade keine Frage, die George Lucas mit irgendeiner Form von gottgleicher Autorit\u00e4t abschlie\u00dfend kl\u00e4ren kann. Tolkiens Werke sind voller Ungereimtheiten, und Fanfiction erg\u00e4nzt die Welt um viele Elemente, die der Autor nicht gewollt hat. Ich sehe wenig Konflikt zwischen den Lesarten: Alle Texte enthalten L\u00fccken und Widerspr\u00fcche, und Leser und Leserinnen werden stets ein Weltmodell beim Lesen erzeugen. Wenn ich einen Science-Fiction-Roman lese, besteht das Vergn\u00fcgen in den ersten Kapiteln ja eben genau darin, die Regeln der mir zun\u00e4chst fremden Zukunftswelt herauszufinden. Und wenn ich in einem Gesellschaftsroman erkenne, dass ein Mann seine Frau betr\u00fcgt und nicht mehr liebt, weil der seinen Hut bei ihrem Erscheinen nicht mehr abnimmt, dann funktioniert das auch nur, wenn ich die Regeln der Welt kenne, in der das Erz\u00e4hlte spielt. (Ich erinnere mich nicht mehr, wo dieses Beispiel her ist. Vielleicht Raymond Chandler irgendwo zum Thema Drehbuchschreiben? Oder doch Henry James?) Manchmal gelangt man zu einem eindeutigen Weltmodell, sch\u00f6n, manchmal eben gerade nicht, weil man die Konflikte nicht aufl\u00f6sen kann: auch sch\u00f6n. Texte sind keine Puzzles und keine Skulpturen, sondern Spielzeug, und es gibt verschiedene Arten, damit zu spielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Frank R. Stockton hat \u00fcbrigens eine Fortsetzung zu &#8222;The Lady, or the Tiger?&#8220; geschrieben. In der kommt eine Forschergruppe zu dem K\u00f6nig, um herauszufinden, wie es dem urspr\u00fcnglichen Helden ergangen ist. Sie bekommen eine andere Geschichte aufgetischt, mit einem \u00e4hnlichen Problem, und erst wenn sie das gel\u00f6st haben, sollen sie die Antwort auf ihre Frage erhalten. Auch hier endet die Geschiche, ohne dass auch nur die Binnengeschichte gekl\u00e4rt w\u00e4re.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(4 Kommentare.) (Unzusammenh\u00e4nged, aber mir ist beim Schreiben die Lust etwas vergangen: weg damit. Muss auch niemand lesen.) 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