{"id":17475,"date":"2020-11-20T17:05:44","date_gmt":"2020-11-20T16:05:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=17475"},"modified":"2020-11-22T17:10:28","modified_gmt":"2020-11-22T16:10:28","slug":"fachsitzungen-literarische-detektivarbeit-online-vorlesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2020\/11\/fachsitzungen-literarische-detektivarbeit-online-vorlesen.htm","title":{"rendered":"Fachsitzungen, literarische Detektivarbeit, Online-Vorlesen"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2020\/11\/fachsitzungen-literarische-detektivarbeit-online-vorlesen.htm#comments'>5 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mittwoch: Fachsitzungen<\/h2>\n\n\n\n<p>Am Mittwoch ist Bu\u00df und Bettag, ein Feiertag, der gestrichen wurde, aber schulfrei bleibt, so dass die Lehrer und Lehrerinnen den irgendwie reinarbeiten m\u00fcssen. Ich dachte, das h\u00e4tten wir f\u00fcr dieses Jahr schon zu Gen\u00fcge getan, aber sei&#8217;s drum, schon okay. Jedenfalls hatte ich drei  Fachsitzungen am Vormittag, jeweils per Videokonferenz. Unerwartet zwei Ph\u00e4nomen:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Man ist gezwungen, einander ausreden zu lassen und kann einander schlechter ins Wort fallen, weil Konferenzsoftware damit nicht gut umgehen kann.<\/li><li>Der parallele \u00f6ffentliche Chat er\u00f6ffnet ganz neue Diskussionsformen. Kurz Fragen kl\u00e4ren, nachhaken, kommentieren &#8211; und das alles am Protokoll vorbei, vermute ich. Oder sind solche Backchannel-Chatverl\u00e4ufe protokollw\u00fcrdige Teile von Sitzungen? (Und ja, nicht alle Kollegen und Kolleginnen k\u00f6nnen gleich gut gleichzeitig Videokonferenz und Chatstream im Auge behalten. Gelegentlich wurde der Wunsch nach Regelung leise laut.)<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag dann noch Vorlesungsvideokonferenz, dann war aber auch mal gut. Frau Rau erschrak \u00fcber mein schwarzgef\u00e4rbtes fusseliges Ohr, grusliger noch als bei Rudy Giuliani &#8211; der aus einer Kiste herausgekramte Kopfh\u00f6rer hatte sich unbemerkt am und ums Ohr herum aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Donnerstag: Schau genau! (Detektivarbeit)<\/h2>\n\n\n\n<p>Manche Klassen in Deutsch lassen sich etwas zu sehr von au\u00dfertextlichen Hinweisen auf Interpretationspfade locken, oder geraten von selbst darauf. \u00c4hnlich wie es im Internet <em>Godwin&#8217;s Law<\/em> gibt (im Verlauf l\u00e4ngerer Diskussionen n\u00e4hert sich mit zunehmender L\u00e4nge die Wahrscheinlichkeit, dass jemand einen Nazi-Vergleich einbringt, dem Wert Eins an), gibt es bei Gedichtinterpretationen die Regel, dass fr\u00fcher oder sp\u00e4ter das Gedicht als Warnung oder Nachwirkung des Nationalsozialismus verstanden wird. Ich warne explizit davor, aber manche sehen das vielleicht als Herausforderung, aus dem schlichten Bl\u00fcmchengedicht doch noch etwas mit Hitler zu ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war auch beim Werther-Ausschnitt im Schulbuch so. Die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen wissen, dass es eine Lotte gibt, und <em>zack!<\/em> wird der Text auf das Verliebtsein von Werther hin interpretiert. Dabei liegt der erst mal nur faul im Gras, von einer Frau oder Liebe ist da null die Rede.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu diesem Behufe, oder zum \u00dcben dieses Behufes, oder zum Beheben dieses Behufes, habe ich am Donnerstag Detektiv spielen lassen. Die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen waren Profiler, die der Polizei helfen sollten bei der Suche nach einer bestimmten Person. Basis: Ein Textauszug, Fragment eines l\u00e4ngeren Textes. Was k\u00f6nnen die Profiler \u00fcber die Person sagen? Zu wenig ist schlecht, weil das der Polizei nicht viel hilft; \u00fcbers Ziel hinausgeschossen ist schlecht, weil das die Polizei auf die falsche F\u00e4hrte lockt. (Hitler?) So ist es ja bei jeder Analyse: Man muss schon schauen, was man zwischen den Zeilen erkennen kann, aber da nicht einfach irgendetwas herauslesen, was da nicht steht. Den Text vorzubereiten war Hausaufgabe, ich selber f\u00fchrte Protokoll beim Austausch dar\u00fcber:<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group has-luminous-vivid-amber-background-color has-background\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<p><strong>Protokoll<br>Profiler-Expertengremium<br>19.11.1820<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Betreff: Gesuchte Person<br><em>Hinweise an die Polizei<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eigenschaften, Merkmale, Hinweise:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Wiederholungst\u00e4ter (Diebst\u00e4hle)<\/li><li>hat Deutsch gelernt von Gastgebern (?)<\/li><li>ist fremd hier, geflohen, untergeschlupft<\/li><li>ungebunden; hat keine Verwandten<\/li><li>zumindest manchmal egoistisch und gierig<\/li><li>Einzelg\u00e4nger<\/li><li>entschlussfreudig, vllt???<\/li><li>Kind im Waisenhaus? <\/li><li>Selbstzweifel, wei\u00df nicht, woher er kommt, keine Zukunft?<\/li><li>Alter: eher jung<\/li><li>\u00c4lteres Kind??<\/li><li>Junger Erwachsener oder \u00e4lter?<\/li><li>Student?<\/li><li>sehr gro\u00df<\/li><li>scharfer Verstand<\/li><li>gebildet, liest gerne, studiert Texte [Plutarch, Werther]<\/li><li>schaut irgendwie komisch aus, h\u00e4sslich<\/li><li>gegenw\u00e4rtig nicht in fester Anstellung, kein fester Wohnsitz<\/li><li>hat Freunde<\/li><li>Jude?<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>(Im Originalprotokoll waren noch Zeilenangaben, weil ja alles belegt sein will, aber die bringen hier nichts.)<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Gar nicht so schlecht. Manche Sachen sind unklar oder widerspr\u00fcchlich, aber das passt schon auch gut zum Text. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Textvorlage &#8211; es geht darin um jemanden, der Goethes <em>Werther <\/em>f\u00fcr sich entdeckt und sich darin wiederfindet, das war der inhaltliche Ankn\u00fcpfungspunkt  &#8211; kann ich leider nicht abdrucken. In der gemeinfreien deutschen \u00dcbersetzung bei Gutenberg fehlt dieser Abschnitt n\u00e4mlich, das 15. Kapitel ist einfach um ein, zwei Seiten k\u00fcrzer. (Vermutlich ist es die \u00dcbersetzung der verbreiteten Ausgabe von 1831 und nicht der \u00e4lteren, wenn auch nicht urspr\u00fcnglichen, von 1818, was aber mit dieser Stelle nichts zu tun haben d\u00fcrfte.) Kenner und Kennerinnen k\u00f6nnen den Text vielleicht so schon bereits identifizieren, ich schrieb auch schon mal davon.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Freitag: Vorlesetag<\/h2>\n\n\n\n<p>Heute war dann der bundesweite Vorlesetag. Da kommen bei uns sonst immer Externe an die Schule, ehemalige Lehrer und Lehrerinnen auch, und lesen vor. Diesmal ging das nicht. (Zumindest von Klett gab es Online-Vorgelesenes zum Download, nach Anmeldung.) Leider habe ich gar nicht daran gedacht, welche M\u00f6glichkeiten wir dank Videokonferenzl\u00f6sung jetzt haben, und erst Frau Rau machte mich am Vortag darauf aufmerksam. Also am Donnerstag bei Twitter in die Runde gefragt, und schon bot eine waschechte Literaturwissenschaftlerin an, vorzulesen, und tat das auch, \u00fcber Video, und beantwortete Fragen zu den Texten und zu Studium und Literaturwissenschaft und zu Uni und zu Doktorarbeiten, was halt so aus der Klasse kam. Das war sch\u00f6n. Eine Sch\u00fclerin, die zu Hause geblieben war, sah von dort aus zu.<\/p>\n\n\n\n<p>(Selber las ich kurz bei meiner 12. Klasse, aber das zog nicht so recht. Sehr erfolgreich dagegen in meiner 8. Klasse, in und auf Englisch, wo ich die Anf\u00e4nge von Roddy Doyle, <em>The Giggler Treatment <\/em>und Neil Gaiman, <em>Coraline <\/em>pr\u00e4sentierte. Den Doyle vorzulesen macht wirklich selber sehr gro\u00dfes Vergn\u00fcgen.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(5 Kommentare.) Mittwoch: Fachsitzungen Am Mittwoch ist Bu\u00df und Bettag, ein Feiertag, der gestrichen wurde, aber schulfrei bleibt, so dass die Lehrer und Lehrerinnen den irgendwie reinarbeiten m\u00fcssen. Ich dachte, das h\u00e4tten wir f\u00fcr dieses Jahr schon zu Gen\u00fcge getan, aber sei&#8217;s drum, schon okay. Jedenfalls hatte ich drei Fachsitzungen am Vormittag, jeweils per Videokonferenz. 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