{"id":18340,"date":"2021-05-12T18:34:58","date_gmt":"2021-05-12T16:34:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=18340"},"modified":"2023-05-16T08:54:14","modified_gmt":"2023-05-16T06:54:14","slug":"friedrich-theodor-vischer-auch-einer-1879-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/05\/friedrich-theodor-vischer-auch-einer-1879-teil-2.htm","title":{"rendered":"Friedrich Theodor Vischer: Auch Einer (1879) \u2013 Teil 2"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/05\/friedrich-theodor-vischer-auch-einer-1879-teil-2.htm#comments'>5 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/05\/friedrich-theodor-vischer-auch-einer-1879-teil-1.htm\">Fortsetzung von hier.<\/a> Es geht in diesem Blogeintrag um die lange Binnenerz\u00e4hlung &#8222;Der Besuch. Eine Pfahldorfgeschichte&#8220;, die zwei Drittel des ersten der beiden Romanb\u00e4nde ausmacht. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Geschichte ist keine Parodie, glaube ich, auf das wohl eine kleine Weile popul\u00e4re Thema der Pfahlbaukulturen. Aber eine Parodie ist es vermutlich, ich wei\u00df nur nicht, worauf. Es ist ein Werk des Realismus, etwas launig, nicht ganz so sehr wie bei Gottfried Keller. Aber es gibt mitunter eine stark auktoriale Erz\u00e4hlstimme und viele bewusst gesetzte Anachronismen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Handlung ist nicht komplex: Der schneidige Arthur kommt ins jungsteinzeitliche Pfahlbaudorf und erhitzt die Gem\u00fcter. Denn erstens macht er Sigune sch\u00f6ne Augen, oder vielleicht auch sie ihm, obwohl eigentlich zwischen ihr und dem Hirten Alpin (\u00fcber weite Strecken die Hauptperson der Erz\u00e4hlung) ein gewisses Einverst\u00e4ndnis herrscht. Und zweitens bringt er von den gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten seiner Wanderung Gegenst\u00e4nde aus einem unbekannten Material mit, als Tauschware und als Geschenke &#8211; Bronzegegenst\u00e4nde, die den Pfahldorfbewohner bisher unbekannt sind. Viele sind davon beeindruckt, manche f\u00fcrchten die Ver\u00e4nderungen, die der sich abzeichnende Fortschritt f\u00fcr das Dorf und dessen Kultur bedeutet, so dass die wackere Steinaxt nicht mehr geachtet wird und nichts mehr gilt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Kultus der Gemeinde steht ohnehin auf etwas wackeligen Beinen. Zust\u00e4ndig f\u00fcr den Gottesdienst sind die Druiden, aber die fortschrittlichere Gilde der Barden nimmt ihnen nach und nach viel von ihrem Einfluss. Verehrt wird Selinur, &#8222;die gro\u00dfe Mutter aller Dinge&#8220; und Erschafferin der Menschen. Sie blies dem Menschen dereinst den Atem ein, worauf dieser nieste, weswegen das Niesen auch als sakrale Handlung empfunden wird: etwaige Verunreinigungen im Menschen werden so regelm\u00e4\u00dfig ausgesto\u00dfen. Ursache der Verunreinigungen ist vor allem der b\u00f6se Gott Grippo, der gemieden und respektiert werden sollte, aber auch seinen Zweck hat. Grippo erst bringt die \u00fcblen Erk\u00e4ltungskrankheiten, den Pfn\u00fcssel. (Das Wort gibt es wirklich; ich kannte es vorher nicht: Alemannisch, auch schweizerisch, f\u00fcr: Erk\u00e4ltung.) Und auf so einem Pfahlbau, \u00fcber dem kalten Wasser, da gibt es halt viel Pfn\u00fcssel. Au\u00dferdem gibt es noch einen dritten Gott, den unbekannten Gott, aber von dem wei\u00df man nicht viel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das alles in durchaus ernstem, leicht verkl\u00e4rten Ton. Wenn da nicht die Anachronismen w\u00e4ren. Der Sohn soll &#8222;Fabrikant&#8220; werden, will der Vater &#8211; der Erz\u00e4hler entschuldigt sich auktorial f\u00fcr die Wortwahl und erkl\u00e4rt, dass damit Werkzeug- und Waffenmanufaktur am Nachbarsee gemeint ist. Die m\u00f6chte, dass er &#8222;studieren&#8220; geht, auf die Druiden- oder Bardenschule. Die Unterbringung der G\u00e4ste: &#8222;Hotel k\u00f6nnen wir das also nicht wohl nennen; damals sagte man Freihof.&#8220; Die Pfahldorfbewohner graben selber \u00e4ltere Pfahlbauten aus, sinnieren \u00fcber Fortschritt und \u00fcber ihre Meinung \u00fcber die Vergangenheit, \u00fcber die Zukunft, dar\u00fcber, wie die Vergangenheit \u00fcber die Zukunft denkt. Hier leitet der Druide seinen Gedichtvortrag ein, der als Gegenrede zu dem Lied des Barden gedacht ist:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Hochgeachtete G\u00e4ste, insbesondere hochgeachteter Herr Bardens\u00e4nger! Ich wei\u00df, da\u00df ich im Sinne der ganzen Gemeinde spreche, wenn ich erkl\u00e4re, da\u00df sie in Eurem Festgedichte ein Erzeugnis sowohl der religi\u00f6sen Gef\u00fchlsbegeisterung, als auch der tiefen poetischen Stimmung begr\u00fc\u00dft, im Inhalt h\u00f6chst bedeutend, in der Form flie\u00dfend, korrekt, geisterhaft. Nur ganz unma\u00dfgeblich, weit entfernt von aller Absicht, diese Bl\u00fcte der Dichterphantasie irgend verkleinern zu wollen, m\u00f6chte ich mir einige bescheidene kritische Bemerkungen erlauben.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Religion und Mythologie ist keltisch. Es gibt Menhire, auch wenn man nicht mehr wei\u00df, wozu sie von wem errichtet worden sind. Misteln werden mit einer heiligen Sichel geschnitten. &#8211; Ich kenne die Irish Renaissance und mit ihr die Wiederentdeckungen des Keltentums erst im sp\u00e4teren 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhundert &#8211; Lady Gregory, W. B. Yeats, AE, ganz am Rande ganz vielleicht Lord Dunsany. Aber anscheinend waren das Mabinogion und \u00e4hnliche Texte schon ein paar Jahrzehnte vorher beliebt. &#8211; Eine zentrale kultische Figur der Pfahldorfbewohner ist Taliesin, dessen Name und Geschichte dem keltischen Barden Taliesin (6. Jahrhundert n. Chr.) entsprechen. Vor allem eine Geschichte aus seiner Jugendzeit, erz\u00e4hlt im <a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Hanes_Taliesin\">Hanes Taliesin<\/a>, erscheint auch hier: Der kleine Gwion arbeitet bei der Zauberin Ceridwen. Er nascht aus dem Kessel mit verbotenem Zaubertrank und erlangt dadurch Weisheit, wird aber von Ceridwen verfolgt. Bei dieser Jagd verwandeln sie sich st\u00e4ndig: er sich in einen Hasen, sie sich in einen Windhund &#8211; man kennt das aus <em>Merlin und Mim<\/em>. Am Ende verwandelt Gwion sich zu einem Weizenkorn, Ceridwen sich in eine Henne, sie frisst das Weizenkorn &#8211; und gebiert bald darauf Gwion in Gestalt des Taliesin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Dreiecksverh\u00e4ltnis Alpin-Sigune-Arthur ist relativ schnell gekl\u00e4rt, Alpin und Sigune finden sich, Arthur bleibt ihr gemeinsamer Freund. Nur dass der inzwischen als Aufr\u00fchrer gilt, seine Vision noch \u00fcber die der Barden hinausgeht. Er phantasiert davon, dass die Sterne gro\u00df und weit weg sind und dass es dort auch Leben gibt. Er will mehr f\u00fcr : &#8222;Ich bitt&#8216; euch, wozu ist man denn eigentlich? Wozu braucht es denn eigentlich die Seinerei, die Existiererei?&#8220; Er bekennt sich zum unbekannten Gott, den er als Manngott, als m\u00e4nnliches (und besseres) Gegenst\u00fcck zu Selinur deklariert. Er zieht Parallelen zu den gallischen und inselkeltischen Gegenst\u00fccken Esus und Hu Gadarn, und macht als Ursache f\u00fcr die Zur\u00fcckgebliebenheit der Pfahlbaugemeinschaft das Gebot aus, auf dem See zu leben (des Pfn\u00fcssels wegen, man erinnert sich):<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Die Z\u00e4hne fri\u00dft euch der Nebel an und im Winter habt ihr die Fu\u00dfb\u00f6den so kalt, da\u00df euch die juckenden Frostbeulen an den Zehen herumh\u00e4ngen wie Klumpen von Waldbeeren und da\u00df euch vor Fu\u00dffrost alles Blut zu Kopf steigt, was eben eine Hauptursache ist, da\u00df ihr nichts Gescheites denken k\u00f6nnt! \u2013 Die Seele, den Geist nieset und hustet ihr euch aus dem Leibe! \u2013 Wi\u00dft es, schon ist&#8217;s im Werk, da\u00df wir andern wegziehen vom See aufs Land! Fest soll&#8217;s sein unter uns, aufs Trockene wollen wir! Man wird dumm \u00fcber den tr\u00fcben Wassern, verschnuppt, hirnverst\u00f6rt, abergl\u00e4ubisch, f\u00fcrchtet Gespenster, f\u00fcrchtet den Grippo. Wozu braucht ihr ihn noch?&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man sieht: Dramatisch und albern zugleich. Arthur wird als dem &#8222;Erzketzer&#8220; gefangen genommen (&#8222;Fu\u00dfnote: Hiemit ist die einzig wahre Ableitung unsrer Vorsatzsilbe \u00bbErz\u00ab den Lesern, namentlich den philologischen, zur Kenntnis gebracht.&nbsp;&nbsp;&nbsp;Anm.&nbsp;d.&nbsp;Verf.&#8220;).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Arthur soll, eher aus Rachsucht und Kleingeistigkeit und spontan, der G\u00f6ttin geopfert werden. Aber Alpin und Sigune und ein paar eingeweihte Barden verhelfen ihm zur Flucht. Am Ende, ein paar Jahre sp\u00e4ter, das Dorf hat inzwischen einen neuen, moderner gesinnten Druiden, sinniert Alpin \u00fcber den Fortschritt: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Ich denk&#8216; halt: manches Alte ist doch auch gut, und stille Hirten mu\u00df es doch immer geben, und ich denk&#8216; halt: wer immer recht behalten mag, es ist immer gut, wenn ein Teil Leute noch stet, aber ohne Gift am Alten h\u00e4ngt, und ich f\u00fcrcht&#8216; halt, das laute Klopf- und H\u00e4mmerwesen, das Gehaspel und Gesause der vielen Spindeln und Webst\u00fchle in den gro\u00dfen Arbeiterpferchh\u00e4usern, all der L\u00e4rm und das Unsal m\u00f6cht&#8216; immer mehr aufkommen, das mir so arg zuwider ist.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt in dieser Erz\u00e4hlung viele Einsch\u00fcbe in Form von Kinder- und geistlichen Liedern, den Wettstreit zwischen Barde und Druide, einen Initiationsritus mit Katechismus. (W\u00e4hrend der Initiation erhalten die Kinder ihr erstes Schnupftuch.) <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Gleitende, Wehende!<br>Spindelumdrehende!<br>&nbsp; &nbsp; H\u00fcte vor Stopfungen,<br>&nbsp; &nbsp; Stockungen, Pfropfungen,<br>&nbsp; &nbsp; Nasigen Knopsungen<br>&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; Gn\u00e4dig uns nur!<br>&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; O Selinur!<br>Pfuisala, Pfuiala, Pfuia!<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">H\u00f6hepunkt ist aber ein kultischer Feiertag mit einem musikalischen Triumph der traditionellen Pfahlbaukultur:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Als die Zuh\u00f6rer nach und nach zu sich kamen, war es, als ob man auf ein Schlachtfeld s\u00e4he. Die S\u00e4nger und Musiker lagen halb ohnm\u00e4chtig am Boden, der R\u00e4tscher wirbelte taumelnd im Kreis, der Gei\u00dfbub w\u00e4lzte sich, mit Todesschwei\u00df bedeckt, in epileptischen Kr\u00e4mpfen, der Arme hatte sich des Guten zu viel zugemutet. In \u00e4hnlichem Zustand befanden sich die H\u00f6rer und noch mehr die H\u00f6rerinnen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einer klugen Amazon-Reaktion zu dem Buch entnehme ich, dass es sich dabei um eine Wagner-Parodie handelt. (Und der Barde Guffrud Kullur ist, stellt sich sp\u00e4ter heraus, niemand anders als Gottfried Keller, mit dessen Erlaubnis Vischer zwei seiner Gedichte etwas abgewandelt in die Pfahldorfkultur \u00fcbertragen hat &#8211; worauf sich Keller erbat, dass der Barde Kullur bei der Festschl\u00e4gerei nur ordentlich zulanden sollte.) Es folgt ein Schauspiel &#8222;Hu \u2013 hu -\u2013 brum \u2013 brum \u2013 hu \u2013 hu! oder Entbehrung ist Entb\u00e4rung, erfunden und in Szene gesetzt von Tanzmeister und Tanzdichter Hopp-Hoppodur&#8220;, und darauf wiederum das gro\u00dfes Festmahl. Das wird vor allem in Form einer ausf\u00fchrlichen Speisekarte vermittelt:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"510\" height=\"2748\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/vischer_menu.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-18388\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/vischer_menu.png 510w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/vischer_menu-28x150.png 28w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/vischer_menu-285x1536.png 285w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/vischer_menu-380x2048.png 380w\" sizes=\"auto, (max-width: 510px) 100vw, 510px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zumindest in der ersten Auflage war diese Speisekarte au\u00dferhalb der Seitenz\u00e4hlung, einseitig gedruckt und ausklappbar, soweit ich das von den mir zur Verf\u00fcgung stehenden Scans beurteilen kann &#8211; also vielleicht gar nicht eingebunden, sondern eingelegt? Im Anschluss an die Speisekarte folgen sieben Seiten Fu\u00dfnoten zu den Gerichten und \u00dcbersetzungen der Begriffe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Ist <em>Sinuhe der \u00c4gypter <\/em>ein versp\u00e4teter Pfahlbauroman? Da ist Fortschritt, wenn ich mich recht erinnere, auch ein zentrales Thema. Ist aber schon knapp vierzig Jahre her, dass ich das gelesen habe.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als N\u00e4chstes: Der zweite Band des Romans, der die Rahmenhandlung wieder aufnimmt. Ich habe schon geh\u00f6rt, dass der dann zumindest am Ende hin sehr fragmentarisch wird, also mal sehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(<a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/05\/friedrich-theodor-vischer-auch-einer-1879-teil-3.htm\">Epische Fortsetzung: hier.<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(5 Kommentare.) Fortsetzung von hier. Es geht in diesem Blogeintrag um die lange Binnenerz\u00e4hlung &#8222;Der Besuch. 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