{"id":18413,"date":"2021-05-28T06:43:06","date_gmt":"2021-05-28T04:43:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=18413"},"modified":"2023-05-16T08:54:14","modified_gmt":"2023-05-16T06:54:14","slug":"friedrich-theodor-vischer-auch-einer-1879-teil-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/05\/friedrich-theodor-vischer-auch-einer-1879-teil-3.htm","title":{"rendered":"Friedrich Theodor Vischer: Auch Einer (1879) \u2013 Teil 3"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/05\/friedrich-theodor-vischer-auch-einer-1879-teil-3.htm#comments'>4 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Fontanefan, wenn du das hier liest und noch nicht fertig mit der Lekt\u00fcre von <em>Auch Einer<\/em> bist: Es kommen Spoiler! Du wirst das Lesen dieses Blogeintrags vielleicht auf sp\u00e4ter verschieben wollen. (Aber ich sehe gerade, du bist auch schon in der zweiten H\u00e4lfte.)<\/strong> Alle anderen: das wird hier etwas l\u00e4nger.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(<a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/05\/friedrich-theodor-vischer-auch-einer-1879-teil-2.htm\">Fortsetzung von hier.<\/a>) Der urspr\u00fcngliche Band 1 bestand aus einem knappen Drittel heiterer Rahmenerz\u00e4hlung, gefolgt von gut zwei Dritteln heiterem Steinzeitroman. Auch der urspr\u00fcngliche Band 2 besteht aus einem knappen Drittel Rahmen- und zwei Dritteln Binnenerz\u00e4hlung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Erz\u00e4hler und Herausgeber st\u00f6\u00dft auf die Spur des unbekannten A.E. &#8211; er sieht ihn an einem Bahnhof abreisen, wobei A.E. typischerweise seinen Mantel zerrei\u00dft und seine Brieftasche verliert, die der Erz\u00e4hler aufhebt und ihm nachsendet. Nur wenige Tage sp\u00e4ter reist der Erz\u00e4hler zu ihm und will ihn besuchen &#8211; aber kurz davor ist A.E. gestorben. &#8222;Tod durch einen Messerstich im Streite mit einem rohen Fuhrmann.&#8220; Seine letzten Worte galten einem unbekannten &#8222;Erik&#8220; und einer weiteren Person.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das kam dann doch erst einmal unerwartet. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei A.E.s Wirtschafterin, seinem Stammtisch und einem befreundeten Assessor erf\u00e4hrt der Erz\u00e4hler Einzelheiten aus dem Leben von A.E. \u2014 &#8222;Albert Einhart&#8220; mit Namen, also war das urspr\u00fcngliche &#8222;A.E.&#8220; f\u00fcr &#8222;Auch Einer&#8220; ein Scherz des Herausgebers. Dieses Leben war durchaus konfliktreich, voller Skurillit\u00e4ten und Scheitern, Sich-selbst-im-Weg-stehen. Ein Abschnitt in seinem Leben scheint besonders dunkel gewesen zu sein; auch die Wirtschafterin wei\u00df keine Details.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;In diesem Leben mu\u00dfte ein Sturm gew\u00fcthet haben, dessen Gewalt wir wohl kaum ahnten; rettendes, himmlisches Licht mu\u00dfte dann erschienen, aber irgend ein Schmerz nachgeblieben sein, der einen Wolkenschleier von Wehmut um die Lichterscheinung legte.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das \u00f6ffentliche Leben von Albert Einhart sah so aus: <\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Bestellung zum Vogt (Vorsteher einer \u00fcbergeordneten Polizeibeh\u00f6rde)<\/li><li>erfolgreiche, aber nicht ganz problemlose Karriere (weder Freund der Revolution von 1848 noch zufrieden mit den reaktion\u00e4ren Jahren darauf)<\/li><li>Arzt empfiehlt eine Reise in den S\u00fcden, da will A.E. auch hin, aber erst einmal nach Norwegen<\/li><li>die Reise nach Norwegen, auf der irgendetwas Dunkles passiert ist; zur Italienreise danach kommt es nicht mehr<\/li><li>unmittelbar danach Verwundung in Schleswig-Holstein im Deutsch-D\u00e4nischen Krieg 1864<\/li><li>gew\u00e4hlter Abgeordneter in der &#8222;Kammer&#8220; &#8211; die Bundesversammlung des Deutschen Bundes? Er scheitert grandios.<\/li><li>Sp\u00e4tsommer 1865: A.E. reist nach Italien \u00fcber die Schweiz, wo er den Erz\u00e4hler trifft; dort spielt die Rahmenhandlung des ersten Bandes<\/li><li>Fr\u00fchling 1866: A.E. wiederholt einen Teil der Schweiz-Reise und schaut nach den Leuten, die ihm damals begegneten<\/li><li>Teilnahme an der Schlacht von K\u00f6niggr\u00e4tz Juli 1866<\/li><li>zieht wieder in Krieg, der letzte Tagebucheintrag gilt der Schlacht von Sedan September 1870<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im literarischen Nachlass von A.E., den der Erz\u00e4hler verwalten soll, finden sich &#8211; neben zwei Fotografien verschiedener Frauen, die f\u00fcr A.E. wohl von gro\u00dfer Wichtigkeit waren &#8211; etliche Dokumente, deren umfangreichstes und letztes den Hauptteil des Romans ausmacht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Nachlass 1: System des harmonischen Weltalls.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon aus Band 1 wissen wir, dass A.E. gerne System aufstellt. Mit diesem hier versucht er die T\u00fccke des Objekts zu klassifizieren (der Begriff taucht selber nur zweimal im ganzen Roman auf), ein Projekt des Wahnsinns, wie der Erz\u00e4hler kommentiert:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Ich entfalte sie und meinem Auge zeigt sich ein Chaos von Linien auf dem einen, ein noch gr\u00f6\u00dferes von Linien und Farben auf dem andern. In den Feldern dieser krausen Netze stand Schrift in verschiedenen Richtungen gef\u00fchrt, wie solche durch die eintheilenden Linien gegeben waren: senkrecht, wagrecht und \u00fcber&#8217;s Kreuz in Diagonalen. Beide m\u00fchsamen Kunstwerke waren unvollendet, man sah ein St\u00fcck ausgef\u00fchrt, daneben auf derselben Fl\u00e4che Versuche, andere Theilungslinien zu f\u00fchren, die verworrener und verworrener wurden und schlie\u00dflich erkennen lie\u00dfen, da\u00df der K\u00fcnstler nicht weiter wu\u00dfte, stecken blieb, erlag. Kleinere Bl\u00e4tter lagen dabei, auf<br>denen der Ungl\u00fcckliche es mit wiederholten neuen Anordnungsentw\u00fcrfen versucht und einzelne Anmerkungen niedergeschrieben hatte.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich f\u00fchle mich erinnerte an Verschw\u00f6rungsspinner, wie man sie aus dem Film kennt, mit Zeitungsartikeln und Fotos an eine Wand gepinnt, bunte F\u00e4den dazwischen gespannt. Und ja, Farbcodierung benutzt A.E. auch. Aber ganz scheint er dem Wahnsinn nicht verfallen zu sein, es ist mehr eine, hm, heftige Marotte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Nachlass 2: Fragment einer Singtrag\u00f6die<\/h3>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Szene 3. Park.<br>Personen:<br>Eine Pf\u00fctze.<br>Ein H\u00fchnerauge.<br>Arie mit einem gewissen klebrigen Etwas in der Tonf\u00e4rbung vorgetragen von der Pf\u00fctze, entsprechend von Instrumenten begleitet.<br><br>Ein wei\u00dflicher Punkt schwebt herbei; derselbe erweist sich, n\u00e4her sichtbar, als H\u00fchnerauge (\u00e4u\u00dferst giftiger Blick und Gesammtausdruck). Arie: hornig harter, friktiv brennender Ton. Text offenbart teuflische Absichten.<br><br>Verschw\u00f6rungsduett zwischen Beiden.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pf\u00fctze und H\u00fchnerauge haben sich gegen Hilario verschworen. Der &#8222;tritt auf, heiter gespannt, das H\u00fchnerauge schwebt, einen feurigen Faden durch die Luft ziehend, nach ihm hin, verschwindet in seinem Lackstiefel. Er winselt, hinkt, f\u00e4llt in die Pf\u00fctze, wird sehr dreckig. In diesem Augenblick erscheint Adelaide. Lacht sehr, verh\u00f6hnt ihn bitterlich. Beide ab.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Verspotten durch eine Frau ist ein Motiv, das sp\u00e4ter noch einmal erscheinen wird, daher erw\u00e4hne ich das hier.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Nachlass 3: Korrektur eines (fremden) Romans<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Nachlass finden sich einige gedruckte Bl\u00e4tter, Teile eines Romans, &#8222;dessen Styl und Inhalt weiblichen Ursprung erkennen lie\u00df&#8220;, die A.E. mit Korrekturbemerkungen versehen hat. Die Anmkungen offenbaren A.E.s pessimistisches Weltbild. Es beginnt mit einer Reise:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die Koffer waren gepackt \u2014<br>Anmerkung: bis auf einen, den Hauptkoffer, wozu der Schl\u00fcssel verlegt war \u2014<br>Die Droschke war bestellt \u2014<br>Anm.: und kam nicht. Endlich steigen wir in den Wagen \u2014<br>Anm.: wobei der Onkel fehltrat und umfiel \u2014 <br>Wir sitzen, das Dampfro\u00df schnaubt, die R\u00e4der beginnen zu rollen \u2014<br>Anm.: das Handgep\u00e4ck f\u00e4llt aus dem Netzfach und treibt dem Onkel den Hut an.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als die Anmerkungen \u00fcberhand nehmen, so vermutet der Erz\u00e4hler, hat A.E. das Projekt aufgegeben.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zwischenspiel<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein paar Jahre nach dem Tod von A.E. reist der Erz\u00e4hler wieder in die Schweiz, auf den Spuren der Reise aus dem Romananfang, auf der die beiden sich kennengelernt haben. Dort erf\u00e4hrt er, dass auch A.E. einen Teil der Reise wiederholt hat, er trifft erneut Gestalten aus ihren gemeinsamen Erlebnissen, die sich noch gut an A.E. erinnern, teilweise auch an dessen zweiten Aufenthalt. Vor allem trifft der Erz\u00e4hler auf einen Herrn Mac-Carmon, ein Schotte; A.E. und Erz\u00e4hler waren ihm bereits im ersten Band begegnet &#8211; ihm und seinen zwei Enkeln, damals war auch seine verwitwete Tochter dabei. Diese Episode im Wirtshaus zu B\u00fcrgeln habe ich in meiner Inhaltsangabe zur Rahmenhandlung des ersten Bandes ausgelassen, weil sie mir nicht wichtig genug schien. Oho, da habe ich geirrt, stelt sicher heraus, bis in die Details, und gut gemacht hat das der Friedrich heodor Vischer. Beim Lesen hat man da ja noch keine Ahnung, dass es sp\u00e4ter ein Geheimnis zu entr\u00e4tseln gilt. &#8211; MacCarmons Tochter ist inzwischen auch gestorben und in Italien begraben, von wo Mac-Carmon gerade zur\u00fcck nach Schottland reist. Von MacCarmon erf\u00e4hrt der Erz\u00e4hler, dass er A.E. schon damals bereits l\u00e4nger kannte, und der Erz\u00e4hler erh\u00e4lt wichtige Informationen zu einer Episode im Leben A.E., die in den Tageb\u00fcchern fehlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun folgt der Hauptteil des dritten Bandes, das Tagebuch von A.E., erg\u00e4nzt um die Episode, die Mac-Carmon dem Erz\u00e4hler vermittelt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erst im Nachhinein wurde mir das geschickte Setting richtig klar: Eine dunkle Episode in Norwegen, der Schotte, zwei Frauen-Bilder, Genie und Wahnsinn &#8211; welches geheime Leben mag A.E. gef\u00fchrt haben? Wir erwarten voller Spannung die Aufkl\u00e4rung in den Tageb\u00fcchern.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Nachlass 4: Das Tagebuch<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Spannung f\u00e4llt dann aber steil ab. Eine ganze Weile lang besteht das Tagebuch aus mehr oder weniger launigen Notizen und Geistreicheleien, wie man sie heute vielleicht twittern w\u00fcrde. Daneben bekommen wir, bruchst\u00fcckhaft, die inneren Eindr\u00fccke zu der von A.E.s Hauswirtschafterin vermittelten \u00e4u\u00dferen Handlung, die wir ja bereits kennen, und ohne die wir aus den Fragmenten nicht immmer schlau w\u00fcrden. Das wird fast ein bisschen erm\u00fcdend, wenn man sich nur m\u00e4\u00dfig f\u00fcr kunsttheoretische und \u00e4hnliche Betrachtungen interessiert. Und dann rutscht man, die Norwegenreise hat begonnen, in ein Drama um Liebe, Eifersucht, Tod und Totschlag und Leichensch\u00e4ndung, bevor, nach Norwegen, der lange Rest des Tagebuchs fast (aber nur fast) wieder aus Kunstgeschichte, Alltag und Kleinkram besteht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bitte was? Ist das ein Experiment? Denn die Wirkung beim Lesen ist schon interessant: Lang passiert nichts, dann nebenbei arg Dramatisches, dann wieder nichts, und weiter nichts. Hallo? Vermutlich entgeht mir einfach den Wert der Gedanken, da ich mich in der \u00c4sthetiktheorie der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht auskenne und sie mich nicht interessiert. Oder ist das wie bei Jorge Luis Borges, der irgendwo auch mal beklagt hat, glaube ich, aber vielleicht kommt die Idee auch anderswo her und ist nur etwas, das ich von Borges erwarte &#8211; beklagt hat, erinnere ich, dass man beim Lesen eines Romans ja schon immer absehen k\u00f6nne, wann das Buch zu Ende sei, allein schon anhand der verbleibenden Seiten, deren B\u00fcndel immer d\u00fcnner wird. Und das beeinflusse nat\u00fcrlich die Erwartungen. Ob man dem nicht entgegenwirken k\u00f6nne, indem man einfach ans Ende der Handlung noch viele F\u00fcllseiten anh\u00e4ngen k\u00f6nnte, um so die Lesererwartungen zu foppen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Norwegen-Episode: <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">A.E. verliebt sich in eine Frau (blond, skandinavisch-germanisch mit griechischer Bildung), die einen v\u00e4terlichen Freund und einen jugendlichen Verehrer hat. Auf beide ist A.E. eifers\u00fcchtig, teilweise wahnsinnig eifers\u00fcchtig. &#8222;Tr\u00e4ume voll Todesangst &#8211; ich bin vergeistert, wohne im Reich der D\u00e4monen.&#8220; Es kommt zu K\u00fcssen, aber auch zu Spott. &#8222;Mein Gehirn siedet, &#8211; es rieselt mir so oben her\u00fcber &#8211; Schatten, Wolken &#8211; auch der triefende Schwei\u00df zur\u00fcckgetreten, in dem ich von ihr fortst\u00fcrzte &#8211; hinaus in den Sturmwind &#8211; verk\u00e4ltet in&#8217;s Mark hinein &#8211; b\u00f6se, b\u00f6se Mischung -&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der junge Verehrer stirbt, die Frau kehrt zu A.E. zur\u00fcck. Dass die Liebesbeziehung nicht nur platonisch ist, wird angedeutet: &#8222;Diese Nacht, wie ich so die Schlummernde, Hingegossene beschaute&#8220;. Aber irgendetwas geht schief, wir erfahren es nicht genau &#8211; A.E. gr\u00e4bt die Leiche des Verehrers aus, um sie noch einmal zu t\u00f6ten; konfrontiert dann die Geliebte, der andere Verehrer ist wohl auch da und wird ins Wasser gesto\u00dfen, A.E. wirft den Dolch der Geliebten an den Kopf. Die kriegt nur einen Kratzer, will weder Polizei noch Aufsehen. Sie stirbt eine kurze Weile sp\u00e4ter an Blutvergiftung. A.E. wird noch zuvor von dem zuf\u00e4llig Zeuge werdenden Arzt Erik vom Ort des Geschehens (Drontheim) entfernt (nach Christiania), es dauert eine Weile, bis er gesundet. Der Arzt hat eine frisch angetraute Braut, Cordelia, die A.E. w\u00e4hrend dessen Rekonvaleszenz pflegt &#8211; es ist die zweite Frau in A.E.s Leben (italienisch-schottischer Herkunft), und eben genau Mac-Carmons Tochter. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der Norwegen-Episode:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wieder miszellenhafte Gedanken: zur scherzhaftern Mythologie der Teufel, die im Objekt stecken; zu Politik, \u00c4sthetik, Kunstgeschichte; Reisegedanken; Skizzen zu Erz\u00e4hlungen; \u00dcberlegungen zur Nationalstaatwerdung Deutschlands und Italiens; ganz fl\u00fcchtige Erinnerungen an Schlachten; Gedanken \u00fcber das Wesen der Frau und die beste Art Frau f\u00fcr einen Philosophen; Notizen aus dem beruflichen Alltag; Episoden, die wir schon aus dem Erz\u00e4hlrahmen aus Au\u00dfensicht kennen; Selbstbemitleidung und Selbstreflexion (&#8222;Sehr oft h\u00e4lt man mich dann auch f\u00fcr betrunken&#8220;). Also F\u00fcllmaterial? A.E. spielt mit dem Gedanken, die urspr\u00fcnglich f\u00fcr die Zeit nach Norwegen geplante Italienreise doch anzutreten &#8211; auch in der vagen Hoffnung und Angst davor, auf Cordelias Spuren zu sto\u00dfen, deren Mutter aus Umbrien stammt. Das Paar Erik und Cordelia k\u00f6nnte ja gleichfalls dort sein &#8211; eine vage Vermutung. Erst einmal wird aber nichts aus dem Plan; es reicht nur f\u00fcr eine Dienstreise nach Schwaben und einen ersten Abstecher in die Schweiz. Beruflich ist A.E. wieder erfolgreich, vor der \u00dcbernahme eines neuen Amts in einer gr\u00f6\u00dferen Kreisstadt erh\u00e4lt er Urlaub, und auch der Arzt r\u00e4t zu einer Reise ins Warme &#8211; eigentlich Kairo, l\u00e4sst sich aber auf Italien herunterhandeln. Erste Ideen zu einer Pfahldorfgeschichte, dann endlich: Italien! <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Comer See, Gardasee, Verona, Bologna, Florenz &#8211; und nur ganz, ganz gelegentlich, sp\u00e4rlich, eine Seitenbemerkung, die zeigt, dass er wohl doch permanent an Cordelia denkt. Perugia, Heimatstadt ihrer Mutter. &#8222;Das Elternhaus ihrer Mutter erfragt, auch erfahren, da\u00df noch eine Muhme lebt, in Assisi verheirathet. Hin\u00fcber!&#8220; &#8222;Die Tante gefunden, gesprochen.&#8220; Das hat schon etwas von Stalking. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu Erik und Cordelia h\u00e4lt er ein wenig Kontakt \u00fcber seltene Briefe, erf\u00e4hrt &#8211; jetzt wieder in Deutschland &#8211; von Eriks Tod. Es f\u00e4llt A.E. schwer, die richtigen Worte zu finden: &#8222;Ja, aber da\u00df in jeden Brief etwas hinein will, &#8211; was doch nicht darf, nicht soll &#8211; davon darf kein Hauch &#8211; Sie wird wohl errathen, aber &#8211; o Kn\u00e4uel von Verflechtung!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur\u00fcck in Deutschland wird er in die Abgeordnetenkammer gew\u00e4hlt und scheitert grandios mit einer Rede, die man &#8211; inzwischen &#8211; vielleicht als eine Art Nervenzusammenbruch auf offener B\u00fchne betrachten kann. Wieder r\u00e4t man ihm zu einer Reise in den S\u00fcden,  und auf dem Weg dorthin, in der Schweiz, taucht zum ersten Mal der Erz\u00e4hler im Tagebuch auf. Es ist die Episode, als A.E. in der Felswand seine Probleme in den Sturm schreit, von mir im ersten Blogeintrag als Schl\u00fcsselszene interpretiert. Dort versucht der Erz\u00e4hler A.E. zu retten, ger\u00e4t dabei selbst in Gefahr und wird seinerseits von A.E. gerettet. (Aus der Innensicht erh\u00e4lt diese Episode etwas mehr Todessehnsucht als zuvor.) &#8222;Immerhin ordentlicher Mensch das, hat&#8217;s recht vern\u00fcnftig mitgemacht. Nur komisch, da\u00df er wissen und seinerseits angeben zu wollen schien.&#8220; Ohne Kenntnis der Au\u00dfensicht bliebe das kryptisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit keiner Silbe erw\u00e4hnt das Tagebuch die &#8211; peinlich endende &#8211; Begegnung mit der verwitweten Cordelia, ihren Kindern, ihrem Vater Mac-Corman in B\u00fcrglen. Erw\u00e4hnt wird allerdings Bellinzona, wo er sie im Reisewagen sieht, ihnen aber ausweicht. \u00c4hnlich in Assissi: &#8222;Nacheilen? Halt, nein! Hinab, fort in&#8217;s Thal, \u2014 sie darf mich nicht entdecken. Mu\u00df ihr&#8217;s ersparen.&#8220; Er versteckt sich, obwohl man ihn zu suchen scheint. Sp\u00e4ter reut ihn das dann: &#8222;Warum f\u00e4hrt es manchmal wie ein Blitz in mir auf: gleich wieder fort und hin!? Hast Wahnsinn begangen dort in Assisi! Das einzige Gl\u00fcck f\u00fcr dein gebrochenes Leben &#8211; Nein, nein, so spricht nur der alte Adam in mir! Besser so, es bleibe des Schmerzes Reinheit!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Sizilien erf\u00e4hrt er \u2013 nach einem infernalischen Alptraum &#8211; von der schweren Erkrankung Cordelias. Er eilt zu ihr \u2013 Neapel, Rom, Perugia, Assissi \u2013 sie liegt im Sterben, die beiden verabschieden sich; A.E. sieht ihren toten Gatten Erik als Vision &#8222;freundlich nicken&#8220; und schreibt als letzten Prosa-Eintrag im Tagebuch: &#8222;Ja, ja, nun wei\u00df ich meinen Weg. -&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir erfahren nichts \u00fcber diesen Weg. Irgendwann, mindestens f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter, stirbt A.E., ohne dass sich sein Leben merklich ge\u00e4ndert hat. Seine letzten Worte gelten Erik und Cordelia.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist A.E. Verschw\u00f6rungsspinner, Incel, Stalker? Auf jeden Fall eine gequ\u00e4lte Seele:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Wie geht es denn nun aber Anderen? Machen sie denn keine oder gar so viel weniger Fehler? Oder machen sie ebensoviele, werden sich aber nachher nicht durchsichtig, haben eine Seele von dickem Juchtenleder? &#8211; Oder werden sich durchsichtig, sch\u00fctteln aber die Last des innern Vorwurfes federleicht ab? Geht doch kaum! Warum m\u00fcssen sie denn also nicht auch schreien wie ich?&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fazit: Ein kurioser Roman, mit L\u00e4ngen. Aber die L\u00e4ngen spielen vielleicht eine Rolle. Es ist ein Buch, von dem ich mir vorstellen kann, dass ich es in zehn Jahren noch einmal lese.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group has-background\" style=\"background-color:#d0dfec\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fu\u00dfnote am Ende: Zweimal nur taucht &#8222;T\u00fccke des Objekts&#8220; in diesem Roman auf und ist doch sprichwortlich geworden. Wie sieht es mit des Deutschen Angst vor Zugluft und der unvermeidlich daraus folgenden Erk\u00e4ltung aus? War die damals verbreitet und Vischer greift sie nur auf &#8211; oder ist er am Ende daf\u00fcr mi verantwortlich? A.E. hat das ganze Buch \u00fcber Angst vor Erk\u00e4ltung, sieht sie als pers\u00f6nlichen Feind an, sieht Begr\u00e4bnisse und Theaterbesuche nur als M\u00f6glichkeit, ich zu erk\u00e4lten:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Allerdings ist es eben auch so eine Sache mit den Lokalen f\u00fcr den Kultus. Gebildete Pers\u00f6nlichkeiten pflegen sich da zu verk\u00e4lten. In bitterem Ernste: kommt uns je ein Retter aus obiger Noth, so denke ich mir gern, er werde zuerst als Erfinder auftreten, der eine urwohlth\u00e4tige Grundlage f\u00fcr die Stimmung herstellt: Luft in geschlossenem Raum und doch kein Zug! Wer diese Aufgabe l\u00f6st, wird einer der gr\u00f6\u00dften Wohlth\u00e4ter der Menschheit sein. Ist die\u00df erst entdeckt, so werden die Menschen milder, launenloser, klarer, gem\u00fcthsfreier, sie werden besser, sie werden edler werden. Ja, damit wird der erhoffte Reformator beginnen, auf diesem Grunde wird er aufbauen!&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(4 Kommentare.) Fontanefan, wenn du das hier liest und noch nicht fertig mit der Lekt\u00fcre von Auch Einer bist: Es kommen Spoiler! Du wirst das Lesen dieses Blogeintrags vielleicht auf sp\u00e4ter verschieben wollen. (Aber ich sehe gerade, du bist auch schon in der zweiten H\u00e4lfte.) Alle anderen: das wird hier etwas l\u00e4nger. (Fortsetzung von hier.) [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[224,263],"class_list":["post-18413","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-buecher","tag-poetischer-realismus"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_likes_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18413","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18413"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18413\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18605,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18413\/revisions\/18605"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18413"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18413"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18413"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}