{"id":18500,"date":"2021-05-20T17:32:24","date_gmt":"2021-05-20T15:32:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=18500"},"modified":"2021-08-07T13:28:18","modified_gmt":"2021-08-07T11:28:18","slug":"harold-pinter-last-to-go-phatische-sprechakte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/05\/harold-pinter-last-to-go-phatische-sprechakte.htm","title":{"rendered":"Harold Pinter, Last to go &#038; Phatische Sprechakte"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/05\/harold-pinter-last-to-go-phatische-sprechakte.htm#comments'>2 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Manchmal, wenn ich daran denke, mache ich in der Englisch-Oberstufe den Sketch &#8222;Last to go&#8220; von Harold Pinter aus dem Jahr 1959. Er ist kurz, nur zwei Seiten lang, mit zwei Personen: Ein Verk\u00e4ufer hinter einer Kaffeetheke, irgendwo in London, und ein Zeitungsverk\u00e4ufer, der dort seinen Tee trinkt, nachdem er die letzte Zeitung des Tages verkauft hat.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen ist der Text erst einmal irritierend: Die beiden reden anscheinend \u00fcber nichts, nicht einmal \u00fcber das Wetter. Nur so: &#8222;Eben die letzte Zeitung verkauft.&#8220; &#8222;So, so, die letzte Zeitung.&#8220; &#8222;Ja, war die letzte heute.&#8220; Viele Wiederholungen, und das \u00fcber zwei Seiten, mit viel Pausen-Regieanweisungen dazwischen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufs zweite Lesen entdeckt man die Redekonventionen: Rhetorische Fragen, <em>question tags,<\/em> immer dem Gegen\u00fcber Recht geben. Eine Art dramatischen H\u00f6hepunkt gibt es dann aber doch, als es um einen George geht, einen gemeinsamen Bekannten, dessen Nachname keinem mehr einf\u00e4llt, bei dem sie vielleicht an verschiedene Menschen denken, und der auch \u00fcberhaupt keine Rolle spielt &#8211; wie eine Bombe platzt da ein Widersprechen hinein: &#8222;Nein, der hatte doch keine Arthritis!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine zweite Stelle ist die, die laut Pinter den gr\u00f6\u00dften Lacher bei der Auff\u00fchrung gibt. Die zu finden und das nachzuvollziehen ist f\u00fcr die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler gar nicht so leicht. Aber beim anschlie\u00dfenden Lesen in Paaren geht es dann doch. Die Vorgabe: Die Pausen einhalten, zus\u00e4tzliche Pausen an passenden Stellen machen, und die Pausen so lange aushalten, wie man sie dem Publikum gerade noch zutraut. Das wird dann schon automatisch recht komisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich bin ich nicht der erste, der mit dieser dramatischen Szene arbeitet. Im Web gibt es etliche Fundstellen f\u00fcr Verwendung im Unterricht, und ich kenne den Text ja selber aus einem alten Englischbuch &#8211; elfte Klasse, fr\u00fche 1980er Jahre? Ich habe es leider nicht mehr und war nur im Referendariat dar\u00fcber gestolpert und habe nur noch die &#8211; viel zu hastige &#8211; begleitende Schulbuch-Audioaufnahme dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Bekannt wurde die Szene wohl auch durch die ausf\u00fchrliche Analyse &#8222;Pinter&#8217;s Last to Go: A Structuralist Reading&#8220; von David Lodge, die man in \u00fcberarbeiteter Form in seiner Sammlung <em>The Practice of Writing<\/em> finden kann. Pinter selbst habe dar\u00fcber wohl nur verwundert den Kopf gesch\u00fcttelt: &#8222;I couldn&#8217;t believe it &#8230; It&#8217;s only a sketch.&#8220; &#8211; David Lodge wendet darin das Kommunikationsmodell von Roman Jakobson auf die Szene an. Das ist eine Weiterentwicklung des Organon-Modells von Karl B\u00fchler, das seinerseits auf Platon zur\u00fcckgeht, und auf dem andererseits auch das bei uns bekanntere Modell von Schulz von Thun beruht, in das noch etwas Watzlawik eingeflossen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Schulz von Thun bin ich nie so recht warm geworden. Ich habe mich allerdings auch nicht gr\u00fcndlich mit dem Modell besch\u00e4ftigt und kenne eigentlich nur die Schulbuchversionen. Neu und wichtig dabei scheint mir vor allem zu sein, dass man als Senderin vielleicht den einen Aspekt betonen will, als Empf\u00e4ngerin aber einen anderen Aspekt mehr wahrnimmt &#8211; eine Quelle f\u00fcr Missverst\u00e4ndnisse. Im Modell gibt es Sachaspekt, Appellcharakter, Selbstoffenbarungs- und Beziehungsebene, auch wenn ich die nicht immer gut trennen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Roman Jakobson gibt es ebenfalls verschiedene Aspekte:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><em>referential<\/em> (entspricht etwa dem Sachaspekt, das Reden \u00fcber Dinge mit der Absicht, \u00fcber Dinge zu reden)<\/li><li><em>emotive <\/em>(Schwerpunkt Sender: Selbstoffenbarung)<\/li><li><em>conative <\/em>(Schwerpunkt Empf\u00e4nger: Appell)<\/li><li><em>metalingual<\/em> und <em>poetic <\/em>und (Schwerpunkt Code und die Nachricht selber; lassen wir erst einmal so stehen) <\/li><li><em>phatic <\/em>(mit dem Nachrichtenkanal, der Verbindung als Schwerpunkt)<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Die letzten drei Funktionen fehlen bei Schulz von Thun, daf\u00fcr hat der die Beziehungsebene.<\/p>\n\n\n\n<p>Lodge geht Zeile f\u00fcr Zeile die ganze Szene durch und analysiert jeder \u00c4u\u00dferung hinsichtlich des Sprechakts. Am Ende kommt heraus: viele der \u00c4u\u00dferungen sehen vielleicht <em>referential<\/em> aus, sind aber tats\u00e4chlich vor allem <em>phatic<\/em> &#8211; sie dienen nur dazu, den Kommunikationskanal zu bedienen und offen zu halten. So wie &#8222;roger&#8220; und &#8222;over&#8220; beim Funk, wie gelegentliches Gegrunze am Telefon, wie Gerhalt Polt vielleicht in &#8222;Net Vui&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Und diese phatischen Sprechakte sind schon wichtig. Das muss man&#8230; vielleicht auch erst lernen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf Twitter hie\u00df es mal, eine gute Lehrkraft stellt nie eine Frage an die Klasse, auf die sie schon die Antwort wei\u00df. Und da ist schon auch etwas dran, man sollte mal an sich \u00fcberpr\u00fcfen, wie und warum man Fragen stellt. Allerdings gilt das nur f\u00fcr die intuitiv-naive Vorstellung, Fragen und Antworten seien dazu da, Informationen auszutauschen. Das mit den Informationen, also der referentielle Aspekt (wobei das immer schwierig wird, sobald die referenzierten Objekte die beteiligten Personen sind), ist nur ein Aspekt der Kommunikation und oft nicht einmal der h\u00e4ufigste. Fragen dienen eben nicht nur dazu, sich eine fehlende Information zu besorgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(2 Kommentare.) Manchmal, wenn ich daran denke, mache ich in der Englisch-Oberstufe den Sketch &#8222;Last to go&#8220; von Harold Pinter aus dem Jahr 1959. 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