{"id":18908,"date":"2021-08-21T13:25:37","date_gmt":"2021-08-21T11:25:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=18908"},"modified":"2023-05-16T08:52:13","modified_gmt":"2023-05-16T06:52:13","slug":"jeremias-gotthelf-die-schwarze-spinne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/08\/jeremias-gotthelf-die-schwarze-spinne.htm","title":{"rendered":"Jeremias Gotthelf, Die schwarze Spinne"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/08\/jeremias-gotthelf-die-schwarze-spinne.htm#comments'>3 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Vermutlich habe ich diese Novelle zu meiner Studienzeit gelesen, als Sch\u00fcler sicher nicht. Von der Geschichte wusste ich schon lange, als Beispiel f\u00fcr phantastische Literatur (da hatte ich ja viel gelesen, auch Literaturgeschichtliches) oder als Fassung der modernen Wandersage von der aufplatzenden Beule, aus der lauter kleine Spinnen kommen. Dennoch hat sie mich beim ersten Lesen dann recht kalt gelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war jetzt anders: was f\u00fcr eine interessante Geschichte! Von wegen Horror &#8211; die ersten 20% sind reine Rahmenhandlung, und was f\u00fcr eine brave, sittsame, wohlgef\u00e4llige. Es geht um die Taufe eines Kindes, und da dreht es sich um zwei Dinge: erstens hat man vergessen, der Patin den Namen des zu taufenden Kindes zu sagen, und fragen darf sie nicht, weil, so der allgemeine Glaube, wenn die Patin nach dem Namen des Kindes fragt, wird es &#8222;zeitlebens neugierig&#8220;, und das gilt als schlecht. Das alles f\u00e4llt der Patin erst auf dem Weg zur Kirche ein, kreidewei\u00df ist sie. Geht aber doch gut aus; der Pfarrer wei\u00df den Namen auch. Und zweitens geht es ums Essen und Trinken: Was da nicht alles aufgefahren wird! Dreierlei K\u00fcchlein, &#8222;d\u00fcrre Bohnen und Kannenbirenschnitze, breiter Speck dazu und pr\u00e4chtige R\u00fcckenst\u00fccke, von dreizentnerigen Schweinen, so sch\u00f6n rot und wei\u00df und saftig&#8220;, &#8222;Voressen von Hirn, von Schaffleisch, saure Leber&#8220;, &#8222;eine sch\u00f6ne Fleischsuppe, mit Safran gef\u00e4rbt und gew\u00fcrzt&#8220;, so geht das Absatz um Absatz. Geflirtet wird auch ein bisschen, aber vor allem muss man sich zieren beim Essen, vor und nach der Kirche, als Ehrengast, aber auch so. Blo\u00df nie die erste sein, und nein, man sei schon satt, woraufhin dann Vorw\u00fcrfe, dass das Essen halt nicht gut genug sei, und dann halt doch noch eine Extratasse Kaffee, und das Spiel wiederholt sich bei jedem Gericht. &#8212; Fr\u00fcher langweilig, heute nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese biedere Rahmenhandlung stellt einen Kontrast dar zu den beiden verkn\u00fcpften Binnengeschichten, der eigentlichen Novellenhandlung. In der ersten, l\u00e4ngeren, die wohl um 1200 herum spielen mag, geht es um die fragw\u00fcrdigen Mitglieder eines Ritterordens, die auf der \u00f6rtlichen Burg hausen und deren Anf\u00fchrer den Dorfbewohner harte Fronarbeit abverlangt. Ein Schloss m\u00fcssen sie bauen, was auch unter gro\u00dfer M\u00fche gelingt, und dann sollen die Bauern auch noch 100 Buchen von weit weg nach oben verpflanzen, um einen sch\u00f6nen Spazierweg zu schaffen. Er droht mit furchtbaren Strafen f\u00fcr M\u00e4nner, Frauen und Kinder des Dorfes. So oder so bedeutet das den Ruin f\u00fcr alle. <\/p>\n\n\n\n<p>Da bietet der Teufel Hilfe an und verlangt nur ein ungetauftes Kind daf\u00fcr. Zuerst lehnen alle ab. Dann macht man sich ein bisschen Hoffnung, den Teufel werde man doch irgendwie betr\u00fcgen k\u00f6nnen; eine Christine letztlich, ohnehin etwas verrufen, sagt f\u00fcr alle zu, wird zur Besiegelung auf die Wange gek\u00fcsst &#8211; ohne direkt im Auftrag zu handeln, aber auch ohne sp\u00e4ter zu viel Widerspruch zu kassieren. Wird schon gutgehen. Und ja, der Teufel hilft, und ja, das n\u00e4chste geborene Kind wird rasch getauft, bevor es der Teufel holen kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf Christines Wange entsteht jetzt an der Stelle des Teufelskusses ein Mal, das immer gr\u00f6\u00dfer wird. Ist nichts, sagen die anderen. Eine weitere Frau wird schwanger, aber man sorgt sich nicht mehr gro\u00df darum: muss man halt schenll taufen, der Rest findet sich. Das Mal wird gr\u00f6\u00dfer, und eine gro\u00dfe, fette Spinne schaut halb &#8211; aber erst einmal nur halb &#8211; heraus. Die Leute meiden Christine, Christine leidet schreckliche Schmerzen, aber alle sagen nur so: Ja, dein Problem, <em>wir<\/em> haben das mit dem Teufel ja nicht ausgemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab da folgt eine lange Sequenz, die mit den besten Stellen bei Poe mithalten kann, dem von &#8222;Metzengerstein&#8220;. Das Kind wird geboren und rasch getauft:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Christine umkreiste vergeblich und machtlos das Haus. Von immer wilderer H\u00f6llenqual ergriffen, stie\u00df sie T\u00f6ne aus, die nicht T\u00f6nen glichen aus einer Menschenbrust; das Vieh schlotterte in den St\u00e4llen und riss von den Stricken, die Eichen im Walde rauschten auf, sich entsetzend.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Spinne im Gesicht schwillt an und gebiert unz\u00e4hlige weitere kleine Spinnen. Und wie eine Pest w\u00fcten die Spinnen, kriechen &#8222;\u00fcber das Vieh, das Futter, und was sie ber\u00fchrten, war vergiftet, und was lebendig war, begann zu toben, ward bald vom Tode gestreckt.&#8220; Und schon w\u00e4chst die n\u00e4chste Spinnenbrut in Christine heran. Die versammelten B\u00fcrger \u00fcberlegen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Nach und nach kamen aus den angstgepressten Kehlen abgebrochene Laute hervor, und wenn man sie zusammensetzte, so meinten sie gerade, was Christine meinte, aber kein einzelner hatte seine Einwilligung gegeben in ihren Rat.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Also ja, das n\u00e4chste Kind kriegt der Teufel, auch wenn es niemand so gesagt hat, dass man ihn verantwortlich daf\u00fcr machen k\u00f6nnte &#8211; au\u00dfer Christine. Als Vorgriff auf <em>Rosemary&#8217;s Baby<\/em> wei\u00df also jeder im Dorf, dass das Kind der n\u00e4chsten Schwangeren dem Teufel geh\u00f6ren wird, bis auf die Frau selber. Auch ihr Ehemann spielt mit. Als die Geburt naht, lauert das halbe Dorf um das H\u00e4uschen herum, der Ehemann holt den Pfarrer, geht aber betont langsam (au\u00dfer ein paar schnelle Schritte, wenn das Gewissen doch durchscheint) und hat es auch nicht eilig beim Pfarrer. Der Pfarrer, unter Blitz und Donner und kreidewei\u00df im Gesicht, k\u00e4mpft mit Christine, die das Kind zum Teufel bringen will, sie verwandelt sich sogar ganz in eine Spinne, aber der Pfarrer besiegt sie, das Kind wird getauft. (Pfarrer und Kind sterben bald darauf.) <\/p>\n\n\n\n<p>Und dann w\u00fctet die schwarze Spinne &#8211; &#8222;nie war eine Pest verheerender, nie eine Krankheit gr\u00e4sslicher gewesen&#8220;, um es mit Poes Worten vom Anfang der &#8222;Maske des roten Todes&#8220; zu sagen. Selbst die Ritter erliegen ihr; einer reitet aus und sucht nach der Spinne und findet sie doch nicht so, wie er es erwartet h\u00e4tte:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Da ritt er den Menschen zu, wollte Kunde einziehen, sie stunden ihm, bis er nahekam. Da schrien sie gr\u00e4sslich auf und flohen in Wald und Schlucht, denn auf des Ritters Helm sa\u00df schwarz, in \u00fcbernat\u00fcrlicher Gr\u00f6\u00dfe die Spinne und glotzte giftig und schadenfroh ins Land. Was er suchte, das trug der Ritter und wusste es nicht; in gl\u00fchendem Zorne rief und ritt er den Menschen nach, rief immer w\u00fctender, ritt immer toller, br\u00fcllte immer entsetzlicher, bis er und sein Ross \u00fcber eine Fluh hinab zu Tale st\u00fcrzten. Dort fand man Helm und Leib, und durch den Helm hindurch hatten die F\u00fc\u00dfe der Spinne sich gebrannt dem Ritter bis ins Gehirn hinein, den schrecklichsten Brand ihm dort entz\u00fcndet, bis er den Tod gefunden.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Es gelingt der Mutter des Kindes, unter Opferung ihres eigenen Lebens, die Spinne zu bannen, in einen Holzbalken zu sperren, mit einem Propfen zu verschlie\u00dfen. Und dieser Balken steht noch heute, ist Teil des Hauses geblieben; die Familie wacht dar\u00fcber. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine zweite, k\u00fcrzere Binnengeschichte erz\u00e4hlt, wie zweihundert Jahre darauf die Leute im Dorf wieder die Spinne herauslassen, weil sie nie mehr auf Religion und Tradition achten, &#8222;fremde Weiber&#8220; haben ihr Teil dazu beigetragen. Und wieder gelingt es jemandem aus der Familie, unter Opferung des eigenen Lebens die Spinne in den Balken zu sperren. Die Anwesenden, die diese Geschichten erz\u00e4hlt bekommen, gruselt es ein wenig, aber die Familie selbst f\u00fchlt sich sicher, selbst mit dem Balken im R\u00fccken, solange alle gottesf\u00fcrchtig bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie viel man aus der Geschichte herausholen kann! Novellenform und alten Sagenstoff, Au\u00dfenseiter und Gruppendenken, S\u00fcndenb\u00f6cke, Frauenrollen, Religion.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(3 Kommentare.) Vermutlich habe ich diese Novelle zu meiner Studienzeit gelesen, als Sch\u00fcler sicher nicht. Von der Geschichte wusste ich schon lange, als Beispiel f\u00fcr phantastische Literatur (da hatte ich ja viel gelesen, auch Literaturgeschichtliches) oder als Fassung der modernen Wandersage von der aufplatzenden Beule, aus der lauter kleine Spinnen kommen. 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