{"id":18943,"date":"2023-06-15T07:07:00","date_gmt":"2023-06-15T05:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=18943"},"modified":"2023-08-30T17:55:54","modified_gmt":"2023-08-30T15:55:54","slug":"erzaehltheorie-wo-ueberall-die-erzaehlinstanz-drinsteckt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2023\/06\/erzaehltheorie-wo-ueberall-die-erzaehlinstanz-drinsteckt.htm","title":{"rendered":"Erz\u00e4hltheorie: Wo \u00fcberall die Erz\u00e4hlinstanz drinsteckt"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2023\/06\/erzaehltheorie-wo-ueberall-die-erzaehlinstanz-drinsteckt.htm#comments'>12 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim Erz\u00e4hlen versichert uns eine Erz\u00e4hlistanz kraft ihrer Autorit\u00e4t, was Sache ist. Wenn da steht: &#8222;Jones came home at 10 o&#8217;clock&#8220;, dann war das so, dass Jones um zehn nach Hause kam. Wenn da steht: &#8222;The grandfather clock was striking ten when Jones reached home&#8220;, dann wird zwar nahegelegt, dass das um zehn Uhr war &#8211; aber tats\u00e4chlich ist nur sicher, dass die Uhr zehnmal geschlagen hat. Und vielleicht ging die Uhr ja falsch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den Texten, die einem in der Schule begegnen, spielen diese Feinheiten keine gro\u00dfe Rolle. Da drau\u00dfen aber schon. Die zwei Beispiels\u00e4tze oben stammen aus einem Aufsatz von Dorothy L. Sayers \u00fcber Kriminalgeschichten (&#8222;Aristotle on Detective Fiction&#8220;), und in diesen werden oft solche falschen F\u00e4hrten gelegt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Erz\u00e4hlautorit\u00e4t im Rollenspiel: Worauf man sich verlassen kann<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mitte der 1980er Jahre, Fantasy-Rollenspiel; lass es AD&amp;D gewesen sein. War Michael Leiter, gespielt wurde bei Alexander? Ich wei\u00df es nicht mehr. Jedenfalls beschrieb der Spielleiter den Platz, wo wir unser Lager aufschlagen wollten, mit sinngem\u00e4\u00df folgenden Worten: <em>Da ist ein Platz f\u00fcr euer Feuer, daneben sind ein Busch und zwei gro\u00dfe Steine.<\/em> Wir lagerten also, legten eine Feuerstelle an, und die zwei Steine erwachten und griffen uns an. Hat uns der Spielleiter belogen, war er fair? Denn es waren ja dann doch keine Steine gewesen, sondern irgendwelche AD&amp;D-Monster oder -Monsterpflanzen. H\u00e4tte er also sagen sollen: &#8222;Da sind zwei Objekte, die wie Steine aussehen&#8220;? Aber dann w\u00e4ren wir doch nie in die Falle getappt, es sei denn, er h\u00e4tte das jedesmal so gemacht: &#8222;Ihr seht etwas, das wie ein Wirtshaus aussieht. Das, was wie T\u00fcr \u00f6ffnet sich, und heraus kommt, was wie ein junger Bursche aussieht.&#8220; Das ist korrekter, aber nat\u00fcrlich unspielbar.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Doppelg\u00e4nger und andere falsche Identit\u00e4ten<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00c4hnlich ist es bei Doppelg\u00e4ngern, falscher Identit\u00e4t oder unerwartetem Geschlecht. Doppelg\u00e4nger gibt es bei den Doc-Savage-Abenteuern st\u00e4ndig. Aber Respekt: da h\u00e4lt der Autor das wirklich seitenweise durch, sich nicht zu einer vorschnellen Festlegung hinrei\u00dfen zu lassen und stattdessen zu schreiben: &#8222;Die hochgewachsene Gestalt&#8220;, &#8222;der Angesprochene&#8220;, &#8222;der H\u00fcne&#8220; hei\u00dft es da, und erst nach diesen Seiten erf\u00e4hrt man, ob das nun das Original ist oder die F\u00e4lschung. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcberhaupt, die Wahl des Prononomens &#8222;he\/she&#8220; &#8211; lehnt sich da nicht die Erz\u00e4hlinstanz bereits aus dem Fenster? Der schwarze Ritter, der sich \u00fcberraschend als Frau herausstellt (in diesem Fall: Leigh Brackett, <em>People of the Talisman)<\/em> &#8211; wird man da im Englischen die Benutzung des Pronomen &#8222;he&#8220; in der ersten H\u00e4lfte des Buches konsequent vermeiden k\u00f6nnen? In Naomi Novik, <em>Temeraire,<\/em> entpuppt sich eine Person, &#8222;one of the boys, sandy-haired and round-faced&#8220;, &#8222;a slim young boy, his voice not yet broken but tall for that age&#8220;, Pronomen: he\/him, bald darauf und f\u00fcr ge\u00fcbte Lesende wenig \u00fcberraschend als junge Frau, ab da she\/her.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Fokusperson<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tats\u00e4chlich sind nur Krimis und Rollenspielrunden manchmal besonders streng beim Erz\u00e4hlen. Meist ist die Erz\u00e4hlinstanz schon zuverl\u00e4ssig, auch wenn sie dabei zumindest in Details die <em>Sicht einer Figur<\/em> f\u00fcr sich heranzieht. Nach einem Modell w\u00fcrde man einfach sagen, das ist <em>Innenperspektive, <\/em>aber es geht in den Beispielen oben gar nicht so sehr um das, was eine Figur denkt oder f\u00fchlt, sondern ihren Wissenshorizont. <em>Limited third person<\/em> hei\u00dft das manchmal auch. Oder vielleicht passt <em>interne Fokalisierung<\/em> besser, aber so wie ich Genette verstehe, ist deren Extremform der innere Monolog, und das ist eigentlich gar nicht das, um das es mir geht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">James Joyce macht das in einer Kurzgeschichte so. Die Figur O&#8217;Connor sitzt in einem Zimmer, jemand kommt herein:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Someone opened the door of the room and called out:<br>\u201cHello! Is this a Freemasons\u2019 meeting?\u201d<br>\u201cWho\u2019s that?\u201d said the old man.<br>\u201cWhat are you doing in the dark?\u201d asked a voice.<br>\u201cIs that you, Hynes?\u201d asked Mr.&nbsp;O\u2019Connor.<br>\u201cYes. What are you doing in the dark?\u201d said Mr.&nbsp;Hynes, advancing into the light of the fire.<br>He was a tall, slender young man with a light brown moustache.<\/p>\n<cite> James Joyce, &#8222;Ivy Day in the Committee Room&#8220; <\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer die T\u00fcr aufmacht, das ist erst &#8222;a voice&#8220;, dann vermutet O&#8217;Connor, dass es sich um &#8222;Hynes&#8220; handelt, und erst ab dann wird der T\u00fcr\u00f6ffner &#8222;Mr. Hynes&#8220; genannt &#8211; nicht <em>die Gestalt, die aussah wie Mr. Hynes<\/em>, sondern regul\u00e4r &#8222;Mr. Hynes&#8220;, vor dem Wissenshorizont der Fokusperson O&#8217;Connor, und das l\u00e4sst immer noch die M\u00f6glichkeit offen, dass sich &#8222;Hynes&#8220; als Monster herausstellt, dass nur die Gestalt von Hynes angenommen hat. Bei anderen Autoren als Joyce kann so etwas ja durchaus vorkommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bald darauf wird die T\u00fcr noch einmal ge\u00f6ffnet, \u00e4hnliches Vorgehen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">A person resembling a poor clergyman or a poor actor appeared in the doorway. His black clothes were tightly buttoned on his short body and it was impossible to say whether he wore a clergyman\u2019s collar or a layman\u2019s, because the collar of his shabby frock-coat, the uncovered buttons of which reflected the candlelight, was turned up about his neck.<\/p>\n<cite>James Joyce, &#8222;Ivy Day in the Committee Room&#8220;<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erst ein paar Zeilen sp\u00e4ter wird die Gestalt als &#8222;Father Keon&#8220; erkannt und ab da so genannt. Wie eine Figur genannt wird, das h\u00e4ngt entweder vom Verh\u00e4ltnis der auktorialen Erz\u00e4hlinstanz zu der Figur ab, oder, heutzutage h\u00e4ufiger, von den anderen Personen um die Person herum. Und wenn sie alleine ist? Warum &#8222;Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Tr\u00e4umen erwachte&#8220; und nicht &#8222;Herr Samsa&#8220; oder nur &#8222;Gregor&#8220;, wie ab dann im Rest der Erz\u00e4hlung? Gilt als Regel: Beim ersten Mal die vollste Form des Namens, ab da eine von mehreren m\u00f6glichen, dann aber konsequent durchgehaltenen Kurzformen?  Ist der Butler im Krimi auch dann &#8222;Mortimer&#8220; und nicht &#8222;Mr. Mortimer&#8220;, wenn die Herrschaft nicht anwesend ist?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Als Beispiel, willk\u00fcrlich herausgegriffen, weil es aus anderen Gr\u00fcnden hier liegt (und bitte nicht die Fortsetzungen lesen), der Anfang eines Romans:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">From her arrival at the docks to the appearance of Roger&#8217;s letter, [&#8230;] three months had passed. On that morning, [&#8230;] Miss Temple had not seen Roger Bascombe for seven days.<\/p>\n<cite>G. W. Dahlquist, <em>The Glass Books of the Dream Eaters<\/em><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Zuerst &#8222;Roger&#8220;, weil die Fokusperson Miss Temple ihn so nennt, dann &#8222;Miss Temple&#8220;, weil die Erz\u00e4hlinstanz sie so nennt. (Und das das ganze Buch \u00fcber so halten wird; dass sich in dem Verh\u00e4ltnis Person-Erz\u00e4hlinstanz etwas \u00e4ndert, kommt wohl allenfalls bei auktorialem Erz\u00e4hlen vor.) Dann wieder &#8222;Roger Bascombe&#8220;, weil wieder etwas wegger\u00fcckt vom Miss-Temple-Fokus? Siehe Exkurs unten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Erz\u00e4hlinstanz in der gedruckten w\u00f6rtlichen Rede<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Selbst in der w\u00f6rtlichen Rede steckt die Erz\u00e4hlinstanz drin. Denn es ist ja bereits Interpretation und ben\u00f6tigt das Urteil einer auktorialen Autorit\u00e4t, um schriftlich festzuhalten, welche W\u00f6rter mit den Lauten, die aus dem Mund einer Figur kommen, eigentlich gemeint waren; man denke nur an Homophone. Ohne Erz\u00e4hlinstanz m\u00fcsste alle w\u00f6rtliche Rede Lautschrift sein. In mindestens einem Krimi wird das genutzt, dort hinterl\u00e4sst ein Mordopfer nur die sterbend vor einem Zeugen ausgesprochenen Worte, hier vom nicht-auktorialen Erz\u00e4hler festgehalten:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> <em>&#8222;Your gloves,&#8220;<\/em> he said distinctly &#8211; and then died.<\/p>\n<cite>John Dickson Carr, <em>Patrick Butler for the Defence, p. 19.<\/em><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende stellt sich heraus, dass er gar nicht Englisch, sondern Franz\u00f6sisch gesprochen und tats\u00e4chlich \u201eVos gants\u201c gesagt hat (S. 193), was ja auch wirklich &#8222;Ihre Handschuhe&#8220; hei\u00dft. Aber noch tats\u00e4chlicher hat er dann doch \/vo \u0261\u0251\u0303\/ gesagt, was schon als &#8222;vos gants&#8220; geh\u00f6rt werden kann, aber in Wirklichkeit der falsch ausgesprochene englische Nachname &#8222;Vaughan&#8220; war &#8211; ein Hinweis auf den T\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verh\u00f6rsituationen wie in <em>Sand<\/em> von Wolfgang Herrndorf, wo bis zum Schluss unklar bleibt, ob ein zentraler Satz nun lautet &#8222;Du Arsch, wenn er die Schiene funkentst\u00f6rt!&#8220; oder nicht, ebenso ob ein Pilot nun &#8222;Turbulenzen&#8220; oder &#8222;T\u00e4nzen&#8220; gesagt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Humoristisch verwendet wird das in Compton Mackenzie, <em>The Rival Monster<\/em>, wo jemand den englischen Dichter Spenser als Autorit\u00e4t f\u00fcr eine Rechtschreibfrage heranzieht. Das Gegen\u00fcber l\u00e4sst das nicht gelten, kennt Spenser aber auch nicht, was in der Rechtschreibung ausgedr\u00fcckt wird:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Spenser spelt it the way I do.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Then Spencer ought to have known better.&#8220;<\/p>\n<cite>Compton Mackenzie, <em>The Rival Monster<\/em> (Kapitel 7), in: <em>The Highland Omnibus<\/em> p. 587<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ebenfalls humoristisch bei Terry Pratchett, wo jemand gerade das Wort &#8222;quantum&#8220; erfindet, das von jemand anderem dann als &#8222;kwa-&#8220; ausgesprochen wird<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;It&#8217;d be a whole quantum leap in pyramidology,&#8220; said IIb, sitting back with a messianic grin on his face.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;It&#8217;d be a whole kwa-&#8222;&#8218; IIa began.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Quantum,&#8220; said IIb, savouring the word.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;It&#8217;d be a whole quantum leap in bankruptcy,&#8220; said IIa.<\/p>\n<cite>Terry Pratchett, <em>Pyramids,<\/em> p. 121<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00c4hnlich: &#8222;&#8218;Captain, you&#8217;ve lost me again. What are Devices and why do you pronounce the capital D?'&#8220; Terry Prachtett, <em>Thud!<\/em>, p. 282<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und noch eins aus Mark Twain, <em>The Adventures of Tom Sawyer,<\/em> wo Tom Angst hat, sich an &#8222;verdigrease&#8220;, korrekt: &#8222;verdigris&#8220; \/\u02c8v\u025d.d\u0259.\u0261\u0279is\/ zu vergiften. Es gibt sicher viele solcher Beispiele von, uh, Orthographie-Malapropismen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Regel scheint also zu sein, dass in Anf\u00fchrungszeichen das steht, was der Sprecher im Kopf hatte beim Sagen, auch wenn dabei eine falsche Vorstellung im Spiel ist. Innensicht auch in der w\u00f6rtlichen Rede. Ausnahmen sind aber das Vos-gants-Beispiel, und manchmal &#8211; viel zu selten &#8211; bleibt das \u00fcberhaupt unklar, etwa bei Herrndorf in <em>Sand <\/em> als eine Person fragt: &#8222;K\u00f6nnen Sie das l\u00f6sen?&#8220; und dann, weil unverstanden, wiederholt: &#8222;K\u00f6nnen Sie das lesen?&#8220; Versprecher? Verh\u00f6rer? Fiese Falle?<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Exkurs zu Namen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man m\u00f6chte eine Liste anfertig, wie die Hauptpersonen in erz\u00e4hlenden Werken von der Erz\u00e4hlinstanz genannt werden: Vorname, Vor- und Nachname, mit Anrede, wechselnd? Ich bl\u00e4ttere mal unsystematisch ein paar B\u00fccher durch, jeweils mit Personen, die \u00fcber solche modernen Namen verf\u00fcgen, ohne Ich-Erz\u00e4hlungen. Vermutlich unterscheidet sich das nach Genre, Epoche, Urpsrungssprache? Das gibt es vermutlich schon l\u00e4ngst irgendwo als Doktorarbeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>1. Nur Vorname<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Theodor Fontane, <em>Effi Briest<\/em>. Tats\u00e4chlich taucht &#8222;Effi Briest&#8220; nur zweimal auf, einmal bei der Verk\u00fcndigung ihrer Verlobung, einmal als Inschrift auf ihrer Grabst\u00e4tte. Auch &#8222;Effi von Instetten&#8220; erscheint nur einmal, und auch hier nur als Beschriftung einer Karte.<\/li>\n\n\n\n<li>Theodor Fontane, <em>Irrungen, Wirrungen.<\/em> <\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>1b. Bei Einf\u00fchrung einmal voller, danach nur Vorname <\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Kafka, &#8222;Die Verwandlung&#8220;<\/li>\n\n\n\n<li>Annette von Droste-H\u00fclshoff, &#8222;Die Judenbuche&#8220;<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>2. Nur Nachname<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Friedrich D\u00fcrrenmatt, <em>Der Richter und sein Henker<\/em>. Eingef\u00fchrt allerdings einmal mit &#8222;Kommiss\u00e4r B\u00e4rlach&#8220; in einer Zusammenfassung, vielleicht gibt es weitere F\u00e4lle, eventuell zu 2b verschieben.<\/li>\n\n\n\n<li>Gerhart Hauptmann, &#8222;Bahnw\u00e4rter Thiel&#8220;. Eingef\u00fchrt einmal als &#8222;Bahnw\u00e4rter Thiel&#8220;, eventuell zu 2b verschieben.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>2b. Bei Einf\u00fchrung einmal voller, danach nur Nachname <\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>E. T. A. Hoffmann, &#8222;Das Fr\u00e4ulein von Scuderi&#8220;<\/li>\n\n\n\n<li>Dashiell Hammett, <em>The Maltese Falcon<\/em><\/li>\n\n\n\n<li>Friedrich Ani, <em>S\u00fcden und das heimliche Leben<\/em><\/li>\n\n\n\n<li>Franz Kafka, <em>Der Prozess.<\/em> (Auch wenn der Nachname nur &#8222;K.&#8220; abgek\u00fcrzt wird.)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>3. Vor- und Nachname<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Jules Verne, <em>Die Reise um die Erde in 80 Tagen.<\/em> Oft aber auch &#8222;Herr Fogg&#8220; als h\u00f6fliche Anrede.<\/li>\n\n\n\n<li>Richard Matheson, <em>I Am Legend.<\/em> Gesch\u00e4tzt: 1\/3 &#8222;Robert Neville&#8220;, 2\/3 &#8222;Neville&#8220; allein. Ist der volle Name am Anfang von Abschnitten? Fr\u00fcher im Buch? Dazu br\u00e4uchte ich eine gute digitale Fassung und Zeit.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>4. Nachname mit h\u00f6flicher Anrede<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Alice Berend, <em>Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel<\/em>. &#8222;Herr Wenzel&#8220; und &#8222;Herr Sebastian Wenzel&#8220; wechseln sich ab, einmal allerdings habe ich auch &#8222;Sebastian Wenzel&#8220; gefunden. Nicht alle Kapitel \u00fcberpr\u00fcft.<\/li>\n\n\n\n<li>In H. G. Wells&#8216; <em>The History of Mr. Polly<\/em> ist nat\u00fcrlich immer von &#8222;Mr. Polly&#8220;  die Rede.<\/li>\n\n\n\n<li>James Joyce, &#8222;Ivy Day in the Committee Room&#8220;: stets &#8222;Mr. O&#8217;Connor&#8220;<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>5. Mit Adelstitel, akademischem Grad, Berufsbezeichnung oder milit\u00e4rischem Rang<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Hans Dominik, &#8222;Professor Belians Tagebuch.&#8220; Der Professor ist aber nicht die Hauptfigur, f\u00fcr alle anderen Personen gilt das Modell: einmal voller, dann nur Vorname. Hier m\u00fcsste man nach mehr Texten mit Dr., Prof., Captain suchen, ob die auch Hauptfigur sein k\u00f6nnen. Elphiston bei Jules Verne in etwa der H\u00e4lfte der F\u00e4lle &#8222;Major&#8220;. (Bei Ich-Erz\u00e4hlern: &#8222;Professor Lidenbrock&#8220; bei Jules Verne ist nur sehr selten &#8222;Otto Lidenbrock&#8220;, sonst Professor; &#8222;Challenger&#8220; ist bei Doyle nie &#8222;Professor Challenger&#8220;.)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>6. Ohne Namen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>James Joyce, &#8222;Eveline&#8220;: das ist nur von &#8222;she&#8220; die Rede. \u00c4hnlich weitere Geschichten in den <em>Dubliners<\/em>, anders aber auch in anderen Geschichten dort.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bezeichnet da jeweils die Erz\u00e4hlinstanz aus eigener Motivation heraus die Personen so, oder ist das jeweils die Anrede, die eine im aktuellen Fokus stehende Person verwenden w\u00fcrde? Manche Erz\u00e4hlinstanzen siezen, andere duzen die Hauptfigur quasi. Besonders interessant w\u00e4re es, wenn sich das im Lauf einer Erz\u00e4hlung \u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Nicht gro\u00df recherchiert, aber zumindest hier wird das <a href=\"https:\/\/community.papyrus.de\/t\/personaler-erzahler-vor-und-nachnamen-in-dialogen-und-inquits\/13194\/18\">in einem Forum f\u00fcr &#8211; ich wei\u00df nicht, wie professionelle &#8211; Autoren und Autorinnen thematisiert<\/a>.) <\/p>\n\n\n\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/a873cb991e794f8cb744c4a7ad35a20a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\">\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachtr\u00e4ge: Zumindest in <em>Der Vorweiner<\/em> von Bov Bjerg gibt es tats\u00e4chlich eine Stelle, wo w\u00f6rtliche Rede in IPA-Lautschrift wiedergegeben wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(12 Kommentare.) Beim Erz\u00e4hlen versichert uns eine Erz\u00e4hlistanz kraft ihrer Autorit\u00e4t, was Sache ist. Wenn da steht: &#8222;Jones came home at 10 o&#8217;clock&#8220;, dann war das so, dass Jones um zehn nach Hause kam. Wenn da steht: &#8222;The grandfather clock was striking ten when Jones reached home&#8220;, dann wird zwar nahegelegt, dass das um zehn [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[314],"tags":[64],"class_list":["post-18943","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-analysen","tag-literaturtheorie"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_likes_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18943","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18943"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18943\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":60090,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18943\/revisions\/60090"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18943"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18943"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18943"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}