{"id":19077,"date":"2021-08-29T08:24:59","date_gmt":"2021-08-29T06:24:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=19077"},"modified":"2023-05-16T08:52:01","modified_gmt":"2023-05-16T06:52:01","slug":"wilhelm-raabe-stopfkuchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/08\/wilhelm-raabe-stopfkuchen.htm","title":{"rendered":"Wilhelm Raabe, Stopfkuchen"},"content":{"rendered":"\n<p>&#8222;Eine See- und Mordgeschichte&#8220;, so der Untertitel. Ha! Das ist jetzt das dritte Werk des poetischen Realismus, das ich in relativ kurzer Folge gelesen habe, und bei allen gab es Mord- und Totschlag, und bei allen dauerte es bewusst und absichtlich und foppenderweise ewig, bis etwas passierte. Ist das Programm? Von <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/08\/jeremias-gotthelf-die-schwarze-spinne.htm\">&#8222;Die schwarze Spinne&#8220;<\/a> kennt man die grusligen Szenen, und dabei sind die ersten 20% der Erz\u00e4hlung nichts als idyllische Hochzeitsvorbereitung. Der zweite Teil von <em><a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/05\/friedrich-theodor-vischer-auch-einer-1879-teil-3.htm\">Auch Einer<\/a><\/em> besteht fast nur aus nichts. Und auch der Inhalt dieser See- und Mordgeschichte ist schnell wiedergegeben:<\/p>\n\n\n\n<p>Der Erz\u00e4hler, erfolgreicher Schafz\u00fcchter in Kolonial-Afrika, weit herumgekommen in seiner Laufbahn, erz\u00e4hlt, wie er nach Jahrzehnten wieder seine deutsche Heimatstadt besucht. Die Erz\u00e4hlsituation ist die R\u00fcckreise nach Afrika auf einem Schiff; sie wird mehrfach am Rande angesprochen, spielt aber f\u00fcr die eigentliche Handlung keine direkte Rolle. See-Geschichte ist also schon mal nicht viel. Der erz\u00e4hlte Aufenthalt betrifft haupts\u00e4chlich den Besuch bei einem alten Schulfreund &#8211; der wird zuerst entweder aufgeschoben, oder ist dann doch nicht so wichtig? Der Erz\u00e4hler und der Schulfreund, vormals &#8222;Stopfkuchen&#8220; genannt ob seine Verfressenheit, interpretieren ihre gemeinsame Jugend auch unterschiedlich: war der Erz\u00e4hler Freund, Mobber, Mitl\u00e4ufer, etwas dazwischen?<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier bestehen die knapp ersten 15% aus Vorgepl\u00e4nkel. Dann besucht der Erz\u00e4hler Stopfkuchen, der inzwischen Herr auf der Roten Schanze ist und mit der Tochter des ehemaligen Besitzers verheiratet. Auf dem Hof der Roten Schanze spielt sich ein Gro\u00dfteil des Romans ab; Stopfkuchen erz\u00e4hlt dem Erz\u00e4hler, wie es dazu gekommen ist, dass jetzt er auf dieser ehemaligen Armeeanlage sitzt. Der fr\u00fchere Besitzer war in der Stadt schon zur Jugendzeit der beiden M\u00e4nner verschrieen als M\u00f6rder eines gewissen Kienbaum. \u00dcber die Details oder auch nur Kienbaum selber erfahren wir fast das ganze Buch \u00fcber nichts, nur \u00fcber die Auswirkung: Ausgrenzung, Gerichtsprozesse, Abgrenzung; Verwilderung des Hofes und der Leute darauf, Mobbing gegen Vater und Tochter, H\u00e4nseleien und Pr\u00fcgeleien und aggressive Hofhunde. Aber schon zum Ende der Jugendzeit hin, vor dem Abschied der Schulfreunde, schlie\u00dft Stopfkuchen eine erst vorsichtige Freundschaft mit Tochter, Vater und Roter Schanze.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der Hauptteil des Romans besteht dann eben aus der unerbittlichen Erz\u00e4hlung Stopfkuchens, wie es dazu kommt, dass er jetzt Herr auf der Roten Schanze ist. Gen\u00fcsslich walzt er alles aus. Es ist weniger, dass er auf Abwege und andere Themen ger\u00e4t, vielmehr wiederholt er sich und wiederholt sich und kommt nicht zum Punkt. Er triezt seinen Zuh\u00f6rer, dem er immer wieder Vers\u00e4umnisse der Jugendzeit vorh\u00e4lt. Wie sie ihn missverstanden und schlecht behandelt h\u00e4tten, nur gerade mal eben zuf\u00e4llig vielleicht ein bisschen freundlich gewesen seien, ihm gegen\u00fcber, und dem Herrn der Roten Schanze und seiner Tochter nie auch nur ein bisschen.  <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u201eDieser hier zeigte doch schon in seiner Kindheit Mitgef\u00fchl und ging als der letzte, wenn die anderen mich unter der Hecke liegenlie\u00dfen.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Stopfkuchen reizt und k\u00f6dert und spielt mit dem Erz\u00e4hler, fordert Erinnerungen ein:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Leider erinnerte ich mich nicht mehr, und Stopfkuchen sah mich nur erwartend, grinsend an und half mir nicht ein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e[D]enn was soll dieser Weltwanderer und Abenteurer auf seiner demn\u00e4chstigen Fahrt \u00fcber das gro\u00dfe Weltmeer eigentlich von uns denken, wenn das mit unsern Lebensabenteuern und unserer Erz\u00e4hlungsweise noch lange auf diese Weise weitergeht?\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der Erz\u00e4hler reagiert fasziniert-geduldig:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Es war gegen den Menschen nicht anzuerz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bezwang mich und schlug den Dicken mit seinem l\u00e4chelnden Verst\u00e4ndnis f\u00fcr mein Dasein und meine exotischen Errungenschaften nicht hinter die Ohren.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Mittendrin, ein St\u00fcck vor der der Mitte, l\u00e4sst Stopfkuchen beil\u00e4ufig fallen, dass er ja zuf\u00e4llig den echten M\u00f6rder Kienbaums herausgefunden habe; sein &#8211; inzwischen gestorbener &#8211; Schwiegervater sei in der Tat unschuldig gewesen. Davon wei\u00df auch seine Frau, mit der er ein inniges Verh\u00e4ltnis (des sp\u00e4ten 19. Jahrhunderts) hat, noch nichts; das dunkle Geheimnis ihres Heranwachsens gel\u00f6st?<\/p>\n\n\n\n<p>Aber weiterhin m\u00fcssen Erz\u00e4hler, Stopfkuchens Frau und die Leserinnen warten.  Unerbittlich gen\u00fcsslich l\u00e4sst er den Erz\u00e4hler zappeln, und damit auch der Erz\u00e4hler uns. &#8230;. Erst in den letzten 15% beginnt es tats\u00e4chlich um die untertitelte &#8222;Mordgeschichte&#8220; zu gehen: Stopfkuchen erz\u00e4hlt, jetzt in der Dorfwirtschaft, nicht mehr der Ehefrau, sondern dem Erz\u00e4hler und der gebannt lauschenden Wirtschaftsbedienung (damit die das unter die Leute bringt) die wahre Geschichte. Am Ende reist der Erz\u00e4hler wieder ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Wollen diese Realisten mich foppen? Zugegeben: Ich habe ja dann doch mit Spannung und Interesse weitergelesen. Und dem Kriminalgeschichtenleser in mir f\u00e4llt auf, dass es f\u00fcr die letztendlich L\u00f6sung des Falles nur die Aussage Stopfkuchens gibt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Exkurs zu Zitaten<\/h2>\n\n\n\n<p>&#8222;Wer erschlug den Hahn Gockel?&#8220;, fragt Stopfkuchen rhetorisch mindestens zweimal im Buch. Ich recherchiere, und zwar erst einmal unter &#8222;Cock Robin&#8220; <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Cock_Robin\">(Wikipedia)<\/a>, weil mir das vertrauter war: Das ist ein alter langer englischer Kinderreim, der so beginnt: &#8222;Who killed Cock Robin? \/ I, said the Sparrow, \/ with my bow and arrow, \/ I killed Cock Robin.&#8220; Dieser Kinderreim ist oft verarbeitet worden, als Lied, und sehr viel in Krimis, und da ist er mir sicher irgendwo schon einmal begegnet. Und siehe, es gibt eine deutsche \u00dcbersetzung von Friedrich R\u00fcckert:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Des Hahn Gockels Leichenbeg\u00e4ngnis<\/p>\n\n\n\n<p>Wer erschlug den Hahn Gockel?<br>Ich, spricht der Sperber,<br>Ich bin der Verderber,<br>Ich erschlug den Hahn Gockel.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer hat&#8217;s gesehn?<br>Ich, spricht das M\u00e4uslein,<br>Aus meinem kleinen H\u00e4uslein<br>Hab&#8216; ich&#8217;s gesehn.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer trank sein Blut?<br>Ich, spricht das M\u00fccklein,<br>Mit kleinen Schl\u00fccklein<br>Trank ich sein Blut.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer gr\u00e4bt sein Grab?<br>Ich, spricht Rotkehlein,<br>Mit meinem Zehlein<br>Grab&#8216; ich sein Grab.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer tr\u00e4gt die Bahr&#8216;?<br>Ich, spricht der Rabe,<br>Ich trag&#8216; im Trabe<br>Die Totenbahr.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer ist der Priester?<br>Ich, spricht die Dohle,<br>Bin schwarz wie Kohle,<br>Ich bin der Priester.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer singt den Psalm?<br>Ich, spricht die Nachtigall,<br>Ich sing&#8216; mit lautem Schall,<br>Ich sing&#8216; ihm den Psalm.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer l\u00e4ut&#8216; die Glock&#8216; hell?<br>Ich, spricht das B\u00f6cklein,<br>Ich l\u00e4ut&#8216; ihm&#8217;s Gl\u00f6cklein;<br>Fahr wohl, Hahn Gockel!<\/p>\n\n\n\n<p>Alle die V\u00f6gel in der Luft<br>Befiel ein Klagen und Seufzen,<br>Als sie h\u00f6rten das Gl\u00f6cklein l\u00e4uten<br>Zu Hahn Gockels Gruft.<\/p>\n\n\n\n<p>(Friedrich R\u00fcckert)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Einen Leitspruch zitiert Stopfkuchen h\u00e4ufig, er steht auch angeschlagen in seiner Roten Schanze: &#8222;Gehe aus dem Kasten!&#8220; &#8211; man denkt nat\u00fcrlich sofort an die <em>box,<\/em> au\u00dferhalb derer man denken soll, weil irgend jemand meint, die dunklen Ecken der <em>box<\/em> gehen niemanden etwas an. Tats\u00e4chlich geht es um Noah und seine Arche: \u201eGehe aus dem Kasten\u201c (1 Mose 8, 16).<\/p>\n\n\n\n<p>Ein- oder zweimal sagt Stopfkuchen, wenn auch in anderem Tempus: &#8222;Die Riesen \u00e4ngsten sich unter den Wassern und die bei ihnen wohnen&#8220;, was so sehr nach Zitat und au\u00dferdem so spannend klingt, dass ich die Quelle herausfinden wollte. Auch hier wieder die Bibel (Hiob 26, 5), wenn auch eine h\u00e4ufigere \u00dcbersetzung ist: &#8222;Die Schatten drunten erbeben, unter dem Wasser und seinen Bewohnern.&#8220; Riesen? Schatten? Also mal wieder in Hiob geschaut, bleibt kryptisch.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">E-Book (epub)<\/h2>\n\n\n\n<p>Und weil die verschiedenen epub-Versionen, die von dem Buch kursieren, alle mit Scanfehlern behaftet sind, <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Raabe-Wilhelm-Stopfkuchen.zip\">hier meine verbesserte Version<\/a> (einfach einmal entzippen).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Eine See- und Mordgeschichte&#8220;, so der Untertitel. Ha! Das ist jetzt das dritte Werk des poetischen Realismus, das ich in relativ kurzer Folge gelesen habe, und bei allen gab es Mord- und Totschlag, und bei allen dauerte es bewusst und absichtlich und foppenderweise ewig, bis etwas passierte. Ist das Programm? 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