{"id":19507,"date":"2021-11-12T06:39:23","date_gmt":"2021-11-12T05:39:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=19507"},"modified":"2023-06-09T10:54:11","modified_gmt":"2023-06-09T08:54:11","slug":"stochastische-verantwortlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/11\/stochastische-verantwortlichkeit.htm","title":{"rendered":"Stochastische Verantwortlichkeit"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/11\/stochastische-verantwortlichkeit.htm#comments'>16 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Der gro\u00dfe Kabarettist Hanns Dieter H\u00fcsch hat mal einen kurzen Monolog gemacht: &#8222;Jeder braucht jeden&#8220;, erschienen auf <em>Feine Kom\u00f6dien \u2013 Feine Trag\u00f6dien<\/em> (1991), der Text steht in <em>Du kommst auch drin vor<\/em>. Leider finde ich sie online nur bei Diensten, die ich nicht nutze; hier ein Zitat daraus:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Ich kann zum Beispiel Gedichte machen, aber das ist nichts Besonderes, daf\u00fcr k\u00f6nnen Schreiner Tische und St\u00fchle machen, oder, ich kann ohne meinen B\u00e4cker nicht leben, denn ich brauche das Brot, das er macht, er kann zwar ohne mich leben, denn er braucht meine Gedichte nicht, oder vielleicht manchmal doch, aber einen Schuster braucht er f\u00fcr seine F\u00fc\u00dfe, denn Schuhe kann er ja nicht machen, und der Schuster braucht wieder den Schneider f\u00fcr seinen Leib, und der Schneider braucht wieder Brot und Schuhe, vielleicht auch Gedichte f\u00fcr seine Seele.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>So richtig sch\u00f6n wird das erst in H\u00fcbschs gestelzt-schnoddrig-schneller Vortragsweise. F\u00fcr mich hei\u00dft dieser kleine Monolog: Jedes Individuum steht mit allen anderen in Kontakt, tauscht Dienstleistungen oder G\u00fcter aus &#8211; aber gemeint sind nat\u00fcrlich auch andere Arten des Austausches, der Kommunikation, des Aufeinander-Angewiesen-Seins. Nicht alle stehen mit allen direkt in Verbindung, aber der B\u00e4cker mit dem Schuster und der mit dem Schneider und der mit dem Dichter: zumindest indirekt h\u00e4ngt alles zusammen. Wir sitzen ja auch wirklich alle in einem Boot, auch die Telefondesinfizierer, und vielleicht gerade die, wobei es nat\u00fcrlich stimmt, dass die einen rudern und die anderen ein Luxusleben f\u00fchren. Dass alle alle brauchen, hei\u00dft nicht, dass es Gerechtigkeit gibt. Und was hei\u00dft <em>brauchen <\/em>\u00fcberhaupt? Sagen wir: Alle haben auf alle anderen Auswirkungen, wenn auch vielleicht nur kleine; da kommen wir schneller zu einer Einigung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir teilen uns zum Beispiel die Atmosph\u00e4re des Planeten. Wenn ich Auto fahre, oder S-Bahn, oder sonstwie Energie aufwende, dann erzeugt das CO<sub>2<\/sub>. Das ist nichts Schlimmes, aber es ist so. Wenn ich irgendwo ein Kleidungsst\u00fcck kaufe, hat das Auswirkungen auf die Atmosph\u00e4re, auf den Laden, in dem ich es kaufe, die Angestellten dort, auf die Wirtschaft insgesamt, in meinem Land, in dem Land, in dem das Kleidungsst\u00fcck produziert wurde, in dem Land, aus dem die Rohstoffe f\u00fcr das Kleidungsst\u00fcck herkommen. Der Einfluss ist sehr gering bei einem einzelnen Kleidungsst\u00fcck, aber er ist da. Und wie sich der Einfluss auf, sagen wir, das Bruttonationaleinkommen oder die Sterbefallzahlen in einem dieser L\u00e4nder auswirkt, das ist wahrscheinlich nicht ganz einfach &#8211; das ist so die Sache mit der Kleidung aus Bangladesch: Unterst\u00fctzt man damit Ausbeutung oder gibt man den Menschen dort arbeitet? (Wie sch\u00f6n, dass die Frage schwer zu beantworten ist, dann f\u00e4llt es leichter, nicht dar\u00fcber nachzudenken. Wobei <em>schwer <\/em>aber nicht <em>unm\u00f6glich<\/em> hei\u00dft, und f\u00fcr <em>chaotisch<\/em> halte ich diese Systeme ohnehin nicht.)<\/p>\n\n\n\n<p>Noch bei mir?<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich ohne gute Gr\u00fcnde nicht impfen l\u00e4sst, ist f\u00fcr den Tod anderer Menschen verantwortlich. <\/p>\n\n\n\n<p>Das ist drastisch formuliert, aber es scheint mir so offensichtlich, dass ich tats\u00e4chlich Schwierigkeiten habe mir vorzustellen, wie man das nicht verstehen kann. Aber ja, Menschen sind wohl empfindlich bei deutlichen Worten.  (Siehe alten Blogeintrag zu: \u201eJa, ich will ihre Kinder ver\u00e4ndern\u201c &#8211; was glauben die denn, was Lernen, Wachstum, Bildung ist?) Drastisch formuliert, wie gesagt, aber die Frage, wie schlimm oder verwerflich oder vermeidbar das ist, ist eine andere, schwierigere Frage. Zu dieser vielleicht sp\u00e4ter mehr..<\/p>\n\n\n\n<p>Anlass dieses Blogeintrags ist ein Eintrag in einem anderen Blog, das ich schon lange verfolge, und das am Abdriften ist &#8211; noch keine gr\u00f6\u00dferen Verschw\u00f6rungstheorien, aber Impfverweigerung und Links auf verworrene Seiten. Es ist tats\u00e4chlich der einzige Fall in meinem beruflichen, famili\u00e4ren, privaten und internetten Umfeld, wo ich so etwas erlebte. Ein Schwerpunkt des Blogeintrags ist: <em><strong>Ich will mich nicht impfen lassen. Ich bin doch gesund. Ich weise sogar mit einem Test nach, dass ich gesund bin. Ich stecke also niemanden an. Wieso muss ich Einschr\u00e4nkungen hinnehmen? <\/strong> <\/em><\/p>\n\n\n\n<p> Ich habe Folgendes dort kommentiert:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>(1) Ich verstehe halbwegs noch die Haltung: Ich will mich nicht impfen, weil \u2013 unbestimmte Angst davor, weil der Glaube es einem verbietet, kurz: aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden. Ich denk mir meinen Teil, aber kann das fast nachvollziehen.<\/p><p>(2) Ich verstehe die folgende Haltung: Ich will mich nicht impfen, und nehme billigend in Kauf, dass andere deswegen sterben. Einfach gesagt: Mein Recht auf Unversehrtheit wiegt h\u00f6her als das Recht anderer, zu leben. Das klingt dramatischer, als es ist, denn irgendwie leben wir alle nach dieser Maxime. Es ist ja nicht so, dass 1 Ungeimpfte f\u00fcr 1 Toten verantwortlich w\u00e4re. Vielmehr ist 1 Ungeimpfte stochastisch f\u00fcr eine kleinere Zahl an Toten verantwortlich. Sollen wir 0,25 Tote sagen? Nein, das ist \u00fcbertrieben, und das w\u00e4re ethisch zu leicht. Also: f\u00fcr einen Hundertstel-, Tausendstel-, Hunderttausendsteltoten? Ab irgendeiner Grenze w\u00fcrde jeder von uns sagen: Ja, isso, Recht auf Leben sch\u00f6n und gut, aber andere Rechte sind auch wichtig. Und das stimmt ja auch.<\/p><p>(3) Was ich aber gar nicht verstehe: Die Haltung, man sei mit der Entscheidung, sich nicht impfen zu lassen, *nicht* f\u00fcr einen Anteil der Toten verantwortlich. Die Punkte (1) und (2) sind Wert- und Gewichtungsurteile, potentiell schwierig. Aber (3) ist eine Frage des Verstandes, ist Realit\u00e4tsleugnung, reine Rechnerei. <strong>[\u2009\u2026]<\/strong><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Vielleicht muss ich das aber doch noch einmal erkl\u00e4ren, in dem Blog wurde das als ungeheuerlich bezeichnet. Wer sich nicht impfen l\u00e4sst, hat eine h\u00f6here Wahrscheinlichkeit, jemanden anzustecken, als jemand, der geimpft ist. Nicht so viel h\u00f6her wie gehofft, wohl; es kursieren zur Zeit Kommentare zu verschiedenen, auch missverstandenen Studien dazu, aber sei\u2018s drum. Wer sich nicht impfen l\u00e4sst, nimmt mit weitaus h\u00f6herer Wahrscheinlichkeit jemandem einen Platz im Krankenhaus weg als jemand, der sich impfen l\u00e4sst. Und beides f\u00fchrt zum Tod von anderen Menschen. Ist das nicht klar?<\/p>\n\n\n\n<p>Ja: In einer idealen Welt w\u00fcrden nur Infizierte andere Menschen meiden, unter Einschr\u00e4nkungen wie Quarant\u00e4ne oder Zutrittsverbot zu Veranstaltungen leiden. Aber, und auch das scheint mir offensichtlich, man wei\u00df es halt nicht. \u201eIch bin gesund und stecke niemanden an\u201c &#8211; wahrscheinlich wahr, aber das kann  man a) nicht sicher wissen und b) kann man sich doch trotzdem infizieren, auch wenn man gesund ist. Und dann verl\u00e4uft das wahrscheinlich relativ harmlos, und nur mit etwas Pech Intensivstation. Das scheint aber doch wohl ein Problem zu sein, denn die Intensivstationen sind voll. Das ist unstrittig unter Menschen, die nicht Verschw\u00f6rungen anh\u00e4ngen.. <\/p>\n\n\n\n<p>Rechtlich: Gar keine Frage, da ist man sauber, wenn man die Impfung verweigert. Um ein anderes Beispiel zu nehmen: Auch wenn man grob fahrl\u00e4ssig handelt und dabei den Tod eines Menschen billigend in Kauf nimmt und es dann nicht zu dem Tod kommt, wird man ja nicht wegen grob fahrl\u00e4ssiger T\u00f6tung angeklagt (glaube ich). Wenn man nur mit 50% Wahrscheinlichkeit jemanden get\u00f6tet h\u00e4ttte und es nicht dazu kam, dann ist man nicht halb schuldig des Totschlags.<\/p>\n\n\n\n<p>Ethisch dagegen: Doch. F\u00fcr vielen Coronatoten tragen die Impfverweigernden schuld. Nicht alle an einem, oder einem Viertel, ein Hunderttausendstel vielleicht . 18 Millionen impff\u00e4hige Ungeimpfte  f\u00fcr einige hundert Tote pro Tag. Ich nenne das stochastische Verantwortlichkeit.  Das ist, wie wenn die Verschw\u00f6rer Lose ziehen, wer jetzt einen Anschlag ausf\u00fchren muss. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie verwerflich ist das? Da f\u00e4ngt f\u00fcr mich das Werturteil und Gewichten an. Denn allein durch meinen Lebensstil und mein Verhalten, meinen Konsum, meinen Energieverbrauch, meinen vermeidbaren CO<sub>2<\/sub>-Aussto\u00df bin ich ja ohnehin mitverantwortlich f\u00fcr den Zustand der Welt, f\u00fcr Klima, Armut, Hunger, Todesf\u00e4lle in Fabriken, die f\u00fcr mich produzieren. Aber nur ein bisschen, und nur weit weg. Und ich mache ja auch ein bisschen Gutes. Und damit muss und kann ich leben, unter Zudr\u00fcckung beider Augen. Verhalten ist immer ein Kompromiss zwischen dem eigenen Wohlergehen und dem anderer &#8211; sonst k\u00f6nnte man nicht mehr aus dem Haus treten und wir m\u00fcssten alle wie Sankt Martin wirklich unsere M\u00e4ntel teilen. Aber zu leugnen, <em>dass <\/em>das alles so ist &#8211; das verstehe ich nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(16 Kommentare.) Der gro\u00dfe Kabarettist Hanns Dieter H\u00fcsch hat mal einen kurzen Monolog gemacht: &#8222;Jeder braucht jeden&#8220;, erschienen auf Feine Kom\u00f6dien \u2013 Feine Trag\u00f6dien (1991), der Text steht in Du kommst auch drin vor. 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