{"id":19538,"date":"2021-11-17T07:22:20","date_gmt":"2021-11-17T06:22:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=19538"},"modified":"2023-07-26T12:57:09","modified_gmt":"2023-07-26T10:57:09","slug":"woher-dieser-mangel-an-belehrsamkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/11\/woher-dieser-mangel-an-belehrsamkeit.htm","title":{"rendered":"Woher dieser Mangel an Belehrsamkeit?"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/11\/woher-dieser-mangel-an-belehrsamkeit.htm#comments'>8 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Unter Architekt*innen, bei Zahn\u00e4rzt*innen, bei der Bauleitung: oft haben Lehrkr\u00e4fte als Kunden einen schlechten Ruf. Besserwisserisch seien sie, zu allem eine Meinung h\u00e4tten sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber Lehrkr\u00e4fte selbst sehen sich vielleicht ganz anders. Neulich gab es an der Kaffeetheke ein kleines Gespr\u00e4ch, warum man sich nicht gegenseitig mehr erkl\u00e4rt, zum Thema Technik etwa. Der Gedanke, dass man etwas, das man selber kann, anderen im Kollegium einfach so beibringen k\u00f6nnte, ist aber wohl ungew\u00f6hnlich. Das\u2026 geh\u00f6rt sich nicht? Also, so ohne offiziellen Auftrag, ohne Fortbildungstermin, einfach so? Ist das \u00fcberhaupt legitimisiert? Klar kann man warten, bis man explizit um Hilfe gebeten wird, aber man kann sie doch auch vorher anbieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Wechselspiel der Tweets konkretisierten sich meine \u00dcberlegungenund ich formulierte so:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"twitter-tweet\"><p lang=\"de\" dir=\"ltr\">Viele Lehrkr\u00e4fte wollen nur SuS, aber nicht Kollegen und Kolleginnen etwas vorschreiben und beibringen. Woher dieser Mangel an Belehrsamkeit?<\/p>&mdash; Thomas Rau (@Herr_Rau) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Herr_Rau\/status\/1459796712860569601?ref_src=twsrc%5Etfw\">November 14, 2021<\/a><\/blockquote> <script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script> \n\n\n\n<p>Zu mir: Ich bin ein Klugschei\u00dfer, immer schon gewesen; muss ein mitunter enervierendes Kind gewesen sein, wenn auch nicht ohne Charme. Ich wusste viel, oder eher: ich fand so viel interessant und wollte alle Welt daran teilhaben lassen. So kam es ja auch zu diesem Blog. Ich lerne gerne und leicht, aber ich erkl\u00e4re auch sehr gerne. Abends werde ich m\u00fcde, nach einem Glas Wein sowieso, aber wenn mich dann jemand bittet, ein paar Worte \u00fcber amerikanische Radiosendungen der 1930er bis 1950er zu verlieren, dann spule ich glockenwach mein Programm ab, angemessen variiert, oder darf\u2018s irgendwas mit Informatik sein? Ich warte ja darauf, dass ich Frau Rau endlich mal Chemie erkl\u00e4ren darf, also nur anorganische, und auch nur, halbscharig &#8211;  beim Erkl\u00e4ren lerne ich das selber neu, auch nach dem Glas Wein, auch abends. Kurz: Ich bin nicht zuf\u00e4llig Lehrer geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dieser Erkl\u00e4r- und Belehrwunsch schreckt auch vor Erwachsenen nicht zur\u00fcck. Beim Arzt bleibe ich still, von Viren verstehe ich nichts, aber wenn ich mich bei etwas auskenne, dann ist zumindest das Kollegium <em>fair game<\/em>. Das scheint aber nicht allen so zu gehen. Wieso eigentlich? Da ist so viel Expertise in einem Kollegium, so viele verschiedene Sachen, warum nutzt man nicht die Gelegenheit, das loszuwerden? Nicht v\u00f6llig ungefragt, das mache nicht mal ich, aber wenn man mir den kleinen Finger reicht, gibt es einen Wortschwall zur\u00fcck. Warum halten das nicht mehr so, der kommentierend mitlesende Kollege vielleicht ausgenommen?<\/p>\n\n\n\n<p>Vermutungen, via Twitter:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Man will nicht als Klugschei\u00dfer dastehen.<\/strong><br>Das gilt vielleicht vor allem f\u00fcr Frauen? Da ist Besserwissen sozial noch weniger akzeptiert.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Man hat Angst, sich zu blamieren, weil man sich nicht sicher ist, ob das auch stimmt, was man wei\u00df.<\/strong><br>Mag sein.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Man will Wissensvorsprung f\u00fcr sich behalten, weil man sich Vorteile davon erhofft.<\/strong><br>Ich glaube nicht, dass das viel passiert, bewusst schon gleich gar nicht, aber auch sonst nicht.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Man hat das Gef\u00fchl, man darf das einfach nicht. Es steht einem nicht zu.<\/strong><br>Schon eher. Erwachsenen darf man nichts beibringen, das ist belehrend. Lebenslanges Lernen sch\u00f6n und gut, aber darum muss man sicher selber k\u00fcmmern. Ich war mal in einer Arbeitsgruppe am ISB, also, in mehreren, aber in einer davon reichten die Teilnehmenden Texte ein, die gemeinsam bearbeitet wurden. Und wenn da jemand zwar einen Text abgegeben hatte, aber selber in der Sitzung nicht da war, dann hie\u00df es: k\u00f6nnen wir nicht bearbeiten, weil wir k\u00f6nnen ja nichts an dem Text \u00e4ndern, ohne um Entschuldigung zu bitten und Verst\u00e4ndnis zu heischen. So ein Unfug.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Man verst\u00f6\u00dft gegen die ungeschriebene Regel: \u201eSolange ich dir nichts beibringe, muss ich auch nichts selber von dir lernen.\u201c<br><\/strong>Ich glaube, da ist etwas dran. Eine Kr\u00e4he bringt der anderen keine neuen Tricks bei. Wenn ich jemandem etwas erkl\u00e4re, riskiere ich, selber etwas erkl\u00e4rt zu bekommen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Es ist nicht mein Job. (Soll sich doch die f\u00fcr die Fortbildung verantwortliche Person darum k\u00fcmmern!)<\/strong> &#8211; Erg\u00e4nzung <a href=\"https:\/\/twitter.com\/stefanolix\/status\/1460857485137309699\">via Twitter<\/a>.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Meine Aufgabe als Lehrkraft ist es, Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen beim Lernen zu unterst\u00fctzen.  Das nennt man dann wohl auch Erziehung. Will ich meine Kollegen und Kolleginnen erziehen? Nein, weil, weil &#8211; weil Erziehung sagt man nur bei Kindern und Heranwachsenden, ja? Sagen wir: wir wollen einander gegenseitig erziehen und von einander lernen. Wie schreibt schon Kant: \u201eDa\u00df aber ein Publikum sich selbst aufkl\u00e4re, ist eher m\u00f6glich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit l\u00e4\u00dft, beinahe unausbleiblich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kurze Begriffskl\u00e4rung, gerne \u00fcberspringen:<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group has-pale-cyan-blue-background-color has-background is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<p><strong>Lernen:<\/strong> Das hei\u00dft in der Lernpsychologie, oder hie\u00df es zumindest zu meiner Studienzeit, die M\u00f6glichkeit haben, ein anderes Verhalten zu zeigen. Wenn man etwas gelernt hat, kann man danach andere Antworten aufs Papier bringen als vorher. (Man muss das aber nicht tun; das macht es ja so schwierig, einen Lernfortschritt zu messen.) In vielen Gespr\u00e4chen \u00fcber das Lernen wird das reduziert auf Wissenserwerb, aber Lernen umfasst viel mehr, etwa das habituelle Verhalten: Man lernt Essverhalten, lernt Ausweichverhalten, lernt Verhalten bei Problemen, lernt soziales Verhalten. Man kann nicht nicht lernen. Au\u00dfer beim Laufenlernen, das ist n\u00e4mlich gar kein Lernen, sondern nat\u00fcrliche Entwicklung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erziehung:<\/strong> Keine Ahnung, in welche Disziplin das ein Fachausdruck ist und was man darunter versteht. Es geht wohl nicht um Wissen, sondern nur um Verhalten, Werte, Einstellungen, aber auch das ist nat\u00fcrlich Lernen, und es ist auf Kinder und Jugendliche reduziert, und das macht den Begriff etwas arbitr\u00e4r. Niemand spricht von \u201elebenslanger Erziehung\u201c, alle von \u201elebenslangem Lernen\u201c. Erziehung impliziert ein Erziehungsziel hin, Lernen ist ein neutralerer Audruck.<\/p>\n\n\n\n<p>Lessing spricht in \u201eDie Erziehung des Menschgeschlechts\u201c davon, dass auch die Menschheit erzogen wird, aber das ist Metaphorik: Er vergleicht darin explizit die Menschheit mit einem Sch\u00fcler, und Altes und Neues und Neuestes Testament mit B\u00fcchern f\u00fcr Grundschule, Sekundarstufe I und Sekundarstufe II oder dar\u00fcber hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl Erziehung als auch Lernen hei\u00dft: \u00c4nderung lenken. Lebenslanges Lernen hei\u00dft lebenslanges \u00c4ndern. Blogeintrag; <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2019\/09\/ich-will-ihre-kinder-aendern.htm\">\u201eIch will ihre Kinder \u00e4ndern!\u201c<\/a> &#8211; das ist mein Beruf und meine Aufgabe. Da waren ein paar Eltern geschockt, das damals zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bildung:<\/strong> Was Herr K. tat, in der kleinen Geschichte von Bert Brecht, wenn er einen Menschen liebte (aus dem ged\u00e4chtnis paraphrasiert): Er machte sich ein Bild von ihm und sorgte sich dann darum, dass der Mensch dem Bild m\u00f6glichst \u00e4hnlich w\u00fcrde. &#8211; Bildung impliziert ein Menschenbild, dementsprechend sich jemand enwickeln soll. Ob man so werden soll, wie Gott es w\u00fcnscht, oder ob man herausholen soll, was in der Natur des Menschen angelehnt ist, das ist dann wieder Ansichtssache. <\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Oder liegt dieser Mangel an Belehrsamkeit daran, dass sich ein modernes Kollegium eher als Lernbegleitung sieht und weniger als Belehrende? Das w\u00fcrde mich wundern, zumindest auf Twitter ist es ja so, dass die erkl\u00e4rtesten Lernbegleiter gerne die direktesten Instruktionen geben. Die Bildungsbesserwisser-Bubble dort hat keinerlei Hemmungen beim Belehren.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6glicherweise bin ich auch einfach zu penetrant, und nicht ich brauche das Sabbatjahr, sondern die Schule braucht mal ein Jahr Pause von mir. Manchmal habe ich bereits den Verdacht, dass nicht alle meine digital versendeten Nachrichten gr\u00fcndlich gelesen <s>w\u00e4ren<\/s> werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(8 Kommentare.) Unter Architekt*innen, bei Zahn\u00e4rzt*innen, bei der Bauleitung: oft haben Lehrkr\u00e4fte als Kunden einen schlechten Ruf. Besserwisserisch seien sie, zu allem eine Meinung h\u00e4tten sie. Aber Lehrkr\u00e4fte selbst sehen sich vielleicht ganz anders. Neulich gab es an der Kaffeetheke ein kleines Gespr\u00e4ch, warum man sich nicht gegenseitig mehr erkl\u00e4rt, zum Thema Technik etwa. 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