{"id":1984,"date":"2008-09-29T16:46:03","date_gmt":"2008-09-29T14:46:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=1984"},"modified":"2023-05-24T13:20:25","modified_gmt":"2023-05-24T11:20:25","slug":"franz-kafka-auf-der-galerie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2008\/09\/franz-kafka-auf-der-galerie.htm","title":{"rendered":"Franz Kafka, Auf der Galerie"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2008\/09\/franz-kafka-auf-der-galerie.htm#comments'>4 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Sehr sch\u00f6ner Schultag heute. Vier Stunden, drei Klassen, alle haben mir Spa\u00df gemacht, bei allen glaube ich, dass die Sch\u00fcler etwas gelernt haben (aber das glaubt man ohnehin zu oft) &#8211; und zu jeder Stunde will ich etwas bloggen. Habe aber keine Zeit vor lauter Zeug, das ich machen will.<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb nur kurz noch etwas von letzter Woche. Deutsch, 9. Klasse, zum Anw\u00e4rmen und Kennenlernen: Wiederholung von Wortarten und Satzgliedern an folgender Kafka-Parabel als Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Auf der Galerie<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn irgendeine hinf\u00e4llige, lungens\u00fcchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unerm\u00fcdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben w\u00fcrde, auf dem Pferde schwirrend, K\u00fcsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich \u00f6ffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallklatschen der H\u00e4nde, die eigentlich Dampfh\u00e4mmer sind &#8211; vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle R\u00e4nge hinab, st\u00fcrzte in die Manege, riefe das Halt! durch die Fanfaren des sich immer anpassenden Orchesters.<br>Da es aber nicht so ist; eine sch\u00f6ne Dame, wei\u00df und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorh\u00e4ngen, welche die stolzen Livrierten vor ihr \u00f6ffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als w\u00e4re sie seine \u00fcber alles geliebte Enkelin, die sich auf gef\u00e4hrliche Fahrt begibt; sich nicht entschlie\u00dfen kann, das Peitschenzeichen zu geben; schlie\u00dflich in Selbst\u00fcberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit offenem Munde einherl\u00e4uft; die Spr\u00fcnge der Reiterin scharfen Blickes verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausdr\u00fccken zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte w\u00fctend zu peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem gro\u00dfen Salto mortale das Orchester mit aufgehobenen H\u00e4nden beschw\u00f6rt, es m\u00f6ge schweigen; schlie\u00dflich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen k\u00fcsst und keine Huldigung des Publikums f\u00fcr gen\u00fcgend erachtet; w\u00e4hrend sie selbst, von ihm gest\u00fctzt, hoch auf den Fu\u00dfspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zur\u00fcckgelehntem K\u00f6pfchen ihr Gl\u00fcck mit dem ganzen Zirkus teilen will &#8211; da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Br\u00fcstung und, im Schlussmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Damit die Sch\u00fcler aber nicht nur Grammatik mit der Parabel machen, sollten sie mir zeigen, dass sie auch auf irgendeiner anderen Ebene mit dem Text etwas anfangen konnten. Zeichnung, Pantomime, Umschreiben, irgend etwas. Ohne dass ich das gro\u00df auswerten w\u00fcrde. (Ich f\u00fchle mich gleich schuldig, weil <a href=\"http:\/\/norberto42.kulando.de\">Norberto42<\/a>, glaube ich, gerne mal und v\u00f6llig zurecht darauf hinweist, dass es wenig bringt, sich mit oberfl\u00e4chlichen Erkenntnissen von Sch\u00fclern zufriedenzugeben. Entschuldige, Norbert, wenn ich dich falsch zitiere, aber du bist mir da ein Vorbild und Mahner. Aber Erkenntnisse waren noch gar nicht erfordert.)<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Variationen darauf:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"536\" height=\"825\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/kafka_galerie.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1983\" title=\"kafka_galerie\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Dann eine Umstellung:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Bevor ein junger Zirkusbesucher die vielen Stufen durch alle Reihen hinab rennen und in den mit S\u00e4gesp\u00e4ne bestreuten kreis st\u00fcrmen w\u00fcrde und durch die Kl\u00e4nge des sich anpassenden Instrumentalchors stopp br\u00fcllen w\u00fcrde, w\u00fcrde eine, vom abschw\u00e4chenden und wieder ansteigenden Applaus der H\u00e4nde, die in Wirklichkeit maschinelle Klopfer sind, unterst\u00fctzte, hinf\u00e4llige, lungens\u00fcchtige Kunstreiterin, die zuvor monatelang im bestreuten Kreis, ohne Pause auf einem wackelndem Ross im Ringe von ihrem Seilherumschleudernden, gnadenlosen Boss, auf ihrem Gaul schwirrend Bussis schmei\u00dfend, in der Taille sich schaukelnd im Kreis gescheut w\u00fcrde &#8211; und wenn dieses Schauspiel unter dem nie endenden Get\u00f6se des Chors und der Propeller in die n\u00e4her kommende und weiter sich aufgehende dunkle Zukunft fortf\u00fchre, w\u00fcrde dies alles geschehen.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und ein sachlicher Brief:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Unertr\u00e4gliches Kunstreiten<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren,<\/p>\n\n\n\n<p>da ich, M. A., mir Gedanken gemacht habe \u00fcber das unertr\u00e4gliche Kunstreiten, bin ich zu folgenden Entschluss gekommen:<br>Man sollte das Kunstreiten unter unertr\u00e4glichen Bedingungen verbieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das folgende Beispiel begr\u00fcndet meine Behauptung.<br>Stellen Sie sich mal vor, wenn eine ersch\u00f6pfte Kunstreiterin in der Manege auf einem schwankenden Pferd reiten m\u00fcsste. Und das nur, weil ihr Chef dies so m\u00f6chte. Dieser ist nur auf seinen Gewinn aus und m\u00f6chte deshalb das Publikum beeindrucken. Aber das Publikum m\u00f6chte immer mehr sehen und gibt sich nicht zufrieden. Nur deswegen schwingt der Chef der Manege die Peitsche und das monatelang ohne Unterbrechung. Die Kunstreiterin und ihr Pferd m\u00fcssten dann rundherum im Kreise laufen; K\u00fcsse werfend; in der Taille liegend und das auf einem ersch\u00f6pften Pferd. Dazu w\u00fcrde das Orchester spielen, das immer weiter &#8211; und ohne Pausen &#8211; spielen w\u00fcrde. Au\u00dferdem w\u00fcrde das Publikum Beifall klatschend dastehen und immer wieder etwas Neues sehen wollen.<br>All dies w\u00fcrde wahrscheinlich geschehen, wenn nicht ein einziger Besucher aus dem Publikum aufstehen w\u00fcrde und riefe: \u0084Halt!\u0093<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bitte Sie, das Kunstreiten unter solchen Bedingungen zu verbieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Danke im Voraus<\/p>\n\n\n\n<p>Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n\n\n\n<p>M. A.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(4 Kommentare.) Sehr sch\u00f6ner Schultag heute. Vier Stunden, drei Klassen, alle haben mir Spa\u00df gemacht, bei allen glaube ich, dass die Sch\u00fcler etwas gelernt haben (aber das glaubt man ohnehin zu oft) &#8211; und zu jeder Stunde will ich etwas bloggen. Habe aber keine Zeit vor lauter Zeug, das ich machen will. 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