{"id":19961,"date":"2022-02-04T10:03:49","date_gmt":"2022-02-04T09:03:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=19961"},"modified":"2023-05-16T08:56:57","modified_gmt":"2023-05-16T06:56:57","slug":"wolfgang-herrndorf-sand-2-notizen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2022\/02\/wolfgang-herrndorf-sand-2-notizen.htm","title":{"rendered":"Wolfgang Herrndorf, Sand (2): Notizen (und: Frage)"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2022\/02\/wolfgang-herrndorf-sand-2-notizen.htm#comments'>6 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Vor auch schon zehn Jahren gelesen, das immer schon wiederholen wollen, und auf Anregung auf Twitter kam es jetzt dazu. Kleinere und mittlere Spoiler folgen. Ich gehe dabei nur auf drei gro\u00dfe Aspekte ein.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"die-welt-als-unzuverlassiger-unverstandener-unwirklicher-ort\">Die Welt als unzuverl\u00e4ssiger, unverstandener, unwirklicher Ort<\/h2>\n\n\n\n<p>Ganz wesentlich f\u00fcr mich war beim Lesen das Gef\u00fchl, dass die Welt um die ged\u00e4chtnislose Hauptperson Carl, aber vielleicht auch um andere, nur eine Kulisse ist, ein Konstrukt. <\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Am Rande hierher geh\u00f6ren die Zitate, die den Kapiteln vorangestellt sind. Gleich das erste, Herodot zugewiesen, hielt ich f\u00fcr eine falsches Zitat, eine T\u00e4uschung: &#8222;Wir schicken jedes Jahr &#8211; und scheuen dabei weder Leben noch Geld &#8211; ein Schiff nach Afrika, um Antwort auf die Fragen zu finden: Wer seid ihr? Wie lauten eure Gesetze? Welche Sprache sprecht ihr? Sie aber schicken nie ein Schiff zu uns.&#8220; Ich habe meinen digitalen Herodot durchgek\u00e4mmt, aber nichts gefunden. Im Web gibt es dieses Zitat nat\u00fcrlich, aber keine Quellen dazu. Es w\u00e4re nicht das erste Buch mit erfundenen Zitaten. (&#8222;&#8218;One of the joys of travel is visiting new towns and meeting new people&#8216; &#8211; G. Khan.&#8220;) Diese Skepsis behielt ich bei, bis sich die <em>anderen <\/em>unwahrscheinlichen Zitate dann beim Recherchieren zu meiner \u00dcberraschung nach und nach <em>doch<\/em> als korrekt erwiesen, einschlie\u00dflich weiterer Herodot-Zitate. <strong>Also was ist jetzt mit dem ersten: Echt oder nicht?<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li>Das Maschinengewehr, mit dem Carl aufwacht, ist eine Attrappe, ein Kinderspielzeug.<\/li>\n\n\n\n<li>Eine Frau auf einer Party: &#8222;Sehr schlank, sehr blond, gro\u00dfe Br\u00fcste, aber irgendetwas schien mit ihr nicht zu stimmen. Ihre Mimik wirkte sonderbar verrutscht.&#8220; Als w\u00e4re ewas nicht echt an ihr.<\/li>\n\n\n\n<li>Polidorio und Canisades machen aus Langeweile einen nicht sehr aussagekr\u00e4ftigen Intelligenztest, f\u00fcr Polidorio ergibt sich ein besch\u00e4mender Wert von 102. Nach einem Sandsturm steigt Polidorio aus seinem Auto und sieht ein &#8222;paar Meter vor dem Wagen [&#8230;] ein Schild, das dort vorher nicht gestanden hatte. Es schaute mit der Spitze aus einer mannshohen D\u00fcne, war dreieckig und verrostet und die Aufschrift kaum leserlich. <em>102<\/em>&nbsp;\u2026 Rest unentzifferbar.&#8220; Zufall oder Zeichen?<\/li>\n\n\n\n<li>Kapitel 15 beginnt: &#8222;Ein Blick wie auf eine Theaterb\u00fchne, zwei dunkle Holzbretter rechts und links als improvisierte Vorh\u00e4nge.&#8220; Kapitel 16 beginnt: &#8222;Im selben Moment, als die M\u00e4nner rechts aus dem Bild verschwanden, tauchte wie ein Schauspieler auf dem Boulevardtheater hinter dem Holzbrett links die Sonne auf.&#8220;<\/li>\n\n\n\n<li>Das Kulissenhafte der Praxis des Psychiaters. Ganz am Ende sind alle M\u00f6bel fort, und auch w\u00e4hrend Carls Besuch dort wirkt es wie eine Kulisse heraus:<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00abMeine Bibliothek\u00bb, sagte der Arzt. Er war vor einer T\u00fcr stehen geblieben, \u00f6ffnete sie schwungvoll und knipste das Licht an. Der Schein einer schwachen Gl\u00fchbirne beleuchtete eine winzig kleine Kammer. Zwischen Staub und zerbr\u00f6selten Ziegelsteinen lag ein abgebrochenes Waschbecken auf der Erde, zwei verrostete Rohre stachen aus der Wand.<br>\u00abHoppla\u00bb, sagte Dr. Cockcroft. Nonchalant zog er die T\u00fcr wieder zu.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>In Kapitel 44 beobachtet Carl, wie ein riesenhaftes Ouz (ein Tier, das einige Male im Roman auftaucht) durch die Gassen der Oase Tindirma getrieben wird; es handelt sich um ein Ritual oder eine Prozession &#8211; am Ende stellt sich heraus, dass das Ouz gar nicht echt ist: &#8222;Das hintere Bein lag abgerissen da, und in den eingedellten, aufgerissenen Flanken des Tieres wurden Holzlatten und Gest\u00e4nge sichtbar.&#8220;<\/li>\n\n\n\n<li>Als die Agenten versuchen, aus Carl Informationen herauszuholen, kommt diesem vor, &#8222;als sei alles nur ein Traum&#8220;, es macht &#8222;auf ihn einen zunehmend unwirklichen Eindruck, den Eindruck des auswendig Gelernten und vorher Geprobten&#8220;, es macht den &#8222;Anschein des Sch\u00fclertheaters&#8220;.<\/li>\n\n\n\n<li>In Kapitel 14 l\u00e4uft im Hintergrund der Handlung ein Fernseher. Beschrieben werden dabei unzusammenh\u00e4nge Einzeleindr\u00fccke, fast wie im Zeilenstil eines expressionistischen Gedichts, vom Zusehenden nicht beachtet oder nicht verstanden. Die medial vermittelte Welt bleibt dem fiktionalen Publikum r\u00e4tselhaft, zumindest interessiert sich Canisades nicht daf\u00fcr: <\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Ein hoher Offizier wurde zum Provinzgouverneur ernannt. Eine Oberschule war abgebrannt. Der Nachrichtensprecher las ernst und salbungsvoll. Als hinter ihm das Bild einer Frau in schwarzem Hidschab erschien, die sich vor verkohlten Kinderleichen auf dem Boden w\u00e4lzte, brach ihm die Stimme. [&#8230;] Dazu sah man eine Frau in knappem H\u00f6schen, die mit beiden Beinen waagerecht vor sich in der Luft stand. Unter ihr eine Sandgrube, hinter ihr eine Tartanbahn: Heide Rosendahl. Der Sprecher stockte kurz, und schon zeigte ein Einspieler einen Mann mit einem wei\u00dfen Sonnenh\u00fctchen auf dem Kopf und Schuhcreme im Gesicht, der sich mit einer Gruppe von Anzugtr\u00e4gern unterhielt. [Dann etwas, das meine Generation beim Lesen sofort als den Mordanschlag auf die israelische Mannschaft in M\u00fcnchen identifiziert.]<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Diese Bilder sind sicher alle echt und mindestens teilweise ikonisch, ich habe nicht alle erkannt.  Die in der Luft stehende Frau macht erst Sinn, wenn man sie als Weitspringerin identifiziert, und zwar von vielleicht genau diesem Bild: <\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"450\" height=\"328\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Heide_Rosendahl_1972_Umm_al-Quwain_stamp.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-20016\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Heide_Rosendahl_1972_Umm_al-Quwain_stamp.jpg 450w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Heide_Rosendahl_1972_Umm_al-Quwain_stamp-300x219.jpg 300w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Heide_Rosendahl_1972_Umm_al-Quwain_stamp-150x109.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Eine Briefmarke der Vereinigten Arabischen Emirate aus dem Jahr 1972.<br>Warum ausgerechnet die VAR?<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Zur Kulissenhaftigkeit auch die Verh\u00f6rer\/Verschreiber:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Lungren hat einen Sonnenstich, verliert seine Sprache: &#8222;und pl\u00f6tzlich war das Wort weg. Ein taubes Gef\u00fchl blieb wie Watte auf seiner Zunge zur\u00fcck. Das Wort war weg. Es war, als w\u00fcrde er sich nicht an seinen eigenen Namen erinnnern.&#8220; Er trinkt Minztee oder M\u00fcnztee oder Malztee, er schreibt und denkt &#8222;Die Wuste lebt.&#8220;<\/li>\n\n\n\n<li>Cockcroft fragt Carl: &#8222;K\u00f6nnen Sie das l\u00f6sen?&#8220; und wiederholt &#8222;K\u00f6nnen Sie das lesen?&#8220;<\/li>\n\n\n\n<li>Im Flugblatt steht &#8222;Termiene&#8220;.<\/li>\n\n\n\n<li>Ein allerdings betrunkener Pilot macht eine Durchsage: &#8222;Wir durchfliegen ein Gebiet mit T\u00e4nzen.&#8220; Oder hat er doch &#8222;Turbulenzen&#8220; gesagt und ist nur falsch verstanden worden?<\/li>\n\n\n\n<li>Ein zentraler Satz lautet: &#8222;Du Arsch, wenn er die Schiene funkentst\u00f6rt!&#8220;, oder eben auch nicht, das bleibt unklar. (Interessant ist das beim Namen &#8222;Cetrois&#8220;, der lange nur in m\u00fcndlicher Form auftaucht, ohne dass irgendjemand die Schreibung kennt. Beim Buch kann man nat\u00fcrlich schlecht alle w\u00f6rtlicher Rede in IPA-Lautschrift wiedergeben, also wird von Anfang an die Schreibung verwendet, die sich am Ende als korrekt herausstellt. Aber bei einem ersten Recherchieren werden durchaus die Formen &#8222;Cetrois, Cetroix, Sitrois, Setrois&#8220; in Betracht gezogen.)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"erinnerungen-an-andere-geschichten\">Erinnerungen an andere Geschichten<\/h2>\n\n\n\n<p>Ich lese ja doch nicht in B\u00fcchern, was drinsteht, sondern wiedererkenne das, was ich eh schon wei\u00df: und so auch hier. Die Sachen, die mir besonders gefallen haben, sind Sachen, die mich an andere B\u00fccher oder Filme erinnert haben; da gehen Ursache und Wirkung wohl in einander \u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Phillip K. Dick: Die Welt um uns ist nur Kulisse; wir sind nicht, wer wir denken. Das kenne ich aus etlichen seiner B\u00fccher.<\/li>\n\n\n\n<li>Umberto Eco, <em>Das Foucaultsche Pendel:<\/em> Wenn gen\u00fcgend Leute an die Existenz von etwas Erfundenem glauben, dann ist das so, als w\u00fcrde es existieren. Und beim Verfolgen mancher Bedeutungsspur kam ich mir selber vor wie William von Baskerville, falschen Spuren folgend, Bedeutung in R\u00e4tseln suchend, die keine keine L\u00f6sung haben oder keine R\u00e4tsel sind.<\/li>\n\n\n\n<li>Robert Aldrich, <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rattennest\">Rattennest\/Kiss Me Deadly<\/a> <\/em>(1955): Ein Schwarzwei\u00df-Krimiklassiker, den ich schon sehr lange nicht mehr gesehen habe. Eigentlich erinnert mich der nur an <em>Sand<\/em>, weil der MacGuffin darin ein Koffer mit r\u00e4tselhaftem und ungekl\u00e4rtem Inhalt ist. Als der Protagonist ihn einmal \u00f6ffnet, sieht das Publikum nur, wie ein helles Leuchten aus ihm dringt; er erh\u00e4lt eine Verbrennung am Handgelenk. Hei\u00dft: Das ist irgendein atomares Material darin. Am Ende \u00f6ffnete jemand anderes den Koffer und geht in Flammen aus; das ganze Haus explodiert danach. Ist das nicht ein Herrlichkoffer? Es riecht jedenfalls nicht-realistisch. (Herrndorf stellt dem Kapitel 41 ein Zitat aus einem anderen Aldrich-Film voran.)<\/li>\n\n\n\n<li>Stanley Donen, <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arabeske_(Film)\">Arabeske\/Arabesque<\/a><\/em> (1966): Mit Gregory Peck und Sophia Loren. Der Titel und der Film selber werden immer wieder gerne verwechselt mit <em>Charade <\/em>(1963) mit Audrey Hepburn und Cary Grant &#8211; Kunstst\u00fcck, derselbe Regisseur. In <em>Arabeske<\/em> wird ein nichtsahnender Experte f\u00fcr altert\u00fcmliche Sprachen in ein Komplott verwickelt, komplett mit Agenten von unterschiedlichen und wechselnden Seiten; der MacGuffin ist eine hethitische Inschrift, die er entziffern soll, wobei es am Ende doch eine ganz andere Bewandnis mit dieser hat, als zuerst angenommen. (Das Motiv des Unschuldigen, der in ein Komplott verwickelt und f\u00fcr jemanden gehalten wird, der Teil davon ist, findet sich oft, etwa in <em>North by Northwest<\/em> oder <em>Into the Night,<\/em> in dem David Bowie einen Killer spielt, der sich auch in <em>Sand<\/em> gut gemacht h\u00e4tte.)<\/li>\n\n\n\n<li>Textadventures: <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2022\/01\/wolfgang-herrndorf-sand-1-die-sache-mit-dem-flaschenzug.htm\">Siehe vorherigen Beitrag<\/a>.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"was-die-personen-der-handlung-wissen-und-was-ich-als-leser-weiss-und-was-ich-nicht-weiss\">Was die Personen der Handlung wissen und was ich als Leser wei\u00df und was ich nicht wei\u00df<\/h2>\n\n\n\n<p>In Charles Finney <em>The Circus of Dr. Lao<\/em> gibt es einen Anhang, das hei\u00dft, es gibt neun Anh\u00e4nge. Der letzte z\u00e4hlt nur &#8222;The Foodstuffs&#8220; auf, die im Buch erscheinen; der vorletzte sammelt \u201cOffene Fragen, Widerspr\u00fcche und Unklarheiten\u201d &#8211; einige davon sind wahrscheinlich nur im Zusammenhang mit der Handlung verst\u00e4ndlich, wie: &#8222;Was war das f\u00fcr eine Angelegenheit, um die sich der tote Man k\u00fcmmern musste, den Appolonius wiedererweckt hatte?&#8220; oder meinen Favoriten: &#8222;War es ein B\u00e4r oder ein Russe oder was?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, ein Motiv in <em>Sand<\/em> ist das der Zusammenh\u00e4nge, die der Erz\u00e4hler und der Leser oder die Leserin kennt oder kennen k\u00f6nnte, aber sonst niemand, oder jedenfalls keine der Hauptpersonen. Oder ist das einfach krimitypisch?<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>War es eine Mine oder eine Miene oder was? Den Gedanken &#8222;Mine&#8220; bringt zuerst Helen ins Spiel (Kapitel 22), danach Adil Bassir, der sagt, allerdings auf Franz\u00f6sisch: &#8222;Dann ist das wieder meine Mine.&#8220; Helen gegen\u00fcber gibt Carl diese Aussage wieder als: &#8222;dann ist das wieder meine&#8220;, <em>ohne <\/em>das Wort Mine zu benutzen. Warum? Hat er es nicht geh\u00f6rt? Wir erfahren ja nur, oder allenfalls, vom Erz\u00e4hler, was Adil Bassir <em>gesagt<\/em> hat, nicht, was Carl <em>geh\u00f6rt<\/em> hat. Das Thema &#8222;Verh\u00f6rszenen in der Literatur&#8220; ist mal einen eigenen Beitrag wert, und ich habe oben schon darauf hingewiesen, dass sich in diesem Buch viel verh\u00f6rt wird. Im Buch geht es viel um Kugelschreiber. Aber k\u00f6nnen wir sicher sein, dass die Kugelschreibermine das ist, nach dem gesucht wird?<br>Was hat Adil Bassir wirklich gesagt, auf Franz\u00f6sisch, in einem &#8222;unbestimmbaren Akzent&#8220;? <a href=\"https:\/\/translate.google.com\/?hl=de&amp;sl=de&amp;tl=fr&amp;text=Dann%20ist%20das%20wieder%20meine%20Mine.&amp;op=translate\">Zumindest im Moment \u00fcbersetzt mir Google Translate<\/a> &#8222;Dann ist das wieder meine Mine&#8220; als &#8222;Alors c&#8217;est \u00e0 nouveau \u00e0 moi&#8220;, was eigentlich eindeutig falsch ist, aber hervorragend passen w\u00fcrde: Dann h\u00e4tte nicht einmal Adil Bassir von Mine gesprochen, das hei\u00dft: Es gibt keine Mine und gab nie eine Mine.<br>Aktuell \u00fcbesetzt Google Translate auch <a href=\"https:\/\/translate.google.com\/?hl=de&amp;sl=de&amp;tl=fr&amp;text=meine%20Mine%0A%0A%0A&amp;op=translate\">dt. &#8222;meine Mine&#8220; als frz. &#8222;mon mien&#8220;,<\/a> was falsch ist, weil Miene und Mine. (DeepL macht alles richtig.)<br>&#8222;Le mien\/la mienne&#8220; hei\u00dft: &#8222;der\/die\/das meine, meines&#8220;, das klingt \u00e4hnlich wie, ist aber kein Homophon von frz. &#8222;mine&#8220; (dt. Mine) &#8211; au\u00dfer man spricht mit unbestimmbarem Akzent?<br>Ich w\u00fcrde ja sagen, dass das Leseparanoia ist. Aber ich kenne einen englischsprachigen Krimi, in dem ein Verh\u00f6rer eine zentrale Rolle spielt. Sie werden vom Augenzeugen als &#8222;your gloves&#8220; wiedergegeben und sind ein entscheidender Hinweis in der Handlung. Nur dass sich am Ende des Krimis herausstellt, dass das ganze auf Franz\u00f6sisch gesprochen war, also nicht &#8222;your gloves&#8220;, sondern: &#8222;vos gaunts&#8220;, und dass das \u00fcberhaupt nicht die gefl\u00fcsterten Worte waren, sondern tats\u00e4chlich ein Homophon davon &#8211; das ein Hinweise auf den T\u00e4ter war.<br>&#8211; Frau Kaltmamsell weist mich soeben auf Twitter darauf hin, dass auch im Krimi <em>Dead Again<\/em> (1991) ein Verh\u00f6rer um das Wort &#8222;Disher&#8220; eine zentrale Rolle spielt &#8211; und es au\u00dferdem ebenfalls einen Ged\u00e4chtnisverlust gibt.<\/li>\n\n\n\n<li>Was ist die Vorgeschichte von Carl, dem Mann ohne Ged\u00e4chtnis? Wie kam er an seinen Ausweis?<\/li>\n\n\n\n<li>Von wo nach wo genau wandert der Bastkoffer? (Sehr wahrscheinlich sehr genau rekonstruierbar. Nicht f\u00fcr mich.)<\/li>\n\n\n\n<li>Was machen die Hollerith-Maschinen in Nordwestafrika? (Keine Ahnung, aber wahrscheinlich streng historisch.)<\/li>\n\n\n\n<li>Wieso kriegt Polidorio jeden Tag um 16 Uhr Kopfschmerzen? (Antworten denkbar.)<\/li>\n\n\n\n<li>Wer hat Canisades get\u00f6tet? (Wir wissen es. Aber der M\u00f6rder wei\u00df nicht einmal, wen er get\u00f6tet hat, und was er mit ihm zu tun hat, und die Polizei wei\u00df gar nichts: &#8222;Als Canisades\u2019 M\u00f6rder h\u00e4ngte man einen alten Schnapsbrenner, der keine S\u00f6hne, kein Alibi und, wenn man ehrlich sein wollte, auch kein Motiv hatte.&#8220; Und wir wissen auch, was der Schnapsbrenner und seine S\u00f6hne mit der Handlung zu tun haben, sonst kaum jemand mehr.)<\/li>\n\n\n\n<li>Wo kommt das Spielzeugmaschinengewehr her? (Wir k\u00f6nnen uns zusammenreimen, wie es in Carls Besitz gekommen ist. Aber man muss genau lesen, um herauszufinden, wer es hat anfertigen lassen. Das erkl\u00e4rt mir endlich auch, warum dieser Person \u00fcberhaupt so viel Raum gegeben wird, obwohl sie mit der Handlung so wenig zu tun hat.)<\/li>\n\n\n\n<li>Wo ist die verlorene Kugelschreibermine am Ende? (Wir wissen es, kriegen es vom Erz\u00e4hler in aller Ausf\u00fchrlichkeit vorgestellt; sonst niemand.)<\/li>\n\n\n\n<li>Was ist am Ende mit Hakims H\u00fctte und Carl passiert? (Wir und Hakim wissen es; Helen vermutet, aber vermutet falsch.)<\/li>\n\n\n\n<li>Am Ende, oder kurz vor dem Ende,  gibt es noch ein Kapitel, wie ich es sehr sch\u00e4tze, &#8222;Was weiter mit ihnen geschah.&#8220; Das gibt es bei Dragnet, in Gerichtsshows, bei <em>Garp,<\/em> bei <em>American Graffiti<\/em>, bei mehreren Dickens-Romanen oder <em>Tom Jones.<\/em> Wir erfahren dabei auch: &#8222;Im Sheraton wurde ein Schl\u00fcssel vermisst. Im Leeren Viertel kam ein Mann zu Reichtum, der eine g\u00fcnstig erworbene Espressomaschine zum Zehnfachen ihres Preises weiterverkaufen konnte. Eine junge hellh\u00e4utige Frau (normannischer Typus) und ihr dreij\u00e4hriges Kind wurden mit aufgeschlitzten Kehlen in den Bergen aufgefunden. Im Rachen des Jungen entdeckte man ein Amulett in Form eines kleinen Teufelchens. Das Verbrechen wurde nie aufgekl\u00e4rt.&#8220; (Wir k\u00f6nnen uns jeweils zusammenreimen, was geschehen ist.)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Im Nachhinein: Vielleicht bleiben doch gar keine Fragen offen und alle losen Enden sind verkn\u00fcpft? Einiges habe ich aus Diskretion weggelassen,das k\u00f6nnte man auch in eventuellen Kommentaren so halten. Ich hatte mir ja bei diesem zweiten Lesen vorgenommen, sehr analytisch zu lesen, habe mir Notizen gemacht, weil ich herausfinden wollte, was Herrndorf da genau macht und wie. Alles nur Papier und digital, keine Karte an der Wand mit Rei\u00dfzwecken und Bindfaden, aber das kommt beim n\u00e4chsten Durchgang. Denn zefix, geknickt muss ich gestehen, Herrndorf hat mich voll drangekriegt. Das war ein kleiner Schlag f\u00fcr mein Selbstbewusstsein, aber sehr sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"wo-ich-doch-keine-thriller-mag\">Wo ich doch keine Thriller mag<\/h2>\n\n\n\n<p>Es ist ein Thriller, am ehesten, und ich mag keine Thriller. Aber es hilft, dass es ja doch keiner ist, und dass alles so lang her ist, viel l\u00e4nger als noch vor zehn Jahren, als ich <em>Sand<\/em> zum ersten Mal gelesen habe. Der historische Edelrost hilft, das Schicksal Carls zu ertragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Definitiv etwas f\u00fcr die Schule, ab 10. Klasse, eher noch sp\u00e4ter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(6 Kommentare.) Vor auch schon zehn Jahren gelesen, das immer schon wiederholen wollen, und auf Anregung auf Twitter kam es jetzt dazu. Kleinere und mittlere Spoiler folgen. Ich gehe dabei nur auf drei gro\u00dfe Aspekte ein. 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