{"id":20324,"date":"2022-04-22T16:46:49","date_gmt":"2022-04-22T14:46:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=20324"},"modified":"2023-06-09T09:37:35","modified_gmt":"2023-06-09T07:37:35","slug":"buergerliche-bildung-eltern-aus-der-arbeiterklasse-lesen-nicht-goethe-und-hoeren-nicht-beethoven","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2022\/04\/buergerliche-bildung-eltern-aus-der-arbeiterklasse-lesen-nicht-goethe-und-hoeren-nicht-beethoven.htm","title":{"rendered":"B\u00fcrgerliche Bildung (&#8222;Eltern aus der Arbeiterklasse lesen nicht Goethe und h\u00f6ren nicht Beethoven&#8220;)"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2022\/04\/buergerliche-bildung-eltern-aus-der-arbeiterklasse-lesen-nicht-goethe-und-hoeren-nicht-beethoven.htm#comments'>2 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Vor einer Weile kursierte in meinem Twitter die Statistik dar\u00fcber, wie viele Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen aus akademischen oder nichtakademischen Haushalten Abitur machen, ein Studium abschlie\u00dfen, einen Doktorgrad erwerben. Es ist so, dass dieser Hintergrund sehr mit der akademischen Karriere korreliert, hier Daten aus dem Jahr 2016:<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"684\" height=\"562\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Sozialerhebung-von-2016.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-20342\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Sozialerhebung-von-2016.jpg 684w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Sozialerhebung-von-2016-300x246.jpg 300w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Sozialerhebung-von-2016-150x123.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 684px) 100vw, 684px\" \/><figcaption>(<a href=\"https:\/\/twitter.com\/wolfibey\/status\/1510555451628400645\">Quelle<\/a>)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>(2018 sind sie wohl ein wenig ausgewogener.)<\/p>\n\n\n\n<p>Wie dramatisch ist das? Einerseits ist das eine Abwertung nicht-akademischer Karrieren. Bei den akademischen Haushalten gibt es mehr Kinder mit Uni-Abschluss, das ist besser; bei den anderen gibt es weniger, das ist schlechter. Wer keinen Uni-Abschluss macht, hat die schlechtere Wahl getroffen. Das stimmt so sicher nicht, und das will das Diagramm auch nicht zeigen, aber es legt es nahe. Und so lange ein Uni-Abschluss tendenziell h\u00f6heres Einkommen bedeutet, ist das auch nicht ganz so einfach von der Hand zu weisen. Im Idealfall s\u00e4he die Statistik doch wohl nicht so aus, dass der linke Teil genauso breit wird wie der rechte, sondern eher so, dass der rechte schmaler wird? (Das sieht die OECD ganz anders, aber egal.)<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits ist da nun einmal eine Diskrepanz da, und selbst wenn akademische und nicht-akademische Karrieren gleich gut f\u00fcrs Einkommen w\u00e4ren, so deutet diese Diskrepanz darauf hin, dass es nicht nur pers\u00f6nliche Entscheidungen sind, die zu unterschiedlichen Laufbahnen f\u00fchren, sondern soziologische Faktoren. Und da w\u00e4re es schon gerechter, die zu verringern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz verhindern kann man das nicht, oder nur zu einem Preis, den ich f\u00fcr zu hoch halte. Die Rolle des Elternhauses ganz oder auch nur weitgehend zu eliminieren, das geht nur, wenn man a) die Kinder den Eltern so fr\u00fch wie m\u00f6glich und f\u00fcr lange Zeit f\u00fcr so lange wie m\u00f6glich wegnimmt (die Ganztagsschule geht in diese Richtung, reicht aber nicht aus) oder b) f\u00fcr Kinder aus nicht-akademischen Haushalten zus\u00e4tzliche verpflichtende Stunden oder andere F\u00f6rderma\u00dfnahmen vorschreibt oder c) gleiche Ergebnisse ungleich bewertet. Alles dies halte ich f\u00fcr keine gute L\u00f6sung.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich sollte man die Rolle des Haushalts im Hintergrund minimieren. Dass erwartet oder nahegelegt oder erm\u00f6glicht wird, dass Eltern bei den Hausaufgaben helfen, ist schlecht, und das geschieht wohl noch zu viel. Und dass akademische Haushalte ihre Kinder mehr pushen, mehr Schlupfl\u00f6cher kennen, mehr Nachhilfe erteilen k\u00f6nnen: das ist schlecht. Da gibt es noch viel zu verbessern. Und ganz schlecht sind nat\u00fcrlich Studien, die belegen, dass f\u00fcr die gleiche Leistung je nach Elternhaus unterschiedliche Noten vergeben werden &#8211; Studien, denen ich eher misstraue, aber es wird schon auch etwas dran sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite: &#8222;Nur das pr\u00fcfen, was man gelehrt hat&#8220; ist ein sch\u00f6nes Prinzip, aber Augenwischerei. Kinder und Jugendliche lernen au\u00dferhalb der Schule, und wie viel oder was sie dabei lernen, h\u00e4ngt vom Elternhaus ab, und das kann f\u00fcr Schule positiv sein oder nicht. Klar kann ich als Lehrkraft die Rechtschreibregeln erkl\u00e4ren oder den Aufbau einer Erz\u00e4hlung und habe damit alles N\u00f6tige gekl\u00e4rt, aber wer viel und gerne liest, der wird eher bessere Aufs\u00e4tze schreiben, und das gilt eher f\u00fcr Haushalte, in denen gelesen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn, wie es bei Twitter hie\u00df, <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Eltern aus der Arbeiterklasse lesen nicht Goethe und h\u00f6ren nicht Beethoven. (<a href=\"https:\/\/twitter.com\/BalthasarSwen\/status\/1511757893489541127\">Quelle<\/a>)<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Allerdings: Wer liest denn \u00fcberhaupt Goethe? Und was ist die Arbeiterklasse? Die Arbeiterklasse, die die B\u00fcchergilde Gutenberg gegr\u00fcndet hat? Ich glaube nicht, dass der Begriff heute noch sinnvoll ist. Und sind Goethe und Beethoven \u00fcberhaupt erstrebenswert (ja) und helfen sie in der Schule (nein)?<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Gro\u00dfvater (geboren im 19. Jahrhundert) hat meiner Mutter abends zwar nicht Goethe, aber Schiller-Balladen vorgelesen, und sie mochte das sehr. Das war sicher keine Arbeiterklasse, sondern b\u00fcrgerlich. Nicht gro\u00dfb\u00fcrgerlich, kein Besitzb\u00fcrgertum, aber doch B\u00fcrgermeister auf dem Dorf, alles andere als akademisch  &#8211; das ist mein famili\u00e4rer Hintergrund. Unakademische b\u00fcrgerliche Bildung, auch am Computer \u00fcbrigens. (Beide Elternteile haben <em>sehr <\/em>fr\u00fch mit Technik angefangen.) Das sind die Leute, die damals bei Ernst Stankovski &#8222;Erkennen Sie die Melodie?&#8220; geschaut haben, und die daran teilgenommen haben: Sekret\u00e4rinnen, Prokuristen, kleine Angestellte, mit einem enormen Wissen \u00fcber Oper, Operette, Musical. <\/p>\n\n\n\n<p>Was ist mit dieser b\u00fcrgerlichen Bildung eigentlich passiert? Was ist mit dieser derart gebildeten Schicht geschehen? Sind das jetzt alles Akademiker und Akademikerinnen? Vermutlich. Die Fernsehsendungen mit den anspruchsvollen Quizfragen sind ausgestorben. Goethe und Beethoven sind nicht mehr wichtig und Star-Wars-Trivia gleichgesetzt; beides hat so oder so nichts mit akademischer Bildung zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Bildung: Das ist einmal, sich und die eigene Kultur kennen, und ein aufrechter Mensch sein. Modell &#8222;Iphigenie auf Tauris&#8220;. Das ist zweitens, Bildungsg\u00fcter zu kennen und zu sch\u00e4tzen, Goethe und Beethoven und Star Wars. Modell &#8222;Erkennen Sie die Melodie.&#8220; Und das ist drittens, einen akademischen Abschluss zu haben &#8211; im besten, aber keineswegs sicheren Fall mit akdemischer Herangehensweise an Dinge. Diskutiert wird nur der Bildungsbegriff, der mit den Abschl\u00fcssen zu tun hat.<\/p>\n\n\n\n<p>(<em>Und jetzt habe ich mich selber gelangweilt. Der Blogeintrag wird einfach nicht fertig oder irgendwie rund, ich hau ihn einfach mal raus.)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(2 Kommentare.) Vor einer Weile kursierte in meinem Twitter die Statistik dar\u00fcber, wie viele Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen aus akademischen oder nichtakademischen Haushalten Abitur machen, ein Studium abschlie\u00dfen, einen Doktorgrad erwerben. Es ist so, dass dieser Hintergrund sehr mit der akademischen Karriere korreliert, hier Daten aus dem Jahr 2016: (2018 sind sie wohl ein wenig ausgewogener.) [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[314],"tags":[130],"class_list":["post-20324","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-analysen","tag-bildungsfragen"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_likes_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20324","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20324"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20324\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20435,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20324\/revisions\/20435"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20324"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20324"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20324"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}