{"id":20330,"date":"2022-04-16T08:08:40","date_gmt":"2022-04-16T06:08:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=20330"},"modified":"2022-04-17T17:56:20","modified_gmt":"2022-04-17T15:56:20","slug":"shakespeare-der-sturm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2022\/04\/shakespeare-der-sturm.htm","title":{"rendered":"Shakespeare, Der Sturm"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2022\/04\/shakespeare-der-sturm.htm#comments'>2 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p><strong><em>Der Sturm und ich<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Reihe <em>BBC Television Shakespeare<\/em> war eine Reihe von Fernsehproduktionen von Shakespeare-Dramen, insgesamt 37 Folgen, erschienen 1978 bis 1985. Manche davon waren auch im deutschen Fernsehen zu sehen, \u00fcbersetzt; ich erinnere mich dunkel an einige davon, die keinen gro\u00dfen Eindruck hinterlassen haben, und zwei, die mir sehr gut im Ged\u00e4chtnis geblieben sind &#8211; das muss sp\u00e4testens in der ersten H\u00e4lfte 1985 gewesen sein, als ich in der 11. Klasse war. Sie sind mir vor allem deshalb im Ged\u00e4chtnis geblieben, weil wir zuhause einen Videorekorder und diese Folge aufgenommen hatten, so dass ich sie mehrfach sehen konnte, das erste Mal mit den Eltern zusammen (&#8222;Das hei\u00dft zwar Kom\u00f6die, aber das du darfst dir nicht vorstellen, dass das so lustig ist, wie du dir das erwartest.&#8220;), sp\u00e4tere Male allein oder mit Freunden, denen ich das aufzwang.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn mir gefiel das ausgesprochen gut: &#8222;Was ihr wollt&#8220; <em>(Twelfth Night)<\/em> und &#8222;Der Sturm&#8220; <em>(The Tempest)<\/em> habe ich so oft gesehen, dass ich Stellen auswendig kannte, immer auf Deutsch. Inzwischen habe ich beide Versionen digital, aber leider nur auf Englisch. Da lauten die Stellen ganz anders, und Caliban und Ariel sprechen regional gef\u00e4rbtes Englisch, Prospero und Miranda nicht. Wie ich sp\u00e4ter herausfand: mit Michael Hordern als Prospero, den ich als Senex in <em>Toll trieben es die alten R\u00f6mer<\/em> kannte (Richard Lester 1966, Musik und Texte von Stephen Sondheim, Kamera Nicolas Roeg, ich sag ja nur);  Ford Prefect als Ariel, Manuel als Trinculo.<\/p>\n\n\n\n<p>Prospero kannte ich auch aus Poul Andersons &#8222;Ein Mittsommernachtssturm&#8220; <em>(A Midsummer Tempest)<\/em>, erschienen 1982 in der Reihe Bastei L\u00fcbbe Fantasy, eine Abenteuergeschichte  in einer Welt, in der alle Dramen Shakespeares die Realit\u00e4t abbilden &#8211; aus unserer Sicht voller Anachronismen und voller Magie, mit weiteren alternativen Welten obendrein. <\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Jacqueline Carey, Miranda &amp; Caliban (2017)<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die letzten Wochen \u00fcber habe ich diesen Roman gelesen; Wochen, weil ich sehr wenig Konzentration f\u00fcr das Lesen \u00fcbrig hatte. Ich wei\u00df nicht mehr, wie ich auf dieses Buch gekommen bin, aber ich stehe ja auf Neuerz\u00e4hlungen bekannter Werke (<a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2019\/01\/robert-graves-homers-daughter-1955.htm\">Homer<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/03\/gelesen-bernhard-spring-folgen-einer-landpartie-2010.htm\">Eichendorff<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/07\/klaus-modick-fahrtwind-auch-wenn-man-nicht-viel-darueber-erfaehrt.htm\">Eichendorff<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2012\/02\/bernhard-hennen-die-nacht-der-schlange.htm\">D\u00fcrrenmatt<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/05\/pride-and-prejudice-and-zombies.htm\">Austen<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2012\/06\/buecher-der-letzten-zeit.htm\">Goethe<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/12\/john-updike-gertrude-and-claudius.htm\">Shakespeare<\/a>, en passant <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2020\/02\/04-02-2020.htm\">Bront\u00eb<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p><em>Miranda &amp; Caliban<\/em> ist eine Neuinterpretation des <em>Sturms<\/em> in Form einer Erz\u00e4hlung der Vorgeschichte. Das letzte F\u00fcnftel des Buchs entspricht der Handlung des St\u00fccks, der Rest erz\u00e4hlt die neun Jahre davor: wie Prospero seine Tochter erzieht und ihr immer mehr, aber nie viel, \u00fcber sich und die Welt erz\u00e4hlt, wie er sich erst Caliban, dann Ariel zu Dienern macht, Miranda zur Lehrerin Calibans wird, sp\u00e4ter Caliban zu dem Mirandas, und wie sie sich ineinander verlieben &#8211; was Prospero nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt nicht brauchen kann, weil er erstens Miranda als Instrument seiner Rache\/R\u00fcckkehr\/Revanche braucht und zweitens Caliban als nicht ganz menschliches Monster betrachtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die postkoloniale Interpretation des Dramas kenne ich seit dem Studium. Einfach gelesen ist Caliban tats\u00e4chlich ein halbwildes Monster, Prospero ein weiser und m\u00e4chtiger Wissenschaftler. Andererseits war Caliban vor Prospero auf der Insel, wird gegen seinen Willen zum Diener gemacht, als anders Aussehender abqualifiziert &#8211; das l\u00e4sst sich, schon mal vor dem Hintergrund der Erforschung der Neuen Welt zur Erscheinungszeit des St\u00fccks, schon sehr leicht lesen als Geschichte um einen Europ\u00e4er, der dem Eingeborenen das Land wegnimmt und ihn unterjocht, mit dem unvermeidlichen zeitgen\u00f6ssischen Rassismus dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wird auch in der ersten H\u00e4lfte des Buchs angedeutet, oder fiel mir da jedenfalls auf; in der zweiten H\u00e4lfte ist es dann mehr die Geschichte eines durchaus manisch strengen alleinerziehenden Vaters, dem der Nachbarsjunge nicht gut genug f\u00fcr die Tochter ist, die es einmal besser haben soll. Das ist dann nicht mehr ganz so reizvoll. Es passiert das Vorhersehbare: Der Sturm als Trag\u00f6die statt als Romanze.<\/p>\n\n\n\n<p>Jacqueline Carey schreibt wohl sonst Fantasy-Literatur mit in den deutschen Ausgaben schrecklichen Titelbildern. Zumindest dieses Buch ist allerdings kompetent geschrieben. An einigen Stellen klappt das mit dem <em>thou<\/em> und <em>thee <\/em>und <em>shouldst<\/em> und <em>hadst <\/em>nicht, aber insgesamt ist das schon sehr stimmungsvoll und passt fast fugenlos zum St\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Schullekt\u00fcre? Das Buch ist nicht sehr dicht, das kommt SuS oft mehr entgegen als mir selber.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Weitere Lekt\u00fcre<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sturm-Erweiterungen gibt es mehrere:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Margaret Atwood, <em>Hag-Seed<\/em><br>Eine Rache-Geschichte, die mich wiederum an den Grafen von Monte Christo erinnert hat, was mich daran erinnert hat, mal wieder <em>The Stars My Destination<\/em> von Alfred Bester zu lesen.<br>Der Ausgangspunkt: Ein Theaterregisseur und Festivalleiter, von schn\u00f6den Rivalen heimt\u00fcckisch verdr\u00e4ngt, geht ins Exil und die dramaturgische Provinz. Nach zw\u00f6lf Jahren erh\u00e4lt er die Gelegenheit, den Sturm aufzuf\u00fchren, mit der Literaturgruppe des Gef\u00e4ngnisses, die er unter falschem Namen leitet. Besucher der Auff\u00fchrung werden just und nur jene ehemaligen Gef\u00e4hrten sein, die ihn verraten haben (inzwischen in die Politik aufgestiegen), und er bereitet eine besondere Auff\u00fchrung vor. Zwischendrin erinnerte ich mich an Vincent Price in <em>Theatre of Blood<\/em> (1973), in dem ein verrissener Shakespeare-Schauspieler blutige und angemessen \u00fcbertriebene Rache an seinen Kritikern \u00fcbt. Weitere Assoziationen: das Anglistentheater zu Unizeiten mit einem Theaterst\u00fcck, das in einem Gef\u00e4ngnis spielt; und die letzte Episode der Serie <em>The Prisoner<\/em>. Dazwischen \u00fcberraschend viel Abschweifungen zu Literaturtheorie und Drameninterpretation. Hat Spa\u00df gemacht beim Lesen.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Grace Tiffany, <em>Ariel <\/em>(die Geschichte aus Ariels Perspektive)<\/li><li>Katharine Duckett, <em>Miranda in M<\/em>ilan (Fortsetzung, und auch hier Umdeutung der Geschehnisse)<\/li><li>Marina Warner, <em>Indigo <\/em>(\u00fcbernimmt nur Motive und Namen, spielt vom 17. bis ins 20. Jahrhundert)<\/li><li>Samantha Cohoe, <em>Bright Ruined Things<\/em> (Modernisierung)<\/li><li>Constance Beresford-Howe, <em>Prospero&#8217;s Daughter<\/em> (Modernisierung, \u00fcbernimmt wohl nur Motive)<\/li><li>Poul Anderson, <em>A Midsummer Tempest<\/em> (nur am Rande, wenn ich mich richtig erinnere)<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Und Comics (Sandman) und Filme zuhauf.<\/p>\n\n\n\n<p>PS: Meine <em>erste<\/em> Begegnung mit dem Sturm war wohl in Enid Blyton, <em>R\u00e4tsel um das verlassene Haus<\/em>. In meiner Erinnerung erw\u00e4hnt Dina, dass sie einmal die Miranda gespielt hat; beim Nachlesen stelle ich aber fest, dass das die Titania im <em>Sommernachtstraum<\/em> war &#8211; aber ein \u00c4ffchen namens Miranda spielt eine Rolle, und das ist nach dem St\u00fcck benannt, weil sein Besitzer das so gerne mag. Das ist aber schon sehr lange her, ich kann mich erinnern, wie ich beim Lesen von Enid Blyton meine Mutter fragte, was eine &#8222;Ko-uch&#8220; ist, weil ich da das Wort <em>Couch<\/em>, das ich nat\u00fcrlich schon kannte, zum ersten Mal geschrieben sah. (Nach Elternbesuch kann ich sagen: <em>R\u00e4tsel um die gr\u00fcne Hand,<\/em> S. 11.)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(2 Kommentare.) Der Sturm und ich Die Reihe BBC Television Shakespeare war eine Reihe von Fernsehproduktionen von Shakespeare-Dramen, insgesamt 37 Folgen, erschienen 1978 bis 1985. 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