{"id":21030,"date":"2022-07-10T20:29:11","date_gmt":"2022-07-10T18:29:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=21030"},"modified":"2023-05-16T08:51:10","modified_gmt":"2023-05-16T06:51:10","slug":"paul-fval-vampire-city","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2022\/07\/paul-fval-vampire-city.htm","title":{"rendered":"Paul F\u00e9val, Vampire City"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Paul F\u00e9val war ein damals durchaus sehr bekannter franz\u00f6sischer Autor des 19. Jahrhunderts; er schrieb Abenteuer- und Kriminalgeschichten und auch drei Vampir-Romane, alle vor Stoker. <em>La Ville-Vampire<\/em> erschien 1875, entstand aber vielleicht schon 1865. Es kursieren (auch bei Amazon) grottenschlechte automatisierte, fehlerhafte \u00dcbersetzungen; ich habe die \u00dcbersetzung von Brian Stableford aus dem Jahr 1999 gelesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Stableford kannte ich nur als Science-Fiction-Autor, aber er arbeitet auch akademisch und literaturkritisch und vor allem als Kenner des franz\u00f6sischen <em>roman scientifique<\/em> des 19. Jahrhunderts, von denen er laut Wikipedia 180 \u00fcbersetzt hat. <em>Vampire City<\/em> wirkt \u00e4u\u00dferst kompetent \u00fcbersetzt. Dazu ein ergiebiges Nachwort.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Roman gilt als Parodie auf die englische <em>gothic novel<\/em>, Ann Radcliffe und so, deren Glanzzeit zwar ein Dreivierteljahrhundert her war, die aber immer noch und immer wieder aufgelegt wurden und (trivialisierende) Nachahmer fanden. Aber nicht nur altes Material wurde nachgedruckt, bearbeitet oder nicht, englische Verlage bedienten sich auch gerne an franz\u00f6sischen Vorlagen, ohne gro\u00df auf Urheberrecht und Lizenzen zu achten. Und so beginnt <em>Vampire City<\/em> mit einem Seitenhieb auf englische Ver\u00f6ffentlichungspraktiken. Gleichzeitig bedient sich F\u00e9val eben auch selber bei Vorlagen: zumindest macht er Ann Radcliffe zur Heldin seiner Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt eine kleine Rahmenhandlung, in der eine entfernte, fast hundertj\u00e4hrige Verwandte von Radcliffe dem fiktiven Herausgeber die Geschichte erz\u00e4hlt, wie sie ihr seinerzeit von Radcliffe selber offenbart wurde. Und zwar ist diese Geschichte recht abenteuerlich. Es gibt reichlich gotische Elemente: Radcliffes Jugendfreund Edward wird heiraten, gleichzeitig mit ihr, da wird seine Braut Cornelia entf\u00fchrt, die pl\u00f6tzlich Erbin geworden ist; und zwar entf\u00fchrt vom gr\u00e4flichen v\u00e4terlichen Freund, der seinerseits im Bann einer teuflischen Sch\u00f6nen und eines noch teuflischeren Osteurop\u00e4er steckt&#8230; der sich au\u00dferdem als Vampir herausstellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Radcliffe macht sich auf, ihrem Freund und dessen Verlobter zu helfen, und sammelt nach und nach diverse Mitstreiter ein, die wie eine Rollenspiel-Abenteurergruppe wirken:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Ann Radcliffe selber (heroisch, von der Binnenerz\u00e4hlerin immer als &#8222;our Anna&#8220; bezeichnet; selbst kaum aktiv)<\/li><li>Grey Jack, getreuer Dienstbote Radcliffes<\/li><li>Merry Bones, irischer Draufschl\u00e4ger, geh\u00f6rt zu:<\/li><li>Edward Barton, Verlobter der zu rettenden Cornelia<\/li><li>Polly Bird, Farmerstochter, einst vom Vampir get\u00f6tet und jetzt dessen K\u00f6rperdouble lenkend<\/li><li>der Arzt Magnus Szegeli und ein namenlose Maler (weil Photographie noch nicht erfunden), beide schnell rekrutiert und schnell an die Vampire verloren, typische NPC-Begleiter<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Insgesamt gibt es bis auf das etwas ungew\u00f6hnliche Finale gar nicht so viel zu tun f\u00fcr unsere Helden, das Abenteuer ist sichtlich auf eine etwas kleinere Gruppe ausgelegt. Dennoch, zwischendrin sehr stimmungsvoll die namensgebende Stadt der Vampire: in Osteuropa, nur zu finden, wenn man einen Vampir bei sich hat, auch am hellichten Tag umgeben von Nacht, und innendrin eine riesige Nekropole. &#8222;Cyclopean&#8220; erscheint nur einmal, aber wenn das ganze frisch aus dem Meer aufgetaucht gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte Cthulhu sich wohl gef\u00fchlt dort:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>The desolate city which surrounded our friends was entirely devoid of life, color and movement. Their spirits were overwhelmed by the silence and the spectral splendor of its marvelous scenery, whose melancholy richness was unparalleled and indescribable.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Herz des Romans sind die Vampire, die einen gro\u00dfen Teil der Groteskerie ausmachen. Die Vampire saugen das Blut durch ihre Zungen, benutzen 24-Stunden-Uhren, aber vor allem werden ihre get\u00f6teten Opfer nicht einfach zu Vampiren &#8211; sie werden, hm, zum einen umgewandelt in andere Menschen- oder Tiergestalten, und sind in dieser Form quasi externe Teil des Vampirs. Der Vampir kann diese Gestalten wieder in sich aufnehmen und wieder aussenden. Er verwandelt sich also nicht selbst in eine Fledermaus, sondern kann eine Fledermaus (vormals: get\u00f6tetes Opfer)\u2026 absondern? Und obendrein kann der Vampir von sich selber, und k\u00f6nnen die Sub-Vampire von sich selber, Doppelg\u00e4nger erzeugen. So kann ein Vampir nach Belieben als Einzelgestalt auftreten oder als Gruppe oder als doppelte Gruppe.  &#8211; Wer diese F\u00e9val-Vampire im Rollenspiel verwenden will, f\u00fcr die gibt es <a href=\"https:\/\/pelgranepress.com\/2020\/09\/09\/25171\/\">bei Pelgrane Press<\/a> eine Anleitung zur Umsetzung, in der die speziellen F\u00e4higkeiten und Eigenschaften aufbereitet werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt jede Menge groteske Szenen. Der Ire im Kampf gegen Vampirhorden, bewaffnet mit einer gesch\u00e4rften <s>Suppenquelle<\/s> Suppenkelle und der Asche eines get\u00f6teten Vampirs (die bei Kontakt zu lebenden Vampiren zu Explosionen f\u00fchrt, was rollenspielhaft geschickt eingesetzt wird, um ein verschlossenes Tor zu \u00f6ffnen). Sticheleien auf die Plots und stilistischen Eigenheiten Radcliffes, oder der Engl\u00e4nder \u00fcberhaupt. Aber so sehr parodistisch fand ich den Roman gar nicht. Die Vampire sind in einer Zeit, bevor Bram Stoker die uns vertrauten Aspekte kodifizierte, weniger absurd, als sie uns heute erscheinen; Bilokation und Doppelg\u00e4ngerei sind klassische F\u00e4higkeiten des unheimlichen B\u00f6sen. Insgesamt vergn\u00fcglich zu lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul F\u00e9val war ein damals durchaus sehr bekannter franz\u00f6sischer Autor des 19. Jahrhunderts; er schrieb Abenteuer- und Kriminalgeschichten und auch drei Vampir-Romane, alle vor Stoker. La Ville-Vampire erschien 1875, entstand aber vielleicht schon 1865. Es kursieren (auch bei Amazon) grottenschlechte automatisierte, fehlerhafte \u00dcbersetzungen; ich habe die \u00dcbersetzung von Brian Stableford aus dem Jahr 1999 gelesen. 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