{"id":21708,"date":"2022-09-26T10:42:48","date_gmt":"2022-09-26T08:42:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=21708"},"modified":"2023-05-31T14:13:56","modified_gmt":"2023-05-31T12:13:56","slug":"harold-lamb-khlit-the-cossack-ein-conan-vorlaeufer-in-der-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2022\/09\/harold-lamb-khlit-the-cossack-ein-conan-vorlaeufer-in-der-ukraine.htm","title":{"rendered":"Harold Lamb, Khlit the Cossack &#8211; ein Conan-Vorl\u00e4ufer in der Ukraine"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In <a href=\"http:\/\/thecromcast.blogspot.com\/2019\/02\/season-8-episode-4-meet-khlit-cossack.html?m=1\">einem sch\u00f6nen Podcast<\/a> davon geh\u00f6rt und gelesen. Harold Lamb (1892 &#8211; 1962) war ein amerikanischer Autor von Abenteuergeschichten und popul\u00e4ren Sachb\u00fcchern mit historische Themen (Kreuzz\u00fcge, Dschingis Khan), sp\u00e4ter auch von Drehb\u00fcchern. Am bekanntesten ist er aber wohl f\u00fcr seine fr\u00fchen Geschichten, die 1917-1920 und dann noch einmal 1925-1926 iom Magazin <em>Adventure<\/em> erschienen sind (<a href=\"https:\/\/archive.org\/details\/AdventureV018N0319180803\">hier die Ausgabe M\u00e4rz 1918<\/a> bei archive.org).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also habe ich mir eine Auswahl seiner Geschichten von Wildside Press besorgt, ohne Kopierschutz, digital, f\u00fcr 0.99 Dollar, leider mit <s>einigen<\/s> sehr vielen Schreibfehlern:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"383\" height=\"518\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/B05E8648-8B78-476F-949D-D5F2C8E502A6.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-21711\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/B05E8648-8B78-476F-949D-D5F2C8E502A6.jpeg 383w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/B05E8648-8B78-476F-949D-D5F2C8E502A6-222x300.jpeg 222w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/B05E8648-8B78-476F-949D-D5F2C8E502A6-111x150.jpeg 111w\" sizes=\"auto, (max-width: 383px) 100vw, 383px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In vier der 18 Geschichten geht es um Khlit, und die haben mir so gut gefallen, dass ich mir alle Khlit-Geschichten besorgen werde. Sie spielen zum Ende des 16. Jahrhunderts in Osteuropa und Zentralasien, Ausgangspunkt ist die Ukraine. Die erste Geschichte wurde im  Jahr 1917 ver\u00f6ffentlicht, dem Jahr der Oktoberrevolution in Russland.  <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Khlit ist ein Kosake. Es ist sch\u00f6n, mal Abenteuer an von hier aus exotischen Orten zu lesen, bei denen keine Westfigur der Held und Retter ist. Aber was wei\u00df ich schon von Kosaken? Beim Blauen Bock gab es den Donkosakenchor (<a href=\"https:\/\/m.youtube.com\/watch?v=E-FdNrYYDuM\">Youtube, Filmausschnitt<\/a>; bei Wikipedia <a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Don_Kosaken_Chor_Serge_Jaroff\">Interessantes zur Geschichte<\/a>), und bei James Bond ging es mal um die \u201cLienzer Kosakentrag\u00f6die\u201c (<a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Lienzer_Kosakentrag\u00f6die\">Wikipedia<\/a>). Aber ich lerne ja beim Lesen, und parallel schlage ich viel nach.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Khlit ist ein Saporoger Kosake, aus dem<em> <\/em>Saporoger Sitsch. Das war ein mehr oder weniger autonomes, staaten\u00e4hnliches Gebilde, siehe auch Hetmanat, mit \u201crudiment\u00e4ren Elementen demokratischer Verfassung\u201c (Wikipedia). Das \u201esiehe auch\u201c bedeutet, dass ich da nicht ganz firm bin, auch weil Sitsch oft metonymisch f\u00fcr das ganze Gebilde verwendet wird. Das hielt sich in dieser Form zweihundert Jahre, im Grenzgebiet zwischen osmanischem Reich, Russland und Polen, bevor es zwischen diesen M\u00e4chten aufgerieben und aufgeteilt wurde. Die Kosaken selber: Letztlich haupts\u00e4chlich ostslawische Gruppen, aber keine einheitliche Ethnie, gefl\u00fcchtete Leibeigene, ein zusammengew\u00fcrfeltes Reitervolk.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Zuge der Lekt\u00fcre wieder in Erinnerung gerufen: Schwarzes Meer, Asowsches Meer, Kaspisches Meer. Neu nachgeschlagen: wo sind gleich wieder Astrakhan und Samarkand? Alles Namen, die ich kenne, und von denen ich zu wenig wei\u00df. \u00dcberhaupt, die Namen, ich lese sie gerade immer wieder in den Nachrichten &#8211;  angefangen beim Saporoger Sitsch,  teilweise auf dem Gebiet der heutigen Oblast Saporischschja. Wie gesagt, die Nachrichten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn man Harold Lamb heute liest, dann ist man wahrscheinlich \u00fcber Robert E. Howard auf ihn gesto\u00dfen. Howard war in den 1920er und fr\u00fchen 1930er Jahren ein Autor von Action- und Gruselgeschichten, vor allem aber von  historischen und enorm pr\u00e4genden unhistorischen Serienheld-Abenteuergeschichten. Historisch: Kreuzz\u00fcge, Wikinger, Dalriada; semi-historisch: Bran Mak Morn und die Pikten, Solomon Kane der Puritaner &#8211; schon angereichert mit \u00fcbernat\u00fcrlichen Elemente. Ganz unhistorisch: Erst K\u00f6nig Kull vor fiktiven 100.000 Jahren, dann Conan der Barbar vor fiktiven 10.000 Jahren. Jetzt mit richtig viel Monstern und Magie: Das Genre Sword &amp; Sorcery war entstanden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Conan streift mit seinem Schwert durch seine Fantasy-Welt, die grob &#8211; sehr grob &#8211; an unsere Welt angelehnt ist. In einem ausf\u00fchrlichen Essay erz\u00e4hlt Howard die fiktive Geschichte dieser Welt von Kull bis Conan, dessen Welt im Osten von einem gro\u00dfen Binnenmeer begrenzt wird, dem Vilayet-Meer, um das herum sich Conan ein Piratenreich erschaffen wird (sp\u00e4ter wird er dann K\u00f6nig anderswo). Dieses Meer ist der Vorl\u00e4ufer des Kaspischen Meers, wo Khlits Abenteuer beginnen (der sp\u00e4ter anderswo und zwischendurch Gro\u00dfkhan wird, aber so weit bin ich noch nicht). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Welt von Khlit gibt es reale Orte und Herrscher und es gibt bereits Pistolen, die aber noch nicht sehr zuverl\u00e4ssig sind und keine Rolle spielen. Zauberei und Monster gibt es keine. Davon abgesehen k\u00f6nnten die Abenteuer von Khlit auch in Conans Welt spielen, da taucht auch nicht in jeder Geschichte Magie auf. Und das Glaubensbekenntnis der Kosaken k\u00f6nnte auch das von Conan sein:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>&#8222;When one was born the father laid his sword beside it, saying\u2014 &#8218;Well, Cossack, here is my only gift to you, whereby to care for yourself and others.'&#8220;<\/li>\n\n\n\n<li>&#8222;He [Crom, Gott der Cimmerer] is grim and loveless, but at birth he breathes power to strive and slay into a man&#8217;s soul. What else shall men ask of gods?&#8220;<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber es gibt wichtige Unterschiede. F\u00fcr Khlit spielt sein Christentum eine Rolle, auch wenn er es nicht gro\u00df praktiziert. Anders als Conan ist er b\u00e4rtig und raucht Pfeife. Khlit und Conan sind erfahrene K\u00e4mpfer, aber in den vier Khlit-Geschichten erleben wir nur einen Zweikampf, und diesen nicht als Selbstzweck-H\u00f6hepunkt, sondern als ein notwendiges Plot-Element. Denn Khlit l\u00f6st seine Probleme durch kluge Ideen. Zumindest in den drei besten der vier Geschichten, die ich gelesen habe, ist Khlit fast eine odysseushaft listenreiche Figur (zu diesem Vergleich sp\u00e4ter mehr), auch in der vierten ist er kein K\u00e4mpfer, aber eher passiver Akteur in den Pl\u00e4nen anderer. Khlit ist sehr wenig an Reichtum und Sch\u00e4tzen interessiert; Conan strebt immerhin danach, weil er das dann f\u00fcr Frauen und Wein ausgeben kann. Beides spielt f\u00fcr Khlit keine gro\u00dfe Rolle. Und vor allem:  Bereits in der ersten Geschichte ist Khlit nicht mehr jung, sondern grauhaarig; sein Ziehsohn spielt eine wichtige Nebenrolle. (In den letzten Geschichten geht es wohl bereits um die Enkelgeneration, Khlit kann da schon lange nicht meh k\u00e4mpfen.)  In der dritten Geschichte muss Khlit bereits seine Kosaken-Gemeinschaft verlassen, weil  sie ihn f\u00fcr zu alt zum Mitk\u00e4mpfen h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich glaube, Lamb schreibt besser als Howard. Definitiv mit weniger Floskeln, realistischer ganz sicher, weniger melodramatisch. Auch seine Plots sind \u00fcberlegter. Dennoch hat Howards Bombast schon auch etwas, das zum Lesen reizt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In <a href=\"https:\/\/day.kyiv.ua\/en\/article\/culture\/ukrainian-grandfather-conan-barbarian\">diesem englischsprachigen Artikel einer ukrainischen Zeitungs-Webseite<\/a> von 2015 wird Khlit einem ukrainischen Publikum vorgestellt &#8211; wenn es schon so einen ukrainischen Abenteuerhelden gibt, soll man ihn dort auch kennen. Dort steht auch der Odysseus-Vergleich: &#8222;American researchers call him a &#8218;hero of Odyssean wit'&#8220; &#8211; der sich in zweifelhafterem Englisch und ohne Quellenangabe im Wikipedia-Artikel \u00fcber Khlit findet: &#8222;Some of american researchers call Khlit a \u201chero of Odyssean wit'&#8220;&nbsp; &#8211; da h\u00e4tte mich schon sehr der Ursprung interessiert. <em>(Nachtrag: Eine Fundstelle ist auf jeden Fall Howard Andrew Jones im Vorwort zu seiner Sammlung <\/em>Wolf of the Steppes<em>.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die anderen Geschichten in meinem Megapack habe ich noch nicht alle gelesen. Die bisherigen gefallen mir allerdings deutlich schlechter:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Eine Abenteuergeschichte um Francis Drake, bei denen zwar die Rahmendaten stimmen, die mir dennoch sehr unhistorisch zu sein scheint. Dass die Spanier ihn <em>El Draque<\/em> nannten, stimmt aber. Eine sehr fr\u00fche Geschichte &#8211; andererseits erschien auch \u201cKhlit\u201c im gleichen Jahr, dem ersten Jahr von Lambs Ver\u00f6ffentlichungen \u00fcberhaupt.<\/li>\n\n\n\n<li>Dann gibt es eine ganz schlimme, klischeehafte Krimi-Geschichte um gestohlene und in einer chinesischen Figur versteckte Juwelen, mit einer aufgesetzten Liebesgeschichte. Erschienen in <em>Argosy,<\/em> nicht <em>Adventure,<\/em> aber eigentlich \u00e4hnlicher Markt. <\/li>\n\n\n\n<li>Eine etwas in die L\u00e4nge gezogene Kipling-Geschichte, Indien, wei\u00dfer Offizier befreit ein Dorf von Kali-J\u00fcngern. Etliche Versatzst\u00fccke.<\/li>\n\n\n\n<li>Ein bretonischer Navigator als Sklave unter Bayezid I (dessen Helm ich im Louvre gesehen, aber nicht fotografiert hatte). Nach der Flucht Intrigen in Venedig, dann wieder Zentralasien. Deutliche Vorzeichen von Robert E. Howard, \u201cThe Lion of Tiberias.\u201c He, selbst  Friedrich Schiller hatte seinen \u201cDer Geisterseher.\u201c<\/li>\n\n\n\n<li>Eine weitere Indien-Episode, klischeehaft, mit unglaubw\u00fcrdiger Liebesgeschichte und unglaubw\u00fcrdigen Einheimischen. Weit entfernt von Khlit.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und jetzt frage ich mich: Sind die Khlit-Geschichte eigentlich auch so klischeehaft wie diese Krimigeschichte und ich merke es nur nicht, weil ich mit der Welt dieser Geschichten weniger vertraut bin? Alle Geschichten mit westlichen Helden (Bretagne, Schottland) oder Schurken (Russland, Finnland) sind nicht besonders, daran kann es auch liegen &#8211; es ist halt dann doch stets das Wei\u00dfe-Retter-Topos.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Nachtrag: Ich habe einige, aber bei weitem nicht alle, der sp\u00e4teren Khlit-Geschichten gelesen. Die sind deutlich l\u00e4nger und nicht so gut.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem sch\u00f6nen Podcast davon geh\u00f6rt und gelesen. Harold Lamb (1892 &#8211; 1962) war ein amerikanischer Autor von Abenteuergeschichten und popul\u00e4ren Sachb\u00fcchern mit historische Themen (Kreuzz\u00fcge, Dschingis Khan), sp\u00e4ter auch von Drehb\u00fcchern. 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