{"id":21883,"date":"2022-10-11T11:22:32","date_gmt":"2022-10-11T09:22:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=21883"},"modified":"2023-05-31T14:13:46","modified_gmt":"2023-05-31T12:13:46","slug":"jack-london-smoke-bellow","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2022\/10\/jack-london-smoke-bellow.htm","title":{"rendered":"Jack London: Smoke Bellow"},"content":{"rendered":"\n<p>Texas-Jim auf Twitter hat mir Alaska-Kid empfohlen: So hei\u00dft &#8222;Smoke Bellews&#8220; in vielen \u00dcbersetzungen auf Deutsch, weil dieser Spitzname schlecht zu \u00fcbersetzen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch ist eine Sammlung von zw\u00f6lf Geschichten, die Ende des 19. Jahrhunderts zur Goldrausch-Zeit in der Stadt Dawson am Klondike spielen, wo Kanada an Alaska grenzt. Die Geschichten um die Hauptperson Christopher &#8222;Smoke&#8220; Bellew und seinen Partner Shorty sind chronologisch angeordnet und mit wiederkehrenden Figuren, ergeben zusammen aber doch eher kein romanhaftes Ganzes &#8211; es sind Episoden. Ich mag dieses Format und empfehle das Buch.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die erste Geschichte<\/h2>\n\n\n\n<p>Die erste Geschichte ist neben der zweiten am realistischsten und allein schon lesenswert. Christopher Bellew, 21 Jahre, privates Einkommen, landet nicht ganz freiwillig bei einer Zeitschrift in San Francisco, deren Herausgeber es immer wieder gelingt, ihn freundlich bis aufs letzte auszunutzen, unbezahlt nat\u00fcrlich. So nimmt Bellew das gar nicht recht ernst gemeinte Angebot seines Onkels an, ihn und zwei Cousins zum Klondike zu begleiten &#8211; der Onkel h\u00e4lt Bellew n\u00e4mlich f\u00fcr einen verweichlichten Taugenichts. Und tats\u00e4chlich f\u00e4llt Bellew die erste Zeit in Kanada schwer. Anschaulich werden die letzten, schwierigsten Schritte der Anreise beschrieben: hin zum und \u00fcber den Chilkoot-Pass zwischen Kanada und Alaska. Alles zu Fu\u00df. Mit 900 kg Gep\u00e4ck pro Person, darunter Lebensmittel f\u00fcr ein Jahr. Den Gro\u00dfteil tr\u00e4gt man selber, indianische Tr\u00e4ger sind rar und teuer. Das hei\u00dft, man bewegt sich eine Meile pro Tag fort und geht dabei best\u00e4ndig hin und her, um nach und nach alles von einem Lagerpunkt zum n\u00e4chsten zu tragen. So sah das aus:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"522\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/london_Chikoot-border-1898-700x522.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-21967\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/london_Chikoot-border-1898-700x522.jpg 700w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/london_Chikoot-border-1898-300x224.jpg 300w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/london_Chikoot-border-1898-150x112.jpg 150w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/london_Chikoot-border-1898.jpg 706w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"550\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/london_Miners_climb_Chilkoot-700x550.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-21968\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/london_Miners_climb_Chilkoot-700x550.jpg 700w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/london_Miners_climb_Chilkoot-300x236.jpg 300w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/london_Miners_climb_Chilkoot-150x118.jpg 150w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/london_Miners_climb_Chilkoot.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Wikipedia entnahm ich, dass im Lucky-Luke-Band <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Am_Klondike\">&#8222;Am Klondike&#8220;<\/a> (1996) Jack London als Nebenfigur auftaucht, aber nach der \u00dcberquerung des Chilkoot bereits genug hat und den Rest erfindet. Zumindest teilweise erz\u00e4hlt London n\u00e4mlich tats\u00e4chlich von eigenen Erfahrungen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Smoke als Held<\/h2>\n\n\n\n<p>Smoke ist nach der ersten Geschichte zwar offiziell noch lange ein Greenhorn, meistert aber alle anfallenden Aufgaben, jedenfalls was das Zurechtkommen in der Natur betrifft, wie ein <em>old-timer:<\/em><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>So quickly, so deftly and methodically, did they go about making a temporary camp, that Joy, watching with jealous eyes, admitted to herself that the old-timers could not do it better.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Mit Schlittenhunden kennt er sich aus, ein Boot einen rei\u00dfen Fluss entlang kann er, und wenn er auch am Ende eines Kapitels zugibt, keine Ahnung von der Jagd zu haben, so verspricht ihm sein Partner, ihm das beizubringen, und das war es dann auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Jack London selbst hat durch Skorbut vier Vorderz\u00e4hne verloren; so etwas geschieht im Buch nur anderen. Und in einer Geschichte befindet sich der ja eigentlich unerfahrenere Smoke in der Gesellschaft der ungemein erfahrenen Joy Gastell, dem <em>love interest<\/em> im Hintergrund und am Yukon aufgewachsen. Aber es ist Joy, die mit den Beinen durch eine d\u00fcnne Eisplatte bricht, so dass Smoke schnell ein Feuer macht, ihr beim Ablegen der nat\u00fcrlich sofort steifgefrorenen Socken und Str\u00fcmpfe und Hose hilft, die Beine mit Schnee einreibt, bis Joy sich am Feuer w\u00e4rmen kann. Was f\u00fcr eine verpasste Gelegenheit: Ich h\u00e4tte lesen m\u00f6gen, wie sie das bei ihm macht!<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die N\u00e4he zum Tall Tale<\/h2>\n\n\n\n<p>Die n\u00e4chsten Geschichten sind etwas weniger realistischer, fast schon launig, wenn auch nicht ganz O. Henry. Zum Beispiel legt Smoke Bellew einen \u00f6rtlichen Roulette-Besitzer herein und wird ein anderes Mal selber von Joy Gastell und ihrem Vater hereingelegt. Alles nicht so dramatisch, einen Beutel mit Goldstaub und Goldnuggets hat eh jeder. In einer Geschichte geht es um einen komplizierten Trickbetrug, bei dem es um s\u00e4mtliche Eier in Dawson (ein paar Tausend) geht &#8211; eine Geschichte, wie sie auch ein Abenteuer von Dagobert Duck in seinen Jugendjahren am Yukon h\u00e4tte sein k\u00f6nnen. <a href=\"https:\/\/duckipedia.de\/Wiedersehn_mit_Klondike\">&#8222;Back to the Klondike&#8220;<\/a> war die erste dieser Geschichten, nat\u00fcrlich von Carl Barks, der &#8211; entnehme ich Wikipedia &#8211; zu der Zeit, als die Disney-Comic-K\u00fcnstler alle anonym arbeiteten, den Fans bereits als &#8222;The Good Duck Artist&#8220; bekannt war.<\/p>\n\n\n\n<p>(Ein anderes bekanntes Klondike-Epos ist <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=7wtz1zu3Y24\">&#8222;The Shooting of Dan McGrew&#8220;<\/a> von Robert W. Service.)<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter findet und verliert Smoke den &#8222;Suprise Lake&#8220;, einen legend\u00e4ren See, auf dessen Boden man gediegenes Gold klumpenweise findet &#8211; aber schwer zu erreichen, und von allen, die ihn fanden, hat keiner je den Weg dorthin zur\u00fcck gefunden. Das ist schon sehr mythisch, aber in sp\u00e4teren Geschichten wird der See wiedergefunden und es gibt Pl\u00e4ne, ihn abzulassen, um das Gold einzusammeln; das geschieht aber eher am Rande.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann gibt es ein ph\u00e4nomenales Schlittenhunderennen. Der Hintergrund: Ein abgesteckter millionenschwerer Claim ist nicht innerhalb der vorgesehenen Frist eingetragen worden, weil der vorl\u00e4ufige Besitzer spurlos verschwunden ist. Dazu m\u00fcssen alle Kandidaten, die den Claim gerne f\u00fcr sich h\u00e4tten, Schlag Mitternacht mit dem Ablauf der Frist zuerst den Claim neu abstecken (zwei Mittelpf\u00e4hle und sechs Eckpf\u00e4hle), sich dann zehn Meilen zu Fu\u00df zum zugefrorenen Fluss (=Wegstrecke) durchk\u00e4mpfen, um dort hundert Meilen mit ihren Hundeschlitten (Staffeln im fliegenden Wechsel) zur Stadt Dawson zu rasen, wo der erste, der den Anspruch auf dem Amt registriert, der neue Claim-Besitzer wird. Ich sehe Donald Duck vor mir, wie er den Schlitten lenkt, die Neffen als helfende H\u00e4nde, w\u00e4hrend Dagobert im Hintergrund Intrigen spinnt. Nicht umsonst ist einer der Teilnehmer &#8211; bei Jack London, nicht beim hypothetischen Carl Barks &#8211; ein &#8222;Baron Von Schroeder, an emperor&#8217;s favourite with an international duelling reputation&#8220;. Leider benimmt der sich dann v\u00f6llig harmlos, zwirbelt nicht mal seinen Schnurrbart. Das sehe ich mehr M\u00f6glichkeiten in der Duck-Variante.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Schlittenhunderennen<\/h2>\n\n\n\n<p>Apropos Schlittenhunderennen. Meine erste Begegnung war ein Cartoon von James Thurber. Einer seiner schnurrb\u00e4rtigen unt\u00fcchtigen M\u00e4nner steht auf einem kleinen Schlitten, ein angeleinter gro\u00dfer Hund, wie er f\u00fcr Thurber typisch ist, dreht sich skeptisch nach ihm um; die Bildunterschrift &#8211; dem Mann zuzuschreiben ist der Ausruf &#8222;Mush!&#8220; ist. Wie viele Thurber-Cartoons bleibt auch dieser kryptisch, selbst wenn man irgendwann einmal lernt, dass <em>mushing<\/em> das Arbeiten mit Hundeschlitten hei\u00dft (auch in der schneelosen Variante des &#8222;urban mushing&#8220;: <em>canicross, bikejoring, scootering, carting, sulky<\/em> und <em>skatejoring<\/em> &#8211; frage nicht) und <em>mush<\/em> das Kommando f\u00fcr &#8222;vorw\u00e4rts, los&#8220; ist. Weil, nat\u00fcrlich habe ich inzwischen zum Thema <a href=\"https:\/\/www.tylaspetcare.com\/dog-sledding-for-beginners\/\">Dog-Sledding-For-Beginners<\/a> recherchiert, und zum Claim-Abstecken damals und heute auch.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die letzte Geschichte<\/h2>\n\n\n\n<p>Die letzte Geschichte ist die l\u00e4ngste und schlechteste. Smoke ger\u00e4t in die Gefangenschaft eines entlegenen Indianerstamms, angef\u00fchrt von einem Schotten. Der l\u00e4sst schon seit Jahren nicht zu, dass Fremde von diesem Stamm erfahren; wer zu ihm st\u00f6\u00dft, muss auch dort bleiben, Smoke soll die &#8211; wei\u00dfe, artig Englisch sprechende &#8211; Tochter heiraten. Zwischen den Zeilen geschieht da auch wohl etwas, aber letztlich verhilft sie Smoke zur Flucht und begleitet ihn. Er \u00fcberlebt die Strapazen, auch weil sie sich letztlich f\u00fcr ihn opfert, aus lauter Liebe.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlecht ist die Geschichte wegen der kitschigen Liebesgeschichte, wegen der Indianer, die dann doch nur Nebendarsteller sind (anders als der Schotte und seine Tochter). Als <em>primitive<\/em> werden sie bezeichnet, nicht b\u00f6se gemeint, aber auch nicht hinterfragt. Die Frauen sind nicht h\u00fcbsch und haben keine sch\u00f6nen Stimmen &#8211; anders als Labiskwee nat\u00fcrlich, die H\u00e4uptlingstochter: &#8222;All the pristine goodness of her sex was in her, uncultured by the conventionality of knowledge or the deceit of self-protection.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Immerhin: Die t\u00f6dliche Flucht durch die eisige Bergwelt hat fast etwas von den <em>Mountains of Madness<\/em> von H. P. Lovecraft:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>All through the night the sand-frost drove by, and in the full light of a clear and wind-blown day, Smoke looked with swimming eyes and reeling brain upon what he took to be the vision of a dream. All about towered great peaks and small, lone sentinels and groups and councils of mighty Titans. And from the tip of every peak, swaying, undulating, flaring out broadly against the azure sky, streamed gigantic snow-banners, miles in length, milky and nebulous, ever waving lights and shadows and flashing silver from the sun.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Texas-Jim auf Twitter hat mir Alaska-Kid empfohlen: So hei\u00dft &#8222;Smoke Bellews&#8220; in vielen \u00dcbersetzungen auf Deutsch, weil dieser Spitzname schlecht zu \u00fcbersetzen ist. Das Buch ist eine Sammlung von zw\u00f6lf Geschichten, die Ende des 19. Jahrhunderts zur Goldrausch-Zeit in der Stadt Dawson am Klondike spielen, wo Kanada an Alaska grenzt. Die Geschichten um die Hauptperson [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":21967,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[224,294],"class_list":["post-21883","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-buecher","tag-buecher","tag-jack-london"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/london_Chikoot-border-1898.jpg","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_likes_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21883","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21883"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21883\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":55486,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21883\/revisions\/55486"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/21967"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21883"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21883"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21883"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}