{"id":22694,"date":"2022-12-08T06:33:04","date_gmt":"2022-12-08T05:33:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=22694"},"modified":"2023-06-09T08:30:57","modified_gmt":"2023-06-09T06:30:57","slug":"lehrkraefte-rechnen-noten-aus-oder-halt-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2022\/12\/lehrkraefte-rechnen-noten-aus-oder-halt-nicht.htm","title":{"rendered":"Lehrkr\u00e4fte rechnen Noten aus, oder halt nicht"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2022\/12\/lehrkraefte-rechnen-noten-aus-oder-halt-nicht.htm#comments'>5 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>In Bayern werden Noten gewichtet (wobei die Gewichtung vorher bekannt gegeben wird) und verrechnet und auf zwei Nachkommastellen ausgerechnet. P\u00e4dagogen und P\u00e4dagoginnen aus anderen Bundesl\u00e4ndern nehmen das in den sozialen Medien gerne mal als pars pro toto daf\u00fcr, dass ihnen am bayerischen Schulsystem etwas missf\u00e4llt. Denn: In manchen anderen Bundesl\u00e4ndern darf gar nicht so gerechnet werden. Was hier so vertraut ist wie das Zentralabitur, schockiert anderswo wie das Zentralabitur.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt das polemische Argument gegen das Ausrechnen: Dass es M\u00fche macht. Gerne wird dabei ein Bild der Lehrkraft bem\u00fcht, wie sie mit dem Federkiel m\u00fchsam Noten in einen Taschenrechner eintippt, oder so. Tats\u00e4chlich bereitet das gar keine M\u00fche. Das macht das System automatisch. Ich tippe die Noten ein und kriege den aktuellen Durchschnitt. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt das mathematische Argument: Es geht gar nicht, von Noten einen Mittelwert zu errechnen, weil Noten ordinalskaliert sind. (Das w\u00e4re so, als w\u00fcrde man den Mittelwert zwischen zwei Siebtkl\u00e4sslerinnen und drei Achtkl\u00e4sslerinnen berechnen wollen, oder zwischen einem Unteroffizier und einem Offizier.) Allerdings geht es sehr wohl, wenn man mir einen Taschenrechner gibt, kann ich das demonstrieren, zur Not auch mit Bleistift und, na ja, Bierdeckel w\u00e4re mir peinlich, der ist verbrannt. Gemeint ist nat\u00fcrlich, dass das Berechnen des Mittelwerts nicht <em>sinnvoll <\/em>ist. Das lernt man vermutlich schon im Einf\u00fchrungskurs. Aber wir haben hier eine andere Dom\u00e4ne, einen anderen Anwendungsfall, und ob das da sinnvoll ist oder nicht, ist eine andere Frage. (Spoiler: Klar ist das sinnvoll, innerhalb bestimmter Grenzen.) F\u00fcr mich hat das etwas von &#8222;Schwarz ist keine Farbe&#8220; &#8211; stimmt schon, einerseits, ist aber nicht \u00fcberall eine hilfreiche Einstellung. Ich vermute sehr, dass auch in den Studieng\u00e4ngen, in denen man lernt, dass man von Noten keinen Mittelwert bilden darf, aus Noten ein Mittelwert gebildet wird. Zu sagen, dass der Mittelwert p\u00e4dagogisch ungeeignet ist: gerne. Zu sagen, dass man den Mittelwert nicht berechnen kann: f\u00fcgt sich nicht der Realit\u00e4t. Vielleicht braucht man in der Einf\u00fchrung in die Statistik einfach andere Beispiele?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kritik am Mittelwert: Wenn jemand zweimal 3+ und einmal 4- hat, also jeweils um 1 Punkt neben der anderen Note liegt, k\u00e4me etwas anderes heraus, wenn man am Ende die <em>Punkte <\/em>statt der Noten verrechnen und aus diesen die Noten bilden w\u00fcrde. Das stimmt schon, aber in Deutsch bilde ich meine Noten nicht nach Punkten, bei m\u00fcndlichen Noten auch nicht, und in Englisch und Informatik wenigerals man denkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sonst kenne ich eigentlich keine sinnvollen Argumente dagegen, au\u00dfer die Argumente gegen Noten \u00fcberhaupt, von denen es schw\u00e4chere und sehr gute gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei welchem Notendurchschnitt am Schuljahresende ich welche Noten gebe, ist \u00fcbrigens nicht in der Schulordnung vorgeschrieben. Eine Gesamtnote wird unter Ber\u00fccksichtigung der Gewichtungen ermittelt, aber es ist ein Ger\u00fccht, dass ich bis 3,50 eine 3 und ab 3,51 eine 4 geben muss. Nat\u00fcrlich gibt es da Spielraum in beide Richtungen. Es steht auch nirgendwo, wie gro\u00df der Spielraum ist. Wichtig ist, dass die Klassenkonferenz von der Note \u00fcberzeugt ist, denn die entscheidet \u00fcber die Note und <em>nicht<\/em> die einzelne Lehrkraft. Wenn ein Kollege mit 3,3 eine 4 geben will, muss er das halt begr\u00fcnden, wenn eine Kollegin mit 3,8 die 3, dann auch. Zugegeben: Wie viel da in Konferenzen hinterfragt wird, das ist kulturelle Tradition, und wie viel Spielraum als sinnvoll erachtet wird. Wahrscheinlich gibt es auch Urteile dazu. Und da ist vielleicht doch  ein Nachteil: Man kann es sich als Lehrkraft leicht machen und zum einen ,50 als Grenze nehmen und zum anderen sich nicht f\u00fcr die Noten der anderen zu interessieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ist das in anderen L\u00e4ndern, wenn da nicht gerechnet wird? Gewichtet man im Nachhinein bei der einen Sch\u00fclerin die eine Pr\u00fcfung mehr, beim anderen Sch\u00fcler weniger? Gibt es da irgendeine Kontrollinstanz, muss man seine Noten jemandem gegen\u00fcber rechtfertigen? Ich bin tats\u00e4chlich auch daf\u00fcr zu sagen, die Note vergibt man als Lehrkraft nach Gef\u00fchl, aber f\u00fchrt das nicht zu \u00c4rger? (Anscheinend nicht.) Meinem Gef\u00fchl traue ich ja, aber die anderen haben am Ende andere Gef\u00fchle.<\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich keine sehr wichtige Frage. Man kann es sich so oder so leicht machen mit der Bewertung, oder eben nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>tl;dr: Wenn man f\u00fcr ordinalskalierte Werte keinen Mittelwert angeben kann und bei Noten einen Mittelwert ausrechnen kann, sind sie entweder nicht ordinalskaliert oder das Ergebnis ist kein Mittelwert, sondern etwas anderes. Mir ist alles recht.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nachtrag: Zwei 5er oder so f\u00fchren nicht zwangsl\u00e4ufig zu einer Wiederholung des Schuljahrs. Es wird immer gepr\u00fcft, ob eine Vorr\u00fccken auf Probe sinnvoll ist. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nachtrag: Wenn Noten mehr oder weniger erw\u00fcrfelt werden, wieso sind sie dann \u00fcber Jahre stabil? (Ich schaue mir ja gerne mal die Abiturnoten derjenigen an, die ich schon aus der Unterstufe kenne.) Werden die nur einmal am Anfang ausgew\u00fcrfelt?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nachtrag: Es gibt wirklich &#8222;Man kann nicht&#8220;-Ultras. Es ist absurd zu sagen, dass nicht m\u00f6glich ist, was in der Realit\u00e4t geschieht. Ich habe ja schon angeboten, dass dann nicht mehr Mittelwert zu nennen, aber das Angebot wurde ausgeschlagen. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nachtrag: Sch\u00f6nes Beispiel eines Mathematikers auf Twitter, der meinte, man k\u00f6nne ja auch den Mittelwert von &#8222;m\u00e4nnlich&#8220; und &#8222;weiblich&#8220; berechnen, wenn man das mit Zahlen 0 und 1 kodierte, und ein Geschlecht von 0,7 sei ja wohl absurd. (Ist es nicht, w\u00fcrde ich Computerspiel so machen, wo meine Population dann einen Geschlechterwert von 0,47 h\u00e4tte, zum Beispiel.) Oder als w\u00fcrde man den Mittelwert von &#8222;Turm&#8220; und &#8222;Bauer&#8220; beim Schach berechnen wollen. (Das geschieht selbstverst\u00e4ndlich im Schach, wo die Figuren Wertigkeiten haben.) Ich kann auch ordinalskalierten Noten Werte zuweisen und dann den Mittelwerte daraus berechnen, etwa 3 Euro f\u00fcr jedes &#8222;sehr gut&#8220; im Zeugnis, 2 f\u00fcr &#8222;gut&#8220;, 1 f\u00fcr &#8222;befriedigend&#8220;. Es kommt halt immer darauf an, ob die Kodierung von Ordinalskalen und das Rechnen mit der Kodierung im Anwendungsgebiet sinnvoll ist oder nicht. (Von den Ordinalskal-Werten selber will man ja keinen Mittelwert berechnen.)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(5 Kommentare.) In Bayern werden Noten gewichtet (wobei die Gewichtung vorher bekannt gegeben wird) und verrechnet und auf zwei Nachkommastellen ausgerechnet. P\u00e4dagogen und P\u00e4dagoginnen aus anderen Bundesl\u00e4ndern nehmen das in den sozialen Medien gerne mal als pars pro toto daf\u00fcr, dass ihnen am bayerischen Schulsystem etwas missf\u00e4llt. 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