{"id":22822,"date":"2023-01-03T19:16:09","date_gmt":"2023-01-03T18:16:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=22822"},"modified":"2023-05-16T08:50:05","modified_gmt":"2023-05-16T06:50:05","slug":"charles-sealsfield-das-kajuetenbuch-oder-nationale-charakteristiken-1841","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2023\/01\/charles-sealsfield-das-kajuetenbuch-oder-nationale-charakteristiken-1841.htm","title":{"rendered":"Charles Sealsfield, Das Kaj\u00fctenbuch oder Nationale Charakteristiken (1841)"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2023\/01\/charles-sealsfield-das-kajuetenbuch-oder-nationale-charakteristiken-1841.htm#comments'>2 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einstieg<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich h\u00f6re gerade heruntergeladene H\u00f6rb\u00fccher auf, bin schon beim Buchstaben S <a href=\"https:\/\/www.vorleser.net\/sealsfield_praerie\/hoerbuch.html\">und zwar bei dieser Aufnahme<\/a> &#8211; eine der wohl bekannteren Passagen aus einem mir bislang v\u00f6llig unbekannten Wildwest-Buch von einem Autor, von dem ich noch nie geh\u00f6rt hatte: Charles Sealsfield, ein amerikanischer Staatsb\u00fcrger, geboren 1793 als Carl Anton Postl im heutigen S\u00fcd-Tschechien, gestorben 1864 in der Schweiz. &#8222;1823 fl\u00fcchtete Postl aus ungekl\u00e4rten Gr\u00fcnden \u2013 er wurde sogar per\u00a0Steckbrief\u00a0gesucht \u2013 \u00fcber\u00a0Wien\u00a0und\u00a0Stuttgart\u00a0in die USA, wo er sich eine neue Identit\u00e4t aufbaute&#8220;\u201c&#8220; (Wikipedia) &#8211; drumrum skandal\u00f6se Ver\u00f6ffentlichungen unter diversen Pseudonymen, vergebliche Versuche, Geheimagent zu werden, durchaus turbulent. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Buch selber \u00fcberraschte mich. So unbekannt ist es nicht, vom ersten Teil gibt es eine Reclamausgabe. 1841 erschienen, scheint es Karl May vorwegzunehmen.  Ich hatte naiv geglaubt, die literarische Erschlie\u00dfung des Wilden Westens h\u00e4tte erst sp\u00e4ter begonnen, h\u00fcben wie dr\u00fcben &#8211; ja, <em>The Last of the Mohicans<\/em> von James Fenimore Cooper erschien bereits 1826, aber dann fallen mir keine Wildwestgeschichten bis Bret Harte ein &#8211; nicht bei Poe, nicht bei Hawthorne, nicht bei Twaine. Deutsche Werke vor und nach Karl May kenne ich eigentlich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sealsfield war wohl ein gro\u00dfer Freund der S\u00fcdstaatenkultur und auch der Sklaverei dort. Es ist auch immer wieder von \u201ePflanzungen\u201c dort die Rede, <em>plantations,<\/em> ein Begriff, der mich bei Otto Ehrhart (<a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2022\/11\/otto-ehrhart-bembes-macht-sich-selbstaendig.htm\">Bembes-Blogeintrag<\/a>) schon gewundert hatte, weil er bei Karl May nie auftaucht &#8211; aber der schreibt halt schon vom Niedergang des Westens, und sicher nach dem amerikanischen B\u00fcrgerkrieg; auch eher im Westen als im S\u00fcden. Bei Sealsfield, also zumindest bei diesem einen Roman, will Amerika noch erobert, ach was: unterworfen, gez\u00e4hmt, bezwungen werden. So wird am Anfang beschrieben, wie Mustangs gefangen und schlie\u00dflich gez\u00e4hmt werden:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist das Tier gefangen, so wird es auf eine nicht minder brutale Weise gez\u00e4hmt. Es werden ihm die Augen verbunden, das furchtbare, pfundschwere Gebi\u00df in den Mund gelegt, und dann wird es vom Reiter \u2013 die nicht minder furchtbaren, sechs Zoll langen Sporen an den F\u00fc\u00dfen \u2013 bestiegen und zum st\u00e4rksten Galopp angetrieben. Versucht es sich zu b\u00e4umen, so ist ein einziger, und zwar gar nicht starker Ri\u00df dieses Martergebisses hinreichend, dem Tiere den Mund in Fetzen zu zerrei\u00dfen, das Blut in Str\u00f6men flie\u00dfen zu machen. Ich habe mit diesem barbarischen Gebisse Z\u00e4hne wie Z\u00fcndh\u00f6lzer zerbrechen gesehen. Das Tier wimmert, st\u00f6hnt vor Angst und Schmerzen, und so wimmernd, st\u00f6hnend wird es ein oder mehrere Male auf das sch\u00e4rfste geritten, bis es auf dem Punkte ist, zusammenzubrechen. Dann erst wird ihm eine Viertelstunde Zeit zum Ausschnaufen gegeben, worauf man es wieder dieselbe Strecke zur\u00fccksprengt. Sinkt oder bricht es w\u00e4hrend dem Ritte zusammen, so wird es als untauglich fortgejagt oder niedergesto\u00dfen, im entgegengesetzten Falle aber mit einem gl\u00fchenden Eisen gezeichnet und dann auf die Pr\u00e4rie entlassen. Von nun an hat das Einfangen keine besonderen Schwierigkeiten mehr; die Wildheit des Pferdes ist g\u00e4nzlich gebrochen, aber daf\u00fcr eine Heimt\u00fccke, eine Bosheit eingekehrt, von der man sich unm\u00f6glich eine Vorstellung machen kann.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Allerdings wird die Natur am Anfang anders beschrieben: &#8222;Aber wir hatten auch gewisserma\u00dfen die Vorhalle des Tempels des Herrn betreten, denn einem wahren Tempel glich die grandiose Natur um uns herum. Alles so still, feierlich und majest\u00e4tisch! Wald und Flur, Wiesen und Gr\u00e4ser, so rein, so frisch, gerade als w\u00e4ren sie soeben aus der Hand des ewigen Werkmeisters hervorgegangen. Keine Spur der s\u00fcndigen Menschenhand, die unbefleckte, reine Gotteswelt!&#8220;)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es folgt jetzt der Anfang des Romans, die Rahmenhandlung, damit sich ein Bild davon machen kann, wer das mag. Ist es wirklich nur das Wildwest-Setting, das den Anfang so viel j\u00fcnger auf mich wirken l\u00e4sst? Oder ist trivialere Literatur zeitlos? Danach weiter Kommentar zu Inhalt und Aufbau und anderen Themen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Kaj\u00fctenbuch oder Nationale Charakteristiken (Anfang)<\/h2>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group has-background has-global-padding is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\" style=\"background-color:#fbf9e9\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber den Madeiras und Sherries und Chambertins und Lafittes, und den gewonnenen und verlorenen Wetten und Cottonpreisen und Sklavenpreisen und Banksystemen und Subtreasurysystemen begannen denn doch allm\u00e4hlich die K\u00f6pfe hei\u00df zu werden, \u2013 noch immer aber herrschte ein heiter zuvorkommender, gentlemanischer Ton. Da lie\u00df sich, gerade wie der bardolphsnasige Mayordomo eine frische Ladung Bouteillen aufstellte, vom untern Ende der Tafel herauf eine entschiedene Stimme h\u00f6ren:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWir wollen nicht.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbIhr wollt nicht?\u00ab donnerte es heftig, beinahe rau, entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWir wollen nicht\u00ab, war die feste Antwort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zwei Stimmen wirkten wie die erste Windsbraut vor dem hereinbrechenden Sturme. Alle schauten in der Richtung, wo der Sto\u00df herkam. Es war jedoch nichts zu sehen, die dichten Rauchwolken der Havannas verh\u00fcllten Streiter und Zecher.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWer ist der Mann?\u00ab wisperte es am obern Ende der Tafel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbDarf ich so frei sein zu fragen, Gentlemen, um was es sich handelt?\u00ab fragte ein zweiter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbGewiss,\u00ab versetzte die entschiedene Stimme, \u00bbmein achtbarer Nachbar ist der Ansicht, Texas m\u00fcsse sich an den S\u00fcden anschlie\u00dfen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbDas muss es auch\u00ab, fielen mehrere ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbDass ich nicht w\u00fcsste\u00ab, entgegnete im ironischen Tone der Disunionist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die K\u00fchnheit, in diesem Tone zu vierundzwanzig oder mehr Grandees, die zusammen leicht ein Heer von f\u00fcnf- bis sechstausend r\u00fcstigen Negern ins \u2013 Cottonfeld stellen konnten, zu sprechen, schien nicht geringes Befremden zu erregen; die Frage, wer ist der Mann, lie\u00df sich, und zwar sehr missbilligend, wiederholt vom obern Ende der Tafel herab h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbUnd warum soll es nicht?\u00ab fragte wieder eine Stimme.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbIch gebe die Frage zur\u00fcck, Sir! Warum soll es?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbEs ist ein integrierender Teil Louisianas.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbUm Vergebung! Seht den Bericht der Kommiss\u00e4re bei Abschluss des Ankaufes Louisianas und der Zession Floridas an, und ihr werdet finden, dass Frankreich nie in den Sinn kam, den Rio del Norte anzusprechen, und dass Spanien, blo\u00df um vor euch Ruhe zu haben, eure Anspr\u00fcche durch Florida befriedigte. Ihr seid in jeder Hinsicht vollkommen zufriedengestellt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbEr ist kein B\u00fcrger\u00ab, murmelten wieder die einen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWer ist er?\u00ab die andern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbEin kecker Bursche auf alle F\u00e4lle\u00ab, die dritten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbUnd wer\u00ab, schrie wieder die heftige Stimme, \u00bbund wer \u2013 wer hat Texas bev\u00f6lkert? Wem hat es seine Unabh\u00e4ngigkeit zu verdanken als uns, den s\u00fcdlichen Staaten, seinen Nachbarn?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbAh, das ist eine andere Frage, Oberst Oakley, aber ich glaube, Nachbarschaft und Konvenienz entscheiden hier doch nicht allein.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbUnd was entscheidet, General Burnslow?\u00ab fielen nun ein Dutzend Stimmen ein, \u00bbwer soll entscheiden? Wer? Der Norden? Sollen wir uns vom Norden vorschreiben lassen?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbVom alten Weibe Adams?\u00ab schrien die einen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbOder dem langweiligen Webster?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbOder dem pedantisch schulmeisterlichen Everett?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWeder von dem einen noch dem andern, sondern vom s\u00fcdl\u00e4ndischen Gerechtigkeitssinne, der da sagt: Wir haben kein Recht auf Texas!\u00ab sprach der General.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbIhr seid auf einmal schrecklich gerecht, General Burnslow\u00ab, lachten mehrere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbTrotz dem alten Adams\u00ab, fielen andere ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbUnd ihr ungerecht\u00ab, replizierte der General.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbTrotz dem kleinen fliegenden Holl\u00e4nder\u00ab, fiel wieder lachend einer seiner Nachbarn ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser letztere Hieb, unserer illustren Exzellenz im Wei\u00dfen Hause dargebracht, fand so allgemeinen Anklang, dass Unionisten und Nicht-Unionisten in ein lautes Gel\u00e4chter ausbrachen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem viel gem\u00e4\u00dfigteren Tone rief wieder eine Stimme: \u00bbAber was wollt ihr denn eigentlich mit Texas, Gentlemen? Euch euren Cottonmarkt ganz verderben? Oder glaubt ihr, nach Texas ebensoleicht als nach Jackson<sup>1<\/sup> oder dem Indian Purchase<sup>2<\/sup> hinauf zu siedeln? Ich f\u00fcr meinen Teil g\u00e4be nicht viel darum, wenn das ganze Texas im Pfefferland w\u00e4re \u2013 verdirbt uns nur den Markt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWahr, wahr!\u00ab bekr\u00e4ftigten mehrere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbOder\u00ab, nahm ein anderer das Wort, \u00bbwollt ihr euch eine neue Rotte von Exilierten, Spielern, M\u00f6rdern und heillosem Gesindel auf den Hals laden, nachdem ihr kaum mit der alten fertig geworden? Wieder neue Vixburgh-Auftritte<sup>3<\/sup> haben?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bb<em>Hist, hist,<\/em> Oberst Cracker!\u00ab mahnten mehrere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Oberst h\u00f6rte jedoch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbK\u00e4me uns das gerade recht \u2013 brauchten das V\u00f6lkchen, ist ja nichts als Gesindel.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bb<em>Hist, hist!<\/em>\u00ab warnte es abermals, und dann lie\u00df sich ein missbilligendes Gemurmel h\u00f6ren, worauf eine etwas unheimliche Stille eintrat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Stille wurde auf einmal durch die sehr artig, aber auch sehr bestimmt und fest ausgesprochenen Worte unterbrochen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbOberst Cracker, wollt Ihr so gut sein, Eure Ausdr\u00fccke, die Ihr in Verbindung mit Texas zu bringen beliebt, zu qualifizieren?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt wurde die ganze Gesellschaft sehr ernst, die Zigarren verschwanden, und beim Lichte der achtzehn Wachskerzen, die auf den silbernen Armleuchtern brannten, wurde ein junger Mann sichtbar, der langsam vor den letzten Sprecher getreten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der erste Anblick verriet den Gentleman. Nicht gro\u00df, nicht klein, hatten seine Formen jenes Gef\u00e4llige, Gedrungene, das den Mann verr\u00e4t, der seine Gem\u00fcts- sowohl als k\u00f6rperlichen Bewegungen vollkommen zu beherrschen wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unwillk\u00fcrlich richtete sich der l\u00e4ssig im Fauteuil hingestreckte Oberst Cracker auf, den Sprecher vom Kopf zu den F\u00fc\u00dfen messend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbMit wem habe ich die Ehre zu sprechen?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbOberst Morse von Texas.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbOberst Morse von Texas?\u00ab riefen ein Dutzend Stimmen \u2013 \u00bbOberst Morse von Texas?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbOberst Morse von Texas?\u00ab wiederholte, langsam sich erhebend, Oberst Cracker.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbDerselbe, der zuerst bei Fort Velasco?\u00ab rief der General.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbUnd dann bei San Antonio?\u00ab Oberst Oakley.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbUnd dann in der letzten Entscheidungsschlacht?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbDerselbe\u00ab, versetzte der junge Mann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbAh, das ist etwas ganz anderes\u00ab, lachte nun Oberst Cracker. \u00bbMit Vergn\u00fcgen qualifiziere ich zu Euren Gunsten, Oberst Morse, Ihr seid ein Gentleman, ein geborner Gentleman.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbDanke\u00ab, versetzte dieser trocken, \u00bbdoch muss ich Euch bitten, Eure G\u00fcte auch auf die hundertundzw\u00f6lf, die bei Fort Velasco, sowie auf die zweihundert, die in der Aff\u00e4re von San Antonio, und auf die f\u00fcnfhundert, die vor dem Fort Goliad, sowie auf die f\u00fcnfhundertundf\u00fcnfzig, die in der letzten Entscheidungsschlacht gefochten, auszudehnen, mit einem Worte, zu ihren Gunsten eine Ausnahme zu machen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbAuch das\u00ab, sprach, sich die Lippen bei\u00dfend, der Oberst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbJetzt sind wir zufrieden\u00ab, versetzte l\u00e4chelnd der Texassche Oberst, \u00bbund als Gegenkompliment will ich Euch das Vergn\u00fcgen gew\u00e4hren, Euch zu gestehen, ja auf Ehre zu versichern, dass wir wirklich viel Gesindel in Texas haben.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbBravo, bravo! Oberst!\u00ab riefen alle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbGesindel in H\u00fclle und F\u00fclle\u00ab, versicherte der Oberst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbAber wisst Ihr, Oberst\u00ab, nahm lachend Oberst Oakley das Wort, \u00bbdass Ihr f\u00fcr einen Texaner da mehr zugebt, als meines Erachtens n\u00f6tig ist, gar zu \u2013\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbAufrichtig seid, wollt Ihr sagen, Oberst Oakley\u00ab, fiel der junge Mann ein, \u00bbund aufrichtig sage ich Euch, dass wir Gesindel in H\u00fclle und F\u00fclle haben, Abenteurer aller Art, Exilierte, Spieler, M\u00f6rder, und doch nicht zu viele.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbDen Teufel auch!\u00ab lachten wieder alle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbNicht zu viele, versichere Euch auf Ehre! Und dass uns dieses Gesindel sehr gut zustatten kam, vielleicht besser zustatten kam, als uns Eure ruhigen, friedlichen, respektablen B\u00fcrger zustatten gekommen w\u00e4ren.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbAlle Teufel!\u00ab lachten wieder alle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbEure Worte in Ehren, Oberst Morse\u00ab, sprach Oakley, \u00bbaber Ihr gefallt Euch, wenn nicht in Paradoxen, doch in R\u00e4tseln.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWirklich in R\u00e4tseln\u00ab, fiel der General in einem Tone ein, der offenbar den Wunsch verriet, der Unterhaltung eine weniger pikante oder, was hier dasselbe war, gef\u00e4hrliche Wendung zu geben. \u00bbAufrichtig gesagt\u00ab, fuhr er fort, \u00bbsollten wir auf unsern lieben Gastgeber ein bisschen ungehalten sein, dass er uns einen so werten Besuch nicht aufgef\u00fchrt, aber unser Freund, Kapit\u00e4n Murky, ist \u00fcberhaupt so schweigsam.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbIch kam, als Ihr bereits bei der Tafel sa\u00dfet, General, und dies \u2013\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbEntschuldigt hinl\u00e4nglich\u00ab, fiel der General ein. \u00bbAber wie kamt Ihr, der Sohn einer unserer besten Maryland-Familien, nach Texas? Ich h\u00f6rte etwas von einem Morse, aber erst vor kurzer Zeit wurde mir die Gewissheit. \u2013 Wie kamt Ihr nach Texas? Sollte doch glauben, der Sohn Judge Morses d\u00fcrfte auch in den Staaten \u2013\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbEin Pl\u00e4tzchen gefunden haben, um da seinen Herd aufzuschlagen, nicht wahr, General?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbSo sollte ich\u00ab, versetzte dieser.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbJa, wie kamet Ihr nach Texas, Oberst?\u00ab riefen alle. Die Frage war, die Wahrheit zu gestehen, eine f\u00fcr Texas nicht sehr schmeichelhafte, aber sie war in einem so freundlich teilnehmenden Tone, so ganz ohne alle <em>second thougts<\/em> gestellt, die Fragenden, M\u00e4nner von so bedeutendem Gewichte \u2013 der Oberst, nachdem er den ihm von dem Mayordomo gestellten Sessel genommen, nippte mit einer Rundverbeugung an dem frisch gef\u00fcllten Glase:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWie ich nach Texas kam?\u00ab wiederholte er ernster.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbJa, wie kamet Ihr nach Texas, Oberst?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Fu\u00dfnoten<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1 Der Sitz der Regierung des Staates Mississippi.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">2 Der n\u00f6rdlich von Natchez gelegene, bekanntlich noch nicht lange den Indianern abgekaufte Teil des Staates Mississippi.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">3 Anspielung auf die Lynch-Exekution, die vor einigen Jahren da stattfand.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Aufbau und Inhalt (mit Spoilern)<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Standardwerk <em>Daten deutscher Dichtung<\/em>, <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/themen\/daten-deutscher-dichtung-umstrittenes-lexikon-wird-nicht-mehr-verlegt-1796890.html\">seit 2009 nicht mehr verlegt,<\/a> als pl\u00f6tzlich allen die Nazi-Vergangenheit der Autoren auffiel, von der man doch als Germanist schon lange wusste, schreibt \u00fcber <em>Das Kaj\u00fctenbuch<\/em> (und zwar in einem Tonfall, der niemanden \u00fcberraschen d\u00fcrfte)<em>:<\/em> <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">St\u00e4rke in der Wiedergabe des Atmosph\u00e4rischen, in der Charakterzeichnung, im Sprechstil der Personen; Anglizismen. Die Fiktion von Realit\u00e4t durch Quellenangaben, Augenzeugenberichte, Detailschilderung erreicht. F\u00fcr die vorrealistische Erz. typische Formverwilderung: Mischung von Anekdotischem, Novellistischem, Romanhaftem; die Verteilung auf mehrere Erz\u00e4hler im letzten Drittel zugunsten der Rahmenerz. aufgegeben, die in eine triviale Liebesgesch. m\u00fcndet.<\/p>\n<cite>Herbert und Elisabeth Frenzel, <em>Daten deutscher Dichtung<\/em><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Buch erschien an der Schwelle zum Realismus, nichts Romantisches ist an ihm (aber vielleicht Neo-Romantik?), die Naturbeschreibungen und Exkurse sind noch weit ausf\u00fchrlicher als bei Karl May. Formverwilderung, nun ja. Tats\u00e4chlich sch\u00e4tze ich die sehr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es beginnt mit der Rahmenhandlung oben. Eine Gesellschaft reicher Sklavenhalter-Plantagenbesitzer und anderer Honoratioren sitzt unweit der Stadt Natchez, Mississippi nach dem Essen zusammen und unterh\u00e4lt sich. Der Ort des Treffens ist, wie sich erst sp\u00e4ter herausstellt, die Kaj\u00fcte &#8211; so nennt der Besitzer, Kapit\u00e4n Murky, sein Anwesen. Auch von Murky erfahren wir erst sp\u00e4ter im Buch, er ist selbst gerade nicht anwesend. Das Thema des Gespr\u00e4chs am Anfang ist der junge und unabh\u00e4ngige Staat Texas: Soll er sich den Vereinigten Staaten von Amerika anschlie\u00dfen oder nicht? Ein Gespr\u00e4chspartner ist dagegen, und zwar einer, der allen anderen unbekannt ist &#8211; ein sp\u00e4t zu der Gesellschaft gesto\u00dfener Gast. Als Oberst Oakley Texaner als Gesindel bezeichnet, kommt es fast zum Streit, doch nachdem der Fremde sich vorstellt, lenkt der Oberst etwas z\u00e4hneknirschend ein: Der Fremde ist Oberst Morse &#8211; ein guter S\u00fcdstaaten-Sohn aus Maryland, den anderen dem Ruf nach bekannt, auch weil er sich in mehreren und entscheidenen Schlachten im texanischen Unabh\u00e4ngigkeitskrieg gegen Mexiko hervorgetan hat. Die anderen wollen wissen, wie es Morse von Maryland ins wilde Texas verschlagen hat, und seine Antwort, die in wenigen S\u00e4tzen zu geben w\u00e4re, macht die gesamte erste H\u00e4lfte des Romans aus.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die Prairie am Jacinto<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Morse hat Landanteile in Texas erworben und reist deshalb dorthin. Land kriegt er zwar nicht, wird aber in den Unabh\u00e4ngigkeitskrieg gegen Mexiko gezogen und macht in der Armee Karriere, nimmt insbesondere erfolgreich an der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schlacht_von_San_Jacinto\">Schlacht von San Jacinto<\/a> teil (1835), der letzten Schlacht im Unabh\u00e4ngigkeitskrieg, mit dem sich Texas von Mexiko l\u00f6st. Hintergrund: Mexiko wirbt seit der Unabh\u00e4ngigkeit von Spanien (1821) mit attraktiven Angeboten US-Amerikaner an, die mexikanische Provinz Tejas\/Texas zu besiedeln. Die sind aber bald unzufrieden, zugesicherte Rechte werden ihnen vorenthalten, ein Politikwechsel in Mexiko, all das f\u00fchrt zum Ausruf der Republik Texas, in der Hoffnung, dass die USA beistehen werden. Das war die Sache mit der Belagerung der Alamo und so.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im ersten Drittel dieser Binnenerz\u00e4hlung verirrt sich der Erz\u00e4hler, der sp\u00e4tere Oberst Morse, in der Pr\u00e4rie und stirbt fast, wird aber von einem omin\u00f6sen Bob gerettet und in eine R\u00e4uberh\u00f6hle gebracht. Das ist gut erz\u00e4hlt, viel Liebe zum Detail. Bob wird geradezu von Furien verfolgt; eh schon ein rauer Geselle, hat er vor kurzem einen Mord begangen und sucht jetzt Bestrafung. Der B\u00fcrgermeister (Alkalde, Squire) sichert sie ihm zu, er wird dann aber doch nicht hingerichtet, weil der B\u00fcrgermeister findet, der k\u00f6nne als Soldat f\u00fcr Texas sinnvoller sein Leben geben. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann folgen einige langatmige  Kapitel, in denen der B\u00fcrgermeister seine Politiktheorie darlegt. Kurz: Zivilisation ist sch\u00f6n und gut, wenn erst einmal alles zivilisiert ist; aber bis dahin (lies: solange man noch unerreichte Ziele hat) regiert der St\u00e4rkere. Gro\u00dfes Vorbild die Normannen, die England eroberten. &#8222;Das Weltrad wird in seinem raschen Laufe nicht von Zwerg-, sondern von Riesenh\u00e4nden getrieben. In seinen gewaltigen Revolutionen zermalmt es die Schwachen, die St\u00e4rkeren bew\u00e4ltigen \u2013 leiten es.&#8220; Die Abschaffung der Todesstrafe im Norden ist &#8222;vollkommen richtig, ganz demokratisch; obwohl ich wieder der Notion bin, da\u00df keine b\u00fcrgerliche Gesellschaft in die L\u00e4nge dabei bestehen k\u00f6nnte.&#8220; Nun ja.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es folgt die ausf\u00fchrliche Beschreibung einer Kampagne im Unabh\u00e4ngigkeitskrieg, Einnahme und Verlust der Festungen von Goliad und Alamo, und eben die Schlacht vom Jacinto. Das ist einigerma\u00dfen detailliert beschrieben, aber solange ich nicht mehr von Kriegsf\u00fchrung verstehe, lese ich das nicht sehr konzentriert. Morse begegnet dabei mehrfach dem wilden Mann Bob, der sich in der Tat au\u00dferordentlich macht und schlie\u00dflich seinen Frieden im Tod findet. (Es gibt wohl eine Hintergrundgeschichte um Bob und den Alkalden, der Erz\u00e4hler merkt am Ende, &#8222;da\u00df hier denn noch etwas mehr als gew\u00f6hnliche Sympathie \u2013 da\u00df ein wichtiges Geheimnis im Spiele sei,&#8220; als der Alcalde gar so sehr um Bob trauert. &#8222;Geht, geht, \u00fcberla\u00dft mich meinem Schmerze!&#8220; &#8211; Ein Verwandter? Wir erfahren sonst nichts.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zuh\u00f6rer in der Kaj\u00fcte sind gr\u00f6\u00dftenteils schwer beeindruckt. Man will aufbrechen, bis der irische Diener Phelim, eine arge Karikatur, sie zum Trinken der letzten Runde mahnt &#8211; das sei irische Tradition, sonst k\u00e4me der Fluch von Kishogue \u00fcber sie. Und zur Erkl\u00e4rung erz\u00e4hlt er die Geschichte Kishogues.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der Fluch Kishogues<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aha, also doch kein Roman, sondern eine Art Novellensammlung, obwohl die erste Binnenerz\u00e4hlung die ganze erste H\u00e4lfte ausmacht. Die irische Geschichte ist sehr kurz und harmlos.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Das Interregnum<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Danach beginnt der zweite Teil des Romans, Band 2 der Erstver\u00f6ffentlichung, und das gleich mit einer interessanten Wendung: Einige der S\u00fcdstaaten-Granden sind misstrauisch &#8211; vielleicht ist der Oberst Morse, Erz\u00e4hler der ersten H\u00e4lfte, in Wirklichkeit ein Hochstapler? &#8222;Behaupte, er ist kein Gentleman. Kein Gentleman wird sich mit Leuten wie Bob abgeben.&#8220; Der Oberst Morse ist unter mysteri\u00f6sen Umst\u00e4nden zu der Gesellschaft gesto\u00dfen; man tippt sogar auf Gl\u00fccksspieler. Also doch ein Roman, nur dass die Haupthandlung doch innerhalb der Rahmenhandlung spielt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man erf\u00e4hrt etwas mehr \u00fcber den abwesenden Gastgeber. <em>\u00bbHat seine zwei- bis dreimalhunderttausend Dollar in guten, soliden New Yorker und Ohioer Aktien. Gro\u00df das!\u00ab beteuerte er. \u00bbSehr gro\u00df\u00ab, fiel and\u00e4chtig der General ein. \u00bbAber glaubt Ihr, da\u00df er so viel?\u00ab<\/em> Der Gastgeber ist deshalb nicht da, weil er seine anreisende Tochter erwartet. Es kommt zum Streit, als der ohnehin suspekte Morse bei der Erw\u00e4hnung der Tochter aufseuzt, in den S\u00fcdstaaten anscheinend ein kapitales Verbrechen. Ein versp\u00e4teter Gast in Form des Bankpr\u00e4sidenten (und enger Freund des Gastgebers) kann den Streit mit etwas Druck schlichten, ein Duell verhindern, au\u00dferdem best\u00e4tigt er die Identit\u00e4t &#8211; der Fremde ist tats\u00e4chlich Oberst Morse, und zwar obendrein sein Neffe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Bankpr\u00e4sident muss sich von den Streith\u00e4hnen vorwerfen lassen, dass er keinerlei Ahnung von Kampfhandlungen hat, und erz\u00e4hlt zum Beweis des Gegenteils eine Geschichte. Wir sind wieder bei den Binnenerz\u00e4hlungen! <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Callao 1825<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Geschichte aus der Vergangenheit des Bankdirektors und von Kapit\u00e4n Murky. Wir erfahren au\u00dferdem, dass es einen dunklen Fleck in der Karriere des Kapit\u00e4ns gibt, dass er lange keine Stellung mehr finden konnte und Havanna meiden musste. Inzwischen ist das vorbei; wir sind bei der Belagerung der Stadt Callao in Peru (die letzte Bastion der Spanier in S\u00fcdamerika) und es geht um ein konfisziertes Schiff samt Ladung. Der schweigsame Kapit\u00e4n hat einen unerwarteten Freund im Oberbefehlshaber der belagernden Armee.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Havanna 1816<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zusammen mit der vorherigen ist diese Erz\u00e4hlung am typisch novellistischsten. Wir erfahren, was damals in Havanna vorgefallen ist &#8211; der Kapit\u00e4n hat einem jungen Revolution\u00e4r, eben dem sp\u00e4teren Heerf\u00fchrer, und seiner Familie zur Flucht verholfen. <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die restlichen Kapitel<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das letzte Drittel des Romans enth\u00e4lt tats\u00e4chlich keine Binnenerz\u00e4hlung mehr. Der Onkel Bankdirektor nimmt den Neffen Morse ins Gebet, was der hier \u00fcberhaupt mache. Und ja, Liebesgeschichte; er hat Alexandrine, die Tochter des Kapit\u00e4n Murky, in Paris kennengelernt und ist ihr auf mehr oder weniger abenteuerlichen, jedenfalls unerh\u00f6rten Wegen bis hierhin gefolgt. Das wird unterhaltsam beschrieben, aber einen Konflikt gibt es nicht mehr, seit man wei\u00df, dass der Kapit\u00e4n der Beziehung dann doch wohlwollend gegen\u00fcbersteht &#8211; obwohl Morse als Texaner keineswegs ein angemessener Schwiegersohn ist. So etwas wie Spannung ist dann lediglich die klischeehafte Ann\u00e4herung der beiden Liebenden aneinander. (Hm. Schon bei <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2013\/04\/karl-immermann-muenchhausen-eine-geschichte-in-arabesken.htm\"><em>M\u00fcnchhausen<\/em> von Immermann<\/a>, zwei Jahre zuvor erschienen, war es so, dass nach turbulenten ersten zwei Dritteln der Rest eine eher biedermeierische Liebesgeschichte ist. Zeittypisch?)<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein wunderlieblicher Abend! Noch funkelte tief im Westen das Purpurrot der untergegangenen Sonne, das h\u00f6her hinauf in das lichtere Karmoisin verschmelzend, zu beiden Seiten dunkelgr\u00fcne und goldgelbe und lichtblaue Delphine schwimmen lie\u00df, w\u00e4hrend hoch oben die lichtgesprenkelten W\u00f6lkchen gleich zahllosen Mackerels sich in des Sch\u00f6pfers unendlichem Luftmeere herumtrieben.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einigerma\u00dfen prezi\u00f6s, das, und auch das hier:<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Und jetzt stritten sie, wer mehr liebte, und er und wieder sie wollte mehr geliebt haben, und er wies ihr nach, wie er mehr geliebt, und sie wieder h\u00f6rte ihn so entz\u00fcckt an. \u00bbMein Edward!\u00ab lispelte sie mit ihrer s\u00fc\u00dfen Glockenstimme.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Schluss besuchen sie die Unterk\u00fcnfte der Sklaven und das wird als paradiesisch friedvoll beschrieben. Dazu unten mehr.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Sprache<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sprachlich ist das Buch interessant, weil es viele Anglizismen und Amerikanismen enth\u00e4lt; ob das \u00fcblich war und die Exotik erh\u00f6hen sollte, wei\u00df ich nicht. Wir haben &#8222;Kuguar&#8220; f\u00fcr <em>cougar<\/em>,  &#8222;Kallosit\u00e4t&#8220; f\u00fcr <em>callousness<\/em>, &#8222;Tantarums&#8220; f\u00fcr <em>tantrums<\/em>, &#8222;quer&#8220; f\u00fcr <em>queer<\/em>, und vieles mehr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Immer wieder gibt es Konstruktionen, die nach <em>question tag<\/em> wie bei Asterix aussehen: &#8222;War aber ein glorioses Leben. &#8211; War es nicht?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beliebt bei verschiedenen Sprechern ist &#8222;kalkuliere&#8220; als Entsprechung von <em>reckon (so wie: I suppose, I expect), <\/em>etwa in: &#8222;&#8218;Kalkuliere, kennen uns&#8216;, versetzte Johnny&#8220; oder &#8222;Kalkuliere, ist doch weiter nichts als einer Eurer gew\u00f6hnlichen Tantarums.&#8220; Typisch dabei auch das wildwestliche Weglassen von pronominalen Subjekten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Welschkorn&#8220; f\u00fcr Mais finde ich besonders apart. Zum Fr\u00fchst\u00fcck gibt es &#8222;Tee, Butter, Welschkornbrot und [&#8230;] Steaks.&#8220; Au\u00dferdem gibt es einmal in einer Blockh\u00fctte &#8222;in Madeira pr\u00e4servierte B\u00e4rentatzen&#8220;, das h\u00e4tte mich interessiert.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Nationalchauvinismus, Rassismus und Sklaverei<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der zweite Titelbestandteil hei\u00dft &#8222;Nationale Charakteristiken&#8220;, das ist also Programm. Den Nordstaaten- und S\u00fcdstaaten-Amerikaner l\u00e4sst man durchaus die eine oder andere negative Eigenschaft, aber insgesamt sind sie doch so vollkommen positiv dargestellt, dass ich mir da gar nichts dazu notiert habe. Die Engl\u00e4nder, Iren, Spanier, S\u00fcdamerikaner, Franzosen dagegen kommen nicht gut weg; hier ein paar gesammelte Stellen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei keiner Gelegenheit habe ich diesen \u2013 nicht britisch bullenbei\u00dferisch rauflustigen Stieresmut \u2013 nein, den stets gefa\u00dften, entschlossenen, ruhig festen, unersch\u00fctterlichen amerikanischen Mannesmut so anschaulich, so deutlich, so handgreiflich kennen und sch\u00e4tzen gelernt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcbrigens ist der Mexikaner gleich dem Spanier hinter W\u00e4llen und Mauern ein weit bedeutenderer Gegner als im offenen Felde<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der spanisch z\u00e4he Charakter, in den dreihundert Jahren so tief eingewurzelt, gibt nicht leicht auf<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Amerikaner taugt in Festungen nicht viel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei meiner Seele! ein Meisterst\u00fcck irischer Schilderung!\u00ab brach endlich der oberste Richter aus. \u00bbNicht bald habe ich etwas geh\u00f6rt, das das wild Launige, desperat Humor\u00f6se des irischen Nationalcharakters, eine lustige Verzweiflung inmitten des h\u00e4rtesten Druckes, der Todesqual, so springfedrig drollig, tragikomisch gezeichnet h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sagt, was ihr wollt, im Charakter des Briten ist ein Zug von gef\u00fchlloser H\u00e4rte, der noch immer an den norwegischen und normannischen Seer\u00e4uber mahnt<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Euer Brite ist nie widerw\u00e4rtiger, als wenn er freundlich, zutraulich wird; die Selbstsucht, der krasseste Eigennutz grinst dann so ekelhaft aus seinen harten, brutalen Roastbeefz\u00fcgen heraus!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber so sind sie nun schon einmal, diese S\u00fcdamerikaner, im Kriege sowie im Frieden hei\u00dfbl\u00fctig, st\u00fcrmisch, der verzweifeltsten, der unerh\u00f6rtesten K\u00e4mpfe, Anstrengungen f\u00e4hig! In ewigen Extremen \u00fcberfliegen sie euch die Anden, ertragen Hunger und Durst, Hitze und K\u00e4lte, \u00fcberwinden Gefahren, gegen die Napoleons Zug nach Italien blo\u00dfes Kinderspiel; \u00fcberraschen den Feind, besiegen, vernichten ihn; aber legen sich dann, statt ihren Sieg zu verfolgen, ruhig zu ihrer Siesta und lassen sich vom ersten besten Nachz\u00fcglerhaufen wieder die Fr\u00fcchte ihres Sieges entrei\u00dfen! Ein wahres Gl\u00fcck f\u00fcr sie, da\u00df ihre Feinde, die Spanier, mit denselben liebensw\u00fcrdigen Schwachheiten gesegnet waren.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber richtig schlimm wird des dann mit den Schwarzen. Der Haussklave kann kein korrektes Englisch und ist so dumm, dass er die Anweisung nicht verstanden hat und durcheinander wiederholt: &#8222;Er nicht so schlechte Zigarren schicken, er kastanienbraune Hexe sein. Massa mit Johnny und den Nachbarn reden. Sie mitbringen, Johnny, die Nachbarn.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kinder in den Sklavenunterk\u00fcnften werden als putzig, aber nicht viel besser als unvern\u00fcnftige Tiere dargestellt. Die \u00e4lteren Sklaven blicken zur Herrschaft auf, alles ist patriarchalisch und friedlich. &#8222;Das Negerdorf war ein anderer reizender Zug in diesem s\u00fcdlichen Gem\u00e4lde, der Hintergrund gleichsam, der aber erst dem Vordergrunde seine eigent\u00fcmlich patriarchalische Betonung verlieh.&#8220; Und: &#8222;Man hat im Norden keinen Begriff von der Liebe und Z\u00e4rtlichkeit, mit der unsere Schwarzen an ihren Herren und Frauen, diese wieder an ihren Angeh\u00f6rigen h\u00e4ngen.&#8220; Dieses Bild der Sklaverei ist bekannt; dass es absurd falsch ist, ist hoffentlich allen klar. Ich habe <em>Beloved <\/em>von Toni Morrison nur mit M\u00fche lesen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wissen Sie, Mi\u00df Murky\u00ab, fiel er, der Unterhaltung zart eine andere Wendung gebend, ein, \u00bbwas ich jetzt w\u00fcnschte?\u00ab \u00bbWas?\u00ab \u00bbDa\u00df einige unserer abolitionistischen franz\u00f6sischen Freunde da w\u00e4ren, dieses herrliche, patriarchalische Gem\u00e4lde zu sehen.\u00ab \u00bbWarum?\u00ab \u00bbSie w\u00fcrden von ihren antisklavischen, ich m\u00f6chte sagen, antisozialen Ideen zur\u00fcckkommen. Wie oft wurde mir nicht die Sklaverei, die emp\u00f6rende Behandlung unserer Sklaven vorgeworfen!\u00ab \u00bbIch habe nie einen solchen Vorwurf geh\u00f6rt\u00ab, versetzte wieder ruhig sie, \u00bbaber wenn ich auch h\u00e4tte, er w\u00fcrde mich kaum bewogen haben, mir \u00fcber diesen Punkt den Kopf zu zerbrechen. Wir haben sie einmal, diese Sklaverei, und selbst wenn sie ein \u00dcbel w\u00e4re, w\u00fcrde ich eher zu vers\u00f6hnen, zu vermitteln, als dagegen zu k\u00e4mpfen suchen.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verboten wurde die Sklaverei in Haiti 1804, im englischen Empire 1807 (gegen Ersatzleistungen, und der Sklavenschmuggel blieb noch lange profitabel). Auch heute gibt es noch Sklaverei, und in der Antike gab es das auch; die rassistische Komponente, um die Sklaverei zu legitimieren, ist vielleicht spezifisch f\u00fcr die amerikanische Sklaverei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(2 Kommentare.) Einstieg Ich h\u00f6re gerade heruntergeladene H\u00f6rb\u00fccher auf, bin schon beim Buchstaben S und zwar bei dieser Aufnahme &#8211; eine der wohl bekannteren Passagen aus einem mir bislang v\u00f6llig unbekannten Wildwest-Buch von einem Autor, von dem ich noch nie geh\u00f6rt hatte: Charles Sealsfield, ein amerikanischer Staatsb\u00fcrger, geboren 1793 als Carl Anton Postl im heutigen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[224,263],"class_list":["post-22822","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-buecher","tag-poetischer-realismus"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_likes_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22822","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22822"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22822\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23542,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22822\/revisions\/23542"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22822"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22822"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22822"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}