{"id":2290,"date":"2009-03-18T08:24:10","date_gmt":"2009-03-18T07:24:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=2290"},"modified":"2023-06-14T08:39:29","modified_gmt":"2023-06-14T06:39:29","slug":"schultag-gestern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/03\/schultag-gestern.htm","title":{"rendered":"Schultag gestern (Sandmann, Freud, bisschen Sartre)"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/03\/schultag-gestern.htm#comments'>5 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div><p>Lang, ersch\u00f6pfend, aber durchaus in Ordnung. Zuerst eine Doppelstunde im LK mit einem gelungenen Referat zum Aufsatz &#8222;Das Unheimliche&#8220; von Freud, in dem er E.T.A. Hoffmanns &#8222;Der Sandmann&#8220; psychoanalytisch interpretiert. (Unsere aktuelle Lekt\u00fcre.) Sehr lesenswert, wird n\u00e4chstes Jahr gemeinfrei. Kerngedanken der ersten H\u00e4lfte:<\/p>\n<ol>\n<li>Die \u00c4sthetik besch\u00e4ftigt sich kaum mit dem H\u00e4sslichen. Es gebe nur einen Aufsatz \u00fcber das Unheimliche von Jentsch, f\u00fcr den das Unheimliche ist: der &#8222;Zweifel an der Beseelung eines anscheinend lebendigen Wesens&#8220; und umgekehrt. Beispiel Olimpia, Frankenstein. (Siehe dazu auch <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Uncanny_Valley\">Uncanny Valley<\/a> bei Wikipedia. Im deutschen Artikel ist von einem &#8222;empirisch messbaren&#8220; Effekt die Rede, im englischen wird angemerkt, dass die Theorie aufgrund fehlender Beweise auch kritisiert wird.)<\/li>\n<li>&#8222;Unheimlich&#8220; ist ohnehin ein Problem: Es ist das Gegenteil von heimlich, das aber selber zwei gegens\u00e4tzliche Bedeutungen hat: <em>gem\u00fctlich, heimelig<\/em> und <em>fremden Blicken verborgen<\/em> bis hin zu <em>gruselig, unheimlich,<\/em> also seinem eigenen Gegenteil. \u00dcberlegungen dazu, wie das wohl kommt. Viele Belege dazu aus dem Grimmschen W\u00f6rterbuch. Vergleiche auch englisch &#8222;homely&#8220; in den Bedeutungen &#8222;heimelig, gem\u00fctlich, einfach, reizlos, unattraktiv&#8220;.<\/li>\n<li>Jentschs Erkl\u00e4rung passt zu Olimpia, aber das eigentlich unheimliche Element in der Novelle ist der Sandmann, der die Augen von Nathanael bedrohnt und ihn in den Wahnsinn treibt. F\u00fcr dessen Erkl\u00e4rung reicht nur die psychoanalytische Deutung, nach der die Angst vor dem Verlust der Augen mit Kastrationsangst gleichgesetzt wird. (Die umst\u00e4ndliche Formulierung ist n\u00f6tig, um das Wort &#8222;Penis&#8220; zu vermeiden. Wir haben es die ganze Doppelstunde geschafft, das Wort nicht zu benutzen. &#8222;Kastrationsangst&#8220; ist f\u00fcr die Sch\u00fcler schwer genug, au\u00dferdem sa\u00df die Chefin hinten und sah zu.)<\/li>\n<li>Belege f\u00fcr diese Deutung: 1. \u00d6dipus, wo der Held f\u00fcr die S\u00fcnde des Inzest mit dem Verlust der Augen bestraft wird statt mit dem eigentlich zu erwartenden Verlust des, \u00e4h, jetzt also doch: Penis. 2. Angst vor Kastration durch den als Konkurrenz gesehenen Vater: Es ist jeweils eine Vaterfigur, die die Augen von Nathanael beziehungsweise Olimpia bedroht. Zuerst Coppelius (als b\u00f6ses \u00c4uqivalent zu Nathanaels Vater), dann Coppola (als b\u00f6ses \u00c4quivalent zu Olimpias Vater Spelanzani) Coppola <em>verhindert<\/em> jeweils die Liebesbeziehungen zu Klara, Olimpia, wieder Klara.<\/li>\n<\/ol>\n<p>(Ich muss bald mal meine aktuelle Romantik-Sequenz zusammenschreiben. Da passt n\u00e4mlich viel zusammen. <em>\u00d6dipus<\/em> haben wir gelesen;  Interpretationsans\u00e4tze an M\u00e4rchen illustriert, darunter auch psychoanalytische Deutungen von Rotk\u00e4ppchen und Froschk\u00f6nig. Grimmsches W\u00f6rterbuch kennen sie auch.)<\/p>\n<p>Beim Herumlesen bin ich gestern noch auf einen Serienm\u00f6rder bei <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Hellblazer\">Hellblazer<\/a> gesto\u00dfen, einen schon \u00e4lteren Mann, der vornehmlich Familienmitglieder t\u00f6tet, unter anderem den Vater von John Constantine. Und dann geht er mit dem Messer und den Worten &#8222;I want your eyes&#8220; auf John los. Das Motiv der Augen taucht sonst in der Hellblazer-Geschichte nie auf, es erscheint also v\u00f6llig unmotiviert &#8211; es sei denn, man greift auf die psychoanalytische Deutung zur\u00fcck. Passt auch zum Hass des v\u00e4terlichen Serient\u00e4ters auf Familien und der \u00dcbernahme der Vaterrolle f\u00fcr Constantine. (Vermutlich kann man bei moderner Literatur allerdings davon ausgehen, dass den Autoren dieser Gedanke bekannt und bewusst ist, es muss sich also nicht unbedingt etwas Verdr\u00e4ngtes \u00e4u\u00dfern.)<br \/>\nVermutlich sollte ich meine Sch\u00fcler mit so etwas verschonen. Dann m\u00fcsste ich auch &#8222;the Corinthian&#8220; erw\u00e4hnen, einen zum Leben erweckten Alptraum aus der Sandman-Reihe: wenn der seine Sonnenbrille abnimmt, sieht man, dass er statt Augen Z\u00e4hne hat. Der sieht richtig alptraumhaft aus. Und er frisst auch gerne fremder Leute Aug\u00e4pfel.<br \/>\nDann k\u00e4me ich wohl auch nicht an der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Vagina_dentata\">vagina dentata<\/a> vorbei. Mal schauen.<\/p>\n<p>Danach war die Besprechung der Stunde mit der Chefin. Wer&#8217;s nicht wei\u00df: Alle vier Jahre werden die verbeamteten Lehrer, die diesseits einer bestimmten, ger\u00fcchteweise abzuschaffenden Altersgrenze sind, beurteilt. Grundlage ist alles m\u00f6gliche, darunter mindestens (lies: genau) drei in der Regel unangek\u00fcndigte Unterrichtsbesuche durch die Schulleitung.<br \/>\nDas Verfahren ist nicht hei\u00df umstritten, weil Lehrer selten etwas hei\u00df umstreiten. Aber kritisiert wird es schon.<\/p>\n<p>Die Stunde lief gut, ich habe aber auch einen guten Kurs. Vielleicht liegt es auch daran, dass die K12 noch konzentrierter arbeitet als die K13.<\/p>\n<p>Danach gemischtes Arbeiten in der Schule, darauf Schulforumssitzung, abends Schultheater in der Aula. Sartre, <em>Geschlossene Gesellschaft<\/em>. Ich mag Drama nicht besonders, jedenfalls nicht auf der B\u00fchne. Bei St\u00fccken, deren Text selbst poetisch ist, machen mir die Schauspieler in den meisten Inszenierungen zu viel dramatische Pausen, so etwas \u00e4hnliches wie Joeys &#8222;Smell the fart&#8220;-acting aus <em>Friends<\/em>. Brauche ich nicht. Daf\u00fcr gibt&#8217;s den Text.<br \/>\nBei St\u00fccken wie dem Sartre allerdings enth\u00e4lt die Sprache wenig Poesie oder andere Kraft. <em>Da<\/em> ist es mir recht, wenn viel mit K\u00f6rperhaltung, Pausen, Figurenkonstellation auf der B\u00fchen gearbeitet wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(5 Kommentare.) Lang, ersch\u00f6pfend, aber durchaus in Ordnung. Zuerst eine Doppelstunde im LK mit einem gelungenen Referat zum Aufsatz &#8222;Das Unheimliche&#8220; von Freud, in dem er E.T.A. Hoffmanns &#8222;Der Sandmann&#8220; psychoanalytisch interpretiert. (Unsere aktuelle Lekt\u00fcre.) Sehr lesenswert, wird n\u00e4chstes Jahr gemeinfrei. Kerngedanken der ersten H\u00e4lfte: Die \u00c4sthetik besch\u00e4ftigt sich kaum mit dem H\u00e4sslichen. 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