{"id":23684,"date":"2023-02-08T07:01:24","date_gmt":"2023-02-08T06:01:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=23684"},"modified":"2024-07-05T17:20:41","modified_gmt":"2024-07-05T15:20:41","slug":"james-hilton-catherine-herself","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2023\/02\/james-hilton-catherine-herself.htm","title":{"rendered":"James Hilton, Catherine Herself"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2023\/02\/james-hilton-catherine-herself.htm#comments'>4 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Der Gedanke eines friedlichen tibetanischen oder nepalesischen Klosterparadieses Shangri-la war mir schon fr\u00fch vertraut, sp\u00e4testens seit Dogri-la im zu wenig bekannten <em>Animalympics\/Dschungel-Olympiade<\/em> (USA 1980, in unterschiedlichen Fassungen unterwegs) und \u00fcber Randbemerkungen in Brian W. Aldiss&#8216; Literaturgeschichte der Science Fiction; wer wei\u00df, vielleicht habe ich auch Folgen der verschollenen Serie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sie_kommen_aus_Agarthi\">Sie kommen aus Agarthi<\/a> gesehen. (Ich erinnere mich nicht daran, aber ich durfte viel sehen.) Gelesen habe ich James Hiltons <em>Lost Horizon<\/em> dann aber erst in der 12. oder 13. Klasse, es stand als englisches Paperback im Regal der Buchhandlung und im Englisch-Leistungskurs war es ein Themenvorschlag des Kursleiters. Ich habe die Facharbeit dann doch <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2014\/02\/hausarbeit-1987-the-impact-of-edgar-allan-poe-on-the-work-of-howard-phillips-lovecraft.htm\">zu Lovecraft gemacht,<\/a> aber danach und inzwischen und mit erheblichem Aufwand alles gelesen, was Hilton regul\u00e4r ver\u00f6ffentlicht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Bisher entgangen war mir sein Deb\u00fct aus dem Jahr 1920, ver\u00f6ffentlicht als Student in Cambridge, das ich nur in einer physisch kaum lesbaren US-Taschenbuchausgabe im Regal hatte und dessen Erstausgabe damals viel zu teuer war, als ich noch aktiv danach suchte. Fr\u00fcher war das ja nicht so einfach. Stellte sich heraus, das Buch ist 1935 noch einmal aufgelegt und 1939 nachgedruckt wurde, und diese Ausgaben gibt es in lesbarer Form f\u00fcr nicht viel Geld. (Und es gibt eine t\u00fcrkische Neuausgabe aus dem Jahre 2004, aus welchem Grund auch immer.) Bei Goodreads haben bisher nur vier Personen das Buch bewertet, mich eingeschlossen; weniger sind es nur bei Hiltons <em>H.R.H. The Story of Philip, the Duke of Edinburgh<\/em> (1956, Monographie, 106 Seiten), das nicht einmal ich zu lesen gedenke. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-corecolumns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"250\" height=\"444\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/hilton_catherine_klein.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-23703\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/hilton_catherine_klein.png 250w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/hilton_catherine_klein-169x300.png 169w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/hilton_catherine_klein-84x150.png 84w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"250\" height=\"372\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/hilton_catherine_avon_klein.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-23702\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/hilton_catherine_avon_klein.png 250w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/hilton_catherine_avon_klein-202x300.png 202w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/hilton_catherine_avon_klein-101x150.png 101w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Notizen zum Buch, denn viel findet man im Web ja nicht gerade dazu (weitgehend spoilerfrei, und deshalb nicht unbedingt verst\u00e4ndlich)<\/h4>\n\n\n\n<p><em>Catherine Herself<\/em> ist kein Meisterwerk, aber dennoch hat es diesen Hilton-Touch, der mich dann doch immer wieder packt. Es ist eine Liebesgeschichte um eine Frau und einen Mann, die beide mit diesem Gef\u00fchl, und \u00fcberhaupt mit Gef\u00fchlen nicht gut umgehen k\u00f6nnen: Catherine Weston, eine junge, alleinstehende Frau und zumindest recht begabte Klavierspielerin, die eine professionelle Karriere anstrebt, und Verreker, etwas \u00e4lter, l\u00e4sst sich gelegentlich zu Klavierunterricht und Talentf\u00f6rderung herab (und ist eigentlich Wirtschaftswissenschaftler). Catherine sieht sich selber als selbsts\u00fcchtig und oberfl\u00e4chlich, wie sehr wir der Sicht folgen sollen, ist mir nicht ganz klar.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt g\u00e4ngige Hilton-Motive: Klavier, insbesondere Chopin; und Schule, letztere nur am Rande. In Verreker erhalten wir wenig unmittelbaren Einblick, es gibt nur seine Aussagen Catherine gegen\u00fcber. Aus Catherines Sicht ist die Geschichte erz\u00e4hlt, wir erfahren viel \u00fcber ihr Innenleben und was sie zu denken und f\u00fchlen glaubt, aber das muss man mit einem K\u00f6rnchen Salz nehmen. Sie neigt, wie viele Helden und Heldinnen bei Hilton, zur Introspektion und unerbittlichen Selbstanalyse, mit viel Innenleben, das nicht nach au\u00dfen dringt. Catherine ist ihr &#8222;ruthless habit of self-analysis&#8220; sehr bewusst. &#8222;Fiercely she turned upon her inmost nature and examined it ruthlessly.&#8220; Ihr Innenleben ist dabei voller selbstkritischem Melodrama: &#8222;She was rather proud of the tear she had shed. Delicious to have such proof that she was a human being! Reassuring to find in herself the essential humanities that she had at times doubted.&#8220; Davon dringt allerdings selten etwas nach au\u00dfen, stiff upper lip, wir sind ja immerhin Englisch, viel Selbstkasteiung bei ihr und bei ihm. Emotionen zeigt man nicht, oder nicht einfach so: &#8222;It was not easy for her to determine how far her passionate outburst had been a thing of art and how far she had been unable to restrain it.&#8220; Und \u00fcberhaupt st\u00f6ren die: &#8222;Passion was a tiresome thing.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sprache ist gelegentlich etwas blumig. Mindestens zweimal gibt es das homerische Adjektiv der weinfarbenen See: &#8222;Amidst the wine-dark fragrance of an April evening&#8220;, und am Anfang (S. 21) habe ich mir als \u00fcbertriebene Beschreibung einer Stra\u00dfenszene notiert: &#8222;the trams swirled citywards like golden meteors flying through space&#8220; &#8211; aber das wird tats\u00e4chlich sp\u00e4ter (S. 181) noch einmal wiederholt, diesmal passend, weil eine \u00fcberh\u00f6hte Stimmung geschildert wird: &#8222;Trams passed like golden meteors flying through space\u201c \u2013 h\u00e4tte da bei einer sorgf\u00e4ltigen Redaktion das erste, unn\u00f6tige Erscheinen gestrichen werden sollen?<\/p>\n\n\n\n<p>Parallel habe ich zuf\u00e4lligerweise eine deutsche H\u00f6rbuchfassung von <em>Jane Eyre<\/em> geh\u00f6rt. Das Buch wird am Rande erw\u00e4hnt, wie andere englische Literatur auch. Es gibt keine unmittelbare Verwandschaft, au\u00dfer dass Jane\/Catherine und Rochester\/Verreker allesamt als nicht konventionell sch\u00f6n beschrieben werden, dazu der Altersunterschied, die geringe Erfahrung der Frau, und das schroffe und unkonventionelle Auftreten des Mannes, das sich bei <em>Jane Eyre<\/em> aber bald legt. Ian McEwans <em>On Chesil Beach<\/em> ist mir noch eingefallen, k\u00fcrzer und besser. &#8211; Man kann das Buch das Bildungsroman sehen. Catherine zumindest hat am Ende den Eindruck, eine Entwicklung abgeschlossen zu haben. Ist Selbstbescheidung ein Ergebnis von Bildung? Mein Leistungskurslehrer hatte damals, wenn ich mich recht erinnere, als Facharbeitsthema f\u00fcr <em>Lost Horizon<\/em> etwas in der Art vorgeschlagen von &#8222;Mediocrity or Moderateness&#8220;, mit dem Zwischenkriegsroman als Aufruf, nicht nach zu gro\u00dfen Zielen zu greifen. <\/p>\n\n\n\n<p>Formal unbeantwortet bleibt die Frage, wer damals eigentlich die Klavierstunden f\u00fcr Catherine gezahlt hat. Das hat leichte Great-Expectation-Vibes, falls da jemand beim Lesen etwas auff\u00e4llt?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(4 Kommentare.) Der Gedanke eines friedlichen tibetanischen oder nepalesischen Klosterparadieses Shangri-la war mir schon fr\u00fch vertraut, sp\u00e4testens seit Dogri-la im zu wenig bekannten Animalympics\/Dschungel-Olympiade (USA 1980, in unterschiedlichen Fassungen unterwegs) und \u00fcber Randbemerkungen in Brian W. 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