{"id":2385,"date":"2009-05-22T15:39:39","date_gmt":"2009-05-22T13:39:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=2385"},"modified":"2023-05-24T13:15:43","modified_gmt":"2023-05-24T11:15:43","slug":"woran-merkt-man-dass-ein-gedicht-lustig-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/05\/woran-merkt-man-dass-ein-gedicht-lustig-ist.htm","title":{"rendered":"Woran merkt man, dass ein Gedicht lustig ist?"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/05\/woran-merkt-man-dass-ein-gedicht-lustig-ist.htm#comments'>1 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Bei Filmen habe ich mir schon als Teenager Gedanken \u00fcber Genres gemacht: Woran, oder wenigstens: ab wann merkt man, dass ein Film eine Kom\u00f6die ist? Dass ein Film also nicht den (von mir verabscheuten) vorgeblichen Realit\u00e4tsmodus einnimmt, der ein Merkmal der Kategorien &#8222;Drama&#8220; und &#8222;nach einer wahren Begebenheit&#8220; ist?<br>Bei manchen Filmen geschieht das sofort, bei anderen nach Minuten. Bei welchem Film dauert es am l\u00e4ngsten? Signale daf\u00fcr sind Filmmusik, Schriftzug und Art des Vorspanns und, lange danach, Aussehen der Figuren und Art und Inhalt ihrer Rede. (Und mise-en-sc\u00e8ne und so weiter.)<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich ist es mit literarischen Texten: Ab wann merkt ein ge\u00fcbter Leser, dass ein Gedicht humorvoll im weitesten Sinn ist &#8211; also vor allem ironisch, sp\u00f6ttisch, unernst, albern? Lehrer bilden sich ein, dass sie das sofort sehen. Sch\u00fcler, das wei\u00df ich aus Erfahrung, sehen das nicht, und das ist ihnen nicht vorzuhalten. Aber ein Lernziel des Gymnasiums sollte doch sein, dieses unernste Sprechen zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Anlass war folgendes Heine-Gedicht:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Erinnerung aus Kr\u00e4hwinkels Schreckenstagen (1854)<\/p>\n\n\n\n<p>Wir B\u00fcrgermeister und Senat,<br>Wir haben folgendes Mandat<br>Stadtv\u00e4terlichst an alle Klassen<br>Der treuen B\u00fcrgerschaft erlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausl\u00e4nder, Fremde, sind es meist,<br>Die unter uns ges\u00e4t den Geist<br>Der Rebellion. Dergleichen S\u00fcnder,<br>Gottlob! sind selten Landeskinder.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Gottesleugner sind es meist;<br>Wer sich von seinem Gotte rei\u00dft,<br>Wird endlich auch abtr\u00fcnnig werden<br>Von seinen irdischen Beh\u00f6rden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Obrigkeit gehorchen, ist<br>Die erste Pflicht f\u00fcr Jud und Christ.<br>Es schlie\u00dfe jeder seine Bude<br>Sobald es dunkelt, Christ und Jude.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo ihrer drei beisammen stehn,<br>Da soll man auseinander gehn.<br>Des Nachts soll niemand auf den Gassen<br>Sich ohne Leuchte sehen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es liefre seine Waffen aus<br>Ein jeder in dem Gildenhaus;<br>Auch Munition von jeder Sorte<br>Wird deponiert am selben Orte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer auf der Stra\u00dfe r\u00e4soniert,<br>Wird unverz\u00fcglich f\u00fcsiliert;<br>Das R\u00e4sonieren durch Geb\u00e4rden<br>Soll gleichfalls hart bestrafet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Vertrauet Eurem Magistrat,<br>Der fromm und liebend sch\u00fctzt den Staat<br>Durch huldreich hochwohlweises Walten;<br>Euch ziemt es, stets das Maul zu halten.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Sch\u00fcler erkennen eher selten, dass es sich um ein Spottgedicht handelt. Humor ist schwer, und was Deutschlehrer witzig finden, ist Sch\u00fclern gerne mal ein R\u00e4tsel. Das ist kein Vorwurf, jedenfalls keiner an die Sch\u00fcler. Ab wann erkennt ein normaler Leser, ab wann ein Deutschlehrer, dass sich das Gedicht \u00fcber etwas lustig macht? Die Vermutung ist sicher da, sobald man &#8222;Heine&#8220; h\u00f6rt, aber das Vorwissen fehlt Sch\u00fclern. Ich behaupte, habe aber keine M\u00f6glichkeit, das zu belegen, dass sp\u00e4testens der Titel &#8222;Erinnerung aus Kr\u00e4hwinkels Schreckenstagen&#8220; Sp\u00f6ttisches suggeriert &#8211; der Name des \u00d6rtchens ist sprechend, und auch schon vor Heine verwendet worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht sollte man mal Titel und erste Strophen von relativ unbekannten Gedichten sammeln und Lehrer testen, ob sie an diesen erkennen k\u00f6nnen, ob das Gedicht unernst ist oder nicht. Ich glaube, gute Leser k\u00f6nnen das schnell erkennen. Oder Gedichte Zeile f\u00fcr Zeile an die Wand werfen, dalli-klick-m\u00e4\u00dfig, und der erste Sch\u00fcler, der laut &#8222;witzig&#8220; oder &#8222;ernst&#8220; schreit, gewinnt einen Punkt f\u00fcr seine Mannschaft, wenn er es denn richtig erkannt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es ganz reizende Grenz- und Problemf\u00e4lle, bei denen die Entscheidung schwer f\u00e4llt. Vielleicht lasse ich auch mal folgendes Werk von Schiller interpretieren, allerdings ohne den Titel, der die Interpretation zu sehr in die richtige Richtung lenkt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Vier Elemente,<br>Innig gesellt,<br>Bilden das Leben,<br>Bauen die Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Pre\u00dft der Zitrone<br>Saftigen Stern,<br>Herb ist des Lebens<br>Innerster Kern.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt mit des Zuckers<br>Linderndem Saft<br>Z\u00e4hmet die herbe<br>Brennende Kraft,<\/p>\n\n\n\n<p>Gie\u00dfet des Wassers<br>Sprudelnden Schwall,<br>Wasser umf\u00e4nget<br>Ruhig das All.<\/p>\n\n\n\n<p>Tropfen des Geistes<br>Gie\u00dfet hinein,<br>Leben dem Leben<br>Gibt er allein.<\/p>\n\n\n\n<p>Eh es verd\u00fcftet,<br>Sch\u00f6pfet es schnell,<br>Nur wenn er gl\u00fchet,<br>Labet der Quell.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Hei\u00dft &#8222;Punschlied&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(1 Kommentare.) 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